Hannah Arendt und die Entstehung von Macht in sozialen Medien


Seminararbeit, 2018
26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Politische nach Hannah Arendt
2.1 Politisches Handeln.
2.2 Die Entstehung des öffentlichen Raums
2.3 Der kommunikative Machtbegriff

3. Das Phänomen Slaktivism
3.1 Definition
3.2 Slaktivism als Form des politischen Handelns
3.3 Der öffentliche Raum und Slaktivism
3.4 Die Entstehung von Macht bei Slaktivism

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abstract

In den letzten Jahren kam es zu einem stetig wachsenden Aufkommen von Onlinekampagnen, die mit der Nutzung sozialer Medien einhergehen. Solche Kampagnen werden unter anderem unter dem Begriff Slacktivism zusammengefasst, der als risikoarme und kostengünstige Handlung über soziale Medien definiert wird. Deren Zweck ist es, das Bewusstsein für ein Anliegen zu stärken, Veränderungen hervorzurufen oder Befriedigung zu gewähren . Über die Effektivität solcher Kampagnen herrscht jedoch seit geraumer Zeit eine rege Debatte.

In dieser Seminararbeit steht die Debatte um solche politischen Handlungen online und deren Effektivität im Zentrum. Die Debatte wird dabei von denjenigen geprägt, die der Effektivität solcher Handlungen skeptisch gegenüberstehen. Um diesen Kritikpunkt zu klären, soll Hannah Arendts Konzeption von Macht als Grundlage dienen. Genauer gesagt soll die Möglichkeit, politische Macht durch die Nutzung von sozialen Medien zu schaffen, ergründet werden. Macht nach Arendt ist von der Fähigkeit der Bevölkerung gemeinsam politisch aktiv zu handeln, gekennzeichnet. Mit neuen Plattformen und Tools, die in einem vernetzten globalen Kontext verfügbar sind, werden die Grenzen von Nationalstaaten überschritten und öffentliche Räume erweitert. Daher wird es auch notwendig, Arendts Konzept in einem erweiterten Kontext zu betrachten. Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass solche Onlinekampagnen durchaus geeignet sind, um mit politischem Handeln und der damit verbundenen Erzeugung von Macht in Einklang zu stehen.

1. Einleitung

In den letzten Jahren kam es zu einem stetig wachsenden Aufkommen von Onlinekampagnen, die mit der Nutzung sozialer Medien einhergehen. So hat beispielsweise am 5. März 2012 die Organisation Invisible Children ein Video mit dem Titel KONY 2012 auf YouTube und Vimeo hochgeladen. KONY 2012 war der erste Teil ihrer Kampagne, die zum Ziel hatte den angeklagten Kriegsverbrecher Joseph Kony in der Welt bekannt zu machen und ihn darauffolgend zu verhaften. Die ersten Bitten der Kampagne waren einfach: Sehen Sie sich das Video an und teilen Sie es. In weniger als einem Monat erreichte das Video mehr als 100 Millionen Aufrufe weltweit (Lee & Hsieh, 2013). Nebst KONY 2012 lassen sich in den letzten Jahren zahlreiche Beispiele dafür finden, wie soziale Medien neue und teilweise gänzlich unpolitische Wege in das soziale und politische Leben eingebracht haben. Oft bilden sie nicht nur die Grundlage politischer Handlungen, sondern betten sich auch in eine Vielzahl alltäglicher Kontexte mitein, die sich erst indirekt zu einer politischen Handlung entwickeln können (Theocharis, 2015).

In diesem Zusammenhang wird oft von Slacktivism gesprochen , der auch als Wohlfühl-Online- Aktivismus definiert wird (Morozov, 2009). Die Debatte wird dabei von denjenigen geprägt, die der Rolle von sozialen Medien bei der Organisation von politischen Handlungen skeptisch gegenüberstehen. Gängige Kritik an solchen Kampagnen konzentriert sich vor allem auf die Idee, dass echte politische Handlungen Face-to-Face-Interaktionen erfordern und Handlungen online nur in beschränkten Masse politische oder soziale Auswirkungen haben (Zuckerman, 2014) . Das Argument lautet zumeist, dass obwohl Effizienzgewinne in Blick auf Partizipation und Austausch wahrscheinlich sind, digital gestützte Kommunikation eine Vielzahl von Effekten politischer Handlungen gerade nicht reproduzieren kann und sich daher auch nicht eignet, um bestehende Machtungleichgewichte auszugleichen (Schwarz, 2014).

In dieser Seminararbeit steht die Debatte um solche politischen Handlungen online und deren Effektivität im Zentrum. Dafür soll Hannah Arendts Konzeption von Macht als Grundlage dienen. Genauer gesagt soll die Möglichkeit, politische Macht durch die Nutzung von sozialen Medien zu schaffen, ergründet werden. Für Arendt ist es der öffentliche Raum, der Politik erst ermöglicht. Ihre reichhaltige und vielfältige Arbeit diente in den letzten Jahren als wichtige theoretische Grundlage für Macht- und Politikanalysen im internationalen Kontext, ausserhalb der Grenzen von Nationalstaaten. Mit neuen Plattformen und Tools, die in einem vernetzten globalen Kontext verfügbar sind, werden öffentliche Räume erweitert und daher wird es auch notwendig, Arendts Konzept in einem erweiterten Kontext zu betrachten (Schwarz, 2014). Das Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass solche Onlinekampagnen durchaus geeignet sind, um mit politischem Handeln und der damit verbundenen Erzeugung von Macht im arendtschen Sinne in Einklang zu stehen.

Hierzu werden zuerst alle für den Kontext relevanten Konzepte aus Arendts Arbeiten erläutert - namentlich politisches Handeln, Öffentlichkeit und Macht. Der darauffolgende Teil befasst sich mit dem Charakter und einigen der zeitgenössischen Wahrnehmungen von sozialen Medien, insbesondere in Bezug auf Facebook und Twitter. Dafür soll zuerst der Begriff Slaktivism genauer definiert und darauffolgend dessen relevante Merkmale in Zusammenhang mit Arendts Konzeptionen diskutiert werden. Im vierten und letzten Abschnitt folgt schliesslich eine kurze Zusammenfassung, sowie ein Fazit aus den Erläuterungen.

2. Das Politische nach Hannah Arendt

Das Werk von Hannah Arendt ist reichhaltig und vielfältig und deckt eine Vielzahl von Aspekten ab, die den Menschen als Subjekt und Objekt von Politik und Gesellschaft in der Moderne betreffen. Insbesondere ist ihre Auffassung des Politischen nützlich, um darüber nachzudenken, was politisches Handeln in der Moderne bedeutet und inwiefern soziale Medien als öffentliche Räume geeignet sind, um bei der Schaffung von Macht unterstützend zu wirken (Schwarz, 2014). Macht im arendtschen Sinne ist nicht von der Möglichkeit des Beherrschens gekennzeichnet, sondern von der Fähigkeit der Bevölkerung gemeinsam politisch aktiv zu handeln (Kuchler, 2017). Es soll daher festgehalten werden, dass in diesem Zusammenhang nicht auf die Rolle des Staates und mögliche Einschränkungen auf die Zugangsmöglichkeiten zu Informationen durch ihn eingegangen wird, obwohl sich auch ein beachtlicher Teil des arendtschen Denkens auf Freiheitsbeschränkungen durch das Ausüben von Gewalt in autoritären Staaten bezieht. Stattdessen soll das Verhältnis zwischen den BürgerInnen und die Entstehung von Macht im öffentlichen Raum genauer betrachtet werden.

Um dieses Verhältnis zu verdeutlichen, wird in dieser Arbeit in erster Linie auf ihre Schriften Vita activa (2008) und zu Gewalt und Politik (1981) zurückgegriffen, um ihre Sichtweisen auf relevante Kategorien wie Politik, Pluralität, Öffentlichkeit und am entschiedensten, Macht, in Zusammenhang mit Slaktivism darzulegen. In Hannah Arendts politischer Theorie besteht eine systematische Verbindung zwischen Macht, politischem Handeln und Öffentlichkeit, da die Entstehung und Aufrechterhaltung der Macht von politischen Handeln im öffentlichen Raum abhängt und umgekehrt. Der Darstellung des Machtbegriffs muss deshalb die Klärung des Handels- und Öffentlichkeitsbegriffs vorausgehen.

2.1 Politisches Handeln

In Vita activa entwickelt Arendt die Grundbegriffe einer Theorie menschlicher Tätigkeiten. Die drei Tätigkeitskategorien des Arbeitens, des Herstellens und des Handelns sind als Elemente einer existentialistischen Anthropologie konzipiert, die die Grundbedingungen des menschlichen Lebens untersucht (Arendt, 2008). Für Hannah Arendt bedeutet Handeln primär miteinander kommunizieren und miteinander etwas unternehmen (Arendt, 2008: 161) . Das Sprechen gehört dabei nicht nur beiläufig zum Begriff des Handelns, sondern ist für dessen Einordnung wesentlich: Wortloses Handeln gibt es strenggenommen überhaupt nicht, weil es ein Handeln ohne Handelnden wäre (Arendt, 2008: 161). Sprechen, d. h. das Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick , gilt immer schon als Handeln. Die sprachliche Artikulation ist zudem eine notwendige Bedingung dafür, dass etwas als politisch überhaupt erst in Erscheinung tritt (Solmaz, 2016).

Arendt unterscheidet zunächst Handlungen, die das Politische angehen, von privaten und sozialen beziehungsweise Präpolitischen im Allgemeinen. Demnach geht es bei den politischen Angelegenheiten im Gegensatz zu präpolitischen Handlungen nicht um die Sicherung des Überlebens und um rein private Interessen. Stattdessen stehen die gemeinsame Welt im Vordergrund, die sich nicht um die Interessen Einzelner kümmert (Arendt, 2008). Zu diesen Angelegenheiten gehören beispielsweise Verfassungen, Gesetze, Institutionen, Sachverhalte, Handlungen, Ereignisse, Dinge, Konflikte etc., die öffentlich bedeutsam sind und die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen (Solmaz, 2016).

Die Politik unter den Menschen ist zudem abhängig von Pluralität, Freiheit und der Existenz von Unterschieden. In Hannah Arendts Worten: Das Handeln bedarf einer Pluralität in der zwar alle dasselbe sind, nämlich Menschen, aber dies auf die merkwürdige Art und Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird (Arendt, 2008: 17) . Sprache und Pluralität stehen bei Arendt in einer engen Beziehung: Wenn es keine Unterschiede gäbe, wäre das Bedürfnis nach Sprache weniger dringlich. Durch Sprache können Gemeinsamkeiten und Unterschiede vermittelt und gemildert werden (Schwarz, 2014). Somit kommt dem Handeln eine Art Enthüllungscharakter zu: Handeln als das Erscheinen eines einzigartigen Wers unter Seinesgleichen, denn handelnd und sprechend offenbaren die Menschen jeweils, wer sie sind (Arendt, 2008: 71f) . Menschliche Pluralität ist daher eine Vielfalt, die die paradoxe Eigenschaft hat, dass jedes ihrer Glieder einzigartig ist (Siehr, 2017). Sie entsteht aus der Einzigartigkeit jedes Menschen, dessen einzigartigen Hintergründen, Erfahrungen und Initiativen (Schwarz, 2014). In Arendts Verständnis ist diese Enthüllung des Wers unabdingbar für die Zuordnung und Qualität der Handlung als eine Politische. Nur durch ein Zusammentreffen verschiedener Personen und indem die Gemeinsamkeiten zwischen einer unbestimmbaren Vielfalt einzigartiger Individuen zusammenkommen, kann politischer Konsens entstehen und somit die Grundlage für politisches Handeln gelegt werden. In diesem Zusammenkommen, ausgedrückt durch die Sprache, ;entstehen ;neue ;politische ;oder ;andere ;Anfänge (Schwarz, ;2014). Folglich ;wäre Handeln, das in der Anonymität verbleibt [...] sinnlos und verfällt der Vergessenheit; es ist niemand da, von dem man die Geschichte erzählen könnte (Arendt, 2008: 71f) .

Solche Handlungen sind mit ihren letztendlichen Ergebnissen und Konsequenzen niemals vollständig vorhersehbar. Im politischen Handeln kann ein Ergebnis zwar angestrebt, aber nie mit Sicherheit erwartet werden. Diese Ungewissheit ist in Arendts Politik immanent, da sie auf Handlungen der Menschen angewiesen ist, die ständig im Fluss sind. Konkrete Realisierungen in der Politik verändern sich ständig, weil wir es mit anderen Menschen zu tun haben, die selbst wiederum sich teilweise entgegengesetzte Motivationen und Ziele mitbringen (Schwarz, 2014).

Entscheidend für politische Handlungen ist ausserdem die Verfügbarkeit von geteilten Fakten, da Politik nach Arendt vor allem ein miteinander debattieren ist. Erst durch eine solche Debatte wird ein Raum der Freiheit geschafften, in dem sich die BürgerInnen unter ihresgleichen bewegen und im Austausch miteinander zu politischen Urteilen gelangen können. Da Arendt von einem republikanischen Modell der Teilnahme der Bevölkerung ausgeht, ist der Zugang zu Informationen und deren Interpretation essentiell. Die politische Debatte und das damit verbundene politische Urteil sind davon abhängig, dass die den Meinungen und Urteilen zugrundeliegenden Sachverhalte allgemein bekannt und zugänglich sind (Kuchler, 2017).

2.2 Die Entstehung des öffentlichen Raums

In Zusammenhang mit Arendts Konzeption von Politik ist auch der Erscheinungsraum der Macht von grosser Bedeutung. Im Folgenden soll verdeutlicht werden, wie politisches Handeln einerseits die Voraussetzung für die Existenz des öffentlichen Raums ist und andererseits selbst für die Entstehung der öffentlichen Sphäre benötigt wird.

Am deutlichsten erkennbar wird dies an Arendts Beispiel der antik-griechischen Polis, bei der der Raum der Öffentlichkeit als Gegenpol zum Raum des Privaten verstanden wird. Sie verweist auf die scharfe Trennung zwischen dem Handeln und Sprechen in der Öffentlichkeit und der Sphäre des Haushalts als Ort des Tätigseins im griechischen Denken (Bauhardt, 2009). Arendt trennt diese Bereiche aufgrund der Funktionen, die ihnen ihr zufolge zukommen. In ihrer historischen Perspektive, gehört das Arbeiten, zum privaten Raum des Haushalts, während sich das gemeinschaftliche Handeln der individuellen Vollbürger der Polis im öffentlichen Raum auf den Marktplatz verlagert. Das Private wird als der Bereich der Erhaltung des Lebensprozesses definiert. Beim Eintritt in den öffentlichen Bereich wird man dagegen von der Last der Notwendigkeiten zur Lebenserhaltung entbunden und kann in diesem Sinne frei handeln (Olay, 2014). Ein Unterschied liegt darin, dass Menschen in der Polis nicht zum Handeln und Sprechen gezwungen sind und wenn sie sich dafür entscheiden, können sie es in einem Raum unter ihresgleichen tun. Arendt spricht in dem Zusammenhang deshalb auch vom Reich der Notwendigkeit im präpolitischen und vom Reich der Freiheit im politischen Bereich (Solmaz, 2016). Die Freiheit von den Lebensnotwendigkeiten ermöglicht somit die kommunikative Gestaltung des politischen Zusammenlebens (Bösch, 1999).

Das Adjektiv öffentlich beinhaltet bei Arendt nach Seyla Benhabib (1992) zwei miteinander zusammenhängende Bedeutungen. Zum einen bedeutet es, dass etwas für jedermann zugänglich ist, sowie gesehen und gehört werden kann (Olay, 2014). Erst wenn ein Mensch vor anderen handelnd in Erscheinung tritt, offenbart sich seine Persönlichkeit, sprich sein Wer. Dieses In-Erscheinung-Treten ist für den freien Menschen erforderlich, da das Menschsein und das Erscheinen ein und dasselbe seien. Mit anderen Worten, das gesamte Wesen des Menschen sowie das In-Erscheinung-Treten sind stets von anderen Individuen abhängig (Leguizamón, 2009).

Zum anderen bedeutet das Adjektiv öffentlich die Welt selbst, sprich das Gemeinsame zwischen Menschen und ihren Angelegenheiten (Arendt, 2008: 62). Dieser Raum des Öffentlichen ist überall dort möglich, wo Menschen zusammenkommen und sich dann gemeinsamen mit einer Sache beschäftigen. In diesem Dazwischen tritt die Welt der Menschen in Erscheinung, welche die politisch Handelnden und Sprechenden einerseits voneinander trennt und gleichzeitig miteinander verbindet (Solmaz, 2016).

Als das Gemeinsame, das Menschen miteinander verbindet und zugleich trennt, ist die politische Angelegenheit ein kontroverser Sachverhalt, der das Interesse und die Aufmerksamkeit der Masse aus unterschiedlichen Gründen weckt. Betrachtung und Gehör im öffentlichen Raum finden nur diejenigen Angelegenheiten, die die BürgerInnen als relevant erachten (Solmaz, 2016). Rese (2008) konstatiert mithin, dass der öffentliche Raum bei Arendt nicht nur als ein Raum der Erscheinung von Menschen, sondern vielmehr auch als ein Raum verstanden werden muss, in dem auch Sachverhalte [...] verschiedenen Sprechern unterschiedlich erscheinen können. An diesem Punkt wird der Zusammenhang von politischem Handeln, politischem Urteilen und Sachverhalten direkt voneinander abhängig: Im öffentlichen Raum beurteilen BürgerInnen die Handlungen und Positionen anderer und führen im Gegenzug die eigenen Handlungen und Positionen in die öffentliche Debatte ein (Kuchler, 2017). So konstituiert sich auch die gemeinsame Welt aus der Pluralität der Perspektiven, durch welche die Gleichheit und Verschiedenartigkeit der Menschen sichtbar wird. Obwohl das Öffentliche, das Gemeinsame zwischen den BürgerInnen betont, gibt es dafür keinen gemeinsamen Massstab und keinen Generalnenner, da ein solcher Generalnenner die öffentliche Meinungsvielfalt zerstören würde (Solmaz, 2016). Nur wenn ein Austausch verschiedenster Meinungen ohne Machtungleichgewichte geschieht und dies zu einer gemeinsamen rationalen Entscheidung führt, kann die Legitimation für politisches Handeln gebildet werden (Leguizamón, 2009).

Die Bildung eines politischen Urteils folgt einerseits auf öffentliche Debatten und öffentliches Handeln, ist aber andererseits auch die Voraussetzung für zukünftige Handlungen und Debatten. Urteilen ist demnach also nicht nur Folge des politisches Handelns im öffentlichen Raum, sondern auch dessen notwendige Bedingung (Kuchler, 2017). Dabei ist Öffentlichkeit als komplexer und dynamischer Prozess nicht an bestimmte Räume oder Foren gebunden (Solmaz, 2016).

Angesichts dieser weitgehenden Charakteristika in der Theorie könnte diese Sphäre um die gesamte Erdkugel reichen, vorausgesetzt, dass diese gemeinsame Welt tatsächlich als Treffpunkt dient (Schwarz, 2014).

2.3 Der kommunikative Machtbegriff

Der öffentliche Raum wird durch einen weiteren Schlüsselaspekt in Arendts Darstellung der politischen Philosophie bewahrt: Macht. Hannah Arendts Theorie zum Politischen ist eine Theorie der Macht. Es besteht eine systematische Verbindung zwischen Macht und Handeln, wobei die Bestimmung von Macht vom Handeln abhängt und umgekehrt (Brunkhorst, 2007).

In ihrem Werk Macht und Gewalt (1981) definiert Hannah Arendt den Begriff wie folgt: s i c h mit anderen zusammenzuschliessen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält (Arendt, 1981: 45).

Hannah Arendt setzt mit diesen Worten die produktive Funktion des Machtbegriffs voraus. Das Entstehen von Macht ist folglich nur möglich, wenn gemeinschaftliches Handeln von Menschen entsteht (Schwarz, 2014). Die Einigung auf eine Meinung ist dabei das Ziel, die aufgrund von übereinstimmenden Meinungen zusammengekommen ist (Arendt, 2008). Voraussetzung dafür ist, dass ein öffentlicher Raum zwischen den Menschen geschaffen werden kann, in dem die Auseinandersetzung mit politischen Angelegenheiten in einer egalitären und freiheitlichen Weise möglich ist. Dieser Erscheinungsraum ist in Hannah Arendts Verständnis der öffentliche Raum. Jene Art von Potentialität, die die Macht auszeichnet, muss ebenso die Spontaneität der Freiheit aufweisen, die das Politische auszeichnet (Olay, 2014).

Aufgrund der Notwendigkeit von gesellschaftlichem Rückhalt und Spontanität ist Macht nach Arendt ausserdem eine negative und flüchtige Erscheinung. Negativ deshalb, weil sie nur erscheint, um Herrschafts- und Gewaltverhältnisse, die nicht mehr durch die BürgerInnen unterstützt werden, zu vernichten. Sie ist nicht organisiert, sondern bildet sich spontan in der Gegensätzlichkeit der Debatte. Flüchtig ist Macht aus dem Grund, weil sie erst durch das gemeinsame, öffentliche Handeln der BürgerInnen entsteht und wieder verfliegt, sobald sich die Versammlung auflöst. Macht ist demzufolge wie politisches Handeln an eine Gruppe und deren Fortbestand gebunden (Brunkhorst, 2007).

Wegen dieser Flüchtigkeit kann Macht zudem nur realisiert, jedoch nicht materialisiert werden. Realisierte Macht zeigt sich nur dort, wo (...) Worte nicht leer und Taten nicht gewalttätig stumm sind, (...) sondern gebraucht werden um neue Bezüge zu etablieren und zu festigen, und damit neue Realitäten zu schaffen (Arendt, 2008: 252).

Zu der Zeit Arendts wurde der Machtbegriff jedoch meist nicht mit positiver Freiheit, sondern mit dem eines Besitztums oder des Beherrschens assoziiert. So definiert beispielsweise Max Weber Macht als die Möglichkeit, den eigenen Willen auf das Verhalten anderer zu zwingen (Habermas, 1977). Arendts Verständnis von Macht geht hingegen auf einen Begriff zurück, dessen Wesen nicht auf dem Verhältnis zwischen Befehlenden und Gehorchenden beruht (Brunkhorst, 2007). Das grundlegende Phänomen der Macht ist nicht die Instrumentalisierung des ;Willens ;eines ;anderen, ;sondern ;die ;Bildung ;eines ;gemeinsamen ;Willens ;durch Kommunikation, der auf eine Einigung zielt. Sobald über jemanden gesagt wird, dass er an der Macht ist, beziehen wir uns tatsächlich darauf, dass er von einer bestimmten Anzahl von Menschen befähigt wird, in ihrem Namen zu handeln (Habermas, 1977). Diese Macht könnte beispielsweise an den Vertreter der Gruppe oder im staatlichen Sinne, an eine Institution verliehen werden. Diese Gruppe stelle sich nur solange hinter einen Vertreters, wie dessen Meinung mit jener der Gruppenmitglieder übereinstimmt. Stimmt die Meinung des Grossteil der Gruppe nicht mehr mit deren ihres Vertreter oder der Institution überein, wäre die verliehene Macht nicht mehr legitim (Speth & Buchstein, 1997).

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Hannah Arendt und die Entstehung von Macht in sozialen Medien
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V468884
ISBN (eBook)
9783668928312
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Politikwissenschaft, politische Theorie, Hannah Arendt, soziale Medien, Macht, Öffentlichkeit, politisches Handeln, Twitter, Facebook, Internet
Arbeit zitieren
Angela Gubser (Autor), 2018, Hannah Arendt und die Entstehung von Macht in sozialen Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/468884

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