Ethnographische Beschreibungen in der antiken griechischen Literatur. Betrachtung der Werke von Hekataios und Herodot


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung
Fragestellung

Antike Grundlagen ethnisch-geographischer Beschreibungen
Polygenetische Vorstellung / „Oikumene“ / „Barbaren“
Probleme der sprachlichen Verständigung

Hekataios von Milet
Philosophischer Ansatz / Anaximander
Erste ethnographisch-geographische Beschreibung
Position zum Ionischen Aufstand / Perserkontakte
Systematik der Erdbeschreibung
Vorgehensweise in der Länderbeschreibung
Konzentration auf kulturelle Eigenarten / Mögliche Fehlerquellen
Einbeziehung von Mythen

Herodotos von Halikarnassos
Hintergründe des Ionischen Aufstandes und der Perserkriege
Zeitliche Einbindung Herodots
Literarisches Kompositionsprinzip / Anthropogeographische Theorie
Zivilisatorische Hervorhebung seiner Heimat
Ethnozentrismus / Instrumentalisierungen in späterer Zeit
Leitmotiv der „Historien“
Relativität des Fremdheitsbegriffs
Interkulturelle Toleranz / Wissenschaftliches Ethos
Mögliche Fehlerquellen
Erkenntnis kultureller Veränderungsprozesse
Zivilisationsverständnis

Resümee
Epochenübergreifende Bezüge

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Ethnographie der griechischen Antike war geprägt von grundsätzlichen Annahmen über die geographische Beschaffenheiten bestimmter Räume und deren elementaren Einflüssen auf die jeweils dort ansässige Bevölkerung. Diese auch aus heutiger Sicht nicht als grundsätzlich falsch zu bezeichnende Herangehensweise wurde jedoch aufgrund des Mangels an objektiven Untersuchungsmethoden bzw. der noch nicht vorhandenen Erkenntnis ihrer Notwendigkeit meist nur dazu benutzt, kulturelle Gegensätzlichkeiten herauszustellen. Die zur Verfügung stehenden Quellen über die Beschreibung von antiken Völkern jenseits des griechischen Kultur-bereiches, geben daher zum einen meist nur die zwangsläufig subjektiv-mediterrane Perspektive wieder und sind zum anderen oftmals nur noch fragmentarisch erhalten.

Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit bezieht sich im Wesentlichen auf die diesbezügliche Untersuchung der Autoren Hekataios und Herodot. Trotzdem sie nicht die ersten Geographen waren, die einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf den Bereich der beschreibenden und erläuternden Völkerkunde legten, hatten sie sowohl aufgrund des Umfanges ihrer Untersuchungen als auch ihrer zeitlichen Nähe zueinander eine entscheidende Auswirkung auf die antike Weltsicht.

Die zeitliche Eingrenzung des im folgenden bearbeiteten Bereiches der griechischen Antike erstreckt sich neben der hauptsächlich untersuchten Lebenszeit der beiden erwähnten Autoren, in Ansätzen auch auf entsprechende Werke im Zeitraum von Hesiod bis zu Poseidonios, also etwa vom siebten bis ins erste Jahrhundert v. Chr.* Daneben werden auch einzelne thematische Bezüge auf spätere Epochen bis in die Moderne bzw. die heutige Zeit erstellt. Außerdem werden verschiedene für den Gesamtkontext wichtige historische Gegebenheiten, wie z.B. die Perserkriege kurz erläutert. Neben der teilweise vergleichenden Darstellung von literarischer Struktur und inhaltlichen Erklärungsmustern der besagten Werke liegt dem methodischen Vorgehen dieser Arbeit ein weiterer Ansatz zugrunde, bei welchem der Ursprung und die Entwicklung bestimmter noch heute gültiger (wissenschaftlicher) Begrifflichkeiten beschrieben wird. Den inhaltlichen Schwerpunkt der thematischen Untersuchung bilden insgesamt die „Historien“ des Herodot.

Antike Grundlagen ethnisch-geographischer Beschreibungen

Die mediterrane Bevölkerung der griechischen Antike sah sich als Zentrum der zivilisierten, bewohnbaren Welt. Die Basis für eine Einteilung der Menschen außerhalb des eigenen Machtbereiches war eine Art von Territorialprinzip, welches die jeweiligen Volksgruppen auf das von ihnen bewohnte Gebiet festlegte. In Verbindung mit der damals verbreiteten polygenetischen Vorstellung, daß die Menschen an verschiedenen Orten der Welt und unabhängig voneinander entstanden seien, ergab diese Argumentation eine unlösbare Verbindung des jeweiligen Volkes zu seinem angestammten Siedlungsraum.

Die antiken Griechen bezeichneten den Raum, welcher ihnen mehr oder weniger bekannt war, und daher als bewohnbar erschien als „Oikumene“. Dieser Bereich um das Mittelmeer herum erstreckte sich von den „Säulen des Herakles“ im Westen bis an den „Taurus Indicus“ im Osten. Die Bewohner am Rand oder außerhalb der Oikumene waren sowohl ethnisch als auch kulturell marginalisiert und wurden als „barbaroi“ bezeichnet, was soviel heißt wie „Lallende“ oder „Stammler“.1 Dieser ursprüngliche Begriffsinhalt impliziert, daß die antiken Griechen sich nach eigener Sicht im Gegensatz zu vielen ihrer Nachbarvölker einer verständlichen Sprache bedienen konnten. Die Herkunft und Bedeutung dieser Bezeichnung bietet also bereits einen Hinweis auf verbale Verständigungsschwierigkeiten und einen Grund für die daraus resultierende ethnische Abgrenzung.

Ein anderes Beispiel aus heutiger Zeit, welches auf ähnliche Probleme im verbalen Austausch der Vergangenheit hinweist, ist die Bezeichnung der Deutschen in der russischen Sprache. Das Wort „nemci2 bedeutet dort soviel wie „die Stummen“.

Ebenso wie die Sprache eine grundsätzliche Basis zur Schaffung von sozialer Verbindung und Verständnis ist, war sie zu allen Zeiten auch eine oft unüberwindliche Barriere in der interkulturellen Annäherung. Bei trotz-dem zustandegekommenen Kontakten war man meist weiterhin auf Übersetzer angewiesen, welche häufig keine ursprüngliche Verbindung zur jeweiligen Volksgruppe hatten oder bereits lange von ihr getrennt waren.

Hekataios von Milet

Nach antiker griechischer Vorstellung waren alle menschlichen Siedlungs-bereiche festgelegt. Danach lag z.B. nordwestlich der Oikumene das Land der Kelten und nordöstlich davon das der Skythen. Im Überschneid-ungsbereich sprach man von Keltoskythen, welche eine Mischkategorie darstellen.3 Diese ethnisch-schematische Zweiteilung ist neben der geographischen Abgrenzung der drei alten Kontinente wahrscheinlich zurückzuführen auf den griechischen Historiker und Geographen Hekataios (~550 – 479). Dieser stammte aus der ionischen Stadt Milet an der Westküste Kleinasiens. Hekataios` Arbeitsweise basierte hierbei auf dem Untersuchungsansatz des ebenfalls aus Milet stammenden Anaximander (~610 – 546).4 Dieser hatte zum einen als erster eine frühe Schrift über die Natur („Physis“) verfaßt und zum anderen zog in seine philosophische Spekulation mit dem Grundbegriff „Apeiron“ erstmalig das Denken über die begrenzten und endlichen Dinge hinaus ein.

Auf dieser gedanklichen Grundlage erstellte Hekataios zusätzlich zu seinem literarischen Werk eine nach dem Entwurf von Anaximander ausgearbeitete Erdkarte und fügte ihr die erste tatsächliche ethnographisch-geographische Beschreibung bei. In dem Mittelpunkt seines Interesses standen hierbei die Menschen und ihre jeweilige Lebensweise bzw. Lebensverhältnisse. Dabei ließ er sich auch nicht mehr allein von den traditionell praktisch ausge-richteten, sondern bereits von wissenschaftlichen Grundsätzen leiten, was zur Folge hatte, daß sich sein Werk zu einer ersten allgemeinen Völkerkunde entwickelte.5 Vom Leben des Hekataios selbst ist wenig überliefert. Der Autor selbst beschreibt von sich fast ausschließlich die Herkunft aus dem ionischen Milet und seine enge Verbundenheit mit diesem Ort. Es ist jedoch bekannt, daß Hekataios sich entgegen der vorherrschenden Stimmung gegen einen Aufstand der Ionier gegen die persische Herrschaft aussprach. Der Grund für seine diesbezügliche Vorsicht ist wohl am ehesten in seiner durch ausgiebige Reisen erworbenen Kenntnis über das Machtpotential des Perserreiches zu suchen. Als es trotz seiner Warnungen zum Aufstand (500/499) der ionischen Städte unter der Führung Milets kam, riet Hekataios, abermals entgegen der allgemein vorherrschenden Meinung, zum Aufbau einer Kriegsflotte gegen die Perser.6 Diese Strategieform wurde jedoch erst etwa 30 Jahre später von Themistokles (~527 – ~459) wieder aufgegriffen und führte letztlich durch die athenische Flotte zum Sieg des griechischen Defensivbündnisses über die Perser.

Bezüglich der bereits erwähnten Reisetätigkeit Hekataios` wird ange-nommen, daß er verschiedene ionische Kolonien und sonstige Küsteregionen des gesamten Mittelmeeres sowie des Schwarzen Meeres besuchte und mög-licherweise sogar am Skythenfeldzug (512) des Perserkönigs Dareios I. (regierte 521 – 485) teilnahm.7 Neben seinen eigenen Ausführungen werden auch von Herodot einige Orte erwähnt, an denen sich Hekataios im Zuge seiner Reisen aufgehalten habe. Ein Beispiel ist das ägyptische Theben, wo er gemäß der Ausführungen Herodots den Tempelpriestern seine angeblich göttliche Abstammung „vorrechnete“.8 Eine Vielzahl von Informationen gewann Hekataios jedoch auch durch den Kontakt zu Seefahrern, Kaufleuten und sonstigen Reisenden, ohne jedoch selbst vor Ort gewesen zu sein.

Art und Umfang der Beschreibungen Hekataios` schafften ein neues Weltbild, welches alle (heute bekannten) Vorstellungen seiner Vorgänger wesentlich an geographischer und ethnographischer Genauigkeit übertraf. Aber auch danach bildete die aus Europa, Asien und Afrika bestehende Erdmasse die hergebrachte Form einer runden Scheibe, welche vollständig von den Wassermassen des „Okeanos“ umgeben sei. Die so dargestellte Landfläche teilte Hekataios zunächst in einen nördlichen und einen südlichen Teil ein. Die Grenze bildeten die Wasserflächen des Mittelmeeres sowie des Schwarzen Meeres und am östlichsten Ende die südlich des Kaukasusgebirges verlaufenden Flüsse „Phasis“ (heute: Rioni) und „Kyros“ (heute: Kura). Vom Kaspischen Meer, in welches letztgenannter mündet, wurde angenommen, es sei kein Binnenmeer, sondern eine Bucht des Okeanos.

[...]


* Bei allen im Zuge dieser Arbeit vorkommenden Jahresangaben handelt es sich um solche

vor Christus. (Anm.d.Verf.)

1 Trzaska-Richter, Furor teutonicus, S. 24

2 Freie Transskription aus dem Kyrillischen (Anm.d.Verf.)

3 Lund, A., Die ersten Germanen. Ethnizität und Ethnogenese, Heidelberg 1998, S. 86

4 Müller, Geschichte der antiken Ethnographie, S. 95

5 Trzaska-Richter, Furor teutonicus,S. 27 f

6 Rehork, Geschichte im Altertum, S. 32

7 Müller, Geschichte der antiken Ethnographie, S. 95

8 Herodot, II 143

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ethnographische Beschreibungen in der antiken griechischen Literatur. Betrachtung der Werke von Hekataios und Herodot
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Grundzüge der griechischen Geschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V46651
ISBN (eBook)
9783638437981
ISBN (Buch)
9783638791243
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einleitung (Auszug): Die Ethnographie der griechischen Antike war geprägt von grundsätzlichen Annahmen über die geographische Beschaffenheiten bestimmter Räume und deren elementaren Einflüssen auf die jeweils dort ansässige Bevölkerung.[...] Die vorliegende Arbeit bezieht sich im Wesentlichen auf die diesbezügliche Untersuchung der Autoren Hekataios und insbes. Herodot.[...]daneben auch entspr. Werke im Zeitraum von Hesiod bis zu Poseidonios, also etwa vom siebten bis ins erste Jh.v.Chr.[...]
Schlagworte
Ethnographische, Beschreibungen, Literatur, Betrachtung, Werke, Hekataios, Herodot, Grundzüge, Geschichte
Arbeit zitieren
Andreas Büter (Autor), 2004, Ethnographische Beschreibungen in der antiken griechischen Literatur. Betrachtung der Werke von Hekataios und Herodot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46651

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