Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens 'Our Mutual Friend'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

30 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische Elemente im Zusammenhang mit Charles Dickens’ eigener Beziehung zum Wasser

2. Die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes Element in Charles Dickens’ Our Mutual Friend
2.1 Die Bedeutung des Flusses als Kloake der Stadt und Todesort der moralisch depravierten Figuren Gaffer Hexam, Rogue Riderhood und Bradley Headstone
2.2 Die Bedeutung des Flusses als Zufluchts- und Todesort sowie als Spiegel der menschlichen Existenz am Beispiel des Todes Betty Higdens

3. Die Funktion des Flusses als Leben spendendes Element im Zusammenhang mit den regenerierenden Taufen John Harmons und Eugene Wrayburns für die Entwicklung ihrer neuen Identitäten in Charles Dickens’ Our Mutual Friend

Zusammenfassung

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„The river (...) is a symbol of death and rebirth, and of the way (...) life and death are inextricably related." 1

Charles Dickens' Our Mutual Friend (1864 - 65) wird von der Kritik gemeinsam mit seinem vorhergehenden Roman Great Expectations (1860 -61) und dem nachfolgen­den Fragment The Mystery of Edwin Drood (1870) als sein Spätwerk angesehen2. Diese Werke der Reifezeit sind so genannte „Gegenwartsromane", die sich nach Lud­wig Borinskis3 Ansicht vor allem durch Dickens' ernsthafte und durchdachte Ausei­nandersetzung mit politischen und sozialen „Gegenwartsfragen" auszeichnen. Diese Meinung gehört zur jüngeren Forschung, die den sozialkritischen Aspekt in Dickens' Romanen in seiner Bedeutung und Tragweite anerkennt. Nach Borinski verfügen diese Romane darüber hinaus über eine äußerst sorgfältige Handlungsführung sowie über eine reife sprachliche Ausgestaltung, die mit Dickens' Bekundung eines neuen Men­schenbildes verbunden ist. Dickens, der zu dieser Zeit überaus unzufrieden mit den so­zialen Verhältnissen gewesen ist, entwirft in diesen späten Romanen im Allgemeinen ein weit gehend negatives Bild des gesellschaftlichen Zustandes4.

Obwohl Dickens' Spätwerk in der neueren Forschung, seit dem Zweiten Weltkrieg, ein relativ hohes Ansehen genießt, ist zu beachten, dass die ältere Forschung diese Werke durchaus stark kritisiert hat. Beispielsweise vertrat Wilhelm Dibelius 1916 die Ansicht, dass Dickens' Schaffenskraft mit A Tale of Two Cities (1859) „die letzte gro­ße Frucht gezeitigt"5 hat. Auch der junge Henry James urteilte bereits 1865 ähnlich, denn er hielt insbesondere Our Mutual Friend für den oberflächlichsten Roman von Dickens, für ein zu wenig gefühltes und ein zu intensiv geschriebenes Werk. Er ging sogar soweit, dem Roman jeglichen Realitätsbezug abzusprechen: „Our Mutual Friend is, to our perception, the poorest of Mr. Dickens' s works(...) [it] is dug out as with a spade and pickaxe (...). What a world were this world if the world of Our Mutual Friend were an honest reflection of it!" 6 In dieser vernichtenden Rezension wirft Ja­mes Dickens die Oberflächlichkeit vor, die dieser gerade als Charakteristikum der Ge­sellschaft bloßzustellen versucht. James war aber offensichtlich auch von Dickens' Gebrauch der Symbolik irritiert.

In der Tat ist Dickens' Neigung zur Symbolik in Our Mutual Friend auch noch später von Interpreten kritisiert worden. Beispielsweise spricht Horst Oppel sogar da­von, dass Dickens eine große Unsicherheit zeigt, sich offenbar auf seine Symbole nicht mehr verlassen kann und deshalb „Zuflucht zur Symbolhäufung“ nimmt 7. Er ist außerdem der Ansicht, dass sich die Fülle der Symbolbeziehungen in Our Mutual Friend ausschließlich aus dem Defizit einer inneren Einheit im Welt- und Menschen­bild Dickens' erklären lässt. Oppel kritisiert also primär die Unverbundenheit der Elemente sowie die mangelnde Kohärenz in der Entwicklung der Handlung 8.

Dennoch scheinen die Symbole, insbesondere das Grundsymbol Fluss, Dickens' Our Mutual Friend erst zu einer Einheit zu machen. Dabei wird die Themse in diesem Werk, wie in allen Romanen der Reifezeit, in denen London Ort des Geschehens ist, zum Schauplatz der Handlung 9. Obwohl die Themse in Our Mutual Friend als ein zum Abwasserkanal verkommener Fluss dargestellt wird, ist sie das wesentliche ver­bindende Element, durch das die zentralen Handlungsstränge aufeinander bezogen werden. Die beiden Handlungsstränge ordnen sich dabei zu zwei Figurengruppen, um John Harmon, Bella Wilfer und den Boffins sowie um Lizzie Hexam, Eugene Wrayburn und Bradley Headstone. Aus diesem Grund erscheint die Themse, die das Schicksal, Leben und Tod, der Figuren bestimmt, als ihr „gemeinsamer Freund“ 10. Es ist also die außermenschliche Erscheinung Fluss, die zwischen den Figuren eine Ver­bindung herstellt.

Die Betrachtung der Bedeutung des Flusses, der Themse, ist grundlegend für das Verständnis des Romans Our Mutual Friend, zumal der Fluss eine Verbindung zwi­schen den Figuren und den Handlungssträngen herstellt. Auf diese Weise macht der Fluss als Symbol den Roman erst zu einem kohärenten Gefüge. Aus diesem Grund soll in der folgenden Analyse die Funktion des Flusses als antinomisches Element in den Mittelpunkt gestellt werden. Hierzu erscheint es notwendig, zunächst auf die grundle­gende Bedeutung von Wasser und Fluss als widersprüchlichen, da Leben spendenden und Leben vernichtenden Elementen einzugehen. Dabei soll auch Dickens' Beziehung zum Motiv Wasser angesprochen werden, da sich auf diese Weise sein Rückgriff auf bestimmte, mit dem Wasser verbundene Leitgedanken erklären lässt. Anschließend soll zum einen die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes, zum anderen als Le­ben spendendes Element in Dickens’ Our Mutual Friend untersucht werden.

1. Die grundlegende Bedeutung von Wasser und Fluss als antinomische Elemente im Zusammenhang mit Charles Dickens' eigener Beziehung zum Wasser

Da der Fluss das zentrale Symbol in Our Mutual Friend darstellt, erscheint es sinnvoll, zunächst auf die grundlegende Bedeutung von Fluss und Wasser einzugehen. Auf die­se Weise kann der Verweisungsbereich umrissen werden, aus dem Dickens schöpft, wenn er das Wasser im Hintergrund einzelner Szenen in Our Mutual Friend gegen­wärtig sein lässt.

Das Wasser enthält im Allgemeinen eine Vielzahl von Deutungsmöglichkeiten, die teilweise auf archaische, aus mythischem Denken gespeiste Vorstellungen zurückge­hen. Die lebenserhaltende Kraft der Gewässer hinterließ nämlich bereits Spuren in Mythen und Erzählungen von Meeresgottheiten 11. Das Wasser ist deshalb ein arche­typisches Symbol, ein Urbild. Schon in der Antike galt das Wasser aufgrund seines fluiden, beweglichen Charakters als Symbol des Antinomischen und Paradoxen.

Einige Bedeutungsgehalte des Wassers ergeben sich aus seinen verschiedenen Er­scheinungsformen. Zum Beispiel ist die Quelle generell ein Sinnbild des Ursprungs, während der Fluss ein Gleichnis des menschlichen Lebens darstellt und auch als ein Spiegel der menschlichen Existenz angesehen werden kann. Der Fluss stellt zudem auch ein Symbol für den Lebensweg des Menschen und für die verrinnende Zeit dar. Das Meer ist dagegen ein Bild der Ewigkeit und ein Sinnbild des ruhenden Seins 12. Weitere Bedeutungsgehalte ergeben sich aus Assoziationen, die dem Wesen des Ele­ments Wasser selbst entspringen. Beispielsweise versinnbildlicht die Beweglichkeit des Wassers das Lebendige, die Wandelbarkeit des Moments und somit auch das Ver­gängliche. Mit seiner Verformbarkeit wird das Wasser aber generell zum Bild des Le­bens. Darüber hinaus wird das Wesen des Wassers mit der Vorstellung des ewigen Kreislaufs verbunden sowie mit der ambivalenten Fähigkeit, sowohl Leben hervor­bringen als auch solches vernichten zu können l3.

Auch der Fluss ist, wie das Wasser selbst, ein antinomisch gestaltetes Natursymbol. Seine Gestalt wird sowohl durch die Landschaftsform als auch durch die Fluidität und Beweglichkeit des Wassers bestimmt. Der Fluss bildet als Gestaltzusammenhang ein abgeschlossenes und gegliedertes Ganzes, das durch die zielgerichtete Bewegung des Wassers vom Festland abgetrennt ist 14. Die Gestalt des Flusses ist dabei so prägnant, dass seine spezielle Eigenart kaum verändert werden kann.

Bereits in der Romantik nahmen Wassermotive einen breiten Raum in der Literatur ein. Doch während Dichter der Romantik das Wasser ausschließlich als Element des Erhabenen, als ein dem Wesen der Natur besonders nahe stehendes Element behandelt haben, schöpft der späte Dickens seine Symbole nicht mehr aus dem antiken oder mit­telalterlich - romantischen Vorstellungsbereich l5. Für Dickens bringt seine unmittel­bare Umwelt nämlich alle Bedingungen mit, um zur mythischen Landschaft zu wer­den. Zwar übernimmt Dickens traditionelle Aspekte der Flusssymbolik, nämlich die Eigenschaft des Flusses, sowohl Leben zu spenden als auch zu vernichten, gewinnt aber Eigenständigkeit durch die Deutung der Themse als Kloake und Schauplatz des Konkurrenzkampfes. Bei Dickens bilden somit auch Fluss und umgebendes Land eine Ausdruckseinheit. Auf diese Weise werden Horizontalerstreckung und Tiefendimensi­on der Themse gleichermaßen bedeutsam für die Darstellung gesellschaftlicher und moralischer Verkommenheit16. Auf diese Zusammenhänge wird in der folgenden Analyse besonders einzugehen sein.

Die Beschäftigung mit dem Motiv Wasser ist bei Dickens vorwiegend biographisch begründet. Als Zwölfjähriger war Dickens nämlich gezwungen, in einer Fabrik zu ar­beiten, von der aus er die Themse überblicken konnte. Aus diesem Grund erscheint es nahe liegend, das Motiv des Wassers bei Dickens als ein Symbol der Freiheit anzuse­hen l7. Jedoch ist die biographische Auslegung wenig aussagekräftig über den eigent­lichen Symbolgehalt des Flusses, da sich dieser nicht im bloßen Aufzeigen eines Be­reichs der Freiheit erschöpft. Das Symbol Wasser und die damit verbundene Assozia­tion mit der Freiheit enthält nämlich auch dessen Antinomien. Diese ergeben sich dar­aus, dass dem Wesen der Freiheit das Element der Auflösung inhärent ist.

Die Vorstellung des Ertrinkens, die Entgrenzungserfahrung im Wasser, übte dabei auf Dickens eine ans Obsessive grenzende Faszination aus. Am deutlichsten kommt der Zwangscharakter dieser Vorstellung darin zum Ausdruck, dass das Motiv des Er­trinkens in den Werken ständig wiederkehrt, so auch in Our Mutual Friend. Das Er­trinken stellt dabei einerseits den Angsttraum schlechthin dar und enthält zudem die Assoziation des Verfalls und des Todes. Andererseits stellt das Ertrinken und die Er­rettung aus diesem Zustand auch die Möglichkeit einer Wiedergeburt im Leben dar l8. In der folgenden Analyse soll insbesondere auf den Konnex von Ertrinken, Errettung und Wiedergeburt im Leben beziehungsweise auf die Verbindung zwischen Ertrinken und Tod und dem Wesen der Figuren eingegangen werden.

2. Die Funktion des Flusses als Leben vernichtendes Element in Charles

Dickens' Our Mutual Friend

2 . l. Die Bedeutung des Flusses als Kloake der Stadt und Todesort der moralisch depravierten Figuren Gaffer Hexam, Rogue Riderhood und Bradley Headstone

Die Themse erscheint in Our Mutual Friend primär als ein verdorbener, zum Abwas­serkanal verkommener Fluss. Die Themse ist deshalb nicht mehr ein Stück unberührte Natur, sondern vielmehr ein abweisender, dunkler Bereich. Auf diese Weise präsen­tiert sie sich vor allem als zerstörendes, zersetzendes Element, das alle in seinem Be­reich liegende Dinge der eigenen Formlosigkeit anzugleichen trachtet:

And everything so vaunted the spoiling influences of water – discolored copper, rotten wood, honey-combed stone, green dank deposit – that the after–consequences of being crushed, sucked under, and drawn down, looked as ugly to the imagination as the main event. (OMF, I, Kap. XIV, S. 173; Hervorhebung SP)

Der Fluss wird als eine zerstörerische Kraft dargestellt, die das individuelle Leben in amorphen Urschlamm aufzulösen trachtet. Hierbei gibt es auch eine Parallelisierung von Fluss und Land, denn die Themse ist von „ooze and scum“ (OMF, IV, Kap. XV, S. 781) umgeben. An ihrem Ufer gehen die waterside men nämlich ihren undurchsich­tigen Geschäften nach, und im Allgemeinen wird der „menschliche Abschaum“ der Stadt an die Ufer des Flusses gedrängt, wo er in den verseuchten Fluten zu versinken droht:

(...) by the Docks (…) down by where accumulated scum of humanity seemed to be washed from higher grounds, like so much moral sewage, and to be pausing until its own weight forced it over the bank and sunk it in the river. (OMF, I, Kap. III, S. 30; Hervorhebung SP)

Dennoch erscheint die Themse als breit dahinfließendes Gewässer, das seinen Weg ungeachtet aller Hindernisse nimmt, als Lebensstrom 19 . Da das Wasser der Themse primär als ein aggressives Element erscheint, kann es dadurch aber seine Umwelt transformieren. Es vermag nämlich alles, was sich in seinen Bereich begibt, in einer unaufhaltsamen Bewegung mit sich fortzuführen. Diese Tatsache weist bereits auf die ambivalente Qualität des Flusses hin. In Our Mutual Friend nimmt dabei insbesondere der zähe Morast der Tiefe metaphorische Bedeutung an, denn er versinnbildlicht den moralischen Sumpf, in den verdorbene Menschen herabgezogen werden. Auf diese Weise wird die Themse zum Todesort von verabscheuungswürdigen Individuen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens 'Our Mutual Friend'
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Anglistik und Amerikanistik)
Note
1,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V47376
ISBN (eBook)
9783638443388
ISBN (Buch)
9783638658768
Dateigröße
738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktion, Flusses, Element, Charles, Dickens, Mutual, Friend
Arbeit zitieren
Sirinya Pakditawan (Autor), 2003, Die Funktion des Flusses als antinomisches Element in Charles Dickens 'Our Mutual Friend', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47376

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