Das Konzept der Staatsräson in Machiavellis "Der Fürst"


Hausarbeit, 2016
15 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Staatsraison
Der Staatsbegriff
Staatsgründung
Staatserhaltung
Religion
Militär
Zwischenfazit

„Das magische Viereck“
virtù
Necessità
fortuna
Occasione

Kritische Auseinandersetzung

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Der ‚Fürst‘ von Machiavell bedeutet auf dem Gebiete der Moral, was Spinozas Werk für den Glauben bedeutet: Spinoza untergrub die Grundlagen des Glaubens, indem er nichts Geringeres anstrebte als einen Umsturz des Gebäudes der Religion; Machiavell pflanzte den Keim des Verderbens in das staatliche Leben und unternahm es, die Vorschriften gesunder Sittlichkeit zu zerstören.“1

Friedrich der Große war einer jener Kritiker Machiavellis, die, wie das obige Zitat zeigt, ihn und seine Werke aufs Äußerste verurteilten und immer wieder für eine Tugendethik in jeder Sphäre des Lebens plädierten. Doch so sehr Friedrich Machiavelli auch ablehnt, so übernimmt er bzw. teilt seine Ansichten, gerade wenn es um Existenzialismus als oberste politische Maxime und dessen Folgen oder das negative anthropologische Weltbild geht.2

Machiavellis Werke, allen voran „der Fürst“, rufen meist zweierlei Reaktion herauf: Auf der einen Seite die Befürworter die seine nüchterne Politikbetrachtung lobpreisen3, und auf der anderen Seite diejenigen Kritiker, die eben jene Betrachtung als unmoralisch und religionslos bezeichnen.4 Ein Werturteil zu Machiavellis Ansichten möchte ich mir in diesem Werk, so gut es geht, sparen.

Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit soll vor allem die Frage nach der Verstrickung des Viergestirns aus virtù, fortuna, necessità und occasione mit Machiavellis Konzept der Staatsraison sein. Dazu wird im ersten Teil Machiavellis Konzept der Staatsraison im „Fürsten“ betrachtet, hierzu wird primär die Rolle des Fürsten in der Staatsgründung sowie die Mittel zur Erhaltung des Staates behandelt. Der zweite Teil befasst sich mit dem „magischen Viereck“5. Dazu wird jedes der Elemente einzeln, sowie in der Gesamtbetrachtung beleuchtet. Es ist anzunehmen, dass gerade für die Staatsgründung und -erhaltung das Viergestirn für den Fürsten als Herrscher eine wichtige Rolle spielt.

Die Literatur zur Machiavelli ist so vielfältig und in einer solchen Vielzahl von Sprachen verfasst, dass hier nur ein Einblick in die deutsche Literaturlandschaft und den damit einhergehenden Forschungsstand gegeben werden kann. Zeitlich bewegt sich die Literatur von Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit E.W. Mayers Werk zur Geschichtsauffassung Machiavellis 1912, Meineckes „Die Idee der Staatsräson in der neueren Geschichte“ 1924 über Freyers Machiavelli 1938, Königs Machiavelli von 1940, Sternbergers „Machiavellis Principe und der Begriff des Politischen 1975, Münklers Vielzahl an Veröffentlichungen (hervorzuheben ist sein „Machiavelli“ von 1982, der dieser Arbeit als „Hauptsekundärliteratur“ dient), Kerstings Machiavelli von 1998 bis hin zu Höffes Machiavelli 2013, anlässlich des 500. Jahrestags des „Principe“. Inwiefern sich die Autoren in ihren Ansichten widersprechen und andere Argumentationsstränge verfolgen findet sich in einem eigenen Kapitel wieder.

Weiterhin muss angemerkt werden, dass viele der Autoren sich weniger isoliert mit dem „Fürsten“ auseinandergesetzt haben, sondern viel mehr mit Machiavellis Gesamtwerk. Dies liegt vor allem daran, dass der „Fürst“ eben nur einen von mehreren Zuständen der Politik und der Herrschaft, welche Machiavelli beschreibt, abdeckt. Voigt argumentier bspw., dass der „Fürst“ im Gegensatz zu den viel umfangreicheren Werken Machiavellis eher den Charakter eines politischen Essays hat.6 Dementsprechend komme ich auch nicht darum herum, auf Textpassagen in seinen anderen Werken zu verweisen bzw. Sekundärliteratur heranzuziehen, die genau das macht.

Während die Discorsi sich eher mit der Staatsordnung auf Bevölkerungsebene beschäftigt, handelt der „Fürst“ von der Staatsordnung auf der Herrscherebene, oder wie König sagt:

„[…] der Principe setzt am gleichen Ort noch einmal an, […], nur gleichsam um eine Stufe höher, indem er den Weg der Discorsi als ausgeschritten voraussetzt und nun ohne Umwege und mit viel stärkerer systematischer Kraft das Ganze auf eine endgültige Form bringt.“7

Staatsraison

Münkler spricht von einer „nur der absoluten Norm der Selbsterhaltung des Staates verpflichtete Rationalität des Politischen“8 wenn er über die Staatsraison in Machiavellis Werken spricht. Dieser nennt sie zwar nie bei ihrem Namen (auf Italienisch: ragione di stato), impliziert aber in seinen Aussagen durchaus ein Konzept, welches dem was wir als Staatsraison bezeichnen würden entspricht. Augenfällig wird, wenn man sich mit Machiavellis „Fürst“ unter dem Aspekt der Staatsraison beschäftigt, dass er in keiner Weise für oder gegen die Staatsraison argumentiert, was in der Tatsache gründet, so argumentiert Münkler, dass für Machiavelli das ureigenste Ziel eines Staates seine eigene Erhaltung ist. „Der Fürst“ handelt also viel weniger vom warum, sondern eher inwieweit und mit welchen Mitteln der Staat am besten erhalten werden kann.9

Aufgrund der Tatsache, dass der einzige Imperativ des Staates sein eigenes Überleben ist, unabhängig jeglicher Moral und Sitten, und diese erst für sein Wirkungsfeld selber bestimmt, und es keine Institution oder ein Element gibt, welche dem Staat eine gewisse Sittlichkeit oder Moralvorstellung oktroyieren könnte, ist der Staat für seinen eigenen Wirkbereich der einzige Garant um Ethik und Moral aufrechtzuerhalten.10

„Daher muß ein Fürst, der sich behaupten will, sich auch darauf verstehen, nach Bedarf nicht gut zu handeln, und dies tun oder lassen, so wie es die Notwendigkeit erfordert.“11 Diesem obersten Gebot der Notwendigkeit der Staatserhaltung müssen sich auch alle ethischen und moralischen Grundsätze unterstellen. Und eben diese Unterordnung ist das im Vergleich zum mittelalterlichen politischen Denken neuartige. Die religiöse Ethik des Mittelalters wird durch das oberste Gebot der Selbsterhaltung ersetzt, anstatt der Wertrationalität handelt man nach zweckrationalen Prinzipien.

Im Sinne der Argumentation Machiavellis, bar jeder höheren Moralvorstellung, sind auch Mittel wie Gewalt, Betrug oder Grausamkeiten jeglicher Form ein adäquates Mittel zum Fortbestand des Staates, ganz nach dem Prinzip, dass der Zweck die Mittel heiligt. Als konkretes Beispiel kann man hier den von Machiavelli angeführten Wortbruch betrachten. Schließt ein Fürst ein Abkommen mit einem anderen Staat unter günstigen Bedingungen für den Fürsten, ändern sich die Bedingungen nun aber zum schlechteren, würde der Fürst bei Einhalten des Abkommens gegen den Selbsterhaltungstrieb und somit gegen sein eigenes Überleben agieren, was nach Machiavellis Auffassung letztendlich zum Untergang eines Fürsten führen muss.12

Allerdings ist zu bedenken, dass Machiavelli nicht zum wahllosen Betrügen und Täuschen wo man nur kann aufruft; vielmehr geht es ihm darum, dass diese Mittel zwar durchaus zum Zwecke der Staatserhaltung genutzt werden können und auch müssen, aber eben nur dort wo die Notwendigkeit es gebietet. Maßlosigkeit würde nur zur Gefährdung der Position des Fürsten führen, „denn man kann es nicht Tugend nennen, seine Mitbürger ermorden, Freunde verraten, ohne Treu und Glauben sein, ohne menschliches Gefühl, ohne Religion.“13,14 ­ Wann ein Fürst mild oder eben bspw. gewalttätig handelt macht Machiavelli von den jeweiligen Umständen abhängig. Als Beispiele sind hier Hannibal, der primär durch Gewalt erfolgreich war, und der römische Feldherr Publius Cornelius Scipio (Africanus), der in seinem Verhalten in Spanien Milde und Ritterlichkeit zeigte, aufgeführt15: „Wenn man Unrecht tun muß, so ist es schön, es zu tun um der Herrschaft willen.“16

Der Staatsbegriff

Machiavelli definiert den Staat weniger als ein festes politisches Gebilde, sondern legt den Fokus primär auf das Verhältnis zwischen dem Fürsten und seinen Untertanen. So sei der Staat nur „ein Ausbeutungsinstrument des Herrschers, nicht aber […] eine politische Gemeinschaft.“17

Wenn man Machiavellis Ausführungen über das Erhalten und Erheben eines Staates betrachtet, stellt man fest, dass sein Geschichtsverständnis einen zyklischen Charakter aufweist, soll heißen, dass sich bestimmte Phasen der Ordnung bzw. Nicht-Ordnung wiederholen. Grundsätzlich beschreibt Machiavelli eine sukzessive Entwicklung von absoluter Unordnung hin zur höchstgeordneten Republik, welche sich dann wiederum hin zur Ordnungslosigkeit entwickelt.18 Was er damit jedoch nicht ausdrücken will ist, dass die jeweiligen Phasen auch eine zeitliche Begrenzung haben. Hier kommen nämlich die Ausführungen Machiavellis ins Spiel, dem es vor allem darum geht, dass die Phasen der Unordnung möglichst kurz gehalten werden während die Phasen der existierenden staatlichen Ordnung möglichst lange halten.19

[...]


1 Friedrich II. von Preußen, Der Antimachiavell, unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-antimachiavell-5318/2.Vorwort.

2 Nitschke, Peter, Selbstblendung der Staatsmacht. Der Antimachiavell als kontrafaktischer Paradigmenwechsel, in: Herfried Münkler u.a. (Hg.), Demaskierung der Macht. Niccolò Machiavellis Staats- und Politikverständnis (= Staatsverständnisse, Bd. 5), Baden-Baden 20041, S. 61–83, hier S. 77–78.

3 Fichte, Johann Gottlieb, Werke 1806 - 1807 (= Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Werke, ; 1), hg. v. Reinhard Lauth u. Hans Gliwitzky, Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, S. 215–275.

4 Strauss, Leo, Thoughts on Machiavelli, Chicago 2003.

5 Knauer, Claudia, Das "magische Viereck" bei Machiavelli - fortuna, virtù, occasione, necessità (= Unipress Reihe Philosophie, Bd. 5), Würzburg 1990.

6 Voigt, Rüdiger, Im Zeichen des Staates. Niccolò Machiavelli und die Staatsräson, in: Herfried Münkler u.a. (Hg.), Demaskierung der Macht. Niccolò Machiavellis Staats- und Politikverständnis (= Staatsverständnisse, Bd. 5), Baden-Baden 20041, hier S. 53–54.

7 König, René, Niccolo Machiavelli. Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende, München 1979, S. 265.

8 A. Münkler, Herfried, Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz. Univ., Diss.--Frankfurt am Main, 1981 (= Fischer-Taschenbücher Fischer-Wissenschaft, Bd. 7342), Frankfurt am Main 199510, S. 282.

9 Ebd., 282–283,284.

10 Ebd., S. 284–285.

11 Machiavelli, Niccolò u. Rehberg, A. W., Der Fürst, Hamburg 20136, S. 88.Kap.15.

12 A. Münkler, S. 285–286.

13 Machiavelli u. Rehberg, S. 55.Kap.8.

14 A. Münkler, 287,294.

15 B. Münkler, Herfried, War Machiavelli ein Machiavellist? Die Ursprünge des Machiavellismus und der Staatsraison, in: Politische Vierteljahresschrift 24. 1983, S. 329–340, hier S. 338.

16 Euripides, Phönissen zitiert nach: Mittermaier, Karl, Machiavelli. Moral und Politik zu Beginn der Neuzeit, Gernsbach 1990, S. 412.

17 A. Münkler, S. 329.

18 Die 8 Entwicklungsabschnitte finden sich bei: Kersting, Wolfgang, Niccolò Machiavelli (= Beck'sche Reihe Große Denker, Bd. 515), München 19982, S. 63.

19 A. Münkler, S. 396–397.

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Details

Titel
Das Konzept der Staatsräson in Machiavellis "Der Fürst"
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V470696
ISBN (eBook)
9783668945920
ISBN (Buch)
9783668945937
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzept, staatsräson, machiavellis, fürst
Arbeit zitieren
Marcus Graf (Autor), 2016, Das Konzept der Staatsräson in Machiavellis "Der Fürst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470696

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