Repräsentationen von Stille in Lyrik und Popmusik


Hausarbeit, 2018
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Repräsentationen von Stille in der Lyrik und Popmusik

3. Fazit

4. Verwendete Literatur

5. Anhang
5.1 Verwendete Gedichte
5.2 Verwendete Songtexte und Übersetzungen

1. Einleitung

Das Motiv der Stille zieht sich bereits seit Jahrhunderten durch die Literatur und Musik. So wurden beispielsweise bereits im 19. Jahrhundert das Lied Stille Nacht, heilige Nacht gesungen, Johann von Goethes und Joseph von Eichendorffs berühmte Gedichte Ein Gleiches und Mondnacht veröffentlicht, während im 20. Jahrhundert unter anderen Autoren wie Max Frisch, Rachel Carson und Kenzaburô Ôe das Motiv der Stille für ihre Romane verwendeten. Und auch, oder vielleicht gerade in der heutigen turbulenten Zeit, findet sich das Motiv der Stille in Popsongs wie Still von Jupiter Jones (2011) sowie in der Coverversion von The Sound of Silence von Disturbed (Original von Simon and Garfunkel aus dem Jahre 1964) in den deutschen Charts wieder.

So vielfältig wie die Textsorten, in denen Stille thematisiert wird, sind auch die Repräsentationsformen derselben. So kann Stille nicht nur als angenehm und behaglich repräsentiert und empfunden werden, sondern auch als unangenehm, furchterregend oder traurig (z.B. ‘Funkstille’, ‘Totenstille’ oder beim traurigen Schweigen). Lyrik und Popsongs bilden zusammengenommen eine Vielfalt der Repräsentationsformen von Stille ab. Dabei legen literarische Gedichte den Fokus unter anderem auf die Verbundenheit mit der Natur, bilden jedoch auch eine Schnittstelle zur Popmusik, die Stille primär mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Verbindung bringt.

An den Gedichten Ein Gleiches von Johann von Goethe , Mondnacht von Joseph von Eichendorff und Sachliche Romanze von Erich Kästner sowie an den Popsongs Still von Jupiter Jones und The Sound of Silence von Disturbed soll in dieser Arbeit untersucht werden, wie Stille in der Lyrik und Popmusik repräsentiert wird. Dabei soll analysiert werden, wie das Motiv der Stille stilistisch und thematisch umgesetzt wird, welche Wirkungen die Verwendung der unterschiedlichen Stilmittel bezüglich der Stille haben und welche Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede Gedichte und Popsongs bezüglich der Repräsentationsformen von Stille haben. Diese Aspekte sind besonders interessant, weil das Motiv der Stille in der Literaturwissenschaft bisher wenig Beachtung fand und somit kaum erforscht ist. Dementsprechend basiert die Arbeit auf der eigenen Analyse und Interpretation der Primärtexte und verwendet kaum Sekundärliteratur. Für die Interpretation der Gedichte und Popsongs werden Stilmittel und Form analysiert. Zusätzlich wird bei den Popsongs die musikalische Gestaltung mitberücksichtigt, um ein Gesamtbild zu schaffen. Nach erfolgter Analyse und Interpretation aller Primärtexte werden die jeweiligen Ergebnisse miteinander in Verbindung gesetzt und sollen schlussendlich einen Einblick in die verschiedenen Repräsentationsformen von Stille in Lyrik und Popmusik liefern.

2. Repräsentationen von Stille in der Lyrik und Popmusik

In diesem Kapitel wird die Konstruktion der Stille in den Gedichten Ein Gleiches, Mondnacht und Sachliche Romanze sowie in den Songtexten Still und The Sound of Silence, die bereits in der Einleitung erwähnt wurden, analysiert und interpretiert.

Dabei beginne ich chronologisch mit Goethes Gedicht Ein Gleiches, welches am Abend des 6. Septembers 1780 entstand und von Goethe auf die Holzwand einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde, weshalb es als ein spontan entstandenes Werk angesehen wird.1 Dabei erfasste Goethe die Ruhe des Abends auf dem Berg und transportierte diese in sein Gedicht. Dies gelang ihm nicht nur durch den Inhalt des Gedichts, sondern auch durch die gewählte Form. Das Gedicht besteht aus nur einer Strophe mit acht Versen, die weder Metaphern noch Symbole, Vergleiche oder ähnliche Stilmittel, abgesehen von Inversionen, enthalten. Die Kürze und Schlichtheit des Gedichts macht es sehr einprägsam und lässt die Verse „‘ins Auge’, ins Ohr und Sinn“2 fallen, was den Inhalt für den Leser schnell erfassbar macht und so einen direkten Zugang zur Stille ermöglicht. Dabei ist die Form des Gedichts mit dem undefinierbaren Metrum und den unterschiedlichen Reimschemata (Kreuzreim in Vers 1–4 und Paarreim in Vers 5–8) ungezwungen und unterstützt damit das Gefühl von Freiheit und Ruhe, nach dem sich das lyrische Ich sehnt. Der Hakenstil und die abwechselnde Länge der Verse eins bis sechs bewirken eine Wellenbewegung oder einen Fluss des Textes, der in den letzten beiden Versen schließlich zum Stillstand kommt und die aufkommende Ruhe des lyrischen Ichs einläutet. Die Wellenbewegung, die durch die unterschiedliche Länge der Verse entsteht, könnte somit so interpretiert werden, dass sie den Vorgang darstellt, in welchem die Ruhe von außen in das lyrische Ich übergeht und sich in den letzten beiden Versen schließlich vollständig in ihm ausbreitet. Die Verskonstruktion der Verse eins und drei führt zusätzlich zu einer Sprechpause, und lässt die Worte „Gipfel“ und „Wipfel“ jeweils in einem Vers alleine ohne Verb stehen, wodurch diese „unbeweglich“ erscheinen.3 Zusätzlich findet Aufwärtsbewegung der Ruhe zum lyrischen Ich statt, welches seinen Blick von der Ferne zur Nähe, vom Dauernden zum Vergänglichen, vom Ruhigen zum ruhelosen, von der unbelebten Natur (Gipfel) über Pflanzenwelt (Wipfel) und Tierwelt (Vögelein) zum Menschen [gleiten lässt].4

Ferner erfasst das lyrische Ich die Ruhe auf allen Ebenen: in der „unbelebten Natur“, die durch die Gipfel repräsentiert wird, in der Pflanzenwelt, die durch „kaum einen Hauch“ (V. 3–5) gestreift wird sowie in der Tierwelt, in der „die Vögelein schweigen“ (V. 6) und damit den Einzug der Nacht symbolisieren, da sie vermutlich bereits ruhen, woraus ihr Schweigen resultiert. Diese Deutung wird durch die letzten beiden Verse „Warte nur, balde / Ruhest du auch“ (V. 7 f.) bekräftigt und deutet darauf hin, dass die Welt um das lyrische Ich herum bereits auf allen Ebenen zur Ruhe und zum Schlaf gefunden hat, während das lyrische Ich noch darauf wartet. Um diese Ruhe zu erreichen, nimmt das lyrische Ich die Ruhe um sich herum wahr und versucht diese auf sich zu projizieren, was durch die direkte Ansprache an sich selbst in den Versen sieben und acht verdeutlicht wird.

Dabei breitet sich die Ruhe schließlich nicht nur im lyrischen Ich, sondern auch beim Leser während des Lesevorgangs des Gedichts aus. Dazu trägt neben den bereits genannten formalen und inhaltlichen Aspekten auch die Wahl der Worte bzw. Laute bei. So bemerkt Terence James Read in seinem Aufsatz im Goethe-Handbuch, dass das „e“ als „alles bestimmender Vokal“5 in Ein Gleiches anzusehen ist. Das Ein- bzw. Anfügen des Vokals in/an den Wörtern „spürest“, „Vögelein“, „Walde“ „balde“ und „ruhest“ bewirkt eine Dehnung dieser, was zu einem verlangsamten Lesen und somit zu einer ruhigeren Atmosphäre des Gedichts beiträgt. Reed zufolge gestaltet das Ein- bzw. Anfügen des Vokals außerdem „Sprechduktus und Fluß des ganzen Gedichts, macht die Aussage gemessener [und] die Übergänge fließender.“6 Eine beruhigende Wirkung wird auch durch das Auslassen des Vokals bei dem Wort „Ruh‘“ (V. 2) und der Konsonantenkonstruktion „Hauch“ (V. 5) erreicht. Durch die Aspiration bei der Lautproduktion entsteht die beruhigende Wirkung auf den Leser, welcher an einen sanften Windhauch erinnert wird.

Die Stille bzw. Ruhe findet man in Goethes Gedicht Ein Gleiches also auf mehreren Ebenen: Zunächst wird sie vom Dichter überall um sich herum erfasst und im Gedicht verarbeitet, wobei die Ruhe in der gesamten Natur wahrgenommen und thematisiert wird. Im Gedicht sehnt sich dann das lyrische Ich danach, diese Ruhe in sich aufzunehmen, um sich, wie die Natur, schlafen zu legen. Gleichzeitig wirkt die Stille des Gedichts auf den Leser und sorgt für eine ruhige Atmosphäre, sodass der Leser und das lyrische Ich, genauso wie damals Goethe beim Schreiben des Gedichts miteinander in Verbindung stehen. Demzufolge wird Stille in diesem Gedicht mit der akustischen Stille, die durch das Ruhen der Natur entsteht, in Verbindung gebracht, und gleichzeitg mit einer inneren Ruhe gleichgesetzt, die sich von der Natur aus auf das lyrische Ich projiziert.

Diese Naturverbundenheit findet sich auch in Joseph von Eichendorffs romantischen Gedicht Mondnacht wieder, welches ca. 1835 entstand und ebenfalls die innere und äußere Ruhe thematisiert. Das Gedicht ist in drei Strophen mit jeweils vier dreihebigen jambischen Versen unterteilt und benutzt einen Kreuzreim. Bereits in der ersten Strophe wird die Stille als primärer Teil des Gedichts eingeführt, indem Himmel und Erde personifiziert werden und durch einen stillen Kuss eine Verbindung miteinander eingehen, was auch durch die abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie den Kreuzreim unterstützt wird, die eine Verschmelzung symbolisieren können. Dabei werden durch die Personifizierung des Himmels (vgl. I, V. 1–2) Mensch und Erde miteinander in Verbindung gesetzt und zusammen mit den dreihebigen Jamben wird eine fließende, harmonische Atmosphäre erzeugt, die zusätzlich durch die Verwendung des Konjunktivs (vgl. I, V. 1, 4) und des Präteritums durch Melancholie ergänzt wird und den Eindruck erweckt, dass die Schönheit des Kusses eigentlich nicht in Worte zu fassen ist und deshalb mithilfe des Konjunktivs und der Metapher des Blütenschimmers (vgl. I, V. 3–4), der für die Liebe stehen könnte als transzendent zu schildern versucht wird. Der Kuss zwischen Himmel und Erde kann ebenfalls auch mit dem griechischen Schöpfungsmythos erklärt werden, in dem sich Gaja, die Göttin der Erde mit ihrem Sohn Uranos, dem Gott des Himmels, verbindet und so die ersten Götter zeugt. Da Gaja und Uranos zu Beginn die einzigen Götter waren und zuvor nichts außer ihnen existiert hatte, kann die Verschmelzung der beiden als ein äußerst stiller, intimer Akt angesehen werden, der durch die ruhige Stimmung des Gedichts hervorgehoben und als ein transzendentes Erlebnis geschildert wird. Bereits in der ersten Strophe wird somit eine ruhige, melancholische, intime und transzendente Stimmung zwischen Mensch und Erde aufgebaut, die sich in den folgenden Strophen weiter aufbaut. Dabei wird auch bereits im zweiten Vers vom stillen Kuss berichtet. Die Tatsache, dass dieser Kuss als „still“ beschrieben wird, deutet an, dass die Umgebung, in der der Kuss stattfindet so still sein muss, dass die Stille des Kusses überhaupt erst wahrgenommen werden kann, was wiederum zum Interpretationsansatz der griechischen Mythologie passt.

In der zweiten Strophe wird näher auf den Schauplatz des Gedichts eingegangen, was die Stimmung weiter aufbaut. Die sternklare Nacht (vgl. II, V. 4) ist dabei so still, dass sogar das Rauschen der Wälder vom lyrischen Ich wahrgenommen wird. Anschließend wird die Seele des lyrischen Ichs in der dritten Strophe mit einem Vogel in Verbindung gebracht und fliegt „durch die stillen Lande, / als flöge sie nach Haus.“ (III, V. 3 f.). Wie bereits in der ersten Strophe wird hier nebst dem Präteritum auch der Konjunktiv verwendet, der eine transzendente, schon vergangene Erfahrung beschreiben soll. Die intime Beziehung zwischen lyrischem Ich und der Erde bzw. dem Kosmos wird von Strophe zu Strophe weiter aufgebaut, wobei eine Bewegung vom Himmel, zur Erde, zum lyrischen Ich und schließlich wieder zum Himmel zu beobachten ist. Diese Ab- und Aufwärtsbewegung symbolisiert den Lebenskreislauf und damit die Verbundenheit von Mensch und Natur.

Um auf die Repräsentation der Stille in diesem Gedicht zurückzukommen, wird diese hier also verwendet, um eine intime, transzendente Verschmelzung und Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur auszudrücken. Im Gegensatz zu Ein Gleiches ist in Mondnacht die Stille allgegenwärtig und somit auch bereits im lyrischen Ich zu finden. Dabei liegt der Schwerpunkt in Mondnacht primär auf der intimen Stille, die der Mensch in Zweisamkeit mit der Natur empfindet und somit als eine Steigerung von Goethes Gedicht verstanden werden könnte, in dem das lyrische Ich noch versucht, sich auf die Stille der Natur einzulassen, um diese in sich aufzunehmen. Gleichzeitig wird die ruhe in Mondnacht als etwas Vergangenes beschrieben, was einen großen Eindruck auf das lyrische Ich hinterließ, während die Stille bzw. Ruhe in Ein Gleiches direkt vom lyrischen Ich miterlebt und unmittelbar kommentiert wird.

Anders verhält es sich in Erich Kästners Gedicht Sachliche Romanze, das 1929 veröffentlicht wurde und der kurzen Epoche der neuen Sachlichkeit zuzuordnen ist. Im Gegensatz zu den beiden bereits analysierten Gedichten, steht die Stille in Sachliche Romanze nicht mit der Natur in Verbindung, sondern befindet sich zwischen einem Pärchen, das nach acht Jahren Beziehung plötzlich die Liebe zueinander verloren hat (vgl. I, 1–4). Die Stille baut sich dabei in diesem Gedicht von Strophe zu Strophe zunehmend auf. Während in der ersten Strophe noch aus der auktorialen Erzählperspektive von außen berichtet wird, wie die Liebe des Paares plötzlich verloren ging „wie andern Leuten ein Stock oder Hut“ (I, 4) und zunächst nur vom Erzähler erkannt wird, wird in der zweiten Strophe bereits vom Paar erkannt, dass in ihrer Beziehung etwas nicht mehr stimmt. Dabei verhalten sich die Protagonisten weiterhin so, „als ob nichts sei“ (II, 2). Obwohl beiden Parteien also klar zu sein scheint, dass ihnen die Liebe abhandengekommen ist, spricht dies keiner von ihnen an. Es entsteht ein Schweigen zwischen dem Paar und jeder versucht allein damit umzugehen, wodurch die Stille zwischen ihnen weiter anwächst. Im vierten Vers der zweiten Strophe verzweifelt die Frau schließlich und beginnt zu weinen, während ihr Mann einfach nur dabei steht ohne sie zu trösten, obwohl sie sich zuvor noch küssten. Die Distanz zwischen den beiden wächst immer mehr an, was auch durch den Punkt in diesem Vers zu beobachten ist („Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei“) (II, 4), welcher das Paar voneinander trennt, obwohl die Konjunktion „und“ zwei Dinge miteinander verbinden sollte, was darauf hindeutet, dass das Paar zwar noch eine kleine Verbindung (Konjunktion) zueinander hat, diese aber nicht ausreicht, um zusammen zu sein. In der dritten Strophe bemerkt der Mann schließlich, dass es Zeit sei einen Kaffee trinken zu gehen, wodurch er das Weinen seiner Frau völlig ignoriert. Die Stille zwischen den beiden steigt weiter an, denn beide sind traurig (vgl. II, 1), aber keiner spricht mit dem anderen über seine wahren Gefühle. Das eigentlich in den Protagonisten Brodelnde wird von ihnen zurückgehalten und stattdessen thematisieren sie nebensächliche Dinge, wie das Kaffee trinken. Die einzige wahre Kommunikation entsteht durch das Weinen der Frau, welches ihr Mann jedoch nicht beachtet, wodurch eine Art ‘Funkstille’ entsteht, da die Frau (Sender) mit ihren Tränen eine Botschaft (Trauer, Verletzlichkeit) an ihren Mann (Empfänger) sendet, die dieser nicht verarbeitet. Die Funkstille wird dadurch unterstützt, dass sich die beiden Personen zwar im selben Zimmer befinden, sich jedoch keiner mit dem anderen befasst. So scheint zumindest eine Person am Fenster zu stehen und hinaus auf die Schiffe zu blicken, anstatt sich mit der anderen Person zu unterhalten. Mit der Zeit scheint nicht nur die Stille zwischen den beiden anzusteigen, sondern auch eine Art fassungslose Stille in den Gedanken der Frau zu entstehen. Während der Mann von der Uhrzeit und dem geplanten Kaffee trinken erzählt, hört sie wie nebenan Klavier gespielt wird (vgl. III, 4). Die Tatsache, dass sie dies wahrnimmt, obwohl sie zuvor noch am Weinen war und ihr Mann nun mit ihr spricht, spricht dafür, dass in ihr eine apathische Stille eingetreten ist, die sie an nichts mehr denken lässt. Zwar nimmt sie das Reden ihres Mannes noch wahr, jedoch scheint sie so in sich selbst versunken und teilnahmslos zu sein, dass sie das Klavierspielen aus dem Haus nebenan noch eher wahrnimmt und verarbeitet als die Worte ihres Mannes. In der vierten Strophe kommt die Stille in diesem Gedicht schließlich zu ihrem Höhepunkt. Dort sitzen sie stundenlang im Café beisammen ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Und doch können es beide nicht fassen, dass ihre Liebe zueinander verloren gegangen ist. Die Tatsache, dass beide darüber fassungslos sind, obwohl sie nicht miteinander darüber sprachen, steigert die Funkstille zwischen dem Pärchen schließlich zum Äußersten, da zwar jeder traurig ist und dies auch bewusst realisiert, aber keiner mit dem Anderen darüber spricht. Dieser Aspekt findet sich auch in der Form des Gedichts wieder. Während die ersten drei Strophen vier Verse mit einem Kreuzreim besitzen, besitzt die vierte Strophe einen zusätzlichen Vers, wodurch ein Kreuzreim mit einem eingeschobenen Paarreim (ghggh) entsteht. Dieses abweichende Reimschema lässt einen beim Lesen sowie bei der Analyse stolpern, so wie das Pärchen über die jeweilige Einsicht stolpert, dass ihre Liebe zueinander tatsächlich nicht mehr existiert. das Reimschema auch so interpretiert werden, dass das Paar (der Paarreim) von der Stille (dem Kreuzreim) um sich herum eingeschlossen ist und diese nicht durchbrechen kann.

Die hier repräsentierte Stille ist also im Gegensatz zu der Stille in Ein Gleiches und Mondnacht sehr negativ besetzt und unangenehm und tatsächlich als Stille zu klassifizieren, während die Stille in den zuvor analysierten Gedichten eher als Ruhe oder innerer Einklang zu verstehen ist. Während die Stille in Mondnacht eine sehr intime Atmosphäre beschreibt, bewirkt sie in diesem Gedicht das Gegenteil und symbolisiert die Distanz zwischen zwei sich nicht mehr liebenden Personen. Die Natur spielt hier nun gar keine Rolle mehr.

Ähnlich verhält es sich mit dem Songtext Still von Jupiter Jones, der sich mit der bereits stattgefundenen Trennung oder, je nach Interpretationsansatz, mit dem Tod einer geliebten Person befasst. Das Lied besitzt vier Strophen, die drei Mal mit dem Refrain durchsetzt werden. Das Reimschema ist dabei sehr unregelmäßig und lautet: abax, ccdd, eefxf, xxxgg, eefxf, hhh, eefxxeefxf. Bereits in der ersten Strophe wird die Stille zwischen dem Pärchen thematisiert, welche im Augenblick der Trennung aufkam. Sie beschreibt die Trauer, Aussichtslosigkeit und Sprachlosigkeit beider Personen, die keine Chance mehr für ihre Beziehung sehen. Das Gefühl der Aussichtslosigkeit und des Schocks wird in der folgenden Strophe weiter aufgebaut, indem beschrieben wird, wie die Zeit stehen bleibt und nicht einmal mehr das Ticken der Uhren wahrgenommen werden kann (vgl. II, 1 f.). Anschließend an den Schock wird im Refrain nun beschrieben, wie das lyrische Ich versucht, mit der Situation umzugehen. Dabei empfindet es den Liebeskummer als einen niemals endenden Schmerz, der es nachts wachhält und den es auch nicht durch das Schreiben von Liedern verarbeiten kann. Die erste Zeile des Refrains „ich hab‘ so viel gehört und doch kommt’s niemals bei mir an“ könnte dafürstehen, dass dem lyrischen Ich vielerlei Gründe für die Trennung genannt wurden, es diese jedoch nicht nachvollziehen kann und deshalb nachts wach liegt und versucht, diese zu verstehen. Gleichzeitig beginnt das lyrische Ich zu realisieren, dass die Situation endgültig ist und bemerkt die Abwesenheit der geliebten Person. Die dritte Strophe bildet dabei einen Gegenpart zur ersten und zweiten Strophe, die den Schockmoment beschreiben, in dem im lyrischen Ich nichts als traurige Stille herrscht. Hier ist nun nicht mehr die Rede von der Stille, sondern von der Lautstärke, die im Parallelismus zu dem „so still“ (I, II) mit den Worten „so laut“ (III, 1, 3 f.) eingeführt wird. Die Stille und die Lautstärke scheinen das lyrische Ich gleichermaßen zu belasten, da es die Stille bzw. Lautstärke immer wieder durch die Verwendung von Anaphern anspricht und mit der Partikel „so“ als einen kaum zu ertragenden Umstand darstellt. Während die Stille zuvor noch den Schockmoment repräsentierte, repräsentiert die Lautstärke nun den Verstehens- und Verarbeitungsprozess des lyrischen Ichs (vgl. III, 1 f.) und dessen laute Gedanken. Dies spiegelt sich auch im Reimschema (xxxgg) wider, das die kreisenden Gedanken repräsentiert. So bemerkt das lyrische Ich, dass in der Beziehung nichts mehr zusammenpasst (xxx) und kommt am Ende wieder zum selben Punkt zurück, an dem es allein ist und die Situation nicht mehr ändern kann (gg) und schließlich zur Stille zurückkommt, die die geliebte Person hinterlassen hat (vgl. III, 5). Interessanterweise sind die letzten beiden Zeilen der Strophe bezüglich der Stille und Lautstärke antithetisch zueinander, sodass es „so laut und so verloren“ (III, 4) in der unmittelbaren Umgebung des lyrischen Ichs ist, während nun anstelle der geliebten Person Stille bei ihm wohne (vgl. III, 5), was erneut auf die lauten Gedanken, die durch die Stille um das lyrische Ich herum noch verstärkt werden, zu beziehen ist. Anschließend kommt wieder der Refrain, der das Im-Kreis-Bewegen des lyrischen Ichs verdeutlicht. Die vierte Strophe beginnt nun wieder mit der unerträglichen Stille, die sowohl vom lyrischen Ich, als auch von der geliebten Person ausgeht. So spricht die Satzkonstruktion „So still, obwohl ich dich mit jedem Tag vermiss‘“ (IV, 1) dafür, dass es sich bei der Stille nun um das Schweigen des lyrischen Ichs handelt, das trotz des Vermissens nicht gebrochen wird und von der verlorenen Person ebenfalls beibehalten wird (IV, 3). In dieser Strophe ist die Stille allgegenwärtig, was auch in dem Haufenreim (hhh) zu sehen ist. Abschließend erklingt eine abgewandelte verlängerte Form des Refrains, der durch die Wiederholung der vierten Zeile „heißt das doch nicht, dass ich versteh‘“ und der anschließenden Wiederholung des gesamten Refrains eine Kreisbewegung darstellt, die sich auch in der Hintergrundmusik wiederfinden lässt, die wieder und wieder dieselben wenigen abwechselnden Keyboardtöne von Anfang bis Ende des Liedes verwendet. Dabei sind die Töne sehr hoch und die Melodie sehr monoton, sodass dem Hörer die Hintergrundmusik fast unerträglich werden kann, so wie auch die Gedanken des lyrischen Ichs es immer und immer wieder quälen und dabei nicht zu übertönen sind (vgl. III; Refrain).

Die Repräsentationen der Stille sind in diesem Song also höchst vielfältig. Während sie zu Beginn des Liedes eine Art Stille des Schocks bedeutet, verändert sie sich im Laufe des Liedes zu einer einsamen Stille, die fast ohrenbetäubend wirkt und kaum zu ertragen ist. Gleichzeitig kann die Stille in diesem Lied auch mit Ratlosigkeit und Verzweiflung gleichgesetzt werden, wie es auch schon in Erich Kästners Gedicht Sachliche Romanze der Fall war.

Auch in Paul Simons Lied The Sound of Silence, das vor etwa 50 Jahren von ihm geschrieben wurde und kürzlich von der Band Disturbed gecovert wurde, geht es um unerträgliche Stille und Einsamkeit. Letztere wird bereits in der ersten Strophe deutlich, in der das lyrische Ich mit der Finsternis, seinem alten (und vermutlich einzigen) Freund (vgl. I, 1) spricht, dem es von einer Vision berichten will, die es im Schlaf hatte und noch immer in ihm verharrt, sobald es still ist (vgl. I). In der zweiten Strophe beschreibt das lyrische ich, wie es zu der Vision in seinem Traum kam. Dort läuft es in rastlosen Träumen die Straße entlang und wird von dem Heiligenschein einer Laterne geblendet, der die Nacht durchbricht und den Klang der Stille berührt. Dieses Bild des Heiligenscheins, zusammen mit der Tatsache, dass dieser die Stille berühren kann, was eigentlich unmöglich ist, da Stille etwas abstraktes ist, lässt die Szene als eine Art Vision eines Propheten erscheinen, der die Stille als unheilvoll erachtet. Dies wird durch das Reimschema, das in der ersten und zweiten Strophe identisch ist (aabbccx und ddeeffx) unterstützt und hebt die Stille durch die Waise im Reim heraus, wie es auch in den folgenden Strophen noch der Fall sein wird. In der dritten Strophe beschreibt das lyrische Ich schließlich den Inhalt seiner Vision. Demzufolge hat es gesehen, wie die Menschen reden, ohne miteinander zu sprechen und hören ohne einander zuzuhören (vgl. III, 3 f.). Es wird also, wie schon in Kästners Gedicht, eine Art Funkstille zwischen den Menschen beschrieben, die durch die nächste Zeile noch an Einsamkeit gewinnt. In dieser Zeile beschreibt das lyrische Ich, wie die Menschen Lieder schreiben, die niemals miteinander geteilt würden (vgl. III, 5), und das, obwohl Lieder Menschen eigentlich miteinander verbinden. Stattdessen symbolisieren sie hier die Einsamkeit, da der Songschreiber keine Freunde hat, mit denen er seine Lieder teilen könnte. So sind die Menschen in der Einsamkeit und Stille gefangen, auch wenn sie zu zehntausenden sind (vgl. III, 2), denn schließlich traut sich keiner die Stille zu durchbrechen (vgl. III, 7). Dieses Bild erscheint einem sehr plausibel, wenn man es im Kontext einer Großstadt betrachtet, in der zwar tausende Menschen leben, jedoch die meisten nicht einmal ihre Nachbarn kennen und so trotz der Masse an Menschen schließlich allein sind und sich nicht trauen, die Stille zu durchbrechen und auf ihre Mitmenschen zuzugehen. Dieses Szenario wird durch die Musik des Songs dramatisiert, indem diese im Vergleich zu den ersten beiden sehr zart gesungenen Strophen sehr kraftvoll gesungen wird. Die Dramatik steigt von Strophe zu Strophe weiter an. In der vierten Strophe wird aus dem zuvor kraftvollen Gesang ab der dritten Zeile „Hear my words that I might teach you / Take my arms that I might reach you“ (IV, 3 f.) ein Ausruf, der die Menschen zum Zuhören bringen soll und sie erfolglos versucht zu erreichen (vgl. IV, 5 f.). Der Ausruf der Warnung, die das lyrische Ich in der Welt verbreiten will, wird durch das Einsetzen von Pauken hervorgehoben. Zusätzlich bildet der kraftvolle Ausruf des Sängers einen Kontrast zu den vorherigen beiden Zeilen, die eher wie die persönlichen Gedanken und die Kernaussage der Warnung des lyrischen Ichs erscheinen und zurückhaltender gesungen werden. Das Misslingen des lyrischen Ichs wird erneut durch das Reimschema (iixxxx) unterstützt. Dabei reimen sich nur die ersten beiden Zeilen, das „you“ in der dritten Zeile wiederholt sich in der darauffolgenden, sodass kein echter Reim entsteht und die letzten beiden Zeilen reimen sich ebenfalls nicht. So ergibt sich, dass die persönlichen Gedanken des lyrischen Ichs in den ersten beiden Zeilen noch mit einem Reim besetzt sind, aber ab seiner Intention, seine Warnung „Silence like a cancer grows“ (IV, 2) zu verkünden, keine Reime mehr entstehen. Betrachtet man die Notation des Reimschemas (iixxxx) so erscheint es, als ob die Botschaft des lyrischen Ichs nicht mitgeteilt werden kann, was durch das X symbolisiert wird. Zusätzlich enthält diese Strophe eine Zeile weniger als die bisherigen, sodass die Botschaft, die er mitteilen möchte nun weniger ins Auge fällt oder gar in dem fehlenden Vers zu verschwindet. Dabei wirkt die Warnung vor der lebensbedrohlichen Stille aufgrund der Wortwahl „Fools, said I, you do not know / Silence like a cancer grows“ (IV, 1 f.) in den ersten beiden Versen so eindringlich und von eigener Anteilnahme besetzt, dass sie als essenziell erscheint. Die letzte, nun wieder siebenzeilige Strophe mit dem Reimschema jjkkllx, bildet den abschließenden Höhepunkt des Gesangs und der Musik. Der Gesang erscheint nun wie ein wütendes Anschreien gegen die Stille. Es scheint, als würden die Menschen während der Anbetung ihrer Neongötter (vgl. V, 1 f.) selbst von der Warnung geblendet werden, die besagt, dass die Worte des Propheten auf den Wänden der U-Bahnen und Wohnblocke stünden und in den Klang der Stille flüsterten. Die Worte des Propheten (vermutlich Graffitis) müssen jedoch noch von den Menschen entschlüsselt werden. Stellt man sich den Vorgang des Sprayens vor, so fällt auf, dass dieser Prozess meist allein in der Nacht stattfindet und dabei meist der Name einer Person oder Bande, die das Graffiti sprayte, an die Wand gesprüht wird. Davon lässt sich ableiten, dass die Sprayer zwar allein sind, jedoch ihren Namen an die Wand sprühen, um gesehen zu werden und eventuell bei anderen Banden Anerkennung zu finden. Es ist also ein stummer Schrei aus der Einsamkeit heraus nach Anerkennung, ähnlich wie in dem zuvor beschriebenen Kontext der Großstadt, in der man oft isoliert unter tausenden von anderen Menschen lebt und vereinsamt, wenn man die Stille nicht selbst bricht. Schließlich endet das Lied mit dem Flüstern der Worte der Prophezeiung in die Klänge der Stille, was nahelegt, dass man die Worte in den leisesten und einsamsten Momenten des Lebens hören kann. Ob diese einen dazu bringen, die Stille zu durchbrechen und auf andere Menschen zuzugehen, bleibt jedoch offen. Zumindest jedoch scheint nun innerhalb des Liedes die Möglichkeit gegeben zu sein, dass die Menschen die schwerwiegenden Folgen der Stille erkennen, was durch das Flüstern in deren Klang und die nun wieder vorhandene siebte Zeile ohne Reim symbolisiert wird, die das Flüstern in die Stille in den Vordergrund rückt und vom Sänger noch verstärkt wird, indem er eine Pause zwischen dem vorletzten Wort der letzten Strophe und dem Wort „silence“ macht, sodass dieses schließlich abschließend ganz allein im Raum steht.

Ähnlich wie im vorherigen Lied Still von Jupiter Jones sowie in Kästners Gedicht Sachliche Romanze wird die Stille hier als etwas kaum zu ertragendes, alltägliches dargestellt. Allerdings bezieht sich die Stille hier nicht auf einzelne Personen, sondern auf die gesamte Menschheit und kann mit Isolation und Einsamkeit verglichen werden, die wie ein Krebsgeschwür immer weiter anwächst, bis sie einen zerstört. Obwohl der Songtext bereits vor über 50 Jahren geschrieben wurde, könnte er nicht aktueller sein, wenn man betrachtet, wie die Menschen heutzutage in beinahe jeder freien Minute, in der Bahn oder gar während Gesprächen auf ihr Handy blicken, um sich nicht mit fremden Menschen auseinandersetzen oder unterhalten zu müssen, sodass die Stille und Abschottung immer weiter fortschreitet bis sie schließlich als normal erachtet wird und nicht mehr durchbrochen werden kann. Dabei wird die Stille/Einsamkeit im Lied so wie in der alltäglichen Welt jedoch oft nur von einer oder wenigen Personen erkannt, obwohl sie die gesamte Menschheit betrifft.

[...]


1 Vgl. Gero von Wilpert: “Wandrers Nachtlied.” In: Goethe-Lexikon. Stuttgart: Kröner 1998, S. 1148.

2 Sebastian Kiefer. Über allen Gipfeln. Magie, Material und Gefühl in Goethes Gedicht „Ein Gleiches“. Mainz am Rhein: VAT. Verlag Thiele 2011, S. 21.

3 Vgl. Terence James Reed: „Wandrers Nachtlied/Ein gleiches.“ In: Regine Otto u. Bernd Witte (Hrsg.) : Goehte-Handbuch. 4 Bde. Bd. 1: Gedichte. Stuttgart, Weimar: Metzler 1996, S. 195.

4 Wilpert: Goethe-Lexikon, S. 1148 f.

5 Reed: Goehte-Handbuch, S. 195.

6 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Repräsentationen von Stille in Lyrik und Popmusik
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Stille - literarisch: Geschichte, Motivik, Didaxe
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V469736
ISBN (eBook)
9783668935525
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stille, Erich Kästner, Sachliche Romanze, Mondnacht, Joseph von Eichendorff, Ein Gleiches, Goethe, Still, Jupiter Jones, The Sound of Silence, Disturbed, Popmusik, Lyrik, Motivik, Literaturwissenschaft, Medien, Textanalyse, Songtexte, Musik, Funkstille, Totenstille, Mythologie, griechische Götter, Götter, Beziehung, Trennung, Tod, Gesellschaft, Reim, Kritik, Isabel Kern, Stilmittel, Ruhe, Sprechduktus, Natur, Naturverbundenheit, Romantik, Kadenzen, Melancholie, Liebe, Gaja, Uranos, Verschmelzung, Nacht, Erzählperpektive, Narratologie, Distanz, Monotonie, Verzweiflung, Einsamkeit, Vision, Großstadt, lebensbedrohlich, Abschottung, Lautverwendung, Sehnsucht
Arbeit zitieren
Master of Education Isabel Kern (Autor), 2018, Repräsentationen von Stille in Lyrik und Popmusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469736

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Repräsentationen von Stille in Lyrik und Popmusik


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden