Mit dem Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft vollziehen sich auch in der Arbeitswelt tief greifende Veränderungen. Die reine Produktionsarbeit verliert an Bedeutung, denn »bearbeitet« werden heute zunehmend Informationen. Im Jahr 1999 lag der Anteil der Beschäftigten, die an ihrem Arbeitsplatz überwiegend mit Informationen umgehen, bei 50% (vgl. Dostal 1999: 25). Verschiedentlich wird von einem vierten Sektor - dem Informationssektor - gesprochen (vgl. ebd.). Durch die weite Verbreitung von Computern und deren Vernetzung kann Arbeit völlig neu organisiert werden. Arbeit wird örtlich und zeitlich flexibel, denn „[d]er kostengünstige Austausch von Informationen auch über größere Entfernungen hinweg ist heute kein großes Problem mehr.“ (Voß 1998: 12). Durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie (IuK-Technologie) lässt sich die Arbeit aus dem betrieblichen Umfeld entkoppeln und es sind völlig neue Formen der Arbeitsorganisation möglich.
Geradezu als Prototyp der sich entwickelnden neuen Arbeitsformen gilt für manche die Telearbeit (vgl. Baukrowitz/Boes/Schwemmle 1999: 137). Telearbeit kann in vielen verschiedenen Formen auftreten, die sich stark voneinander unterscheiden. Eine dieser Formen ist die alternierende Telearbeit, auf die sich die öffentliche Diskussion zum Thema Telearbeit in den letzten Jahren besonders konzentriert hat (vgl. Reichwald et al. 1998: 79). Diese Telearbeitsform wird für zukunftsträchtig gehalten und steht im Zentrum öffentlicher Maßnahmen, die Telearbeit fördern sollen (vgl. Schat 2002: ). Angesichts dessen erscheint es sinnvoll, gerade die Auswirkungen der alternierenden Telearbeit auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten zu analysieren. Sie könnte zukünftig für viele Beschäftigte zu Normalität werden. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet deshalb: Welche Chancen und welche Risiken ergeben sich durch die alternierende Telearbeit für die in dieser Arbeitsform Beschäftigten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff der Telearbeit und die Telearbeitsformen
2.1. Mobile Telearbeit
2.2. Telearbeit in Satelliten- oder Nachbarschaftsbüros
2.3. Teleheimarbeit
2.4. Alternierende Telearbeit
3. Die heutige Verbreitung der Telearbeit in Deutschland
4. Was ist das Neue an alternierender Telearbeit?
5. Chancen und Risiken alternierender Telearbeit
5.1. Die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort
5.2. Vereinbarkeit von Beruf und Familie
5.3. Veränderung der Geschlechterverhältnisse
5.4. Mangelnde Sozialkontakte alternierender Telearbeiter
5.4.1. Mangelnde soziale Kontakte im privaten Umfeld?
5.4.2. Mangelnde soziale Kontakte im beruflichen Umfeld?
5.5. Dequalifizierung
5.6. Mehrarbeit und Selbstausbeutung
5.7. Der Rechtsstatus alternierender Telearbeiter
6. Alternierende Telearbeit und kollektive Interessenvertretung
6.1. Die gewerkschaftliche Sichtweise im Zeitverlauf
6.2. Neue Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität
6.3. Die Regulierung der häuslichen Arbeitszeiten
7. Fazit
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die soziologischen Auswirkungen der alternierenden Telearbeit auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche spezifischen Chancen und Risiken mit dieser neuen Form der Arbeitsorganisation verbunden sind und wie sich die Verschiebung von Präsenzarbeit im Unternehmen hin zur teilweisen Tätigkeit im häuslichen Umfeld auf die betroffenen Arbeitnehmer auswirkt.
- Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort
- Vereinbarkeit von Beruf und Familie
- Veränderung der Geschlechterverhältnisse und Rollenverteilung
- Risiken der Selbstausbeutung und Mehrarbeit
- Einfluss auf soziale Kontakte und Unternehmensanbindung
- Kollektive Interessenvertretung durch Gewerkschaften
Auszug aus dem Buch
5.1. Die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort
Die alternierende Telearbeit integriert die Erwerbsarbeit teilweise in die private Lebenswelt der Beschäftigten und führt damit zwei bisher strikt voneinander getrennte Lebensbereiche zusammen. Die für die Beschäftigten entscheidende Veränderung liegt damit zum Einen in der Flexibilisierung des Arbeitsorts, zum Anderen kommt es zu einer Flexibilisierung der Arbeitszeit. Hiermit ist jedoch nicht die Abweichung von der Normalarbeitszeit durch Schichtdienst oder Wochenendarbeit gemeint. Schon 1999 waren 50% der deutschen Erwerbstätigen nicht mehr ausschließlich in der traditionellen Normalarbeitszeit tätig (vgl. Jäckel/Rövekamp 2001: 112). Die alternierende Telearbeit bietet ein weit größeres Flexibilitätspotential. Sie ermöglicht es theoretisch jedem Beschäftigten, seine Erwerbsarbeitszeiten „an die individuellen und familiären Bedürfnisse anzupassen.“ (ebd.: 117). Dadurch, dass die Beschäftigten ihre Erwerbsarbeit tageweise zu Hause ausführen, werden sie unabhängiger von den Betriebszeiten. Beim Modellprojekt der Hessischen Landesverwaltung gab es beispielsweise „mit hoher Wahrscheinlichkeit im Bereich der 141 Alternierenden keine identischen Formen der Arbeitszeitgestaltung“ (Seger 2005: 242).
Natürlich sind die Telebeschäftigten auch an ihrem häuslichen Arbeitsplatz nicht völlig frei von betrieblichen Vorgaben. So schränken u. a. kollektivrechtliche Regelungen die Flexibilität bei der Arbeitszeit zumindest formal ein, worauf im Abschnitt 6.3 ausführlich eingegangen wird. Auch das anfallende Arbeitsvolumen bzw. der Termindruck schränken die Variabilität in der Arbeitszeitgestaltung ein. Für Vollzeitbeschäftigte ergeben sich deshalb weniger Flexibilitätsspielräume als für Telebeschäftigte, die ihrer Erwerbsarbeit nur in Teilzeit nachgehen (vgl. Jäckel/Rövekamp 2001: 156f.) Trotzdem besitzen viele Telearbeiter große Freiräume in der Einteilung ihrer Arbeitszeit am häuslichen Arbeitsplatz. So weisen 41% der von Jäckel und Rövekamp (2001: 152) Befragten ein eher bzw. vollkommen anderes Arbeitszeitmuster auf als im Betrieb. Ebenso viele Telebeschäftigte können ihren Tagesablauf so organisieren, dass sie vor allem dann arbeiten, wenn sie sich am leistungsfähigsten fühlen (ebd.: 141). Damit entspricht die Arbeitsform der alternierenden Telearbeit dem Wunsch nach individualisierten Arbeitszeiten vieler Beschäftigter. Knapp 89% der Teilnehmer an der Trierer Studie sind mit der Gestaltung ihrer Arbeitszeit sehr bzw. eher zufrieden (vgl. ebd.: 161).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Übergang zur Informationsgesellschaft ein und erläutert die Relevanz der alternierenden Telearbeit für die heutige Arbeitswelt sowie die Forschungsfragen der Untersuchung.
2. Der Begriff der Telearbeit und die Telearbeitsformen: Das Kapitel definiert den Begriff der Telearbeit und grenzt verschiedene Ausprägungen wie mobile Telearbeit, Satellitenbüros und Teleheimarbeit von der alternierenden Telearbeit ab.
3. Die heutige Verbreitung der Telearbeit in Deutschland: Es wird der aktuelle Stand der Telearbeit in Deutschland analysiert und auf die Schwierigkeiten bei der Erfassung valider Daten aufgrund unterschiedlicher Definitionen hingewiesen.
4. Was ist das Neue an alternierender Telearbeit?: Hier wird kritisch untersucht, welche Merkmale die alternierende Telearbeit tatsächlich als neue Form der Arbeitsorganisation definieren und von traditionellen Tätigkeiten abheben.
5. Chancen und Risiken alternierender Telearbeit: Dieses zentrale Kapitel behandelt die Auswirkungen auf Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Geschlechterrollen, soziale Kontakte sowie die Risiken der Dequalifizierung und Selbstausbeutung.
6. Alternierende Telearbeit und kollektive Interessenvertretung: Das Kapitel beleuchtet die historische und aktuelle Haltung von Gewerkschaften zur Telearbeit und diskutiert die Herausforderungen der Regulierung von häuslichen Arbeitszeiten.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Chancen und Risiken sowie einem Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der alternierenden Telearbeit als Normalarbeitsform.
8. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Alternierende Telearbeit, Arbeitsorganisation, Flexibilisierung, Informationsgesellschaft, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Geschlechterrollen, Selbstausbeutung, Arbeitszeitgestaltung, Teleheimarbeit, Gewerkschaften, Flexicurity, soziale Isolation, Arbeitskraftunternehmer, Empirische Studien, Modellversuche.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die soziologischen Auswirkungen der alternierenden Telearbeit auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Fokus stehen die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort, die Auswirkungen auf die Familie, Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, das Risiko der Selbstausbeutung sowie die Rolle der Gewerkschaften bei der Interessenvertretung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, welche spezifischen Chancen und Risiken für Beschäftigte entstehen, wenn Erwerbsarbeit aus dem betrieblichen Kontext in den privaten Bereich verlagert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine systematische Auswertung existierender empirischer Studien und Forschungsprojekte, um die Auswirkungen der Telearbeit auf Basis vorhandener Daten zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Telearbeitsformen, die Analyse der Verbreitung, die Diskussion von Chancen und Risiken (insb. Belastung vs. Flexibilität) sowie das Verhältnis zu kollektiven Interessenvertretungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind alternierende Telearbeit, Flexibilisierung, Vereinbarkeit, Selbstausbeutung, Geschlechterrollen und kollektive Interessenvertretung.
Warum wird die Rolle der Gewerkschaften als so wichtig erachtet?
Gewerkschaften sind entscheidend für den Schutz der Arbeitnehmer vor unbezahlter Mehrarbeit und zur Sicherung sozialer Standards in einer Arbeitsform, die zunehmend durch individuelle Leistungsziele gesteuert wird.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur "Selbstausbeutung"?
Die Gefahr der Selbstausbeutung wird als ein zentrales und schwerwiegendes Risiko identifiziert, da die räumliche Nähe zum Arbeitsplatz und mangelnde Kontrollmechanismen zu unbezahlter Mehrarbeit führen können.
Wie bewertet der Autor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Die Telearbeit wird als wichtige Hilfe für diese Vereinbarkeit bewertet, jedoch betont der Autor, dass dies keine professionelle Kinderbetreuung ersetzen kann und oft zu Doppelbelastungen, insbesondere für Frauen, führt.
- Quote paper
- Sebastian Lepies (Author), 2005, Die Auswirkungen alternierender Telearbeit auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47188