„Unsere Bücher sind also verbrannt. Im Buchhändlerbörsenblatt ist eine große Proscriptionsliste für in vierzehn Tagen angekündigt. Dieser Tage stand an der Spitze des Blattes im Fettdruck:: ‚Folgende Schriftsteller sind dem deutschen Interesse abträglich. Der Vorstand erwartet, daß kein deutscher Buchhändler ihre Werke verkauft. Nämlich: Feuchtwanger – Glaeser – Holitscher – Kerr – Kisch – Ludwig – Heinrich Mann – Ottwalt – Plivier – Remarque – Ihr getreuer Edgar – und Arnold Zweig.’ In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.“
Kurt Tucholsky schilderte diese Vorgänge am 17. Mai 1933 in einem Brief an seinen Freund Walter Hasenclever. Seine Position und seine Gedanken zum Autodafé und zur Situation im faschistischen Deutschland äußert Tucholsky sich in seinen bis heute überlieferten Briefen lediglich zweimal. Es handelt sich dabei jeweils um einen Brief an Walter Hasenclever, von denen der eine kurz vor, der andere kurz nach der Bücherverbrennung verfasst wurde.
Für die Bearbeitung der Korrespondenz zwischen Tucholsky und Hasenclever im Rahmen einer Hausarbeit steht leider kaum Sekundärliteratur zur Verfügung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Einschätzung des Stellenwertes des Autodafé durch Tucholsky. Dazu soll zunächst eine Einordnung der Vorgänge in den biografischen Kontext vorgenommen, also der Werdegang Tucholskys und seine persönliche Situation im Jahr 1933 beleuchtet werden. Der primäre Aspekt dieser Arbeit soll eine Analyse der Korrespondenz Tucholskys mit Walter Hasenclever sein. Ziel der Arbeit ist es, Überlegungen zu Tucholskys Aussagen bezüglich der Bücherverbrennung anzustellen und zu analysieren, welche Bedeutung letztere und die begleitenden Umstände in Deutschland auf den Autor gehabt haben mögen. Es soll jedoch hierbei nicht nach Gründen geforscht werden, deretwegen Tucholskys Werke den Flammen übergeben wurden, ebenso wenig wie der Aspekt des Freitods und eventuelle Ursachen dafür.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biografische Daten zu Kurt Tucholsky
3. Die Freundschaft zu Walter Hasenclever
4. Tucholsy im Jahre 1933
5. Analyse der Briefe vom 07. Mai bzw. 17. Mai 1933
5.1. Überlieferung
5.2. Zum Akt der Bücherverbrennung
5.3. Zu den Konsequenzen des Autodafés und des Verbots regimefeindlicher Autoren
5.4. Zu seiner Rolle als Emigrant
6. Schlussfolgerungen
7. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Kurt Tucholskys persönliche Einschätzung der Bücherverbrennungen von 1933 anhand von zwei Briefen an seinen Freund Walter Hasenclever. Das primäre Ziel ist es, die Bedeutung der Ereignisse und der begleitenden politischen Umstände für Tucholsky sowie seine Haltung als im Exil lebender Autor zu analysieren.
- Biografischer Kontext und Werdegang Tucholskys
- Die Korrespondenz mit Walter Hasenclever
- Analyse des Autodafés aus Tucholskys Perspektive
- Politische Auswirkungen auf Tucholsky und andere Autoren
- Die Rolle des Autors im Exil und seine Kritik an der Situation
Auszug aus dem Buch
5.2. Zum Akt der Bücherverbrennung
Tucholskys Äußerungen zeigen, dass er die Verbrennung der Bücher als symbolische Handlung nicht ernst nimmt und ihr lediglich Ironie und Spott entgegenbringt. Dies zeigt sich vor allem in der Überleitung, die er wählt, um vom eigentlichen Akt des Autodafé auf die Verhaltensweisen von Emigranten zu gelangen.
Die Verbrennung wird in wenigen Zeilen abgehandelt und die diesbezügliche Schilderung abrupt abgebrochen: „Unsere Bücher sind also verbrannt. (…) In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern. Nun aber zu ernsthafterem.“
Dieser letzte Satz zeigt die Ironie, mit der Tucholsky den Vorgängen begegnet. Bonitz verweist dabei auf den offensichtlichen Bezug der Schilderung zu einem im Nachlass des Autors erhaltenen Ausschnitt aus der ‚Frankfurter Zeitung’ vom 12. 05. 1933:
„In Frankfurt a.M. leitete Universitätspfarrer Fricke den Akt ein, der auf dem historischen Römerberg vor dem Rathaus vollzogen wurde. Ein Wagen mit der Bücherfracht, die symbolisch verbrannt werden sollte, wurde von zwei Ochsen auf den Verbrennungsplatz gezogen. Die Verbrennung schloß mit der Absingung des Horst-Wessel-Liedes.“
Gleichzeitig schüttet er über die Aktiven des 10. Mai Spott aus. „Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.“ Dazu sein angemerkt, dass über Tucholsky bekannt war, dass ihm Vereinsmeierei, wie man sie in Trachtenvereinen insbesondere finden kann, verhasst war, wie er selbst bei einer Befragung zugab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich Tucholskys Einschätzung der Bücherverbrennungen und Einordnung der gewählten Korrespondenz.
2. Biografische Daten zu Kurt Tucholsky: Überblick über den Lebenslauf des Autors von seiner Kindheit bis zu seinem Tod im Exil.
3. Die Freundschaft zu Walter Hasenclever: Darstellung der persönlichen und literarischen Verbindung zwischen Tucholsky und Hasenclever.
4. Tucholsy im Jahre 1933: Analyse der politischen Situation nach Hitlers Machtübernahme und deren direkte Auswirkungen auf Tucholsky.
5. Analyse der Briefe vom 07. Mai bzw. 17. Mai 1933: Detaillierte Untersuchung der Briefe hinsichtlich der Überlieferung, des Autodafés, der politischen Konsequenzen und der Emigrantenrolle.
6. Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Betrachtung der Resignation Tucholskys angesichts des Verlusts der Meinungsfreiheit und der Hetzkampagnen.
7. Literaturangaben: Auflistung der für die Untersuchung herangezogenen Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Kurt Tucholsky, Walter Hasenclever, Bücherverbrennung, Nationalsozialismus, Exil, Korrespondenz, Autodafé, Emigration, Ironie, Resignation, politische Literatur, Drittes Reich, Staatsbürgerschaft, Meinungsfreiheit, Schriftsteller.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Haltung von Kurt Tucholsky gegenüber den Bücherverbrennungen im Jahr 1933, basierend auf zwei erhaltenen Briefen an Walter Hasenclever.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Exils, die Wahrnehmung des Nationalsozialismus durch den Autor sowie die Auswirkungen politischer Repression auf die freie Meinungsäußerung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, zu klären, wie Tucholsky den Stellenwert der Bücherverbrennung einschätzte und wie diese Ereignisse sowie das politische Klima seine Stimmung und Sicht auf die Welt beeinflussten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse von Korrespondenzen, die in den biografischen Kontext des Autors eingebettet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Briefe, die Einordnung des Autodafés, die Konsequenzen der Ausbürgerung und die Rolle Tucholskys im Exil.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Tucholsky, Bücherverbrennung, Nationalsozialismus, Exil und Korrespondenz.
Warum war die Korrespondenz nur unvollständig überliefert?
Die Antworten von Walter Hasenclever fehlen, da Tucholsky seinen Briefen folgte und die Schreiben seines Freundes nach der Lektüre vernichtete.
Wie reagierte Tucholsky auf die Bücherverbrennung?
Tucholsky reagierte primär mit Ironie und Spott, um seine tiefe Resignation und Machtlosigkeit gegenüber der Hetzkampagne zu kaschieren.
Was bedeutet der Begriff "Provinznutten der Literatur" in der Arbeit?
Tucholsky bezeichnete damit regimekonforme Autoren, die er als talentlos betrachtete und die seiner Meinung nach erst durch das Verbot der Werke bedeutenderer Schriftsteller an Bedeutung gewannen.
- Quote paper
- Stefan Altschaffel (Author), 2004, Kurt Tucholsky und das Autodafé - Untersuchung zweier Briefe an Walter Hasenclever, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/46993