Irmgard Keuns Debütroman "Gilgi eine von uns" als topographischer Roman. Raumdarstellung in der Literatur


Ausarbeitung, 2019
13 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Raumdarstellung in der Literatur
2.1 Raumdarstellung in den Kultur- und Sozialwissenschaften
2.2 Der spatial turn in der Literaturwissenschaft

3. Analyse der Raumdarstellung in Gilgi, eine von uns
3.1 Romanschauplatz
3.2 Darstellung der städtischen Milieus
3.3 Bewegung - Giligis Wege durch Köln
3.4 Bedeutung der Raumdarstellung für den Roman

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In dem Roman Gilgi, eine von uns wird die Stadt Köln als Ort des Geschehens […] namentlich eingeführt und das Erscheinungsbild der Stadt bis hin zu den Benennungen der Straßen authentisch wiedergegeben.“[1] Bekannt wurde der Debütroman Irmgard Keuns jedoch vor allem als Roman der Weimarer Republik, der Diskursfelder Neue Sachlichkeit und neue Frau und u.a. durch die Besonderheiten im Erzählverfahren.[2] Ihn als topographischen Roman zu betrachten, blieb in der Literaturwissenschaft bisher weitestgehend unberücksichtigt.

Die folgende Ausarbeitung soll Irmgard Keuns Roman unter dem Aspekt der Topographie bzw. der Analyse der Raumdarstellung betrachten und sich somit der Beantwortung der Frage nach der Bedeutung der literarischen Raumdarstellung für den Roman Gilgi, eine von uns widmen.

Um die zentrale Fragestellung beantworten zu können, werden verschiedene Konzepte der Raumdarstellung bzw. Modelle der Raumtheorie u.a. auch aus den Sozial- und Kulturwissenschaften herangezogen und einleitend dargestellt. Folgend wird der spatial turn für die Literaturwissenschaften definiert und zuvor die Begrifflichkeit eingeführt, um sich im Anschluss daran der Analyse der literarischen Raumdarstellung im behandelten Roman widmen zu können.

Im Rahmen der vorliegenden Ausarbeitung werden dazu einige Textstellen des Romans näher betrachtet und analysiert. Zunächst wird der Romanschauplatz im Allgemeinen untersucht, um dann die Darstellung der verschiedenen städtischen Milieus zu ergründen. Da bei näherer Betrachtung der literarischen Raumdarstellung auch immer die Analyse der Bewegungen immanent sein sollte, werden anschließend die Wege Gilgis durch Köln ergründet. Abschließend wird zur Beantwortung der Ausgangsfragestellung der Bedeutung der Raumdarstellung für den Roman auf den Grund gegangen.

2. Raumdarstellung in der Literatur

„Die Raumdarstellung bildet eine der grundlegenden Komponenten der (fiktionalen) Wirklichkeitserschließung. Raum ist in literarischen Texten nicht nur Ort der Handlung, sondern stets auch kultureller Bedeutungsträger.“[3] Raumdarstellungen in der Literatur bzw. in literarischen Texten werden immer durch das Erleben des Menschen dargestellt. In ihnen wirken die Gegebenheiten, individuellen Erfahrungen und kulturellen Besonderheiten zusammen und charakterisieren die Räume, Schauplätze und Raumrelationen. Ernst Cassirer, Jurij Lotmann und Michail Bachtin etablierten die Forschungstradition zum Thema Raum in der Literatur bereits vor Proklamation eines spatial turns. Ihre entworfenen Raummodelle haben die Verbindungen literarischer Raumpraktiken mit der kulturellen Praxis und Mentalität, sowie mit politischen und sozialen Voraussetzungen gemeinsam. Eine eindeutige Definition des Konzepts bzw. Begriffs Raum zu geben, erscheint allerdings in der Literaturwissenschaft problematisch, da unter dem Konzept viele verschiedene Dinge verstanden werden.[4]

Zwischen den narratologischen Untersuchungen zur Darstellung der räumlichen Oppositionen und den poststrukturalistischen Studien zu tenären Raummodellen in der Literatur scheinen theoretisch und methodisch kaum Berührungspunkte zu existieren. Überdies erweisen sich einige literaturwissenschaftliche Raumkonzepte als hoch elaboriert, während andere häufig implizit bleiben und bislang kaum zum Gegenstand einer theoretischen und methodischen Reflexion wurden.[5]

Auf Grund dessen ist es notwendig, die Raumkonzepte und Modelle der Raumdarstellung zunächst interdisziplinär zu betrachten und die Kultur- und Sozialwissenschaften heranzuziehen, um dann mit Hilfe des spatial turns in der Literatur, die Raumdarstellung und Konzepte zur Analyse näher zu betrachten. Im Rahmen der Arbeit muss allerdings auf eine genaue, historische Darstellung des interdisziplinären Raumdiskurses verzichtet werden.

2.1 Raumdarstellung in den Kultur- und Sozialwissenschaften

Raumtheorie hat besonders in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Kultur- und Sozialwissenschaftsdiskurs an Präsenz gewonnen. Analog zu Bachmann-Medick[6] spricht man von der Renaissance des Raumbegriffs, da die vorherrschende Raumperspektive der Aufklärung des 18. Jahrhunderts von einer Zeitperspektive bzw. Fokussierung auf die Historik verdrängt worden war. Seit Mitte der 1980er Jahre, ausgelöst durch u.a. politische und gesellschaftliche Umbrüche, wurde ein neuer Fokus auf den Raum/ die Raumdarstellung gelegt. Diese Hinwendung zum (geographischen) Raum, ausgelöst durch den beschriebenen Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften, wird spatial turn[7] genannt.

„Für Edward Soja, US-amerikanischer Stadtplaner und Namensgeber des spatial turn, fordert der spatial turn vor allem eine Rekonzeptualisierung von Raum selbst ein. Als Signatur sozialer und symbolischer Praktiken ist Raum kulturell produziert und kulturell produktiv.“[8] Kulturwissenschaftlich definiert Bachmann-Medick den spatial turn in erster Linie als „die Ausbildung eines kritischen Raumverständnisses.“[9] Im spatial turn wird mit unterschiedlichsten, oft sehr diffusen Raumbegriffen operiert. Zur Orientierung im Diskurs um den spatial turn steht in erster Linie die disziplinenübergreifende Verwendung der Raumperspektive im Vordergrund. Hinwendungen zum Räumlichen können nicht per se als bedeutend für den spatial turn gesehen werden. Ein bestimmtes, transkulturell anwendbares Raumverständnis hat sich als zentral notwendig herausgestellt.[10]

Der Gesamtdiskurs zur Definition des Raumbegriffs bewirkte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Definition, sodass der soziale Raum nur noch in Verbindung mit dem geographischen Raum gebracht wurde. Folglich wurde Raum zu einer sozialen Konstruktion, die individuelles und soziales Handeln ausdrückt.[11]

In Anlehnung an Michael C. Frank[12] werden für die vorliegende Ausarbeitung zwei dominierende Auslegungen des spatial turns in Deutschland unterschieden. Erstere definiert die räumliche Wende lediglich als eine „höhere akademische Sensibilität für die konkrete Verortung historischer Ereignisse.“[13] Die zweite Auslegung des spatial turn, hinter welcher sich auch die Literaturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick positioniert bzw. welche durch sie am treffendsten formuliert wurde, gibt sich mit der Perspektivierung der ersten Auslegung nicht zufrieden. „In gewisser Weise kehrt sich bei dieser zweiten Variante des spatial turn die Blickrichtung der ersten um: Es geht ihr nicht um den räumlichen Anteil an sozialen Prozessen, sondern um den sozialen Anteil an der Produktion des Raumes.“[14] Dies bedeutet aber keineswegs, dass sich beide Perspektiven ausschließen müssen, sie müssen vielmehr miteinander kombiniert werden. „Schließlich wäre wenig gewonnen, wenn das konstruktivistische Raumverständnis bei einer Beschreibung der Raumproduktion Halt machte; darzulegen ist darüber hinaus wie der so hervorgebrachte Raum wirkungsmächtig wird.“[15]

2.2 Der spatial turn in der Literaturwissenschaft

Wie einleitend bereits erwähnt, zeigt sich grundlegend, dass die Literaturwissenschaft sich bereits lange vor Benennung des spatial turns mit (literarischen) Raumdarstellungen sowie zentralen Konzepten des literarischen Raums beschäftigt hat. So finden sich wichtige Anhaltspunkte für die Raumanalyse und der Analyse der Raumdarstellung in der werkimmanenten Interpretation, der Stoff- und Motivgeschichte, sowie der Toposforschung. Wesentliche Impulse für die Analyse narrativer Raumdarstellungen finden sich insbesondere in der (Theater-)Semiotik.[16]

Die Proklamation des spatial turns in den Sozial- und Kulturwissenschaften bewirkte jedoch trotzdem eine intensivere Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit der Raumdebatte, als zuvor. Demnach profitiert auch der literarische Raum vom spatial turn.[17]

Die Raumdarstellung wird vor allem in der narratologischen Forschung zumeist unter dem Oberbegriff der Beschreibung diskutiert. Raumbeschreibung gilt hier als zierendes Beiwerk einer ereignishaften Narration.[18] „Bestenfalls gestand man ihr zu, für Wahrscheinlichkeit zu sorgen und die ästhetische Illusion des Textes zu befördern.“[19] Roland Barthes verweist darauf, dass Beschreibungen in Erzähltexten nur die Funktion zukomme, den Realitätseffekt zu unterstützen. Gérard Genette merkt weiterführend an, dass die Beschreibung nicht als selbstständiger literarischer Modus gesehen werden kann.

Schlussfolgernd kann es im Kontext des spatial turn in den Literaturwissenschaften nicht mehr ausschließlich darum gehen, Konzepte aus z.B. geographischen, soziologischen oder historischen Studien zu verwenden. Sie müssen auch das eigene „theoretische, methodische und begriffliche Repertoire unter raumtheoretischen Gesichtspunkten überprüfen.“[20]

Der Raum wird erst in einigen neueren literaturwissenschaftlichen Studien als eine kulturell geprägte und produktive Wahrnehmungskategorie gesehen und in Beziehung zu anderen kulturellen Sinnstiftungsprozessen, Normen und Machtrelationen gesetzt. Es lässt sich aber noch nicht von einer Marginalisierung räumlicher Kategorien in der Literaturwissenschaft sprechen.[21] Auch wenn es noch keine einheitliche Definition des Raumes und vor allem der Analyse des Raumkonzeptes gibt, bleibt festzuhalten, dass „Raum in literarischen Texten nicht nur Ort der Handlung, sondern stets auch kultureller Bedeutungsträger“[22] ist.

3. Analyse der Raumdarstellung in Gilgi, eine von uns

3.1 Romanschauplatz

Irmgard Keuns Debütroman spielt in der Stadt Köln. Diese wird sowohl namentlich eingeführt[23], als auch immer wieder optisch beschrieben. Die Stadt ist zudem in Form ihres regionalen Dialekts präsent, so spricht z.B. Gilgis Vater „unverfälschten kölnischen Dialekt, teils aus Lokalpatriotismus, teils aus Geschäftsinteresse.“[24] Auch die lokale Zeitung wird von Herrn Kron gelesen und ist auch immer wieder durch unterschiedliche Schlagzeilen des Kölner Stadtanzeigers des 22. Januar 1931 zitiert. Dies schafft zusätzlich einen zeitlichen bzw. historischen Bezug zu den Ereignissen im Köln der 1930er Jahre.[25]

Der Schauplatz des Romans wird auch durch den für Köln typischen Karneval repräsentiert. Es werden bekannte Karnevalslieder Willi Ostermanns wie z.B. „die Mösch“[26] zitiert und auch Gilgis Familie aus Hamburg ist zu Beginn des Romans zu Besuch, um Karneval in Köln zu feiern.[27]

[...]


[1] Rosenstein, Doris: Irmgard Keun. Das Erzählwerk der dreißiger Jahre, S. 60.

[2] Vgl. Lickhardt, Maren: Irmgard Keuns Romane der Weimarer Republik, S. 39ff.

[3] Hallet, Wolfgang; Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur, S. 11.

[4] Vgl. ebd., S. 11-16.

[5] Ebd., S. 11.

[6] Vgl. Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns, S. 285 f.

[7] Synonym verwendete Begriffe sind topologische oder raumkritische Wende.

[8] Hallet, Wolfgang; Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur, S. 11.

[9] Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns, S. 289.

[10] Vgl. ebd., S. 291 f.

[11] Vgl. Hallet, Wolfgang; Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur, S. 13.

[12] Vgl. Frank, Micheal C.: Die Literaturwissenschaften und der spatial turn, S. 53-80.

[13] Ebd., S. 60.

[14] Ebd., S. 60.

[15] Ebd., S. 61.

[16] Vgl. Nünning, Ansgar: Formen und Funktionen literarischer Raumgestaltung, S. 33 ff.

[17] Frank, Michael C.: Die Literaturwissenschaften und der spatial turn, S. 54.

[18] Vgl. Hallet, Wolfgang; Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur, S. 19.

[19] Ebd., S. 19.

[20] Frank, Michael C.: Die Literaturwissenschaften und der spatial turn, S.56.

[21] Vgl. Hallet, Wolfgang; Neumann, Birgit: Raum und Bewegung in der Literatur, S. 19 f.

[22] Ebd., S. 11.

[23] Vgl. Keun, Irmgard: Gilgi, eine von uns, S. 90.

[24] Ebd., S. 41 f.

[25] Vgl. ebd., S. 40 f.

[26] Vgl. ebd., S. 61.

[27] Vgl. ebd., S. 78.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Irmgard Keuns Debütroman "Gilgi eine von uns" als topographischer Roman. Raumdarstellung in der Literatur
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V466401
ISBN (eBook)
9783668942981
ISBN (Buch)
9783668942998
Sprache
Deutsch
Schlagworte
irmgard, keuns, debütroman, gilgi, roman, raumdarstellung, literatur
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Irmgard Keuns Debütroman "Gilgi eine von uns" als topographischer Roman. Raumdarstellung in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/466401

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