Das Verhältnis von Werbung und Propaganda in der Anti-Tabak-Politik im Dritten Reich


Masterarbeit, 2019
72 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Anti-Tabak-Bewegung in Deutschland bis

3 Ideologische Feindschaft: Nationalsozialismus und Tabakkonsum

4 Die nationalsozialistische Anti-Tabak-Propaganda

5 Die Durchdringung der Werbung durch die Propaganda
5.1 Die "Gleichschaltung" der deutschen Werbung
5.2 Propagandistische Eingriffe in die Werbung

6 Das Verhältnis von Werbung für und Propaganda gegen den Tabak
6.1 Die Auflösung der widersprüchlichen Koexistenz
6.2 Die Zigarettenbilderalben: Vom Werbe- zum Propagandamittel

7 Fazit

Abbildungen

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Zeitungen und Zeitschriften

Quellen

Literatur

1 Einleitung

Eine erste historische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Anti-Tabak-Politik kann durchaus zu dem Ergebnis kommen, es habe sich dabei um die bis dato weltweit aggressivste und umfassendste Kampagne gegen das Rauchen gehandelt (vgl. Proctor 2002b: 19). In der Tat haben die Nationalsozialisten in ihrem Kampf um "rassische Reinheit" und "Volksgesundheit" nicht nur vehement die wissenschaftliche Forschung zur Entdeckung und Bekämpfung der Tabakgefahren gefördert (vgl. Proctor 1996: 1450). Sie haben überdies u.a. Rauchverbote in den Diensträumen der NSDAP verhängt (vgl. Auf der Wacht 58 [1941]: 24), Altersbeschränkungen für den Erwerb und Konsum von Tabakwaren eingeführt (vgl. Lewy 2006: 1190) und die Vergabe von Tabakerzeugnissen an Frauen rationiert (vgl. Merki 1998: 35). Hinzu kam eine Reihe von Erziehungs- und Präventivmaßnahmen, die sich insbesondere an die Jugend richteten (vgl. Kitzing 1941: 225ff).1

"Das Rauchen war aber auch im 'Dritten Reich' jenseits des Brand- Jugend- und Nichtraucherschutzes keinesfalls verboten" (vgl. Petrick-Felber 2015: 63).2 So war der Pro-Kopf-Verbrauch an Tabakerzeugnissen in den ersten sechs Jahren der NS-Regierung sogar um ein Vielfaches angestiegen.3 Vertrug sich der Konsum von Tabak auch keineswegs mit der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik, die sich stets an Rassenhygiene und Leistungsfähigkeit ausrichtete, so war er doch stets ein Garant für gigantische Steuereinnahmen des Regimes. Allein 1941 machte der fiskalische Gewinn aus dem Tabakkonsum ein Zwölftel der gesamten Staatseinnahmen aus (vgl. Erkennung ... 1941: 184). Das bescheidene Maß, über das die nationalsozialistische Realität im Kampf gegen das Rauchen nie herausgegangen ist, hängt aber auch damit zusammen, dass der Konsum von Tabak4 gesamtgesellschaftlich (und sogar von einigen Vertretern der NS-Prominenz) akzeptiert wurde (vgl. Merki 1998: 24).

Ist es auch vor dem Hintergrund der sozialen Akzeptanz des Rauchens und der für den NS-Fiskus so lukrativen Steuereinnahmen aus Tabakerzeugnissen durchaus verständlich, dass ein grundsätzliches Raucherverbot nie erlassen worden war, so muss doch an dieser Stelle auf die von staatlicher Seite höchst aggressive Anti-Tabak-Propaganda hingewiesen werden, welche Raucher bisweilen als "Volksfeinde" und außerhalb der "Volksgemeinschaft" stehend diffamierte (vgl. Proctor 2002b: 262). Dass diese polemische Propaganda von Anfang an in auffälligem Widerspruch zu jeder Tabakwerbung stand, wird einleuchten. Nicht ohne weiteres erklärbar ist aber, dass bisweilen in ein und demselben Medium Werbung für und Propaganda gegen den Tabak nebeneinander auftauchten. Diese widersprüchliche Koexistenz zeigte sich am deutlichsten, wenn etwa Hitler als vehementer Gegner des Rauchens in den Sammelalben des Zigarettenunternehmens Reemtsma erschien und auf diese Weise die propagandistische Glorifizierung des "Führers" mit der indirekten Einladung zum Tabakkonsum zusammenfiel (vgl. Petrick-Felber 2015: 7f).5

In der vorliegenden Masterarbeit soll sich mit diesem anscheinenden Widerspruch beschäftigt werden. In diesem Zusammenhang soll das Verhältnis zwischen der Werbung für und der Propaganda gegen den Tabak in den Fokus rücken. Dabei ist zu untersuchen, ob diese beiden massenkompatiblen Kommunikationsformen bezüglich des Tabaks stets zueinander in Widerspruch gestanden haben. Vor dem Hintergrund der "Gleichschaltung" des deutschen Werbewesens und seiner Unterordnung unter das Reichspropagandaministerium (RMVP) ist weiterhin zu fragen, welche Lenkungsmechanismen Anwendung fanden, wenn es darum ging, beide Kommunikationsformen in ihren unterschiedlichen Zielsetzungen bezüglich des Tabakkonsums in Übereinstimmung zu bringen. Im Zusammenhang mit der Monopolisierung der staatlichen Propaganda ist überdies zu fragen, ob und auf welche Weise das Propagandaministerium die Wirtschaftswerbung für Tabak für die eigenen Zwecke nutzbar machen konnte. Dabei geht es letztlich immer auch um die Schnittstellen beider Bereiche in ihrer kommunikativen Auseinandersetzung mit dem Tabak und seiner Konsumenten.

In der bisherigen historischen Forschung wurde dem Verhältnis von Wirtschaftswerbung und Propaganda in der Anti-Tabak-Politik der Nationalsozialisten kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Die wenigen Darstellungen, die sich dem Verhältnis von Wirtschaftswerbung und politischer Propaganda im Nationalsozialismus allgemein widmen, untermauerten bisher lediglich den Umstand, dass die NSDAP in ihrer Propaganda die Methoden der kommerziellen Reklame aufgegriffen und für ihre Zwecke nutzbar gemacht habe (vgl. Berghoff 1999), oder berücksichtigten allein Teilgebiete wie etwa die der Rechtsgeschichte (vgl. Rücker 2000). Lediglich Waltraud Sennebogen hat den interessanten „Grenzbereich von Werbung und Propaganda im ‚Dritten Reich‘" (2008: 26) näher thematisiert und mithin die erste Abhandlung vorgelegt, die sich mit diesem komplexen Interaktionsverhältnis beschäftigt hat. Was die Antiraucherpolitik der Nationalsozialisten selbst betrifft, so haben sich die wenigen vorliegenden Arbeiten dazu "lediglich" mit wissenschaftshistorischen (vgl. Davey Smith/Ströbele/Egger 1995; Proctor 2002a und 2002b), wissenschaftsethischen (vgl. Proctor 1988 und 2000) und gesundheitspolitischen Aspekten auseinandergesetzt (vgl. Merki 1998; Davey Smith/Egger 1996 und 2005; Mackenbach 2005) oder (durchaus detaillierte) konsumgeschichtliche Darstellungen über staatliche Steuerungsmechanismen zwischen Import, Produktion, Distribution und Konsumtion gegeben (vgl. Petrick-Felber 2015). Weitere Forschungsschwerpunkte wurden auf die politischen Widersprüche in der NS-Hierarchie (vgl. Bachinger/McKee/Gilmore 2008) oder auf die Bedeutung des einflussreichen Tabak-Unternehmens H.F. & Ph. F. Reemtsma (vgl. Lindner 2007; Jacobs 2008; Roth 2011) gelegt. In all diesen genannten Arbeiten fehlt indes eine dezidierte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Wirtschaftswerbung und Propaganda bezüglich der Tabakpolitik. Eine nähere Beschäftigung mit diesem Aspekt wurde bisher lediglich im allgemeinen Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Konsumpolitik (vgl. Petrick-Felber 2015) oder dem allgemeinen Verhältnis zwischen Werbung und Propaganda (vgl. Sennebogen 2008) geleistet.

Das Thema dieser Masterarbeit soll wie folgt bearbeitet werden: Zunächst wird dargestellt, auf welche historischen Vorbilder sich die nationalsozialistische Anti-Tabak-Politik in Rhetorik und Zielsetzung beziehen konnte. Nach dieser historischen Einordnung folgt eine Beschreibung der ideologischen Hauptmotive, die aus Sicht des NS-Regimes eine Tabakfeindschaft begründeten. Unter Bezugnahme auf verschiedene Medien (u.a. Reine Luft und Auf der Wacht) und Publikationen (u.a. Boehncke 1935; Klarner 1940; Pfeuffer 1941) werden maßgeblichen Narrative aufgezeigt, die von der NS-Propaganda gegen den Tabak verbreitet wurden, um das Rauchen zu diskreditieren. Danach wird die "(Selbst-)Gleichschaltung" (Reinhardt 1993: 446) des deutschen Werbewesens sowie dessen Unterstellung unter das Propagandaministerium dargestellt. Im Anschluss daran ist zunächst zu untersuchen, auf welche Weise die widersprüchliche Koexistenz von Werbung für und Propaganda gegen den Tabak aufgelöst werden konnte, bevor im abschließenden Kapitel unter Bezugnahme auf die Sammelbilderalben des Cigaretten-Bilderdienstes Altona-Bahrenfeld aufgezeigt werden kann, wie ein Werbemittel in gegenseitigem Interesse von Werbetreibenden und Staat zu einem nationalsozialistischen Propagandamittel werden konnte, ohne dabei aufzuhören, ein Werbemittel zu bleiben.

2 Die Anti-Tabak-Bewegung in Deutschland bis 1933

Bevor sich im Rahmen dieser Arbeit näher mit der Anti-Tabak-Politik der Nationalsozialisten auseinandergesetzt werden kann, soll im folgenden Kapitel eine Einordnung dieser Politik in den historischen Kontext erfolgen. In diesem Zusammenhang wird dargestellt, dass die tabakfeindliche Haltung sowie die daraus resultierenden propagandistischen wie legislativen Maßnahmen keine Erfindung des "Dritten Reiches" gewesen sind. Vielmehr basierten sie auf Ideen und Institutionen, die lange vor 1933 in Deutschland ins Leben gerufen worden waren.

Zuerst einmal darf festgehalten werden werden, dass die deutsche Kritik am Konsum von Tabak so alt ist wie die Geschichte seiner Verbreitung. Erste Verbote und Verordnungen gegen das Rauchen sind bereits für das späte 17. Jahrhundert belegt. Nachdem bereits in Kursachsen, Bayern und vielen österreichischen Gebieten Rauchverbote festgeschrieben worden waren, kam es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch zu Rauchverboten in Berlin, Königsberg und Stettin (vgl. Proctor 2002b: 203). Bisweilen trugen solcherlei Reglementierungen eine bemerkenswert rigorose Handschrift. In Lüneburg etwa konnte das Rauchen innerhalb der Stadtmauern noch bis 1691 (bzw. 1692) die Todesstrafe nach sich ziehen (vgl. ebd.). Motiviert waren diese Maßnahmen gegen das Rauchen nur in den seltensten Fällen durch gesundheitspolitische Bedenken. Vielmehr galt es, Feuerrisiken einzudämmern. Auch waren die Verbote oft religiös oder durch eine Ablehnung ausländischer Gewohnheiten begründet (vgl. Lewy 2006: 1188). Auffällig waren auch die moralisierenden Einwände, die sich vor allem gegen Tabak konsumierende Frauen richteten (vgl. Frankenberg 2004: 161-189).

Die größte Zahl solcher Reglementierungen behielt bis zur bürgerlichen Revolution von 1848/49 ihre Geltung. Scheiterte jene Revolution auch hinsichtlich ihrer wesentlichen Kernforderungen, so konnte doch wenigstens die Aufhebung aller Rauchverbote im Deutschen Bund erreicht werden (vgl. Rohregger 2018: 143). Da der Tabakkonsum im "Vormärz" immer mehr zum Zeichen einer bürgerlich-revolutionären Gesinnung avanciert war (vgl. ebd.), wurde seine Deregulierung durchaus als liberaler Kleinsieg gefeiert. Der Zusammenhang von Tabakgenuss und bürgerlicher Unabhängigkeitsbewegung konnte daher später von den Vordenkern des Nationalsozialismus aufgegriffen und für ihre eigenen Ziele instrumentalisiert werden. Deren Argumentationsweise zufolge hätten sich absolutistisch geführten Staaten dem Kampf gegen Alkohol und Tabak verschrieben, während es der "Verderbtheit" des Liberalismus zuzuschreiben sei, dass sich diese gefährlichen Laster nun doch den Weg in die deutsche Gesellschaft bahnen konnten (vgl. Proctor 2002b: 203).

Trotz der oben skizzierten Enttabuisierung blieb das Rauchen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein nur wohlhabenden Kreisen vorbehaltener Luxus. Das änderte sich mit der Jahrhundertwende. Aufgrund der modernen (nun mechanischen) Zigarettenherstellung, der staatlichen Förderung der Zigarettenindustrie und verstärkter Werbung für den Tabakkonsum wurde das Rauchen nun auch in den unteren Gesellschaftsschichten immer populärer (vgl. Proctor 2002b: 207). Endgültige soziale Akzeptanz fand es dann zur Zeit des Ersten Weltkrieges, als Zigaretten bereits zu einem festen Bestandteil der Verpflegung der Soldaten aller Kriegsparteien geworden waren. So vervierfachte sich der deutsche Zigarettenkonsum zwischen 1910 und 1925 von 8 auf 30 Milliarden (vgl. ebd.), was umso erstaunlicher war, als doch auch die Steuerbelastung beständig höher wurde. Dieser rasante Anstieg im Tabakkonsum deutet darauf hin, dass sich der Tabak nun auch in den Reihen der bis dato kaum rauchenden Frauen ausgebreitet hatte (vgl. Merki 1998: 21). Mithin ließ sich die durch den Weltkrieg verstärkte Aufweichung der Geschlechterrollen auch am Tabakkonsum ablesen, dessen Beliebtheit von der Kriegs- auf die Heimatfront übergegriffen hatte (vgl. Petrick-Felber 2015: 61).

Eng verbunden mit der bemerkenswerten Zunahme des Tabakkonsums war bald auch die Zunahme der damit verbundenen Krebsfälle. Hatten schon Forscher des 18. Jahrhunderts bereits erste Zusammenhänge zwischen Tabakgenuss und Erkrankungen von Lippen, Zunge oder Rachenraum beschrieben, so war doch der Lungenkrebs zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgrund der zunächst noch geringen Verbreitung des Rauchens ein Phänomen mit relativem Seltenheitscharakter geblieben. Doch bereits in den 1920er und 1930er Jahren war die Anzahl der dokumentierten Todesfälle auf eine so dramatische Weise angestiegen, dass Deutschland eine der höchsten Krebsraten der Welt zu verzeichnen hatte. Im Jahre 1928 hatte der Krebs sogar die Tuberkulose als zweithäufigste Todesursache abgelöst (vgl. Proctor 2002b: 32).6 Vor diesem Hintergrund ist das dezidierte Interesse der Deutschen an der Krebsbekämpfung zu verstehen (vgl. Proctor 2002b: 31).

Schon 1904 hatten sich die deutschen Tabakgegner in Deutschland organisiert. Es kam zu einer Reihe von Vereinsgründungen in Trautenau, Hannover und Dresden, deren beständigste der 1910 ins Leben gerufene "Bund Deutscher Tabakgegner" war (vgl. Proctor 2002b: 204). Dieser Verein wurde bald zum maßgeblichen Sprachrohr einer größeren, zunächst nicht-staatlich geförderten Bewegung, die kulturkritisch und moralisch gegen den Genuss von Tabak argumentierte. Die Vertreter dieser gesundheitlich ausgerichteten Laien sahen sich in der Tradition von Bestrebungen für ein gesünderes Leben und rekrutierten sich aus der um die Jahrhundertwende entstandenen Temperenz- und Lebensreformbewegung (vgl. Merki 1998: 25), zu der auch Anhänger des Vegetarismus und der Naturheilkunde gehörten (vgl. Fritzen 2006: 247f). All diese Gruppen betrachteten den Tabak (und auch den Alkohol) als ein "Umweltgift", dessen Konsum zu reduzieren oder gar völlig zu verbieten sei (vgl. Petrick-Felber 2015: 59f). Die Idealvorstellung dieser Lebensreformer war eine Gesellschaft "gesunder, reiner, schöner, vitaler Geschöpfe" (Fritzen 2006: 243). Dabei wurde der Einzelne als Teil eines gemeinsamen "Volkskörpers" verstanden, den es zu formen und durch Gesundheit zu bewahren galt.

Wenngleich diese Vorstellungen bereits den späteren nationalsozialistischen Anspruch auf eine "Volksgesundheit" vorwegzunehmen schienen, war es doch niemals die Intention der Lebensreformer, das einzelne Individuum zur Gänze in einen "Volkskörper" zu integrieren oder "unwertes" Leben aus diesem zu "tilgen" (vgl. Fritzen 2006: 244). Vielmehr bezogen sie sich auf die Vorstellungen von einer "Sozialen Hygiene". Dieser Begriff war 1904 vom Mediziner Alfred Grotjahn in einem Vortrag vorgestellt worden, den er vor der Berliner Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege gehalten hatte. Darin charakterisierte Grotjahn die Soziale Hygiene zum einen auf eine deskriptive Weise und bezeichnete sie als eine Wissenschaft, die sich mit Faktoren beschäftige, welche die Gesundheit von Bevölkerungsgruppen beeinflussen können. Zum anderen beschrieb er sie normativ als die Wissenschaft von den Maßnahmen, die zu ergreifen seien, um (einheitliche) hygienische Standards für die Bevölkerung und ihre Nachkommen zu setzen. Der Nutzen dieser Sozialen Hygiene komme dann der Gesellschaft in ihrer Ganzheit zugute (vgl. 1904: III-XV). Anzumerken sei, dass insbesondere der zuletzt genannte Aspekt später in die nationalsozialistischen Vorstellungen von "rassenhygienischer" Reinheit eingeflossen ist (vgl. Mackenbach 2005: 538).

Während zunächst noch moralisierende Unternehmer den Charakter der Anti-Tabak-Bewegung geprägt und bestimmt hatten (vgl. Stanger 1922), waren es mit dem Beginn der 1920er Jahre nun medizinisch ausgebildete Experten, die den raucherkritischen Diskurs mit starkem Bezug zur (sozialhygienischen) Prävention zu dominieren begannen (vgl. Merki 1998: 25). Bereits im Jahre 1900 war von deutschen Ärzten das "Zentralkomitee zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit" ins Leben gerufen worden – die weltweit erste nun von staatlicher Seite her geförderte Gesellschaft zur Krebsbekämpfung (vgl. Proctor 2002b: 32). Aber erst in den 1920er Jahren hatten Ärzte auf die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens aufmerksam gemacht (vgl. Proctor 2002b: 205-214). Hervorgehoben wurde diesbezüglich vor allem der Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und der beeinträchtigten Fähigkeit der Frauen, gesunde Kinder zur Welt zu bringen (vgl. Hofstätter 1924; Lewin 1927). Der Hinweis, dass Rauchen das Lungenkrebsrisiko drastisch erhöht, wurde aber erst vom Dresdner Internisten Fritz Lickint erbracht. Er hatte unter Erhebung und Auswertung umfassender statistischer Daten diese positive Korrelation eindeutig nachgewiesen und in seinem Aufsatz "Tabak und Tabakrauch als ätiologischer Faktor des Carcinoms" (1929) festgehalten. Lickint, der bald zu einem der bekanntesten Vertreter der Tabakgegner avancierte und mit "Tabak und Organismus" (1939) das bis dato umfangreichste Werk zu den Risiken des Tabakrauchens vorlegen konnte (vgl. Lickint 1939), war es auch, der die Gefahren des Tabakrauchens auch für Passivraucher beschrieben hat (vgl. 1936: 26).7

Motiviert von der Rhetorik der laienhaften Anti-Raucher-Bewegung und basierend auf die nun von der Wissenschaft bereitgestellten Forschungsergebnisse zu den Risiken des Rauchens, gingen die Tabakgegner dazu über, den Konsum von Tabak zu einer die gesamte Öffentlichkeit betreffenden Angelegenheit zu erklären und ihn gezielt und auf breiter Front zu problematisieren (vgl. Merki 1998: 25). In diesem Zusammenhang wurden vom Staat vermehrt Maßnahmen verlangt, die präventiven Charakter tragen sollten. In einem in der antisemitisch geprägten Münchener medizinischen Wochenschrift von 1921 wurden die deutschen Ärzte dazu aufgefordert, das Rauchen zu bekämpfen, da es nicht nur zu Krankheiten führe, sondern auch der verarmten Nation erhebliche finanzielle Belastungen aufbürde (vgl. Gaupp et al. 1921: 832). Es wurden zudem Rauchverbote in öffentlichen Warteräumen, in Zügen und auf Passagierschiffen sowie Kampagnen der Krankenkassen zur Aufklärung über die Gefahren des Rauchens angeregt (vgl. Bejach 1927: 6). Frauen wurden aufgefordert, an ihre Gebärfähigkeit zu denken, da das Rauchen ihre Fortpflanzungsorgane derart stimuliere, dass die Gesundheit ihrer Nachkommenschaft nicht mehr gewährleistet werden könne (vgl. Lewin 1924: 320f). Überhaupt wurde der Tabakgenuss von Frauen vor dem Hintergrund zahlreicher möglicher Erkrankungen thematisiert. Tabakfelder sollten zugunsten von Obst- und Gemüsegärten aufgegeben werden (vgl. Hofstätter 1924). Zudem wurden Forderungen nach einem allgemeinen Rauchverbot für Jugendliche geäußert; dessen Übertretung sollte mit Geldbußen oder einem Gefängnisaufenthalt bestraft werden (vgl. Lewin 1924: 412).

Dennoch war es insbesondere der Deutsche Bund zur Bekämpfung der Tabakgefahren, der mit seinem kämpferischen Organ Deutscher Tabakgegner8 die öffentliche Debatte gegen den Tabakkonsum publizistisch dominierte. Dafür bediente sich das Blatt einer zunehmend rassistischer und antisemitischer werdenden Rhetorik (vgl. Petrick-Felber 2015: 61). Medizinisch-wissenschaftliche Abhandlungen zum Tabakkonsum hingegen wurden in der Zeitschrift für Krebsforschung publiziert (vgl. Lewy 2006: 1189). Dabei muss angeführt werden, dass es auch gemäßigte Stimmen gab, die sich zum Tabakkonsum äußerten. So gestand Heinrich Kionka, der als Direktor des Pharmakologischen Instituts der Universität Jena auf dem Gebiet der Genussmittel forschte, dem Rauchen durchaus einen Genusswert zu. Er wandte sich zwar gegen jedweden Missbrauch des Tabaks, den er als "Genussgift-Sucht" oder "Nikotinismus" bezeichnete, meinte aber auch, dass "[m]äßiges Tabakrauchen [...] beim Gesunden nicht zu beanstanden" (1931: 81) sei.

Wie in diesem Kapitel ersichtlich gemacht werden sollte, muss das Aufkommen der Anti-Tabak-Bewegung in Deutschland vor dem Hintergrund von vier maßgeblichen Entwicklungslinien verstanden werden. Neben a) dem dramatisch ansteigenden Tabakkonsum zur Jahrhundertwende und b) den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den gesundheitlichen Gefahren des Tabakrauchens hatte sich c) in den 1920er und 1930er Jahren in Staat und Gesellschaft ein weit verbreitetes Gesundheitsbewusstsein9 durchgesetzt, das nach einer staatlichen Gesundheitspolitik verlangte, die im Sinne einer "Sozialen Hygiene" d) auf Prävention setzen sollte. Und es sind diese vier Entwicklungslinien, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine "gemeinsame Dynamik" (Petrick-Felber 2015: 61) entwickelten, die im folgenden Kapitel zu beschreiben ist.

3 Ideologische Feindschaft: Nationalsozialismus und Tabakkonsum

Die im vorangegangenen Kapitel charakterisierte deutsche Anti-Tabak-Bewegung wurde durch Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 dramatisch gestärkt (vgl. Proctor 1999: 78). Die Nationalsozialisten griffen Rhetorik, Argumentation und Ziele der bisherigen Tabakgegner aber nicht nur auf, sondern spitzten sie rassistisch und kollektivistisch zu (vgl. Petrick-Felber 2015: 71). Doch worauf gründete sich die Abneigung der Nationalsozialisten gegen den Tabakkonsum überhaupt? Folgte sie nur den Entwicklungen, die sich vor 1933 in Deutschland Bahn gebrochen hatten? Oder kamen eigene ideologische Motive hinzu, die den Kampf gegen den Tabakkonsum zu einer nationalsozialistischen Prämisse zu machen schienen?

Am 4. April 1941 hatte Hans Reiter, der Präsident des Reichsgesundheitsamtes, anlässlich der Eröffnung des "Wissenschaftlichen Institutes zur Erforschung der Tabakgefahren" in Jena (vgl. Zimmermann/Egger/Hossfeld 2001) die "nationalsozialistische Revolution" als "biologische Revolution" bezeichnet. Er führte dazu aus, dass jedes einzelne Individuum zuallererst als ein biologischer Organismus zu verstehen sei, dessen biologische Entwicklung unmittelbar mit der der "Volksgemeinschaft" zusammenhänge. Um das gesunde Fortbestehen dieser "Volksgemeinschaft" und mithin der eigenen "Rasse" sicherzustellen, müsse gewährleistet werden, dass alle Individuen mit "defektem Erbmaterial" daran zu hindern seien, ihre Erbfehler auf den "gesunden Volkskörper" und die nächste Generation zu übertragen (vgl. 1941: 643-720). Da der Tabak im Ruf stand, solcherlei "defektes Erbmaterial" zu verursachen (vgl. Lewy 2006: 1179), musste er der nationalsozialistischen Logik zufolge wie ein "rassischer Fremdkörper" von einem Eindringen in den "Volkskörper" abgehalten werden (vgl. Merki 1998: 24). Aus den Worten Hans Reiters wird aber nicht nur ersichtlich, dass die Haltung der Nationalsozialisten dem Tabakkonsum gegenüber mit einer Ideologie zusammenhängt, die die Gesundheit des Einzelnen als Garant für die Gesundheit des gesamten "Volkskörpers" betrachtete (vgl. Lewy 2006: 1191). Es zeigt sich auch, wie die Vorstellung von der "Sozialen Hygiene", wie sie im vorangegangenen Kapitel bereits angesprochen wurde, von den Nationalsozialisten aufgegriffen und ihren eigenen rassenhygienischen Vorstellungen einverleibt wurde (vgl. Mackenbach 2005: 538).10

Während sich also in diesem Zusammenhang der Diskurs über das Rauchen vor 1933 noch auf dem Feld der "Sozialen Hygiene" abgespielt hatte, war er unter den Nationalsozialisten zu einem rassenhygienischen Problem geworden. Diesbezüglich muss hervorgehoben werden, dass im "Dritten Reich" die Rassenhygiene zur "Richtschnur des öffentlichen Gesundheitswesens und der parteiamtlichen Gesundheitsführung" (Jütte et al. 2011: 29f) avanciert war und vornehmlich dazu diente, das "arische" Erbgut vor einer Schädigung durch "Umweltgifte" zu schützen (vgl. Proctor 1988: 238). Dies erklärt auch die Rhetorik etwa des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti, der den Tabak nun zu einem "Rassengift" und zu einem "von Juden über die finstersten Kneipen eingeschlepptes Unterweltlaster" erklärte, das es auszurotten galt, um "die Menschen schöner, gesünder und besser" zu machen (zit. nach Merki 1998: 24). Somit hatte der Tabak aufgehört, ein individuelles Laster zu sein. Er wurde nun zu einem "Genussgift", dessen Konsum nach nationalsozialistischer Auffassung die Gesundheitsführung der "Volksgemeinschaft" belaste und die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes beeinträchtige (vgl. Reiter 1939: 186-192). Unter "Volksgesundheit" verstanden die Nationalsozialisten diesbezüglich die Gesamtheit aus Wehr-, Gebär- und Leistungsfähigkeit (vgl. Fritzen 2006: 224), zu deren Gunsten ein "liberalistisches Konzept wie das des individuellen Genusses" (Petrick-Felber 2015: 70) aufzugeben sei. Die Gesundheit des Einzelnen wurde daher zur gesellschaftlichen Pflicht erhoben (vgl. Abb. 1, Seite 55). Im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie von Ästhetik und Stärke erklärten die Ideologen den Tabakkonsum folglich zu einem Übel, das nicht nur dem individuellen Organismus, sondern der gesamten "Volksgesundheit" Schaden zufüge (vgl. Lewy 2006: 1190f). So hatte in der auf Prävention ausgerichteten und rassenhygienisch motivierten NS-Gesundheitspolitik der Genuss des einzelnen "Volksgenossen" hinter dem kollektiven Wohlergehen des Volkes hinten anzustehen (vgl. Petrick-Felber 2015: 57; Proctor 1988: 240). Robert Ley, der Führer der Deutschen Arbeitsfront, drückte diese Maxime im Jahre 1939 auf der "Reichstagung Volksgesundheit und Genussgifte" in Frankfurt am Main folgendermaßen aus: "Weil wir ein Volk sind, das auf engem Raum zusammengepfercht leben muß und der Kampf gegen das Judentum noch längst nicht ausgetragen ist, können wir es uns nicht mehr leisten zu sagen, es sei Sache des einzelnen, ob er trinke oder rauche." (zitiert n. Merki 1998: 19, FN:1)

Angesichts der verstörenden Zunahme von Tumorerkrankungen seit Ende der 1920er Jahre war der Krebs im "Dritten Reich" zum gesundheitspolitischen "Staatsfeind Nummer eins" erklärt worden (vgl. Proctor 2002b: 32). Und folglich sollte auch der Kampf gegen den Tabak, der als maßgeblicher Auslöser von Krebs lokalisiert worden war, zur "nationalsozialistische[n] Pflicht" (vgl. Erkennung ... 1941: 183) erhoben werden. Daher wurde der Erforschung von Zusammenhängen zwischen Krebs und Tabakkonsum unter den Nationalsozialisten maßgebliche Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Jütte et al. 2011: 166f).11 Dabei fußte die Anti-Tabak-Wissenschaft der Nationalsozialisten von Anfang an auf der Vorstellung, dass "zersetzende" Gifte in den gesunden deutschen "Volkskörper" eindringen und seine Stärke beeinträchtigen konnten (vgl. Proctor 2000: 342). Da sich der NS-Staat als hygienischer Staat "angewandter Biologie" verstand (Lenz 1931: 417), trachtete er danach, das deutsche Volk von allen Elementen rein zu halten, die es schwächen und sein Fortbestehen gefährden könne. Darunter wurden nicht nur Juden, Kommunisten, Homosexuelle, Behinderte und Kranke verstanden, sondern auch Gifte wie eben der Tabak, den man "unstreitig zu den zersetzenden Übeln einer vielfach überreif, ja faul gewordenen Zivilisation" (Boehncke 1935: 627) zuzurechnen habe.

Dass die enge Verflechtung zwischen der NS-Ideologie und dem Kampf gegen den Tabak nicht überbetont werden kann, zeigt sich schon an der NS-Prominenz, die mit dem "'Wissenschaftlichen Institut zur Erforschung der Tabakgefahren" in Verbindung gebracht werden muss. Das seit 1941 zu den Risiken des Rauchens forschende Institut erfreute sich eines beeindruckenden Renommées und wurde geführt vom Gründungsdirektor Karl Astel, einem fanatischen Rassenhygieniker und SS-Offizier (vgl. Merki 1998: 19). Der militante Nichtraucher Astel, der auch Präsident der Universität zu Jena war, hatte seit Juli 1933 das "Thüringische Amt für Rassewesen" geleitet, das sich der Fruchtbarkeitsförderung "rassisch hochwertiger" Bevölkerungsmerkmale verschrieben und auf dem Gebiet eugenischer Selektionsmechanismen hervorgetan hatte (vgl. Merki 1998: 20). Den Förderantrag für das Jenaer Institut zur Bekämpfung der Tabakgefahren hatte kein Geringerer als der thüringische Gauleiter Fritz Sauckel verfasst. Sauckel war nicht nur der Hauptinitiator der thüringischen Anti-Tabak-Bewegung, sondern auch maßgeblich an der Organisation des deutschen Arbeitslagersystems beteiligt. Für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist er 1946 gehängt worden (vgl. Proctor 2000: 340). Höchste Unterstützung erhielt das Institut von Adolf Hitler selbst, der es mit einer persönlichen finanziellen Unterstützung in Höhe von 100.000 RM bedachte (vgl. Davey Smith/Ströbele/Egger 1995: 369). Diese großzügige Förderung wundert nicht, war doch auch Hitler ein leidenschaftlicher Anti-Tabak-Aktivist. In einem Tischgespräch am 18. Juli 1942 hatte er den Tabak bezeichnet als "die Rache des Roten Mannes dafür, dass der Weiße ihm den Schnaps gebracht und dadurch zugrunde gerichtet habe" (Picker 1951: 439). Überliefert ist auch, dass Hitler in seinen Wiener Jugendjahren selbst täglich 25 bis 40 Zigaretten geraucht habe (vgl. Picker 1951: 327f), bevor er die letzten Zigaretten schließlich in die Donau warf. Die Folgen dieses Schrittes von der Sucht in die Abstinenz hinein hat er späterhin rhetorisch überhöht, indem er in einer Unterhaltung am 11. März 1942 bemerkte: "Ich bin überzeugt, wenn ich Raucher wäre, nie würde ich den Sorgen standgehalten haben, die mich seit so langer Zeit belasten. Vielleicht verdankt dem das deutsche Volk seine Rettung." (Picker 1951: 327f) Hitler war auch der Überzeugung, dass sich bei einem Aufenthalt an einem verrauchten Ort krankmachende Bakterien auf seinen Körper stürzen würden, denn "der Rauch fördert sie, sie gedeihen in der Wärme." (Jochmann 1980: 218) In seinem Grußtelegramm vom 5. April 1941, das anlässlich der Eröffnung des Tabakwissenschaftlichen Instituts zu Jena an Leonardo Conti, Fritz Sauckel, Karl Astel und weiteren maßgeblichen Vertretern der NS-Gesundheitspolitik adressiert war (vgl. Petrick-Felber 2015: 7), vermittelte Hitler "beste Wünsche" und bezeichnete das Institut als wichtige Einrichtung in der "Arbeit zur Befreiung der Menschheit von einem ihrer gefährlichsten Gifte" (zit. in Reine Luft 23 [1941]: 81).

Wie in diesem Kapitel gezeigt werden konnte, bestand de facto eine ideologische Aversion der Nationalsozialisten gegen den Konsum von Tabak. In der weltanschaulichen Begründung dieser Aversion ergänzten sie Rhetorik und Argumentation der bisherigen Tabakgegner durch eine dezidiert rassenhygienische Komponente, die im Tabak einen gefährlichen Fremdkörper ausmachte, der die rassische Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Fruchtbarkeit des deutschen Volkes belaste. Diese ideologische Feindschaft stand indes in einem Zusammenhang mit der dramatischen Zunahme von Krebstoten in den 1920er Jahren, was erklärt, weshalb der Kampf gegen den Krebs im "Dritten Reich" zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe erklärt wurde. An diesem Kampf gegen den Krebs und mithin auch gegen den Tabakkonsum beteiligten sich ranghohe Nationalsozialisten, zu denen auch Adolf Hitler persönlich gehörte. Die oben dargestellten ideologischen Aspekte und die vehemente Gegnerschaft zahlreicher ranghoher Vertreter des NS-Regimes können also als Belege für die Unvereinbarkeit zwischen Nationalsozialismus und Tabakkonsum herangezogen werden. In diesen Zusammenhang ist die Anti-Tabak-Propaganda der Nationalsozialisten daher einzuordnen.

4 Die nationalsozialistische Anti-Tabak-Propaganda

Nachdem im vorausgegangenen Abschnitt die dezidierte Feindschaft zwischen Tabakkonsum und NS-Ideologie herausgearbeitet werden konnte, soll im Folgenden dargestellt werden, wie sich diese Feindschaft in der Anti-Tabak-Propaganda der Nationalsozialisten Bahn brach. In diesem Zusammenhang sind die wichtigsten (ideologischen) Narrative herauszuarbeiten, die im propagandistischen Kampf gegen das Rauchen bemüht worden sind. Zu untersuchen ist aber auch, auf welchen maßgeblichen Vermittlungswegen diese Narrative verbreitet wurden und an welche Rezipienten sie sich hauptsächlich richteten.

Zunächst muss auf das Hauptnarrativ von der Unfruchtbarkeit hingewiesen werden, welche – der NS-Ideologie zufolge – das gesunde Fortbestehen des deutschen Volkes zu gefährden drohte. Dieses Motiv findet sich bereits in den ersten propagandistischen Agitationen gegen das Rauchen von Frauen (vgl. Lickint 1934: 1f). Im Frühling und Sommer 1933 war es diesbezüglich insbesondere in Süd- und Mitteldeutschland zu spontanen Aktionen gekommen (vgl. Petrick-Felber 2015: 48), in deren Folge in Gaststätten Plakate mit der Aufschrift "Die deutsche Frau raucht nicht!" aufgehängt und "Volksgenossen" dazu ermuntern wurden, auf der Straße rauchende Frauen an ihre Pflicht als Mutter zu erinnern (vgl. Merki 1998: 25). Natürlich trugen diese Maßnahmen, die von übereifrigen Polizeipräsidenten initiiert und ohne Genehmigung der neuen Reichsregierung erfolgt waren (vgl. Merki 1998: 26), auch eine stark antifeministische Handschrift und richteten sich gegen die Zigarette als weibliches "Emanzipationssignal" (Sandgruber 1986: 130). Während die Tabakwerbung das Ideal einer "typischen" Tabakkonsumentin zeigte, die "blond, kräftig, fröhlich, gesund und tugendhaft" (Reinhardt 1993: 408-411) sei, wurden die rauchenden Frauen der "Goldenen Zwanziger" mit ihrer "unwiderstehliche[n], geradezu geballte[n] Verführungskraft" (Sandgruber 1986: 134) durch die nationalsozialistische Anti-Tabak-Propaganda zum Ausdruck einer verabscheuungswürdigen "Bordellkultur" (vgl. Reine Luft, Heft 2, 1941) degradiert.12 Hinter der Ablehnung der Raucherinnen stand jedoch insbesondere die Vorstellung, dass der Tabakkonsum die Hauptbestimmung der deutschen Frau – nämlich Kinder zur Welt zu bringen und aufzuziehen – beeinträchtige. So mache der Tabak die Frauen frigide und unfruchtbar und gefährde auf diese Weise das Überleben des deutschen Volkes (vgl. Boehncke 1935: 627).13 Der Fortbestand der "gesunden arischen Rasse" wurde der Propaganda zufolge aber auch von Zigaretten konsumierenden Männern riskiert, die diesen "zersetzenden Übeln einer vielfach überreif, ja faul gewordenen Zivilisation" (Boehncke 1935: 627) ebenfalls verfallen und dadurch impotent geworden seien (vgl. ebd.). Der Genuss von Tabak mache also nicht nur Frauen unfruchtbar, sondern auch die Männer.

[...]


1 Zu den weiteren Verordnungen gegen das Rauchen gehörte u.a. das 1940 durch Himmler an alle uniformierten Beamten und SS-Offiziere gerichtete Verbot des Tabakkonsums während des Dienstes (vgl. Rauchverbot ... 1940: 59). Im April 1939 hatte schon Göring den Angehörigen der Luftwaffe das Rauchen beim Marschieren und während kürzerer Dienstpausen untersagt (vgl. Berlin ... 1939: 1144f). In sechzig der größten deutschen Städte durfte ab 1941 in Straßenbahnen und den meisten Luftschutzbunkern nicht mehr geraucht werden (vgl. Proctor 1996: 1451). Zudem führte die Reichsbahn Nichtraucherabteile in ihren Zügen ein (vgl. Petrick-Felber 2015: 64).

2 Natürlich wurden Zuwiderhandlungen gegen solcherlei Schutzbestimmungen verfolgt und bestraft. Im Gegensatz zu Alkoholikern wurden starke Raucher aber nie mit einem Eheverbot oder Zwangsterilisierung bedroht. Auch erfolgte in keinem dokumentierten Fall die Einweisung in ein KZ oder dergleichen (vgl. Petrick-Felber 2015: 63f).

3 Zwischen 1932 und 1939 stieg der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch von 570 auf 900 Zigaretten pro Jahr (vgl. Proctor 1996: 1450), was bisweilen (wenig überzeugend) damit erklärt wurde, das Rauchen habe eine Art kulturellen Widerstandes gegen die neuen Machthaber dargestellt (vgl. Davey Smith/Ströbele/Egger 1995: 396; Davey Smith/Egger 1996: 109-110). Während der Tabakverbrauch mit Kriegsbeginn noch einmal nach oben schnellte, ging er seit Mitte 1941 kriegsbedingt zurück (vgl. Merki 1998: 22). Der Tabakverbrauch zwischen 1942 und 1945 hingegen kann nicht mehr zuverlässig ausgewiesen werden (vgl. ebd.: 37).

4 Tabak ist eigentlich ein Oberbegriff für Rohstoffe und diverse Herstellungs- und Konsumtionsformen. So zeigt sich Tabak als Rohtabak, aber auch als Kau-, Schnupf-, und Rauchtabak für Pfeifen, Zigarren oder Zigaretten (vgl. Petrick-Felber 2015: 12). Der in dieser Arbeit verwendete Begriff "Tabak" bezieht sich – wenn nicht anderes explizit ausgewiesen – immer auf den Rauchtabak und die entsprechende Form des Konsums.

5 Diese höchst widersprüchliche Koexistenz von Zigarettenwerbung und Propaganda ist auch den Zeitgenossen schon aufgefallen. So hat es etwa Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti jedes Mal in Wut versetzt, wenn er in einer Zeitung Tabakwerbung neben dem Bildnis Hitlers sah (vgl. Petrick-Felber 2015: 18).

6 Der sprunghafte Anstieg der Krebsfälle lässt sich aber nur teilweise durch den erhöhten Pro-Kopf-Verbrauch von Tabak erklären. Berücksichtigt werden müssen auch die Entwicklungen in der Herstellung von Zigaretten, die mehr und mehr die Pfeifen und Zigarren ersetzt hatten. So wurden etwa mildere Sorten von Tabak auf den Markt gebracht. Diese sind durch Heißluftrockung behandelt worden und ermöglichten auf diese Weise ein tieferes Inhalieren des schädlichen Rauches. Diese "angenehmere" und einfachere Art des Rauchens hatte zur Folge, dass mehr Teer, Nikotin und weitere gifte Stoffe in die Lungen aufgenommen wurden (vgl. Proctor 1999: 77).

7 Dass Fritz Lickint bis zu seinem Tode überzeugter Sozialdemokrat gewesen war, zeigt, dass die Anti-Tabak-Bewegung in Deutschland ihren Ursprung nicht in nationalsozialistischem Gedankengut hatte.

8 Die Zeitschrift erschien von 1938 bis 1941 unter dem Titel Reine Luft und von 1941 bis 1942 als Die Tabakfrage.

9 Natürlich reagierten die Tabakunternehmen auf das veränderte Gesundheitsbewusst-sein in der breiten Gesellschaft. So wurden etwa nikotinärmere Tabake hergestellt, Zigaretten mit (verbessertem) Filter auf den Markt gebracht und Mundstücke entworfen, die eine bessere Schadstoffabsorbierung versprachen (vgl. Merki 1998: 31).

10 Diese Vorstellungen fußten in besonderem Maße auf die Eugenik, die seit den 1920er Jahren in der europäischen Wissenschaft dominierend geworden war (vgl. Jütte et al. 2011: 26f). Dabei stand die Vorstellung im Vordergrund, dass "falsche" gesellschaftliche Entwicklungen auch eine biologische "Entartung" nach sich ziehen können (vgl. Petrick-Felber 2015: 57).

11 Dies erklärt, weshalb es im "Dritten Reich" zu bahnbrechenden Erkenntnissen in der Erforschung der Tabakgefahren gekommen ist (vgl. Proctor 2000: 340). Zu den wichtigsten Schriften auf diesem Gebiet gehören Franz Müllers "Tabakmissbrauch und Lungencarcinom" (1939) sowie Dietrich Schairers und Erich Schönigers Abhandlung "Lungenkrebs und Tabakverbrauch" (1943). Beide wurden in der renommierten Zeitschrift für Krebsforschung veröffentlicht.

12 Es sei an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch Magda Goebbels und Eva Braun Raucherinnen waren (vgl. Petrick-Felber 2015: 25). Abgesehen davon rauchte auch Traudl Junge, eine der persönlichen Sekretärinnen Hitlers (vgl. Lewy 2006: 1187f).

13 Das Rauchen wurde also auf der einen Seite mit sexueller Zügellosigkeit ("Bordellkultur") und auf der anderen Seite mit Frigidität in Verbindung gebracht.

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Werbung und Propaganda in der Anti-Tabak-Politik im Dritten Reich
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
72
Katalognummer
V469966
ISBN (eBook)
9783668945043
ISBN (Buch)
9783668945050
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unser, führer, verhältnis, werbung, propaganda, anti-tabak-politik, dritten, reich
Arbeit zitieren
Dominik Jesse (Autor), 2019, Das Verhältnis von Werbung und Propaganda in der Anti-Tabak-Politik im Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/469966

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