Das Ministerium für Staatssicherheit als "Schild und Schwert" der SED

Zur Anatomie eines Machtapparates


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
36 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Strukturen, Hierarchie und Entscheidungsfindung im MfS
2.1 Führungsebene

3. Verortung des MfS in der Staats- und Parteiführung
3.1 Das MfS und die SED-Führung
3.2 Das MfS und das Zentralkomitee der SED
3.3 Das MfS und das Politbüro

4. Kaderpolitik und Disziplinierung innerhalb des MfS
4.1 Mitarbeiterrekrutierung
4.2 Ausbildung und Schulung
4.3 Kontrolle und Disziplinierung

5. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit

Abbildung 2: Aufbaustruktur der Hauptabteilung I (im März 1967)

Abbildung 3: Wappen des Ministeriums für Staatssicherheit

Abbildung 4: Das politische System der DDR

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, warum sich das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zum wichtigsten Machtinstrument der SED-Führung entwickelte und welche Strukturen, Akteure und Rahmenbedingungen diesem Weg zugrunde lagen. Die Staatssicherheit war der Inlands- und Auslandsgeheimdienst der DDR und zugleich oberste Ermittlungsbehörde für „politische Straftaten“. Sie fungierte de facto vor allem als innenpolitisches Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument der SED, das zuvorderst dem Machterhalt der Partei diente. Im Februar 1950 aus der Taufe gehoben, breitete sich der Geheimdienst im Laufe der Zeit wie ein Krake über die gesamte DDR-Gesellschaft aus und infiltrierte diese systematisch. Beschäftigte das Ministerium für Staatssicherheit am Anfang noch einige Tausend Hauptamtliche und ebenso viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM), standen Anfang November 1989 über 90.000 Hauptamtliche und nochmals rund 110.000 Inoffizielle Mitarbeiter in ihren Diensten. Die düsteren Utopien in George Orwells Roman „1984“, die das Bild eines allmächtigen Überwachungsstaates zeichneten, entsprachen in der DDR der Realität.

Noch bis zum Mauerbau im August 1961 wurden die wirklichen ebenso wie die vermeintlichen Gegner der DDR vom MfS mit brutalen Methoden und offenem Terror verfolgt, drangsaliert und sanktioniert. Oftmals willkürlich durchgeführte Verhaftungen und Folter in den Untersuchungshaftanstalten waren die Regel und nicht die Ausnahme. Zwar änderte die Staatssicherheit nach dem Mauerbau ihre Taktik, indem sie bei der Verfolgung und Bekämpfung der Opposition mehr auf deren „Zersetzung“ von innen setzte, doch wurde damit lediglich der subtil-anonyme Charakter der undurchschaubaren MfS-Aktivitäten umschrieben, die sehr oft auch persönlichkeitsorientierte Repressionen beinhalteten. Die Methoden, die hierbei zur Anwendung kamen, waren vielfältig und perfide. Andersdenkende sollten nicht nur politisch unschädlich gemacht, sondern auch seelisch gebrochen werden, um fortan als abschreckendes Beispiel für ähnlich Denkende dienen zu können.

Das beinahe vierzigjährige Wirken des Ministeriums für Staatssicherheit hat als Gegenstand in der Forschungs- und Sachliteratur insbesondere in den Jahren nach dem Fall der Mauer im November 1989 und mit Verabschiedung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) am 29. Dezember 1991 enorm an Attraktivität gewonnen, da damit die rechtliche Grundlage dafür geschaffen wurde, dass die Öffentlichkeit die Unterlagen einsehen konnte, die der Geheimdienst akribisch über sie angelegt hatte. Der Aufarbeitungsprozess sollte durch einen eigens hierfür ernannten Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) sichergestellt werden.1 Die Behörde wurde im Volksmund bald nach ihren jeweiligen Chefs zunächst „Gauck-“ und später dann „Birthler-Behörde“ genannt. Die mittlerweile zahlreichen Publikationen zu diesem Thema reichen von kritischen Untersuchungen und Opferberichten (etwa von Karl Wilhelm Fricke), über unterhaltsam abgefasste Biografien über Erich Mielke (Heribert Schwan), bis hin zu Memoiren und Selbstdarstellungen ehemaliger Akteure (wie von Markus Wolf oder Werner Großmann). Die hohe Anzahl an Publikationen belegt zum einen das offenbar große Interesse an einer Aufarbeitung dieser Thematik und spiegelt zum anderen die Komplexität des Forschungsgegenstands wider. Der Stand der Forschung zu dieser Thematik ist einerseits gekennzeichnet durch Rekonstruktionsversuche der Arbeit des MfS, in deren Mittelpunkt regelmäßig die Organisationsstrukturen beziehungsweise die hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter stehen. Andererseits findet sich auch eine Reihe von verschiedenen Interpretationsversuchen der Wirkungsgeschichte des MfS und deren gesellschaftlichen Einbettung. Aus dieser Vielfältigkeit resultiert wiederum eine Reihe von Forschungsfeldern, deren Bearbeitungsprozess sicherlich noch einige Jahre und Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird.

Die Eckpfeiler des thematischen Korsetts dieser Arbeit bilden die Struktur, die Verortung in der Staatsverfassung und die Kaderpolitik des Ministeriums für Staatssicherheit. Die gewählte Aufbaustruktur zeichnete sich zunächst in Umrissen auf der Grundlage der ersten groben Sichtung der relevanten Literatur ab und kristallisierte sich bei der Lektüre der entsprechenden Texte immer stärker heraus. Warum wurde dem Ministerium für Staatssicherheit eine derart exponierte Stellung im politischen System der DDR zu Teil und welche Strukturen und Mechanismen unterfütterten den einzigartigen Macht- und Kontrollanspruch des MfS? Das sind die zentralen Fragestellungen, die dieser Arbeit zu Grunde liegen.

2. Strukturen, Hierarchie und Entscheidungsfindung im MfS

2.1 Führungsebene

Hierarchie und Organisation des Ministeriums für Staatssicherheit entsprachen im Grunde militärischen Strukturprinzipien, wobei auch gewisse Tendenzen zur Bürokratisierung unverkennbar waren.2 Die Mehrzahl der Mitarbeiter des MfS war bewaffnet und uniformiert. Jeder einzelne Mitarbeiter besaß eine komplette Uniform, die nach militärischer Vorschrift jederzeit griffbereit im Schrank aufbewahrt wurde.

Generell galt wie in jedem anderen Ministerium oder anderen Behörde der DDR auch im MfS der Grundsatz der Einzelleitung in persönlicher Verantwortung durch den Minister bei kollektiver Beratung der Grundfragen durch ein Gremium oder Kollegium. Mit dem Minister und seinen vier Stellvertretern verfügte die Führungsetage des MfS in den 1980er Jahren über eine personelle Stärke, die nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ belegt, welchen Stellenwert der Geheimdienst innerhalb der politischen Elite der DDR einnahm.3

Ein Blick auf die kaderpolitische Entwicklung der Führungsspitze des MfS erhärtet diesen Eindruck und belegt zweierlei: Zum einen wurde diese nach und nach erweitert; wo ursprünglich noch der Minister und sein Staatssekretär als Stellvertreter genügten, bedurfte es später eines Ministers und gleich vier Ersatzmänner. Zum anderen hieß das hervorstechendste Merkmal der Kaderpolitik offenbar personelle Kontinuität, wie der überschaubare Kreis von lediglich drei Ministern belegt, denen in knapp vierzig Jahren des Bestehens des Geheimdienstes insgesamt lediglich elf Stellvertreter zur Seite standen.4 Zweifellos spiegelt diese Beständigkeit nicht nur ein beachtliches Beharrungs- und Behauptungsvermögen der betreffenden Personen wider, sie ist auch ein Indiz für das vorherrschende sicherheitspolitisches Kalkül im gesamten Staat. Da jede personelle Veränderung auch immer ein Risiko impliziert, kam es kaum vor, dass Funktionäre auf oberster Ebene ausgetauscht wurden, sofern sie sich einigermaßen bewährt und nicht gegen die Staatsführung aufbegehrten. Schon aus diesem Grund blieb der Aufstieg zum Posten des Stellvertreters von Erich Mielke ausnahmslos Kadern aus dem MfS-Reservoir vorbehalten, die sich bereits über Jahrzehnte bewährt und damit ihre Linientreue unter Beweis gestellt hatten.5

Die finale Entscheidung bei der Auswahl seiner Stellvertreter traf Minister Mielke kaum überraschend höchstpersönlich. Obwohl er de jure nur ein Vorschlagsrecht besaß, galt ihm diesbezüglich die Zustimmung des Ministerrats als sicher. Traditionell wurden alle wichtigen ministerialen Entscheidungen in einem Kollegium getroffen, dem im MfS neben dem Minister dessen vier Stellvertreter, ferner der 1. Sekretär der Kreisleitung der SED im MfS, der Leiter der Hauptabteilung „Kader und Schulung“ sowie die Chefs anderer zentraler Abteilungen angehörten.6

Erich Mielke hatte den gesamten inneren Apparat des MfS bis zum Schluss scheinbar fest in seiner Hand, überließ aber das operative Geschäft überwiegend seinen Stellvertretern.7 Nach dem Tod seines damals Ersten Stellvertreters Bruno Baeter im Jahre 1982 setzte sich der Minister jedoch selbst an die Spitze der bis dato von Baeter geleiteten Hauptabteilung II (Spionageabwehr), welcher unter anderem auch die Sicherung der diplomatischen und anderer Vertretungen sowie ausländischer Korrespondenten oblag. Dieses hochsensible Aufgabenfeld wurde somit zur Chefsache erklärt.

Der Minister erwartete von seinen Untergebenen nicht weniger als die konsequente Umsetzung seiner Weisungen und Befehle.8 Es war ehernes Gesetz, dass seine Anweisungen grundsätzlich nicht infrage gestellt, sondern befolgt wurden. Wegen seines herrischen und oft unsachlichen Auftretens war der Geheimdienstchef bei seinen Mitarbeitern unbeliebt und teilweise gefürchtet. Er drückte dem Ministerium seinen autoritären Stempel auf. Zum Führungsstil Mielkes gehörte unter anderem ein direkter Draht zu den Chefs der Diensteinheiten und vor allem zu den Leitern der vierzehn Bezirksverwaltungen des MfS. In diesem Bereich trat sein unmittelbarer Einfluss auf die Organisation der politisch-operativen Arbeit besonders deutlich zutage. Der Minister forderte von seinen Untergebenen, dass sie sich rechtzeitig und vorbeugend um alles kümmerten, um „Vorkommnisse“ zu vermeiden. Darunter verstand Mielke beispielweise Havarien in Betrieben, die Fahnenflucht von Soldaten der NVA-Grenztruppen oder öffentlichkeitswirksame Demonstrationen von Ausreisewilligen und anderen Oppositionellen.9

Im Laufe seiner über dreißig Jahre währenden Dienstzeit als Minister für Staatssicherheit schuf Mielke eine Reihe sogenannter Funktionalorgane, die ihm direkt unterstellt waren und ihn bei der Leitung des Ministeriums maßgeblich unterstützten.10 Die „Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe“ (ZAIG) gilt in diesem Zusammenhang als wichtigste Institution, da hier alle Informationen des MfS zusammenliefen um hier von den Mitarbeitern erfasst, ausgewertet und analysiert zu werden. Die daraus resultierenden Ergebnisse bildeten wiederum die Basis für Lageeinschätzungen für die gesamte Partei- und Staatsführung und nicht zuletzt für Mielke selbst, dem allein die Entscheidung oblag, welche Memoranden an die formal zuständigen Stellen weitergeleitet und welche nicht.

Die ZAIG war die einzige Schaltstelle im Ministerium, die einen realistischen Überblick über die poltisch-operativ signifikanten Informationen liefern konnte. Darüber hinaus kontrollierte und archivierte die „Denkfabrik“ des Ministeriums für Staatssicherheit sämtliche Unterrichtsmaterialien der Hochschule des MfS sowie die dort entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten, deren Inhalt als Hilfsmittel zur Analyse bestimmter Sachverhalte verwendet wurde. Diesem Zwecke diente auch die Auswertung der Publikationen der wichtigsten Presseorgane der Warschauer-Pakt-Staaten und der westlichen Hemisphäre.

2.1.2 Horizontale Struktur

Die Staatssicherheit war schon in ihren Ursprüngen als flächendeckende Institution angelegt.11 Bereits mit der Einführung der sogenannten „Kriminalpolizei 5“, die 1948 als Vorläufer des MfS nach sowjetischem Vorbild für die Verfolgung politischer Straftaten verantwortlich zeichnete, in die Verwaltungen zum Schutz der Volkswirtschaft begann der systematische Aufbau von Dienststellen im gesamten Staatsgebiet der DDR. Das Ministerium für Staatssicherheit verfügte damit schon 1950 über territoriale Strukturen, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte kontinuierlich ausgedehnt wurden, um den perfekten Überwachungsstaat zu erschaffen.

Die Grundstrukturen des MfS waren durch die als „Diensteinheiten“ bezeichneten Hauptabteilungen, die selbstständigen Abteilungen und Arbeitsgruppen in der Zentrale in Ost-Berlin sowie durch die jeweiligen Bezirksverwaltungen gekennzeichnet (siehe Abb.2).12 Sie entsprachen im Wesentlichen der staatlichen Verwaltungsstruktur. Die mit der Verwaltungsreform von 1952 verbundene Anpassung des MfS an den neuen zentralistischen Verwaltungsaufbau der DDR ermöglichte es der Staatssicherheit in allen gesellschaftlichen Bereichen wirksam zu werden.13 Hier liegt zweifelsohne der Schlüssel für die Realisierung der annährend flächendeckenden Kontrolle eines ganzen Volkes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Gesetz über die Bildung eines Ministeriums für Staatssicherheit vom 8. Februar 1950 (Quelle: https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-gruenderjahre/weg-nach-osten/aufbau-des-mfs.html, letzter Zugriff am 14. April 2019).

Ungeachtet einiger Umgliederungen blieb die horizontale Struktur des MfS jahrzehntelang unverändert. Dieser Sachverhalt ist sicherlich nicht zuletzt der Auffassung geschuldet, dass jede größere Umstrukturierung der bestehenden Über- und Unterordnungsverhältnisse Störungen im Gefüge und im Funktionsablauf des gesamten Apparates haben könnte und deshalb besser vermieden werden sollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Aufbaustruktur der Hauptabteilung I, die bis 1989 beinah unverändert blieb (Quelle: http://panzerregiment4.de/?p=7&page=15, letzter Zugriff am 14. April 2019)

Grundsätzlich ließen sich die einzelnen Diensteinheiten des Ministeriums für Staatssicherheit in zwei Sparten aufteilen. Zum einen waren im „Abwehrblock“ die Hauptverwaltungen sowie die nachgelagerten Haupt- und selbstständigen Abteilungen vereint, dessen Aufgabenfokus auf die innere Sicherung der bestehenden Machtverhältnisse in der DDR ausgerichtet war. Dazu gehörten Abschirmung und Überwachung, Ermittlungen und Untersuchungen, Personen- und Objektschutz. Zu den wichtigsten Abteilungen zählten hier die Hauptabteilung I „Abschirmung und Sicherung der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen“, die Hauptabteilung II „Spionageabwehr“ und die Hauptabteilung III „Funkaufklärung und Funkabwehr“.14

Der zweite große Aufgabenkomplex des MfS war in der „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA) zusammengefasst. Dieser Diensteinheit oblag die „offensive Arbeit“ der Staatssicherheit, die im Wesentlichen aus der Beschaffung und Auswertung geheimer Informationen aus der BRD und dem übrigen „nichtsozialistischen Ausland“ bestand.15 Die HVA war ferner für die Anwerbung und Ausbildung von Agenten, für die Gegenspionage und Desinformation zuständig und unterstützte darüber hinaus kommunistisch-paramilitärische Operationen in Drittländern. Horizontal gliederte sich die HVA in 21 Abteilungen und Arbeitsgruppen, die von einem Stab geleitet wurden, an dessen Spitze zuletzt Werner Großmann stand. Die Hauptverwaltung Aufklärung hatte 1989 über 3.800 hauptamtliche Mitarbeiter und eine bisher nicht exakt quantifizierbare Zahl von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM).16

Auch zur Höhe des Budgets der HVA existieren bis heute widersprüchliche Aussagen. In einzelnen HVA-Abteilungen existierten „schwarze Kassen“, die von Abteilungs- oder Referatsleitern verwaltet wurden und der subversiven Beschaffung von Ausrüstungsgegenständen dienten. Im Jahr 1989 betrug der Etat des Ministeriums für Staatssicherheit 3,6 Milliarden Mark, ein Betrag, der etwa 1,3 Prozent des gesamten Staatshaushaltes der DDR entsprach.17 Allein der Bedarf der Staatssicherheit an Devisen zur Finanzierung ausländischer Agententätigkeiten, subversiver Auslandsaktivitäten und organisatorischer Entwicklungshilfen wurden von westdeutschen Währungsexperten Mitte der neunziger Jahre auf annährend 100 Millionen US-Dollar jährlich geschätzt.18

2.1.3 Vertikale Struktur

Durch die Verwaltungsreform von 1952 entstanden in der DDR analog zu den Bezirken insgesamt vierzehn Bezirksverwaltungen des MfS. Je nach Größe und Struktur des jeweiligen Bezirks lag der Personalbestand zwischen 400 und 500 hauptamtlichen Mitarbeitern, wobei einzelne Bezirksleitungen auch einen höheren Mitarbeiterstamm haben konnten. Die jeweiligen Leiter der Bezirksverwaltungen waren qua Amt zumeist auch Mitglied der Bezirksleitung der SED und damit fest in das politischen Tagesgeschäft eingebunden.19 Die innere Struktur einer Bezirksverwaltung entsprach der horizontalen Struktur des Ministeriums für Staatssicherheit insoweit, als dass die Hauptabteilungen und selbstständigen Abteilungen der MfS-Zentrale in Ostberlin auf Bezirksebene in den analog dazu angeordneten Abteilungen und Referaten ihre Entsprechung fanden. Ausgenommen hiervon waren lediglich die Abteilungen, die auf Bezirksebene nicht benötigt wurden.20

Auch in den Bezirksverwaltungen wurden die hauptamtlichen Mitarbeiter zu Diensteinheiten zusammengefasst. So war beispielsweise der Hauptverwaltung Aufklärung in jeder Bezirksleitung eine entsprechende Abteilung zugeordnet. Zudem wurden auch von den Bezirksverwaltungen Spionageaktivitäten in der BRD und West-Berlin geplant und durchgeführt, wobei jeweils bestimmte Bezirksverwaltungen ihre regionale Zuständigkeit zugewiesen bekamen.21 So war zum Beispiel die Bezirksverwaltung Rostock für Operationen in Schleswig-Holstein zuständig.22 Jeder Bezirksverwaltung waren darüber hinaus eigene Wacheinheiten zugeordnet, die der Befehlsgewalt des jeweiligen Leiters unterstanden und insbesondere den Objektschutz gewährleisteten.

Den Bezirksverwaltungen des MfS waren wiederum Dienststellen auf Kreisebene, in einigen Großstädten wie Ost-Berlin, Leipzig oder Magdeburg auch Dienststellen auf Stadtbezirksebene, sowie Objektdienststellen in Großbetrieben der Industrie, des Bau- und Verkehrswesens untergeordnet. Ihre innere Struktur und ihr Personalbestand korrespondierten mit der Größe sowie der politischen und sozialökonomischen Beschaffenheit der jeweiligen Kreise, Stadtbezirke oder Objekte.23 Die Personalstärke einer Kreisdienststelle betrug durchschnittlich 30 und fiel in Objektdienststellen entsprechend geringer aus. Analog zu den Dienststellenleitern auf Bezirksebene gehörten die Kreisdienststellenleiter des MfS den jeweiligen SED-Kreisleitungen qua Amt als Mitglied an.

Jede Diensteinheit verfügte über einen territorial klar abgegrenzten Verantwortungsbereich. Dies galt sowohl für die einzelnen Bereiche der MfS-Zentrale in Ostberlin als auch für die Einheiten in der Fläche. Durch die feste Verankerung der Führungskräfte der Bezirksverwaltungen und Kreis- sowie Objektdienststellen in der SED-Hierarchie verfügten diese über eine weitgehende Autonomie bei der Umsetzung von Parteidirektiven, der Weisungen ihres Ministers oder Wünschen der lokalen SED-Funktionäre.24

Obwohl an die ministeriale Weisungsgewalt gebunden, entfalteten die Leiter der Bezirksverwaltungen, meist im Range eines Generalmajors oder Obersten, gegenüber ihren untergeordneten Mitarbeitern eine nahezu unbegrenzte Machtbefugnis, die eine ebenso uneingeschränkte Disziplinargewalt beinhaltete. Ihre Entscheidungskompetenz reichte von der Verleihung Auszeichnungen und Vergünstigungen bis hin zur Verhängung von Strafen, Degradierungen und Entlassungen. Gegen einmal getroffene Entscheidungen gab es kein Einspruchs- oder Beschwerdeinstrument. Eingriffe in das Privatleben von MfS-Bediensteten waren die Regel und wurden unter dem vermeintlich legitimierenden Deckmantel der „inneren Sicherheit“ vorgenommen.

Vor allem die Leiter der Diensteinheiten zeichneten für die sukzessive Aufblähung des MfS verantwortlich, indem sie beim Ministerium immer neue Dienststellen beantragten und neue Struktureinheiten aufbauten. Besonders stark stiegen die Zahlen bei den so genannten „Querschnittsabteilungen“, deren Aufgabenbereiche sich meist nicht auf ein bestimmtes Segment beschränkten, sondern die Bereiche Beobachtung, Versorgung, Finanzen und Technik als Ganzes umfassen konnten.

Die nahezu grenzenlose vertikale Machtfülle der Leiter der Bezirksverwaltungen verwässerte den zentralistischen Aufbau des Sicherheitsapparates. „Wer an der Treue zur SED und an der Loyalität zu Mielke keinerlei Zweifel aufkommen ließ, nützliche Kontakte zu SED-Funktionären pflegte und nicht völlig erfolglos war, konnte seine Diensteinheit weitgehend nach Belieben regieren.“25 Blinder Gehorsam bildete somit die beste Voraussetzung, um von der Zentrale in Ostberlin weitestgehend freie Hand zu erhalten. Durch die Überlagerung der drei Hauptaufgabenfelder des MfS bestehend aus Staatssicherheit, territorialer Überwachung sowie Spionage und Spionageabwehr entstand zwischen den verschiedenen Diensteinheiten zwangsläufig Konkurrenz, welche häufig zu Kompetenzstreitigkeiten führte. Gewichtigere Fälle wurde in der Regel in den Kompetenzbereich der Bezirksverwaltung übergeben, Routinebeobachtungen blieben in der Hand der Kreis- und Objektdienststellen.26 Ergebnisse und Erkenntnisse wurden an die Zentrale in Ostberlin weitergeleitet.

[...]


1 Zum Wert der Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit für die zeitgenössische Forschung siehe u.a. Patrice G. Poutrus, 2007: Alles unter Kontrolle? Zur Bedeutung der BStU-Quellen für die zeitgenössische Migrationsforschung, in: Jens Gieseke (Hrsg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, S. 318-338.

2 Karl Wilhelm Fricke, 1989: Die DDR-Staatssicherheit. Entwicklung, Strukturen, Aktionsfelder, Köln, S. 52f.

3 Ebenda, S. 51f.

4 Für eine Liste der Minister und ihrer Stellvertreter des MfS siehe u.a.: Ebenda, S. 52-53.

5 Ebenda, S. 53.

6 Ebenda, S. 53.

7 David Gill / Ulrich Schröter, 1991: Das Ministerium für Staatssicherheit. Anatomie des Mielke-Imperiums, Berlin, S. 36.

8 Heribert Schwan, 1997: Erich Mielke. Der Mann, der die Stasi war, München 1997, S. S. 116.

9 Ebenda, S. 117.

10 Ebd., S. 147f.

11 Jens Gieseke, 2001: Mielke-Konzern. Die Geschichte der Stasi 1945-1990, Stuttgart München, S. 133.

12 Manfred Schell / Werner Kalinka, 1991: Stasi und kein Ende, Frankfurt a.M., S. 26.

13 Heribert Schwan, 1997: S. 144.

14 Fricke, 1989: S. 54.

15 Ebenda, S. 56f.

16 Für einen Einblick in die Aktionsfelder des MfS in der BRD siehe u.a. Thomas Auerbach, 1999: Einsatzkommandos an der unsichtbaren Front. Terror- und Sabotagevorbereitungen des MfS gegen die Bundesrepublik Deutschland, Berlin, oder Hubertus Knabe, 1999: West-Arbeit des MfS. Das Zusammenspiel von `Aufklärung` und `Abwehr`, Berlin.

17 Gill / Schröter, 1991: S. 91.

18 Fricke, 1989: S. 50.

19 Ebenda, S. 61.

20 Ebenda, S. 62f.

21 Schwan, 1997: S. 145.

22 Fricke, 1989: S. 64f.

23 Ebenda, S. 65.

24 Schell / Kalinka, 1991: S. 23f.

25 So zitiert aus: Ebenda, S. 26.

26 Gieseke, 2007: S. 136.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Das Ministerium für Staatssicherheit als "Schild und Schwert" der SED
Untertitel
Zur Anatomie eines Machtapparates
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
36
Katalognummer
V468252
ISBN (eBook)
9783668943919
ISBN (Buch)
9783668943926
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR-Geschichte, Sicherheitspolitik, Ministerium für Staatssicherheit
Arbeit zitieren
Dr. Christoph Grützmacher (Autor), 2009, Das Ministerium für Staatssicherheit als "Schild und Schwert" der SED, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468252

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