Historische Objektivität und deren Relevanz innerhalb der Geschichtwissenschaft


Zwischenprüfungsarbeit, 2001

25 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Einleitung

Diese Untersuchung hat das Thema „historische Objektivität“ zum Gegenstand. In dem abgesteckten Rahmen soll dargelegt werden, welche Relevanz dieses, wie sich erweisen wird, Problemfeld innerhalb der Geschichtswissenschaft besitzt und welche Ursachen dafür zu analysieren sind. Dabei wird auch zu bestimmen sein, inwieweit dieses Thema allgemeinen wissenschaftstheoretischen Problemcharakter aufweist und die Frage nach der Wissenschaftlichkeit von historischer Forschungsarbeit berührt. Konkret bedeutet dies, eine Möglichkeit der Legitimation von allgemeinen Bezugsrahmen, in welchen geschichtliche Interpretation stattfindet, aufzuzeigen, angewendete Methoden, das heißt empirische Forschung, Quellenauswertung und Konstruktion von Sinn- und Wirkungszusammenhängen innerhalb der Erkenntnisarbeit, mit Geltungsansprüchen zu hinterfragen und allgemeine historische Erkenntniszwecke und Konzeptionen zur Diskussion zu stellen mit dem Ziel, Gültigkeitskriterien herauszuarbeiten. Anhand einer „historischen Objektivität“ soll demnach ein solches Kriterium möglich sein in dem Sinne, (geschichts-)wissenschaftliche Forschungsarbeit reflexiv-theoretisch zu begründen und gleichzeitig wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt zu gewährleisten. Doch wie ist dies zu verstehen? Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Struktur der Probleme, welche diese Gewährleistung notwendig machen, gerichtet und diese hinsichtlich ihrer Adäquatheit sowie ihrer Konsequenzen betrachtet. Am Abschluss soll eine Analyse des herausgearbeiteten Begriffs „historische Objektivität“ stehen, die, im Bewusstsein möglicher Unvollständigkeit und gebotener Kürze, eine Bedeutungsklärung, sowohl hinsichtlich der Geschichtswissenschaft selbst als auch wissenschaftlichen Praxis- und Forschungsalltags unter allgemeinen Gesichtspunkten, versucht.

Das Problemfeld „historische Objektivität“

Wirft man einen Blick auf die Historik als ein etablierter und selbst schon mit geschichtlicher Bedeutung erfüllter Wissenschaftszweig innerhalb deutscher Forschungs- und Universitätslandschaft, so ist sowohl eine ausgeprägte, in vielen einzelnen Bereichen anzutreffende praktische wissenschaftliche Erkenntnisarbeit zu bemerken als auch eine immer wachsende Bedeutung von historischer Interpretation und fachlich-individueller Einschätzung aktueller Problemlagen und allgemeiner Zusammenhänge durch Historiker, bis hin zu medienpolitischen Auftritten eines Herrn Bahring, welcher seine Kompetenz zur Einschätzung durchaus auch in seinem Beruf, des Historikers, begründet sieht und dies in Talkshows zu beweisen meint. Es herrscht also rege Betriebsamkeit in der Geschichtswissenschaft als einer wissenschaftlichen Teildisziplin, wie die Praxis zeigt. So mag es auf den ersten Blick unverständlich sein, ein Problemfeld „historische Objektivität“ zu konturieren und damit Anspruch auf eine Beschreibung der gegenwärtigen Lage dieses Wissenschaftszweiges zu erheben. Um jedoch den Vorwurf einer zu starken „Theoretisierung“ oder „einseitigen Betrachtungsweise“ mit der Begründung einer doch funktionierenden Praxis zu entkräften, sei einerseits auf die Notwendigkeit von theoretischen Legitimationen gerade einer gut etablierten Forschungspraxis und überwissenschaftlicher Bedeutung verwiesen und andererseits durch einen kurzen Befund der Zusammenhänge, welche bedeutend hinsichtlich der Charakterisierung von historischer Objektivität als ein problematisches Thema sind, diese Sichtweise herausgearbeitet und begründet.

In der langen Tradition der Geschichtswissenschaft herrschte über viele Jahre hinweg Konsens über das Selbstverständnis als einer verstehenden Geisteswissenschaft (1). Damit gab es auch keine Unstimmigkeiten bezüglich der zu verwendenden Forschungsmethoden, grundlegender Annahmen und Erkenntniszwecke. Um das Problem der historischen Objektivität in aller Deutlichkeit zu verstehen, muss man die innere Entwicklung der Geschichtswissenschaft berücksichtigen und bemerkt, das nur in Zeiten der fundamentalen Umstrukturierung im Selbstverständnis der Historiker und ihrer Leitlinien praktischer Forschungsarbeit der Gegenstand „historische Objektivität“ ins Zentrum des Interesses rückt. Also immer dann, wenn in der Geschichtswissenschaft Grundlagen und Kriterien der eigenen Auffassung und Bestimmung fragwürdig werden, bspw. in der Auseinandersetzung zwischen den bedeutenden Historikern Ranke und Droysen um das Verhältnis von subjektiven und objektiven Einflüssen in der historischen Interpretation (2)oder in dem Streit über den Historismus zu Beginn unseres Jahrhunderts (Troeltsch, Heuss)(3) steigt das Bedürfnis nach gültigen theoretischen Begründungen und Rechtfertigungen praktizierter Forschung. Damit ist auch die Ebene der Betrachtung von historischer Objektivität im Zusammenhang angedeutet; es handelt sich um eine theoretisch-reflexive Selbstvergewisserung der Wissenschaftlichkeit und der Eigenständigkeit der Geschichtswissenschaften, um einen Versuch der Begründung ihrer Ansprüche und ihrer Fortschrittlichkeit, aber auch um einen Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis innerhalb der historischen Erkenntnisleistungen. An dem Erfolg dieses Rekurses auf die eigenen Grundsätze und Erkenntniszwecke misst sich auch die Bedeutung und die Gültigkeit einer möglichen „historischen Objektivität“.

Die Relevanz dieses bezeichneten Problemfeldes ist also verknüpft mit der Notwendigkeit von theoretischer Rechtfertigung praktischer Forschung und Erkenntnis. Oder, anders formuliert, ohne die Grundlage einer konsistenten und intersubjektiv gültigen theoretischen Basis fällt es schwer, wissenschaftlichen Anspruch und Fortschritt in der Historik wie in den Wissenschaften allgemein zu vertreten. Das heißt, in dem Maße, wie sich das Augenmerk der Historiker als auch philosophischer Grundlagenforschung auf die theoretische ,Basis’ richtet, wird diese selbst zum Gegenstand der Kritik und damit die Notwendigkeit verlässlicher Gültigkeitskriterien, will man den Sinn des eigenen Erkennens und Forschens glaubhaft versichern, offensichtlich. Es hängt also einiges davon ab, ob das Projekt „historische Objektivität“, verstanden als ein möglicher Garant für derartige Selbstrechtfertigungs-Strategien, hinreichend tauglich sich erweist.

Nun mag man einwenden können, das dieses Projekt zwar allgemein für die Geschichtswissenschaft von geschilderter Bedeutung sein kann, aber daraus noch nicht die Aktualität der dargestellten Notwendigkeit oder Untersuchung darüber folgt. Hier ist zu antworten, dass mit der Annahme des Zusammenhanges von sich unter inneren und äußeren Bestimmungen wandelnder wissenschaftlicher Selbstreflexion und daraus folgender Notwendigkeit theoretischer Neubestimmung die Aktualität in der wachsenden Bedeutung gegeben ist, in welcher man aktuelle innere Umstrukturierung aufzeigen kann. Es existiert nun die fundierte Einschätzung, das sich die Geschichtswissenschaft gegenwärtig von der klassischen ,verstehenden Geisteswissenschaft’ strukturell zu einer ,historischen Sozialwissenschaft’ gewissermaßen umbildet (4) und so über das allgemeine zeitliche Wandeln wissenschaftlichen Selbstverständnisses hinaus (und eben damit verbundener Notwendigkeit zur Grundlagenreflexion) momentan die Berechtigung einer wissenschaftstheoretischen Analyse des geschichtswissenschaftlichen Fundaments bedeutsam, und zwar in letzter Konsequenz für die Wissenschaft selbst unabdingbar, als eine Lösungen fordernde Situation hervortritt. So ist es dem Streben nach immer mehr präziser und wissenschaftlicher Arbeit des Historikers selbst zuzurechnen, in welchem Ausmaß eine gesicherte historische Objektivität bedeutsam und aktuell zugleich ist.

Es ist möglich, sich dem Problem auch auf andere Weise zu nähern. Jemand, der versucht, sich fundierte Informationen über einen bestimmten geschichtlichen Gegenstand, beispielsweise den dreißigjährigen Krieg, zu beschaffen, wird feststellen, das hierüber eine Fülle unterschiedlicher Interpretationen und historischer Darstellungen existiert. Ein analysierender Vergleich mag die Auswahl verringern (Begrenzung der Hinsichten, Ordnung nach anerkannter Bedeutung, Umfang, Irrelevanz für Betrachtung usf.), festzuhalten bleibt jedoch immer noch eine nicht unbeträchtliche Anzahl unterschiedlicher, zum Teil widersprechender Interpretationsmöglichkeiten, welche alle mit Anspruch auf wissenschaftliche Herausarbeitung, Sachkenntnis der Quellenlage, methodischer Versicherung und intersubjektiver Gültigkeit dem Betrachter gegenübertreten. Das Problem der historischen Objektivität taucht genau dann auf, bzw. wird dann relevant, wenn es um eine Beurteilung und Entscheidung zwischen den verschiedenen historischen Interpretationen geht, wenn Geltungsansprüche einer fundamentalen Begründung bedürfen, um die Kompetenz und den zu bewertenden historischen Sachverhalts in der Darstellung zu rechtfertigen.

Schließlich wird das Thema historische Objektivität innerhalb von geschichtstheoretischen Auseinandersetzungen und Legitimationsdiskussionen immer dann ein zentrales Problem, wenn es gilt, historisch-wissenschaftliche Erkenntnis gegen Einwände zu verteidigen, welche mit konstruktivistischen oder relativistischen Argumenten eine Destruierung rationaler Wissenschaft proklamieren und den Anspruch auf intersubjektive Gültigkeit im Allgemeinen bezweifeln. Innerhalb der Geschichtswissenschaft ist dies die Tendenz zur Position des „Präsentismus“(5), welche vor allem im nordamerikanischen Raum ihre Vertreter hat. Diese Position vertritt die Auffassung, sämtliche historisch-wissenschaftliche Darstellung sei lediglich eine in die Vergangenheit gespiegelte subjektive Bewertung aktueller gesellschaftlicher Zusammenhänge und Sachverhalte, deswegen diese nur relativ gültig und nicht historisch-objektiv. Damit wird in letzter Konsequenz jedoch auch die Wissenschaftlichkeit von Historik in Frage gestellt, denn eine grundlegende Bezweiflung der Möglichkeit, wissenschaftliche Objektivität und individuelle Forschungsarbeit zu vereinbaren, lässt die präsentistische Position auch als ein Verständnis zu, subjektives Potential im Sinne von Beliebigkeit zu interpretieren. Gerade darin liegt jedoch auch eine Aufgabe des richtigen Verständnisses von historischer Objektivität, derartige Gefahren für wissenschaftliche Ansprüche mit rationalen Argumenten und übergreifenden Normen widerlegen zu können.

Der Problemcharakter der historischen Objektivität

Die verschiedenen Perspektiven der Bedeutung von geschichtswissenschaftlicher Objektivität fordern aufgrund der an ihr gemessenen Ansprüche (Wissenschaftlichkeit, Unparteilichkeit u.a.) und von ihr zu leistenden Aufgaben (konsistente theoretische Grundlage von historischer Forschungsarbeit, methodischer Maßstab u.a.) eine eingehendere Betrachtung, will man dieser Bedeutung gerecht werden. Das dieses Problemfeld ins Zentrum von innerem theoretischem Begründungszusammenhang der Historiker selbst zielt, nicht zuletzt die Legitimation und der Anspruch an die eigene wissenschaftliche Forschungsarbeit selbst gerät auf den Prüfstand, verschärft die Notwendigkeit einer intensiveren Analyse von historischer Objektivität, die damit sowohl allgemein-wissenschaftlichen als auch subjektiv-legitimierenden Problemcharakter trägt.

Es scheint zunächst notwendig, für eine genauere Untersuchung eine begriffliche Trennung zwischen „historisch“ und „Objektivität“ vorzunehmen und die Begriffe gesondert zu hinterfragen, um die verschiedenen Verwendungsweisen, welche in unserer Umgangsprache aller Erfahrung nach meist undifferenziert auftreten und demzufolge mit unterschiedlichen Intentionen versehen und geäußert werden können, zu präzisieren. Verwiesen sei hier nur auf die Tatsache einer „Geschichtlichkeit von Begriffen“ , d.h. die mit

ihrer Verwendung und Prägung verknüpften Intentionen und Inhalte haben sich, beispielsweise durch kritische Diskussionen und Auseinandersetzungen oder gesellschaftlich-normative Veränderungen, im Laufe der Zeit selbst verändert und bereits dadurch verschiedene Erwartungen und Inhalte den Begriffen zugeordnet. Auch deswegen ist es wichtig, zunächst mit einer Selektion der Begriffsintentionen zu beginnen. So fällt bei der genauen Betrachtung des Begriffes „Objektivität“ , welcher in den Wissenschaften rationaler Prägung seit langem eine theoretische Verwendung und Reflexion hervorruft, eine mögliche Verwendungsweise auf, welche für das vorliegende Problem ungeeignet erscheint. Damit ist gemeint, „Objektivität“ als eine völlige Übereinstimmung von historischen Aussagen und tatsächlich passierter Vergangenheit aufzufassen, quasi eine Identität anzunehmen, welche zwischen Geschichte als Forschungsgegenstand und Geschichtswissenschaft als ForschungsalltagüberGeschichte besteht. Die Konsequenz dieser Verwendungsweise besteht darin, dass man die Fortschrittsfähigkeit der Historik selbst aufgibt, denn bei einem Zusammenfallen von Forschung und Gegenstand in der Objektivität, selbst unter Einschränkung auf ein Ideal, ist keine Erkenntnis im rationalen Sinne mehr möglich, die prinzipiell Unerkanntes voraussetzt. Da aber sowohl die wahrnehmbare Forschungspraxis in der Geschichtswissenschaft nachweislich Fortschritte erzielt oder zumindest beansprucht als auch aufgrund unseres subjektiven Bezuges zur aktuellen, gegenwärtigen „Geschichte“, welche auch ein Historiker als Subjekt besitzt, eine Identität von historischer Erzählung und historischem Sachverhalt ausgeschlossen erscheint, ist diese Bestimmung von „Objektivität“ nicht tauglich im historischen Kontext.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Historische Objektivität und deren Relevanz innerhalb der Geschichtwissenschaft
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V47267
ISBN (eBook)
9783638442541
ISBN (Buch)
9783638692755
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische, Objektivität, Relevanz, Geschichtwissenschaft
Arbeit zitieren
Kai Lehmann (Autor:in), 2001, Historische Objektivität und deren Relevanz innerhalb der Geschichtwissenschaft , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47267

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