Muslime im liberalen Westen. Eine bevormundete Minderheit?

Eine Auseinandersetzung mit ausgewählten Thesen in Anne Nortons Werk "On the Muslim Question"


Bachelorarbeit, 2018

63 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Bundesrepublik Deutschland als Zielland von muslimischer Immigration

2 Einblick in Nortons Werk On the Muslim Question

3 Rekonstruktion ausgewählter Thesen Nortons zur Relation des Westens zu Muslimen
3.1 Meinungsfreiheit in westlichen Gesellschaften
3.1.1 Konnotierte Meinungsfreiheit
3.1.2 Missbrauch der Meinungsfreiheit im Umgang mit Muslimen
3.2 Perzeption von Sexualität im Westen
3.2.1 Allgemeine Kritik zu Umgang und Wahrnehmung von muslimischer Sexualität im Westen
3.2.2 Transparenzdruck hinsichtlich Erscheinungsbild und Zurschaustellung des femininen Körpers
3.2.3 Veranschaulichung westlicher Doppelmoral hinsichtlich Sexualität am Beispiel des Umgangs mit Homosexualität
3.3 Demokratieverständnis des Westens
3.3.1 Demokratiefähigkeit des Islam
3.3.2 Ausbaufähigkeit des westlichen Demokratieverständnisses
3.4 Zwischenfazit: Kritik Nortons an westlichen Verhaltensweisen gegenüber Muslimen

4 Diskussion der Thesen Nortons zum Verhältnis des Westens zu Muslimen
4.1 Umgang mit dem Grundrecht Meinungsfreiheit in liberalen Gesellschaften
4.2 Aufeinanderprallen von religiös geprägtem und liberalem Frauenbild
4.3 Konservative vs. liberale Perzeption von Homosexualität
4.4 Fähigkeit von Muslimen zum Bekenntnis zu Demokratie und Säkularismus
4.5 Zwischenfazit: Eingeschränkte Haltbarkeit der Thesen Nortons

5 Folgerungen für den Umgang mit Muslimen und deren Integration in westliche Gesellschaften am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland
5.1 Erschweren der Integration durch kulturell gewachsene liberale Praxis
5.2 Forderungen an Muslime in puncto Integration
5.3 Grundgesetz als Basis für Integration und Zusammenleben

6 Keine Bevormundung von Muslimen in liberalen Gesellschaften des Westens

1 Bundesrepublik Deutschland als Zielland von muslimischer Immigration

Die Bundesrepublik Deutschland ist seit dem Wiederaufbau nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein populäres Zielland von muslimischen Migranten. In den 1960er Jahren wurden beispielsweise Gastarbeiter aus der Türkei angeworben, die sich im Anschluss an oder im Rahmen ihrer Gastarbeitertätigkeit häufig in Deutschland niedergelassen haben. Seit dieser Zeit sind immer wieder Muslime aus unterschiedlichsten Motiven nach Deutschland immigriert. In jüngster Zeit wurde das Thema muslimische Immigration in Deutschland vor allem durch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ um die Jahreswende 2015/2016 in den Fokus der politischen, gesellschaftlichen und medialen Aufmerksamkeit gerückt. Der Zuzug einer großen Anzahl überwiegend muslimisch geprägter Migranten, die ihre Heimatländer in Afrika oder dem Nahen Osten aus unterschiedlichsten Gründen verlassen haben, hat im politischen, gesellschaftlichen und medialen Diskurs eine lebhafte und kontroverse Debatte über muslimische Migration im Allgemeinen und hinsichtlich Flüchtlingen im Speziellen ausgelöst: Wer darf bleiben, wer nicht? Müssen sich die Neuankömmlinge in die deutsche Gesellschaft integrieren und wenn ja, wie? Sollen auch jene integriert werden, die keine Bleibeperspektiven haben? Wie geht die liberale Gesellschaft und vor allem die Politik mit Migration, Integration und generell mit Muslimen um? Ist die muslimische Kultur kompatibel zur liberalen westlichen Kultur Deutschlands? Wird Deutschland oder Europa gar schleichend islamisiert?

Auch die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne Norton befasst sich mit ähnlichen Fragen zum Verhältnis zwischen Muslimen und dem liberalen Westen. In ihrem Werk On the Muslim Question1 beleuchtet und kritisiert sie dieses Verhältnis, wobei Norton vor allem Umgang mit und Wahrnehmung von Muslimen im Westen thematisiert. Ferner erarbeitet Norton eigene Thesen, mittels denen Sie das besagte Verhältnis beleuchtet und dabei westliche Perzeptionen und Verhaltensweisen überwiegend kritisiert. Die vorliegende Arbeit verwendet On the Muslim Question als Ausgangsbasis, um folgende Frage zu untersuchen: Werden Muslime im liberalen Westen als Minderheit bevormundet und folglich benachteiligt, mitunter auch durch die Werte und Wertvorstellungen der liberalen Gesellschaft bzw. deren Auslegung oder Anwendung selbst? Die Untersuchung baut dabei auf drei ausgewählte Thesen Nortons zum Verhältnis des Westens zu Muslimen hinsichtlich des Umgangs mit bzw. der Wahrnehmung von Meinungsfreiheit, Sexualität und Frauenbildern und Demokratie auf.

Der Fokus auf eine Untersuchung der Perzeption von Muslimen in westlichen liberalen Gesellschaften erscheint sinnvoll, da Muslime seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in jenen Gesellschaften verstärkt mit kritischen Augen beobachtet und bewertet werden. Seitdem wird Muslimen im Westen – ausgelöst mitunter auch durch die ab dato dezidiert wahrgenommene Gefahr des islamistischen Terrorismus – mit verschiedenen Ressentiments begegnet, beispielsweise mit Angst, verschiedenen Vorurteilen oder gar offener Ablehnung. In Europa im Allgemeinen und der Bundesrepublik Deutschland im Speziellen ist die Thematik um Muslime seit der eingangs erwähnten „Flüchtlingskrise“ verstärkt in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt, wodurch das Thema auch in Wissenschaft und Forschung wieder zunehmend relevant wird. Gesellschaften in ganz Europa fragen sich, wie mit muslimischen Migranten in der eigenen Gesellschaft umzugehen ist. Die Frage nach der Kompatibilität bzw. Inkompatibilität von muslimischen kulturell-religiös geprägten Wert- und Lebensvorstellungen auf der einen Seite zur westlichen liberalen Weltanschauung auf der anderen ist hier gewichtig. Da sich auch Norton mit solchen Fragen verstärkt befasst, macht es Sinn, beides – also den Diskurs über Muslime im Westen und Europa mit den Thesen Nortons zum gleichen Thema – miteinander zu verknüpfen.

Entsprechend ist auch die Literatur zur vorliegenden Arbeit ausgewählt worden. Sie gibt einen Überblick über den soziopolitischen Diskurs über von Norton thematisierte westliche Werte, deren Ausgestaltung sowie über deren Perzeption und Auslegung gegenüber Muslimen. Im Einzelnen tangieren diese Meinungsfreiheit, Sexualität, Frauenbilder, Homosexualität sowie die Auslegung von Demokratie und Demokratiefähigkeit. Leitend ist hinsichtlich der Literaturauswahl der explizite Bezug auf Muslime respektive dem Islam. Sofern dies möglich ist, werden sowohl westliche wie muslimische Autoren gleichermaßen in den Diskurs mit eingebunden. Es kommen auch Arbeiten und Autoren zum Einsatz, welche einzelne Aspekte der untersuchten Schwerpunkte nicht primär für den wissenschaftlichen Diskurs aufarbeiten. Dies dient dem Zweck, nicht nur den wissenschaftlichen, sondern auch den gesellschaftlichen bzw. politischen Diskurs über Themen wie Sexualität und Frauenbilder abseits der wissenschaftlichen Forschung mit in die Untersuchung einzubeziehen.

Der Hauptteil der Arbeit gliedert sich in vier Teile: zunächst wird ein grober Überblick über Nortons Werk On the Muslim Question gegeben. Im Anschluss daran werden drei ausgewählte Thesen Nortons zunächst rekonstruierend vorbereitet, damit jene im darauffolgenden Teil kritisch diskutiert werden können, indem deren Haltbarkeit anhand weiterer Perspektiven von dritten Autoren überprüft und herausgearbeitet wird. Der letzte Teil des Hauptteils zeigt mögliche Folgen für die Integration von Muslimen im Westen am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland auf, die sich aus der vorangehenden Diskussion um Nortons Thesen ableiten lassen. Der Schluss der Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und formuliert eine mögliche Antwort auf die untersuchte Fragestellung.

2 Einblick in Nortons Werk On the Muslim Question

Norton2 3 macht bereits in ihrer Einleitung deutlich, welche Tragweite sie der Muslimfrage in westlichen Gesellschaften4 zubilligt: „The Jewish question was fundamental for politics and philosophy in the Enlightenment. In our time, as the Enlightenment fades, the Muslim question has taken its place“. Sie knüpft damit hinsichtlich der Muslimfrage Parallelen zur Akzeptanz und Integration von Juden in westliche Gesellschaften zu und seit den Zeiten der Aufklärung. Dies hat liberale Gesellschaften des Westens ihrer Meinung nach insgesamt politisch und gesellschaftlich vorangebracht, indem durch die Gleichberechtigung von Juden liberale Werte für diese Gesellschaften insgesamt gestärkt worden sind. Entsprechend sieht Norton den Umgang mit Muslimen im Westen als entscheidend für die weitere Entwicklung des liberalen Westens und dessen Werten – Norton nennt unter anderem die Rechtsordnung, aber auch die Entwicklung im Umgang mit Sexualität, Säkularismus oder Demokratie – an5.

Norton baut ihr Werk in zwei Teilen auf. Der erste Teil thematisiert die Muslimfrage in liberalen westlichen Gesellschaften hinsichtlich der Schwerpunkte Meinungsfreiheit, Sex und Sexualität, Frauen und Krieg, Terror, Gleichheit und Demokratie. Dieser Teil ist mehr theoriegeleitet und hinsichtlich der hier ausgewählten Thesen Nortons essenziell. Der zweite Teil umfasst vier Kapitel, in welchen sie sich der Muslimfrage mehr praxisbezogen nähert. Hier greift Norton vorwiegend die von ihr wahrgenommenen Probleme, welche Muslime in westlichen Gesellschaften praktisch ausgesetzt sind, auf. Dieser Teil ist für die vorliegende Arbeit weniger von Bedeutung und wird im Folgenden vernachlässigt.

Obwohl Muslime, die im Westen leben, für Norton immer der zentrale Dreh- und Angelpunkt sind, betrachtet Norton nicht muslimisches Leben im Westen, sondern die liberalen Gesellschaften des Westens selbst, die mit Muslimen umgehen müssen. Dabei liegen die eigentlichen Gründe für die Problematiken um Muslime nach Ansicht Nortons nicht bei den Muslimen, sondern bei den Gesellschaften des Westens mit ihrer historisch gewachsenen liberalen Prägung selbst. Tütüncü6 lobt vor allem die interdisziplinäre und relativ unvoreingenommene Herangehensweise Nortons an die Thematik um Muslime im Westen sowie generelle Schlussfolgerungen Nortons zum Umgang mit Muslimen. Rufai7 resümiert: „[In] a rigorous and highly revelatory study based on documentary research and extensive fieldwork, Anne Norton has written a rich book [ On the Muslim Question ] on the real questions of our time from which our attention has drifted. It is a well-grounded eye-opening account on the travails of Muslims in the context of today. Anne Norton, by this work, is undebatably an early bird in the dawn chorus of studies providing fresh perspectives on issues concerning Muslims in a world dominated by Western influence“.

Nortons Arbeit bildet für die vorliegende Arbeit eine ideale Ausgangsbasis, um sich der Thematik um Muslime im Westen – oder wie Norton es nennt: der Muslimfrage – zu nähern: sie ermöglicht einerseits durch Nortons eher unkonventionelle Herangehensweise ausreichend Raum für kontroverse Diskussionen, ist andererseits aber auch, gemessen am aktuellen Zeitgeschehen, von nicht unerheblicher gesellschaftspolitischer Relevanz für die Gesellschaften des Westens und damit auch für jene der Bundesrepublik Deutschland. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird eine Auswahl von Nortons Thesen zunächst rekonstruiert.

3 Rekonstruktion ausgewählter Thesen Nortons zur Relation des Westens zu Muslimen

Dieses Kapitel befasst sich mit drei ausgewählten Thesen Nortons, die sich besonders für einen wissenschaftlichen Diskurs in Bezug auf die untersuchte Fragestellung der Arbeit eignen. Im Einzelnen sind dies Nortons Positionen zu Meinungsfreiheit, Sexualität und Geschlechterrollen sowie zu Demokratie. Die folgende Rekonstruktion dient dem Überblick und der Vorbereitung der Thesen Nortons für den Diskurs jener im darauffolgenden Teil der Arbeit. Die Rekonstruktion orientiert sich grundsätzlich am strukturellen Aufbau von On the Muslim Question, weicht aber immer dann von Nortons eigener Struktur ab, wenn bzw. wo dies im Rahmen der Vorbereitung auf eine diskursive Auseinandersetzung mit den Thesen erforderlich erscheint. Ferner ist diese Rekonstruktion trotz ihres zusammenfassenden Charakters verhältnismäßig ausführlich, was dem Zweck dient, einerseits die Positionen Nortons explizit zu verdeutlichen, andererseits ebenjene auch bei geringer oder keiner Kenntnis von On the Muslim Question sowohl verstehbar als auch bewertbar zu machen. Begonnen wird mit Nortons Perzeption von Meinungsfreiheit im Westen.

3.1 Meinungsfreiheit in westlichen Gesellschaften

Ein Kapitel des ersten Teils ihrer Arbeit widmet Norton der Meinungsfreiheit („Freedom of Speech“)8. Im Wesentlichen vertritt sie darin zwei zentrale Positionen, die im Folgenden aufgearbeitet werden. Hierbei muss beachtet werden, dass beide Positionen eng miteinander verknüpft sind und sich in Nortons Argumentation nicht immer trennscharf unterscheiden lassen.

3.1.1 Konnotierte Meinungsfreiheit

Norton postuliert, dass Meinungsäußerungen in westlichen Gesellschaften – entgegen den theoretischen Annahmen in einer liberalen Gesellschaft – in der praktischen Anwendung nicht frei sind, sondern immer mit konnotierenden Attributen versehen sind bzw. werden. Diese können einerseits Vorurteile sein, andererseits aber auch mit historisch gewachsenen Praktiken und Ansichten verbunden sein, die in der jeweiligen liberalen Gesellschaft als wünschenswert oder als „normal“ angesehen werden.

Ersteres erläutert Norton an Beispielen wie den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie (Die satanischen Verse), den niederländischen Regisseur Theo van Gogh (Submission), den dänischen Karikaturenstreit9 sowie dem französischen Satiremagazin Charlie Hebdo. Ihre Kritik richtet sich dabei einerseits gegen die Werke besagter Autoren bzw. Institutionen, andererseits aber auch gegen die darauffolgenden westlichen – vor allem medialen – Reaktionen auf Erwiderungen seitens Muslimen zu umstrittenen Schriften, Satiren oder Karikaturen. Norton10 ist überzeugt davon, dass viele westliche Werke, Autoren und Kommentatoren, für die sie die vorgenannten Beispiele stellvertretend nennt, grundsätzlich „Muslims – some Muslims, fundamentalist Muslims, extremist Muslims, or, simply, Muslims – as the enemies of free speech“ brandmarken. Sie wirft hier insbesondere westlichen Medien vor, in ihren Reaktionen auf muslimische Kritik gegenüber künstlerischen Meinungsäußerungen nicht ausreichend zwischen verschiedenen Typen von Muslimen zu unterscheiden, die jene Kritik äußern. So wird beispielsweise überwiegend nicht zwischen einfachen Bürgern, politisch Aktiven oder gar Extremisten unterschieden, wodurch bewusst die Entstehung und Begünstigung von Vorurteilen hinsichtlich Muslimen zumindest fahrlässig in Kauf genommen wird11.

Doch auch die eigentlichen Werke von Salman Rushdie, Theo van Gogh, Charlie Hebdo sowie die dänischen Karikaturen kritisiert Norton dahingehend, dass man jene Werke – Norton erläutert dies insbesondere am Beispiel Rushdies – zwar als von der Meinungsfreiheit gedeckt betrachtet, Muslimen aber nicht die gleiche Freiheit und den daraus folgenden Schutz zugesteht, wenn diese sich offen gegen jene Werke aussprechen. Rushdie hat unter andrem auch dadurch Berühmtheit erlangt, weil dessen Werk unter Muslimen so hohe Wellen geschlagen hat, dass sich Irans damaliger oberster religiöser Führer, Ayatollah Khomeini dazu veranlasst gesehen hat, ein Kopfgeld auf Rushdie auszusetzen und Muslime in aller Welt zu dessen Ermordung aufzurufen. Doch hier haben sich, so Norton weiter, Muslime – entgegen der mit Khomeinis Äußerungen aufkommenden Vorurteile – mit Rushdie solidarisiert, diesen sogar aktiv beschützt, gegebenenfalls auch trotz Abneigung gegen dessen Werke12. Gogh, der Zeit seines Lebens vor allem durch seine vulgären Äußerungen, seine grobschlächtigen verbalen Abwertungen gegen Muslime und seinen allgemeinen Lebensstil stark in die Kritik geraten ist, ist – mutmaßlich als Reaktion auf seinen umstrittenen Film Submission – von einem muslimischen Einzeltäter in Amsterdam ermordet worden. Norton13 bezeichnet Gogh deshalb gar als „martyr to free speech“. Sie sieht in ihm einerseits einen notorischen Provokateur, andererseits aber auch eine Art Symbol für das „Amsterdam of cannabis and copulation“14, also das sexuell freizügige, liberale und auf Konsum ausgerichtete Amsterdam, ein Sinnbild für liberale Ausdrucks- und Meinungsfreiheit. Weiter geht Norton davon aus, dass diese Freiheiten exemplarisch mit dem Mord an Theo van Gogh, verübt von einem Muslim, von liberalen Westlern als bedroht perzipiert werden. Doch geht das eigentliche Bedrohungsempfinden nach Ansicht Nortons nicht von Muslimen oder dem Islam aus, sondern von der westlichen Gesellschaft selbst, die sich beispielsweise durch den Mord an Gogh an eine „past of war, poverty, religion, and repression“15 erinnert fühlt, also an etwas jenseits von Meinungs- und Ausdrucksfreiheit, das als überwunden geglaubt wird16. Norton17 konstatiert dazu: „The presence of the immigrants is the presence of the past“.

Konnotationen sind demnach also sowohl hinsichtlich der Meinungen selbst, wie auch der gesellschaftlichen Grundlage der Meinungsbildung – vor allem in Bezug auf die Akzeptanz von als wünschens- oder erstrebenswert geltenden Meinungen – vorhanden. Norton bemängelt in diesem Zusammenhang vor allem dem Umstand, dass es im Westen zwar im Rahmen der freien Meinungsäußerung als berechtigt angesehen wird, beispielsweise religiöse Praktiken von Muslimen oder den Islam im Allgemeinen zu kritisieren, man auf der anderen Seite aber den auf solche Kritik folgenden Reaktionen seitens Muslimen nicht den gleichen Stellenwert in Sachen Meinungsfreiheit wie Ersterem zubilligt. Es bestehe also ein Gefälle zwischen der Akzeptanz von Meinungen, weil die Meinungsfreiheit mit speziellen Attributen versehen ist, die Äußerungen klassifizieren (wünschenswerte, abzulehnende) und hierarchisieren (gute, schlechte).

In Verbindung mit solchen Konnotationen weist Norton noch auf einen weiteren Aspekt der Meinungsfreiheit in westlichen Gesellschaften hin, nämlich auf jenen, dass die Meinung selbst trotz Meinungsfreiheit in der liberalen westlichen Gesellschaft nicht wirklich frei ist, sondern immer an gewisse historisch gewachsene kulturelle Praktiken und Wertvorstellungen gebunden ist, welche häufig – aber nicht immer – in einer Rechtsordnung kodifiziert sind. Es sei eine „comforting illusion that the West is the realm of freedom of speech“18. Die Meinungsfreiheit werde in unterschiedlichen westlichen Gesellschaften unterschiedlich gehandhabt: So ist es beispielsweise nach der geltenden Rechtsordnung in Deutschland verboten, den Holocaust zu leugnen, in den USA wiederum fällt dies unter eine freie Meinungsäußerung und ist nicht rechtlich sanktioniert19. Welche Meinung als „zivilisiert“ gilt und welche nicht, bestimmt letztendlich die jeweilige westliche Gesellschaft – unabhängig vom Idealzustand, seine Meinung immer frei äußern zu können. Schlussendlich unterstellt Norton dem Westen deshalb eine gewisse Doppelmoral, die durch viele Kompromisse in Sachen Meinungsäußerung deutlich wird. Vor allem sieht sie es als gegeben an, dass man im Westen überwiegend geneigt ist, die Meinungsfreiheit gegen den Islam zu verteidigen, Muslimen aber nicht eine gleichwertige Verteidigung ihrer Ansichten im Rahmen der Meinungsfreiheit zugesteht, also ihre eigenen kulturell wie religiös gewachsenen Wertvorstellungen zu vertreten und zu verteidigen, beispielsweise sich offen gegen Homosexualität zu äußern20.

3.1.2 Missbrauch der Meinungsfreiheit im Umgang mit Muslimen

Eng mit der konnotierten Meinungsfreiheit ist für Norton auch der Zustand verbunden, dass Meinungsfreiheit gerade im Umgang mit Muslimen häufig missbräuchlich – also gegen Muslime – verwendet wird, um jene unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit bewusst zu provozieren, z. B. hinsichtlich ihrer Glaubensüberzeugungen oder kulturellen Praktiken.

Norton erläutert diese Behauptung vor allem an den dänischen Mohammed-Karikaturen. Sie beleuchtet zunächst die Entstehungsgeschichte um die Karikaturen und stellt fest, dass diese zwar von Muslimen überwiegend abgelehnt worden sind, aber die Erstveröffentlichung jener trotz Verbreitung und Kritik seitens Muslimen noch keinen Eklat unter diesen ausgelöst habe. Protest habe sich laut Norton auf das Verbale beschränkt und ist ursprünglich nicht gewalttätig gewesen. Sie unterstellt den Verantwortlichen für die Karikaturen, deren Verbreitung in immer weitere Kreise, auch weit über Dänemark hinaus, forciert zu haben, nachdem vermeintlich „gewünschte“ Reaktionen seitens Muslimen – d. h. letztendlich gewalttätige Proteste – ausgeblieben sind. Diese Reaktionen sind dann im Nachhinein in mehrheitlich muslimischen Ländern dennoch eingetreten. Norton verurteilt hier vor allem die darauf erfolgte mediale Berichterstattung in westlichen Medien, die sich mehr auf Sensation und Opferzahlen fokussiert hat, als die eigentlichen Gründe des Protests konstruktiv zu beleuchten21. Ferner bescheinigt Norton westlichen Beobachtern auch Unschärfen in ihrer Perzeption der Proteste und Opfer. Unter anderem begründet sie dies damit, dass die Proteste um die Karikaturen als Ursache zu weit weniger Toten geführt haben, als dies in westlichen Medien dargestellt worden ist. Dies hat ihrer Meinung nach auch insbesondere zu einer bewusst provozierenden Berichterstattung zum Nachteil von Muslimen geführt. Unter dem Deckmantel des Schutzes der freien Meinungsäußerung seien so mitunter vorsätzlich, zumindest aber fahrlässig Ressentiments gegen Muslime geschürft worden22.

Norton sieht die eigentliche Gefahr für die Meinungsfreiheit in unserer heutigen Zeit darin begründet, dass es nicht mehr darum geht, Meinungen zu unterdrücken, sondern darum, möglichst alles sagen zu können, gar alles sagen zu müssen. Sie selbst ist jedoch der Meinung: „[T]rue freedom of speech require[s] not only the freedom to speak, but also the freedom to keep silent“23. Nach Nortons24 Ansicht hat es die moderne westliche Zivilisation verlernt, still zu bleiben25, weil sie durch die hochgerüstete moderne Medienkultur impulsiv und permanent animiert wird, sich mitzuteilen: „We are expected to speak, and speak endlessly, of matters once thought wholly private“. Gerade aber diese Entwicklung führe in Kombination mit der konnotierten Meinungsfreiheit zum Umstand, nach dem sich Muslime an „speak skrips“ und „compulsory speech akts“26 halten müssen, die ihnen westlich-liberale Gesellschaften aufoktroyieren. Dies wiederum führe zu einem gesellschaftlichen Diskursfeld, dass Muslime nahezu immer – ex- wie implizit – diskriminiert: „Speech is said to be „free speech“ when – and only when – it is used to attack Muslims, Islam, or the Koran“27. Norton28 schließt ihre Überlegungen zur Meinungsfreiheit mit den Worten: „If we are to protect freedom of speech and expression effectively, we must recognize that the greatest threats now come not from those who would silence speech, but from those who would dictate just what it is we have to say“. Zusammenfassend lässt sich somit behaupten, dass in der Perspektive Nortons die konnotierte Meinungsfreiheit regelmäßig immer dann in Missbrauch von Meinungsfreiheit mündet, wenn Muslime Gegenstand oder Ziel des Diskurses sind29. Im Anschluss daran werden Nortons Perzeptionen zum Umgang mit und zur Wahrnehmung von Sexualität im Westen rekonstruiert.

3.2 Perzeption von Sexualität im Westen

Im zweiten Kapitel von On the Muslim Question widmet sich Norton30 der Muslimfrage im Westen hinsichtlich Sexualität und damit verbundener Phänomene wie Verschleierung oder Homosexualität. Ihre Thesen werden zur besseren Handhabbarkeit im weiteren Verlauf der Arbeit in drei Kategorien gruppiert, die im Folgenden zusammenfassend aufgearbeitet werden.

3.2.1 Allgemeine Kritik zu Umgang und Wahrnehmung von muslimischer Sexualität im Westen

Norton kritisiert allgemein die Perzeption der gelebten Sexualität von Muslimen im Westen heftig31: Sie bezieht sich dabei explizit auf Arbeiten (bzw. Äußerungen) von Susan Okin, Slavoj Žižek, Ayaan Hirsi Ali oder Theo van Gogh. Jenen unterstellt sie eine grundsätzliche, teils extreme Antipathie gegen den Islam. Besagte Autoren stellen den Islam in ihren Werken respektive Äußerungen überwiegend als frauenfeindliche Religion dar, die Frauen explizit unterdrücke, die Stellung der Frau in islamisch geprägten patriarchalischen Gesellschaften entwerte und Frauen in jedweder Weise religiös, sozial und/oder politisch benachteilige. Norton sieht den Islam ablehnende Wahrnehmungen aber auch in der Politik westlicher Gemeinwesen wiedergespiegelt. Sie kritisiert hier vor allem die Positionen der politischen Rechten, für welche sie den Niederländer Geert Wilders stellvertretend nennt. Aber auch seriösen Politikern wie dem ehemaligen englischen Premierminister David Cameron, dem ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und sogar der amtierenden deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstellt sie die zumindest teilweise respektive zeitweise Übernahme von ablehnenden Perspektiven und Ansichten gegenüber dem Islam32.

Besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich ihrer allgemeinen Kritik widmet Norton Ayaan Hirsi Ali und ihrer Zusammenarbeit mit dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh an dessen umstrittenen Film Submission33 . Die proklamierte Intention von Hirsi Ali sowie Gogh, Submission als „a defense of women against assaults mandated by the Koran“ zu präsentieren, teilt Norton34 nicht. Sie erkennt zwar an, dass Hirsi Ali darin mitunter berechtigterweise ihre eigene Lebensgeschichte sowie ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Islam in künstlerischer Form aufarbeitet, jedoch in der Ausführung weit über das Ziel hinausschießt: „For all their willingness to provoke, even to outrage, that was a step too far for Hirsi Ali and van Gogh“35. Auch wenn sie die provozierenden Elemente des Films überwiegend auf den Einfluss von Gogh zurückführt, verurteilt Norton dennoch die provokative, einseitige und voreingenommene Darstellung von Frauen unter dem Islam in Submission, für jene Hirsi Ali quasi Kraft ihres eigenen Lebensweges als Gallionsfigur fungiert. Dazu bemerkt sie: „In Submission, sex is pleasure and freedom. This text [gemeint ist der Einfluss Theo van Goghs] stands in sharp contrast to the meaning of sex and violence in the life of Ayaan Hirsi Ali3637. Gerade dieser Kontrast zwischen den eigentlich seriösen Intentionen Hirsi Alis – der Warnung vor den religiösen, sozialen und politischen Folgen eines fundamentalistisch ausgelegten Islam – und der vulgären, provokanten und als plump geltenden filmischen Darstellungsweise eines Theo van Gogh führt Norton letztendlich zu einer Verurteilung des Gesamtwerks, da dieses eine völlig verzerrende Wirkung auf Betrachter entfalte und falsche Konnotationen vermittele. Nach Norton38 reduziert diese Darstellung die eigentliche Problematik auf eine „simple lesson[:] […] the Koran is bad; […] Islam harms women; sex is pleasure and freedom“, die nicht wünschenswert sein kann. Submission ist nach Meinung Nortons ein stellvertretendes Beispiel für viele weitere ablehnende respektive abwertende Äußerungen von westlich-liberalen Dritten über bzw. gegen den Islam als Religion sowie als Grundlage und Legitimation kultureller Praktiken von Muslimen39.

3.2.2 Transparenzdruck hinsichtlich Erscheinungsbild und Zurschaustellung des femininen Körpers

Unter dem Titel „What We Vail“ kritisiert Norton40 westliche Perzeptionen bzw. Haltungen zur religiös praktizierten Verschleierung41 von Muslimen. Sie behauptet, dass muslimische Frauen, die sich verschleiern, in westlichen Gesellschaften einem permanenten Transparenzdruck ausgesetzt sind, da diese – anders als ihre westlichen Pendants – ihren Körper durch die Verschleierung nicht oder zumindest nicht vollständig „zur Schau“ stellen.

Norton42 geht in ihrer Argumentation nicht auf die Gründe sowie die damit verbundenen Intentionen muslimischer Frauen ein, sich – in welcher Form auch immer – zu verschleiern, sondern betrachtet nur die Wahrnehmungen im Westen, die mit der Verschleierung einhergehen: „We do not know what moved her43 to veil herself, what part of that veiling is promoted by others, what part is her own choice. […] Whatever her intention, the veil will draw the gaze. For Muslims, the veil is more legible, more visible as a text“. Entsprechend vielfältig sind auch die Interpretationsmöglichkeiten zur westlichen „Leseart“ der Verschleierung. Diese haben meist Ängste zu vermeintlichen oder konkreten Bedrohungen zum Gegenstand, die mit Verschleierung verbunden werden: Dabei umfasst die Spanne möglicher Bedrohungen solche der öffentlichen Sicherheit und Ordnung44 bis hin zu Vorstellungen über Hierarchie in patriarchalischen Gesellschaften oder gar Ablehnung westlicher Werte. Norton greift diesbezüglich auch die Perspektive des Philosophen Alain Badiou auf. Jener verbindet Sexualität und Verschleierung mit der im Westen vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Verschleierte Frauen zeigen – im übertragenen Sinne – also nicht, was sie auf dem Markt anzubieten haben, indem sie ihre weibliche Physiognomie und damit ihre weiblichen Reize bewusst verbergen. Auch orientiert sich nach Badiou gelebte Sexualität und auch Heirat im Westen verstärkt an wirtschaftlichen Faktoren, beispielsweise an Einkommen und Vermögen. Dazu Norton45 weiter: „The veil, Badiou argues, is neither a sighn of submission nor armor against the male gaze. By hiding the womans’s body, veiling challenges capitalism and the commodification of female sexuality“. Verschleierung erwecke im Westen dahingehend Ressentiments, weil das „Angebot“ einer verschleierten Frau nicht sichtbar und in der Folge unbekannt ist. Diese Unberechenbarkeit und die damit einhergehende Undurchsichtigkeit löse, analog zum kapitalistischen Markt, Ängste und Nervosität unter westlichen Betrachtern aus.

Schlussendlich bringt Norton noch einen weiteren Blickwinkel ins Spiel: „The veil is also profoundly erotic. The veil draws Western eye because it markst he wearer as sexual“46. Es ist also gerade auch das Intransparente, das in sonst offenen und transparenten Gesellschaften des Westens auf eine pervertierte Art Aufmerksamkeit erzeugt. „Perhaps that is why the veil troubles and fascinates“, führt Norton47 diesen Gedanken weiter aus. Die Verschleierung fordere insoweit ureigene Werte westlicher Gesellschaften heraus, nämlich die der Transparenz und Offenheit, was zu einem Spannungsverhältnis führe: einerseits durch westliche Gesellschaften ausgeübter Transparenzdruck, andererseits die bewusste Ablehnung von Transparenz durch die von Muslimas praktizierte Verschleierung selbst48.

3.2.3 Veranschaulichung westlicher Doppelmoral hinsichtlich Sexualität am Beispiel des Umgangs mit Homosexualität

Besonders im Umgang mit Homosexualität wirft Norton dem Westen – und hier explizit Europa – letztendlich eine vorurteilsbehaftete Doppelmoral vor: Auf der einen Seite präsentiert sich Europa in Bezug auf den Umgang mit Sexualität als „open, unregulated, individually determined, an irreligious“, auf der der anderen Seite werden die meisten Muslime als „culturally and religiously conservative in sexual matters“ wahrgenommen, wobei zugleich allerdings „a wide range of religious, cultural, and personal varitation“ bewusst ignoriert zu werden scheint49. Norton weißt weiter darauf hin, dass auch in Europa selbst implizit noch eine eher konservative Perzeption von Sexualität – insbesondere Homosexualität – vorherrscht. Dazu bemerkt sie: „The presence of sexually conservative Europeans is denied and diminished. Their political power is concealed even as it expands. They are even ocassionally presented to liberal observers as liberal and progressive“50.

Norton illustriert diese Problematik an den Beispielen des niederländischen Politikers Pim Fortuyn sowie Bruce Bawers, einem US-amerikanischen Aktivisten der Schwulenbewegung. Fortuyn, der sich selbst zu seiner Homosexualität offen bekannte, wurde auch gerade deshalb nach Meinung Nortons zum Symbol für ein offenes, selbstbestimmtes und erfolgreiches Europa, weil er es verstanden hat, seine Homosexualität als Motor für seinen politisch wie wirtschaftlich erfolgreichen Lebensstil einzusetzen. Norton51 konstatiert: „He [Fortuyn] became, for many, the symbol of economic success, political independence, and personal freedom“. Fortuyn hat seine Homosexualität gleichzeitig als Schild wie als Schwert gegen den konservativen Islam geführt, denn Fortuyn ist als Politiker dem rechten Spektrum zuzuordnen und hat sich zeit seines Lebens gegen den Islam ausgesprochen – mitunter auch wegen seiner eigenen Homosexualität. Auch Bawer ist ein scharfer Kritiker des konservativen und fundamentalistischen Islam. Norton52 bemerkt zu Bawer: „Bawer has lived for many years in Europe and is in full accord with those Europeans who praise the openness of their societies to gay men as the seek to close the gaters to Muslims. Like Fortuyn, Bawer deploys his gay identity as a licence for intolerancae of Islam“. Sie bescheinigt Menschen wie Fortuyn oder Bawer mitunter, die Intoleranz gegen Muslime anzuheizen, gar ein Stück weit salonfähig gemacht zu haben, weist aber gleichzeitig auf ein Paradox hin: Homosexuelle, die selbst Opfer von Intoleranz in ihrer eigenen, d. h. westlich-liberalen Gesellschaft (gewesen) sind, schüren selbst aus einer Position neu gewonnener Akzeptanz53 heraus Intoleranz gegen Muslime respektive den Islam – oder anders ausgedrückt: die ehemals Unterdrückten werden selbst zu Unterdrückern54.

Im Anschluss daran versucht Norton zu belegen, dass es auch homosexuellen Muslimen in islamischen Gesellschaften möglich ist, ihre Homosexualität offen zu leben. Offen gelebte Sexualität jeder Ausprägung gewinne auch in islamisch geprägten Gesellschaften zunehmend an Akzeptanz, was aber im Westen geflissentlich ignoriert werde. Mehr noch, Westler halten ihren Weg, mit Sexualität umzugehen, als den einzig möglichen und richtigen. In der Folge sehe man es im Westen als Pflicht an, arabische bzw. muslimische Homosexuelle vom Joch des Islam befreien zu müssen, was Norton55 stark kritisiert: „This missionary position insists that we in the West […] know sex and sexual orientation, and that „we do it very well““. Dies gelte sowohl für männliche wie weibliche Homosexualität – doch im Prinzip auch für jede weitere Form der Sexualität – gleichermaßen56. Zu guter Letzt werden Nortons Thesen hinsichtlich der Perzeption von Demokratie in Verbindung mit Muslimen zusammenfassend aufbereitet.

[...]


1 Norton, Anne: On the Muslim Question, Princeton 2013 (im Folgenden: Norton, On the Muslim Question).

2 Die folgenden Aussagen in Kapitel 2 beziehen sich – sofern nicht anderslautend angegeben – alle auf Nortons Referenzwerk, siehe ebda. Ziel ist es hier nicht, den kompletten Inhalt von Nortons Werk wiederzugeben, sondern lediglich einen groben Überblick über Aufbau, Inhalt sowie Nortons grundlegende Intentionen zu ermöglichen.

3 ebda., S. 1.

4 Norton versteht unter „westliche Gesellschaften“ vor allem die Gesellschaften Nordamerikas und Europas. Explizit geht sie unter anderen auf die Vereinigten Staaten sowie die Niederlande, Frankreich oder Deutschland ein.

5 Norton, On the Muslim Question, S. 1-11.

6 Tütüncü, Fatma: Book Review: On the Muslim Question, in: Ethnic and Racial Studies, Bd. 38, 2015, S.532–534.

7 Rufai, Saheed Ahmad: Book Review: On the Muslim Question, in: Journal of Muslim Minority Affairs, Bd. 34, 2014, S.330–333, hier: S. 330.

8 Norton, On the Muslim Question, S. 15-44.

9 Die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten hat 2005 eine Reihe von Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, deren Darstellung des muslimischen Propheten Mohammed höchst umstritten ist – auch in westlichen Gesellschaften. Unter Muslimen in aller Welt haben diese nahezu einen Eklat ausgelöst. Siehe dazu ebda., S. 24-40.

10 ebda., S. 15.

11 ebda., S. 15 f.

12 ebda., S. 16-20.

13 ebda., S. 20.

14 ebda., S. 21.

15 ebda., S. 23.

16 ebda., S. 20-24.

17 ebda., S. 24.

18 ebda., S. 37.

19 Wenngleich es auch in den Vereinigten Staaten als geschmacklos oder anstößig empfunden wird bzw. werden kann, was gegebenenfalls zu sozialen, jedoch nicht zu rechtlichen Sanktionen führt.

20 Norton, On the Muslim Question, S. 35-40.

21 Norton weist aber auch darauf hin, dass nicht alle westliche Medien bereit gewesen sind, die Karikaturen zu veröffentlichen und/oder über diese zu diskutieren, mitunter aus Respekt ihren muslimischen Lesern gegenüber. Einige seriöse Medien – unter ihnen die New York Times – haben beispielsweise über die Karikaturen und den Streit darüber berichtet, haben eine eigene Veröffentlichung der Karikaturen jedoch selbst abgelehnt, siehe ebda., S. 34.

22 ebda., S. 24-36.

23 ebda., S. 41.

24 ebda., S. 42.

25 Und in der Folge: nicht jede Meinung auch zu äußern

26 Norton, On the Muslim Question, S. 42.

27 ebda., S. 43.

28 ebda., S. 44.

29 ebda., S. 40-44.

30 ebda., S. 45-66.

31 ebda., S. 45 ff.

32 Hierbei sollte man beachten, dass Nortons Werk im Jahr 2013 erschienen ist. Jüngere politische Ereignisse und Entwicklungen bleiben bei Norton deshalb unberücksichtigt, z. B. um die eingangs erwähnte Flüchtlings- und Migrationskrise in Europa und danach, welche die Wahrnehmungen zum Islam, zu Muslimen und zu Migration möglicherweise – vor allem im Fall Merkel – grundlegend beeinflusst haben könnten.

33 Der Film behandelt kulturelle bzw. religiöse Praktiken des Islam, die sich gegen Frauen richten, auf sehr drastische und provokante Weise. Unter anderem werden thematisiert: physische und psychische Gewalt gegen Frauen, Zwangsheirat, Unterordnung der Frau unter den Mann, Zwangsverschleierung, unbedingter Gehorsam gegenüber dem Islam, Ehrenmorde.

34 Norton, On the Muslim Question, S. 47.

35 ebda., S. 48.

36 Siehe zum Lebensweg von Hirsi Ali ebda., S. 49-52. Hirsi Ali wuchs in einer konservativ geprägten somalischen Stammesgesellschaft auf. Sie wurde gegen ihren Willen und dem ihres Vaters auf Initiative ihrer archaisch-fundamentalistisch eingestellten Großmutter einer besonders brutalen Form der Genitalbeschneidung unterzogen. Später floh sie in die Niederlande und wurde dort Politikerin.

37 ebda., S. 49; Herv. im Orig.

38 ebda., S. 50.

39 ebda., S. 45-55.

40 ebda., S. 61.

41 Norton betrachtet Verschleierung allgemein, da sie ihre Argumentation auf keine spezielle Form der Verschleierung begrenzt. Nortons Thesen gelten demnach also – entsprechend ihrer Aussagen sinngemäß – für das Tragen eines Kopftuchs bis hin zum Ganzkörperschleier.

42 Norton, On the Muslim Question, S. 61.

43 Gemeint sind muslimische Frauen im Allgemeinen, die sich aus religiösen und/oder kulturell bedingten Gründen verschleiern.

44 Beispielsweise durch Waffen oder Bomben, die unter dem Schleier verborgen sein könnten; diese Leseart von Verschleierungen ist eng mit dem historischen Zeitgeschehen nach den Anschlägen des 11. September 2001 verbunden, wonach konservative und fundamentalistisch geprägte Muslime und die von ihnen ausgehende potenzielle terroristische Bedrohung im Westen mit wachsender Besorgnis betrachtet werden. Ob diese Wahrnehmungen berechtigt sind oder nicht diskutiert Norton nicht weiter, weshalb auch hier nicht weiter darauf eingegangen wird.

45 Norton, On the Muslim Question, S. 63.

46 ebda., S. 65.

47 ebda.

48 ebda., S. 55-66.

49 ebda., S. 55.

50 ebda.

51 ebda.

52 ebda., S. 57.

53 Wegen der zunehmenden Anerkennung von Homosexualität in westlich-liberalen Gesellschaften als gleichberechtigte sexuelle Orientierung bzw. Lebenseinstellung

54 Norton, On the Muslim Question, S.55-58.

55 ebda., S. 60.

56 ebda., S. 55-61.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Muslime im liberalen Westen. Eine bevormundete Minderheit?
Untertitel
Eine Auseinandersetzung mit ausgewählten Thesen in Anne Nortons Werk "On the Muslim Question"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
63
Katalognummer
V468639
ISBN (eBook)
9783668951365
ISBN (Buch)
9783668951372
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Muslime, Westen, Minderheit, liberaler Westen, Anne Norton, Muslim Question
Arbeit zitieren
Florian Schlereth (Autor), 2018, Muslime im liberalen Westen. Eine bevormundete Minderheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468639

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