Die transnationale Charity-Elite. Celebrity philanthropists und Philanthrocapitalists als neue politische Akteure und neoliberalistische Agenten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
17 Seiten, Note: 1,0
Petra Berganov (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zum Elitenstatus von Celebrities
1.1. Machtressource „celebrity capital“
1.2. Machtressource „fame“

2. Globale Vernetzung prominenter Wohltätiger
2.1 Celebrity philanthropists und Celebrity diplomats
2.2 Philanthrocapitalists
2.3 Netzwerkstrukturen und Agenda-Setting innerhalb der TCC

3. Wohltätige Celebrities als Agenten des Neoliberalismus

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wohltätige Prominente aus den Bereichen Entertainment und Wirtschaft präsentieren sich in der Öffentlichkeit als authentische Philanthropen, initiieren beispielsweise Wohltätigkeitskampagnen (Bob Geldof mit Live Aid, Bono mit ONE) oder betreiben eigene Stiftungen (Bill und Melinda Gates, Leonardo DiCaprio). Sie bieten für soziale Probleme aber hauptsächlich Lösungen an, die fest in der Denktradition des Neoliberalismus verankert sind: Es ist nicht das Bestreben nach einem transformativen sozialen Wandel auf systemischer Ebene, das diese Form der Wohltätigkeit kennzeichnet, sondern vielmehr ein Aufruf zum Einsatz von Privatkapital, um sozialen und ökologischen Missständen zu begegnen, die ihrerseits maßgeblich durch kapitalistische Wirtschaftsweisen verursacht werden.

Prominente haben im Zuge dieses humanitären Engagements inzwischen einen Einfluss auf globale politische Prozesse gewonnen, der vor 20 Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre: Die klassische Diplomatie war stets durch stark formalisierte Prozesse und Exklusivität gekennzeichnet, in die nur engste Zirkel staatlicher Akteure involviert waren (vgl. Cooper 2007). Heute werden diplomatische Funktionen auch oft von nichtstaatlichen Akteuren wie Angelina Jolie übernommen, die über keinerlei (akademische) Qualifikationen oder Erfahrungen in diesem Bereich verfügen, dafür aber über den medialen Zugang zur Öffentlichkeit und ökonomisches Kapital. Der Erfolg dieser Akteure im politischen Feld ist Andrew Cooper zufolge in der Hybridität ihrer Netzwerke begründet (Cooper 2007: 129).

In den Sozialwissenschaften, speziell in der Elitenforschung, findet dieses Phänomen spätestens seit C. Wright Mills’ eigens den Celebrities gewidmeten Kapitel in „The Power Elite” (1956) viel Beachtung. Ein neuerer Begriff im Feld ist der der Philanthrocapitalists: So werden prominente Unternehmer bezeichnet, die ihr Privatvermögen mit dem Ziel einsetzen, humanitäre Projekte zu fördern und damit soziale oder ökologische Missstände zu beheben, dadurch aber individualistische und einer Logik des Kapitalismus folgende Lösungen anbieten, um Probleme zu adressieren, die systemimmanent sind (vgl. Andersson/Calvano 2015). Die Projekte sind oftmals nicht mit Experten und Betroffenen abgestimmt und greifen zu kurz, um eine echte Verbesserung der Umstände zu erzielen.

Die beiden Gruppen (Celebrity philanthropists und Philanthrocapitalists) sind eng verwandt, da sie auf die gleichen Ressourcen von öffentlicher Reichweite und ökonomischem Kapital zurückgreifen, um die von ihnen identifizierten Missstände anzugehen, wie hier argumentiert wird. Es ist also von großem Interesse für die Elitenforschung, Zusammenhänge zwischen beiden Gruppen zu untersuchen, deren Mitglieder zunehmend in die politische Sphäre eindringen und sich in ein vorhandenes Netzwerk etablierter Eliten integrieren.

Den aktuellen Boom der Wohltätigkeitsbranche nennt Matthew Bishop, der den Begriff Philanthrocapitalism geprägt hat, das erste „wahrhaft goldene Zeitalter“ der Philanthropie (Bishop 2013: 476). Dieser Boom fällt nicht zufällig in die Zeit nach der letzten großen Wirtschaftskrise, die Bishop zufolge nun eine unternehmerische Transformation hin zu nachhaltigerem Wirtschaften nach sich zieht: „Philanthrocapitalism is part of a capitalism that recognizes that it must be socially and environmentally sustainable.” (Bishop 2013: 482).

Im ersten Kapitel soll zunächst geklärt werden, welche Akteure zu den beiden hier betrachteten Gruppen der prominenten Wohltätigen zählen, wie diese definitorisch abzugrenzen sind und wie Mobilität und Transnationalität die innerelitäre Vernetzung bedingen. Im zweiten Kapitel soll dargelegt werden, wie die Netzwerkaktivitäten dieser Gruppen eine Elitenstruktur offenbart, die zwischen kultureller, wirtschaftlicher und politischer Sphäre angesiedelt ist, deren Grenzen von den Akteuren zunehmend häufig überschritten werden. Abschließend folgen, Bishop widersprechend, kritische Überlegungen zum Status der Celebrity philanthropists und Philanthrocapitalists als Teil der transnationalen Kapitalistenklasse und damit Vermittler einer grundsätzlich neoliberalistischen Agenda.1

1. Zum Elitenstatus von Celebrities

C. Wright Mills widmet im Klassiker der Elitenforschung „The Power Elite” ein Kapitel den Celebrities. Der einleitende Satz legt bereits die analytische Grundlage offen, mit der Mills die Gruppe der Celebrities betrachtet: Sie seien eine stark heterogene Gruppe unterschiedlicher Professionen, deren Gemeinsamkeit sich bloß im Erfolg erkennen lasse (Mills 1956: 71). In Mills’ Definition sind Celebrities die Nachfolger der Aristokraten und Erben des Adels, die in Europa in den Jahrhunderten zuvor durch Ansehen (oder zumindest Bekanntheit) aus der Masse hervortraten. „Professional celebrities“ erlangten ihr Ansehen etwa durch das Hervortun in einem bestimmten Feld, in dem sie Talent bewiesen (vgl. Mills 1956: 71f.). Ihr gesellschaftlicher Einfluss ist nicht an institutionelle oder wirtschaftliche Positionen gekoppelt, sondern an ihre schiere Prominenz, also die Existenz im Fokus der medialen Öffentlichkeit, die sie stets zu erhalten suchen (ebd.). Ihr Handeln wird vom öffentlichen Auge mit kontinuierlicher Aufmerksamkeit verfolgt und besprochen (ebd.).

Es ist jedoch ihr Zugang zur politischen Elite, der zunächst kurios erscheint und von besonderem Interesse für die soziologische Forschung ist: „In America, this system is carried to the point where a man who can knock a small white ball into a series of holes in the ground with more efficiency and skill than anyone else thereby gains access to the President of the United States.” (Mills 1956: 74).

Mills nennt diese Gruppe, unter der er Entertainer, Spitzensportler, Künstler u.a. fasst, „professional celebrities”, um sie von anderen Gruppen abzugrenzen, die ebenfalls im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, aber ihren Einfluss auch abseits dieser Öffentlichkeit ausüben können, etwa Politiker oder Firmenchefs (Mills 1956: 76f.). Auch wenn Einzelne aus dieser Gruppe später ein politisches Amt bekleideten (Reagan, Schwarzenegger), ist ihre grundsätzliche Unabhängigkeit von staatlichen oder privaten Institutionen ein weiteres Kriterium, das diese Gruppe auszeichnet (Meyer/Gamson 1995: 184).

1.1. Machtressource „Celebrity capital“

Ein interessanter Ansatz zur Bestimmung der Gruppe der Celebrities ist an die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen gekoppelt, indem er Prominenz („celebrity“) als Kapitalsorte im Bourdieu’schen Sinne definiert: Olivier Driessens argumentiert, dass eine solche Definition notwendig ist, um zu erklären, mit welcher Leichtigkeit Celebrities andere Formen des Kapitals akkumulieren, insbesondere politisches oder ökonomisches Kapital (Driessens 2013: 543).

Während „celebrity capital” häufig im Feld der Kultur- und Unterhaltungsindustrie produziert wird, kann die damit einhergehende Macht in vielen anderen Feldern eingesetzt werden (Driessens 2013: 550). Es könne nicht mit Bourdieus symbolischem Kapital gleichgesetzt werden, so der Autor weiter: Während unter symbolischem Kapital in Bourdieus Theorien die Chancen zur Gewinnung und Erhaltung von sozialem Prestige durch den Einsatz anderer Kapitalsorten verstanden werden, sei „celebrity capital“ eine Form der Wiedererkennbarkeit, die nur durch mediale Präsenz generiert werde und sich leichter in anderen Feldern eintauschen lasse.

Es ist höchst konvertierbar und lässt sich besonders leicht in ökonomisches Kapital (Merchandise) und soziales Kapital (Kontakte und Netzwerkzugang) eintauschen (vgl. Driessens 2013: 553). Diese Definition kann dazu beitragen, die flexible Positionierung von Celebrities in verschiedenen Feldern zu erklären.

1.2. Machtressource „Fame“

In dem Artikel „Powerful Individuals in a Globalized World” stellt Lena Partzsch ein Modell vor, das die nicht-staatlichen Akteure („transformational agents in global governance”), die in die politische Sphäre eindringen, in drei Kategorien eingeteilt sieht: (1) Celebrity, (2) Philanthropist und (3) Social Entrepreneur (Partzsch 2017: 6). Diese Dreiteilung basiert auf den unterschiedlichen Ressourcen, die den Akteuren zur Verfügung stehen, nämlich (1) Fame, (2) Capital und (3) New idea[s] (ebd.).

Die primäre Machtressource von Celebrities sei demnach, allgemein formuliert, ihre Prominenz (vgl. Partzsch 2017: 9). Darunter lassen sich überdurchschnittliche Bekanntheit, Beliebtheit und ein erleichterter Zugang zur Öffentlichkeit bzw. hohe mediale Sichtbarkeit verstehen (ebd.).

Die Besonderheit dieser Machtressource ist, dass die Akteure individuell über sie verfügen und sie potenziell völlig unabhängig von Organisationen oder anderen Interessensgruppen einsetzen können, etwa aus rein persönlicher Motivation heraus (vgl. Partzsch 2017: 9). Sie bedürfen keinerlei Legitimation durch Institutionen, um eigene Anliegen der Öffentlichkeit vortragen und Gehör finden zu können, da sie die jeweiligen Plattformen bereits durch ihre vorangegangene Karriere in der Entertainment-Branche erschlossen haben.

Eine solch scharfe Trennung der Gruppen kann zu einer isolierten Betrachtungsweise führen, die bei der Untersuchung der internen Vernetzung der Akteure und ihren Tätigkeiten im Wohltätigkeitsbereich nicht unbedingt zielführend ist. Bei der Betrachtung von einzelnen Kampagnen zeigt sich nämlich, dass häufig Bündnisse zwischen Prominenten und Geldgebern geschlossen werden oder die Akteure gleich selbst mehrere dieser Rollen einnehmen: Bono etwa ist als Sänger von U2 zum Celebrity geworden und als Gründer von ONE und Product RED zugleich Philanthropist und Social entrepreneur. Ihm steht der Zugang zur Öffentlichkeit als Ressource gleichsam zur Verfügung wie ökonomisches Kapital. Solche Akteure werden im weiteren Verlauf Celebrity philanthropists genannt, in Abgrenzung zu Philanthrocapitalists.

Es lässt sich festhalten, dass Celebrities ihre Machtressourcen im Umfeld der Kulturindustrie erwerben und sie einsetzen können, um etwa erleichterten Zugang zur politischen Sphäre zu erhalten. Diese Annahme geht im weitesten Sinne konform mit Bourdieus Feldtheorie, nach der Akteure die von ihnen erworbenen Kapitalsorten einsetzen können, um sich in verschiedenen Feldern zu positionieren.

2. Globale Vernetzung prominenter Wohltätiger

Berühmtheit ist – wie auch Macht oder Reichtum – nicht im Charakter angelegt, sinniert Mills; um sie zu erreichen und zum Kreis der Eliten aufzuschließen, benötigen Celebrities den kontinuierlichen Zugang zu entscheidenden Institutionen und informellen Netzwerken (Mills 1956: 11f.). An diese grundsätzliche Bestimmung von Celebrities als Elite schließen sich viele Vertreter der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung an, die besonders ihre Netzwerke betrachten.

Zunächst sollen die beiden hier identifizierten Gruppen und ihre Tätigkeiten kurz beschrieben werden, woraus erneut die Bedeutung ihrer Netzwerke hervorgeht. Anschließend werden zwei Modelle zur Betrachtung transnationaler Eliten vorgestellt, da sie eben jene globalen Netzwerke beschreiben, in die zunehmend auch Celebrities durch den Einsatz ihrer Ressourcen eindringen und die sie dazu befähigen, sich in der politischen Sphäre zu bewegen.

2.1 Celebrity philanthropists und Celebrity diplomats

Heute sind die meisten der international bekannten Schauspieler und Musiker, also Celebrities aus dem Umfeld der Kulturindustrie, in Projekte oder Stiftungen involviert, die Wohltätigkeit zum Zweck haben. Durch diesen humanitären Aktivismus dringen Celebrities als neue Gruppe von individuellen Akteuren zunehmend in Bereiche der Politik ein, entweder für einzelne politische Projekte oder auch speziell die internationalen Beziehungen, die bis zum Ende des Kalten Krieges hauptsächlich Diplomaten vorbehalten waren (Cooper 2007: 125).

Zu den heute bekanntesten Celebrities, die Aufgaben von Diplomaten übernehmen, zählen Angelina Jolie, Katy Perry und Emma Watson, die 2014 von der UN offiziell als „Women‘s Goodwill Ambassador“ ernannt wurde und sich seither in dieser Rolle insbesondere gegen Gender-Diskriminierung positioniert hat2.

[...]


1 Der Begriff Celebrities wird hier wegen der Verbreitung in der einschlägigen englischsprachigen Literatur übernommen. Im Deutschen entspricht dieser Bedeutung der Ausdruck “Berühmtheiten”.

2 http://www.unwomen.org/en/partnerships/goodwill-ambassadors/emma-watson

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die transnationale Charity-Elite. Celebrity philanthropists und Philanthrocapitalists als neue politische Akteure und neoliberalistische Agenten
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V471303
ISBN (eBook)
9783668956421
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eliten, Charity, Wohltätigkeit, Kapitalismus, Philanthrocapitalism, Celebrities, Celebrity philanthropists, Neoliberalismus, Charity-Elite, Spenden, Diplomatie, Celebrity capital, Sklair, soziale Verantwortung
Arbeit zitieren
Petra Berganov (Autor), 2017, Die transnationale Charity-Elite. Celebrity philanthropists und Philanthrocapitalists als neue politische Akteure und neoliberalistische Agenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471303

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