Verwirrungsstrategien in E.T.A. Hoffmanns "Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809"


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Strategien der Verwirrung in E.T.A. Hoffmanns Ritter Gluck

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

Gestalten wie der Künstler oder Träumer[1], „die Erkundung des Übersinnlichen, Unheimlichen und Fantastischen: Traummotive und Momente zwischen Wachen und Schlafen“[2], Wahnsinn und die „Aufwertung des Irrationalen“[3] sind typische Merkmale der Romantik und finden sich auch in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Ritter Gluck: Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809 wieder. Darin trifft der „reisende Enthusiast“ auf einen sonderbaren Fremden, der sich ihm am Ende der Erzählung als den Komponisten und Ritter Christoph Willibald Gluck vorstellt. Das merkwürdige daran ist, dass Gluck zu der Zeit, in der die Geschichte spielt bereits seit 22 Jahren verstorben ist.

Im literarischen Diskurs gibt es bereits einige Interpretationsansätze, die versuchen, diesen Widerspruch aufzuklären. Dabei wird beispielsweise angenommen, dass es sich bei dem Fremden um Glucks musikalischen Geist handele, dass er ein Wahnsinniger sei, der sich einbilde, der Komponist Gluck zu sein oder, dass es sich beim Fremden lediglich um eine Einbildung des reisenden Enthusiasten handele.[4] Als ein Text der fantastischen Literatur ist das unmögliche Erlebnis des reisenden Enthusiasten jedoch nicht aufzuklären, da ein fantastischer Text „kein Argument zur Verfügung stellt, das eine Rückführung des Unmöglichen auf ein die dargestellten Ereignisse steuerndes Regelsystem erlauben würde.“[5] Hoffmann verwendete in seiner Novelle Ritter Gluck: Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809 zahlreiche literarische Strategien der Verwirrung, um diese Unerklärbarkeit hinsichtlich der Identitätsfrage der Figur des Ritter Glucks zu erzeugen.

Diese Arbeit untersucht diese von Hoffmann verwendeten Strategien und geht dabei auf die vorherrschenden, bereits erwähnten Interpretationsansätze ein, um zu zeigen, dass eine eindeutige Interpretation nicht möglich ist. Dazu wird das Setting, der Plot, die Narration und die Figuren untersucht und auf Aspekte wie Traum und Wirklichkeit sowie die Bedeutung der Musik eingegangen.

2. Strategien der Verwirrung in E.T.A. Hoffmanns Ritter Gluck

Die Novelle spielt in Berlin im Spätherbst des Jahres 1809, wie es schon im Titel Ritter Gluck: Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809, heißt. Bereits in dieser Überschrift ist eine Verwirrungsstrategie Hoffmanns zu finden, denn durch den Titel wird dem Leser suggeriert, dass es sich bei dem autodiegetischen Text um einen Tagebucheintrag und somit um eine wahre Begebenheit handelt. Dabei erscheint die Handlung jedoch so unmöglich, dass der Leser dazu animiert wird herauszufinden, inwiefern die Geschichte logisch zu erklären ist. Ein Erklärungsansatz, der hier zunächst diskutiert wird ist, dass es sich bei dem Ritter Gluck um eine Einbildung des reisenden Enthusiasten handelt.

Die Novelle beginnt damit, dass sich der Erzähler (oder auch der reisende Enthusiast) draußen in das Café „Klaus und Weber“[6] in Berlin begibt und dort die Umgebung und die Menschen um sich herum wahrnimmt und beschreibt. Zu Beginn kann der Erzähler noch alle möglichen Passanten aufzählen (vgl. ebd.). Nach und nach „zerfließt“ (ebd.) ihm jedoch alles und er überlässt sich „dem leichten Spiel [seiner] Fantasie“ (ebd.). Hier wird also bereits angedeutet, dass sich der reisende Enthusiast in eine Art Fantasie- oder auch „Traumwelt“ (RG 20) begibt, die ihm „be­freundete Gestalten zuführt, mit denen [er] über Wissen­schaft, über Kunst, über alles, was dem Menschen am teuersten sein soll, [spricht]“ (RG 19). Hier gibt der Erzähler bereits zu, dass ihm seine Fantasie Gesprächspartner zuführt. So erscheint ihm auch der sonderbare Fremde, der sich am Ende der Geschichte als Ritter Gluck vorstellt. Obwohl es dem Erzähler nicht mehr möglich ist, seine zerflossene Umgebung richtig wahrzunehmen und zu beschreiben, ist es ihm nun möglich, den sonderbaren Fremden sehr detailliert zu beschreiben (vgl. RG 20), was erneut darauf hinweisen könnte, dass sich der Erzähler im Traum befindet und sich den Fremden nur einbildet oder „erträumt“. Nach einiger Zeit verlassen die beiden das Café und begeben sich zusammen aufs Zimmer, wo sie über das Komponieren sprechen. Plötzlich beginnt der Komponist über ein elfenbeinernes Tor zu sprechen (vgl. RG 24), was einen sonderbaren Gesprächsübergang bildet und entweder den Komponisten wahnsinnig erscheinen lässt oder ein erneutes Indiz für einen Traum des Erzählers ist, da Träume zu unlogischen oder unzusammenhängenden Übergangen neigen. Im Traum wird der Teil des Gehirns abgeschaltet, der für die kritische Bewertung zuständig ist, sodass uns unlogische Dinge ganz normal erscheinen. Dies scheint auch beim Erzähler der Fall zu sein, denn als nach der euphorischen Rede des Komponisten Stille eintritt, traut er sich nicht, diese zu unterbrechen, „um den außerordentlichen Mann nicht aus dem Geleise zu bringen“ (RG 24 f.), obwohl dieser bereits völlig durcheinander zu sein scheint. Und auch die Tatsache, dass der Fremde ihn später darum bittet, leere Notenblätter zur rechten Zeit umzublättern, irritiert den Erzähler nicht. Er verspricht sogar ohne weitere Nachfrage, dies zu tun (vgl. RG 29 f.).

Die beiden treffen sich noch zwei weitere Male: Das erste Mal kurz nachdem der Komponist überstürzt aus dem Zimmer gerannt ist und das zweite Mal nach einigen Monaten. Letzteres lässt Zweifel daran, dass es sich wirklich um einen Traum des Erzählers handelt, da im Traum kein Zeitgefühl herrscht. Denkbar wäre jedoch, dass es sich bis hier hin um einen Traum des Erzählers gehandelt hat, den er aus seiner Erinnerung heraus aufschrieb und anschließend noch weiter ergänzte und ausschmückte, um daraus eine Geschichte zu spinnen. Dafür spricht auch, dass es in diesem Teil der Novelle viel weniger wahnhafte Äußerungen des Komponisten vorhanden sind. Um die Geschichte weiterhin als einen Traum darstellen zu können, greift der Erzähler erneut zu unrealistischen Begebenheiten. So spielt der Komponist beispielsweise von Notenblättern, „die mit keiner Note beschrieben [sind]“ (RG 29), was unlogisch, im Traum jedoch normal erscheint.

Für die mehrmalige Erscheinung des Ritter Glucks gibt es noch eine weitere Erklärung, wenn man davon ausgeht, dass es sich beim Komponisten um eine Fantasiegestalt des Erzählers handelt. Der reisende Enthusiast könnte auch an einer Psychose leiden, die ihn den bereits verstorbenen Ritter Gluck sehen lässt. Dafür spricht, dass der Erzähler den Ritter Gluck nach einigen Tagen oder Monaten erneut trifft (vgl. RG 26, 28), was bei einer Psychose durchaus denkbar wäre, da es sich dabei, bei fehlender Behandlung, um eine längerfristige Erkrankung handelt, bei der man unter Halluzinationen leidet und die Welt vollkommen anders wahrnimmt. Dass es sich entweder beim Ritter Gluck oder beim Erzähler um einen Wahnsinnigen handelt, legt auch Dirk Uhlmann in seinem Artikel Die artifizielle Präsenz des Ritters Gluck nahe und weist darauf hin, dass das bei Hoffmanns Werken „ge­häufte Auftreten von Figuren, die sich in dem Spannungsfeld von Kunst und Wahnsinn bewegen, […} das seinige getan [hat], um den Fokus dieser Deutungsper­spektive zu konsolidieren“[7]. Des Weiteren brachte Hoffmann seinen Text in einem Brief mit Johann Friedrich Rochlitz‘ Artikel Der Besuch im Irrenhaus in Verbindung[8] und bekräftigte damit den Deutungsansatz, dass es sich entweder beim Erzähler oder der Figur des Ritters Gluck um einen Wahnsinnigen handeln könnte. Interessanterweise bezeichnet der Erzähler selbst sich als „reisenden Enthusiasten“. Steinecke definiert den Begriff Enthusiasmus als „schöpferische Begeisterung, die rauschhafte Entgren­zung des Ichs in der Fantasie, die Ekstase, die bis zum Überschwang, der »Exaltation«, gehen und damit über­spannt, grotesk, ja wahnsinnig wirken kann.“[9] Demnach beschreibt der Erzähler sich selbst als eine Person, die zu rauschhafter Entgrenzung in der Fantasie neigt und sich darin verlieren kann. Dies lässt sich sowohl auf den Schreibprozess des Tagebuchs des reisenden Enthusiasten als auch auf seine Erlebniswelt beziehen. So könnte es sich bei der Geschichte des Ritters Gluck lediglich um eine fiktive Geschichte des Erzählers handeln, die er in einem „enthusiastischen Moment“ verfasste, um einen aufgeschriebenen Traum oder aber der Erzähler beschreibt sich implizit selbst als Jemanden, der dazu neigt, in eine Traumwelt zu verfallen, wenn er sich seiner Fantasie überlässt. Christine Lubkoll sieht diesen Widerspruch zwischen objektiver Erzählinstanz und wahnsinnigem Erzähler ebenfalls und erläutert: „Einerseits präsentiert sich die Textinstanz immer wieder - extradiegetisch-homodiegetisch - als beschaulicher Be­trachter und ästhetischer Kritiker, andererseits ist sie als intradiegetisch-heterodiegetischer Erzähler selbst in den Wahnsinn involviert“[10]. Einen ähnlichen Ansatz vertritt auch Xaver von Cranach in seinem Artikel Die Tiefenstruktur des "Ritter Gluck" - mit Orpheus durch das Brandenburger Tor und beschreibt den Erzähler als eine Gestalt, die zwischen Unterwelt und Realität wandelt . Laut Cranach ist der Originaltext von Ritter Gluck in 18 Absätze unterteilt, wovon neun vor dem „Zeitsprung von „einige[n] Monaten“ [RG 28] und neun danach spielen“[11]. Des Weiteren befindet sich der Handlungsort im ersten Teil im Tiergarten und in der Nähe des Brandenburger Tores und im zweiten Teil in der Mitte Berlins[12]. Laut Cranach symbolisiert der Zeitsprung von einigen Monaten, dass das Brandenburger Tor vom Erzähler durchschritten wurde. Dabei repräsentiert das Brandenburger Tor für Cranach das Tor zur Unterwelt und wird mit dem elfenbeinernen Tor gleichgesetzt, von dem der Komponist so oft spricht. Cranach begründet dies mit der Beschreibung der Tore in Homers Odyssee und Vergils Aeneis. Der Ritter Gluck beschreibt das Tor mit den folgenden Worten:

[...]


[1] Vgl. Volker Meid: Das Buch der Literatur. Deutsche Literatur vom frühen Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. 4. aktual. u. erg. Aufl. Stuttgart: Reclam 2017, S. 289.

[2] James Canton u.a.: Romantik und der Triumph des Romans. 1800–1855. In: Das Literaturbuch. Wichtige Werke einfach erklärt. München: Dorling Kindersley 2017, S. 111.

[3] Inge Stephan: Kunstepoche. In: Beutin W. (Hrsg.): Deutsche Literaturgeschichte: von den Anfängen bis zur Gegenwart. 8., aktual. u. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2013, S. 207.

[4] Vgl. Dirk Uhlmann: Die artifizielle Präsenz des Ritters Gluck. In: Zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Paderborn: Fink 2014, S. 86.

[5] Jan Erik Antonsen: Phantastische Literatur. In: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender u. Burkhard Moennighoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 581.

[6] E. T. A. Hoffmann: Ritter Gluck: Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809. In: Fantasiestücke in Callot’s Manier, Werke 1814. Hrsg. v. Hartmut Steinecke u. Wulf Segebrecht, 1. Aufl, Bd. 2.1, Dt. Klassiker-Verl, 1993, S. 19. (Wird fortan an mit RG als Sigle zitiert.)

[7] Uhlmann: Die artifizielle Präsenz des Ritters Gluck, S. 86.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Hartmut Steine>

[10] Christine Lubkoll: Einführung. In: Christine Lubkoll u. Harald Neumeyer (Hrsg.): E.T.A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler 2015, S. 10.

[11] Xaver von Cranach: Die Tiefenstruktur des „Ritter Gluck“ - mit Orpheus durch das Brandenburger Tor. In: E.-T.-A.-Hoffmann-Jahrbuch. Berlin: Schmidt 2015, S. 8.

[12] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Verwirrungsstrategien in E.T.A. Hoffmanns "Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Deutsche Literaturgeschichte: E.T.A. Hoffmann
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V469808
ISBN (eBook)
9783668942684
ISBN (Buch)
9783668942691
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Ritter Gluck, Literaturgeschichte, Literaturwissenschaft, Verwirrungsstrategien, Analyse, Interpretation, Traummotiv, reisende Enthusiast, Künstler, Träumer, Romantik, Komponist, Christoph Willibald Gluck, fantastisch, fantastische Literatur, Fantastik, Novelle, Identität, Identitätsfrage, Traum und Wirklichkeit, Figuren, autodiegetisch, Traumwelt, Wahrnehmung, Fremder, Musik, Noten, Psychose, Kunst, Wahnsinn, Entgrenzung, Textinstanz, extradiegetisch, Zeitsprung, Brandenburger Tor, Vergil, Aeneis, Sonne, Feuer, Odyssee, Unterwelt, Homer, Klavier, Volksglaube, Geist, Genie, Dreiklang, Akkorde, Psyche, Identitätsfindung, Kolosse, Tonintervall, Melodie, Sonnenblume, Metaphorik, Phantasiewelt, elfenbeinernes Tor, Armida, Irritation, Phantasiestücke, Widersprüchlichkeit, Ambivalenz, Rausch
Arbeit zitieren
Isabel Kern (Autor), 2018, Verwirrungsstrategien in E.T.A. Hoffmanns "Ritter Gluck. Eine Erinnerung aus dem Jahre 1809", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469808

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