Das frühkommunale Pisa im ausgehenden 11. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019
20 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die herrschaftliche und territoriale Entwicklung der Mark Tuszien bis zum 12. Jahrhundert

3. Pisas Übergang zur Kommune im ausgehenden 11. Jahrhundert

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In unserem heutigen Verständnis verbinden wir mit dem Begriff „Kommune“ oftmals die Gemeinde – verstehen sie also als eine kleine und meist lokale Verwaltungseinheit, in der administrative und politische Aufgaben geregelt, beschlossen und erfüllt werden. Die Kommune als solches bildet daher oft den Grundstein der öffentlichen Verwaltung in vielen Staaten und Ländern. In Deutschland erfüllt sie Aufgaben, die weder auf Bundes- noch auf Landesebene geregelt werden. Für so manchen Bundesbürger wird die Kommune vielleicht auch mit etwas ganz anderem assoziiert: mit einer „Hippie-WG“ der 60er Jahre. Die in West-Berlin gegründete Kommune I, war eine politisch motivierte Wohngemeinschaft, welche deutschlandweit und international bekannt wurde und durch ihre markanten Protestaktionen und ihren „antibürgerlichen Lifestyle“, der in der späteren Phase vorrangig in ausgiebigen Drogenkonsum und Polygamie mündete, für Schlagzeilen sorgte. Zu ihren prominentesten Mitgliedern zählen Rainer Langhans und Uschi Obermaier. Bezogen auf das Mittelalter lassen sich solche Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht nachweisen und begründen. Es wäre auch fragwürdig etwaige Gegenbehauptungen für diese Epoche auch nur aufzustellen. Nein – eine Verortung zur ersten Assoziation verspricht mehr, denn: Die „Kommune“ des Mittelalters ist ein Organisationsprinzip in der mittelalterlichen Stadt, in der alle Stadtbewohner in einem gemeinwesensorientierten Verband agieren und sich durch eigene Rechts- und Normengrundlagen einigen und arrangieren. Auslöser für solche innerstädtischen Reglements waren vor allem die Autonomiebestrebungen der Stadtbürger gegenüber den bisherigen Stadtherrn, denn nur auf dieser Grundlage – also mit der schrittweisen Übernahme von Herrschaftspositionen in der Stadt – konnte die Kommune gedeihen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Städte zu florieren begannen und durch ihr ökonomisches Wachstum – basierend auf zunehmenden Handel und Gewerbebetrieb – immer selbstbewusster und als geschlossene Einheit auf- und entgegentraten. Erste kommunale Tendenzen lassen sich in Oberitalien ab dem 11. Jahrhunderts bezeugen, während sich in deutschen Städten erst im 13. Jahrhundert konkrete Stadtkommunen entwickelten. Auch wenn sich gewisse Grundzüge beim Übergang der Stadt zur Kommune innerhalb der italienischen und deutschen Städte herausstellen lassen und diese miteinander verglichen werden können, so weist jede Stadt doch ihren eigenen „kommunalen“ Weg auf. In dieser Arbeit soll dieser anhand der Seestadt Pisa erläutert werden.

Welche Ursachen führten zum kommunalen Autonomiebestreben der Pisaner? Welche Personengruppen ebneten den Weg? Welche Konflikte ergaben sich dadurch mit den etablierten Stadtherren und überregionalen Herrschern oder gar innerhalb der Stadt? Begünstigten die politischen Reibereien der Großen – also zwischen den Kaisern und Markgrafen – die Kommunenbildung? All diesen Fragen soll nachgegangen werden.

Besonders die Mediävisten, die sich mit der Stadtentwicklung beschäftigen, haben sich in der Vergangenheit mit dem Komplex der mittelalterlichen Kommunen auseinandergesetzt und diese anhand verschiedener Forschungsperspektiven vielseitig ergründet. Allen voran seien hier die beiden Historiker Gerhard Dilcher und Hagen Keller zu nennen, die in ihren Arbeiten vor allem die Kommunen in Oberitalien untersuchten und teilweise auch mit dem deutschen Raum verglichen.1 Weitere Grundlage für das allgemeine Verständnis der italienischen Kommunen bildeten für diese Arbeit die Beiträge von Alfred Haverkamp und Tilman Struve.2 In Hinblick auf die Stadt Pisa hat das Buch „Pisa: Seemacht und Kulturmetropole“ von Michael Mitterauer und John Morrissey essentielle Entwicklungen zusammengetragen. Ein völlig neues Terrain der Pisa-Forschung hat Marc von der Höh mit seiner 2006 erschienenen Monographie „Erinnerungskultur und frühe Kommune. Formen und Funktionen des Umgangs mit der Vergangenheit im hochmittelalterlichen Pisa (1050-1150)“ betreten und erweiterte auch für diese Arbeit das Verständnis der Stadt Pisa ungemein. An dieser Stelle sei des Weiteren auf die umfangreiche italienische Geschichtsforschung zum Thema „Kommunen in Italien“ verwiesen, die aufgrund der Sprachbarriere leider nicht zu erschließen war.

Zunächst werden im folgenden Kapitel die herrschaftlichen und territorialen Entwicklungen in der Markgrafschaft Tuszien (Toskana) beleuchtet, um die machtpolitische Situation dieser Region zu verdeutlichen. Anschließend richtet sich der Fokus auf die kommunale Entwicklung der Stadt Pisa, indem die einzelnen Etappen, Konfliktfelder, Bevölkerungsgruppen und Persönlichkeiten miteinander in Beziehung gesetzt werden, die den Weg zur autonomen Kommune in Pisa im 11. Jahrhundert ebneten oder erschwerten. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Die herrschaftliche und territoriale Entwicklung der Mark Tuszien bis zum 12. Jahrhundert

Der Einfall der Langobarden in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts in Norditalien markierte zugleich das Ende der großen Völkerwanderung in Europa und den Beginn der langobardischen Reichsgründung auf der Apenninenhalbinsel.3 Das ohnehin schon vom Krieg gegen die Goten zermürbte und von Epidemien und Hungersnöten heimgesuchte Italien wurde von den barbarischen Invasoren aus dem Norden binnen weniger Jahre erobert und konnte sich auch nach mehreren Gegenoffensiven durch die Byzantiner und Franken in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht gänzlich befreien, sodass Italien in den 590er Jahren in den langobardischen Norden und den byzantinischen Süden zerfiel.4 Im Territorium des „regnum Langobardorum“ kam es zu einer gravierenden Umwälzung der bisherigen Besitztümer und zu einer völligen Umgestaltung der Verwaltung. Während bereits in der Eroberungsphase viele Angehörige der Ober- und Mittelschichten sowie des Klerus ermordet, aus den Städten und den ländlichen Gegenden vertrieben oder enteignet wurden und sich somit die bisherigen Besitzverhältnisse neu zusammensetzten, bildeten die Städte nach wie vor wichtige Schnittstellen in der regionalen und überregionalen Herrschaftsausübung der Langobarden.5 Die Stadt Pavia war die Residenzstadt des Königs und gleichzeitig das Zentrum der Verwaltung. Dem König unterstanden die Herzöge (Duces), welche in anderen Städten wichtige Positionen einnahmen und umliegende Güter verwalteten. In Städten ohne Herzogssitz übernahmen königliche Beamte (Gastalden) die Verwaltung des ehemaligen römischen Staats- oder des eingezogenen Großgrundbesitzes.6 Obwohl das Verwaltungs- und Herrschaftsgefüge der Langobarden klar geregelt und durch eine sorgfältige Gesetzgebung ausgebaut worden war, strebten manche Herzöge – vor allem in den südlichen Regionen – ihre Unabhängigkeit an, sodass ihre königsfernen Herzogtümer das Langobardenreich in sich spalteten.7 Wiederkehrende kämpferische Auseinandersetzungen führten nur zu einer unregelmäßigen Stabilität des Königreiches. Erst die ab dem siebten Jahrhundert zunehmende bzw. endgültige Katholisierung der Langobarden durch die Regenten und die weitgehende Integration der romanischen Bevölkerung im Reich ließ das Königtum wieder erstarken und festigen.8 Dennoch konnten die Langobarden den zunehmenden Interventionen von außen nicht standhalten.

Die Eroberung durch Karl den Großen im Jahre 774 beendete die Herrschaft der Langobarden in Italien. Jedoch zerstörten die Franken nicht ihr Reich, sondern führten es unter der Regentschaft von Karl dem Großen, der sich fortan auch als „rex Langobardorum“ betitelte, weiter und glichen das eroberte Territorium am fränkischen Reichskörper an.9 Im Zentrum der politischen Verwaltung standen weiterhin die Städte (civitates). Allerdings war Karl daran bestrebt, die langobardische Führungsschicht durch fränkische Adlige zu ersetzen – d.h. er entmachtete die langobardischen Herzöge, indem er sie direkt absetzte oder nach ihrem Tode durch treue Gefolgsleute auswechselte. Innerhalb weniger Jahrzehnte etablierte er ein System aus königstreuen Grafen. Auch die Gastalden, die oben erwähnten königlichen Beamten, wurden durch Grafen ersetzt oder zu Unterbeamten der Grafen degradiert.10 Obwohl Karl der Große damit die alte Doppelgleisigkeit in der königlichen und herzoglichen Verwaltung der Langobarden aufhob, verweist Gerhard Dilcher darauf, dass eine gewisse Trennung weiterhin bestehen blieb, „indem das Herzogsgut vor allem zur persönlichen Ausstattung des Grafen als Nachfolger des Herzogs verwandt wurde, während das Königsgut in besonderer Weise dem König zugeordnet blieb [...]“.11 Um darüber hinaus seine neuen Territorien in Italien besser verteidigen zu können, richtete Karl zusätzlich Marken ein – wobei er auch hier auf langobardische Vorarbeiten zurückgreifen konnte, da er u. a. in der Toskana bereits befestigte, in ihrer politischen, administrativen und militärischen Struktur verdichtete Räume vorfand, die sich in der Vergangenheit als wehrhafte Puffer ausgezeichnet haben.12

Da die Langobarden die Bistumsstruktur nicht grundsätzlich vernichtet hatten, konnte Karl der Große auf ein lebendiges kirchliches Netzwerk zurückgreifen. Um verlässliche Oberhirten zu gewinnen, besetzte er oberitalienische Bischofsämter vor allem mit fränkischen Vertrauten – besonders in geostrategisch wichtigen Diözesen entlang wichtiger Straßen oder in Grenzregionen.13 Wie schon die fränkischen Bischöfe zuvor, gehörten nun auch die italienischen Bischöfe zur obersten Stufe der Reichshierarchie. Sie nahmen an den großen Reichsversammlungen teil, erhielten wichtige Verwaltungsaufgaben und kontrollierten die örtlichen Gewalten. Weitreichende Privilegien sowie Immunitätsverleihungen für ihre sich stetig vergrößernden Besitzungen verliehen den Bischöfen nahezu ebenbürtige Rechte und Befugnisse, wie den Grafen.14 Neben Militärdiensten und der Pflicht zur Heeresfolge oblag den Bischöfen „ein Großteil der sozialen Fürsorge, die Pflege einer prosperierenden Wirtschaft und die Förderung agrarischer Innovationen; außerdem ruhte die schriftliche Administration auf ihren Schultern.“15 Im Großen und Ganzen wurde diese Verwaltungsstruktur unter den Karolingern, Ottonen und Saliern beibehalten und soll daher in diesem Kapitel nicht mehr vertieft werden.16 Da zudem die gesamtpolitische Situation innerhalb des 9. und 11. Jahrhunderts auf der Apenninenhalbinsel zu komplex ist und nicht im Fokus dieser Arbeit liegt, muss für detaillierte Inhalte auf das Buch von Elke Goez verwiesen werden, welche die politischen Entwicklungen und Gegebenheiten zwischen den Herrschern über Norditalien – bzw. über Reichsitalien – , den Päpsten und den anderen Herrschaftshäusern erläutert. Nun richtet sich der Blick auf innerpolitische Situation in der Mark Tuszien (Toskana).

Als die Franken die Vormachtstellung in Oberitalien einnahmen, fanden sie auch in der Tuscia Langobardorum den bereits erwähnten Verwaltungs- und Herrschaftsapparat der Langobarden vor. Als herrschaftliche Zentren haben sich bis dato vor allem die Städte Lucca, Florenz und Chiusi herausgehoben, deren stadtsässige Herzöge um politischen Einfluss konkurrierten. Gerade die Städte Florenz und Lucca – zunehmend auch Pisa als wichtigste Hafenstadt in der Toskana – sollten, aufgrund ihrer späteren ökonomischen Entwicklung und ihrer Anbindung zur Via Francigena, zum Mittelpunkt der Toskana werden.17 Zunächst blieb aber Lucca das herrschaftliche Zentrum und sollte die Residenzstadt einer mächtigen Dynastie werden, die bis 931 von dort aus regierte und ihr Herrschaftsgebiet in der Folgezeit um zusätzliche Grafschaften erweitern konnte. Begründer dieser Dynastie war der Bayer Bonifatius I., der seit 811 als Graf von Lucca belegt ist. Im Verlauf von drei Generationen, unterstanden seinem Urenkel, Markgraf Adalbert II. (886-915), nahezu alle wichtigen Grafschaften der Mark Tuszien – neben Lucca waren es die Grafschaften Pisa, Pistoia, Florenz, Fiesole, Arezzo und Chiusi.18 Doch warum war die Stadt Lucca das damalige Herrschaftszentrum? Hauptaufgabe der Markgrafen war es, die ital. Küste und die westlich gelegenen Inseln Korsika und Sardinien vor den Überfällen muslimischer Seefahrer zu schützen und den gefahrlosen Verkehr von Handelsschiffen zu gewährleisten. Da Pisa in den meisten Fällen der Ausgangshafen für solche defensiven Flottenmanöver war und zugleich den Hauptknotenpunkt für den Warenverkehr zum Landesinneren entlang des Arnos bildete, hielten die Markgrafen, aufgrund ihrer Nähe zu diesem, einerseits strategisch wichtigen und andererseits bereichernden, Hafen, an Lucca fest. Beide Städte begünstigten sich gegeneinander und förderten damit die von Lucca ausgehende Machtkonzentration in der Mark über Jahrzehnte.19

Im Verlauf des 10. und 11. Jahrhunderts kam es in der Toskana mehrfach zu einer Neuordnung der Herrschaftsräume, die sich auch auf deren Herrschaftszentren auswirkte. König Hugo I. war der erste, der diese Neuordnung vorantrieb. Nachdem er 926 in Pisa gelandet war, dehnte er von dort aus seine Königsmacht aus und übertrug die Mark Tuszien zunächst seinem Bruder und dann seinem Sohn Hubert. Unter diesem und später auch durch dessen Sohn Hugo (Markgraf der Toskana), avancierte Florenz zur führenden Grafschaft und Stadt in der Mark.20 In seiner langen Herrschaftszeit von 969 bis 1001 baute Markgraf Hugo eine mächtige Position auf und knüpfte enge Beziehungen zu den deutschen Königen, den Ottonen. Gerade die Mark Tuszien nahm eine Schlüsselrolle in der Rom-Politik der Ottonen ein, da jene den Weg zur Kaiserkrönung in Rom abgesichert haben wollten. Durch die Verschiebung der Romzüge von den Westalpenpässen hin zum Brenner, verschoben sich korrespondierend dazu auch die Apenninenpässe weiter nach Osten, sodass die nach Florenz führenden Übergänge in den Vordergrund traten und die Stadt auch deshalb an politischer Bedeutung gewann.21 Vor seinem Tod investierte Hugo sein weitreichendes Amtsgut sowie seinen Privatbesitz in überreichem Maße in Klostergründungen, was seine Erben mit Gewalt zurückgewinnen wollten. Der so entstandene Konflikt zwischen beiden Parteien und die fehlende Ordnungsmacht durch die deutschen Kaiser und Könige, welche sich seit Heinrich II. immer weniger in Reichsitalien aufhielten, begünstigten den Aufstieg von Adelsfamilien, die einen nachhaltigen Einfluss auf die Toskana ausübten.22 Neben den Aldobrandeschi im Süden, den Gherardesca, deren Einflussbereich sich um Volterra und Pisa konzentrierte, sei für das 11. und beginnende 12. Jahrhundert vor allem die Dynastie der Grafen von Canossa zu nennen. Ausgehend von den Grafschaften Reggio und Modena, kamen, bis zur Ernennung Graf Bonifaz zum Markgrafen von Tuszien im Jahre 1027, einige weitere nördlich des Apenninenhauptkamms hinzu. Danach konnten die Herren von Canossa ihr Herrschaftsgebiet von der Adria bis zum Tyrrhenischen Meer ausdehnen und kontrollierten somit sämtliche Pass- und Flussübergänge nach Rom.23 „Bonifaz († 1052), dessen Witwe Beatrix († 1076), deren zweiter Mann Gottfried von Lothringen († 1069) sowie Mathilde († 1115), Tochter des Bonifaz und der Beatrix, konnten dieses mächtige Reich in den schwierigen Zeiten des Investiturstreits zusammenhalten.“24 Von festen Herrschaftsresidenzen kann zu dieser Zeit in der Toskana nicht mehr gesprochen werden, da die fürstliche Gewalt nicht mehr ortsgebunden war. Dieser grundlegende Wandel war nicht zuletzt dadurch bestimmt, dass die großen Städte in dieser Region in Abgrenzung gegenüber der Markgrafschaft nach kommunaler Autonomie strebten und somit die Machtverhältnisse änderten.25 Am Beispiel der Stadt Pisa soll dieses kommunale Bestreben nun erläutert werden.

3. Pisas Übergang zur Kommune im ausgehenden 11. Jahrhundert

Bereits vor der Eingliederung ins Reich der Langobarden war Pisa eine bedeutende Hafenstadt und gleichzeitig ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in dieser Region. Im weiteren Verlauf des Frühmittelalters avancierte es zum wichtigsten Hafen der Toskana und verhalf der Region zu wirtschaftlichem Aufschwung. Der sich stetig ausbauende Fernhandel über See und der Binnentransport über den Arno, den Serchio oder über den Landweg förderten den Reichtum der umliegenden Städte, wie Lucca und Florenz. Vor allem aber profitierte Pisa aufgrund seiner geografischen Lage davon und konnte damit eine Schlüssel- bzw. Führungsposition im Handel der Toskana einnehmen und diese im Übergang zum Hochmittelalter ausbauen und weiter festigen.26 Jedoch war der für die wirtschaftliche Expansion Pisas bedingende Seehandel keinesfalls eine leichte Aufgabe für die Stadt und ihre Bewohner. Denn mit der ab dem siebten Jahrhundert einsetzenden Eroberung Nordafrikas und der Iberischen Halbinsel durch die Araber (Sarazenen), kam es durch Piraterie und Überfällen zu massiven Einschnitten im Warenverkehr des gesamten westlichen Mittelmeeres. Erst ab dem 11. Jahrhundert konnte Pisa die Seerouten sichern. Zentral war dabei auch die Kontrolle der Inseln Korsika und Sardinien, an denen viele dieser Routen entlangführten.27 Die glorreichen Siege der Stadt gegen die Sarazenen ließ Pisa im anschließenden 12. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Seemächte des Mittelmeeres werden.28

[...]


1 Dilcher, Gerhard: Die Entstehung der lombardischen Stadtkommune, Aalen 1967; Keller, Hagen: Die Entstehung der italienischen Stadtkommunen als Problem der Sozialgeschichte, in: Drews, Wolfram/Quast, Bruno (Hg.): Frühmittelalterliche Studien, Band 10, Jahrgang 1976, S. 169-211.

2 Haverkamp, Alfred: Die Städte im Herrschafts- und Sozialgefüge Reichsitaliens, in: Vittinghoff, Friedrich (Hg.): Stadt und Herrschaft: Römische Kaiserzeit und Hohes Mittelalter. Historische Zeitschrift, Beiheft 7 (Neue Folge), München 1982, S. 149-245; Struve, Tilman: Heinrich IV. und die fideles cives der städtischen Kommunen Oberitaliens, in: Fried, Johannes/Schieffer, Rudolf (Hg.): Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Jahrgang 53, Heft 2, Köln/Wien 1997, S. 497-553.

3 Goez, Elke: Geschichte Italiens im Mittelalter, Darmstadt 2010, S. 39.

4 Vgl. Jarnut, Jörg: Geschichte der Langobarden, Stuttgart 1982, S. 34 ff. Auch blieb es den Langobarden versäumt die gesamte spätrömische Provinz Tuszien zu unterwerfen. Nur der nördliche Teil der Provinz, die Tuscia Langobardorum bildete die Grundlage der späteren Mark Tuszien bzw. Markgrafschaft Toskana. Siehe dazu: Mitterauer, Michael/Morrissey, John: Pisa. Seemacht und Kulturmetropole, Wien 2011, S. 23.

5 Ebenda, S. 35.

6 Vgl. Goetz, Walter: Die Entstehung der italienischen Kommunen im frühen Mittelalter, München 1944, S. 7.

7 Haverkamp, Reichsitaliens, S. 159.

8 Vgl. Haverkamp, Stadt, S. 160.

9 Vgl. Dilcher, Gerhard: Die Entstehung der lombardischen Stadtkommune, Aalen 1967, S. 39.

10 Vgl. ebenda; Vgl. Goez, Italien, S. 54.

11 Das Königsgut unterstand dem Grafen nicht als Eigen oder Lehen, sondern nur in seiner Eigenschaft als öffentlicher Beamter und blieb damit immer der direkten Gewalt des Königs unterworfen. Dilcher, Entstehung, S. 40.

12 Vgl. Goez, S. 54.

13 Vgl. ebenda S. 54 f.

14 Vgl. Dilcher, Entstehung, S. 41 f. Gerade in Italien, wo sowohl Diözese und Grafschaft als auch Bischofs- und Grafensitz in der civitas zusammenfallen, musste sich das Zusammenwirken beider Parteien tagtäglich bewähren. Es verdeutlicht auch den gleichzeitigen Einfluss beider Obrigkeiten auf die Stadtbewohner. Ein Punkt der noch an späterer Stelle in Bezug auf Pisa vertieft werden soll. Vgl. Dilcher, Gerhard: Bischof und Stadtverfassung in Oberitalien, in: Kaser, M./Kunkel, W. (Hg.): Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanische Abteilung, Band 81, Weimar 1964, S. 231; Dennoch ist es nicht zu einer bischöflichen Immunitätsgerichtsbarkeit gekommen, siehe dazu ausführlich: Keller, Hagen: Der Übergang zur Kommune: Zur Entwicklung der italienischen Stadtverfassung im 11. Jahrhundert, in: Diestelkamp, Bernhard (Hg.): Beiträge zum Hochmittelalterlichen Städtewesen. Städteforschung, Reihe A, Band 11, Köln/Wien 1982, S. 57 ff.

15 Goez, Italien, S. 55.

16 Unterschiedlich war jedoch die jeweilige stadtherrliche Gewichtung der Bischöfe in sowohl regionaler und als zeitlicher Ausrichtung. Zur Zeit der Ottonen, wollen die Herrscher den lokalen, stadtsässigen Adel durch weitreichende Bischofsprivilegien und bischöfliche Besitzerweiterungen von Königsgütern (Ländereien, Mauern, plätze etc.) schwächen, um die Stadtbevölkerung aus dem Sog der adligen Herrschaftsbildung zu ziehen. Zur Zeit der Salier bedeutete eine Privilegierung der Bischöfe stets auch eine Begünstigung des stadtorientierten Adels, da die Bischöfe meistens aus den lokalen Adelsfamilien stammten. Siehe dazu vgl.: Keller, Übergang, S. 57 f.

17 Vgl. Mitterauer, Pisa, S. 22 f.

18 Vgl. ebenda, S. 24 ff.

19 Vgl. Mitterauer, Pisa, S. 25 f.

20 Vgl. ebenda, S. 28.

21 Vgl. ebenda.

22 Vgl. Goez, Italien, S. 115.

23 Vgl. Goez, Italien, S. 115 u. Mitterauer, Pisa, S. 29.

24 Mitterauer, S. 29.

25 Ebenda, S. 30.

26 Vgl. ebenda, S. 19 f.

27 So waren einige Grafen der Dynastie von Bonifatius I. im neunten Jahrhundert auch Schutzherren von Korsika (tutor Corsicae). Vgl. Mitterauer, S. 24.

28 Vgl. Mitterauer, Pisa, S. 21; Im Chronicum Pisarum sind folgende Siege gegen die Sarazenen festgehalten: Sieg über die Sarazenen bei Reggio in Kalabrien (1006 n. Chr.), Vertreibung der Sarazenen von Sardinien unter Mithilfe Genuesen (1016 n. Chr.), Sieg über die nordafrikanische Stadt Bona (1035 n. Chr.), Sieg über die Sarazenen in Palermo (1065 n. Chr.) und Sieg in al-Mahdiiya (1088 n. Chr.). Dennoch erwähnt das Chronicum auch zwei Einfälle der Sarazenen in den Jahren 1005 und 1012 n. Chr. in Pisa, wobei die Stadt beim zweiten Angriff der zerstört wird. Siehe dazu: von der Höh, Marc: Erinnerungskultur und frühe Kommune. Formen und Funktionen des Umgangs mit der Vergangenheit im hochmittelalterlichen Pisa (1050-1150), Berlin 2006, S. 26 u. 71.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das frühkommunale Pisa im ausgehenden 11. Jahrhundert
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,5
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V471394
ISBN (eBook)
9783668936911
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pisa, jahrhundert
Arbeit zitieren
Gino Massaro (Autor), 2019, Das frühkommunale Pisa im ausgehenden 11. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471394

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