Literatur und Moral in Rosseau's erster Abhandlung


Essay, 2002
14 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

ESSAY

Literatur & Moral bei

Jean-Jacques Rousseau

Seminar: Literatur und Moral (51080)

Dozentin: Prof. Dr. Susan Neiman

SS 2002

Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen? Das ist die Frage, welche Jean Jacques Rousseau in seiner ersten Abhandlung im Jahre 1750 zu beantworten sucht. Ich werde versuchen, die Problemlage und die Situation nachzuzeichnen, die Rousseau als Hintergrund seiner Kritik an den Wissenschaften und den Künsten aufzeigt, um anschließend auf die zentralen Argumente und deren Stichhaltigkeit näher einzugehen und es wird sich erweisen müssen, ob Rousseaus Kritik in ihrer allgemeinen Form berechtigt ist und vor allem, inwieweit seine Grundgedanken auch in unserer heutigen gesellschaftlichen Situation als kritische Sichtweise auf Wissenschaften und Künste zu bewerten sind.

Um den Ausgangspunkt seiner verneinenden Antwort auf die vorgelegte Frage der Akademie von Dijon richtig zu verstehen, will ich zunächst eine Charakterisierung seines zentralen Begriffes der Tugend beziehungsweise der Sittlichkeit vornehmen. Er versteht darunter einen moralischen Verhaltenskodex, dessen Einhaltung eine positive Bewertung von Lebensführung erlaubt. Im engeren Sinne beschreibt Rousseau seine Vorstellung von Tugend mit menschlichen Einstellungen wie Liebe zur Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, Mäßigung im Umgang mit materiellen Dingen, Vaterlandsliebe im Sinne eines Gedankens an eine Heimat und deren Schutz, sowie Eigenschaften wie Tapferkeit, Mut und Pflichtbewusstsein. Oft verwendet er auch zur Verdeutlichung seines dem Tugendbegriff zugrundeliegenden Menschenbildes Worte wie einfach, natürlich oder bäurisch und versteht darunter ein hartes, aber naturverbundenes, ehrliches und auch freundschaftlich-geselliges Landleben. Mag man

dies auch für eine etwas romantische Sichtweise halten, unbestritten bildet jedoch diese Art gesellschaftlichen Zusammenseins einen scharfen Kontrast zum gewöhnlichen Umgang und

kulturell-sozialen Austausch der Menschen seiner Zeit, und es ist nicht übertrieben, diesen Kontrast auch in unserer Zeit zu betrachten. Doch warum besteht für Rousseau ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen einem menschlich-moralischen Verfall und einer hohen Wertschätzung kultureller Errungenschaften wie Wissenschaften und Künste?

Um diese Frage beantworten zu können, ist es sinnvoll, den Kunst- beziehungsweise Wissenschaftsbegriff von Rousseau einer näheren Bestimmung zu unterziehen. Denn um nachvollziehen zu können, wieso Rousseau in literarisch mitreißender Form die gegenwärtigen Wissenschaften und Künste verwirft, muss man verstehen, was er mit diesem Begriff eigentlich meint. Hier ist zunächst augenfällig, das die Literatur in seinem Kunstverständnis eine zentrale Rolle einnimmt, er spricht in diesem Zusammenhang von einer Vereinigung der „Kunst zu denken“ mit der „Kunst zu schreiben“ und ordnet richtigerweise auch das philosophische Wirken in der Geschichte in diesen Gesichtspunkt mit ein. Mit der Charakterisierung der Ursachen von Wissenschaft und Kunst, nämlich Müßiggang, Aberglaube, Hass, Stolz, eitle Neugierde und dergleichen mehr stellt Rousseau eine erste zentrale These auf. Er behauptet also, die Entstehung der Wissenschaften und Künste in der menschlichen Entwicklungsgeschichte sei den Lastern von Menschen zu verdanken. Neben der Plausibilität des Argumentes, das ein Mensch Zeit haben muss und damit eine gewisse Freiheit vom täglichen Überlebenskampf, um nachdenken zu können und dadurch kulturelle Fortschritte zu ermöglichen, ist jedoch wenig Grund anzunehmen, das diese Laster irgendwie den Wissenschaften und Künsten vorausgegangen sein sollten, zumindest nicht in dem Wortsinn, wie wir ihn heute verstehen. Wie sollte man beispielsweise einfach stolz sein, um dann etwas wie Kunst oder Moral hervorzubringen, oder ist es nicht vielmehr so, dass man stolz auf etwas ist, das schon in irgendeiner Form vorhanden sein muss, wenn auch möglicherweise nur eingebildet?

Davon unberührt bleibt jedoch sicherlich die richtige Einschätzung von Rousseau im Bezug auf eine gegenseitige Bedingtheit von Lastern und Müßiggang. Es ist jedoch zu ungenau, die Bedingung für eine Entwicklung von Wissenschaften und Künsten, das Zeit zur Verfügung haben, mit Müßiggang gleichzusetzen, es sei denn man behauptet alles neben dem täglichen Kampf um Essen und Schlafstätte sei per se Müßiggang. Richtig hingegen beschreibt Rousseau auch verschiedene Wirkungen von Kunst und Wissenschaft, beispielsweise die verführende und verschleiernde Wirkung zu unmoralischen Einstellungen oder die Verwendung als reinen Zeitvertreib oder bloßer Unterhaltung, welche mit einer Abwendung von Übungen in tugendhaftem Leben einhergeht. Sind jedoch dadurch alle Beschreibungen beziehungsweise Charakterisierungen von Wissenschaften und Künsten schon erschöpft?

Auch Rousseau erkennt den doppelten Charakter der Verwendung von Wissenschaften und Künsten im Gebrauch oder im Missbrauch derselben. Emphatisch betont er jedoch, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen immer zum Missbrauch im oben beschriebenen Sinne neigt und begründet dies mit dem kulturellen Einfluss, dem das Menschengeschlecht seit ihrem Beginn unterliegt. Das ist nur dann in einem nicht tautologischen Sinn zu

verstehen, wenn man dieser Einschätzung das Bild eines natürlichen unverbildeten und tugendhaften Menschen in Rousseaus Gedanken zugrunde legt, dessen tatsächliche Existenz jedoch, wie Rousseau später selbst in seiner zweiten Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen selbst eingesteht, zumindest zweifelhaft ist.

Demgegenüber sagt er jedoch, dass auch in unserer Zeit einzelne Menschen, die „Großen ihrer Zeit“, in der Lage sind, Wissenschaften und künstlerische Tätigkeiten in einem tugendhaften, das heißt moralisch-gesellschaftlich guten, Sinne zu begreifen und auszuüben. Damit verstärkt er die Aussage, dass die Kunst und die Wissenschaft nicht immer nur schlecht an sich sei, sondern wie ein gefährliches Werkzeug in der Gesellschaft zum Guten oder Schlechten gebraucht werden kann, und es zuzustimmen, dass dieser Gebrauch in der Verantwortung des jeweils Einzelnen zu suchen ist. Auch in unserem heutigen Alltag beweisen die sogenannten „schwarzen Schafe“ in den verschiedenen Disziplinen diese Theorie. Wichtig ist hier anzumerken, das eine Unterscheidung zwischen gutem Gebrauch und Missbrauch der Potentiale von Wissenschaften und Künsten immer einen Maßstab braucht, und es ist nicht unmittelbar einleuchtend, warum der Tugend-Maßstab von Rousseau nun gerade der Richtige sein sollte. Man kann diesen Gedanken auch in der Frage zuspitzen, warum eine Gesellschaft überhaupt einen Tugendkatalog zumindest im Sinne von Rousseau brauchen soll?

Der gute Gebrauch von Wissenschaft und Kunst für eine Gesellschaft liegt nach ihm jedenfalls in der Hand von einzelnen Genies, welche durch Berufung und mit uneigennützigem Anspruch an ihren Platz in den jeweiligen Formen von geistiger oder kreativer Arbeit gekommen sind und sich dadurch auszeichnen, dass für sie allein der Dienst an der Sache, nicht am Konsumenten wegweisend ist. Nun, das behaupten die meisten angehenden Literaten und Philosophen im Stadium ihres enthusiastischen Durchdringens der alten Meister, wie lässt sich also dieses Kriterium der Unterscheidung zwischen Genies und lasterhafter Mittelmäßigkeit möglichst noch vor dem Ableben der Person klären? Rousseau fügt dem Bild des Genies noch die Beschreibung hinzu, das diese niemals Lehrer benötigten und sozusagen aus eigener Kraft Neues schafften. Man kann sich darunter den einsam in

Bibliotheken sitzenden und in dem Selbststudium alter Werke vertieft lesenden dürren Kerl vorstellen oder den einfachen Naturburschen, der aus Spaß an der Freude den ganzen Tag

neuartige Bilder malt, wobei diese dabei freilich dafür Zeit haben müssten, die sie eigentlich durch die Ein- und Ausübung von Tugenden gar nicht haben dürften. Es bleibt dabei ein wenig unklar, ob Rousseau davon ausgeht, dass diese Genies gar nichts lernen müssen (in diesem Falle wäre dass Schaffen beziehungsweise der kulturelle Fortschritt ein reiner Glücksfall von zufälligen Individuen) oder ob sie nur ohne fremde Hilfe sich ihr Wissen angeeignet haben, doch in diesem Fall müssten die Genies wie schon erwähnt in Rousseaus Sinne ihre Tugendübungen vernachlässigen (man beachte hier auch seine Charakterisierung von Müßiggang, die zur Herausbildung von Künsten und Wissenschaften geführt haben soll!), um ihr Genie auszubilden, und dies wüsste man wieder erst hinterher. Trotz einiger Widersprüchlichkeiten trifft wahrscheinlich die zweite Einschätzung Rousseaus Intention eher und ist auch vorrangig in einem bildungskritischen Tenor zu lesen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Literatur und Moral in Rosseau's erster Abhandlung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V47312
ISBN (eBook)
9783638442879
ISBN (Buch)
9783638750820
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Literatur, Moral, Rosseau, Abhandlung
Arbeit zitieren
Kai Lehmann (Autor), 2002, Literatur und Moral in Rosseau's erster Abhandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47312

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