Aufgabe dieser Arbeit ist es, einen Vergleich der beiden Terrornetzwerke Al-Qaida und "Islamischer Staat" herzustellen sowie Konsequenzen und Tendenzen aus diesem neuen Sachverhalt zu ziehen. Al-Qaida und der "Islamische Staat" (IS) gehören zu den bekanntesten Terrororganisationen. Doch was für eine Beziehung pflegen beide Terror-Netzwerke eigentlich zueinander? Wie sieht deren Verhältnis aus?
"Die gesegnete Schlacht um Paris betreffend erklären wir, die Organisation Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap), dass wir die Verantwortung für diese Operation aus Vergeltung für den göttlichen Botschafter übernehmen. Es wurden Helden rekrutiert, und sie haben gehandelt. Die Operation ist im Auftrag von Ayman al Zawahiri und im Einklang mit dem Willen Usama Bin Ladins durchgeführt worden". Dieses Bekenntnis von al-Qaida im Jemen via Videobotschaft gut eine Woche nach den Pariser Terroranschlägen durch die Brüder Kouachi gegen die Redaktion des Satireblattes Charlie Hebdo werfen einige Fragen auf, denn der dritte Attentäter Ahmed Coulibaly, ein Bekannter der beiden anderen Terroristen, hatte sich vorab in einem Video als Anhänger des "Islamischen Staates" geäußert, einen Treuschwur auf das Kalifat abgelegt und die Anschläge auf einen jüdischen Supermarkt am 9. Januar im Namen dieser Organisation begangen. Waren die Terroristen nun von al-Qaida gesteuert oder nicht? Waren es Nacheiferer des "Islamischen Staates"? Oder waren die Brüder Kouachi und Coulibaly jeweils von anderen Terrororganisationen beeinflusst? Und wenn ja, wieso entschloss sich Coulibaly dazu, dem IS zu folgen – und nicht der bis dahin üblichen al-Qaida? Dass sich solche Fragen stellen, deutet auf einen Wandel innerhalb der islamistischen Terrororganisationen hin.
Spätestens diese Anschläge in Paris Anfang 2015 machten den westlichen Ländern deutlich, was für ein Umbruch in der dschihadistischen Szene stattfand: Der IS forderte al-Qaida heraus. Im Westen fanden sich sowohl Anhänger für den IS, als auch für al-Qaida. Was war geschehen? Vom "Islamischen Staat" beauftragte Anhänger verübten in Paris zur selben Zeit an fünf unterschiedlichen Orten Attentate. Die blutige Bilanz lautete: 130 Tote und 352 Verletzte. Der IS war in aller Munde, doch von al-Qaida war nichts mehr zu hören. Wieso hatte nur der IS zugeschlagen und nicht wie Anfang des Jahres Attentäter von beiden Organisationen? Was für eine Beziehung pflegen beide Netzwerke eigentlich?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Genese der islamistischen Terrororganisationen
2.1. Al-Qaida
2.2. Islamischer Staat
3. Ein auf Unterschiede aufgebautes Verhältnis zwischen Neid und Anerkennung
3.1. Organisation, Struktur und Allianzen
3.2. Ideologien und Strategien im Vergleich
3.3. Eine Frage der Medien und der Generationen
4. Folgen und Konsequenzen des Bruderkampfes
4.1. Für den Nahen und Mittleren Osten
4.2. Auf internationaler Ebene
5. Fazit und Schluss
6. Literaturverzeichnis
6.1. Monographien
6.2. Aufsätze und Analysepapiere
6.3. Zeitungs- und Zeitschriftenartikel
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das ambivalente und zunehmend konfrontative Verhältnis zwischen den Terrororganisationen Al-Qaida und dem Islamischen Staat. Ziel ist es, die strukturellen, strategischen und ideologischen Unterschiede herauszuarbeiten, um die Hintergründe der rivalisierenden Dynamik sowie deren Auswirkungen auf die regionale Stabilität und internationale Sicherheit zu verstehen.
- Historische Entwicklung beider Terrornetzwerke.
- Vergleichende Analyse der Organisationsstrukturen und Allianzen.
- Kontrastierung von Ideologien und Strategien (naher vs. ferner Feind).
- Unterschiede in der medialen Selbstdarstellung und dem Generationenwechsel.
- Regionale und internationale Folgen des dschihadistischen Bruderkampfes.
Auszug aus dem Buch
3.1. Organisation, Struktur und Allianzen
Organisations- und Handlungsstrukturen beider Terrororganisationen unterscheiden sich deutlich voneinander, stehen einander quasi diametral entgegen. Al-Qaida ist mehr ein Terrornetzwerk als eine Terrororganisation. Es wird von al-Zawahiri geführt, doch dessen Autorität ist mehr als fragwürdig und er hat Schwierigkeiten sich bei den verschiedenen Al-Qaida-Filialen und –Ablegern durchzusetzen. Diese Netzwerkstruktur ist einerseits eine Stärke, da sie sehr schwer zu zerstören ist, und andererseits eine Schwäche, weil die Organisation damit an Wirkung und Einfluss einbüßt. So gesehen ist al-Zawahiri eher als ferner ideologischer, denn als Führer Vorort zu verstehen, der zur Aufgabe hat, das Leitbild Al-Qaidas zu definieren, welches mit autonomen und vereinzelten agierenden Terrorzellen mit jeweiligen Regionalkommandeuren weltweit operiert.
Demgegenüber hat der Islamische Staat seit der Ausrufung des Kalifats eine zentralisierte Struktur mit einem Gebiet und einem Anführer, al-Baghdadi, an der Spitze, der seine Position durch einen autoritären Führungsstil festigen konnte. Er steht über allen und bestimmt das Geschehen in der Terrororganisation. Nach außen hin versucht der IS jedoch, ein anderes Bild zu vermitteln: „Was der IS mit seiner Fahne, dem Symbol des erhobenen Zeigefingers und den Bildern anonymer Kämpfer in den Medien darstellen will, ist die Bewegung selbst“. Dabei versucht der IS vordergründig das umzusetzen, was al-Qaida strukturell immer schon wollte: Das Element der Basis. Hier wird zuerst der Anspruch einer Volksbasis erhoben. Noch wichtiger aber ist die territoriale und militärische Basis. Das Kalifat umfasst aktuell Großteile von Syrien und des Nordiraks, möchte sich aber bis hin zum Libanon, den palästinensischen Autonomiegebieten und Jordanien ausdehnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel innerhalb der dschihadistischen Szene anhand der Pariser Anschläge und skizziert die aufkommende Konkurrenzsituation zwischen Al-Qaida und dem Islamischen Staat.
2. Historische Genese der islamistischen Terrororganisationen: Dieses Kapitel zeichnet die Entstehung von Al-Qaida aus dem antisowjetischen Jihad sowie die Entwicklung des Islamischen Staates aus der irakischen Abspaltung von Al-Qaida nach.
3. Ein auf Unterschiede aufgebautes Verhältnis zwischen Neid und Anerkennung: Der Hauptteil analysiert die diametralen Unterschiede in Organisationsstruktur, Ideologie, Strategie sowie der modernen Mediennutzung und dem Generationswandel zwischen den beiden Organisationen.
4. Folgen und Konsequenzen des Bruderkampfes: Hier werden die verheerenden Auswirkungen auf die regionale Stabilität im Nahen Osten sowie die Konsequenzen der Rivalität für die internationale Sicherheitslage und das globale Bedrohungsszenario diskutiert.
5. Fazit und Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass sich Al-Qaida als Organisation der alten Garde gegenüber dem postmodernen, brutal agierenden Islamischen Staat in einer Schwächephase befindet, was zu einer langwierigen, ambivalenten Rivalität führt.
6. Literaturverzeichnis: Umfasst eine detaillierte Auflistung der verwendeten Monographien, Aufsätze, Analysepapiere sowie Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, die als Grundlage für die wissenschaftliche Untersuchung dienten.
Schlüsselwörter
Al-Qaida, Islamischer Staat, Dschihadismus, Terrornetzwerk, Ideologie, Naher Osten, Kalifat, Rivalität, Strategie, Mediennutzung, Generationenwechsel, Sicherheitspolitik, Extremismus, Sunniten, Schiiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ambivalente und konfliktgeladene Verhältnis zwischen den zwei führenden islamistischen Terrororganisationen Al-Qaida und dem Islamischen Staat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Genese, die strukturellen sowie ideologischen Unterschiede, der mediale Auftritt und die weitreichenden sicherheitspolitischen Konsequenzen dieser Rivalität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, einen Vergleich der beiden Netzwerke zu ziehen, um zu erklären, warum sie in eine Konkurrenzsituation geraten sind und welche Auswirkungen dies auf die globale Sicherheit hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse, die historische Ereignisse, strategische Dokumente und Expertenanalysen heranzieht, um die Entwicklung der Organisationen zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Führungsstrukturen, die divergierenden Ansätze beim Kampf gegen den „nahen“ oder „fernen“ Feind sowie die verschiedenen Ansätze in der Rekrutierung und Propaganda.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Dschihadismus, Kalifat, Terrornetzwerk, Ideologie, Konkurrenz, Medienkommission und sicherheitspolitische Destabilisierung.
Wie unterscheidet sich die mediale Strategie von Al-Qaida und dem Islamischen Staat?
Während Al-Qaida primär auf lange, qualitativ eher einfache Videobotschaften setzt, nutzt der Islamische Staat moderne, cineastisch aufbereitete Propagandavideos und soziale Medien, um ein jüngeres Publikum effektiver anzusprechen.
Warum wird das Verhältnis der beiden Organisationen als schizophren bezeichnet?
Das Verhältnis ist geprägt von einer Mischung aus Hass, Neid und gegenseitiger Anerkennung, was sich sowohl in scharfen Verurteilungen als auch in gelegentlichen, strategischen Annäherungsversuchen widerspiegelt.
- Citation du texte
- Lukas Münster (Auteur), 2016, Islamistische Terrororganisationen im Vergleich. In welchem Verhältnis steht Al-Qaida zum "Islamischen Staat"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468445