Im Folgenden werde ich genauer die Entwicklung des Themenkomplexes ,Abschied‘ im 18. Jahrhundert betrachten; wie diese Abschiedsthematik jeweils poetologisch realisiert wird, soll in den beiden Gedichte ,Abschieds-Aria‘ von Johann Christian Günther und ,Willkommen und Abschied‘ von Johann Wolfgang von Goethe untersucht werden. Daneben werden die Tendenzen der Naturlyrik aufgezeigt, um im Anschluss daran nachvollziehen zu können, wie die Synthese der Abschiedsthematik und der Naturlyrik bei Goethe angestrebt und vollzogen wird. Zunächst soll eine kurze Einführung in die Abschiedsmotivik den hier vornehmlich behandelten Gegenstand ein wenig näher erläutern.
Das 18. Jahrhundert vereint sowohl in literarischer als auch in sozialgeschichtlicher Hinsicht, wohl wie kein anderes Jahrhundert, zahlreiche Strömungen und Tendenzen in seinem Begriff: Zum einen findet sich anfangs des Jahrhunderts noch stark von der Epoche des Barock geprägte Lyrik, am Ende des Jahrhunderts wird die Epoche der Romantik vorbereitet. Neben einem synchronen Blick auf die einzelnen epochalen Strömungen innerhalb des 18. Jahrhunderts, denen sicherlich zu Recht ein enormes Forschungsinteresse zukommt, lohnt auch eine diachrone Betrachtungsweise: Wie haben sich einzelne Gegenstände, Motive bzw. Themenkomplexe, die immer wieder von Dichtern aufgegriffen wurden, im Laufe des 18. Jahrhunderts denn überhaupt in ihrer Darstellung verändert?
Als solch immer wieder aufgegriffene Motivik ist der Abschied zu begreifen: So wären beispielsweise Günther, Klopstock, Goethe und Schiller zu nennen, die dieses Sujet in ihre Lyrik miteinbeziehen. Auch ist die Abschiedsthematik bis heute oft lyrischer Gegenstand, neben der Lyrik vor allem in der Prosa. Zwar ist die Abschiedsthematik nur unzureichend in der Sekundärliteratur erfasst, dennoch lohnt der synchrone Blick, um sie zunächst als eine volkstümliche Motivik aufzugreifen, vor allem aber um sie im historisch-sozialen und dichterspezifischen Kontext eine als verschiedenartig analysierte Motivgestaltung von Dichtern er- und begründen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführendes zur Abschiedsmotivik
3. Johann Christian Günther: ,Abschieds-Aria‘
3.1 Grundlegende Informationen zum Werk
3.2 Inhalt und poetologische Bestandteile
3.3 Elemente des Abschieds
4. Entwicklung der Naturlyrik von Günther bis hin zur Goethezeit
5. Johann Wolfgang von Goethe: ,Willkommen und Abschied‘
5.1 Biographische Einordnung
5.2 Elemente des Abschieds
5.3 Elemente der Naturlyrik
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die lyrische Darstellung der Abschiedsmotivik im 18. Jahrhundert durch einen vergleichenden Blick auf Johann Christian Günthers "Abschieds-Aria" und Johann Wolfgang von Goethes "Willkommen und Abschied", wobei insbesondere das Verhältnis zur Naturlyrik und deren Wandel von der Aufklärung bis zum Sturm und Drang analysiert wird.
- Entwicklung und poetologische Realisierung des Abschiedsmotivs im 18. Jahrhundert.
- Vergleichende Analyse von Günthers "Abschieds-Aria" und Goethes "Willkommen und Abschied".
- Wechselwirkung zwischen Abschiedsthematik und Naturlyrik.
- Einfluss literarischer Strömungen wie Spätbarock, Aufklärung und Sturm und Drang auf die Motivgestaltung.
- Transformation des Naturbegriffs als Spiegel emotionaler Befindlichkeiten.
Auszug aus dem Buch
3.2 Inhalt und poetologische Bestandteile
Nach unmittelbaren Beginn, bei dem der Leser ,in medias res‘ in das Geschehen eingeführt wird, offenbart sich ein lyrisches Ich, welches „an nichts mehr Lust [habe], / Als an der Angst und den getreuen Schmerzen.“ Empfindet der Sprecher wirklich „paradoxe Lust an Angst und Schmerzen“ oder bedeutet die bevorstehende Trennung, die gar erst Ende der zweiten Strophe deutlich wird, eher, dass sich das lyrische Ich lediglich in Besinnung der ,Angst‘ und der ,getreuen Schmerzen‘ sich seiner Empfindungen sicher sein kann? Sicherlich erfährt der Deutungsansatz Stenzels eine gewisse Berechtigung, wie sich nach Meyer-Krentler auch bei Goethe offenbart. Auch schon die ersten beiden Verse entbehren keineswegs mehrere Interpretationsansätze: Laut Stenzel ist der Beginn des Gedichts dem Spätbarock verpflichtet, auch wenn er von einer lediglich barocken Sichtweise Abstand nimmt und diese „in einem gedämpfteren Licht“ sieht, so lässt er doch den Böhlhoff erkannten Anklang an antike Quellen außer Acht. Schon zwischen Horaz und Vergil fällt ähnlich des ersten Verses ein solcher Ausspruch. Eine weitere Verknüpfung zu antiken Mustern stellt laut Regener die Verbindung zu Ovid dar. Daneben wird in der ersten Strophe schon die Position des Gegenübers, das emotional ganz nahe dem lyrischen Ich steht, deutlich. Diese führt bei näherer Betrachtung bereits einen vagen Trennungsgrund an: „Womit der Stern der unsre Liebe trennt“, (GAA, S.379, V.5) der nicht vom lyrischen Ich oder von der Geliebten zu verantworten ist, sondern eher das Schicksal Grund der Trennung sei: „Indem die erste Strophe die emotionalen Gemeinsamkeiten auch in der Leiderfahrung herausstellt, schafft sie die Voraussetzung für einen harmonischen Abschied […].“ Diese Positionierung, dass das Schicksal und nicht der Sprecher verantwortlich für die Trennung sei, wird im Laufe des Gedichtes kritisch hinterfragt werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die literarische und sozialgeschichtliche Komplexität des 18. Jahrhunderts ein und umreißt das Ziel, die Entwicklung des Abschiedsmotivs anhand zweier exemplarischer Gedichte diachron zu betrachten.
2. Einführendes zur Abschiedsmotivik: Dieses Kapitel verortet das Abschiedsthema in der Literaturgeschichte, wobei es als menschlicher Prozess der Entzweiung und Verarbeitung definiert und in den Kontext der Liebeslyrik sowie des barocken Zeitgeistes gestellt wird.
3. Johann Christian Günther: ,Abschieds-Aria‘: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung des Werkes hinsichtlich seiner biographischen Hintergründe, poetologischer Strukturen und der spezifischen Elemente des Abschieds sowie des Zweifels.
4. Entwicklung der Naturlyrik von Günther bis hin zur Goethezeit: Dieser Abschnitt beschreibt den Wandel des Naturbegriffs von der Aufklärung über das Rokoko bis hin zum Sturm und Drang und dessen Auswirkungen auf das dichterische Selbstverständnis.
5. Johann Wolfgang von Goethe: ,Willkommen und Abschied‘: Das Kapitel analysiert Goethes Gedicht als Experiment des literarischen Übergangs, untersucht die Verschränkung von Naturerscheinungen mit der inneren Befindlichkeit und die Bedeutung der Geliebten.
6. Schlussbemerkung: Die Zusammenfassung kontrastiert die beiden behandelten Gedichte und hebt hervor, wie der Abschied bei Günther eine barocke Klage darstellt, während er bei Goethe durch die Überhöhung der Liebe und eine dynamische Naturwahrnehmung überwunden wird.
Schlüsselwörter
Abschiedsmotivik, Johann Christian Günther, Johann Wolfgang von Goethe, Naturlyrik, 18. Jahrhundert, Abschieds-Aria, Willkommen und Abschied, Aufklärung, Sturm und Drang, Liebeslyrik, Trennungsschmerz, Poetologie, Erlebnislyrik, Spätbarock, Empfindsamkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die poetologische Gestaltung des Abschiedsmotivs im 18. Jahrhundert durch einen komparativen Vergleich zwischen zwei bedeutenden Gedichten von Günther und Goethe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Abschiedsdichtung, der Veränderung des Naturverständnisses und der Darstellung von Gefühlen im Übergang vom Barock zur Klassik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifische literarische Realisierung des Abschieds in beiden Werken zu vergleichen und aufzuzeigen, wie die Verbindung von Naturlyrik und Abschiedsthema die emotionale Intensität beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textnahe Interpretation mit geistesgeschichtlichen und gattungsgeschichtlichen Kontexten verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert strukturiert die Entstehung, den Inhalt und die bildliche Metaphorik der beiden ausgewählten Gedichte sowie die Entwicklung der Naturlyrik im 18. Jahrhundert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Abschiedsmotivik, Naturlyrik, Erlebnislyrik, die behandelten Autoren sowie die epochentypischen Strömungen der Zeit.
Wie unterscheidet sich der Abschiedsschmerz bei Günther von dem bei Goethe?
Während Günther den Abschied in barocker Tradition als schmerzliche Entzweiung deutet, gelingt es dem lyrischen Ich bei Goethe, diesen Schmerz durch die Überhöhung der Liebe und das Einbeziehen der Natur als dynamisches Element zu überwinden.
Welche Rolle spielt die Natur in Goethes Gedicht?
Die Natur fungiert bei Goethe nicht bloß als statischer Hintergrund, sondern als ein dämonischer Gegenspieler, der das emotionale Erleben des Sprechers intensiviert und seine innere Wandlung spiegelt.
- Arbeit zitieren
- Jonas Abel (Autor:in), 2013, Lyrische Darstellung der Abschiedsmotivik in Verbindung mit Naturlyrik im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/471400