Die pastorale Bedeutung des Gesprächs "zwischen Tür und Angel"


Hausarbeit, 2006
42 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abktirzungsverzeichnis

lnhaltsverzeichnis

1. Vorwort

THEOLOGISCHE GRUNDLEGUNG

2. Von beilaufigen und tiefgehenden Gesprachen 2.1 Gesprache mit flie8endem Ubergang
2.2 Zwischen Tiir und Angel Iasst sich nicbts einrichten
2.3 Integration der alltaglichen Begegnungen in den Begriff der Seelsorge
2.3.1 Seelsorge im Vortibergehen
2.3.2 BeiHiufige Begegnung mit dem Seelsorger Jesus
2.3.2.1 Mk 5,21-43: Exegetischer Befund
2.3.2.2 Interpretation
2.3.2.3 Konsequenzen fiir die .. Seelsorge zwischen Tiir und Angel"
2.4 "Es ging eine Kraft von ibm aus, die aile heilte" (Lk 6,19b)

PRAKTISCHE REFLEXION

3. "Gut, dass icb sie treffe!" - Seelsorge zwischen Tiir und Angel
3.1 Uber den giinstigen Zeitpunkt
3.1.1 Der "Kairos"
3.1.2 Vom Kleinen groB denken
3.2 Echte Begegnung zwischen TUr und Angel
3.2.1 Ein Beispiel
3.2.2 Da-sein und Weiter-mtissen
3.2.2.1 Anhalten und Haltung zeigen
3.2.2.2 "Er sah ihn und ging weiter" (Lk 10,3Jb)
3.2 . 2.3 Mut zum weitergehen- TROIZDEM?

4.Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Abkiirzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Meistens beginnen die Begegnungen, die Gegenstand dieser Arbeit sind, ganz harmlos und unverfanglich mit emem zufalligen Zusammentreffen des Priesters1 und emem Gemeindemitglied oder wenigstens jemandem, der ihn erkennt. Sie geschehen ungeplant zwischen Tiir und Angel, ohne Termin, ohne Vorbereitung und ohne Vorwarnung, einfach so auf der StraBe, an der Kasse eines Geschafts, im Wartezimmer beim Zahnarzt, auf dem Kirchhof oder an einem anderen beliebigen Ort. Sie fangen mit scheinbar belanglosen Fragen oder gewohnlichen GruB- und Hoflichkeitsformeln an, die zunachst vielleicht darauf schlief3en lassen konnten, dass hier einer die Gelegenheit zurn plaudem nutzt: "Gut, dass ich sie treffe, Herr Pfarrer!''- "Sind sie nicht der Benefiziat!"- "Was flihrt sie denn hierher?"

In den allermeisten Fallen bleibt es auch tatsachlich dabei, dass sich ein ganz alltagliches Gesprach zwischen heiden entwickelt, das ebenso harmlos weiter geht, wie es begonnen hat. Manchmal aber passiert es, dass genau diese beilaufigen Begegnungen plOtzlich eine unerwartete Wende nehmen und rasch in die Tiefe gehen, so dass der Angesprochene in seiner Eigenschaft als Seelsorger gefragt ist. Dem einen brennt eine dringende Frage auf den Nageln, die er genau jetzt loswerden kann. Ein anderer braucht unbedingt jemanden, dem er von der unheilvollen Diagnose erzahlen kann, die seine Frau gerade bekommen hat. Zwischen den Zeilen kommen Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst, Selbstzweifel, Wut und Enttauschung und andere Themen zur Sprache, wenn man schon einmal das GlUck hat den Pfarrer oder den Kaplan zu treffen.

Mit der Literatur, die tiber die landlaufig und unzweifelhaft als Seelsorgegesprache bezeichneten Begegnungen verfasst wurden, wie etwa Trauer- oder Krisengesprache, Beratungs- und Glaubensgesprache und ahnliches, konnte man wohl ganze Bibliotheken ftillen. Die Begegnungen und Gesprache zwischen Tiir und Angel werden darin jedoch nicht in den Blick genommen. Obwohl der grof3te Teil der Begegnungen, die ich als Priester mit Menschen habe, auBerhalb des Settings klassischer Seelsorgegesprache stattfindet, scheint es so, als wiirde diesen Kurzbegegnungen keine pastorale Bedeutung zukommen, zumindest keine, die eine wissenschaftliche Bearbeitung wert ware.

Wie vie] Zeit braucht Seelsorge urn hilfreich und not-wendend zu sein? Passieren nicht in diesen kurzen Momenten bereits entscheidende Dinge? Das sind die Fragen, mit denen sich deshalb diese Arbeit beschaftigen soll. Zunachst werde ich eine theologische Einordnung der Gesprache zwischen Tiir und Angel vomehmen w1d am Beispiel Jesu MaBgaben fur den Umgang mit solchen Begegnungen aufzeigen. Bedingt durch seine Rolle als kirchlicher Amts­ und Funktionstrager ist der Priester haufig deijenige, der einfach mal so angesprochen und angefragt wird. Deshalb ist ein eigenes Kapitel ist der Rolle des Priesters gewidmet.

Dem praktischen Teil ist ein Wechsel des Blickwinkels auf die ,Begegnungen zwischen Tiir und Angel" vorangestellt. Sie sind keine lastige St6rung des laufenden Betriebs, sondem moglicherweise ,Kairos", Augenblicke, in dem jetzt getan werden muss, was vielleicht nur jetzt getan werden kann, oder einmalige Gelegenheit fur den, der das Gesprach sucht. Dabei lege ich besonderes Gewicht auf die innere Haltung des Seelsorgers gegeniiber diesem Angesprochensein. AnschlieBend ist in den Blick zu nehmen, welche Haltungen von Seiten des Seelsorgers hilfreich sind, darnit sich innerhalb der erschwerenden Bedingungen, in deren Rahmen sich diese BegegnWlgen ereignen, ein seelsorgliches Gesprach moglich wird. Worin liegen die Grenzen der Seelsorge im Voriibergehen und wie kann der Priester mit den nicht planbaren Gesprachen, die so an ihn herangetragen werden im Blick auf sein normales ,Alltagsgeschaft" umgehen?

Ich verzichte in dieser Arbeit auf die VerwendWlg der inklusiven Sprache. Dies geschieht jedoch ausschlieBiich aus Grunden der einfacheren Lesbarkeit.

Nicht vergessen mochte ich auch, mich bei Thomas Schwaiger zu bedanken, der die Betreuung und Korrektur dieser Arbeit iibernommen hat. AuBerdem gilt mein Dank Henn Subregens Josef KUhn flir die ErstellWlg des Zweitgutachtens.

THEOLOGlSCHE GRUNDLEGUNG

2. Von beiUiufigen und tiefgehenden Gesprachen

2.1 Gesprache mit flie8endem Ubergang

,Ich wiirde den Begriff Seelsorge nicht so eng fassen. Ich weil3 gar nicht, ob das immer Seelsorge ist, was ich mache, oder nicht."2 - Dieses Zitat eines Pfarrers bringt die Schwierigkeit den Begriff ,Seelsorge'' zu fassen, auf den Punkt. Es ist tatsachlich nicht immer klar, was aus dem vielfaltigen Aufgabenbereich eines Priesters in die Kategorie Seelsorge im engeren Sinn fallt. Liturgie, Sakramentenkatechese und Verkiindigung sind die klassischen Aufgabengebiete3, die auf jeden Fall zu nennen sind.

In den vergangenen Jahren wurde die ,therapeutische" oder beratende Seelsorge vermehrt Gegenstand des Interesses. Sie beansprucht ftir sich, Seelsorge im wortlichen Sinn zu sein, namlich Sorge urn die Seele4 des Einzelnen, die sich am heilenden Handeln Jesu orientiert.

Neben den genannten Seelsorgsaufgaben bietet jedoch der Alltag des Priesters Tatigkeiten und Begegnungen, die noch nicht zwangslaufig von diesen Feldem erfasst sind. So etwa kann, soweit er praktiziert wird, den Geburtstagsbesuch in einer Art , Grauzone" eingeordnet. Die Grundintention wird auf beiden Seiten, auf Seiten des Priesters ebenso, wie auf Seiten des Besuchten, primar nicht darin liegen, ein seelsorgliches Gesprach zu fiihren. Er ist zunachst eine organisierte alltagliche Begegnung zu einem profanen Anlass, zu dem noch dazu der Priester auch nicht unbedingt erwartet wird. Ahnliches gilt fur die Teilnahme am Leichenschmaus, bei beim Hochzeitskaffee, oder andere gesellige Zusammenktinfte. Im Sinn des Eingangszitats, das die Frage stellt, ob es immer klar zu unterscheiden ist, ab wann eine Tatigkeit als Seelsorge zu bezeichnen ist und wann nicht, liel3e sich die berechtigte Frage stellen, ob der Priester hier bereits als Seelsorger aktiv ist. Der Priester ist bei den genannten Anlassen nicht nur als Privatperson, sondem immer auch als kirchlicher Funktionstrager, und als solcher wird er auch gesehen. Es ist fiir viele Menschen immer noch ,etwas Besonderes''5 wenn der Pfarrer oder Benefiziat in ihr Haus kommt. Bei allem Problematischen, das ein solches Priesterbild mit sich bringt6 das in vielen Kopfen allerdings noch fest verwurzelt ist7, besteht darin aber auch die Moglichkeit, dass in seinem Tun auch etwas vom Tun Jesu, des Guten Hirten sichtbar wird, der jedem Einzelnen nachgeht, weil er ihm wichtig ist. Hier wird es schon weniger eindeutig, ob ein solches ,pastorales" Wirken bereits seelsorgliche Qualitat besitzt, da es sich nicht abschatzen lasst, welche tiefere Wirkung ein solches schlichtes Zeichen der Wertschatzung fur das Gemeindemitglied, ob nahe- oder fernstehend, hat.

Zudem bietet der Besuch des Priesters dem Besuchten tiber alles Alltagliche hinaus die Moglichkeit, im Gesprach personliche Anliegen, Fragen oder Sorgen anzubringen, oder die eigene Lebensgeschichte zu thematisieren. Wird diese Chance genutzt, geht der anfanglich unverfangliche Beisammensein ganz schnell in die Tiefe und wandelt sich zu einem seelsorglichen Einzelgesprach. 1st er erst dann Tun des Seelsorgers?

2.2 Zwischen Tiir und Angel Hisst sich nichts einrichten

Auch die spontanen Begegnungen und Gesprache zwischen Tlir und Angel, lassen sich in diese Grauzone einordnen. Im Vergleich etwa mit offenen Hausbesuchen oder Familienfeiern wird das Zustandekommen eines seelsorglichen Gesprachs aber durch drei unglinstige Faktoren erschwert. Es sind dies:

1. die Zeit
2. derRaum
3. die ,Planung"

1. Wahrend bei einem geplanten Gesprach bereits im Voraus ein bestimmtes Zeitkontingent eingeplant ist, im besten Fall mit einem flexiblen Zeitlimit, finden die Begegnungen zwischen ,Tlir und Angel" ungeplant statt, was wiederum bedeuten kann, dass heiden Gesprachpartnern aus unterschiedlichsten GrUnden nicht viel Zeit zur Verfligung steht.
2. Der Besuch findet in einem abgeschlossenen Raum, oder zumindest im vertrauten Bereich des Bewohners statt. Wer Gesprache am Telefon, auf der StraBe oder im Supermarkt ftihrt, muss mit vermehrten StOrungsmoglichkeiten rechnen, befindet sich in einem Raum, der die Privatsphare nicht gewahrleistet oder hat seinen Gesprachspartner nicht von Angesicht zu Angesicht gegeniiber.
3. Kiindigt der Seelsorger sein Kommen an, kann sich der Besuchte bereits entscheiden, welche Qualitat er dem Gesprach geben mochte und ob er es in Richtung seines Anliegens lenken mochte. Eine Frau, die ich anlasslich ihres 80. Geburtstags besucht habe, hatte sich ganz genau vorgenommen, wie sie mein Besuch von ihrer Seite aus gestalten wollte. So gestaltete sie ein genaues ,Setting", indem sie den Platz vorbereitet hat, wo ich zu sitzen habe, was sie mir anbieten wird und stellte verschiedene kleine Geschenke bereit, die sie mir mitgeben wollte. Auch was sie sagen wollte, hatte sie sich zurechtgelegt Wenn nicht gerade ich gesprochen habe, fing sie ihre Satze mit ,Was ich sie fragen wollte" an.

Begegnet jemand dem Priester unerwartet auf der StraBe, entscheidet er sich spontan, was aber nicht unbedingt bedeuten muss, dass seine Erwartungen geringer sind. Der Priester auf der anderen Seite rechnet nicht unbedingt immer damit, vor allem nicht, wenn er selbst privat unterwegs ist, unvermittelt mit dem Herzensanliegen eines Menschen konfrontiert zu werden. Er kann sich nicht vorbereiten und nicht darauf einstellen. Auch die Anwendung einer kontrollierten Methodik, wie etwa bei der therapeutischen Seelsorge, ist erheblich schwerer, wenn nicht sogar teilweise unmoglich.8 Dementsprechend schwierig ist es fl.ir den Seelsorger, die tatsachliche Bedeutung des Gesagten abzuschatzen und richtig zu reagieren.

Damit sind jedoch je nach den gegebenen Umstanden wichtige Grundvoraussetzungen fUr eine hilfreiche und not-wendende Begegnung nicht gewahrleistet:

1. Seelsorge ist immer ein Beziehungsgeschehen. Die Bereitschaft eme tiber die Oberflachlichkeit hinausgehende Beziehung zum Gesprachspartner herzustellen, mag gerade beim Seelsorger fehlen.
2. Aufgrund der Umgebungsfaktoren ist die Privatsphare nicht gesichert. Storungen sind beinahe vorprogrammiert:
3. Damit ist moglicherweise auf heiden Seiten die notige Offenheit ftir ein seelsorgliches Gesprach nicht gegeben. Beim Priester, weil er unvermittelt ein solches Gesprach zu fiihren hat, bei seinem Gegenliber, weil er bei aller Bereitschaft zum Gesprach sein Anliegen viel1eicht trotzdem nur gefiltert vortragen will.

Im unglinstigsten Fall fehlen sogar alle drei Voraussetzungen. Innerhalb dieser dem Gesprach gesetzten Grenzen stellt sich die Frage, was Seelsorge in diesem Zusammenhang leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.

2.3 Integration der alltaglichen Begegnungen in den Begriff der Seelsorge

Bislang wurde der Begriff der Seelsorge nur sehr vage verwendet, ohne zu beschreiben, was das eigentlich ist. Es wird bier keine umfassende Definition von Seelsorge folgen. Zu vieWHtig ist das Feld der Seelsorge, als dass es im Rahmen dieser Arbeit in allen Facetten abgesteckt werden konnte.

Vielmehr wird es nun urn die Frage gehen, ob es so etwas wie einen Minimalkonsens gibt, an dem sich festmachen lasst, ab wann sich Seelsorge ereignet.

2.3.1 Seelsorge im Voriibergehen

1st ,Seelsorge im Voriibergehen" nicht schon ein Widerspruch in sich? Seelsorge lebt doch vom ,Stehen bleiben". Man kann nicht beilaufig fur den Anderen sorgen. Vor allem, wenn es urn die Seele geht, kann man nicht an der Oberflache bleiben, sondem muss in die Tiefe gehen. Und das geht nicht nur nebenbei.

C. Moller legt fUr das seelsorgliche Geschehen einen sehr weiten MaBstab an;

"Die Weite und die Alltiiglichkeit des biblischen Begriffs, Seele •· erlaubt..., alles als Seelsorge zu betrachten . was den L eib C hristi mit seinen Gli e dern zum Atm e n bring! , indem e s ihn im Namen J esu lobend in Gott e s At e m e inst immen /asst. Das mag durch e in Gespra c h uber d e n Gart e n z aun ebenso geschehen, wie durch ein Beichtgespriich in der Sakristei, bei einem Geburtstagsbesuch ebenso wie bei einem Besuch am Krankenbett, durch ein Lied im Gottesdienst ebenso wie durch einen scheinbar sproden Verwaltungsvorgang, durch ein Gebel am Sterbebett ebenso wie dadurch, dass ein Seelsorger einfach in seiner Gemeinde da ist, auch wenn man ihn eine Zeitlang nicht in Anspruch nimmt. Das eine ist nicht eigentlicher als das andere." 9

Damit verabschiedet sich Moller von der engen Bindung der Seelsorge an das, was durch die herkommlichen Formen der Seelsorge 10 abgedeckt wurde. Er geht damit so weit, dass er es nicht ausschlieBen wi.irde, selbst einen Verwaltungsvorgang zur Seelsorge zu rechnen. Seelsorge ist demnach fiir Moller alles, was in der Gemeinde geschieht, insofern es dem Wohlergehen eines Gliedes und damit dem Aufbau des Leibes Christi dient, ihn aufatmen !asst. Er greift damit das paulinische Bild vom Leib und den vielen Gliedem11 auf, als Bild ftir menschliche Gemeinschaft im Allgemeinen und von Gemeinde im Speziellen. Paulus spricht darum von der Einheit und damit von der Verbindung aller Glieder des Leibes Christi untereinander und verdeutlicht, ,wenn darum ein Glied leidet, leiden aile anderen mit ihm; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich aile anderen mit ihm" (I Kor 12,26)12 Nach Moller Uisst also alles ,den Leib Christi aufatmen", was einem dieser Glieder in irgendeiner Weise zugute kommt, weil es im Letzten den ganzen Leib stabilisiert. Das kann noch so unscheinbar sein, wie ein kurzes Gesprach in der Sakristei oder die bloi3e Anwesenheit des Seelsorgers in seiner Gemeinde, entscheidend ist, dass alles auf seine Art und Weise dazu beitragt, im Namen Jesu in den Atmen Gottes einzustimmen, damit niemandem dem Luft zum Leben weg bleibt.

Mollers Ansatz vermeidet eine einseitige Verkiirzung der Seelsorge auf wenige fassbare und nachweisbare Formen, indem er auch die alltaglichen Beziehungsformen miteinbezieht, die durch keine Kategorien erfasst werden, aber dennoch geeignet sind, die Seele eines Menschen aufatmen zu lassen. Gleichzeitig beinhaltet er die Moglichkeit, den Begriff der Seelsorge uber die institutionalisierte Seelsorge auf das gemeinsame Priestertum der Glaubigen auszuweiten.13

Allerdings darfnicht iibersehen werden, dass in der Weite der Formulierung Moilers auch die Gefahr einer ungreifbaren Beliebigkeit dessen gegeben ist, was das eigentliche Kemanliegen der Seelsorge ist, namlich ,das Kommen des Reiches Gottes anzusagen und vorzubereiten (und) Gottes Zuwendung und Giite durch ein glaubwiirdiges Leben zu bezeugen und die Menschen daflir zu offnen."14 Es geht nicht nur urn das, was irgendwie der Seele gut tut, sondem auch darum, dass durch das seelsorgliche Geschehen Gottes Sorge fiir den Menschen erfahrbar wird, urn so auf das Kommen des Reiches Gottes hinzuwirken, das dort begirult, wo nach dem Beispiel Jesu ,vertrauende, liebevolle Beziehung zu Gott"15 herrscht, aus der die ,herrschaftsfreie Beziehung der Menschen untereinander"16 erwachst,welche die Bereitschaft zur selbstlosen Sorge fiireinander einschlieBt.

Als Beziehungsgeschehen, durch das Gottes unterschiedslose Zuwendung erlebbar wird, und das eine Ahnung des Heils das vermitteln kann, das Gott jedem zukommen lassen will, gerade dort, wo es not-wendig ist, bergen die alltaglichen Begegnungen zwischen Tiir und Angel trotz aller Hinderungen in sich das Potential, seelsorgliche Qualitat anzunehmen. lhr seelsorglicher Nutzen lasst nicht abschatzen, da die Wirkung einer solchen Begegnung weder festzumachen noch messbar ist, nicht nur, weil haufig die Riickmeldung ausbleibt, ob sie sich als hilfreich oder wirkungslos erwiesen hat, sondem auch weil nur der Betreffende selbst dem Gesprach eine hohe oder geringe Bedeutung zumessen kann, je nach seinen MaBstaben.

2.3.2 Beilaufige Begegnung mit dem Seelsorger Jesus

Wenn Seelsorge helfen soli, im Namen Jesu in Gottes Atem einzustimmen, dann ist das Handeln Jesu Vorbild fiir jedes seelsorgliche Tun.

In den Evangelien sind viele solcher unvorhergesehenen und ungeplanten Begegnungen Jesu mit Menschen, die ihn fordem oder sein heilendes Wirken in Anspruch nehmen bezeugt. So kornmt es zu diesen spontanen Begegnungen etwa in der Heilung der Tochter der Syrophonizierin (Mt 15,21-28 par Mk 7,24-30), die im Aufenthalt Jesu in ihrem Gebiet die Chance sieht, urn ihn anzusprechen. Die Frau, die er am Sabbat heilt, nutzt seinen Lehraufenthalt in der Synagoge, urn ihr Anliegen vorzubringen (Lk J 3,10-17).

Nati.irlich sind die Beispiele in den Evangelien aus Sicht der Evangelisten me wirklich ungeplant, denn sie verfolgen mit der Erzahlung solcher Geschichten eine ganz bestimmte Absicht. Sie sind Iiterarisch in einen groBerem Kontext der Evangelien eingebettet und dramaturgisch in das Leben Jesu eingefiigt, urn einer bestimmten kerygmatischen Aussage willen. So ist die Perikope der Syrophonizierin eine Glaubensgeschichte und ein geschichtlicher Ausblick auf Begriindung der Heidenmission.17 Die Heilung am Sabbat deckt die Heuchelei des Synagogenvorstehers auf und erzahlt von der unterschiedlichen Wirkung des Handelns Jesu auf die Fuhrer des Volkes und auf das Volkes selbst. 18 Aber dariiber hinaus bildet ja gerade das unterscheidend andere Handeln Jesu die Voraussetzung dafiir, das solche Begegnungen iiberhaupt stattfinden, so dass auch sein Verhalten in solchen Situationen Aussagekraft und Vorbildcharakter haben kann.

Die Geschichte, in der das Wirken Jesu ,im Voriibergehen" am eindrucksvollsten beschrieben ist, ist Perikope von der Auferweckung der Tochter des Jairus und der Heilung der blutfliissigen Frau (Mk 5,21-43). An ihr soli im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden, wie Jesus mit Situationen, die sich ,zwischen Tiir und Angel" ergeben, umgeht.

2.3.2.1 Mk 5,21-43: Exegetischer Befund

21 Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hiniiber, und eine grojle Menschenm enge versammelte sich um ihn. W iihrend er noch am See war, 22 kam ein Synagogenvorsteher namens Jairus zu ihm. Als er Jesus sah, fie/ er ihm zu FujJen 23 undjlehte ihn um Hilfe an; er sagte: M e ine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hande auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt. 24 Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drangten sich um ihn.

25 Darunt e r war eine Frau, die schon zwolf Jahre an Blutungen /itt. 26 Sie war von vielen Arzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu l e iden; ihr ganzes Vermogen hatte sie ausgegeben. aber es hatte ihr nicht s genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer ge worden. 27 Sie hatte von Jesus gehort. Nun driingte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und beruhrte sein Gewand 28 Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand beruhre, werde ich geheilt. 29 Sofort harte die Blutung auf, und sie spurte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. 30 lm selben Augenblickfohlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausstromte, under wandte sich in dem Gedrange um und fragte: Wer hat me in Gewand beriihrt? 31 Seine Junger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drangen, und da fragst du: Wer hat mich beriihrt ? 32 Er blickte umher , um zu sehen, wer es getan hatte. 33 Da kam die Frau , zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war ; sie fie/ vor ihm nieder und sagle ihm die ganze Wahrheit. 34 Er aber sagle zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.

35 Wahrend Jesus noch redete, kamen Leute , die zum Haus des Synagogenvorstehers gehorten, und sagten (zu Jarrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemiihst du den Meister noch Ianger? 36 J e sus, der diese Worte gehort hatte, sagle zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur! 37 Und erliejJ keinen mitkommen aujler Petrus, Jakobus und Johannes, den Brud er des Jakobus. 38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorsteh ers. Als Jesus den Larm bemerkte und horte, wie die Leute Iaut weinten und jammerten , 39 trat er ein und sagle zu ihnen : Warum schreit und weint ihr ? Das Kind ist nicht gestorben, es schlaji nur. 40 Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte aile hinaus und nahm auj3er seinen Begleitern nur die £/tern mit in den Raum, in dem das Kind lag. 41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Ta/ita kum!, das heifit ubersetzt: Madchen, ich sage dir, steh auf! 42 Sofort stand das Madchen auf und ging umher. Es war zwolf Jahre alt. Die Leute gerieten auj3er sich vor Entsetzen. 43 Doch er scharfte ihnen ein, niemand durfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man salle dem Madchen etwas zu essen geben.

Bei Mk 5,21-43 handelt es sich ,urn eme Doppelerzahlung, m der die Auferweckungsgeschichte den Rahmen fiir die Heilungsgeschichte abgibt"19 wobei der Einschub der Heilung als retardierendes Moment gedacht ist, urn die GroBartigkeit der Auferweckung der Tochter des Jai"rus zu unterstreichen. 20 Urspriinglich handelt es sich urn zwei voneinander unabhangige Wundergeschichten, die wohl aufgrund ihrer Parallelen (zwei weibliche Hauptpersonen, das Krankheitsmotiv und die Zahl zwolf der Krankheitsjahre der Frau, bzw. des Lebensalters des Kindes) rniteinander in Verbindung gebracht wurden. 21

Alles beginnt in den VV 22-24 mit der Bitte des Synagogenvorstehers Jai"rus, Jesus rnoge seine sterbenskranke Tochter heilen. Im Kniefall und der Bitte urn Heilung allein durch Handauflegung wird der Glaube des fromrnen Juden Jai"rus und die Anerkennung der Wirkmachtigkeit Jesu zum Ausdruck gebracht.22 Da Eile geboten ist, geht Jesus umgehend mit ihm mit.

In einem denkbar unpassenden Moment also tritt nun die Frau auf, die an Blutungen leidet (V 25) und darnit vorn gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlossen ist, da der Umgang mit Blutfllissigen unrein rnacht.23 Die Schwere ihres Leidens wird durch ihre Krankheitsgeschichte und das Versagen der Arzte noch unterstrichen (V 26). Implizit tritt Jesus als der den anderen Uberlegene Arzt hervor.24 Von ihm erhofft sich die Frau die Heilung, die sie bei den anderen Arzten nicht gefunden hat. Auch sie hofft wie Jai"rus auf die Heilung durch Beriihrung. Irn Gegensatz zu ihm allerdings versucht sie ihre Idee heimlich umzusetzen, indern sie sich von hinten an Jesus herandrangt, urn sein Gewand zu beriihren (V. 27f.). Darnit wird ihr ebenso wie Jai"rus das Motiv des Glaubens zuerkannt, und in V. 34 wird Jesus ihre Haltung auch Glauben nennen. Gleichzeitig kann die heimliche Vorgehensweise in der Zwangslage begrtindet sein, in der sich die Frau befindet: Einerseits sehnt sie sich nach Ianger Krankheit nach der Riickkehr in em nonnales Leben, gleichzeitig weiB sie aber andererseits urn die Ungeheuerlichkeit ihres Vorhabens, Jesus zu beriihren, da der Umgang mit ihr und die Beriihrung unrein machen.25 lhr Plan hat Erfolg. Sofort tritt das gewiinschte Ergebnis ein (V. 29), allerdings mit dem unbeabsichtigten Nebeneffekt, dass sie nicht unbemerkt an Jesus vorbeikommt. Er dreht sich urn und sucht nach der Person, die ihn beriihrt hat (V. 30). Die Jiinger, die in V. 31 zum ersten Mal eine Rolle spielen, machen ihn auf die Aussichtslosigkeit aufmerksam, in der ihn umringenden Menge, aus der ihn sicher viele beriihren wollten, einen Einzelnen ausfindig zu machen, der an ihn zu diesem bestimmten Zeitpunkt herangetreten ist. Irgendetwas muss anders an der Beriihrung dieser Frau gewesen sein, dass die von selbst aus ihm wirkende Kraft aktiviert wird (V. 30), so dass ihr Jesus besondere Aufmerksamkeit widmet.26 Nachdem sie sich aus Ehrfurcht vor dem an ihr sichtbar gewordenen gottlichen Wirken zittemd vor Furcht zu ihrer Tat bekennt, hebt Jesus hervor: Das unterscheidend Andere ist ihr Glaube.

V. 35 erinnert daran, dass Jesus eigentlich auf dem Weg zum Haus des JaYrus ist. Allerdings hat sich aus dem Aufenthalt, der durch die Heilung der Frau bedingt war, ein so groBer zeitlicher Abstand ergeben, dass die kranke Tochter inzwischen gestorben ist, so dass jedes weitere Bemiihen urn den Heiler Jesus sinnlos erscheint (V. 35). Jesus fordert ibn auf, an seiner anfanglichen Glaubenshaltung festzuhalten und setzt seinen Weg fort (V. 36). Das MissversUindnis der anwesenden Trauergemeinde, die Jesu Wort, das Madchen schlafe nur wortwortlich versteht, lOst Spott bei den Umstehenden aus (VV. 38-40). Nur wenige diirfen Zeugen der sich anschlieBende Erweckung sein. Markus gestaltet die Erzahlung zur ,gottlichen Epifanie"27 und weist Jesus als den aus, der Macht iiber Leben und Tod hat. Klassisch sind die Elemente, die auch im Zusammenhang mit anderen wunderbaren Heilungen zu finden sind: ,Beriihrung, erweckendes Wort, Aufstehen des Erweckten und Umhergehen als Ausdruck des Erfolgs, entsetzte Reaktion der Anwesenden."28 Uberfliissig erscheint, dass Jesus ihnen einscharft, sie sollten nichts weitererzahlen, da eine Totenerweckung schlecht verborgen bleiben kann. Aber soli ihm eben keiner allein aufgrund der Wunder folgen. Die Haltung des Glaubens, die sowohl JaYrus als auch die geheilte Frau gezeigt haben, sind entscheidend.

[...]


1 Ich beschrlinke mich in dieser Arbeit auf Gesprliche mit einem Priester. Auf keinen Fall soli dies als eine einseitige klerikalistische Engfiihrung der Bezeichnung "Seelsorger", oder als eine Abwertung der seelsorglichen Dienste hauptamtlicher Laienkrafte missverstanden werden. Da es urn die Retlexion eines Teilbereiches meines alltiigl ichen Dienstes geht, beschranke ich meine Ausfuhrungen, auch im Blick auf den begrenzten Umfang der Arbeit, auf den Priester. Relevant wird diese Unterscheidung dennoch im Kapitel 2.4, wenn ich darauf eingehe, weshalb dem Priester im Kreis der Seelsorger eine spezielle Rolle zugestanden werden muss.

2 Piper, H.-C.: Der Hausbesuch des Pfarrers. 1988; S. 20.

3 Vgl. Zulehner,P.M.: Pastoraltheologie.1989; S.126.

4 Vgl. Gries],Gottfried: Psychoanalyse und beratende Seelsorge. 1983; S. I 08.

5 Vgl. Schmid, Peter F.: Gottesvermittler. 2003; S. 179.

6 Problematisch sind in diesem Zusammenhang die hohen Ansprtiche und Erwartungen die aufgrund einer solchen einseitigen Priesterzentrierung an den Priester selbst gestellt werden sind und die er oft nicht erfilllen kann. Andererseits erschwert die Hervorhebung des Priesters zugleich das seelsorgliche Wirken der pastoralen Laienmitarbeiter, deren Erscheinen immer weniger hoch bewertet wird.

7 VgL Schmid, Peter F.: Gottesvennittler. 2003; S. 179.

8 Vgl. Hauschildt, E.: Alltagsseelsorge. 1 996; S. 385.

9 Moller, C.: Seelsorglich predigen. 1990; S. 114. JoVgl.2.l.

10 Vgl. 2.1.

11 Vgl. 1 Kor 12.

12 Aile Bibelworte zitiert nach: Neue Jerusalemer Bibel. EinheitsUbersetzung mit dem Kommentar der Jerusalemer Bibel. Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe, deutsch hrsg. von Alfons Deissler und Anton Vogtle. 8. Auflage. Freiburg 1996.

13 Vgl. Vat. II. AA 3.

14 Honsel, B.: Was tOrdert und was erschwert Seelsorge als Beziehung. 1994; S. 3.

15 Vgl. ebd., S. I.

16 Vgl. ebd., S. I.

17 Vgl. Merklein, H.: Die Jesusgeschichte synoptisch gelesen. 1995; S. 1 34f.

18 Vgl. ebd., S.166.

19 Kertelge, K.: Markusevangelium. 1994; S. 57.

20 Vgl. ebd., S. 57.

21 Vgl.: Gnilka, Joachim: Das Evangelium nach Markus. 1978; S. 210.

22 Vgl. ebd. S. 214.

23 Vgl. Kertelge, K.: Markusevangelium. 1994; S. 58.

24 Vgl. ebd., S. 58.

25 Vgl. ebd., S. 58.

26 Vgl. Gnilka, Joachim: Das Evangelium nach Markus. 1978; S. 216.

27 Vgl. ebd., S. 217.

28 Kertelge, K.: Markusevangelium.1994; S. 60.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die pastorale Bedeutung des Gesprächs "zwischen Tür und Angel"
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
42
Katalognummer
V469415
ISBN (eBook)
9783668938175
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, gesprächs, angel
Arbeit zitieren
Markus Dörre (Autor), 2006, Die pastorale Bedeutung des Gesprächs "zwischen Tür und Angel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469415

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