Jean-Luc Marions "Donation". Eine Alternative zum Konstruktivismus?

Subjekt und Welt als "gesättigte Phänomene"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Prolog: Husserl und Heidegger als historischer Vorwurf des marionschen Entwurfs

2. Einführung in das methodische Donationsdenken Marions
2.1 Die Faltung der donation: Gabe, Gebung, Gegebenheitscharakter, Gegebenheit
2.2 Die Ent-Faltung der Gegebenheit: Zur Einführung der reduktiven Gegenmethode

3. Das währende Gabeereignis der Subjektivität und die Welt als gesättigtes Phänomen Zur Überwindung der „Störung durch die Welt“
3.1 Gesättigte Phänomene
3.2 Die Dativstruktur des Subjekts
3.2.1 Sich selbst empfangen – Leiblichkeit als erster Dativ
3.2.2 Die Gegebenheit als Ereignis der Selbstwerdung
Ruf des Anspruchs und Zeitigung des Subjekts als verspätete Antwort
3.3 Subjektivität als währendes Ereignis. Zur Sättigung der Welt

4. Fazit: phénomène advenant. Zur Rehabilitierung der Unmöglichkeit

Literatur

1. Prolog: Husserl und Heidegger als historischer Vorwurf des marionschen Entwurfs

„Die Philosophie, verstanden als Metaphysik, geht ihrer Verwirklichung entgegen, indem sie, von Descartes bis Hegel, nicht aufhört, die Implikationen des Prinzips des zureichenden Grundes zu radikalisieren: Alles, was ist (Seiendes), ist in dem Maße, in dem eine causa (Wirkursächlichkeit) sive ratio (Begriff) seine Existenz, seine Inexistenz oder den Dispens jeder Ursache erklärt.“1

Die Schwierigkeit dieser Kausalitätsgläubigkeit liegt im Erreichen eines letzten Grundes, dem keine weitere Ursache mehr zugeordnet werden und an dessen Legitimität man daher leicht zweifeln kann. Der Zweifel am ersten Grund muss sich notwendig auf jedes von diesem logisch abgeleitete Glied ausdehnen, so dass schließlich alles bezweifelt werden kann. Die bekannte Lösung Descartes’ liegt in der unbezweifelbaren Selbstaffektion des Subjekts. Die Herkunft der gesicherten Sache vollzieht sich dabei weniger als sie vielmehr statisch als evidente Prozessrepräsentation im Bewusstsein des Subjektes vorliegt. Der Prozess, dessen sich das Subjekt bewusst wird, ist dabei seine Erkenntnisbewegung, die sein eigenes „Ich“ zum Inhalt (zum Erkannten) macht. Dabei bleibt erstens offen, woraus das Ich, das sich vorfindet qualitativ besteht. Zweitens baut sich ein solipsistischer Erkenntniskreis auf, aus dem das Subjekt logisch nicht auszubrechen vermag. Zu Recht stellt daher Marion die Frage: „Wie von der gesicherten Sache (res cogitans) zu einer anderen, unzugänglichen oder fast unzugänglichen Sache […] gelangen?“2 Das Subjekt erweist sich durch seine solipsistische Erkenntnisbewegung als transzendental bestimmt, ohne die Bedingungen seiner Möglichkeit in den Blick fassen zu können. Zudem lässt die Metaphysik „keine echte Gebung (und damit Gabe) zu, weil sie alles Gegebene mit einem neuen Gegebenen erklärt“3. Einen Ausweg weist die Phänomenologie, für die „die absolute Gewissheit in der Affektion des Bewusstseins durch die Erlebnisse jeglicher Herkunft“ besteht.4 Als Pate dieses Methodenprinzips kann Edmund Husserl gelten:

„Am Prinzip aller Prinzipien: dass jede originär gegebene Anschauung eine Rechtsquelle der Erkenntnis sei, dass alles, was sich uns in der „Intuition“ originär (sozusagen in seiner leibhaften Wirklichkeit) darbietet, einfach hinzunehmen sei, als was es sich gibt, aber auch nur in den Schranken, in denen es sich da gibt, kann uns keine erdenkliche Theorie irre machen.“5

Husserl ist es zu verdanken, die Schuldigkeit des Phänomens gegenüber seinem Grund aufgelöst zu haben, indem dessen eigenes Aufscheinen als sein Grund legitimiert wurde.6 Insofern wurde es möglich, dass die Phänomenologie „nicht das ego allein und für sich selbst [sichert], sie beglaubigt eine ganze Welt, weil sie diese nicht auf das (sich denkende) Denken stützt, sondern auf das Gegebene, so wie es sich (dem Bewusstsein) gibt“7. Heidegger sah dem entsprechend die Aufgabe der Phänomenologie darin, „[d]as, was sich zeigt, so wie es sich von ihm selbst her zeigt, von ihm selbst her sehen zu lassen“8. Augenscheinlich handelt es sich sowohl bei Husserl als auch bei Heidegger um den Versuch einer Korrelationsbestimmung von Erscheinendem und der Ermöglichung des Erscheinenden als Erscheinung für uns. Die Oszillation zwischen objektivem (hier im Sinne von: vom Objekt selbst vollzogenem) Erscheinen und subjektiv-aktivischem Erscheinen-Lassen problematisiert das Verhältnis von Subjekt und Objekt als „ apriorische Korrelation9. Zwischen passiver Hinnahme der Vor-Gabe und subjektaktiver Ermöglichung ihres Aufscheinens wird aber lediglich erkenntnistheoretisch vermittelt. Bei Husserl führt dies zum (Thomas von Aquin entlehnten) Entwurf der „Adäquation“ als Bestimmungsmaß der „Wahrheit“. Zwar gelingt es Husserl so, die unergründlichen transzendentalen Bedingungen des Sich-Zeigenden vernachlässigen zu können, gleichzeitig wird er aber zugestehen müssen, dass es möglich bleibt, dass jene Erscheinungen Täuschungen, Irrtümer, kurz: lediglich Ergebnisse von intentionalen, vom Subjekt ausgehenden konstruktivistischen Konstitutionsakten sind. Denn die Antwort auf die Frage, welche Kriterien im strengen Sinne erfüllt sein müssen, damit der erkennende Intellekt (das intentionale Bewusstsein) genau jenen Bedeutungsumfang empfängt, den ihm die erkannte Sache originär gibt, bleibt im Vollzug der konkreten Anschauung vage. Stets bleibt ein Rest an Apperzeption möglich. Das führte zur Auffassung: „ in jedem Phänomen können wir nichts anderem als uns selbst begegnen.“10 Diesen Vorwurf kann sowohl man an Descartes, als auch den modernen Konstruktivismus richten, dem auf dem Fuß ein ontologischer Relativismus folgen muss. Die mögliche Warumlosigkeit der Erscheinungen befriedigt den cartesianischen Zweifel nicht allein durch das Postulat ihres tatsächlichen Gegebenseins. Dieser transzendentale Horizont der Gegebenheit ist es aber, auf den nach Husserl zu reduzieren ist.11 Daher der Satz: „ Soviel Schein, soviel (durch ihn nur verdecktes, verfälschtes) Sein […].12 Heideggers Kritik an Husserl betrifft nun den fehlenden Seinssinn der Gegenständlichkeit. Heidegger möchte das Sein in die Phänomenalität einlassen, als dasjenige, was sich nicht selbst sichtbar manifestiert, aber als Grund aller Manifestationen dennoch in die Phänomenalität durchwirkt und in ihr verborgen liegt. So ermöglicht Heidegger eine „ Phänomenologie des Nicht-Erscheinenden13. Marion wittert nun eine bloß graduelle Problemverschiebung im Hinblick auf die husserlsche Transzendentalität der Subjektintention. Er sieht das Projekt Heideggers gefährdet, das Phänomen sich von sich selbst her zeigen zu lassen, weil er die Unmöglichkeit registriert, mit der ein Phänomen sich selbst geben kann, solange es einem transzendentalen Horizont als seinem Ermöglichungsgrund unterworfen bleibt. Im Falle Husserls war dieser Horizont durch die Intention bestimmt, die er mittels der phänomenologischen Reduktion auf Gegenständlichkeit reduzierte; im Falle Heideggers wird dieser Horizont durch das „Sein“ bestimmt. Vom Einfluss Levinas’ geprägt, bezweifelt Marion die Möglichkeit der Alterität (als Erscheinen eines Anderen (des Seins)) innerhalb eines transzendentalen Horizontes (des Seins). Das bloß Andere des Seins führt lediglich zu einer Immanenz beschränkter Alterität, die Marions Forderung nach Ermöglichung von saturierten Phänomenen (phẻnomẻne saturẻs) unterlaufen würde. Die radikale Konsequenz, die Marion zieht, ist folgerichtig: Über die Einführung gesättigter Phänomene bestimmt er die Ausrichtung der Phänomenologie neu.14 Ihr Ziel ist die Überwindung des Prinzips vom letzten Grund innerhalb der klassischen Metaphysik, die Umkehrung der Intentionalität (Husserl), die Verabschiedung der Transzendentalität bzw. Seinsgebundenheit des Phänomens (Heidegger) und die Reduktion zur absoluten bzw. reinen Gegebenheit (donation). Im Folgenden soll die hierfür beanspruchte reduktive Gegenmethode 15 vorgestellt werden. Zuvor soll aber das vielschichtige Donationsdenken Marions reformulierend erläutert werden

2. Einführung in das methodische Donationsdenken Marions

2.1 Die Faltung der donation: Gabe, Gebung, Gegebenheitscharakter, GegebenheitMarion versucht

„neben der transzendentalen Reduktion von Husserl (zur Gegenständlichkeit, objectitẻ) und der existenzialen Reduktion von Heidegger (zur Seiendheit, ẻtantitẻ, bzw. zum Sein) eine dritte Reduktion vorzuschlagen, die er eine Reduktion zum reinen Gegebenen (donnẻ pur) bzw. zu einer absoluten Gegebenheit (donation) nennt“16.

Kern der Überlegungen Marions ist die Tatsache, dass sich jedem Subjekt ein Phänomen, bevor es vom Subjekt intendiert werden kann, gegeben haben muss.17 Marion versucht die subjektive Nachträglichkeit aller Zugriffe auf ein Phänomen in Kompatibilität mit dessen ursprünglicher Gegebenheit zu bringen. Die Konstitution eines Phänomens als Erkenntnis im Bewusstsein kann stets nur im Nachgang des ursprünglich gezeigten Phänomens vollzogen werden. Insofern kommt die reduktive Gegenmethode hinsichtlich ihres Gegenstandes immer zu spät. Dennoch ist sie im Stande, „den Gehalt an Gegebenheit jeder Erscheinung [einzuschätzen], um seinen Rechtanspruch auf Erscheinen – oder nicht – auszumachen“18. So verhindert Marion, „dass die Intuition selber […] zum Maß der Phänomenalität als solcher wird“19. Das nämlich würde bedeuten, dass anschauungsarme Objekte in ihrer Selbstgegebenheit disqualifiziert würden (man könnte auf alle „Grenzphänomene“ verweisen: Geburt, Trieb, Schlaf, Tod), und dass die Objekte vom Grad ihrer Ekstase (gemeint als Anschauungsfülle) transzendiert würden.20 Insofern plädiert Marion für eine methodische Kehre, die „den egohaft bedingten Evidenzaufweis von Gegenständlichkeit als Auf -zeigen zum Sich- zeigen des Erscheinens selbst um-kehrt“21. Marion möchte „jedem expliziten oder impliziten Methodenapriori gegenüber dem reinen Erscheinen als Gegebenheit […] entgehen“22. Wir müssen nun genauer untersuchen, wie ein solches reines Erscheinen, eine absolute Gegebenheit möglich sein soll.

Marion formuliert als Prinzip: „Je mehr Reduktion, desto mehr Gegebenheit [ Autant de réduction, autant de donation ].“23 Marions Methode reduziert auf Gegebenheit. Dabei gesteht Marion ein, dass die „Gegebenheit“ (donation) ein vieldeutiger Begriff ist, „denn Gegebenheit bedeutet sowohl den Akt (geben), den Einsatz (Gabe), als auch den Handelnden (Gebenden) und die Weise der fertigen Gegebenheit (Gegebenheitscharakter)“24. Genauer25:

a) Donation enthält den Gabe vor gang als Gabe ereignis (le donner), das eine Gabe sich ereignen lässt.

Dies meint die Bewegungsrichtung des Gebens, die eine subjektive Projektionsfläche anvisiert, an deren Oberfläche sie erst zur Gabe aufbricht. Einerseits wird hierin deutlich, dass das Subjekt (als Adressat der Gebung) die Gabe mit ermöglicht, an deren Konstitution also durchaus beteiligt bleibt. Zweitens ermöglicht diese Konzeption einen nachträglichen Rückschluss des Subjekts, dem eine Gabe erscheint, weil dessen Bewusstsein vom Gebungsakt getroffen wird, auf diesen Gebungsakt selbst („Soviel Gabe, soviel Gebung.“). Das Zu-eigen-werden („sich ereignen“) der Gabe erlaubt erst die Reduktion auf den Gabevorgang. Es wird deutlich, dass die Reduktion formal einer logischen Schlussfolgerung gleicht.26 Die Schlussfolgerung erst fasst das Ereignis kategorial, also innerhalb bekannter Möglichkeiten. Das Ereignis selbst erscheint oft nicht innerhalb von Kategorien, da es sättigend auftreten kann.27

b) Donation enthält die gegebene Gabe (le don). Sie meint das dem Subjekt erschien Phänomen.
c) Donation enthält den Gegebenheitscharakter der Gabe als gegebener Gabe.
d) Donation meint das Gegebene überhaupt als Gegebenheit.

2.2 Die Ent-Faltung der Gegebenheit: Zur Einführung der reduktiven Gegenmethode

An der Polysemie des Donationsbegriffes erkennen wir, dass in der bloßen Gabe (le don) eine phänomenale Faltung (le pli) liegt, deren Entfaltung zum Ziel der reduktiven Methode bei Marion gemacht wird, so dass der ganze, reine, phänomenale Charakter der Gabe zum Erscheinen gebracht werden kann. An dieser Stelle sei nur auf das mögliche Paradoxon der Konstitutionsleistung des Subjekts verwiesen, das an dieser „Konstruierung“ des reinen Erscheinens beteiligt zu sein scheint. Wir werden das Paradoxon später auflösen, denn Marion möchte alles andere als ein „ Zurück “ zur radikalen Transzendierung der Gaben durch das konstruktivistische Subjekt. Sein integratives Verfahren wird das Subjekt dennoch in das Konzept der donation einfalten. Zusammengefasst lässt sich zunächst sagen: Gegebenheit ist immer vorhandene Gabe, aber im- pli -ziert zugleich den Gabe vorgang, der sie als Gabe erscheinen lässt. Nur so kann dem Phänomen die Initiative seiner Selbstgebung (donation de soi) ermöglicht bleiben. Nur das Sichzeigen des Phänomens von sich her (à partir de soi mẻme) ermöglicht nach Marion einen Ausbruch aus dem „transzendental-subjektivistischem Horizont“28, der andernfalls jede erscheinende Gabe transzendieren würde, mithin ihre Selbstgebung verunmöglichte. Die reine Selbstgebung aber muss von Marion an die Stelle der metaphysischen Letztgründe gesetzt werden, um aus der klassischen Beweiskette von Ursache und Wirkung auszutreten und dennoch zu einer „Unbezweifelbarkeit des Erscheinens von Phänomenalität als solcher“ zu gelangen.29 Das bedeutet, dass die Selbstgebung der Phänomene vom Subjekt als Selbstgebung verstanden werden muss. Eben diesen Prozess der Konstitution der Selbstgebung als Erkenntnis im Subjekt beschreibt die Methode der Reduktion. Das Erscheinen der selbstgegebenen Phänomene darf dagegen weder „konstruier[t] noch synthetisier[t]“ werden.30 Insofern postuliert Marion die Phänomenologie als Erste Philosophie, „weil sie zum Ersten gelangt, wenngleich dieses Erste das Letzte der phänomenologischen Reduktion darstellt: die sich gebende Gegebenheit“31. Als Ergebnis dieser Methode erhalten wir die „Erscheinung des Sich -zeigens gemäß dessen immanent-notwendigem Er scheinen“32. Die Er scheinung des Sich -zeigens geht weit über die bloße Evidenz der Anschauung hinaus. Evidenz meint für Marion lediglich eine anschauliche Erfüllung des intentionalen Aktes. Diese Evidenz unterliegt aber transzendentalen Bedingungen, von denen sie gereinigt werden soll. Was bleibt, ist dann die reine Gegebenheit, die selbst nicht empirisch evident ist, aber in der Evidenz des Phänomens eingefaltet liegt.33 Die Reduktion abstrahiert von der Sichtbarkeit in die Gegebenheit. Nicht mehr das Dasein wird von einem Phänomen abgezogen, um zu seinem „Wesen“ vorzudringen (Husserl), sondern die transzendentalen Bedingungen seiner evidenten Anschaulichkeit. Nicht die Weisen der Erscheinung eines Phänomens stehen im Fokus der Analyse, sondern die Tatsache, dass es gegeben ist, die dazu anleitet, es in seiner Selbstgegebenheit erscheinen zu lassen. Dieses Lassen ist selbst aber keine apriorische Bedingung mehr für das Selbstsein-Können des reinen Phänomens, es ist lediglich die Öffnung seiner nicht-evidenten Selbstgegebenheit in die Phänomenalität. Das factum brutum der Selbstgegebenheit wird durch die Reduktion in den Status des Phänomens gehoben, das immer schon verborgen in der Evidenz eingefaltet ist. Insofern stiftet die Reduktion weder die Selbstgegebenheit, noch deren phänomenalen Charakter, sie entbirgt sie vielmehr. „[D]ie intentionale Ekstase des Bewusstseins, die sich auf die Sache richtet und die alleine die Ungewissheit, den Irrtum, die Illusion usw. ermöglicht“34, wird auf die Selbstgegebenheit der Sache reduziert, an der es deshalb keinen Zweifel gibt, weil sie unabhängig von den Erscheinungsweisen der kontingenten Phänomen-Manifestationen die sichere Tatsache des „ dass “ der Erscheinungen enthält. Dieses „dass“ der Erscheinungen ist stets ein „dass für uns “. Diese apriorische Korrelation von Phänomen und Subjekt hat schon Husserl behauptet. Die Richtung des „dass“ als „dass für uns “ bezeugt zugleich ihren Charakter der Gebung. Gebung meint hier die Notwendigkeit einer Gerichtetheit, an deren Ende das Subjekt die Gebung zur Gabe ankünftig werden lässt. Eine solche verspätete Ankunft ist als Fassung einer Gabe in ihrer Selbstgebung zu bezeichnen, die rational und nachträglich als Reduktion der zunächst konkreten Gabe (als Erscheinung) vollzogen wird.35 Ziel der marionschen Reduktion ist die Entmischung von intentionalen Akten, die ein Phänomen konstituieren, und dessen Selbstgegebenheit als Gabe.36 Le pli meint dabei die Verborgenheit des Gabevorganges im Aufscheinen der Gabe. Die Gegebenheit der Gabe im- pli -ziert den Gabevorgang, der wiederum die Selbstgebung der Selbstgegebenheit impliziert. Die Selbstgegebenheit wird zum Letzten der Philosophie, das eine Falte alles Weiteren ist und somit als im eigentlichen Sinne Erstes fungiert, dabei aber schon Alles ist, ein „All-Ein“. Insofern stellt sich die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit des Ersten nicht mehr in Form der klassischen metaphysischen Frage nach dem letzten Grund des Ersten.37 Zudem ist damit ausgedrückt, „dass die Gegebenheit nicht vor dem Phänomen auftritt, um ihm apriorische Regeln seines Erscheinens aufzuerlegen“38. Vielmehr enthält die Gegebenheit notwendig ihr Aufscheinen als Phänomen, so wie das Phänomen den Charakter der Gegebenheit enthält (doppelte Faltung).

Nun könnte man einen relativistischen Empirismus vermuten, der alles als reine Gegebenheit gelten lässt, was erscheint, weil alles gegeben ist und somit dem Charakter der Selbstgegebenheit entspricht. Marion weigert sich dies anzuerkennen, indem er behauptet, dass das Subjekt durch intentionale Akte die Selbstgegebenheit der Phänomene korrumpiert. Durch die Möglichkeit, intentional Phänomene zu konstituieren, um sie anschließend erscheinen zu lassen, kommt es nach Marion zur Vermischung von intentionalen Konstrukten und selbstgegebenen Phänomenen. Ich würde diesen Sachverhalt als „Arroganz des intentionalen Subjekts“ bezeichnen (ital. arrogare: in Anspruch nehmen). Das, was ein Subjekt in Anspruch nimmt, wenn es intentional ein Objekt konstituiert, ist etwas, das bei dieser Konstitution nicht zur Erscheinung kommt. Daher kann die so entstandene Erscheinung nicht „rein“ sein. Sie ist ein Nachträgliches gegenüber der reinen Selbstgegebenheit, von der im Phänomen selbst dann nur noch eine vage Spur bleibt, die nicht erscheint, weil sie vom Subjekt nicht mehr erkannt wird. Statt zur Entfaltung käme es derart zur Verdeckung. Der Fundus, aus dem das Subjekt seine Intentionen schöpft, bezeugt geradezu die Unmöglichkeit einer „reinen Intentionalität“. Der Sinn der Reduktion besteht genau darin, die dem Subjekt erscheinenden Phänomene auf „ihre wirkliche phänomenologische Gegebenheitsweise“ zu überprüfen.39 Diese ist nichts anderes als das „Von-sich-her-Kommen“ der Phänomene. Die Reduktion überprüft, inwieweit die Erscheinung von sich selbst her in die Sichtbarkeit (bzw. weiter gefasst: Phänomenalität) getreten ist. Deshalb genügt es nicht, radikal „zurück zu den Sachen selbst“ zu kehren. Zumindest nicht, wenn man die „Sachen selbst“ als das versteht, was die Intention der Anschauung mit evidenter Präsenz füllt. Die Adäquation von Sache und Erkenntnis gerät bei Marion deshalb ins Wanken, weil die Intentionalität dabei in die falsche Richtung weist. Nicht die Erfüllung der Intention bringt die Sachen zu sich selbst, sondern die Absolutheit (Reinheit) ihres Sich-Gebens.40 Von diesem Sich-Geben her versteht sich auch der Terminus „Gegenintentionalität“41. Das sich selbst gebende Phänomen visiert mich an, anstatt sich von mir sehen zu lassen. Es zeigt sich von sich selbst her, ohne dass ich meine eigenen Einschränkungsbedingungen auf dieses Erscheinen auflegen kann, um es zu disziplinieren. Die „Selbstoffenbarung [ automanifestation ] des Phänomens läuft sozusagen gegen den Fluss der Intentionalität“42. Diese Gegen-Intentionalität „ermöglicht es dem Subjekt, das Phänomen durch sich selbst ankommen (avenir) zu lassen“43. Diese Freilassung des Objektes zur Selbstgebung meint die reduktive Gegenmethode. Ihr gemäß gilt: Je mehr Freilassung, desto mehr Selbstgebung. Und je mehr Reduktion, desto mehr Freilassung, als Befreiung von Täuschungen der vom Subjekt ausgehenden Intention. Also: Je mehr Reduktion, desto höher der Reinigungsgrad der Gegebenheit.

[...]


1 J.-L. Marion, Aspekte der Religionsphänomenologie: Grund, Horizont und Offenbarung, in: M. Gabel/H. Joas (Hg.), Von der Ursprünglichkeit der Gabe. Jean-Luc Marions Phänomenologie in der Diskussion, Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2007, 16.

2 J.-L. Marion, Eine andere „Erste Philosophie“ und die Frage der Gegebenheit, in: J.-L. Marion/J. Wohlmuth, Ruf und Gabe. Zum Verhältnis von Phänomenologie und Theologie, Bonn/Alfter: Verlag Norbert M. Borengässer 2000, 25.

3 B. Klun, Der Exzess des Anderen. Zur Phänomenologie der Gebung bei Jean-Luc Marion, in: Flatscher, Matthias/Loidolt, Sophie (Hg.), Das Fremde im Selbst - Das Andere im Selben. Transformationen der Phänomenologie, Würzburg: Königshausen/Neumann 2010, 20.

4 Marion, Eine andere „Erste Philosophie“, 25.

5 E. Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie, in: Schuhmann, Karl (Hg.), Husserliana. Bd. 3. Buch 1, Den Haag: Nijhoff Verlag 1976, § 24, 51.

6 Vgl. Marion, Aspekte der Religionsphänomenologie, 20.

7 Marion, Eine andereErste Philosophie“, 25.

8 M. Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen: Max Niemeyer Verlag19 2006, § 7, 34.

9 Klun, Exzess des Anderen, 114.

10 Ebd.

11 Vgl. ebd.

12 E. Husserl, Cartesianische Meditationen, in: S. Strasser (Hg.), Husserliana. Bd. 1, Dordrecht, Boston/London: Kluwer Academic Publishers2 1991, § 46, 133.

13 Marion, Aspekte der Religionsphänomenologie, 23.

14 Vgl. Klun, Exzess des Anderen, 113: „Marions Analysen von absoluten bzw. „saturierten“ Phänomenen, mit denen er die klassische Phänomenologie herausfordern will […], beanspruchen nichts weniger als ein neues Verständnis der Phänomenologie.“

15 Dieser Terminus ist übernommen von Rolf Kühn.

16 Klun, Exzess des Anderen, 114.

17 Vgl. ebd.: „Bevor sich etwas zeigt bzw. mir erscheint, bevor ich überhaupt etwas intendieren kann oder es als seiend verstehen kann, muss es mir gegeben sein.“

18 J.-L. Marion, Reduktive „Gegenmethode“ und Faltung der Gegebenheit, in: M. Gabel/H. Joas (Hg.), Von der Ursprünglichkeit der Gabe. Jean-Luc Marions Phänomenologie in der Diskussion, Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2007, 40.

19 Ebd., 38.

20 Ebd., 38f.

21 Ebd., 38.

22 Ebd.

23 Ebd., 40 [Übersetzung ins Französische aus: Klun, Exzess des Anderen, 116].

24 Ebd., 43.

25 Vgl. dazu: J.-L. Marion, Ẻtant donnẻ. Essai d´une phẻnomẻnologie de la donation, Paris: Presses Universitaires de France 1997, 90-100 und H.-D. Gondek/L. Tengelyi, Neue Phänomenologie in Frankreich, Berlin: Suhrkamp 2011, 161.

26 Dabei wird die logische Implikation wenn – dann zu einer anderen Implikation erweitert: nur wenn – dann. Um die Gegebenheitsweise eines Phänomens zu bestimmen, genügt es nicht zu folgern: Wenn P1 die Eigenschaft A1 hat, dann ist es (beispielsweise) ein gesättigtes Phänomen (Ps). Denn das schließt nicht aus, dass es unbekannte Eigenschaften Ax gibt, die ein P1 zum Ps machen, auch wenn es nicht A1 aufweist. Es muss also ein A bestimmt werden, das eine notwendige Bestimmung von Ps ist, so dass gilt: Nur wenn A1, dann Ps. Ich will damit sagen, dass das A bei Marion die „reine Gegebenheit“ ist, die als notwendige Bedingung dafür auftritt, dass die Gegebenheitsweise des Phänomens adäquat geschlussfolgert werden kann. Nur so kann die Frage „Wie hat sich das Phänomen mir gegeben?“ beantwortet und diese Antwort dann auf die Frage „Welchen Status hat dieses Phänomen?“ angewendet werden. Die These der Arbeit wird dahin formuliert, dass jedes Phänomen, das sich auf „reine Gegebenheit“ reduzieren läßt, als gesättigtes Phänomen erfahren worden sein muss.

27 Vgl. 3.1 Gesättigte Phänomene.

28 Klun, Exzess des Anderen, 115.

29 Marion, Reduktive Gegenmethode, 38.

30 Ebd.

31 Klun, Exzess des Anderen, 115.

32 Marion, Reduktive Gegenmethode, 37.

33 Vgl. Marion, Reduktive Gegenmethode, 41: „Zum Wesen des Phänomens gehört daher die Grundeinsicht, dass die Evidenz mehr gibt als einen psychischen Zustand oder Bewusstseinserlebnisse, denn selbst in ihrer sättigenden Klarheit bringt sie das Erscheinen eines Nicht-Bewusstseins herbei, nämlich das Nicht-Evidente des Phänomens selber.

34 Marion, Eine andereErste Philosophie“, 24.

35 Vgl. Marion, Reduktive Gegenmethode, 39: „Die Reduktion ermöglicht mithin die Phänomenwerdung, aber diese ist als reduzierte eben nichts anderes als das absolute Selbsterscheinen des Phänomens – seine Selbstgegebenheit.“

36 Vgl. Marion, Eine andereErste Philosophie“, 24f.: „Der Schein und die Trübungen, die Phantasien und die Erinnerungen von Gegebenem, die allesamt an Transzendenzen gebunden sind, die das (eventuell intentional) Erlebte mit dem angezielten (per definitionem nur skizzierten) Gegenstand vermischen, finden sich gefiltert und schließlich getrennt vom noch verbleibenden Gegebenen vor. Die Reduktion muss also die Gegebenheit kontrollieren, sie auf ihren Kern von Gegebenem (oder noematischen Kern) zurückführen.“

37 Vgl. Marion, Reduktive Gegenmethode, 41: „Jede Philosophie hat konstitutiv ihre Grenzen; die Gegebenheit selbst hingegen kennt keine Grenzen, denn sie reduziert sich nur auf sich selbst, wo sie dann als absolute Gegebenheit weder Grade noch Modi kennt.“

38 Ebd.

39 Ebd., 41.

40 Vgl. ebd., 41: „Als Prinzip taucht daher die genannte Gegen-Methode a posteriori auf, um dank der Reduktion im Erscheinen zu entscheiden, was wirklich den Titel „gegebenes Phänomen“ verdient. Kurz gesagt stellt dieses Prinzip fest, ob etwas sich absolut gegeben hat oder nicht.“

41 Vgl. Marion, Ẻtant donnẻ, 246.

42 Gondek/Tengelyi, Neue Phänomenologie, 183.

43 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Jean-Luc Marions "Donation". Eine Alternative zum Konstruktivismus?
Untertitel
Subjekt und Welt als "gesättigte Phänomene"
Veranstaltung
Phänomenologie Jean Luc Marions
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V470479
ISBN (eBook)
9783668946989
ISBN (Buch)
9783668946996
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie Phänomenologie Jean-Luc Marion Husserl Leib Zufall Erscheinung Gott
Arbeit zitieren
Benjamin Baumann (Autor), 2013, Jean-Luc Marions "Donation". Eine Alternative zum Konstruktivismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470479

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