Stille - ein Grundbedürfnis für Schulanfänger?


Diplomarbeit, 2002

56 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anstelle eines Vorwortes

1. Versuch einer Begriffsklärung
1.1. Stille als Lautlosigkeit
1.2. Stille als Einstieg in das „Ich“

2. Die Bedeutung der Stille heute

3. Das menschliche Bedürfnis nach Stille

4. Veränderte Kindheit
4.1. Die Bedeutung der Familie hat sich verändert
4.2. Veränderungen der Schulsituation
4.3. Verlagerung der Spielfelder
4.4. Wirklichkeit aus zweiter Hand

5. Die spezielle Situation der Schulanfänger – die Sechsjahreskrise
5.1. Körperliche Veränderungen
5.2. Psychische Herausforderungen
5.3. Grundlegende Veränderungen im intellektuellen Bereich
5.4. Veränderungen der Familie
5.5. Soziales Leben der Sechsjährigen

6. Die Stille des Erziehers

7. Die Stille der Bräuche

8. Orte der Stille
8.1. Besuch in der Kirche
8.2. Die Stille im Wald

9. Situationen der Stille

10. Stille bei Maria Montessori
10.1. Entstehung der Übungen der Stille
10.2. Grundbedingungen
10.3. Einordnung in das methodische Konzept Montessoris
10.4. Das Gehen auf der Linie

11. Wichtige Voraussetzungen für die Durchführung von Stille-Übungen

12. Vorbereitende Spiele und Übungen
12.1. Beruhigende Spiele
12.2. Körpererfahrungsspiele
12.3. Atemspiele
12.4. Wahrnehmungsübungen
12.4.1. Zum Sehen
12.4.2. Zum Hören
12.4.3. Zum Berühren
12.4.4. Zum Riechen
12.4.5. Zum Bewegen

13. Stilleübungen – „Wege in das Innere“
13.1. Phantasiereisen
13.2. Musikmeditation
13.2.1. Erste Erfahrungen mit dem Hinhören
13.2.2. Vorspielen einfacher Kompositionen
13.3. Tönen und Lautmalen
13.4. Bildmeditation
13.5. Meditative Kindertänze
13.6. Stilles Malen
13.7. Mandalas
13.7.1. Arbeiten mit Vorlagen
13.7.2. Mandalas selbst entwickeln

14. Weitere mögliche Hilfen auf dem „Weg nach Innen“
14.1. Vorlesen und Erzählen
14.2. Yoga
14.2.1. Was ist Yoga?
14.2.2. Wie Yoga entstanden ist
14.2.3. Einige Lektionen und Übungen

Abschließende Bemerkungen

Literaturverzeichnis

Anstelle eines Vorwortes

Und ich erkannte,

dass sie die Stille nötig hatten.

Denn nur in der Stille

kann die Wahrheit eines jeden

Früchte ansetzen und Wurzeln schlagen.

Stille des Menschen,

der sich aufstützt und nachdenkt.

Stille, die ihn erkennen lässt.

Stille, die dich bei der Entfaltung behütet.

Stille des Herzens.

Stille der Sinne.

Stille der inneren Worte,

denn es ist gut, wenn du Gott wiederfindest,

der die Stille im Ewigen ist.

Antoine de Saint Exupery

1. Versuch einer Begriffsklärung

„Das Schweigen (die Stille) besteht nicht nur darin, dass der Mensch aufhört zu reden. Das Schweigen ist mehr als ein Verzicht auf das Wort, es ist mehr als ein Zustand, in dem der Mensch sich versetzen kann, wenn es ihm passt.

Wo das Wort aufhört, fängt zwar das Schweigen an. Aber es fängt nicht an, weil das Wort aufhört. Es wird dann nur deutlicher. Das Schweigen ist ein Phänomen für sich.“ (Haberl 1994, S. 172. Zit. nach: Picard, M.)

1.1. Stille als Lautlosigkeit

Berücksichtigt man nur den Bereich des Akustischen, so kann Stille als Fehlen jeden Lautes, Klanges oder Geräusches bezeichnet werden. Der so definierte Begriff klärt die Beziehung zur Außenwelt ab: es ist für andere nichts zu hören, nichts wahrzunehmen. Zur Innenwelt der beteiligten Personen, die an diesem Schweigen beteiligt sind, besteht keinerlei Beziehung.

Die Verbindung der Ich-Welt mit der Außenwelt wird freiwillig oder erzwungen unterbrochen. Sie findet - wenn überhaupt – nur noch über das Auge oder das Ohr statt.

Auslösendes Moment ist aber nicht ein Bedürfnis des Menschen, sondern die von außen vorgegebene Ordnung.

Diese Art der Stille war (und ist noch?) über viele Jahre hinweg das Kennzeichen eines „guten“ Unterrichts. Sie wurde erzwungen durch Aussprüche wie „Seid still“, „Verhaltet euch ruhig“, „Psst“. Solcherart fremdbestimmte Untätigkeit, von außen aufgezwungenes, ruhiges Verhalten, führt zu einer Leere, zu einem Fehlen wichtiger Inhalte. (Vgl. Haberl 1994, S. 158 f.)

In den letzten Jahren wird eine aktive Teilnahme der Schulkinder am Unterrichtsgeschehen zunehmend befürwortet, wobei aber „stilles Verhalten“ – im Sinne von Lautlosigkeit – doch vielfach begrüßt wird.

1.2. Stille als Einstieg in das „Ich“

Diese Stille ist nicht die bloße Abwesenheit von Lärm und Geräuschen, ist mehr als Schweigen – eine innere Haltung. Sie ist eine freiwillige Stille, die vom Individuum selbst herbeigeführt und beabsichtigt ist, sie bietet die Gelegenheit zum meditativen Innehalten.

Die Außenwelt wird bewusst verlassen, eine Konzentration auf das eigene Innere findet statt. Je weiter eine Versenkung in die persönliche Innenwelt zugelassen wird, desto eher findet eine Begegnung mit dem eigenen Wesen statt.

Man kann diese Stille nicht erzwingen, nur den Boden dafür bereiten. (Vgl. Haberl 1994, S. 159)

2. Die Bedeutung der Stille heute

Wir leben in einer Zeit in der unser Alltag – und somit auch der Alltag unserer Kinder – großteils von Hektik, Eile und Leistungsdruck bestimmt ist. Schlagworte wie Schnelllebigkeit, Stress, Reizüberflutung, Unfähigkeit, auf andere einzugehen, Mediensucht kennzeichnen unsere Welt. Besinnliche Momente sind eher spärlich gesät. Bedingt durch viele technische Errungenschaften leben die Menschen zwar vielfach angenehmer, aber kaum beschaulicher. Besinnung und Stille haben in ihrem Leben, wenn überhaupt, nur einen äußerst geringen Raum.

Die leisen Töne sind verschwunden und mit ihnen die Fähigkeit, wirklich zu hören, zu sehen und zu fühlen. „Ja, unsere Verantwortung beginnt nach dem Ende der Stille. Wir haben diese Verantwortung zu wenig wahrgenommen, so scheint es, denn die Töne haben uns längst im Griff, wir schwimmen in einer Geräuschkulisse und haben keine Ahnung mehr, wie sich das Drehen der Weltkugel im Originalton anhört.“ (Härtel H., Leitartikel in Der Vierzeiler, Nr. 1/2000, S. 3)

Wo Stille und Schweigen noch vorhanden sind, werden sie zunehmend von Unruhe und Lärm verdeckt und den vermeintlich „nützlichen Dingen“ verdrängt. Menschen werden fast überall, von allen Seiten beschallt, oft schon unbemerkt. Die „alltägliche Geräuschdusche“ beginnt schon damit, dass in vielen Familien Radio und/oder Fernsehen ab dem Morgen pausenlos laufen, selbst während der Mahlzeiten. Betritt man ein größeres Kaufhaus, ein Restaurant, ein Wartezimmer – überall laufen Tonbänder oder die üblichen Radiosender. Die ständige Musikberieselung – zufriedene Kunden zum Ziel – bedeutet einen weiteren Stressfaktor für den lärm- und stressgeplagten Menschen.

„Schallereignisse, die geeignet sind, einen Menschen zu stören, zu belästigen oder zu schädigen, werden als Lärm bezeichnet.“ (Walch Chr., Gehörschäden durch Schallexposition, in: Der Vierzeiler, Nr. 1/2000, S. 12)

Unfreiwillige Lärmbelastung erfolgt durch Verkehrslärm, Gewerbe- und Baulärm und die oben genannte „allgegenwärtige Dauerberieselung“.

Freiwillige Belastung erfolgt durch laute Musik (Musikgroßveranstaltungen, Diskotheken, Verwendung von Kopfhörern). Bei entsprechend hoher Schallenergie ist dies für das Gehör ebenso schädlich wie Maschinenlärm.

Das Risiko einer irreversiblen Innenohrschädigung wächst mit Dauer und Intensität der Lärmbelastung. Durch Lärm verursachte Hörschäden können von vorübergehendem Hörverlust bis zu einer dauernden Schwerhörigkeit mit Verschlechterung des Sprachverständnisses reichen, ein Tinnitus (Ohrklingeln) kann ebenfalls auftreten.

„Die heutigen Hörgewohnheiten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen befürchten, dass innerhalb von fünf Jahren durch das Hören von tragbaren Kassettenabspielgeräten (...) bei etwa zehn Prozent der Jugendlichen irreversible beidseitige Hörverluste von 10 dB und mehr als 4 Hz zu erwarten sind.“ (Meves Chr., Irreversible Hörverluste, in: Der Vierzeiler, Nr. 1/2000, S. 13)

Gerade Kinder können mit der Vielfalt der akustischen Einflüsse nicht fertig werden, sie werden nervös, aggressiv. Der äußeren Unruhe folgt eine innere Unruhe.

Als Folge dieser Entwicklung werden die Wege nach innen verstellt, und die Menschen sind unterwegs, ohne je bei sich anzukommen.

3. Das menschliche Bedürfnis nach Stille

Vom anthropologischen Standpunkt aus betrachtet, entspricht es der kindlichen Eigenart, eine Tätigkeit mit ungeteilter Aufmerksamkeit und großer Konzentration auszuüben. Man kann bei Kindern das natürliche Bedürfnis beobachten, sich Zeit zu lassen, Ruhe beim Spiel zu haben, zu trödeln und vor sich hin zu träumen.

Mit großer Beharrlichkeit wollen Kinder immer wieder das gleiche Spiel spielen, das gleiche Lied, den gleichen Reim hören. Ihr Wunsch nach mehrfachen Wiederholungen von Märchen oder dem Anschauen von Bilderbüchern ist der Wunsch nach einer Tiefendimension, die der Meditation entspricht. Je älter Kinder sind, desto mehr können diese natürlichen Ansätze meditativer Phasen verschüttet sein. Diese vorhandenen Fähigkeiten können aber durch Stille-Übungen geweckt und gefördert werden.

Motorisch und psychisch sehr unruhige Kinder lieben die Stille geradezu, sind nach einer konsequenten und ausdauernden „Stille-Schulung“ gelöster, weniger aggressiv und können den intellektuellen und emotionalen Ansprüchen des Unterrichts besser gerecht werden.

4. Veränderte Kindheit

Wesentliche Aspekte des Kinderalltages haben sich in unserem europäisch-westlichen Lebensbereich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. (Vgl. Maschwitz 1993, S. 25f.)

4.1. Die Bedeutung der Familie hat sich verändert:

Viele Menschen leben allein, Paare entscheiden sich, keine Kinder zu haben. Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt stetig zu. Auch die Kinderzahl in den Familien ist immer kleiner geworden. Für die Kinder bringt das eine Verminderung der zur Verfügung stehenden Bezugspersonen mit sich. Deshalb bleiben viele Kinder mit ihren Erfahrungen, Fragen und Bedürfnissen allein, weil keiner Zeit für sie hat, zumal häufig beide Elternteile voll arbeiten (müssen).

Die Bedeutung der Kleinfamilie für die Sozialisation der Kinder ist gesunken, Kindergarten, Schule, die Welt der Medien und die Kontakte zu gleichaltrigen Kindern beeinflussen die Heranwachsenden oft mehr.

4.2. Veränderungen der Schulsituation

Die Schule greift immer tiefer in das Leben der jungen Menschen ein. Die Schulzeit ist länger geworden und die Anforderungen an die Kinder sind heute schon im Grundschulbereich hoch. Um den gesellschaftlichen Interessen (hoch qualifizierte Arbeitskräfte, hohe Produktivität) zu genügen, müssen schon Kinder in kürzerer Zeit immer mehr lernen.

Die einseitige Leistungserweiterung steht einer vielseitigen Entwicklung entgegen; vor allem kreative, ethische und soziale Aspekte kommen zu kurz.

Neben der Schule kommen häufig noch weitere Verpflichtungen wie Sportverein, Musikschule, etc. hinzu. Die fortschreitende Pädagogisierung des Kinderalltags schränkt die Möglichkeiten der Kinder immer weiter ein, unabhängig von der Aufsicht Erwachsener den eigenen Umgang mit der Wirklichkeit zu erproben und sich selbst zu entdecken.

4.3. Verlagerung der Spielfelder

Im Bereich des Spiels hat sich das WO und WIE geändert:

Felder, Wälder, Wiesen, wenig befahrene Straßen, durch keinen Zaun versperrte Ecken, Höhlen, Buden, Geheimplätze waren die natürlichen Spielfelder der Kinder in früherer Zeit, in denen sie selten oder wenig kontrolliert wurden und freien Raum für eigene Entwicklungsmöglichkeiten im sozialen und kreativen Bereich vorfanden.

Die gesellschaftlichen Entwicklungen veränderten Wohn- und Besitzverhältnisse der Menschen, Verstädterung, Technisierung der Landwirtschaft drängten die Natur immer weiter zurück, sodass als Ersatz immer mehr gestaltete Spielfelder (alle Arten von Spielplätzen, Freizeitparks, Erlebnisbäder,) geschaffen werden mussten. Stille-Übungen, die im Weiteren dargestellt werden sollen, können und wollen die äußeren notwendigen Spielfelder nicht ersetzen. Sie wollen jedoch der Neugierde und den schöpferischen Kräften der Kinder Raum geben, um innere Spielfelder und die Natur in ihnen zu entdecken.

4.4. Wirklichkeit aus zweiter Hand

Die Medien und deren Einfluss auf die Kinder entwickeln sich rasant. Ständige Reizüberflutung von Werbung, Konsum- und Freizeitindustrie strömt auf sie ein. Je stärker Kinder von "echten" Erfahrungsmöglichkeiten abgeschnitten werden, desto größer ist die Gefahr, dass die Medienwelt ihr Ersatz wird, dass sie diese zweite Wirklichkeit für die einzig wahre und echte Wirklichkeit halten. Körpereigene Bewegung wird oftmals ersetzt durch Betrachten oder Erzeugen von Bewegung auf einem Bildschirm, was mit zum allgemein zunehmenden Bewegungsmangel beiträgt. Um die positiven Seiten der Medien nutzen zu können, brauchen Kinder Hilfen, um einen sinnvollen Umgang damit einzuüben, und Alternativen, die die konkreten Erfahrungen fördern.

Die Arbeit mit und an inneren Bildern soll Kindern den eigenen Reichtum erfahrbar machen. Mit viel Geduld soll erreicht werden, dass sie nicht an den vorgeschriebenen Bildern haften, sondern zur eigenen Fantasie und Kreativität finden.

5. Die spezielle Situation der Schulanfänger - die Sechsjahreskrise

Im Leben eines Menschen wechseln einander Phasen einer ruhigen Entwicklung und Phasen einer aufgelockerten Entwicklung ab.

Entwicklungskrisen könnte man, wenn man das Bild eines Flusses verwendet, als solche Stellen im Fluss identifizieren, wo im Flussbett vermehrt Steine zu finden sind oder tiefe Einschnitte im Untergrund des Flussbettes. Das Wasser wird wirbelig, unruhig, energiegeladen.

Die Sechsjahreskrise, die das Ende der Kleinkindzeit markiert, ist so eine aufgelockerte, wirbelige, energievolle Entwicklungszeit.

Häufig wird sie jedoch nicht als solche wahrgenommen, wodurch Chancen für die Weiterentwicklung des Kindes verpasst werden können, die enorm wichtig sind für die nächste Entwicklungszeit, die Pubertät. In unserer Kultur fällt die Sechsjahreskrise zumeist in einen von außen markierten Übergang, den Schuleintritt, was Anlass sein kann, weniger auf das Kind selbst, als auf die äußeren Veränderungen zu schauen und damit Schwierigkeiten und Ungereimtheiten zu erklären.

Wird diese Entwicklungszeit nicht oder zu wenig erkannt, so werden dadurch die Entwicklungsleistungen des Kindes zu wenig gewürdigt und sein Selbstwertgefühl und sein Selbstbewusstsein zu wenig unterstützt. Die Schwierigkeiten, die das Kind mit sich und mit anderen hat, werden falsch eingeordnet, zum Beispiel als schlimm, unfolgsam oder verhaltensauffällig.

Die Sechsjahreskrise ist eine Zeit, in der sich das Kind in einem enormen Umbruch befindet, körperlich, psychisch, intellektuell, familiär und sozial. (Vgl. BM für Umwelt, Jugend und Familie 1996, S. 1f.)

5.1. Körperliche Veränderungen:

Das Kind durchlebt den ersten Gestaltwandel. Aus dem Kleinkind mit allen seinen körperlichen Rundungen ("Kindchenschema") wird ein vollkommen anders proportioniertes Schulkind. Der Kopf wirkt nun im Verhältnis zum Körper kleiner. Der Rumpf wirkt verkleinert, der Bauch nicht mehr so dominant.

Die Extremitäten werden schmäler, länger und dünner. Gelenke und Muskulatur treten hervor. Dadurch kommt es auch zu einer veränderten Bewegungsführung.

Die Hände verlieren die Pölsterchen und Grübchen am Handrücken allmählich. Die Finger werden leistungsfähiger und lassen sich leichter dirigieren. Die Seitendominanz für Auge, Hand und Bein entwickelt sich. Es kommt zum Zahnwechsel, der auch mit der Hirnreife zu tun hat.

5.2. Psychische Herausforderungen:

Im Psychischen muss der Gestaltwandel integriert und verarbeitet werden.

Einerseits geht es darum, dass die veränderte Körperform und die veränderte Bewegungsführung verändertes Verhalten dem Kind gegenüber hervorbringt. Menschen reagieren ganz anders auf ein Kleinkind mit herzigen Kulleraugen, weichen Formen, anmutigen Bewegungen als auf ein „großes“ Schulkind mit Zahnlücken und ausgeprägtem Gesicht.

Andererseits muss das Kind selbst ein neues inneres und äußeres Bild von sich selbst entwerfen. Es ist nicht nur das Längenwachstum zu verkraften, sondern auch das Anders-Werden, Anders-Aussehen, Sich-anders-bewegen-Können und -Müssen. Deshalb ist es im Verhalten nicht mehr so robust. Es muss ja erst lernen, sich wieder auf sich selbst verlassen zu können.

Häufig kommt es zu unerwarteten Stimmungsschwankungen, das Kind folgt nicht mehr selbstverständlich und weint leicht. Es hat Schwierigkeiten und macht dadurch Schwierigkeiten.

In dieser Entwicklungsperiode sind Kinder krankheitsanfällig. Psychosomatische Beschwerden und Schlafprobleme treten häufig auf.

Die Kinder ermüden leichter als früher, da sie viel Energie in Wachsen und Reifen stecken müssen.

Sie wirken häufig uneins mit sich selbst, was aber nicht eine mutwillige Launenhaftigkeit oder Charakterschwäche darstellt, sondern die Suche nach dem „neuen Kind“ im neuen Entwicklungsabschnitt charakterisiert.

5.3. Grundlegende Veränderungen im intellektuellen Bereich:

Im Intellektuellen geschehen gravierende Veränderungen.

Das Kind gibt nach und nach das vorbegriffliche Denken auf, es hält nicht mehr starr an eigenen, begrenzten Vorstellungsbildern fest. Die Vorstellungsbilder werden differenzierter und nähern sich mehr und mehr echten logischen Begriffen.

Es ist besonders wichtig, dass Eltern und Lehrer erkennen, wie die Kinder immer mehr in der Lage sind, selbstständig und logisch zu denken. Kinder, die in dieser Zeit Respekt für ihr selbstständiges Denken erfahren, können mit viel mehr Mut in die Umbruchsphase der Pubertät eintreten und Freude an dem weiteren Ausbau und der Blüte ihrer Intellektualität haben.

Die optische und akustische Wahrnehmung wird stark ausdifferenziert, das Kind wird fähig, sein Denken sachlich auszurichten.

5.4. Veränderungen in der Familie:

Durch die Errungenschaften der Sechsjahreskrise verändert sich einiges an den Beziehungen, Regeln und Grenzen in der Familie des Schulanfängers.

Das Kind kann durch seine neuen Leistungen seine Position in der Gesellschaft und der Familie verändern.

Durch den Schuleintritt muss es außerhalb der Familie viele Pflichten auf sich nehmen, werden ihm von der Gesellschaft beachtliche Leistungen abverlangt. Im Gegenzug muss es innerhalb der Familie auch neue Rechte erhalten.

Familiengrenzen werden durch einen Schulanfänger möglicherweise durchlässiger, da es zusätzlich zu den Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten nun auch noch mindestens eine/n Lehrer/in und einen Direktor/in gibt, der/die etwas „mitzureden“ hat.

Kinder identifizieren sich mehr und mehr mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Durch das Bemühen, Vater oder Mutter ähnlich zu sein, übernimmt das Kind Normen, Werte und Standards der Eltern und trägt so maßgeblich zur Ausbildung und Entwicklung seines Gewissens bei, auf das es am Abschluss der Sechsjahreskrise zurückgreifen kann.

Jüngeren Geschwistern gegenüber benimmt sich der Schulanfänger oft gönnerhaft bis ungeduldig und kann recht unausstehlich sein. Dieses Verhalten ist daraus zu verstehen, dass das Kind in dieser Phase neues Territorium abstecken muss und daher unsicher ist. Älteren Geschwistern gegenüber taucht in dieser Entwicklungsperiode häufig starkes Konkurrenzverhalten auf.

5.5. Soziales Leben der Sechsjährigen:

Das Verhalten des Kindes in der Sechsjahreskrise kann für Erzieher sehr belastend sein. Durch das „Uneins-Sein“ mit sich selbst wirkt es in der Gruppe oft als Störenfried. Dem Wissen um Existenz und Beschaffenheit dieser Krisenzeit kommt daher als entlastende Funktion eine hohe Bedeutung zu.

Eine wesentliche Errungenschaft dieser Zeit ist die Entwicklung des Gewissens. Es versetzt das Kind in die Lage, Regeln einzuhalten, ehrlich zu sein, die Rechte und das Wohlergehen anderer Menschen zu respektieren, moralische Urteile zu fällen.

Die Gesellschaft verlangt nun von dem Kind, dass es in der Lage ist, aus der Familie in die Öffentlichkeit hinauszutreten, Leistungen zu präsentieren, sich kontrollieren zu lassen und Beiträge für die Gesellschaft beizusteuern.

Lehrer haben die Aufgabe, in ihrer Klasse eine Gemeinschaft entstehen zu lassen, in der sich die Kinder wohl fühlen und in der pädagogisch gearbeitet werden kann. Das ist aber in der Schuleingangsphase besonders schwierig, da hier Kinder aufeinander treffen, die häufig noch mitten in der Sechsjahreskrise stecken und ihr inneres Gleichgewicht erst finden müssen. Alle, die dem Kind nahe stehen, benötigen ein hohes Maß an psychischer Kraft um die Umbrüche der Kinder miterleben, mitempfinden und respektieren zu können.

Die Sechsjahreskrise ist ein gemeinsames Abenteuer von Kindern und Erwachsenen. Sie ist für alle Beteiligten eine Anstrengung und Herausforderung, wobei den Erwachsenen die größere Verantwortung zukommt. In der Erinnerung an ihre eigene Fahrt durch die Stromschnellen müssen sie Vertrauen in die Kinder und Ihre Entwicklung haben und bereit stehen, sie bei ihrer „Fahrt“ durch die unruhige Zeit zu begleiten – bereit, sie aufzufangen, wenn die Kinder durch unkoordinierte Bewegungen zu „kippen“ drohen oder „vom Kurs abkommen“.

Den Lehrern kommt die Aufgabe zu, die Kinder zu unterstützen bei ihrer aufregenden, wirbeligen Fahrt, indem sie für das Kind Momente der Stille organisieren und mit ihm erleben. Es gilt, Gelegenheiten zu schaffen, sowohl zeitlich als auch räumlich, um mit allen Sinnen Stille aufnehmen zu können. Stille – zum Innehalten, Ausrasten, Auftanken, Horchen, Nachspüren, Richtung-Spüren, Weg-Finden. Diese Stille strebt nicht irgendeine Leistung an, sondern menschliche Reife, die das Kind in ein neues Verhältnis zu den Dingen und zu sich selbst bringt. Die Kinder können Ängste und Desorientiertheiten abbauen und lernen, sich selbst wieder zu vertrauen und für Mitmenschen und Umwelt sensibilisiert zu werden.

6. Die Stille des Erziehers

Stilleübungen beginnen bei uns Lehrern. Ohne eigene innere Ruhe, Gleichmaß und Nachdenklichkeit werden wir die Kinder auch mit den bestvorbereiteten und variantenreichsten Übungen nicht erreichen. Eine Stille, die uns gelingt, erreicht auch die Kinder.

Wenn wir die eigene und die Stille der Kinder als innere Haltung und nicht als äußere Unterdrückung von Lärm und Geräuschen verstehen und entsprechend handeln, kann daraus die Atmosphäre erwachsen, die Iris Mann beschreibt: "Ich hielt fast jede Stunde, in der die Kinder still auf ihren Plätzen saßen, für gelungen. Aber irgendwie hatte ich immer das Gefühl gehabt, dass ein unsichtbarer Kampf zwischen mir und den Kindern stattfindet, und ich war immer auf dem Sprung, im Notfall schnell zuzuschlagen, damit keine Unruhe in der Klasse entsteht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Stille - ein Grundbedürfnis für Schulanfänger?
Hochschule
Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien / Krems  (Pädagogik/Erziehungswissenschaften)
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
56
Katalognummer
V4711
ISBN (eBook)
9783638128780
ISBN (Buch)
9783638729154
Dateigröße
3332 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Vorschule, Volksschule, Stille, Yoga, Montessori
Arbeit zitieren
Maria Gareiss-Manquet (Autor), 2002, Stille - ein Grundbedürfnis für Schulanfänger?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4711

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