Das didaktische Element im Märe. Exemplarisches Erzählen, Bispel und Exemplum


Seminararbeit, 2016

16 Seiten, Note: 2

Lisa Gebauer (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hanns Fischer
2.1 Das Märe
2.2 Didaktische Funktion

3. Arten der Didaktik
3.1 Bispel
3.2 Exemplarisches Erzählen oder Exemplum

4. Untersuchung der Mären
4.1 Der Kluge Knecht (Stricker)
4.2 Das Schneekind
4.3 Das Nonnentunier

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Einen großen Teil der literarischen Werke des Mittelalters bildet die Märendichtung. Zurückgehend auf Stricker, einer der großen mittelhochdeutschen Dichter des 13. Jahrhunderts, wird das Märe als eine eigene Gattung begründet. Viele weitere Autoren folgen nach: Hans Rosenplüt, Heinrich Kaufringer oder Hans Folz. Der Mediävist Hanns Fischer fasste über 200 dieser Mären in seinem Werk „Studien der deutschen Märendichtung“ in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts zusammen und startete den Versuch, diese nach bestimmten Aspekten in ein System einzuordnen. Drei Haupttypen für Mären werden definiert, eine davon die „didaktisch-exemplarische Märe“. Diese, immer noch grundlegende, Studie beinhaltet zu dem eine weitere Unterteilung der didaktisch-exemplarischen Märe. In Hinblick auf die Zuordnung ergibt sich jedoch ein Abgrenzungsproblem, da die Gattung bzw. die Funktion des Bispel und des Exemplarischen Erzählens oder Exemplum mit der Typisierung von Fischer verschwimmen. Somit nehmen didaktische Elemente bei den Mären eine besondere Stellung ein, die eine unterschiedliche Zuordnung erlauben. Anzumerken ist in dieser Diskussion der Begriffe, dass die Bezeichnungen Bispel, exemplarisches Erzählen und Exemplum sehr unscharf verwendet werden und die Literaturtheoretiker diese Begriffe meist sogar identisch gebrauchen, bei genauerer Betrachtung lassen sich aber dennoch leichte Unterschiede erkennen.

Dass eine von Fischer in den Typus der „schwankhaften Märe“ oder der „höfisch-galanten Märe“ eingeordnete Erzählung sehr wohl auch exemplarische oder didaktische Elemente aufweisen kann, lässt erahnen, dass jede Märe einen exemplarisch-didaktischen Hintergrund hat. Dass diese oft mit einem Bispel, einem Exemplum oder dem Exemplarischen Erzählen verschwimmen, kann durch Analysen von ausgewählten Mären der oben genannten mittelhochdeutschen Dichter aufgezeigt werden. Um nicht nur einen Blickwinkel, den von Fischer, einzunehmen, sollen seine Definitionen und Ausführungen mit jenen von anderen Literaturtheoretikern abgeglichen werden. Da diese nicht immer einer Meinung sind, wird es schwieriger die ausgewählten Mären genau zu untersuchen, da man sich an die verschiedensten Thesen halten kann. Da Fischers Einteilung der Mären jedoch sehr weit gefasst werden kann, er selbst spricht sogar von einer „Übersystematisierung“1, liegt es auf der Hand, dass jede Märe eine didaktische oder exemplarische Funktion aufweisen kann. Dies soll die folgende Arbeit mit Hilfe einer Analyse von ausgewählten Mären aufzeigen.

2. Hanns Fischer

2.1 Das Märe

Die mittelhochdeutsche Novellistik, welche man in der Forschung auch oft mit dem Terminus „Märendichtung“ bezeichnet, wurde in den vergangenen Jahrzehnten schon von den verschiedensten Literaturwissenschaftlern analysiert und theoretisch beschrieben. In diesem Zusammenhang findet man die Aufschlüsselungen von Hanns Fischer, welcher im Jahr 1968 das Werk „Studien zur Deutschen Märendichtung“ publizierte. Die Bedeutung dieses Werkes spiegelt sich in den aktuellen Aufsätzen zur mittelhochdeutschen Novellistik wieder, denn auch heute stützt man sich noch auf seine Studien und Theorien. Fischer diskutiert frühere Aufzeichnungen zu dieser Thematik, erläutert aber auch eine eigene Gattungsdefinition, wobei er dem Märe Grundtypen und Themenkreise zuschreibt. Dies ist der Grund dafür, warum seine Ausführungen in dieser Arbeit angeführt werden müssen, da sich die Diskussion der didaktischen Elemente der Mären auf seine Erläuterungen stützen.

Hanns Fischer definiert die Gattung „Märe“ folgendermaßen:

„Nach unseren Beobachtungen und Überlegungen ist das Märe eine in paarweise gereimten Viertaktern versifizierte, selbstständige und eigenzweckliche Erzählung mittleren (d.h. durch die Verszahlen 150 bis 2000 ungefähr umgrenzten) Umfangs, deren Gegenstand fiktive, diesseitig-profane und unter weltlichen Aspekten betrachtete, mit ausschließlich (oder vorwiegend) menschlichem Personal vorgestellte Vorgänge sind.“2

Die Einordnung der Märe als eine „eigenzweckliche Erzählung“ wird in der Forschung als Hinweis dafür aufgefasst, dass das Märe nicht primär eine didaktische Funktion aufweist, und somit nicht in erster Linie als Exempel eingesetzt wurde.

Da diese Definition von Fischer im Nachhinein heftige Diskussionen auslöste, scheint die Definition eher auf die Novellen von Boccacio zutreffend zu sein, so bewertet es zumindest Joachim Heinzle.3 Joachim Ziegler hingegen kritisiert die vernachlässigten erzähltheoretischen Zugänge von Fischer, da dieser nur auf das Gattungsspezifische der Märe eingehe.4

Da sich die vorliegende Arbeit aber ohnehin nicht mit der Definition der Märe beschäftigt, sondern die didaktischen Elemente im Märe untersuchen möchte, sollen die Diskussionen rund um die „korrekte Definition“ nun nicht näher erläutert werden. Das Augenmerk soll auf den von Fischer weiter angeführten Teil seiner „Märendiskussion“ gelegt werden.

2.2 Didaktische Funktion

Wie bereits erwähnt unterscheidet Fischer hinsichtlich dem Märe drei Gattungen, diese werden nach dem Inhalt eingeteilt. Er formuliert die Grundtypen „moralisch-didaktische Märe“, „schwankhafte Märe“ und „höfisch-galante Märe“ aus. Wesentlich erscheint im Zusammenhang mit dem behandelten Thema die moralisch-didaktische Gruppe, wobei der Inhalt folgende Komponenten aufweisen soll: allgemein menschliche Laster beschrieben werden, die Entlarvung von Betrügern stattfindet, Undankbarkeit und Eigennutz bestraft werden, sowie Liebe und Treue belohnt werden;5

Fischer führt aus, dass der Typ der „moralisch-didaktischen Märe“ wiederum in verschiedenen Arten auftreten kann. Diese Mären weisen somit entweder einen schwankhaften, einen höfischen oder einen schwankhaften und höfischen Einschlag auf.6 Aber auch die Grundtypen von „schwankhafter Märe“ und „höfisch-galanter Märe“ können in einer Variante von moralisch-exemplarischen Auftreten.

Im Anhang beschreibt Fischer noch zwölf Themenkreise der Mären, wobei nur ein Themenkreis wesentlich für die Zuordnung der didaktischen Elemente des Märe ausschlaggebend ist. Dieser steht, in unterschied zu den anderen elf Themenkreisen, in keinem Zusammenhang mit einem anderem Themenkreis, er bildet also einen eigenen Komplex.7 Der 12. Themenkreis („Demonstration allgemein-menschlicher Laster“) behandelt Themen von einem moralisch-verwerflichen Weltverhandeln. Es werden dabei beispielsweise Komponenten wie Geiz, Verschwendungssucht, Undankbarkeit, Auflehnung gegen die von Gott gesetzte Ordnung angeführt. Mären wie „Edelmann und Pferdehändler“, „Sohn des Bürgers“, „Der dankbare Lindwurm“ oder „Helmbrecht“ werden als Beispiele für diesen Themenkreis genannt, wobei „Der Schlegel“ und „Die halbe Decke“ den Themenkreis ideal beschreiben.8 Tatsächlich lassen sich Beispiele für ein falsches Verhalten in all jenen Mären finden, welche somit ein didaktisches Element aufweisen.

Nun muss man sich vor Augen führen, dass Fischer die „moralisch-didaktische“ Märe in verschiedene Arten unterteilt. In „moralisch-exemplarische Märe mit einem schwankhaften Einschlag“, „moralisch-exemplarische Märe mit einem höfischem Einschlag“ und „moralisch-exemplarische Märe mit einem schwankhaften und höfischen Einschlag“. Aber auch die zwei anderen Grundtypen der „schwankhaften Märe“ und der „höfisch-galanten Märe“ können in einer moralisch-exemplarischen Form auftreten.9 Somit zieht sich der Typus des moralisch-didaktischen eigentlich durch alle 12 Themenkreise. Demnach kann also jede Märe ein Exemplum sein bzw. enthalten. Dies stellt auch Fischer in seinem Überblickswerk fest, und hält fest, dass die Märe im allgemeinen Sinn in der Tradition des exemplarischen Erzählens steht.10

Auf Grund dieser Vermischung, so Fischer, tritt die moralisch-didaktische Märe in Verbindung mit dem Bispel.11 Auf Grund der Anführung von Hanns Fischer, soll im nächsten Schritt die Definition des Bispel angeführt werden, um dann einschätzen zu können, ob hier tatsächlich eine Annäherung zum moralisch-exemplarischen Märe auftritt.

3. Arten der Didaktik

3.1 Bispel

In der Literatur sind verschiedenste Ausführungen zum Begriff „Bispel“ zu finden, trotz den immer noch andauernden Diskussionen rund um den Begriff, ist sich die Forschung nicht einig über die genaue Abgrenzung zu anderen Kleingattungen. Verschiedene Forscher beschreiben den Begriff mit unterschiedlichen Definitionen, was vielleicht auch damit zusammenhängen mag, dass es für das Bispel keine Studie wie die von Fischer gibt.

Wenn man sich aber die Wortherkunft genauer ansieht, bedeutet „spel“: eine Erzählung, ein Bericht, eine dichterisch geformte Erzählung, die für etwas andere – dem „Eigentlichen“ steht; Im literarischen Bereich meint das eine Erzählung, deren Sinn nicht in dem Erzählten steht, sondern in dem, was sich dahinter verbirgt.12

Fischer sieht im Bispel nicht primär eine Gattung, sondern eher als etwas poetisches, das man in verschiedenen Gattungen anwenden kann. Somit dient das Bispel einem Illustrationsmaterial für eine episch-didaktische Darbietung.13 Außerdem führt Fischer als Abgrenzungskriterium zum Märe die Länge des Erzähltextes an. Somit sei ein Bispel ein episch-didaktischer Text, wobei die Erzählung gerüsthaft knapp bleibe. Er meint dabei einen Umfang der weniger als 90-100 Erzählverse umfasst.14

Wie man erkennen kann, ist es schwierig, hier eine genaue Bezeichnung oder Einordnung für das Bispel zu erfassen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass man sich in aktuelleren Forschungen eher den Begriff des „exemplarischen Erzählens“ oder „Exemplum“ verwendet.

3.2 Exemplarisches Erzählen oder Exemplum

Hanns Fischer erkannte, dass die mittelhochdeutsche Kleinepik ganz in der Tradition von einem exemplarischen Erzählen steht. Er begründet es mit der These, dass ca. zwei Drittel von den untersuchten Mären ein Epimythion aufweisen.15 Ein Epimythion, welches sich am Ende einer Erzählung befindet, ist ein Lehrsatz, welcher sich auf eine bestimmte Anwendungssituation bezieht. Dieser Lehrsatz betrifft die meisten Menschen, nicht etwa nur einen bestimmten.16 Da jedoch eine Märe den didaktischen Kern direkt mitteilt, und deshalb keine Nutzanwendung am Schluss der Erzählung benötigt, seien diese zwei Drittel von den anderen abzugrenzen.17

Peter von Moos, ein mittellateinischer Philologe, sieht im exemplarischen Erzählen keine Gattung, wie er es etwa beim Bispel sieht. Es handle sich eher um eine didaktische Funktion, die dort verwendet wird, wo eine Anspielung auf das gemeinte didaktische Element nicht ausreicht. Somit sei ein Exemplum als ein „lehrreiches Geschehnis“ anzusehen.18 Diese lehrreichen Geschehnis hingehen lassen sich in vielen verschiedenen Mären finden, und sind wohl auch immer von der Situation des Rezipienten abhängig. Wo ein Leser nur eine erheiternde Geschichte sehen kann, kann ein anderer Leser eine didaktische Lehre als Funktion erkennen. Die Frage bleibt dabei, inwieweit sich die Autoren dieser Mären dieser uneinheitlichen Rezeption bewusst waren.

Interessant ist es nun noch einen Blick auf die Meinung von Joachim Heinzle zu werfen, da er die Bispel als „alle exemplarisch gemeinten Erzählungen“ definierte. Ihm gleich tat es auch Speckenbach.19 Da die mittelalterliche Tradition sich gerne dem exemplarischem Erzählen annahm, hat jede Märe etwas Unterhaltendes und etwas Lehrendes aufzuweisen.20 Auch dies ist wohl wieder vom Rezipienten abhängig. Heinzle erläutert auch, in welcher Weise die Leser auf ein Exemplum reagieren. Je ausführlicher und detailreicher die Pointe erzählt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser die Lehre ignoriert.21

Wie man erkennen kann, sind sich die Theorien um das exemplarische Erzählen sehr ähnlich. Die Funktion der Erzählung ist entscheidend, ob eine Märe als ein „didaktisches Erzählen“ bezeichnet werden kann. Das Reallexikon der Deutschen Literaturgeschichte bietet einen Überblick über die Typen von Exempla und die Erklärung, dass ein Exemplum in allen Formen auftreten kann. Erzählung, Beschreibung, Lehre, Nutzanwendung eingeordnet in zehn verschiedene Arten von Exempla.22 Das lässt die Annahme aufkommen, dass wohl jede Erzählung in einer dieser, eher breit gefächerten, Kategorien ihren Platz finden würde.

3.3 Predigtmärlein und Predigtexempel

Abschließend muss im Zusammenhang mit dem Exemplum noch auf die Begriffe des „Predigtmärlein“ und des „Predigtexempel“ eingegangen werden, da diese drei in enger Beziehung zueinander stehen. Beide sind verschiedene Arten um Glaubensinhalte zu vermitteln. Das Predigtexempel soll etwas sichtbar machen, etwas belegen oder überzeugen. Das Predigtmärlein hingegen soll verbildlichen, veranschaulichen, und vor allem zum Nachdenken über den Inhalt anreden. Ziel und Funktion bleiben bei beiden jedoch gleich.23 Im Grunde kann das Predigtmärlein als ein Synonym zum Exemplum verwendet werden. Es bezieht sich jedoch auf die Kanzlerreden des Mittelalters, wobei Predigtbücher verwendet wurden, die Exempla aller Art beinhalteten. Diese wurden zur besseren Veranschaulichung einer Predigt herangezogen.24

4. Untersuchung der Mären

Bei der Nachfolgenden Untersuchung der Mären, wurde bewusst zu Mären gegriffen, die Fischer nicht in den 12. Themenkreis einordnet, und somit, laut ihm, kein Beispiel für ein „Falsches Verhalten“ thematisieren. Es sollen demnach jene Mären, welche in erster Linie keinen didaktisch oder exemplarischen Zweck erfüllen, untersucht werden.

4.1 Der Kluge Knecht (Stricker)

Die Erzählung vom ersten, namentlich bekannten Märendichter handelt von einem Bauersfrau, die ein sexuelles Verhältnis mit einem Pfaffen pflegt. Immer dann, wenn der Bauer mit seinem Knecht den Hof verlässt um zu arbeiten, kommt der Pfarrer (genannt Pfaffe) zur Bauernfrau nach Hause. Eines Tages beschließt jedoch der Knecht, dem Treiben ein Ende zu setzten. Der Knecht und der Bauer verlassen, wie immer, den morgens den Hof. Unter dem Vorwand, er habe Handschuhe und Hut auf dem Hof vergessen, kehrte der Knecht zurück an den Hof, und beobachtet heimlich die Hausherrin und den Geistlichen. Diese sitzen am Tisch und wollen gerade das gute Essen verspeisen, als plötzlich der Bauer sehr aufgebracht an der Türe klopft. Die Frau des Bauern und der Geistliche glauben natürlich, dass dieser nun das heimliche Treffen bemerken wird und erschrecken sich. Die Bäuerin versteckt somit den Pfaffen unter einer Bank und sie räumt schnell den Tisch ab. Die Frau und der Bauern führen eine kurze Diskussion, und der Knecht nutzt in die Zeit, um ums Haus herum zu kommen. Als ihn der Bauer sieht, beschimpft dieser den Knecht, weil er am Morgen nicht mehr zu ihm zurück kam. Der Knecht erzählte eine Geschichte und sagte, er sei sehr beschäftigt gewesen. Die Frau will die beiden so schnell wie möglich los werden, doch der Knecht schlägt dem Bauer nun vor, noch eine Kleinigkeit zu essen. Widerwillig richtet die Bäurin das Essen her. Nun erzählt der Knecht die Geschichte vom Wolf und dem Schweinchen. Die Figur des Wolfes wird so in die Geschichte verpackt, dass der Bauer schließlich den Pfaffen unter der Bank sieht. Er zieht den Pfarrer an den Haaren heraus und beschimpft ihn. Auch die Frau liebt er nun nicht mehr so, wie er es davor getan hatte. Nur den Knecht ehrte er nun, weil der ihn auf seinen Nebenbuhler hingewiesen hatte.

In der Literatur eingeordnet als „schwankhafte Märe“25 sind hier aber sehr wohl auch didaktische oder exemplarische Elemente zu finden: Zum einen die Tatsache, dass ein Seitensprung Konsequenzen für den Nebenbuhler als auch für den betroffenen Ehegatten oder Ehegattin nach sich zieht. Außerdem wird, vor allem auch im Epimythion, darauf hingewiesen, dass man solch eine Entdeckung mit Klugheit preisgeben muss.

Da sich die Forschung auch oft mit der Entstehungsgeschichte einer Erzählung auseinandersetzt, ist es hier sehr interessant, auf die Entstehung vom „klugen Knecht“ einzugehen. Es ist anzunehmen, dass der Handlungskern der Geschichte zurückgeht auf ein nicht erhaltenes lateinisches Exempel.26 Wenn man nun begründet möchte, dass es sich bei der Geschichte „Der Kluge Knecht“ um ein Exempel handelt, muss man beispielsweise auf das Ende der Geschichte achten. Dies schließt mit einem Epimythion ab und ist somit ein klassisches Ende einer exemplarischen Erzählung. Es zieht sich über 35 Verse und endet mit den Sätzen:

„Das war alles vermieden durch diese schickliche Klugheit. Deswegen tadle ich Klugheit nicht, wenn sie mit Anstand geübt wird.“27

Auf Grund der Länge der Erzählung kann die Geschichte vom Wolf und dem Schweinchen als Bispel bezeichnet werden. Außerdem kann man ein Problem erkennen, welches vor allem für die Zeit, in welcher die Erzählung spielt, thematisiert wird: Die Zerstörung der Ordo und die Wiederherstellung. Mit anderen Worten: ein Aktions-Reaktions-Schema.28 Auf die Zerstörung der Ordnung weist Stricker gleich im dritten Vers hin:

„ Hört, was einem Manne passierte, dem seine Frau die Treue brach (so zerstörte sie die Ordnung).“ Folgende „Lehren“ lassen sich für diese Geschichte formulieren:

1. Wenn man mit Klugheit und Schlauheit ein Problem behandelt, wird dies in der Kommunikation zu einem anderen, positiveren Auffassen beim Hörer führen.
2. Ein Betrug wird beim Aufkommen der Wahrheit bestraft.

Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass „Der Kluge Knecht“ eine von vielen Ehebruchschwänken von Stricker ist, wobei immer das gleiche Prinzip verfolgt wird: Die Bäurin trifft sich heimlich mit einem Pfarrer, ein Dritter weist den Bauer darauf hin, bzw. gibt ihm einen Hinweis.29 Auch die Geschichte „Der Fahrende Schüler“ gehört zu dieser Gruppe und enthält ähnliche didaktische Elemente.

4.2 Das Schneekind

Anschließend soll eine Märe untersucht werden, welche auf den ersten Blick kein didaktisches Element aufweist. Es handelt sich hierbei um eine viel diskutierte Märe von einem unbekannten Autor. Die Geschichte ist in zwei Fassungen enthalten, hier wird nur die Fassung B berücksichtigt.

Die Geschichte handelt von einem Kaufmann, welcher vier Jahre lang seine Frau verlässt um gute Geschäfte zu machen. Als er nach Hause kommt, hat die Frau ein kleines Kind an der Hand und erzählt ihrem Mann, wie sie schwanger wurde. Sie war in den Garten gegangen um nach ihrem Mann ausschau zu halten, habe große Sehnsucht verspürt und dann den Schnee im Garten gegessen. Dadurch sei sie sofort schwanger gewesen. Der Mann erkannte im Stillen den Betrug, zog das Kind aber trotzdem groß. Eines Tages nimmt er es mit auf seine Reise und kommt ohne dem Kind wieder zurück. Auf die Frage der Frau, wo das Kind sei, antwortete er nur, dass es im Sand zerflossen sei, wegen der Hitze in Ägypten. Da es aus Schnee entstanden sei, würde es auch wie Schnee schmelzen.

[...]


1 Fischer, Hanns, Studien zur deutschen Märendichtung, Tübingen, Max Niemeyer, 1968, S. 113.

2 A.a.O.: S. 62f.

3 Heinzle, Joachim, Märenbegriff und Novellentheorie. Überlegungen zur Gattungsbestimmung der mittelhochdeutschen Kleinepik, in: Schirmer, Karl-Hein (Hrsg.), Das Märe, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1983, S. 91-110, hier: S. 100.

4 Ziegler, Joachim, Erzählen im Spätmittelalter, München/Zürich, Artemis Verlag, 1985, S. 98.

5 Fischer (1983: 110)

6 A.a.O.: S. 113.

7 A.a.O.: S. 101.

8 A.a.O.: S. 99f.

9 A.a.O.: S. 110ff.

10 Schirmer, Karl-Heinz, Das Märe. Die Mittelhochdeutsche Versnovelle des Späteren Mittelalters, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft,1983, S. 102.

11 Fischer (1983: 61)

12 de Boor, Helmut, Über Fabel und Bispel, München, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1966, S. 8.

13 Fischer (1983: 59)

14 Schirmer (1983: 99)

15 Frey, Winfried / Raitz, Walter / Seitz, Dieter, Einführung in die deutsche Literatur des 12. bis 16. Jahrhunderts. Patriziat und Landesherrschaft, Opladen, Westdeutscher Verlag, 1982, S. 157

16 Spinner, Kaspar H, Äsop Fabeln, in: Günter Butzer und Hubert Zapf (Hrsg.), Große Werke der Literatur, Band XIII, Tübingen, Narr Francke Attempto Verlag, 2015, S. 13

17 Fischer (1983: 157)

18 von Moos, Peter, Geschichte als Topik. Das rhetorische Exemplum von der Antike zur Neuzeit und die historiae im „Policraticus“ Johannes von Salisbury, Hildesheim, Olms Verlag, 1988, S. 332.

19 Ehrismann, Otfrid, Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden im Mittelalter, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011, S. 16.

20 Heinzle (1983: 103)

21 A.a.O.: S. 104

22 Neumann, Eduard, „Exempel“, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 1, Berlin-New York, De Gruyter, 2001, S. 414.

23 Derron, Marianne, Kultur, Wissenschaft, Literatur. Des Strickers ernsthafter König. Ein poetischer Lachtraktat des Mittelalters. Eine motivgeschichtliche Studie zur ersten Barlaam-Parabel, Frankfurt am Main, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2008, S. 165.

24 Ebd.

25 Grubmüller, Klaus, Novellistik des Mittelalters, Frankfurt am Main, DKV, 1996, S. 1021.

26 Achnitz, Wolfgang, Eine maere als Bispel. Strickers Verserzählung Der Kluge Knecht, in: Volker Honemann, Tomas Tomasek (Hrsg.), Germanistische Mediävistik, Lit. Verlag, Münster, 2000, S. 177-205, hier: S. 199.

27 Grubmüller (1996: 29)

28 Achnitz, (2000: 191)

29 Grubmüller (1996: 1024f)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das didaktische Element im Märe. Exemplarisches Erzählen, Bispel und Exemplum
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Germanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V471378
ISBN (eBook)
9783668957961
ISBN (Buch)
9783668957978
Sprache
Deutsch
Schlagworte
element, märe, exemplarisches, erzählen, bispel, exemplum
Arbeit zitieren
Lisa Gebauer (Autor), 2016, Das didaktische Element im Märe. Exemplarisches Erzählen, Bispel und Exemplum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471378

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