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Die Reinmar-Walther-Fehde - Zwei minnetheoretische Konzepte in diskursiver Auseinandersetzung

Title: Die Reinmar-Walther-Fehde - Zwei minnetheoretische Konzepte in diskursiver Auseinandersetzung

Term Paper , 2005 , 21 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Michael Steinmetz (Author)

German Studies - Older German Literature, Medieval Studies
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Ältere Literaturwissenschaftler wie Karl Lachmann, Konrad Burdach oder Carl von Kraus - um nur einige zu nennen - kultivierten die philologische Anschauung, am Hof der Babenberger in Wien spielte sich um 1200 eine so genannte Fehde zwischen dem Hofsänger Reinmar und dem vornehmlich reisenden Dichter Walther von der Vogelweide ab. Diese den unterschiedlichen Sangvorstellungen beider geschuldete Fehde soll letztlich zu Gunsten des dort etablierten Sängers Reinmar entschieden und mit Walthers Weggang aus Wien komplettiert worden sein. Die neuere Forschung dagegen distanziert sich von der Konstatierung einer historischen Realität dieses ‚Wiener-Disputes’ zwischen Walther und Reinmar, ja schilt die Fehde an vielen Stellen sogar als philologisch inszeniert.
Nicht jedoch die Frage nach der faktisch-historischen Existenz dieser Fehde, sondern vielmehr die Frage nach den offensichtlich differierenden Auffassungen von Minne und Minnesang beider Dichter ist Gegenstand dieser Untersuchung. Zu diesem Zwecke wird zunächst historisch dekontextualisierend beiden Minnesängern eine Vorstellung von einem idealtypischen Gattungskonzept Minnesang unterstellt. Daraufhin werden die für die (fingierte) ‚Dichter-Fehde’ relevanten Lieder – nicht zuletzt wegen oft eindeutiger intertextueller Verweisungszusammenhänge – parallelisiert.
Stark idealisierend also und von einem dichtungstheoretischen Diskurs über Minne und Minnesang zwischen Reinmar und Walther ausgehend werden vornehmlich die intertextuell reziprok rekurrierenden Lieder beider unter der Fragestellung: ‚Inwiefern lassen sich Differenzen oder Kongruenzen in den idealtypischen Minnekonzepten ausmachen?’, untersucht.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Ein Wort zum Beginn

1.1 Wissenschaftlicher Disput und Untersuchungsintention

1.2 Die intertextuelle Rekurrenz – Reziproke Verweisung als Funktion der Minne

2 Der dichtungstheoretische Diskurs

2.1 Das Maß der dichterischen Auseinandersetzung mit dem Dichtungsgegenstand

2.2 Die Dichtungsthemata im Minnesang

2.3 Das Verhältnis zwischen Dichter und Dichtungsgegenstand

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die sogenannte „Reinmar-Walther-Fehde“ nicht als historisches Ereignis, sondern als dichtungstheoretischen Diskurs. Ziel ist es zu klären, inwiefern sich grundlegende Unterschiede oder Gemeinsamkeiten in den Minnekonzepten der beiden Dichter Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide durch ihre intertextuell aufeinander bezogenen Lieder nachweisen lassen.

  • Analytische Trennung von historischer Realität und philologischer Inszenierung der Fehde
  • Untersuchung der dichterischen Auseinandersetzung mit dem Dichtungsgegenstand (Frau/Minne)
  • Reflexion über poetologische Dichtungsthemata und intertextuelle Rekurrenz
  • Gegenüberstellung des subjektiv-authentischen Ansatzes Reinmars mit dem intersubjektiven, rollenorientierten Ansatz Walthers

Auszug aus dem Buch

2.1 Das Maß der dichterischen Auseinandersetzung mit dem Dichtungsgegenstand

Ein man verbiutet ane pfliht

Ein spil, des im doch nieman wol gefolgen mac

Redet Walther in seinem Lied Gegenmatt von einem „spil“, so kann nur ein konzipiertes und festgesetzten oder festzusetzenden Normen unterworfenes System gemeint sein. Doch von welchem „spil“ ist die Rede?

Der Bezug von Walthers Gegenmatt auf Reinmars Matt und Der Ostertag ist offensichtlich. Reinmar, der seinen Dichtungsgegenstand - eine fingierte oder eventuell gar historisch greifbar Dame - als „osterliche[n] tac“ tituliert, wird von Walther für diese hyperbolisierende Stilisierung aus der Perspektive des Gegenspielers mit den Worten „bezzer waere miner frowen senfter gruoz […]“ gescholten. Der Anlass Walthers intertextueller Bezugnahme ist offensichtlich dichtungstheoretischer Natur. Walther klagt Reinmar „[…] der grundsätzlichen Maßlosigkeit als Minnesänger an […]“. Das „spil“ das Reinmar zu „verbiute[n]“ droht, enttarnt sich als System Minnesang, welches Gesetzmäßigkeiten unterliegt oder zumindest unterliegen soll.

Betrachtet Walther Reinmar als ‚Spielverderber’, so kann er dies nur, existiert für Walther eine gattungstypische Idee des Minnesangs, welche den Vorstellungen Reinmars widerspricht. Erachtet man zusätzlich Der Ostertag als paradigmatisches Lied Reinmars Minnesangvorstellung, so ergibt sich eine Art Diskurs zwischen Reinmar und Walther über das Maß der dichterischen Auseinandersetzung mit dem Dichtungsgegenstand im System Minnesang. Auf der einen Seite steht demgemäß die Zulässigkeit einer fast exaltierten Stilisierung des Dichtungsgegenstandes in einem überaus gehobenen Duktus, auf der anderen Seite die Forderung einer moderaten und dem Dichtungsgegenstand adäquaten Zuwendung.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Ein Wort zum Beginn: Das Kapitel führt in den wissenschaftlichen Disput um die „Reinmar-Walther-Fehde“ ein und erläutert die methodische Entscheidung, die Fehde als dichtungstheoretischen Diskurs anstelle eines historischen Ereignisses zu untersuchen.

2 Der dichtungstheoretische Diskurs: Dieser Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Positionen der Dichter bezüglich des Maßes der Darstellung, der Dichtungsthemata und der Beziehung zwischen Dichter und Dichtungsgegenstand, wobei Walther Reinmar als Gegenpart im System Minnesang fungiert.

3 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass kein Konsens zwischen den beiden Dichtern erzielt wird, sondern ihre Dialoge einem festen Muster aus Angriff, Verteidigung und Immunisierung folgen, das ihre jeweils gegensätzlichen Gattungskonzepte verdeutlicht.

4 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur und Quellenausgaben.

Schlüsselwörter

Reinmar der Alte, Walther von der Vogelweide, Minnesang, Reinmar-Walther-Fehde, Dichtungstheorie, Intertextualität, Minnekonzept, Gattungskonzept, Dichtungsgegenstand, Poetologie, Fiktionalität, Intersubjektivität, Literaturwissenschaft, Mittelhochdeutsch, Rollendichtung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit untersucht die literarische Auseinandersetzung zwischen den Minnesängern Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide, die traditionell als „Fehde“ bezeichnet wird, unter dichtungstheoretischen Gesichtspunkten.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Felder sind der literarische Disput über das System des Minnesangs, die unterschiedlichen Auffassungen von Authentizität und Fiktionalität sowie die wechselseitige intertextuelle Bezugnahme in ihren Liedern.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?

Das Ziel ist herauszufinden, ob und wie sich in den Texten der beiden Dichter differierende oder kongruente Minnekonzepte manifestieren und wie diese Konzepte das Verständnis des „Minnesangs“ als System prägen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine historisch-dekontextualisierende, vergleichende Analyse der Lieder auf Basis der Edition von Friedrich Maurer durchgeführt, wobei die Texte intertextuell parallelisiert und im Hinblick auf den dichtungstheoretischen Diskurs interpretiert werden.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der dichterischen Auseinandersetzung mit dem Dichtungsgegenstand, die Untersuchung der Dichtungsthemata und die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Dichter und dem von ihm geschaffenen Gegenstand.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind Minnesang, Intertextualität, Gattungskonzept, Dichtungstheorie, Fiktionalität, Intersubjektivität sowie die Namen der beiden Protagonisten Reinmar und Walther.

Wie positioniert sich Walther von der Vogelweide gegenüber Reinmar?

Walther agiert als „Insurgent“, der das von Reinmar verfochtene starre, subjektive Minneideal durch Variation, Rollenmasken und die Einbeziehung einer intersubjektiven Publikumsperspektive herausfordert und parodiert.

Welches Ziel verfolgt Reinmar in seinen Rechtfertigungsversuchen?

Reinmar nutzt die metapoetische Reflexion primär defensiv, um sich gegen die Kritik Walthers zu immunisieren und die Authentizität und Homogenität seines eigenen, traditionellen Minneideals zu betonen.

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Details

Title
Die Reinmar-Walther-Fehde - Zwei minnetheoretische Konzepte in diskursiver Auseinandersetzung
College
http://www.uni-jena.de/  (Institut für germanistische Literaturwissenschaft)
Course
Die Reinmar-Walther-Fehde
Grade
1,0
Author
Michael Steinmetz (Author)
Publication Year
2005
Pages
21
Catalog Number
V47295
ISBN (eBook)
9783638442725
ISBN (Book)
9783638791311
Language
German
Tags
Reinmar-Walther-Fehde Zwei Konzepte Auseinandersetzung Reinmar-Walther-Fehde
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Michael Steinmetz (Author), 2005, Die Reinmar-Walther-Fehde - Zwei minnetheoretische Konzepte in diskursiver Auseinandersetzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47295
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