In dieser Arbeit soll sich vor allem der gesellschaftlichen Bedeutung sowie den ideologischen Vereinnahmungen des Protagonisten gewidmet werden. Dabei stellt sich die Leitfrage: Ist Don Quijote als Held oder vielmehr als Terrorist zu sehen?
Dazu wird zunächst die Person des Don Quijote, sowie deren Lebensumstände und Motive zum Auszug genauer beleuchtet, bevor dann erläutert wird, inwiefern viele Theorien über die Jahrhunderte hinweg die These vom Don Quijote als Helden stützen. Dabei sollen sowohl die Rezeptionen und Identifikationsmöglichkeiten innerhalb Spaniens als auch Lateinamerikas Beachtung finden. Anschließend kann dann anhand der Thesen Gumbrechts genauer untersucht werden, inwiefern der Don Quijote jedoch ebenso gut als Terrorist erkannt werden kann. Abschließend müssen dann noch solche Lehrmeinungen vorgestellt werden, die das Fehlverhalten des Don Quijote nicht als Anlass nehmen, ihn als Terroristen zu bezeichnen, sondern es vielmehr durch die Legitimationsgründe eines gerechten Krieges und die Vieldeutigkeit der Wahrheit rechtfertigen wollen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangssituation und Motive des Don Quijote
3. Don Quijote als Held und nationale Identitätsfigur
3.1. Don Quijote als Held und Identitätsfigur Spaniens
3.2. Don Quijote als Held und Identifikationsfigur Lateinamerikas
4. Don Quijote als Terrorist
5. Der gerechte Krieg im Don Quijote
6. Don Quijote und die vieldeutige Wahrheit
7. Konklusion
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die literaturwissenschaftliche Rezeption und die ideologischen Vereinnahmungen des Protagonisten Don Quijote. Zentrale Forschungsfrage ist dabei die Ambivalenz der Figur, die sowohl als idealistischer Held als auch – basierend auf modernen Deutungen – als Terrorist interpretiert werden kann.
- Historische Entwicklung der Don Quijote-Rezeption vom 18. bis zum 20. Jahrhundert
- Die Funktion des Don Quijote als nationale Identitätsfigur in Spanien und Lateinamerika
- Die kontroverse Interpretation der Figur als "Terrorist" durch Hans Ulrich Gumbrecht
- Die Legitimation von Gewalt durch das Konzept des "gerechten Krieges" im Roman
- Die Rolle der "vieldeutigen Wahrheit" bei der Interpretation von Don Quijotes Fehlverhalten
Auszug aus dem Buch
4. Don Quijote als Terrorist
Don Quijote wurde also über Jahrhunderte hinweg als Held, den äußerst idealistische Motive gegen die Realität ankämpfen machen und dem ganze Nationen nachfolgen sollten, identifiziert. Hans Ulrich Gumbrecht sucht nun aber nach einer Deutung, die den Junker konkret als einen modernen Helden auszeichnet.
Er betont dabei, dass die historische Verspätung des Titelhelden eben jene Konstante ist, die die stetige Aktualität des Don Quijote ausmacht. Aus ihr ergibt sich quasi die Brücke hin zu zeitgenössischen Deutungen. Denn der Roman beschäftigt sich ursprünglich mit der Spannung zwischen dem Ritter von der traurigen Gestalt und der Welt des 17. Jahrhunderts, sodass der Don Quijote schon zu Zeiten der Veröffentlichung historisch verspätet war. Da diese Verspätung gar nicht mehr eingeholt werden kann, bietet der Roman in allen folgenden Epochen dieselben Möglichkeiten eines verspäteten Werkes und kann so immer wieder neu, zeitgenössisch gedeutet werden. (vgl. Gumbrecht 2009: 871)
Die spezifisch moderne Möglichkeit des Don Quijote erkennt Gumbrecht schließlich im Terrorismus.
Er kritisiert, dass wohl „kein Leser […] glauben [würde], dass Don Quijote imstande sein könnte zu erklären, wie genau seine eigenen Taten eine Annäherung an [eine] Welt der Gerechtigkeit dienen sollen“ (875) und verweist dabei schon deutlich darauf, dass sich viele der idealisierenden Theorien auf solche Argumentationen stützen, die sich vor allem auf Don Quijotes Beharrlichkeit bei der Verteidigung seiner Werte konzentrieren. Jedoch werde oftmals ganz außer Acht gelassen, dass der vermeintliche Held dabei häufig auch äußerst brutal vorgeht und eine „reflexionslos[e] Ruhe in Rücksicht auf den Inhalt und Erfolg seiner Handlungen“ (zitiert in Gumbrecht 2009: 872) zeigt. Gumbrecht scheint also das weitverbreitete Bild vom Don Quijote als Helden nicht in der romantischen Sichtweise zu unterstützen. (vgl. 872ff)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Rezeptionsgeschichte des Werkes ein und formuliert die Leitfrage, ob der Protagonist als Held oder Terrorist zu klassifizieren ist.
2. Ausgangssituation und Motive des Don Quijote: Das Kapitel analysiert die sozialen Lebensumstände, die materielle Situation und die ritterlichen Ideale, die den Junker zum Auszug in seine Abenteuer bewegen.
3. Don Quijote als Held und nationale Identitätsfigur: Hier wird untersucht, wie Cervantes’ Figur über verschiedene Epochen hinweg als Symbol nationaler Identität, insbesondere in Spanien und Lateinamerika, instrumentalisiert wurde.
4. Don Quijote als Terrorist: Dieses Kapitel stellt die These von Hans Ulrich Gumbrecht vor, der Don Quijote aufgrund seiner Gewaltanwendung und seiner Verachtung bestehender Rechtsordnungen mit modernen Terroristen vergleicht.
5. Der gerechte Krieg im Don Quijote: Die Analyse konzentriert sich auf die Frage, inwiefern Quijotes Handlungen durch die Lehren des "gerechten Krieges" aus der Perspektive seiner eigenen Moralvorstellungen legitimiert werden können.
6. Don Quijote und die vieldeutige Wahrheit: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der Protagonist Fehlentscheidungen mit der Mehrdeutigkeit der Realität rechtfertigt und wie dies das Verständnis für seine Figur beeinflusst.
7. Konklusion: Das Schlusskapitel führt die verschiedenen Argumentationsstränge zusammen und bekräftigt die Helden-Interpretation gegenüber der Terrorismus-These.
Schlüsselwörter
Don Quijote, Cervantes, Rittertum, Heldenrezeption, Identitätsfigur, Quijotismo, Nationalbewusstsein, gerechter Krieg, Terrorismus, Hans Ulrich Gumbrecht, vieldeutige Wahrheit, Literaturgeschichte, Ideologie, Spanien, Lateinamerika
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ambivalenz von Miguel de Cervantes' Romanfigur Don Quijote und untersucht die verschiedenen Deutungsmuster, die ihn im Laufe der Jahrhunderte entweder als idealistischen Helden oder als zerstörerischen "Terroristen" erscheinen lassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die historische Rezeptionsgeschichte des Romans, die Konstruktion nationaler Identität, ethische Fragen der Gewaltlegitimation im Kontext des "gerechten Krieges" sowie die erkenntnistheoretische Frage nach der Mehrdeutigkeit der Wahrheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, zu klären, ob Don Quijote trotz seines teils gewaltsamen und die Rechtsordnung missachtenden Verhaltens als moralischer Held gesehen werden kann, indem seine Handlungen im Kontext seiner hehren Ideale betrachtet werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Literaturanalyse und eine vergleichende Untersuchung verschiedener Interpretationsansätze, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit Beiträgen von Literaturwissenschaftlern wie Hans Ulrich Gumbrecht und Christoph Strosetzki.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Ausgangsmotive Don Quijotes, seine Bedeutung als Identitätsfigur in Spanien und Lateinamerika, die kritische Terrorismus-These sowie die Legitimationsstrategien des "gerechten Krieges" und der "vieldeutigen Wahrheit".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Don Quijote, Quijotismo, nationale Identität, gerechter Krieg, literarische Rezeption und die Dichotomie zwischen Heldentum und moderner terroristischer Gewalt.
Inwiefern spielt der "gerechte Krieg" eine Rolle für die Interpretation der Figur?
Das Konzept des gerechten Krieges wird herangezogen, um zu erklären, wie Don Quijote sein brutales Handeln als Verteidigung von Werten, Ehre und Naturrecht moralisch vor sich selbst und dem Leser rechtfertigt.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Hans Ulrich Gumbrecht von traditionellen Interpretationen?
Während traditionelle Deutungen Don Quijote als idealistischen Visionär betrachten, wagt Gumbrecht das Gedankenexperiment, ihn aufgrund seiner reflexionslosen Gewaltanwendung und Ignoranz gegenüber der modernen Rechtsordnung mit terroristischen Akteuren gleichzusetzen.
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- Ronja Thiede (Autor), 2017, Don Quijote – Nationaler Held oder Terrorist? Ideologische Vereinnahmungen des Don Quijote, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469954