Ethik und Interkulturalität in einer globalisierten Wirtschaft


Diplomarbeit, 2005

101 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage und Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung und Auswahl der Literatur

2 Ethik im Zusammenhang mit dem Werte- und Normensystem
2.1 Grundlagen der Ethik
2.1.1 Begriffliche Abgrenzungen
2.1.2 Normenbegründung und ethische Denkansätze
2.2 Verknüpfung von Ethik und Ökonomie
2.2.1 Wirtschaftsethik
2.2.2 Unternehmensethik
2.2.3 Führungsethik
2.2.4 Business Ethics
2.2.5 Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility
2.2.6 Ethik als Notwendigkeit für die Ökonomie
2.3 Ausgewählte wirtschafts- und unternehmensethische Entwürfe
2.3.1 Profitmaximierung als soziale Verantwortung nach Friedman
2.3.2 Wirtschaftsethik als ökonomische Theorie der Moral nach Homann
2.3.3 Wirtschaftsethik als theologisch-philosophische Disziplin nach Koslowski
2.3.4 Governance Ethik nach Wieland
2.3.5 Integrative Wirtschaftsethik nach Ulrich

3 Kultur im Zusammenhang mit dem Werte- und Normensystem
3.1 Kultur – Begriff und Bedeutung
3.1.1 Begriffliche Abgrenzung
3.1.2 Bedeutung der Kultur für das Individuum
3.2 Landeskultur im internationalen Unternehmen
3.2.1 Anthropologie nach Hall
3.2.2 Kulturdimensionen nach Hofstede
3.2.3 Kulturelle Diversität nach Trompenaars
3.2.4 Schichtenmodell nach Dülfer
3.3 Ökonomische Analyse der Kultur
3.3.1 Werte und Wertesysteme
3.3.2 Funktionen der Kultur

4 Ethische Problemfelder bei internationaler Tätigkeit und mögliche Lösungsansätze
4.1 Originäre Problemfelder
4.1.1 Unterschiedliche kulturelle Werthaltungen
4.1.2 Unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen
4.1.3 Systematisierung der möglichen Konfliktlagen
4.2 Exemplarische Betrachtung ausgewählter Wirtschaftsräume
4.2.1 Situation in Deutschland
4.2.2 Situation in den USA
4.2.3 Situation in China
4.3 Ansätze zur Überbrückung ethischer Herausforderungen bei internationaler Tätigkeit
4.3.1 Ausgangssituation nach den bisherigen Ergebnissen
4.3.2 Universalismus als potenzieller Lösungsansatz
4.3.3 Relativismus als potenzieller Lösungsansatz
4.3.4 Rahmenkonzept für die Implementierung von ethischen Normen in der multinationalen Unternehmung nach Donaldson und Dunfee

5 Schlussbetrachtung

IV. ANHANG

V. LITERATUR

II. ABBILDUNGEN

Abbildung 1: Das Verhältnis von Moral und Ethos

Abbildung 2: Ebenen der ethischen Diskussion wirtschaftlicher Fragestellungen

Abbildung 3: Ebenen unternehmerischer Verantwortung

Abbildung 4: Auszahlungsmatrix im Gefangenendilemma

Abbildung 5: Tortenmodell der Kulturebenen

Abbildung 6: Ökonomische Konsequenzen der Kultur

Abbildung 7: Konfliktkonstellationen bei multinationalen Unternehmen im Überblick

Abbildung 8: Orthogonale Positionierung bezogen auf die Universalismus-/ Relativismus-Debatte

Abbildung 9: Das modifizierte Modell von Donaldson/Dunfee

III. TABELLEN

Tabelle 1: Dimensionen kultureller Unterschiedlichkeit

Tabelle 2: Zusammenfassende Übersicht

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage und Problemstellung

Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht, als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein.“

(Adam Smith)[1]

Die moderne Gesellschaft entwickelt sich zunehmend zu einer Weltgesellschaft. Für das beschleunigte Zusammenwachsen werden mehrere Faktoren als begünstigend erachtet. Von technologischer Seite her kann eine stetige Senkung der Transportkosten und die Entwicklung und Durchsetzung kostengünstiger Kommunikationstechnologien beobachtet werden. Darüber hinaus tragen tiefgreifende institutionelle Veränderungen wie beispielsweise die erfolgreichen Bemühungen um eine Liberalisierung des Welthandels im Rahmen des GATT[2] einen entscheidenden Teil bei. Auch das Scheitern der so genannten Zweiten Welt durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa beschleunigte die Entwicklung einer weltweit verflochtenen Ökonomie.[3] Die fortschreitende Globalisierung bietet für die meisten Industrie- und Entwicklungsländer unverzichtbare Chancen und große Vorteile für Konsumenten und Produzenten. Durch effizientere Arbeitsteilung steigen nicht nur die Einkommen in Niedriglohnländern, sondern auch in jenen, die innovative Investitions- und Konsumgüter in hoher Qualität zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten können. Ein wachsender Welthandel ist somit zum Vorteil aller. Er birgt allerdings die Gefahr einer Erosion sozialer und ökologischer Standards.[4] So begründen negative externe Effekte der Geschäftstätigkeit multinationaler Unternehmen[5] neben Steuerungsdefiziten des Rechts im internationalen Bereich die Notwendigkeit einer internationalen Wirtschafts- und Unternehmensethik auf der Basis ethischer Selbstverpflichtung.[6]

Ethik erscheint gegenwärtig als eine Modewelle, deren Relevanz für die wirtschaftliche Tätigkeit lediglich durch die aktuellen Gewinnsituationen der Unternehmen geprägt wird. Dieser erste Anschein ist jedoch insofern trügerisch, als dass die Hinterfragung unternehmerischer Entscheidungen und Handlungen mittlerweile verstärkt unternehmensextern erfolgt. Phänomene wie Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Hunger und Unterentwicklung sowie die stark unterschiedliche Verteilung von Einkommen und Vermögen rufen Widersprüche hervor und tragen zu einer Wiederbelebung der ethischen Fragestellung im gesellschaftlichen Bewusstsein bei.[7]

Weiterhin ist zu beachten, dass Akteure in unterschiedlichen Wirtschaftsräumen offensichtlich andere Moralvorstellungen haben, die sich in divergierenden Normen und Werten niederschlagen. Selbst in relativ ähnlichen Kulturen wie den USA und Deutschland sind die kulturellen Basisannahmen, die beispielsweise die Haltung bezüglich der Vereinbarkeit von Gewinn und Moral beeinflussen, extrem unter-schiedlich. Die von manchen Beobachtern zu erkennen geglaubte fortschreitende Vereinheitlichung der Kulturen findet lediglich auf oberflächlichstem Niveau statt und tangiert die tief verankerten Wertüberzeugungen nicht. Aus der dadurch entstehenden Diskrepanz zwischen der vermeintlichen Angleichung und den tatsächlich fortbestehenden, tieferliegenden Identitätsunterschieden ergibt sich die Gefahr der interkulturellen Fehlkommunikation und der gegenseitigen Wertverletzung.[8]

Eine mögliche Reaktion auf diesen Umstand könnte sein, die Befolgung nationaler (juristisch durchsetzbarer) Gesetze als Exkulpationsmöglichkeit im Heimatland zu nutzen. So soll die Auseinandersetzung mit divergierenden Wertverständnissen und der eventuell daraus resultierende Konflikt mit den Stakeholdern[9] vermieden werden. Allerdings hat sich gezeigt, dass es in den meisten Fällen nicht mehr genügt, zur Rechtfertigung unternehmerischer Entscheidungen auf die Beachtung geltender Gesetze zu verweisen.[10] Sichtbar wurde dies am Beispiel der geplanten Versenkung der Brent Spar Ölplattform in der Nordsee 1995 durch Shell: „The experiences in connection with the planned deep sea disposal of the Brent Spar offshore rig and oil drilling platform have shown us that it is not enough for a decision to be in conformity with the laws and international regulations. It also needs to be acceptable to society.”[11]

Mit einer internationalen Wirtschafts- und Unternehmensethik ist die Chance verbunden, einen wesentlichen Beitrag zum Abbau von externen Spannungen zwischen multinationalen Unternehmen und den Gesellschaften sowie von unternehmensinternen Dissonanzen leisten zu können.[12] Eine Darstellung ihrer Notwendigkeit, aber auch ihrer Grenzen ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Vor dem Hintergrund der Fragestellung, ob eine Vereinheitlichung der Wertesysteme möglich ist, soll eine Aus-wahl an Lösungsansätzen vorgestellt werden.

1.2 Gang der Untersuchung und Auswahl der Literatur

Im Folgenden wird die Problematik der Ethik im Verhältnis zur Ökonomie bei internationaler Unternehmenstätigkeit erörtert. Das Ziel ist dabei die Darstellung und Analyse kulturbestimmender Größen und deren Auswirkung auf das ethisch-moralische Wertesystem und die daraus erwachsenden Probleme, denen die internationale Unternehmung gegenübersteht. Dies erfolgt in drei Schritten.

Im ersten Teil steht nach der Erläuterung grundlegender Begriffe aus dem Umfeld der Ethik im Allgemeinen das Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie im Vordergrund. Folgend soll eine Definition der mit der Ökonomik als Theorie der Ökonomie verknüpften ethischen Konzepte dargestellt und diese genauer abgegrenzt werden. Anschließend wird die Begründung der Ethik im ökonomischen Kontext sowie ihr prinzipielles Aufgabenfeld erörtert. Den Abschluss des ersten Teils bildet eine jeweils skizzierte Beschreibung einiger populärer Konzepte aus der Literatur sowie eine kurze Würdigung dieser vor dem Hintergrund der vorausgegangenen Ausführungen.

Im zweiten Teil der Arbeit erfolgt eine ausführliche Darstellung der Kultur als Grundlage des lokalen Werte- und Normensystems. Dazu wird der Begriff der Kultur zunächst von seiner grundlegenden Seite dargelegt. Anschließend sollen ausgewählte Konzepte zur Erfassung der nationalen Kultur erläutert und kritisch gewürdigt werden. Eine Untersuchung der ökonomischen Relevanz der Kultur und eine mögliche Erklärung ihrer Entstehung bilden den Abschluss des zweiten Teils der Arbeit.

Der dritte Teil zeigt als Synthese der beiden vorhergehenden den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen kulturellen Werthaltungen und der konkreten wirtschaftsethischen Ausgestaltung auf. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Problematik, die eine grenzüberschreitende oder globale Tätigkeit für ein multinationales Unternehmen mit sich bringt. Anhand praktischer Beispiele aus drei Wirtschaftsräumen – Deutschland, den USA und China – werden die zuvor genannten Problemlagen konkretisiert. Als denkbare Überbrückungsmechanismen interkultureller Differenzen sollen die Konzepte des Universalismus und Relativismus erläutert sowie ihr jeweiliges Potenzial und ihre Grenzen aufgezeigt werden. Abschließend folgt die Darstellung des Modells von Donaldson und Dunfee als praktischer Ansatz, der versucht, die vorgenannten Denkrichtungen zu vereinen, und so multinationalen Unternehmen eine Möglichkeit der Konfliktvermeidung eröffnet.

In der Schlussbetrachtung werden die bisherigen Ergebnisse nochmals thesenförmig zusammengestellt und somit die grundsätzlichen Aussagen der Arbeit skizziert. Anzumerken ist, dass sowohl die Literatur zur internationalen Unternehmensführung als auch die Beiträge, welche sich mit Konflikten zwischen Ethik und Ökonomie befassen, sehr zahlreich sind und deshalb nicht in vollem Umfang in dieser Arbeit Berücksichtigung finden konnten. Die vorhandene Literatur und Beiträge wurden auf Zielbezogenheit, Zweckmäßigkeit, ihre Integrationsmöglichkeiten sowie Aktualität untersucht und dementsprechend eingesetzt.

2 Ethik im Zusammenhang mit dem Werte- und Normensystem

2.1 Grundlagen der Ethik

2.1.1 Begriffliche Abgrenzungen

Allgemein fragt die Ethik, wodurch sich moralisch gutes und gerechtes Verhalten in einer bestimmten Situation auszeichnet, was richtig oder falsch ist. Sie hat somit zum Ziel, handlungsleitende Normen[13] im Sinne einer Selbstverpflichtung über die geltenden Gesetze hinaus in Kraft zu setzen. Die Wirtschafts- und Unternehmensethik ist ihre Anwendung auf ein Kollektiv.[14] Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, sich einführend mit den Begrifflichkeiten im Rahmen der Ethik zu beschäftigen.

Moralität ist ein speziell menschliches Phänomen, über das jedes Individuum aus seiner eigenen Lebenserfahrung ein intuitives Vorverständnis hat. Sie ist die grundlegende Disposition des Einzelnen im Sinne seines Selbstanspruchs auf moralische Autonomie, Empfindsamkeit und Urteilsvermögen oder auch sein Gewissen. Die Moralität ist damit dem Individuum zuzuordnen.[15]

Der philosophische Sprachgebrauch unterscheidet weiterhin zwischen Ethik und Moral. Unter der Moral wird ein Bereich des menschlichen Lebens verstanden, der nicht mit Kunst, Wissenschaft, Recht oder Religion gleichzusetzen ist. Dabei ist sie die Gesamt-heit der moralischen Urteile, Normen, Ideale, Tugenden und Institutionen.[16] Die Moral setzt sich aus den der kulturspezifischen Tradition entspringenden, sozial geltenden Rechten und Pflichten sowie den Verhaltensnormen, die eine Lebenspraxis faktisch bestimmen, zusammen. Diese Tatsache ist unabhängig davon, inwieweit dieser Sach-verhalt den Angehörigen dieser Tradition bewusst ist. In diesem Sinn bezeichnet Moral tatsächliche Verhaltensweisen, die sozialen Zusammenhalt stiften oder organisieren.[17] Moral wird gelebt; unter dem Einfluss der Kultur werden Verhaltens- und Einstellungs-normen von der Gesellschaft verinnerlicht und entsprechend als verbindlich betrachtet.[18]

Das subjektive Moralbewusstsein, mit dem eine Person ihr personales Selbstverständnis definiert und sowohl ihre Lebensführung als auch die zugrundeliegenden moralischen Grundsätze begründet, wird als Ethos bezeichnet. Dabei ist es weitgehend unabhängig davon, ob es sich um ethisch gute Gründe oder um eine rein ideologische Selbsttäuschung handelt. Im Ethos spiegelt sich die Gesinnung beziehungsweise der personale Identitäts- und Legitimitätsanspruch des Individuums wider.[19] Abbildung 1 verdeutlicht das Verhältnis zwischen Moral und Ethos.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Verhältnis von Moral und Ethos

(Quelle: Ulrich (1997), S. 36)

Eine bestimmte Moral wird durch Implementierung in den Lebensstil praktiziert; jedes Individuum wird im Laufe seines Lebens in dieser erzogen und durch bestimmte Sanktionen daran gewöhnt, dass man zum Beispiel nicht lügen, nicht stehlen darf oder ein gegebenes Versprechen halten sollte. Auch im religiösen Bereich findet sich bei jeder Glaubensgemeinschaft eine Moral, die zu befolgen die Anhänger gehalten sind.[20]

Mit Hilfe der Abgrenzung der Moral kann nun die Ethik genauer bestimmt werden. Im reinen Wortsinne ist unter dem Begriff die Lehre vom sittlichen Verhalten des Menschen zusammengefasst.[21] Seit Aristoteles wird Ethik zur Bezeichnung einer philosophischen Disziplin gebraucht. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, eine bestimmte Moral zu transportieren oder zu predigen, sondern sie wissenschaftlich zu reflektieren.[22] Vereinfachend kann zusammengefasst werden, dass die gelebte Moral nicht nach ihrer eigenen Richtigkeit fragt. Dies ist vielmehr die Aufgabe der Ethik. Sie ist demnach die philosophische Untersuchung des Bereichs der Moral und somit die Disziplin, die nach der Begründung der Moral fragt.[23]

In der herrschenden Lehre hat sich die Unterscheidung der drei Ebenen der Ethik eingebürgert: die deskriptive, die normative und die Metaethik.[24] Beschreibt ein Historiker, welche Sitten in einer bestimmten geschichtlichen Epoche galten, dann stellt er selbst damit keine normativen[25] Behauptungen auf. Die Feststellung von gesellschaftlichen Ge- und Verboten ist lediglich die Formulierung einer empirischen Aussage, aber keine eigene Wertung oder Behauptung. Derartige Untersuchungen werden in der Literatur deskriptive Ethik genannt.[26]

Wird normative Ethik betrieben, so nimmt man beispielsweise Stellung zur Marktwirtschaft in der Erwartung, dass diese Haltung von anderen geteilt wird. Eine mögliche Definition ist also die Sicht der Ethik als Analyse menschlichen Handelns unter der Perspektive von gut und böse beziehungsweise moralisch richtig und moralisch falsch. Die sich ergebende Frage beim oben genannten Beispiel wäre dann, ob die Marktwirtschaft, genauer unter welchen Bedingungen sie gut beziehungsweise moralisch richtig oder gar moralisch geboten ist, und welche Handlungsempfehlungen sich daraus ergeben.[27]

Als Drittes müssen die Behauptungen kategorisiert werden, die Aussagen über Grundbegriffe und die Begründungsformen der Ethik treffen. Diese formulieren auf der einen Seite keine normativen Forderungen, beschreiben auf der anderen Seite aber auch keine faktischen Normensysteme. Derartige sprachphilosophische und metho-dologische Aussagen, die selbst mit weitergehenden philosophischen Annahmen aus anderen Disziplinen der Philosophie verbunden sind, zählen zur so genannten Metaethik. Wird zum Beispiel über die verschiedenen Verwendungsweisen von gut oder moralisch richtig versucht, dem Charakter des Ethischen näher zu kommen, dann wird ebenso eine metaethische Untersuchung vorgenommen wie dann, wenn man spezifische Formen ethischer Argumentation ermitteln möchte. Das Gleiche gilt für den Versuch, den sprachlichen Charakter einer normativen ethischen Aussage philosophisch zu bestimmen. So steckt beispielsweise hinter der Aussage Es ist ethisch falsch, einen unschuldigen Menschen gegen seinen Willen zu töten oberflächlich eine Behauptung, im Sprechakt selbst jedoch eine Empfehlung, der Ausdruck eines Gefühls oder ein Imperativ.[28]

2.1.2 Normenbegründung und ethische Denkansätze

Zum Verständnis des moralischen Normensystems erscheint es hilfreich, wichtige Quellen menschlicher Werte und Normen im historischen Längsschnitt zu betrachten und hinsichtlich ihres Legitimitätsgehalts zu hinterfragen. Der wichtigste Ursprung ist die Berufung auf ein transzendentes Wesen, einen Gott. In der mittelalterlichen Gesellschaft wurde alles als Ausdruck des göttlichen Willens interpretiert, weshalb man auch von einem theologisch-metaphysischen Zeitalter mit einer überindividuellen Welt- und Werteordnung spricht. Gott galt in dieser Gesellschaft als legitimer Normschöpfer und -geber. Bei Missachtung drohten als Sanktion ewige Verdammnis und Fegefeuer.[29] Dementsprechend stellte sich die Frage nach der Unterscheidung von Normlegitimation und -begründung nicht. Es herrschte Wertekonsens, der zerbrach, als Humanismus und Aufklärung in der Gesellschaft populär wurden. Die aufkommenden Strömungen betonten die Subjektstellung und Freiheit des Individuums, weshalb die Glaubens-gewissheit an eine überindividuelle Werteordnung verloren ging. Dadurch tauchte die Frage auf, ob so der Einzelne zum Schöpfer moralischer Normen werden kann.[30] Letztlich gehen damit alle Werte auf Menschen zurück, welche zu ihrer einzigen Quelle werden. Moralische Normen sind ihrem Ursprung wie auch ihrer Funktion nach eine soziale Erscheinung. Sie bilden sich bei wechselseitigen Beeinflussungen mehrerer Personen, also bei sozialen Prozessen. Indem sie die Interaktion von kleinen und großen Gruppen steuern, sorgen sie für verlässliche Verhaltenserwartungen.[31]

In einer modernen Gesellschaft können nur Normen und Institutionen, die auf eine allgemeine oder zumindest potenziell mögliche Zustimmung der Betroffenen stoßen, Legitimität für sich beanspruchen. Deshalb ist in diesem Fall von der Konsensethik die Rede, wobei der tatsächliche oder hypothetische Konsens durch verschiedene Möglichkeiten zustande kommen kann. Für die Wirtschaftsethik bedeutsam ist dabei die so genannte Diskursethik. Sie stellt eine Weiterentwicklung des kategorischen Imperativs[32] dar. Statt eine allgemeine Maxime vorzuschreiben, gilt es, diese der Gesellschaft zur Prüfung vorzulegen. Dabei wird eine prozessuale Anleitung zur Entwicklung von Normen vorgeschlagen, welche als rein formales Moralprinzip oder Verfahrensvorschlag zur Findung moralischer Normen gesehen werden muss.[33] Ein Beispiel für eine materielle Ausgestaltung dieses Verfahrens sind Verhaltenskodizes.[34]

In der Literatur existiert zu den verschiedenen Denkansätzen der neuzeitlichen Ethik eine Grobkategorisierung in zwei Klassen. Dabei bemisst sich, was gut oder moralisch richtig ist, entweder an dem Grundsatz oder Gesetz, dem sich der Handelnde bei seinem Tun verpflichtet fühlt (deontologische oder Pflichtenethik), oder an der Konsequenz, die der Handelnde intendiert oder in Kauf nimmt (teleologische oder Folgenethik).[35]

Im Rahmen der deontologischen[36] Ethik werden Handlungen nach einem als richtig angenommenen Grundsatz ausgewählt. Normen deontologischer Prägung errichten einen Zielkorridor und müssen eingehalten werden.[37] Somit orientiert sich das deontologische Konzept am Pflichtgemäßsein einer Handlung, wobei diese selbst durch gewisse Eigenschaften zu einer guten oder schlechten wird. Was dabei zählt, ist die richtige Einstellung, nicht die aus ihr erwachsenden Konsequenzen. Die Güte der Handlung liegt demnach im impliziten Grundsatz, der ihr zugrunde liegt.[38] Eine Ethikkonzeption ist deontologisch, wenn sie drei Behauptungen einhält. Zum Ersten muss das Ziel der Ethik die Befolgung des ethisch Richtigen sein. Das ethisch Richtige wiederum ergibt sich unabhängig von seinen Folgen und bedingt seinerseits das ethisch Gute.[39]

Im Rahmen der teleologischen[40] Ethik qualifizieren die Folgen von Handlungen diese als gut oder böse. Dabei ist das Ergebnis selbst nicht moralisch; doch eine Tat, die allgemein erwünschte Folgen hat, wird als gut eingestuft. Beispielsweise könnte das der Rückgang von Arbeitslosigkeit und Armut sein. Systematischer Kern dieses Ethiktyps ist das dauernde Abwägen von Vor- und Nachteilen der Handlungen. Dadurch erfolgt ein Vergleich des Zwecks mit den Mitteln (über deren Kosten), den über den Zweck hinaus noch zu erwartenden Folgen und Nebenwirkungen sowie den langfristigen und weitreichenden sozialen Folgen. Eine bekannte Variante der teleologischen Ethiken stellt der Utilitarismus dar, dessen Merkmal es ist, dass sämtliche Folgen in Nutzeneinheiten bewertet und jene Handlungen als gut eingestuft werden, welche den Nutzen erhöhen.[41]

2.2 Verknüpfung von Ethik und Ökonomie

Nachdem der theoretische und begriffliche Rahmen der Ethik abgesteckt wurde, soll nun die Klärung ihrer Stellung in Relation zur Ökonomie und Ökonomik vorgenommen werden. Unter Ökonomie kann ein theoretisches Mittel zur optimalen Bewältigung von Knappheitssituationen verstanden werden. Sie ist somit die Theorie der Allokation und Distribution knapper Güter zur Befriedigung von Bedürfnissen, ferner die Theorie der Stabilisierung der Allokation und Distribution.[42] Ökonomie kann als äquivalent zur Wirtschaft betrachtet werden.[43]

Die Ökonomik als Wissenschaft der Ökonomie fragt nicht nach den Vorteilen des einzelnen Akteurs, sondern fokussiert sich auf den gegenseitigen Nutzen, da sie nicht die individuelle Handlung, sondern die Interaktion zum Gegenstand hat.[44] „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“[45] Gemäß Adam Smiths berühmtem Zitat kann unter der Ökonomik die Theorie verstanden werden, in der die gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil oder die gesellschaftliche Kooperation, ihre Bedingungen, ihre Möglichkeiten und ihre Probleme im Vordergrund stehen.[46]

Daran knüpft auch die so genannte moderne Ökonomik an. Diese begreift sich nicht länger als Wirtschaftswissenschaft von ihrem primären Gegenstand her, sondern sieht sich vielmehr als Methode im Sinne eines economic approach. Charakteristisch für die ökonomische Analyseperspektive ist auch hier die Annahme rationalen, eigeninteressierten Verhaltens durch Vorteils-Nachteils-Kalküle. Festzustellen ist, dass dabei mit einem sehr weiten Vorteils- und Interessenbegriff gearbeitet wird, der materielle und immaterielle Gesichtspunkte umfasst. Damit ist der ökonomische Ansatz weder im engeren Sinne auf monetäre, noch im weiteren Sinne auf wirtschaftliche Größen beschränkt. Argumentativ lässt sich diese Aussage durch das Beispiel stützen, dass Verstöße gegen moralische Standards aufgrund informeller Sanktionen auch mit individuellen Kosten verbunden sind – sei es, weil der Entzug sozialer Achtung als Nachteil empfunden wird, oder weil der Verstoß zu Abschreibungen an Humankapital führt.[47]

Eine weitere mögliche Notation für die Denkform der modernen Ökonomik ist die Bezeichnung implizite Ethik. Diese rührt daher, dass die ökonomische Theorie ausdrücklich darauf beharrt, eine Theorie des menschlichen Handelns sein zu wollen, während sie aber in Abrede stellt, eine Ethik zu sein. Unter Ethik dagegen wird, wie bereits erwähnt, die philosophische Begründung oder Erklärung moralischen, also sittlichen Handelns verstanden. Die ökonomische Theorie selbst ist dabei keine Wissenschaft, die ihren Gegenstand erklärt, sondern ist gerade dadurch in ihrer modernen, mathematischen Form eine Ethik geblieben.[48]

Ursprünglich stellte sich diese Diskussion nicht als notwendig dar, da Ethik und Ökonomik als Teilgebiete der praktischen Philosophie galten. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Adam Smiths, der einerseits als Begründer der Volkswirtschaftslehre gilt, aber gleichzeitig eine Professur für Moralphilosophie innehatte. Erst die Anfang des 20. Jahrhunderts und vor allem unter dem Einfluss Max Webers[49] vorgenommene Trennung ließ zwei eigenständige Disziplinen, die Ethik und die Ökonomik, entstehen.[50] Die Wirtschaftsethik hat folglich auch diese beiden gedanklich entzweiten Bereiche als Mutterdisziplinen. Da das so entstandene Aufgabengebiet zunehmend komplex und umfangreich ist, wird in Wissenschaft und Forschung eine Trennung in drei Ebenen vorgenommen. Aus dieser folgt eine Unterscheidung in Ordnungs- oder Wirtschaftsethik, Unternehmens- und Individualethik oder auch Makro-, Meso- und Mikroebene,[51] wie Abbildung 2 nochmals verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ebenen der ethischen Diskussion wirtschaftlicher Fragestellungen

(Quelle: Gad (2004), S. 29)

Auf der Makroebene wird der Fragenkomplex nach einem gerechten Wirtschaftssystem und der Anwendung moralischer Maßstäbe in der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik behandelt. Somit analysiert die Wirtschaftsethik gesamtwirtschaftliche Handlungen hinsichtlich ihrer moralischen Konsequenzen, während die Unternehmensethik auf der Mesoebene die aus den Wechselwirkungen zwischen Unternehmen, Politik und Gesellschaft abgeleiteten Werturteile der Unternehmensmitglieder und deren Umsetzung in der Unternehmenspraxis untersucht.[52] Die Mikroebene oder Führungsethik formuliert die Pflichten des Einzelnen gegenüber sich selbst sowie gegenüber seinen Mitmenschen und der Umwelt.[53] Die Sozialethik, die außerhalb der drei beschriebenen Ebenen steht, beschäftigt sich als Ethik des Sozialen mit dem gesellschaftlichen Lebensbereich, der zudem außerökonomische Gebiete umfasst. Prinzipiell steht sie in derselben Relation zur Wirtschaftsethik wie auch das Wirtschaftliche zum Sozialen.[54] Nach der Darstellung des Verhältnisses von Ethik und Ökonomie scheint es für das weitere Vorgehen sinnvoll, sich den aus der Verbindung der beiden Disziplinen entstandenen Begrifflichkeiten anzunähern.

2.2.1 Wirtschaftsethik

Wirtschaftsethik befasst sich mit der Frage, wie moralische Normen und Ideale unter den Bedingungen der modernen Wirtschaft zur Geltung gebracht werden können.[55] In die gleiche Richtung geht ein weiterer Ansatz, der die Aufgabe der Wirtschaftsethik in der systematischen Untersuchung der Tatsachen, Maßnahmen und Zusammenhänge der Wirtschaft auf ihre Entsprechung mit dem christlichen Ideal der Nächstenliebe sieht. Die sich so ergebende, logisch geordnete Gesamtheit der Grundsätze des wirtschaftlichen Handelns impliziert das System humanitärer Wirtschaftsmoral.[56]

Wirtschaftsethik ist somit als Ethik der Wirtschaftsgestaltung beziehungsweise Ethik des Wirtschaftens zu verstehen und umfasst prinzipiell die Makro-, Meso- und Mikroebene. Deshalb kann sie nicht beschränkt als eine Systemethik aufgefasst werden, in der es ausschließlich um das wirtschaftliche System als solches, um die Gestaltung der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, um Fragen der Wirtschaftsordnung, der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik oder der internationalen Wirtschafts-beziehungen geht.[57] Zentral ist somit nicht, ob individuell richtig gehandelt wird wie bei der Managerethik oder der Konsumentenethik, sondern auch, ob die gegebene äußere Ordnung zum Beispiel in der Marktwirtschaft in sich richtig ist.[58]

Angemerkt sei noch, dass es im Rahmen der wirtschaftsethischen Betrachtung nicht darum geht, Handlungsanforderungen aus zwei getrennten Welten zu formulieren und diese miteinander in Einklang zu bringen. Somit ist die Wirtschaftsethik nicht nur der Anwendungsfall einer allgemeinen Ethik; es gilt vielmehr, die Eigenständigkeit wirtschaftlicher Sachverhalte und die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftslebens zu berücksichtigen.[59] Sie wird bei Betrachtung von Fragen des guten oder gerechten Wirtschaftens in Strukturen und Institutionen zur Sozialethik, wobei sie allerdings Fragestellungen auf der Mikroebene nicht ausschließt.[60]

2.2.2 Unternehmensethik

Auf der Mesoebene ist die Organisation – beziehungsweise eine Vielzahl derer – angesiedelt. Im wirtschaftlichen Bereich handelt es sich im Wesentlichen um Unternehmen. Aber auch Gewerkschaften, Organisationen zur Wahrung der Konsumen-teninteressen, Berufsverbände und ähnliche zählen dazu.[61] Den Unternehmen im Besonderen kommt als ganzheitlichen, zielorientiert agierenden Organisationen ein moralischer Status zu. Sie sind demnach eigenständige moralische Akteure und stellen mehr als die Summe individuell zurechenbarer Handlungsvollzüge dar.[62]

Die regulative Idee der Ethik ist die Besserstellung aller in der Gesellschaft. Hierbei kann sich ein Konflikt zwischen dem Eigeninteresse der Akteure beziehungsweise aus Sicht der Unternehmen dem Gewinnstreben und dieser Maxime ergeben. Daher beschäftigt sich die Unternehmensethik damit, Lösungen für das Problem der Vereinbarkeit von Gewinn und Moral zu finden und so zur unternehmerischen und zugleich allgemeinen Besserstellung beizutragen.[63] Unternehmensethik umfasst alle durch Verständigung im Dialog mit den Betroffenen begründeten beziehungsweise begründbaren prozessualen und materiellen Normen, die zum Zweck der Selbstbindung des Unternehmens verbindlich in Kraft gesetzt werden. Dabei geht es darum, die konfliktrelevanten Auswirkungen des Gewinnprinzips bei der Steuerung der konkreten Unternehmensaktivitäten zu begrenzen.[64] Dieses Verständnis berücksichtigt mehrere Aspekte. Materielle Normen können beispielsweise die mittlerweile zahlreichen Ethik-kodizes der verschiedenen Unternehmen sein, während sich prozessuale Normen auf die Einrichtung von Institutionen beziehen. Für die im Rahmen der Unternehmensethik festgelegten Normen gilt, dass sie insbesondere auf die Steuerung der Handlungen zielen, die im ursächlichen Zusammenhang mit dem Unternehmenszweck stehen und zu Konflikten mit internen und externen Anspruchsgruppen führen können. Die Unter-nehmensethik ist somit auf konkrete Problembestände und deren Lösung im wirtschaftlichen Kontext fixiert.[65]

2.2.3 Führungsethik

Wird die Unternehmensführung als Funktion verstanden, so ist sie Teil der Unternehmensethik und damit der Mesoebene zuzuordnen. Die Führungsethik ist auf der Mikroebene anzusiedeln, so weit sie das freie und verantwortliche Handeln der einzelnen Führungskraft beinhaltet.[66] Bezogen auf die Frage des Führungsstils bedeutet dies, dass die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Ausprägung nicht nur im Zu-sammenhang mit der Leistungswirksamkeit gesehen werden darf. Es müssen genauso anerkannte Forderungen wie die Beachtung der Menschenwürde oder ein verantwor-tungsvoller Gebrauch der von der Organisation bereitgestellten Machtmittel ins Kalkül gezogen werden. Beispielsweise wirft der Gebrauch eines autoritären Führungsstils sofort die Frage auf, wie viel an Einschränkung und Demütigung im Interesse von Produktivität und Effizienz zugemutet werden darf. Eine der zentralen Aufgaben einer Unternehmens- und Führungsethik wäre es in diesem Fall, Anleitungen zur Lösung dieses Normenkonflikts in Führungssituationen zu geben.[67] Allerdings geht das Spektrum ethischer Problemstellungen in Führungssituationen weit über die Führungsstilfrage hinaus. Auch Aufgaben wie die Klärung von Konflikten, die Handhabung von heiklen Informationen und die Förderung von Mitarbeitern fallen darunter. Die Aufgabe, unternehmensintern für die eventuelle ethische Relevanz und Brisanz anstehender Entscheidungen zu sensibilisieren und ethische Verantwortung in der Praxis einzufordern, wird ebenfalls tangiert.[68]

2.2.4 Business Ethics

Business Ethics umfassen alle drei Betrachtungsebenen der Wirtschaftsethik, den micro -, meso - und macrolevel, und daher nicht nur die Ethik der Unternehmensführung, wie manche deutschsprachige Autoren fälschlicherweise unterstellen. Diese irrtümliche Gleichsetzung könnte von der Übersetzung mit Geschäftsethik herrühren.[69]

Business Ethics basieren auf einem weit gefassten Rahmen von Fairness und Integrität, der dazu tendiert, sich auf Shareholder- und Stakeholderthemen wie Produktqualität, Kundenzufriedenheit, Lohn- und Gehaltsniveau ebenso wie auf die Gemeinschafts- und Umweltverantwortung zu konzentrieren. Sie definieren, in welcher Form ein Unternehmen seine grundsätzlichen Werte wie Ehrlichkeit, Respekt und Fairness in seine Verfahren, Praktiken und Entscheidungen integriert. Dabei wird auch das Maß der Einhaltung rechtlicher Standards genauso wie die Befolgung interner Reglemen-tierungen und Richtlinien miteinbezogen. Zwischenzeitlich versucht eine wachsende Zahl von Unternehmen, ihren Angestellten wertorientierte, global angepasste Leitsätze vorzugeben, die ihnen ein ausreichendes ethisches Verständnis erlauben, um entsprechende Entscheidungen zu treffen.[70]

2.2.5 Corporate Citizenship und Corporate Social Responsibility

Die Konzeption einer Corporate Good Citizenship – des Unternehmens als gutem Staatsbürger – knüpft an die Unterscheidung zwischen der sozialen Verantwortung und einer Haltung der sozialen Entwicklungsfähigkeit beziehungsweise Vorsorge an. Beide Ansätze werden im Unternehmen ausgehend von einem pragmatischen Verständnis der Unternehmensethik entwickelt.[71]

Die Stakeholder-Theorie besagt, dass das Verhalten einer Organisation aufgrund der Charakteristika der unterschiedlichen Stakeholder, der von ihnen angenommenen Normen bezüglich richtig oder falsch und ihres relativen Einflusses auf Entscheidungsprozesse vorausgesehen und verstanden werden kann. In diesem Kontext bezeichnet Corporate Social Responsibility die Pflicht, unternehmerische Handlungen mit den entsprechenden Normen der Stakeholder, die ein wünschenswertes Verhalten umreißen, in Einklang zu bringen beziehungsweise diese zu übertreffen.[72]

Corporate Social Responsibility besteht aus vier Arten der Verantwortung.[73] Dabei steht der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund, da es die Grundfunktion der Unternehmen ist, den Verbrauchern Güter und Dienstleistungen anzubieten und dabei Gewinn zu erwirtschaften. Grundsätzlich ist diese Verantwortung, da ohne finanzielle Lebensfähigkeit die restlichen Problemkreise fragwürdig erscheinen. Rechtliche Verantwortung scheint aufgrund der allgemeinen Erwartung, dass die Geschäftsabläufe im Unternehmen im Rahmen der legalen Vorschriften stattfinden, nur ergänzend. Gleichzeitig gibt sie jedoch die Begründung für die ethische Verantwortung vor. Da nicht alle sozialen Erwartungen mit Gesetzen erfasst werden, ist es unter Umständen für Unternehmen nötig, mit ihrer Handlungsweise über den rechtlichen Rahmen hinauszugehen, um sich situationsabhängig richtig zu verhalten und Schädigungen im Sinne negativer externer Effekte zu vermeiden. Die so genannte philanthropische Verantwortung übersteigt dieses freiwillige Maß, da sie beispielsweise Investitionen von Zeit oder Geld in gesellschaftliche Wohlfahrt oder aus reinem Wohlwollen umfasst. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Ebenen, wie Abbildung 3 veranschaulicht, aufeinander aufbauen und daher simultan zu berücksichtigen sind.[74]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ebenen unternehmerischer Verantwortung

(Quelle: Carroll (1991), S. 42)

An das bisher Dargestellte knüpft die weit verbreitete Sicht an, dass die Gesellschaft ein Anrecht darauf hat, dass Unternehmen bei ihren Geschäften ein gewisses Maß an ethischen Standards einhalten. Der Begriff der Corporate Citizenship dient häufig als Synonym für Corporate Social Responsibility, welche allerdings stärker ethikorientiert ist.[75] Weiterhin ist darunter das gesamte, über die eigentliche Geschäftstätigkeit hinausgehende Engagement des Unternehmens zur Lösung gesellschaftlicher Probleme im lokalen Umfeld zu verstehen. Corporate Citizenship, die stärker auf Handlungen fokussiert ist, stellt den Versuch dar, ein Unternehmen auf möglichst vielfältige Weise mit dem Gemeinwesen zu verknüpfen, in dem es tätig ist.[76]

Nach Klärung der Begrifflichkeiten und der formalen und inhaltlichen Anforderungen im Rahmen des Spannungsfelds zwischen Ethik und Ökonomik ist der nächste Schritt eine Skizzierung der Aufgaben und Problemstellungen, die damit verbunden sind.

2.2.6 Ethik als Notwendigkeit für die Ökonomie

Ein erster Begründungsansatz ergibt sich aus negativen externen Effekten[77], die dadurch entstehen, dass aufgrund falscher Marktpreise den Unternehmen falsche Signale gegeben werden. Vermeintlich unbegrenzt verfügbare, kostenlose Güter werden mit der Folge der Übernutzung intensiv zur Produktion ausgebeutet. Da es sich jedoch um knappe Ressourcen handelt, werden die zu deren Wiederherstellung beziehungsweise Erhaltung notwendigen sozialen und ökologischen Kosten durch die Gemeinschaft getragen. Produzenten und Konsumenten werden dabei jedoch nicht in dem Ausmaß dazu herangezogen, wie sie von Herstellung und Verbrauch der Güter profitiert haben. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Umweltgüter wie Luft oder Wasser und die Bemühungen um die Internalisierung externer Effekte und Kosten.[78]

Weiterhin verhalten sich Unternehmen in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem nicht nur durch Einhaltung des relevanten rechtlichen Rahmens ethisch korrekt. Es ist streng zwischen Legalität und Legitimität zu differenzieren. Legitimität wird dabei vor dem Hintergrund moralischer Vorstellungen definiert und entscheidet über die Zustimmungsfähigkeit zu unternehmerischen Handlungen durch die Gesellschaft und Stakeholdergruppen.[79] Legal ist prinzipiell, was gesetzlich nicht verboten ist. So gibt es zum Beispiel in vielen Ländern keine Gesetze, die Tierversuche oder den Verkauf von Landminen an unterdrückerische Regime verbieten. Auch mag es beispielsweise illegal sein, einer Gewerkschaft beizutreten.

Unter Umständen kann deshalb an dieser Stelle ein Steuerungsdefizit des Rechts festgestellt werden. Die Frage nach der ethischen Dimension unternehmerischer Entscheidungen ist somit nicht immer durch den Verweis auf den Staat als Gestalter der Rahmenbedingungen beantwortbar. Die Einhaltung von Gesetzen der bei Produktion und Handel involvierten Länder kann damit nur eine notwendige, jedoch nicht eine hinreichende Bedingung für ethisches Verhalten von Unternehmen sein.[80]

[...]


[1] Smith (1977), S. 1.

[2] GATT: General Agreement on Tariffs and Trade; 1948 gegründete internationale Organisation, die sich im Wesentlichen der Liberalisierung des Welthandels und dem Abbau von Handelshemmnissen widmet (vgl. Bannock/Baxter/Davis (2003), S. 157f.).

[3] Vgl. Gerecke (1998), S. 2.

[4] Vgl. Leisinger (1997), S. 90. Im Falle der Ausnutzung der im Vergleich zum Heimatland niedrigeren moralischen Standards ist auch die Rede von Moralarbitrage (vgl. Homann/Gerecke (1999), S. 442).

[5] Unter multinationalen Unternehmen sind Unternehmen zu verstehen, die mindestens 25 Prozent ihres weltweiten Outputs außerhalb ihres Herkunftslandes herstellen. Prinzipielle Entscheidungen werden auf globaler Ebene und nicht im Standortland gefällt (vgl. Bannock/Baxter/Davis (2003), S. 265).

[6] Vgl. Richter (1997), S. 5-7.

[7] Vgl. Homann/Suchanek (1987), S. 101.

[8] Vgl. Palazzo (2000), S. 1-6.

[9] Unter einem Stakeholder ist ein Individuum oder eine Gruppe zu verstehen, die durch die Handlungen einer Organisationseinheit oder von den durch sie verursachten Vorteilen oder Nachteilen tangiert wird. Der Begriff schließt Besitzer, Verbraucher und deren Vertreter, Kunden, Wettbewerber, Medien, Angestellte, Umweltaktivisten, Lieferanten sowie lokale und überregionale Verwaltungs- und Regierungsorgane mit ein (vgl. Mitchell (2003), S. 177f.).

[10] Vgl. Richter (1997), S. 2.

[11] Deutsche Shell Aktiengesellschaft (1995), zitiert bei Leisinger (1998), S. 163.

[12] Vgl. Ruh (1980), S. 454ff.

[13] Eine Norm ist im Allgemeinen eine Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten. Sie wird damit zur Steuerung und Lenkung von Verhalten eingesetzt und erscheint je nach Kontext bezogen auf ein Verhalten als Befehl, Vorschrift, Anweisung, Forderung, Anleitung, Regel, Richtschnur, Ersuchen oder Bitte (vgl. Hoerster (2003), S. 43).

[14] Vgl. Leisinger (2001), online.

[15] Vgl. Ulrich (1997), S. 43.

[16] Vgl. Ricken (1983), S. 17; unter Institutionen sind Vereinbarungen zu verstehen, die wiederholte Beziehungen zwischen Menschen formen. Es lassen sich dabei drei Arten von Institutionen unterscheiden: Entscheidungssysteme (als Regeln oder Verfahren, mit deren Hilfe in der Gesellschaft Entscheidungen getroffen werden), Normen, Traditionen und andere Verhaltensregeln sowie Organisationen der Gesellschaft. Sie umfassen mithin auch die moralischen Institutionen (vgl. Frey (1990), S. 2f.; Kliemt (1985), S. 15). Im Folgenden sollen unter einer Institution anreizbewehrte, dauerhafte und gestaltbare Regeln oder Systeme von Regeln verstanden werden, die die Grundlage für die Entscheidung und Handlungen der beteiligten Akteure darstellen (vgl. Suchanek (2001), S. 50).

[17] Vgl. Brodbeck (2003), S. 19f.

[18] Vgl. Kreikebaum/Behnam/Gilbert (2001), S. 6.

[19] Vgl. Ulrich (1997), S. 43.

[20] Vgl. Pannenberg (2003), S. 23-26.

[21] Vgl. Kreikebaum (1996), S. 9.

[22] Vgl. Pannenberg (2003), S. 23-26.

[23] Vgl. Ricken (1983), S. 17.

[24] Vgl. Quante (2003), S. 16.

[25] Normativ bedeutet in der Art einer Norm oder von Normen beziehungsweise als Norm dienend (vgl. Railton (2003), S. 322).

[26] Vgl. Rich (1985), S. 21f.

[27] Vgl. Homann/Lütge (2004), S. 13.

[28] Vgl. Quante (2003), S. 18.

[29] Vgl. Noll (2002), S. 25f.

[30] Vgl. Noll (2002), S. 26.

[31] Vgl. Noll (2002), S. 25f.

[32] Beim kategorischen, das heißt dem unbedingt geltenden Imperativ, stellt sich der Einzelne stets die Frage nach der Generalisierbarkeit seiner Handlungsweise. Die zur Anwendung kommenden Normen sind zwar bindend, aber die Pflicht zu ihrer Befolgung entspringt der eigenen Vernunft. Als verantwortlich handelndes Wesen gibt sich das Individuum somit selbst das Gesetz seines Handelns (vgl. Pannenberg (2003), S. 48ff.).

[33] Vgl. Hütte (2002), S. 96.

[34] Vgl. Homann (1999), S. 58f.

[35] Vgl. Noll (2001), S. 16.

[36] Von griech. to déon: Pflicht (vgl. Noll (2001), S. 16).

[37] Vgl. Kreikebaum (1996), S. 12.

[38] Vgl. Noll (2001), S. 16.

[39] Vgl. Quante (2003), S. 129.

[40] Von griech. to telos: Ziel, Zweck (vgl. Noll (2001), S. 16).

[41] Vgl. Homann/Lütge (2004), S. 15; für eine konzise Darstellung des Utilitarismus vgl. auch Hirshleifer/Hirshleifer (1997), S. 476f.

[42] Vgl. Mittelstraß (1990), S. 26f.

[43] Vgl. Homann/Blome-Drees (1992), S. 16.

[44] Vgl. Homann/Suchanek (2000), S. 5.

[45] Smith (1978), S. 17.

[46] Vgl. Homann/Suchanek (2000), S. 3ff.

[47] Vgl. Pies (2001), S. 172.

[48] Vgl. Brodbeck (2003a), S. 211.

[49] Vgl. Weber (1993): Max Weber geht davon aus, dass moralische Normen für das Handeln des Wirtschaftspolitikers unerlässlich, aber nicht innerhalb der Ökonomie begründbar sind.

[50] Vgl. Homann/Lütge (2004), S. 11.

[51] Vgl. Gad (2004), S. 28ff.

[52] Vgl. Kreikebaum (1996), S. 14ff.

[53] Vgl. Noll (2001), S. 36.

[54] Vgl. Enderle (1983), S. 12.

[55] Vgl. Homann (1993), Sp. 1287.

[56] Vgl. Weddigen (1951), S. 23f.

[57] Vgl. Enderle (1991), S. 180.

[58] Vgl. Göbel (1992), S. 290.

[59] Vgl. Noll (2001), S. 36.

[60] Vgl. Enderle (1983), S. 12.

[61] Vgl. Enderle (1991), S. 180.

[62] Vgl. Enderle (1993), Sp. 1098f. Unternehmen können als institutionelle Arrangements, die beispielsweise von anderen Akteuren, Geschäftspartnern, Kunden, Politikern und Medienvertretern als handlungsfähig angesehen werden, betrachtet werden. Im Bereich des Rechts werden Unternehmen als juristische Personen, also als rechtsfähige Vereinigungen von natürlichen Personen aufgefasst. Aufgrund dieser Zusammenhänge spricht man auch von korporativen Akteuren (vgl. Suchanek (2001), S. 98).

[63] Vgl. Suchanek (2001), S. 1ff. Die Vereinbarkeit beziehungsweise vermeintliche Nicht-Vereinbarkeit von Gewinn und Moral wird auch als das Grundproblem oder der Grundkonflikt von Marktwirtschaft und Ethik bezeichnet (vgl. Homann/Lütge (2004), S. 25).

[64] Vgl. Steinmann/Löhr (1991), S. 95ff.

[65] Vgl. Bartscher et al. (1995), S. 319ff.

[66] Vgl. Enderle (1991), S. 181.

[67] Vgl. Noll (2002), S. 139.

[68] Vgl. Schreyögg (1993), Sp. 330.

[69] Vgl. Richter (1997), S. 13.

[70] Vgl. Sethi/Sama (1998), S. 69f.; Mitchell (2003), S. 9f.

[71] Vgl. Kreikebaum (1996), S. 145.

[72] Vgl. Maignan/Ferrell (2004), S. 5.

[73] Vgl. Treviño/Nelson (2004), S. 31ff.

[74] Vgl. Carroll (1991), S. 40-43.

[75] Vgl. Gazdar/Kirchhoff (2004), S. 388.

[76] Vgl. Mitchell (2003), S. 10f.

[77] Für eine ausführliche Darstellung der Problematik vgl. Coase (1960), S. 6-15.

[78] Vgl. Koslowski (1988), S. 259ff.

[79] Vgl. Schuster (2001), S. 978.

[80] Vgl. Schünemann (1979), S. 22ff.; Crane/Matten (2004), S. 3ff.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Ethik und Interkulturalität in einer globalisierten Wirtschaft
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
101
Katalognummer
V47292
ISBN (eBook)
9783638442695
Dateigröße
921 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Interkulturalität, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Sebastian Maucher (Autor), 2005, Ethik und Interkulturalität in einer globalisierten Wirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47292

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