Das fremde Selbst in John H. Griffins Tagebuch "Black Like Me"

Kritische Analyse von Authentizität und Selbstdarstellung


Hausarbeit, 2017
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Politisch korrekt über Hautfarben sprechen

3. Hintergrund und Inhaltsangabe von Black Like Me

4. Das fremde Selbst Griffins
4.1. Vom wahren Selbst zum fremden Selbst
4.2. Wie Stereotype Griffins Selbstdarstellung beeinflussen

5. Authentizität in Griffins Black Like Me
5.1 Die Einordnung als Tagebuch
5.2 Ein Schwarzer Griffin? Authentizität des fremden Selbst

6. Universalität des Themas Fremdheit

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

„What is it like to be the Other? […] John Howard Griffin, a white Texan, thought the unthinkable and did the undoable: he became a black man.“1

Dies ist ein Zitat aus dem Vorwort zu John H. Griffins Buch Black Like Me. Es fasst treffend zusammen, worum es in den Einträgen im Tagebuchformat geht. Griffin beschließt 1959, seine Haut für mehrere Wochen Schwarz2 färben zu lassen. Anschließend reist er durch den „Deep South“ der USA, der als besonders rassistisch gilt.

Seine Erfahrungen schreibt der US-Amerikaner nieder, datiert sie und sammelt sie für die Publikation in der Sepia. Später, im Jahr 1961, veröffentlicht er sie zusätzlich in einem eigenständigen Buch namens Black Like Me, in der deutschen Übersetzung Reise durch das Dunkel. Da Griffin mit seiner temporär Schwarzen Haut als Afroamerikaner identifiziert wurde, zeugt das Buch von offenkundig rassistischen Einstellungen und Verhaltensweisen seiner Weißen Mitmenschen. Bereits zur Zeit der Publikation wurde das Buch kontrovers diskutiert und rief zum Teil hasserfüllte Rezeptionen hervor. Auch heute noch gibt es kritische Stimmen, doch längst ist das Buch an vielen „High Schools“ als Literaturklassiker Bestandteil des Curriculums.

In dieser Hausarbeit möchte ich mich dem Thema des fremden Selbst Griffins annähern und herausfinden: Wie stellt sich Griffin in seinem Tagebuch dar, während er aufgrund der Schwarzen Haut nicht mehr als „er selbst“ erkannt wird? Inwiefern ist Black Like Me überhaupt dem Genre des Tagebuchs zuzuordnen? Wie prägen Stereotype Griffins Handeln als „fremdes Selbst“ und die Art, wie er diese Erfahrungen niederschreibt? Wie kann die Authentizität der Niederschriften Griffins beurteilt werden? Weiter soll angesprochen werden, dass Black Like Me ein zeitloses Werk ist, das auch interkulturell verstanden werden kann.

2 . Politisch korrekt über Hautfarben sprechen

Da Hautfarbe („something over which one has no control“3 ) ein zentrales Thema dieser Hausarbeit sein wird, erscheint es mir notwendig, einen Abschnitt dem Sprachgebrauch über Hautfarben zu widmen. Griffin geht es in seinem Buch weniger um die Bestimmung der Ethnien Weißer und Schwarzer Menschen, daher differenziert er zwischen „Negro“ und „white man“ und verzichtet auf den Begriff „Afroamerikaner“. Auch heutzutage ist es noch durchaus legitim, Hautfarben zu benennen, wenn es darum geht, objektiv über diese äußerliche Eigenschaft zu sprechen. Allerdings gelten im deutschen Sprachraum Begriffe wie „Neger“, „Farbige“ oder „Maximalpigmentierte“ als archaisch und unpassend. Laut der Organisation „Der Braune Mob e.V.“ ist die unter Deutschsprachlern verbreitetste Weise, politisch korrekt über Men- schen, die von anderen als Schwarz angesehen werden, der Ausdruck „Schwarze Menschen“4. Von „Farbigen“ zu sprechen, sei nichts als ein Beschönigungsversuch, mit dem sich der Sprecher implizit als Rassist oute, indem er andeute, dass „farbig sein (…) nicht so schlimm“ sei wie „Schwarz sein“5. Noah Sow, Verfasser der FAQ, schreibt weiter:

Niemand darf Menschen in „Nicht ganz Schwarz”/„Ziemlich Schwarz“/„Ganz Schwarz“Schubladen mit den entsprechend darauf abgestuften Behandlungen und Erwartungshaltungen stecken, und wer anderen dies untersagt, wehrt sich zu recht.6

Des Weiteren klinge der Begriff „farbig“, als betrachte man die weiße Hautfarbe als „Normalzustand“. Ein anderer guter Begriff ist laut Sow der Begriff „Person/people of Color“ (PoC). Damit sei klargestellt, dass Schwarze Menschen eben Menschen seien. Der Begriff werde in Deutschland jedoch bislang wenig benutzt.7

3 . Hintergrund und Inhaltsangabe von Black Like Me

John Howard Griffin wird 1920 in Dallas (Texas) geboren. Seine Jugend verbringt er in Frankreich, wo er u.a. Musik und Medizin studiert und Mitglied der französischen Résistance wird. Später, zurück in den Vereinigten Staaten, wird er Schriftsteller und beginnt in den 1950er Jahren, als Redakteur der Zeitschrift Sepia zu arbeiten, die sich überwiegend an eine Schwarze Leserschaft in den USA richtet.8 Im Jahr 1959 versucht er erfolglos, Schwarze Menschen per Fragebogen zur hohen Suizidrate unter Schwarzen in südlichen USBundesstaaten zu befragen. Nach der abgebrochenen Recherche, wohl aufgrund mangelnden Vertrauens der Schwarzen in den Weißen Griffin, beschließt letzterer, sich selbst in die Haut einer PoC hineinzuversetzen.9 Konkret plant er, sich keine neue Identität oder Lebensgeschichte auszudenken, jedoch seine Haut dunkel färben zu lassen und mehrere Wochen so durch einige Südstaaten der USA reisen, um die Lebensumstände, Diskriminierung und die Arbeitssuche der PoC selbst zu erleben, während er sich als arbeitssuchender Autor ausgibt. Von Sepia -Verleger George Levitan erhält er am 29. Oktober 1959 die Zustimmung, Artikel über seine Erfahrungen später in der Sepia drucken zu lassen. Sie werden 1960 unter dem Titel Journey Into Shame veröffentlicht; 1961 in überarbeiteter Form als Buch Black Like Me. Griffins Reise als Schwarzer Mensch beginnt in New Orleans, wo er sich ab dem 1. November 1959 bei einem Dermatologen in Behandlung ist. Für sein Vorhaben der Hautfärbung nimmt Griffin das Medikament Oxsolaren (normalerweise gegen Schuppenflechte) in hoher Dosis ein und legt sich stundenlang unter eine Höhensonne. Sobald seine Haut vollständig eingefärbt ist, beginnt Griffin, durch Stadtviertel mit hohem Anteil an PoC zu laufen und ist durch seine neue Hautfarbe gezwungen, andere Lokale und Übernachtungsmöglichkeiten aufzusuchen, als er dies zuvor konnte. Dabei kommt er ins Gespräch mit anderen PoC und begleitet mehrere Tage lang den dunkelhäutigen Schuhputzer Sterling Williams, dem er die Wahrheit über seine Hautfarbe anvertraut und der ihn Dinge über die Lebensund Verhal- tensweise der schwarzen Bevölkerung lehrt.10

Nach einer Woche reist Griffin nach Mississippi, wo er den Rassissmus der weißen Bevölkerung noch stärker spürt und erstmals einem „hate stare“11 ausgesetzt ist, d.h. einem hasserfüllten Blick, wie ihn Schwarze Menschen laut Griffin oft bemerken. Nach einigen Tagen kehrt er nach New Orleans zurück, von wo er den Bus nach Biloxi nimmt und anschließend per Anhalter nach Mobile fährt. Einige Tage darf er bei einem zufällig kennengelernten, dunkelhäutigen Mann übernachten.

Von Mobile geht es per Anhalter weiter nach Montgomery. Die meisten Fahrer, denen Griffin beim Hitchhiking begegnet, stellen ihm intime Fragen zur Sexualität der „schwarzen Rasse“ und geben somit viel explizit über ihre Vorurteile und Stereotypen preis: Schwarze hätten einen animalischen Sexualtrieb, den sie jederzeit passioniert ausleben würden, seien ungebil- det und hätten keine Manieren12. In Montgomery angelangt berichtet Griffin von einer aufge- heizten Atmosphäre.

Gegen Ende setzt Griffin das Medikament Oxsolaren ab und versucht in den darauffolgenden Tagen, abwechselnd mit schwarzer und weißer Haut die Stadt zu durchstreifen.13

Am Ende reist Griffin nach Atlanta. Nach sechs Wochen kehrt er zu seiner Familie nach Texas zurück.

4 . Das fremde Selbst Griffins

4 .1. Vom wahren Selbst zum fremden Selbst

Der Leser kann anhand der Tagebucheinträge Griffins nachvollziehen, wie sehr ihn die Veränderung seiner Hautfarbe psychisch beansprucht und dass sie eine intensive Reflexion über seine Identität anregt. Sein Verhältnis zur „neuen“ Hautfarbe wandelt sich im Laufe des Experiments. Der Leser muss zwangsläufig davon ausgehen, dass das „literarische Ich“ dem wahren Ich Griffins und somit dem Schriftsteller entspricht.

Über den Moment unmittelbar nach der dermatologischen Behandlung in New Orleans und während seines ersten Blicks in den Spiegel schreibt der Autor, er sei schockiert und werde von Gefühlen der Panik übermannt.14 Er sehe sich selbst zunächst nicht mehr als er selbst, sondern als vollkommenen Unbekannten, neuen Menschen, dem gegenüber er eine intuitive Aversion verspüre: „I was imprisoned in the flesh of an utter stranger“.15 Als er erstmals nach seiner Verwandlung das Haus verlässt, vergleicht er sich selbst aus einer Beobachterrolle heraus mit einem Kind, das naiv eine fremde Welt entdeckt.16 Dies bezieht sich auf seine vorherige Feststellung, dass sein Schweiß sich nicht von dem seines ursprünglichen, weißen „Selbst“ unterscheidet. Offenbar ist seine Nervosität vor allem der Angst zuzuschreiben, als „falscher Schwarzer“ enttarnt zu werden, denn bei seinem ersten nächtlichen Ausflug durch New Orleans Straßen ist er erleichtert, nicht aufzufallen und schreibt, dies steigere sein Selbstbewusstsein.17

In den darauffolgenden Tagen in New Orleans dokumentieren Griffins Aufzeichnungen, dass er seine Rolle immer mehr akzeptiert und hinnimmt, dass er nun für einige Zeit als Schwarzer Mensch leben wird. Er sucht Orte auf, die Schwarzen Menschen zugänglich sind, beispielsweise eine Unterkunft, in der er auf andere PoC trifft. Er beginnt, sich mit ihnen zu unterhalten und sich als Ihresgleichen aufzufassen: „I was having my first prolonged contact as a Negro with other Negroes.“18. Hier beginnt er meiner Ansicht nach, sich als „fremdes Selbst“ zu sehen, d.h. als der John Griffin, der er immer schon war, in der Haut eines Schwarzen Mannes, der nicht mehr als John Griffin erkannt wird und sich dementsprechend nicht mehr wie das hellhäutige Selbst verhalten kann. Im Nachwort des Romans nennt Griffins Biograf Ro- bert Bonazzi diesen Zustand „Other-as-Self“.19

Im weiteren Verlauf des Buches gibt Griffin zu erkennen, dass er sich so verhält, wie es die Menschen um ihn herum von ihm erwarten, nämlich wie einer von vielen unterdrückten, diskriminierten Schwarzen US-Amerikanern. In der Öffentlichkeit muss er der Weißen, privilegierten Bevölkerungsschicht Respekt erweisen. Dadurch verspürt er anscheinend eine wachsende Distanz zur Weißen Bevölkerung. Eine Szene, in der Griffin im Bus nach Hattiesburg fährt, zeigt dies deutlich, denn Griffin gesellt sich zu der dunkelhäutigen Bevölkerung in den hinteren Sitzreihen und ist somit räumlich von den Weißen im vorderen Teil getrennt. Dabei fragt er sich, was diese wohl denken.20 Gleichwohl stellt er regelmäßig klar, dass Menschen aller Hautfarben gleichwertig sind: „I saw it not as a white man and not as a Negro, but as a human parent.“21

Einige Wochen nach Beginn des Experiments dokumentiert Griffin eine stärker werdende Entfremdung von seinem fremden Selbst, also den Wunsch, wieder zur ursprünglichen Weißen Hautfarbe zurückkehren zu können. Dies äußert sich laut Tagebuch in Albträumen22 und resultiert im Entschluss, in Alabama für einige Stunden wieder weiß zu werden und sich hin und wieder mit schwarzer Creme in den Schwarzen zurück zu verwandeln.23 Als Griffin einige Tage später sein Experiment vollständig beendet und die weiße Hautfarbe wieder annimmt, ist er erleichtert, weiß jedoch, dass die Erfahrung des fremden Selbst ihn und seine Lebensgestaltung für immer prägen werden. Er weiß nun, wie sich die in der USA supprimierten Schwarzen Mitbürger fühlen. Bis zu seinem Tod wird Griffin sich für die Gleichberechtigung Schwarzer und Weißer Menschen einsetzen.

4 .2. Wie Stereotype Griffins Selbstdarstellung beeinflussen

Griffin schreibt in seinen Tagebuch-Einträgen teilweise explizit von Stereotypen, Bildern und Vorurteilen, die in der Gesellschaft vorherrschen und dafür sorgen, dass einige Menschen aufgrund der Hautfarbe bestimmte Verhaltensweisen und Charakterzüge bei anderen voraussetzen (u.a.: „popular image“ of the thing [mit „thing“ ist in diesem Fall die Hautfarbe gemeint; Anmerkung A.W.]“24 ). Die Bilder bzw. Stereotype, d.h. die Fremdsicht, die Griffin entgegengebracht werden, beeinflussen seine Selbstsicht mit Schwarzer Hautfarbe. Es ist weniger der Blick in den Spiegel als der Blick der anderen, der ihm als Schwarzer eine Identität stiftet. Andere fungieren als Medium, als Vermittler der eigenen Identität.

[...]


1 Terkels, Studs (2004): Foreword in: Griffin, John H. (1961): Black Like Me: 4

2 Da Schwarz-Sein ein politisches Konstrukt ist, wird das Attribut „schwarz“ in der folgenden Arbeit groß geschrieben.

3 Griffin, John Howard (2009): Black Like Me. Braunschweig: Diesterweg. (Erstveröffentlichung 1961): 10

4 vgl. http://www.derbraunemob.de/faq (abgerufen am 21.04.2017) „‘Schwarz‘ zu sein bedeutet […] auf eine bestimmte Art von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen, missrepräsentiert und fremdbestimmt zu werden. “

5 http://www.derbraunemob.de/faq

6 ebd.

7 vgl. ebd.

8 vgl. David E. Nelson (Hg.) (2013): Race in John Howard Griffin’s Black Like Me: 12 f.

9 vgl. Sharpe, Ernest Jr. (1989): The Man Who Changed His Skin. In: American Heritage Magazine, Volume 40, Issue 1: 4

10 vgl. Griffin 1961: 36 ff.

11 Griffin 1961: 70

12 vgl. Griffin 1961: 116 ff.

13 Um noch als PoC erkennbar zu sein, muss sich Griffin in den letzten Tagen seines Experimentes schinken, denn ohne das Medikament verbleicht seine Hautfärbung noch schneller.

14 vgl. Griffin 1961: 20

15 Griffin 1961: 20, vgl. 20 f.

16 vgl. Griffin 1961: 22

17 vgl. Griffin 1961: 23

18 Griffin 1961: 27

19 Bonazzi (2009): Afterword. In: Griffin 1961: 253

20 vgl. Griffin 1961: 86

21 Griffin 1961: 152

22 vgl. Griffin 1961: 155

23 vgl. Griffin 1961: 174 ff.

24 Griffin 1961: 128

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das fremde Selbst in John H. Griffins Tagebuch "Black Like Me"
Untertitel
Kritische Analyse von Authentizität und Selbstdarstellung
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar  (Fakultät Medien)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V471093
ISBN (eBook)
9783668956223
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tagebuch, Selbstdarstellung, Rassismus, Hautfarbe, Authentizität, Textanalyse, Griffin, USA, Fremdheit, Alltagsrassismus, Diskriminierung, Stereotype, Afroamerikaner, Black Like Me, Roman
Arbeit zitieren
Annika Wappelhorst (Autor), 2017, Das fremde Selbst in John H. Griffins Tagebuch "Black Like Me", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471093

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