Die Entwicklung eines evidenzbasierten Informationsfolders zum alltäglichen Umgang mit Menschen mit Tracheostoma


Bachelorarbeit, 2017

54 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Physiologie der Atemwege
2.1. Pharynx
2.2 Larynx
2.3 Trachea
2.4 Pulmones

3 Stimmbildung

4 Das Tracheostoma
4.1 Arten der Tracheotomie
4.2 Art des Tracheostoma- Systems
4.2.1 Trachealkanüle
4.2.2 Tracheostomaplatzhalter
4.2.3 Tracheostomapflaster

5 Körperbild

6 Ziel der Arbeit

7 Methode

8 Ergebnisse
8.1 Inhaltliche Gestaltung
8.1.1 Erkenntnisse aus der Sicht der körperlich gesunden Personengruppe
8.1.2 Erkenntnisse aus Sicht der körperbildveränderten Personengruppe
8.2 Grafische Gestaltung
8.3 Finale Foldergestaltung
Pretest

9 Diskussion

10 Fazit

Literaturverzeichnis

Kerngedanken MindMap

Studienübersicht

Scribble des Informationsfolders

Finaler Informationsfolder

Zusammenfassung

Hintergrund: Laut aktuellen Statistiken ist das Aufkommen von tracheotomierten Personen im ambulanten Bereich ansteigend. Daraus resultiert ein neuer Bedarf an Informationsmedien, um eine soziale Integration und den Gedanken der Inklusion zu unterstützen. Bezüglich des Erstkontaktes des sozialen Umfeldes mit körperbildveränderten Personen gibt es derzeit keinerlei Informationsmaterialien.

Ziel: Erstellung eines evidenzbasierten Informationsfolders. Dieser soll die Bedürfnisse im Erstkontakt mit körperbildveränderten, tracheotomierten Personen unterstützen.

Methode: Durch eine Literaturrecherche werden Bedürfnisse von tracheotomierten Rezipienten ermittelt. Gleichwohl werden auch die Bedarfe von Menschen, welche im primären Kontakt mit körperbildveränderten Personen stehen, einbezogen.

Ergebnisse: Mit Hilfe der erlangten Erkenntnisse wurde ein Wickelfalzfolder erstellt. Dieser verarbeitet alle Bedarfe an inhaltlichen und grafischen Erfordernissen, orientiert an der Wittener Liste.

Diskussion: Der Informationsfolder enthält alle Erkenntnisse des psychischen Erlebens von Menschen mit Tracheostoma und übermittelt konkrete Handlungs-empfehlungen und Wissen an den Adressanten. Die Güte dieses Instrumentes muss mit Hilfe einer Evaluierung verifiziert und validiert werden.

Schlüsselwörter: Umgang mit tracheotomierten Menschen, Berührungsängste Tracheostoma, Körperbild, Körperbildveränderung,

*Genderhinweis: Personenbezogene Bezeichnungen sind genderneutral zu verstehen.

Abstract

Background: According to current statistics, the incidence of tracheostomized per-sons in the outpatient area is increasing. This results a new need for information media, to support social inclusion. There are currently no information materials for the first contact of the social environment with persons with a change of body image.

Aim: Creation of an evidence-based information folder. This is to support the needs in the initial contact with physically altered, tracheostomized persons.

Methods: A literature search is used to determine the needs of tracheostomized recipients. At the same time, the needs of people who are in first contact with physically modified persons are also included.

Results: With the help of the acquired knowledge, a folded folder was created. This processes all requirements of content and grafical requirements, based on the Wittener Liste.

Discussion: The information folder contains all the findings of the psychological experience of people with tracheostomy and conveys concrete recommendations for action and knowledge to the addressee. The quality of this instrument must be verified and validated with the help of an evaluation.

Keywords: Dealing with tracheostomized people, fear of contact with tracheost-omized people, body image, body image change,

*Gender reference: Person-related names are gender-neutral.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Nasenhöhle mit Rezeptoren der Geruchswahrnehmung (Vent, 2017)

Abbildung 2 Abschnitte des Pharynx (Schneck, 2014)

Abbildung 3 Luftstrom vor und nach einer Tracheotomie (BMV GmbH, 2017)

Abbildung 4 Metallverstärkte, blockbare Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017a)

Abbildung 5 nicht blockbare Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017b)

Abbildung 6 gefensterte Kunststoff-Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017c)

Abbildung 7 gefensterte Kunststoff-Trachealkanüle mit HME-Filter (Bundesverband Schädel-Hirnpatienten in Not e.V., 2017)

Abbildung 8 Sprechaufsatz (TRACOE medical GmbH, 2017d)

Abbildung 9 Phonation mit Sprechaufsatz(BMV GmbH, 2017)

Abbildung 10 Tracheostomaplatzhalter (HEIMOMED Heinze GmbH & Co.KG, 2017)

Abbildung 11 Tracheostomapflaster mit HME-Filtereinsatz (Reich, 2017)

Abbildung 12 Vier-Komponenten-Modell nach Legenbauer und Vocks (Lemche, 2016)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Fallzahlen Tracheostomie (Statistisches Bundesamt)

Tabelle 2 Studienergebnisse Eigenschaftszuordnung (Weinberg, 1976)

1 Einleitung

In den vergangenen Jahren bewirkte die ständige Weiterentwicklung der medizinischen Möglichkeiten ein stetiges Wachstum der Versorgung von chronisch erkrankten Personen im ambulanten Bereich. Unter dem Gesichtspunkt, dass Kehlkopfkrebs zu den zweithäufigsten Tumorerkrankungen des Atemtraktes zählt, ist mit einem deutlichen Zuwachs der Erkrankung in den nächsten Jahren zu rechnen. Jährlich kommen schätzungsweise 20.000 neu erkrankte Männer und 5.600 neu erkrankte Frauen in Deutschland hinzu. Die Frauenquote ist dabei, wie die Männerquote, ansteigend (Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren- Heilkunde, 2011). Demzufolge wird es zu einem immer häufigeren Auftreten von Tracheotomien führen. Denn die Tracheotomie ist derzeit eine der einzigen wirkungsvollen Therapiemöglichkeiten dieser schweren Erkrankung. Auch andere chronische Lungenerkrankungen erfordern in einem fortschreitenden Stadium die Anlage eines Tracheostomas. Im heutigen Zeitalter ist in den meisten Fällen keine stationäre Behandlung mehr nötig. Somit ist es Personen möglich, mit einer so schweren chronischen Erkrankung, ggf. mit Beatmungspflicht, im häuslichen Umfeld am täglichen Leben teilzunehmen. Durch die Kampagne Körperstolz wurde 2015 die Aufmerksamkeit vermehrt auf chronische Erkrankungen gerichtet. Die genannte Kampagne ist eine Fortführung der Motivreihe Maßstab Mensch, mit welcher die Aufmerksamkeit von chronischen Erkrankungen im häuslichen Setting gewonnen werden soll. Es wird vermittelt, dass man trotz schwerer Erkrankung mitten im Leben stehen kann und dass dieser Zustand keiner Tabuisierung bedarf (Bundesverband Medizintechnologie e.V., 2016). Vor dem Hintergrund der in 2009 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention wird die Wichtigkeit für eine Inklusionspolitik deutlich. Bereits bei der Integration von Menschen mit Behinderung treten im Alltag immer wieder Hindernisse auf. In der vorliegenden Bachelorarbeit soll nicht der Aspekt der Barrierefreiheit im Umfeld betrachtet werden, sondern vielmehr die zwischenmenschlichen Beziehungen von Personen mit Beeinträchtigungen und deren Umfeld ins Visier genommen werden. Es soll auf Reibungspunkte aufmerksam gemacht und eine Lösungsstrategie mit einem selbst entworfenen Instrument vorgestellt werden. Zu Beginn werden anatomische und physiologische Besonderheiten bei Menschen mit Tracheostoma erläutert. Im Weiteren werden Methoden aufgezeigt, mit denen die ausgehenden Berührungsängste mit körperbildveränderten Personen reduziert bis vollständig abgebaut werden können. Um die Physiologie- und Anatomieveränderungen von tracheotomierten Personen besser zu verstehen, folgt nun der aktuelle Stand der Forschung.

2 Physiologie der Atemwege

Das Atmen (Respiration) ist eine lebensnotwendige Fähigkeit des menschlichen Organismus, welche unwillkürlich seit der Geburt einsetzt. Gleichwohl kann der Atemvorgang temporär eingeschränkt, willkürlich gesteuert werden. Emotionale Befindlichkeiten sind stark mit der Atmung verknüpft. "Bei Ärger und in Stresssituationen haben viele Menschen das Gefühl, dass ihnen ´die Luft abgeschnürt´ wird. Atemnot löst beim Menschen Panik und das Gefühl von Bedrohung aus." (Röhm-Kleine & Keller, 2014, S. 331) Dementsprechend ist es ein fundamentaler Bestandteil der Lebenserhaltung, dieses Vitalzeichen aufrechtzuerhalten.

Ein physiologischer Atemzyklus besteht aus zwei Teilschritten, der Einatmung (Inspiration) und der Ausatmung (Exspiration). Ziel der Respiration ist es, einerseits die Sättigung des Körpers mit Sauerstoff zu gewährleisten und anderseits das Stoffwechselendprodukt Kohlendioxid zu reduzieren. Dafür sind eine äußere und eine innere Atmung notwendig. Die äußere Atmung bezeichnet die Aufnahme von atmosphärischer Luft durch die Atemwege bis zu den Alveolen und die darauffolgende Diffusion in das Blutsystem. Ab der Verbrennung des diffundierten Sauerstoffes, welches in den Mitochondrien der Zellen stattfindet, wird von der inneren Atmung (Zellatmung) gesprochen (Menche, et al., 2012).

Sauerstoff ist mit 21-prozentigen Anteilen ein wichtiger Bestandteil des atmosphärischen Gasgemisches. Es ermöglicht dem Körper, den universalen Energieträger Adenosintriphosphat (ATP) zu generieren. Katabolische Stoffwechselprozesse, wie dieser, sind zur Energiegewinnung fundamental notwendig. Kohlendioxid als Stoffwechselendprodukt darf sich lediglich in einer streng definierten Menge im Körper befinden, um den Säure-Basen-Haushalt und damit die Funktionalität des Körpers nicht zu behindern. Es wird ein konkretes Funktionsoptimum für die Körperzellen, Gewebe und Enzyme bereitgestellt. Um eine Aufrechterhaltung der Lebensprozesse zu gewährleisten und willkürliche Muskelarbeit leisten zu können, muss eine ungehinderte Diffusion erfolgen. Somit ist der Erhalt eines intakten Atemweges lebenswichtig. Die oberen und unteren Atemwege werden im nächsten Schritt näher dargestellt und ihre Funktion erläutert.

2.1. Pharynx

Die benötigte Atemluft wird unter Erzeugung eines Unterdruckes durch das Diaphragma und der Mm. intercostales externi in die oberen Atemwege geleitet. Diese werden in den Naso-, Oro- und Laryngopharynx unterteilt. Die Zirkulation des Gasgemisches im oberen Nasengang (Nasopharynx) ermöglicht eine ausreichende Kontaktzeit an der Regio olfactoria (Riechschleimhaut mit Riechnerven). Dadurch wird ein Reiz an den Bulbus olfactorius (Riechkolben) zum N. olfactorius (Geruchsnerv) weitergeleitet (Speckmann, Wittkowski, & Enke, 2017). Zur besseren Visualisierung wird auf Abbildung 1 hingewiesen. Es wird ein olfaktorischer Reiz im Gehirn verarbeitet und eine assoziierte Reaktion hervorgerufen. Sollte eine Geruchserkennung durch diese Schleimhaut nicht möglich sein, hält der menschliche Körper eine Backup-Funktion für grobe Geruchreize bereit. Lebensbeeinträchtigende Gerüche wie z. B Rauch, Ammoniak, Säuren und Menthol können mit dem trigeminal–nasalen System wahrgenommen werden (Hummel & Livermore, 2002). Es wird deutlich, wie wichtig die Fähigkeit des Wahrnehmens von Gerüchen für Lebewesen ist. Das olfaktorische System ist mit gefühlsbetonten Hirnstrukturen verbunden und erzeugt somit einen Zusammenhang von Gerüchen zu Gefühlsempfindungen. Neu aufgenommene Informationen werden mit bereits gespeicherten Sinnesempfindungen assoziiert und erhalten eine entsprechende Bedeutung. Sie erzeugen ein fest verknüpftes Gefühl beim Individuum (Speckmann, Wittkowski, & Enke, 2017).

Eine weitere wichtige Funktion der Nase ist das Filtern von Schadstoffen in der Atemluft mit den vorhandenen Vibrissae (Nasenhaaren), welche der Regio respiratoria entspringen. Gleichwohl wird die Luft befeuchtet und erwärmt. Durch diesen Prozess wird eine Aufrechterhaltung der Physiologie des Atemsystems gewährleistet. Nach erfolgreichem Passieren des Nasopharynx (Nasenrachenraum) gelangt die gefilterte, angewärmte und befeuchtete Luft in den Oro- und Hypopharynx (vgl. Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Abschnitte des Pharynx (Schneck, 2014)

Dieser Abschnitt bildet einen wichtigen Beitrag zum lymphatischen System und somit zur Immunabwehr. Tonsilla pharyngea (Rachenmandel), Tonsillae palatinae (Gaumenmandeln) und Tonsilla lingualis (Zungenmandeln) bilden den lymphatischen Rachenring und detektieren in der vorbei, strömenden Atemluft und Nahrung vorhandene Pathogene und leiten eine entsprechende Abwehrreaktion ein. Somit werden die nachfolgenden Organe geschützt (Menche, et al., 2012). Eine weitere Schutzfunktion der darauf folgenden Abschnitte wird durch den Larynx gewährleistet.

2.2 Larynx

Der Larynx ist ein röhrenförmiges Knorpelgerüst, das sich vom Zungengrund bis zur Luftröhre erstreckt (Menche, et al., 2012). Er zählt mit der Trachea und den Pulmones zum unteren Respirationstrakt. Seine Funktion besteht aus dem Aspirationsschutz, der das Verschließen der Trachea während der Nahrungsaufnahme bewirkt, und der Unterstützung der Tussiven Clearance sowie der Phonation (Trebsdorf, 2011). Der Larynx wird aus fünf Knorpeln gebildet. "Der größte Knorpel ist der... Cartilago thyroidea, dessen scharfkantiger Vorsprung den Adamsapfel markiert." (Menche, et al., 2012, S. 268) Fixiert an diesem ist die Epiglottis. Durch das Anheben des Larynx zum Os hyoideum (Zungenbein) verschließt die Epiglottis bei Nahrungsaufnahme die Trachea und verhindert somit eine Penetration vom Bolus in die Atemwege (Menche, et al., 2012). Bei Aspiration wird ein Schutzreflex an dieser Stelle ausgelöst. Durch das heftige Ausatmen unter Einwirkung der Bauchpresse gegen die zunächst geschlossene Glottis (Stimmritze) und deren plötzliches Öffnen, werden Fremdkörper, Sputum oder schädliche Gase katapultartig entfernt (Röhm-Kleine & Keller, 2014). Dieser Vorgang wird als Tussive Clearance bezeichnet und dient zugleich der Infektionsabwehr (Oczenski & Andel, 2012). An der Unterseite der Cartilago thyroidea sind durch Gelenke, die Cartilago cricoidea (Ringknorpel) verbunden. Beide Knorpelstrukturen verleihen dem Respirationstrakt Stabilität und Schutz. Durch das vorhandene respiratorische Epithel wird eine weiterführende Atemgasklimatisierung und Reinigung gewährleistet.

Die Phonation wird durch zwei kleine am Cartilago cricoidea angehaftete Stellknorpel (Cartilagines arytenoideae) mit Stimmbändern ermöglicht. Auf die Bedeutung der Physiologie und Psychologie der Stimmgebung wird im weiteren Verlauf noch genauer eingegangen.

2.3 Trachea

Unterhalb des Ringknorpels folgt die elf cm lange Trachea. Die Trachea ist ein "muskulöser Schlauch, dessen Öffnung durch 16 - 20 C-förmige[n] Knorpelspangen offen gehalten wird. An ihrer Hinterwand hat die Luftröhre Kontakt zur Speiseröhre.“ (Menche, et al., 2012, S. 270) Sie reicht vom Larynx bis zur Bifurcatio tracheae. Durch ihre Elastizität ist eine reibungslose Bewegung beim Schlucken, Atmen und bei Bewegungen des Halses möglich. Ab der Bifurkation teilt sich diese in den linken und rechten Hauptbronchus und wird von da an als Bronchialbaum und Pulmones bezeichnet.

2.4 Pulmones

Der Bronchialbaum zählt zum letzten Abschnitt des unteren Atemtraktes und besteht aus den Bronchien und Bronchiolen. Dieser ist wie bereits die Trachea mit respiratorischen Flimmerepithel ausgekleidet. Gemeinsam mit den sekretorischen Zellen ist ein Erhalt einer funktionierenden mukuziliären Clearance möglich. Die mukoziliäre Clearance ist neben der tussiven Clearance ein wichtiger Reinigungsmechanismus des pulmonalen Abwehrsystems und ermöglicht eingedrungene Fremdpartikel und Mikroorganismen zu beseitigen (Rolltreppeneffekt). Es kommt zu einer Schleimproduktion von etwa 10-20 ml/Tag. Der Erhalt ihrer physiologischen Konsistenz ist für die Gesunderhaltung des Respirationstraktes fundamental bedeutend.

Dem Bronchialbaum schließt sich im weiteren Verlauf das gasaustauschende Respirationssystem an. Mit den Bronchioli respiratorii und den darauffolgenden Alveolen wird eine Sauerstoffaufnahme ins Blut und eine Kohlendioxidabgabe in den Atemtrakt ermöglicht (Oczenski & Andel, 2012).

3 Stimmbildung

Kommunikation ist das wichtigste Gut zwischenmenschlicher Teilhabe. Es ist die differenzierteste Ausdrucksform für den Menschen, um Gedankeninhalte widerzuspiegeln. Kommunikation wird auf nonverbaler und verbaler Ebene vollzogen. Das Interagieren erfolgt auf grob- und feinmotorischer, visueller und auditiver Verarbeitung, kognitiver, verbaler, sozialer und emotionaler Bereiche. Es soll darauf hingewiesen werden, dass die genannten Teilbereiche der Kommunikation sich gegenseitig bedingen. Bezogen auf den verbalen Teilaspekt kann dieser auf Sprache, Sprechen und Stimme unterteilt werden. Aufgrund der anatomischen Gegebenheiten und der kognitiven Fähigkeit ist es dem Menschen möglich, zielgerichtete Laute zu Worten und somit zu einer Sprache zu verknüpfen. Dabei wirkt die Stimme als ein unverwechselbarer Indikator für den Menschen (Böhme, 2003). Er formt die Identität des Einzelnen. Physiologisch betrachtet erfolgt die Stimmbildung durch das regelmäßige Schwingen der Stimmbänder aufgrund eines Luftstroms. Die Tonhöhe ist von der Schwingungsfrequenz der Stimmbänder abhängig. Durch stärkere Kontraktion der Pharynxmuskulatur wird eine erhöhte Spannung der Stimmbänder erzielt, was eine höhere Tonfrequenz zur Folge hat. Ein tieferer Ton wird aufgrund von abgeschwächter Spannung der Kehlkopfmuskulatur erlangt. Für eine Regulation der Phonationslautstärke wird die forcierte Exspiration verstärkt oder gemindert (Menche, et al., 2012). Ein Flüsterton wird durch das Nichtschwingen der Stimmbänder durch das Flüsterdreieck generiert (Trebsdorf, 2011). Die individuelle Klangfarbe wird aufgrund der unterschiedlichen anatomischen Strukturen der Nasen-, Mund- und Rachenhöhle erzeugt. Für eine adäquate Artikulation muss der genannte Resonanzraum (bestehend aus Nasen-, Mund- und Rachenhöhle) in seiner Form temporär veränderbar sein. Zur Bildung von Konsonanten wird der Resonanzraum stärker verengt, als es bei Vokalen vonnöten ist. Gleichwohl ist eine richtige Stellung der Zahnreihen, Lippen und der Zunge fundamental wichtig (Menche, et al., 2012).

Durch unterschiedliche Erkrankungen des oberen Atemweges kann der Phonationsvorgang teilweise oder ganz gestört sein. Eine mögliche Ursache ist zum Beispiel das Anlegen eines Tracheostomas.

4 Das Tracheostoma

Das Tracheostoma ist eine künstliche Verbindung der Trachea zur Außenwelt, welches unter Umleitung des physiologischen Luftstromes ein Atmen ohne obere Atemwege ermöglicht (vgl. Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Luftstrom vor und nach einer Tracheotomie (BMV GmbH, 2017)

Geschaffen wird diese Verbindung durch eine Tracheotomie. Als Tracheotomie wird das chirurgische Anlegen einer Öffnung in der Vorderwand der Trachea bezeichnet. Wird dabei die Luftrohre nach außen an die Halshaut verlegt und angenäht, spricht man von einer Tracheostomie (Lang, 2016). Im Weiteren sollen jedoch die beiden Begriffe synonym verwendet werden. Aus dem operativen Eingriff resultiert eine Umgehung des Nasenrachenraumes und eine daraus folgende Verkürzung des vorhandenen anatomischen Totraums (Bischoni, 2010). Diese physiologische Veränderung kann die Atmung bei bestimmten Erkrankungen erleichtern. Häufige Indikationen für ein Tracheostoma können notfallbedingte Stenosierungen des Larynx durch Tumore, Schwellungen, anaphylaktische Reaktionen und Fremdkörperaspirationen im Nasen-Rachen-Raum sein. Eine weitere Notwendigkeit ist durch beidseitige Stimmlippenparese, subglottische Stenose und pulmonale Erkrankungen gegeben. Bei chronischen Lungenerkrankungen wird durch das Stoma eine Erleichterung der Bronchialtoilette angestrebt, um das verändert auftretende Trachealsekret bestmöglich absaugen zu können. Bei Schluckstörungen mit permanenter Aspirationsgefahr und bei Langzeitbeatmungen wird diese Art der Versorgung gleichfalls zwingend notwendig (Seidl & Nusser-Müller-Busch, 2015). Neueste Fallzahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass 1´322 Laryngektomien und 16´733 permanente Tracheostomien im Jahr 2015 notwendig waren (Statistisches Bundesamt, 2017). Daraus resultiert ein jährlich stetiger Anstieg der genannten Prozedur im Jahresvergleich von 2012 bis 2015 (vgl. Tabelle 1). Ein ausschlaggebender Grund hierfür ist die zunehmende Tendenz der Erkrankungen des oberen Atemweges durch Tumore oder chronische Erkrankungen (Deutsche Geselschaft für Hals-Nasen-Ohren- Heilkunde, 2011).

Tabelle 1 Fallzahlen Tracheostomie (Statistisches Bundesamt)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die pathologischen Veränderungen als Konsequenz des neuen künstlichen Atemweges und die unterschiedlichen Versorgungsmöglichkeiten werden in den nächsten Abschnitten erläutert.

4.1 Arten der Tracheotomie

Primär wird zwischen der temporären und der dauerhaften/plastischen Tracheotomie unterschieden. Ein temporäres Tracheostoma wird angelegt, wenn mit einem Therapieerfolg/Therapieende innerhalb der nächsten 4-6 Wochen zu rechnen ist. Die Eventualität zum selbstständigen Verschließen ist bei dieser Therapievariante gegeben. Eine Anlage erfolgt meist durch eine konventionelle temporäre Tracheotomie oder Punktionstracheotomie. Beim erstgenannten Verfahren wird mindestens eine Trachealspange unterhalb des Ringknorpels mittels eines kleinen Hautschnitts (in Längs- oder Querrichtung) gesetzt, um das prälaryngeale Muskelgewebe freizulegen. Im darauffolgenden Schritt wird der entstandene Lappen aus der Trachealvorderwand an der Haut vernäht. Dieser Zustand ist reversibel und kann nach der geplanten Therapiedauer wieder zurückgeklappt werden. Die zweitgenannte Punktionstracheotomie bedient sich der Methode der Dilatation (mit Hilfe einer Endoskopie) und kann ebenso nach Beendigung der Therapie selbstständig verwachsen. Die sehr instabile Form des dilatativen Tracheostomas erschwert es dem Rezipienten, seine Selbstständigkeit zu erhalten, da es ein sehr pflegeintensiver Zustand ist. Seitens der Fachliteratur wird daher empfohlen, bei notwendiger Langzeittherapie mit einem Tracheostoma auf ein chirurgisch (plastisch) angelegtes Stoma zurückzugreifen. Bei der genannten Therapieform wird durch Eröffnung der Haut die prälaryngeale Muskulatur dilatiert und die Trachealvorderwand über drei Trachealknorpel reseziert. Im nächsten Schritt erfolgt die Fixierung der Trachealschleimhaut an der Außenhaut. Eine dauerhafte, nicht kollabierfähige Öffnung wird generiert. Bei einer späteren Therapiebeendigung muss das Tracheostoma operativ geschlossen werden (Seidl & Nusser-Müller-Busch, 2015). Vorteil dieses Verfahrens ist die vereinfachte Handhabung für den Rezipienten. Gleichwohl besteht ein beachtlicher Nachteil aufgrund des stark veränderten Körperbildes. Auf dieses wird in den späteren Abschnitten noch einmal differenzierter eingegangen. Ein weiterer Aspekt zur Veränderung des Körperbildes liegt auf Grund verschiedenartiger Tracheostoma-Systeme vor.

4.2 Art des Tracheostoma- Systems

Als Tracheostoma-System werden mehrere unterschiedliche Varianten der Tracheostoma-Versorgung durch Hilfsmittellieferanten bereitgestellt. Sie dienen der Erreichung unterschiedlicher Therapieziele und der Erhaltung der Lebensqualität. Eine grobe Kategorisierung kann in Trachealkanülen, Tracheostomaplatzhalter und Tracheostomapflaster erfolgen. Die Vor- und Nachteile dieser Systeme werden im weiteren Verlauf näher erläutert.

4.2.1 Trachealkanüle

Die Trachealkanüle ist ein unterschiedlich gekrümmter Schlauch, der in das Tracheostoma eingelegt wird. Diese ermöglicht ein Offenhalten des Tracheostomas. Die Materialbeschaffenheit wird an die individuellen Bedürfnisse des Rezipienten angepasst. Die geläufigsten Formen sind kunststoff- und metallspiralenverstärkte Kunststoffkanülen. Diese überzeugen aufgrund ihres hohen Tragekomforts. Bei raumfordernden Prozessen im Rachenbereich empfiehlt sich der Einsatz der genannten metallverstärkten Trachealkanülen, um eine permanente Durchgängigkeit des Luftweges zu gewährleisten (vgl. Abbildung 4).

Trachealkanülen aus Silber können aufgrund ihrer Gegebenheiten nur bei spontanatmenden Rezipienten mit intaktem Schluckvermögen angewandt werden. Sie sind durch ihr Material sehr stabil, hautverträglich, antibakteriell, und eine Adaption von Sekret ist stark reduziert. Ein deutlicher Nachteil ist der reduzierte Tragekomfort aufgrund seiner starren Beschaffenheit (Bundesverband Medizintechnologie e.V., 2009).

Geblockte/Ungeblockte Trachealkanüle

Eine weitere Einteilungsvariante der Hilfsmittel ist anhand ihrer Blockungsfunktion möglich. Blockbare Kanülen sind mit einem Cuff ausgestattet. Unter einem Cuff wird ein aufblasbarer Ballon am Schaftende definiert, welcher eine gute Abdichtung zwischen dem oberen und unteren Atemweg ermöglicht (vgl. Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 Metallverstärkte, blockbare Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017a)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 nicht blockbare Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017b )

Bei notwendiger Beatmungstherapie mit hohen Drücken und bei einer besseren Effizienzleistung der Beatmung ist eine geblockte Trachealkanüle indiziert. Nachteil dieser Therapieform ist der erschwerte Schluckprozess, welcher zu Aspirationen führen kann. Jedoch garantiert kein Cuff-System eine 100 prozentige Abdichtung der unteren Atemwege. Die Stimmbildung ist unter einer geblockten Kanüle nicht möglich, da der Luftstrom zu keiner Zeit in Kontakt mit den stimmbildenden Strukturen gelangt. Durch nicht blockbare Kanülen (vgl. Abbildung 5) besteht die Möglichkeit, durch den aufsteigenden Flow der Ausatemluft eine Phonation an den Stimmbändern zu erzeugen. Dafür wird jedoch deutlich mehr Atemarbeit als beim physiologischen Geschehen verlangt.

Gefensterte/Ungefensterte Trachealkanüle

Eine Unterstützung der Phonation, trotz Trachealkanüle, kann durch gefensterte Kanülen erfolgen (vgl. Abbildung 6).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 gefensterte Kunststoff-Trachealkanüle (TRACOE medical GmbH, 2017c)

Diese sogenannten Sprechkanülen ermöglichen durch ein Sieb (Fensterung) eine bessere Entweichung des Luftstroms durch den Larynx und somit eine erleichterte Stimmbildung. Dennoch besteht bei dieser Art der Versorgung eine große Gefahr der Aspiration und des Verletzens der Schleimhäute beim Absaugen von Sekret durch diese spezielle Kanüle. Zurückzuführen ist diese Gefahr auf das häufige Durchtreten des Absaugkatheters durch die Fensterung und ein folgendes Ansaugen der Trachealschleimhaut. Nicht selten werden dadurch lokale Blutungen hervorgerufen. In Fällen, wo ein häufiger Bedarf zur Bronchialtoilette besteht, ist ein Zurückgreifen auf ungefensterte Trachealkanülen zu empfehlen oder das Einsetzen einer ungefensterten Innenkanüle während des Absaugprozesses dringend notwendig (vgl. Abbildung 5).

Sprechventil/ HME Filter

Der Weg des exspiratorischen Atemgases kann unterstützend durch ein Sprachventil oder einem HME Filter am äußeren Ende der Trachealkanüle gesteuert werden. Ein HME-Filter (Heat-and-Moisture-Exchanger) dient als Wärme- und Feuchtigkeitsaustauscher und kompensiert die verlorene Funktion der Nase (vgl. Abbildung 7)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7 gefensterte Kunststoff-Trachealkanüle mit HME-Filter (Bundesverband Schädel-Hirnpatienten in Not e.V., 2017)

Durch das Aufsetzen eines HME-Filters (künstliche/feuchte Nase) erfolgt eine Reinigung, Erwärmung und Anfeuchtung der Atemluft durch ein lammellenartiges Zellulose-System. Gleichwohl bietet die feuchte Nase eine Möglichkeit, den veränderten Atemwiderstand (aufgrund der Aussparung des Nasen-Rachen-Raumes) wieder auf ein physiologisches Niveau anzuheben und die Druckverhältnisse in der Lunge zu normalisieren. Nachteil dieser Versorgung ist der Erhalt des veränderten Atemflusses und der somit kaum bis gar nicht ermöglichten Phonationsfähigkeit. In Fällen, bei denen die Stimmbildung als Therapieziel angestrebt wird, bietet sich das Verwenden einer gefensterten Trachealkanüle in Kombination mit einem Sprechventil an (vgl. Abbildung 8). Sprechventile ermöglichen bei der Inspiration die Aufnahme der Luft über den verkürzten Einatemweg durch die Kanüle. Bei der Exspiration wird dieser Weg durch eine Membran im Aufsatz verschlossen, und die Ausatemluft kann über das stimmbildende System nach außen abgegeben werden. Somit ist eine deutliche Verbesserung der Sprachqualität gegeben (vgl. Abbildung 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8 Sprechaufsatz (TRACOE medical GmbH, 2017d)

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Details

Titel
Die Entwicklung eines evidenzbasierten Informationsfolders zum alltäglichen Umgang mit Menschen mit Tracheostoma
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,2
Autor
Jahr
2017
Seiten
54
Katalognummer
V473878
ISBN (eBook)
9783668959286
ISBN (Buch)
9783668959293
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tracheostoma, Körperbild
Arbeit zitieren
Elisabeth Statnik (Autor), 2017, Die Entwicklung eines evidenzbasierten Informationsfolders zum alltäglichen Umgang mit Menschen mit Tracheostoma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/473878

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