Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen als unterstützendes Medium im therapeutischen Prozess


Studienarbeit, 2013
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Bedeutung des Kletterns mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen im therapeutischen Bereich

2. Klettern aus entwicklungspsychologischer Sicht

3. Vergleich verschiedener Kletterarten
3.1. Bouldern
3.2. Hallenklettern

4. Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen im therapeutischen Prozess
4.1. Begründung der Wahl des Mediums „Klettern“
4.2. Zielgruppe des therapeutischen Einsatzes des Kletterns
4.3. Voraussetzungen für eine erfolgreiche Therapie verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher
4.3. Möglicher Ablauf einer klettergestützten Therapie-Einheit
4.4. Chancen der klettergestützten Therapie bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen
4.4.1. Reale Handlungssituation
4.4.2. Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten
4.4.3. Reaktivierung verschiedener Fähigkeiten
4.4.4. Sozialkompetenzen
4.4.5. Ressourcenorientierung
4.4.6. Ganzheitlichkeit
4.4.7. Natürliche Ernsthaftigkeit
4.4.8. Förderung der Aufmerksamkeit und Konzentration
4.4.9. Motivation

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Zur Bedeutung des Kletterns mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen im therapeutischen Bereich

Klettern ist seit langem keine Rand- oder Extremsportart mehr. Vielerorts werden neue Kletterhallen eröffnet und dadurch jedem passionierten Hobby-Kletterer die Möglichkeit geboten, dieser Tätigkeit zu jeder Tages- und Jahreszeit nachzugehen. Aber auch in Kletterwäldern oder am Felsen kann man sich mit der erforderlichen Ausrüstung hoch hinauswagen.

Immer häufiger wird das Klettern jedoch auch im therapeutischen Rahmen eingesetzt, um beispielsweise Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern zu behandeln und ihre Sozialkompetenzen zu fördern.

Mit dieser Arbeit soll untersucht werden, wie das Klettern therapeutische Prozesse unterstützen und somit die Auffälligkeit des Kindes bzw. des Jugendlichen behandelt werden kann. Zunächst wird dafür auf die Grundlagen des Kletterns eingegangen, d.h. unter anderem, warum sich das Klettern aus entwicklungspsychologischer Sicht für den Einsatz in Therapien eignet und welche Kletterarten sinnvoll im therapeutischen Kontext eingesetzt werden können.

Das Hauptaugenmerk der Arbeit liegt danach auf der allgemeinen unterstützenden Wirkung des Kletterns bei Therapien. Hierfür werden verschiedene Voraussetzungen genannt, die für den Einsatz des Kletterns im therapeutischen Bereich geklärt werden müssen. Es folgt ein beispielhafter Ablauf einer klettergestützten Therapie-Einheit und abschließend werden die Chancen des Kletterns vorgestellt. Hierzu zählt neben der realen Handlungssituation und der Reaktivierung verschiedener Fähigkeiten, die Schulung von Sozialkompetenzen auf Basis einer ressourcenorientierten Herangehensweise. Ferner soll mit Hilfe des Kletterns ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden, der mit Hilfe der natürlichen Ernsthaftigkeit, die das Klettern von Natur aus mit sich bringt, u.a. Aufmerksamkeit und Konzentration des Kindes bzw. des Jugendlichen fördern kann. Im Anschluss wird der hohe Aufforderungscharakter, den das Klettern aufweist und somit eine große Bereitschaft dem Klettern gegenüber aufgebracht wird, beleuchtet. Am Ende der vorliegenden Arbeit werden Schlüsse aus den verschiedenen Chancen, die das Klettern im Rahmen einer Therapie verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher ermöglicht, gezogen und weiterführende Handlungsempfehlungen gegeben.

2. Klettern aus entwicklungspsychologischer Sicht

Schon Kleinkinder beginnen damit, Gegenstände zu erklettern. Zunächst werden mit allen Vieren beispielsweise Tische und Bänke, später Klettergerüste auf Spielplätzen erklommen. Somit liegt die Vermutung nahe, dass das Klettern in der Natur des Menschen verankert ist. Tatsächlich spielt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit das Klettern eine grundlegende Rolle, stellt es doch den Übergang vom Affen zum Menschen dar. Klettern zählt dadurch zu den natürlichen Bewegungsformen und motorischen Grundfertigkeiten (Wahl, 2009).

Durch das Klettern lernen Kinder schon früh, ihre Umgebung zu erkunden (Kölsch & Wagner, 1998). Kinder be - greifen durch die Bewegung, u.a. durch das Klettern auf Objekte, ihre Umwelt und erweitern somit ihr Wissen. Klettern zählt somit zu einer grundlegenden Bewegungsform, die nicht erst erlernt werden muss (Lazik, 2008).

Gerade Kindern und Jugendlichen wohnt oftmals ein Drang nach Bewegung inne. Sitzen sie den ganzen Vormittag in der Schule, wollen sie nachmittags ungern die Therapiestunde ebenfalls sitzend verbringen.

Mit dem Klettern können aber andererseits auch Kinder und Jugendliche erreicht werden, die für „Sport“ im allgemeinen Sinne wenig zu begeistern sind. Klettern, das für die meisten Kinder und Jugendliche jedoch eine neue Form des sich Bewegens darstellen dürfte, kann diese Freude an der Bewegung neu entfachen.

Dennoch läuft das Klettern nicht automatisiert ab, denn jede Bewegung muss bewusst kontrolliert werden. Dadurch eignet sich Klettern besonders für den therapeutischen Einsatz, bei dem es auf die bewusste Ausübung einer speziellen Bewegung ankommt. Desweiteren dient das Klettern aus therapeutischer Sicht zur Selbst-, Gruppen- und Naturerfahrung, z.B. kann Klettern die Entfaltung eigener Kräfte ermöglichen, zur Begegnung mit anderen und der Umwelt anregen und das Selbstbewusstsein steigern (Wahl, 2009).

3. Vergleich verschiedener Kletterarten

Im Allgemeinen Sprachgebrauch wird zwischen folgenden Arten des Kletterns unterschieden: dem Bouldern, dem Vorstiegs- und dem Top-Rope-Klettern. Diese Kletterarten können sowohl in einer Kletterhalle als auch im Freien ausgeführt werden.

Unabhängig von Tages- und Jahreszeit kann in Kletterhallen in frei wählbaren Routen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden geklettert werden. Gerade für Anfänger bietet das „Indoor-Klettern“ viele Möglichkeiten des Ausprobierens. Die gleichfarbigen Griffe markieren auf dem ersten Blick die jeweilige Route, deren Schwierigkeit mit Hilfe einer international gültigen Skala (Union Internationale des Associations d’Alpinisme-Skala, UIAA) von 1 (sehr leicht) bis 11 (sehr schwer) angegeben wird. Zudem ist das Gefahrenpotential in einer Halle deutlich geringer als am Fels.

Im Folgenden sollen kurz die für das therapeutische Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen in Frage kommenden Kletterarten vorgestellt werden, nämlich das Bouldern und das Hallenklettern.

3.1. Bouldern

Laut Perschke und Flosdorf (2003) kommt das Bouldern aufgrund der fehlenden Notwendigkeit, sich beispielsweise mit dem Sichern vertraut zu machen, dem Spiel- und Bewegungstrieb von Kindern deutlicher näher als das Klettern mit Seil.

Dadurch ist es besonders für Kinder geeignet, die bspw. die Verantwortung, die der Sichernde beim Seilklettern hat, (noch) nicht tragen können. Im klassischen Sinne ist Bouldern eine Individual- und Wettkampf-Sportart. Im therapeutischen Kontext bei verhaltensauffälligen Kindern eingesetzt, können verschiedene Spiele, die mit Hilfe der Boulderwand in Kleingruppen durchgeführt werden, beispielsweise die Kooperation und gegenseitige Hilfestellung fördern.

Beim Boulderspiel „Der Blinde“ (http://www.alpenverein.it/de/kinder-jugendliche/ jugendf%C3%BChrer/kletterspiele-f%C3%BCr-die-kletterhalle-60_140977.html) muss etwa ein Kind (oder der Therapeut) einem anderen kletternden Kind mit Augenbinde beim Queren der Wand helfen.

Wird innerhalb einer Therapiestunde mit einer Gruppe von Kindern gebouldert, gibt es auch verschiedene Spiele, die die Kooperation der Kinder fördern können. Beim Boulderspiel „Die Kreuzung“ startet je ein Teilnehmer der Kleingruppe links, ein anderer gleichzeitig von rechts. Treffen die beiden etwa in der Mitte der Boulderwand aufeinander, müssen sie sich absprechen, wie sie aneinander vorbei klettern können. Gewinner ist die Gruppe, deren Teilnehmer den Ausgangspunkt der anderen Gruppe zuerst erreicht hat.

Bei diesen Boulderspielen steht zunächst einmal der Spaß im Vordergrund. Spielerisch erlernen die Kinder dabei, sich bspw. auf ihre eigene Kraft zu verlassen, aber auch anderen zu helfen, indem sie sie bspw. stützen oder ihnen Tipps geben, welcher Griff leicht erreicht werden kann. Dies schult nebenbei ihre Kommunikations- und Ausdrucksfähigkeit. Gerade hyperaktiven Kindern wird hier eine Möglichkeit geboten, sich in einem sicheren Rahmen auszutoben, dabei ihre (körperlichen) Grenzen zu erfahren und sich über einen längeren Zeitraum hinweg auf eine Sache zu konzentrieren.

Allerdings wird aufgrund der niedrigeren Kletterwände die Kraft, die zum Durchsteigen der Routen erforderlich ist, mehr in den Vordergrund gestellt als die sonst zum Klettern am Fels benötigte Ausdauer. Ebenso fehlt beim Bouldern die Ernsthaftigkeit, die durch das Sichern des Kletterpartners einhergehen würde. Zuletzt ist das Bouldern weniger erlebnisintensiv als bei länger dauernden Routen.

3.2. Hallenklettern

Das Hallenklettern unterscheidet sich vom Bouldern hauptsächlich darin, dass Kletterer und Sichernder mit einem Seil verbunden sind. Dieses wird in ein Sicherungsgerät eingelegt und fängt im Falle eines Sturzes den Kletterer auf.

Beim Hallenklettern ist die Herausforderung, die sich dem Klienten während dem Klettern stellt, schon bei einfachen Routen sehr groß. Beim Sichern muss der Kletternde dem Sicherungspartner ein gewisses Maß an Vertrauen entgegen bringen. Denn falls der Kletternde stürzt, muss der Sichernde dessen Sturz auffangen indem er das Seil blockiert. Ebenso spielt die Kommunikation beim Klettern eine wichtige Rolle, Missverständnisse können zu Unfällen führen. Daher erfordert das Klettern mit Seil ein hohes Maß an Konzentration und genauen Absprachen. Mit Hilfe des Therapeuten kann das Kind oder der Jugendliche lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Aber auch für den Therapeuten bietet das Hallenklettern verschiedene Vorteile. So kann beispielsweise durch das Medium Klettern ein schneller und unkomplizierter Beziehungsaufbau stattfinden, der die Grundvoraussetzung für die weitere Zusammenarbeit bildet (Lamprecht, 2009).

Zunächst sollte jedoch die Sicherung in den Händen des Therapeuten liegen, jedoch können sowohl Kinder und Jugendliche am Sicherungsprozess beteiligt werden, indem sie bspw. die Hintersicherung übernehmen. Hierbei wird das Bremsseil, das aus dem Sicherungsgerät zum Boden führt, sowohl vom Therapeuten als auch von dem Kind oder Jugendlichen gehalten und beim Durchsteigen der Route des Kletterers aus dem Sicherungsgerät gezogen, sodass das Seil des Kletternden immer gespannt ist..

Das Seilklettern an sich unterliegt keiner Altersbegrenzung, denn schon Kinder können leichte Routen klettern. Somit eignet sich das Klettern an sich sowohl für Kinder als auch für Jugendliche. In den Sicherungsprozess können sie ebenfalls mit eingebunden werden und lernen dabei, Verantwortung zu übernehmen.

4. Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen im therapeutischen Prozess

In diesem Kapitel soll die Eignung sowie die Verwendung des Mediums „Klettern“ im therapeutischen Kontext herausgearbeitet werden. Hierbei wird auf die Vorteile eingegangen, die das Klettern gegenüber traditionellen Therapieformen vorweisen kann und im Anschluss die Zielgruppe, in diesem Fall verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, näher betrachtet und begründet, warum gerade für diese Gruppe das Medium „Klettern“ den Therapieverlauf unterstützend begleiten kann. Im weiteren Verlauf werden verschiedene Voraussetzungen eines erfolgreichen Settings bestimmt, die für das „therapeutische Klettern“ erfüllt sein müssen, wie beispielsweise das Einhalten der Sicherheitsvorkehrungen und die Bereitschaft des Teilnehmers zum Klettern. Nach der Vorstellung zweier beispielhafter Abläufe einer therapeutischen Klettereinheit werden abschließend die verschiedenen Potenziale des Kletterns im therapeutischen Kontext aufgeschlüsselt.

4.1. Begründung der Wahl des Mediums „Klettern“

Therapeuten suchen oftmals nach neuen Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten zu fördern und greifen dadurch im Rahmen von bspw. Gesprächstherapien immer häufiger zu unkonventionellen Methoden, wie beispielsweise dem Klettern.

Neue Methoden sollen verschiedene Anforderungen erfüllen, um wirksam eingesetzt werden zu können (Lazik, 2008). Dazu gehört unter anderen, dass die neue Methode nicht nur den Heilungsprozess unterstützt, sondern auch die Motivation, an der Therapie teilzunehmen, die Leistungsfähigkeit und die Lebensfreude erhöht werden. Das Klettern kann im therapeutischen Kontext diesen Anforderungen gerecht werden und somit die Möglichkeiten und Handlungsspielräume der gängigen Physiotherapie erweitern (Friederich, 2003). Die Stärken des Kletterns liegen im Gegensatz zu anderen Therapieformen in der Prozessorientierung und der bewältigbaren, aber isomorphen Struktur der gestellten Aufgaben in einer fremden, aber anregenden Umgebung (Konrad, 2010).

Das Klettern soll etablierte Therapieformen also keinesfalls ersetzen, sondern diese um eine neue Methode – dem Klettern oder bouldern – erweitern.

4.2. Zielgruppe des therapeutischen Einsatzes des Kletterns

Das Klettern ist besonders für Kinder und Jugendliche mit neurotischen, Belastungs-, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen in Verbindung mit meist niedrigem Selbstwertgefühl geeignet. Diese Kinder und JUgendlichen zeichnen sich ferner dadurch aus, dass sie eher unselbstständig agieren, frühkindliches Verhalten an den Tag legen und erhebliche Entwicklungsrückstände vorweisen, sei es in der Motorik, Gedächtnisleistungen, Wahrnehmung oder der Sprachentwicklung (Hofferer & Royer, 2000).

Das Klettern im Rahmen eines therapeutischen Settings soll Kindern und Jugendlichen eine Umgebung schaffen, der nicht nur eine hohe Erlebnisqualität beinhaltet, sondern auch mit Hilfe von konstanten Bedingungen (z.B. Raum, Zeit, Personen) versucht, die biologische, soziale, psychische, kognitive und affektive Entwicklung des Kindes bzw. des Jugendlichen entsprechend zu fördern.

Weiterhin soll das Selbstwertgefühl und die Selbstständigkeit erhöht werden. Das Klettern ermöglicht hierfür ein ganzheitliches Training der verschiedenen Bereiche, wie bspw. Motorik, Gedächtnis oder Sprachentwicklung, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen können aufgebaut werden, da es sich beim Klettern um eine gemeinsame Tätigkeit des Kindes bzw. des Jugendlichen und dem Therapeuten bzw. der Gruppe handelt. Durch das Klettern kann das Kind oder der Jugendliche lernen, sich und seine Bedürfnisse auszudrücken und mitzuteilen, bspw. wenn Konfliktsituationen auftreten. Mit Hilfe des Therapeuten können diese Probleme gemeinsam bewältigt werden (Hofferer & Royer, 2000).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen als unterstützendes Medium im therapeutischen Prozess
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V471384
ISBN (eBook)
9783668936850
Sprache
Deutsch
Schlagworte
klettern, kindern, jugendlichen, prozess
Arbeit zitieren
Judith Wölfel (Autor), 2013, Klettern mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen als unterstützendes Medium im therapeutischen Prozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471384

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