Warum sind die Bildungspläne im Allgemeinen und auch im Hinblick auf die frühe Förderung des naturwissenschaftlichen Bereiches so unterschiedlich gestaltet? Der Hauptgrund liegt daran, dass das den Bildungsplänen zugrunde liegende Bild vom Kind sich an den aktuellen Bildungsdiskursen der Frühpädagogik orientiert. Es wird vor allem zwischen zwei auf diesem Gebiet dominierenden Bildungskonzepten unterschieden: dem `Selbstbildungsansatz´ und dem `Ansatz der Ko-Konstruktion´.
Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die Forschungsfrage dieser Arbeit:
In welcher Form wird die frühe naturwissenschaftliche Bildung durch diese zwei unterschiedliche pädagogische Ansätze beeinflusst und welche Auswirkung hat dieser Einfluss auf die Praxis?
Die vorlegende theoretische Arbeit beschäftigt sich im Wesentlichen mit der Analyse der beiden Ansätze. Sie basiert auf einer grundliegenden Literaturrecherche über die Theorie- und Praxisumsetzung, sowie Reflexion und Diskussion anhand von wissenschaftlichen Texten zum genannten Forschungsthema. Die herangezogenen Autoren sind überwiegend Pädagogik- und Erziehungswissenschaftler. Andere sind in benachbarten wissenschaftlichen Disziplinen, wie den Sozialwissenschaften oder der Entwicklungspsychologie angesiedelt. Die Grundlage dieser Arbeit bilden die Werke der beiden Hauptvertreter der genannten Ansätze, Schäfer (Selbstbildungsansatz) und Fthenakis (Ansatz der Ko- Konstruktion), sowie deren Befürworter und Mitstreiter.
Spricht man in der Pädagogik von früher naturwissenschaftlicher Bildung, dann wird nicht selten gemeint, "man könne und müsse Kindern auf elementare Weise zumindest die Anfänge wissenschaftlichen Denkens nahebringen" (Schäfer, 2010a, S. 7), so Schäfer. Daran liegt ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen den Bildungsplänen. Und zwar im ungleichen Verständnis von kindlichen Bildungs- und Lernprozessen und entsprechend dann darauf basierender didaktisch-methodischer Herangehensweisen und Umsetzungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand zur frühen naturwissenschaftlichen Bildung
2.1 Forschungsergebnisse aus der Sozialwissenschaft
2.2 Forschungsergebnisse aus der Didaktik
2.3. Forschungsergebnisse aus der Kognitions- und Entwicklungspsychologie
3. Selbstbildung und Ko- Konstruktion als pädagogische Ansätze in der frühen naturwissenschaftlichen Bildung
3.1 Bildungsziele
3.2 Lerntheoretische Begründungen
3.2.1 Bildung als Selbstbildung
3.2.2 Bildung als Ko-Konstruktion
3.3 Zum Bild vom Kind
3.4 Zur Rolle der Fachkraft
3.4.1 Selbstbildungsansatz
3.4.2 Ansatz der Ko-Konstruktion
3.5 Zur Rolle des sozialen und kulturellen Raum
3.5.1 Selbstbildungsansatz
3.5.2 Ansatz der Ko-Konstruktion
3.6 Zur Rolle der kindlichen Naturerfahrungen
3.6.1 Selbstbildungsansatz
3.6.2 Ansatz der Ko-Konstruktion
3.7 Zu Rolle der Sprache
3.8 Methodisch- didaktische Umsetzung
3.8.1 Das freie Experimentieren
3.8.2 Das angeleitete Experimentieren
4. Selbstbildung und Ko- Konstruktion im Vergleich
Ansatz
Selbstbildungsansatz
Ko-Konstruktionsansatz
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert und vergleicht die zwei dominierenden pädagogischen Konzepte – den Selbstbildungsansatz und den Ansatz der Ko-Konstruktion – hinsichtlich ihres Einflusses auf die frühe naturwissenschaftliche Bildung und deren praktische Umsetzung in Kindertageseinrichtungen.
- Vergleich der lerntheoretischen Begründungen beider Ansätze.
- Untersuchung der Rolle der pädagogischen Fachkraft und des sozialen Umfelds.
- Bedeutung der kindlichen Naturerfahrungen und der Sprache im Lernprozess.
- Gegenüberstellung methodisch-didaktischer Umsetzungen wie freies versus angeleitetes Experimentieren.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Bildung als Selbstbildung
Der Begriff der Selbstbildung stammt aus der Theorie des Konstruktivismus. Der Konstruktivismus geht davon aus, dass Kinder sich ihre individuelle Lernsituation selbst konstruieren und eigene Lernprozesse steuern. Das Wissen wird dabei durch die Auseinandersetzung mit eigenen Ideen und Konzepten sowie deren Interpretationen geformt. Selbst die Informationen, die durch eigene Sinnesorgane geliefert werden, „sind nicht einfach Abbilder der Welt, sondern bereits gefilterte, verarbeitete und interpretierte Ergebnisse eines inneren Verarbeitungsprozesses“ (Mienert, 2007, S. 11). Diese Informationen lassen sich aufeinander `bauen´, sodass neues Wissen immer in Bezug auf Vorwissen konstruiert wird. Die Aktivierung von Vorkenntnissen, ihrer Ordnung, Vernetzung, Ausdifferenzierung und ihrer Integration spielen beim Lernen eine entscheidende Rolle (vgl. ebd.). Kinder erzeugen eigene `Theorien´, die nicht naturwissenschaftlich begründet sind, sondern „über Erfahrungszusammenhänge, die man finden oder sich ausdenken kann“ (Schäfer, 2010, S. 11) konstruiert werden. In der Wissenschaft werden solche Theorien als `naive´ Theorien bezeichnet, Schäfer nennt sie aber „Alltagstheorien“ (ebd.), die uns zeigen können, wie Kinder ihr Können und Wissen nutzen, um sich neue Erfahrungen zu erschließen. An die Stelle des Kompetenzlernens setzt Schäfer deshalb als grundlegendes Lernmodell für die frühe Kindheit das alltägliche Erfahrungslernen (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die bildungspolitische Relevanz naturwissenschaftlicher Frühbildung, motiviert durch den PISA-Schock und den Fachkräftemangel im MINT-Bereich.
2. Forschungsstand zur frühen naturwissenschaftlichen Bildung: Das Kapitel bietet einen Überblick über aktuelle sozialwissenschaftliche, didaktische sowie entwicklungspsychologische Erkenntnisse und weist auf Forschungsdesiderate hin.
3. Selbstbildung und Ko- Konstruktion als pädagogische Ansätze in der frühen naturwissenschaftlichen Bildung: Als Hauptteil erläutert dieser Abschnitt detailliert die theoretischen Fundamente, die Bildungsziele sowie die methodischen Ansätze beider Konzepte.
4. Selbstbildung und Ko- Konstruktion im Vergleich: Hier werden die beiden Ansätze systematisch gegenübergestellt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Verständnis von Bildung, Zielsetzung und Methodik herauszuarbeiten.
5. Ausblick: Der abschließende Teil reflektiert die aktuelle Situation der Elementarpädagogik und skizziert notwendige zukünftige Forschungs- und Handlungsfelder.
Schlüsselwörter
Frühe naturwissenschaftliche Bildung, MINT, Selbstbildungsansatz, Ko-Konstruktion, Elementarpädagogik, Experimentieren, Konstruktivismus, Bildungspläne, Kindesentwicklung, Fachkraft, Naturerfahrung, Sprachförderung, Didaktik, Projektarbeit, Lernprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Analyse und dem Vergleich zweier pädagogischer Konzepte, die maßgeblich die frühe naturwissenschaftliche Bildung in Kitas prägen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte des Selbstbildungsansatzes und des Ko-Konstruktionsansatzes, ihre lerntheoretische Fundierung, die Rolle der Fachkraft sowie die didaktische Umsetzung in der Naturerfahrung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie diese beiden unterschiedlichen Ansätze die frühe naturwissenschaftliche Bildung beeinflussen und welche Auswirkungen dies auf die praktische Arbeit in Kindertageseinrichtungen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturrecherche, der Reflexion wissenschaftlicher Texte und dem Vergleich der Werke führender Vertreter wie Schäfer und Fthenakis basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den Bildungszielen, dem Bild vom Kind, der Rolle der Erzieherinnen, dem Einfluss des sozialen Raums und der Methodik der Wissensvermittlung innerhalb der beiden Ansätze.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Naturwissenschaftliche Frühbildung, Selbstbildung, Ko-Konstruktion, Elementarpädagogik und pädagogische Didaktik definieren.
Wie unterscheiden sich die Rolle der Erzieherin in den beiden Ansätzen?
Im Selbstbildungsansatz wird eine zurückhaltende Haltung der Fachkraft gefordert, während der Ansatz der Ko-Konstruktion eine aktive Mitgestaltung und Interaktionsführung durch die Erzieherin vorsieht.
Was ist die Kritik am Einsatz von Experimenten in der Kita?
Kritisiert wird oft, dass "Versuche" als wissenschaftliche Experimente fehlinterpretiert werden und Kinder eher zu unverständlichem Nachplappern angehalten werden, statt ihr natürliches Interesse und eigenes Forschen zu unterstützen.
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- I. Seel (Autor), 2017, Pädagogische Ansätze in der frühen naturwissenschaftlichen Bildung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/470700