Zu: Sigmund Freud - Das Unbehagen in der Kultur


Hausarbeit, 2003
11 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1.

Sigmund Freuds These im Kapitel VI, dass der Aggressionstrieb des Menschen ein Abkömmling und Hauptvertreter des Todestriebes[1] sei, der neben dem Eros zum Lebenskampf der Menschenart gehöre, lässt im darauf folgenden Kapitel die Frage aufkommen, warum nicht auch die Tiere einen solchen Kul­turkampf führen. Sehr wahrscheinlich, glaubte Freud, haben die Bienen, Amei­sen, Termiten durch Jahrhunderttausende darum gerungen, um in­nerhalb ihrer staatlichen Insti-tutionen jene Verteilung der Funktionen gegen den Preis be­schränkter Indivi-duen hervor bringen zu können, die wir heute bei ihnen bewundern.

Aus dem Wir, das er hier im Namen aller beansprucht, möchte ich mich ausklin­ken, denn mich können weder deterministische Geschichts­philosophien noch to­talitäre Ameisenstaaten begeistern; außerdem hoffe ich, dass sich der gegen­wär­tige Zustand menschlicher Empfindungen, dem ja wohl immer auch ein Quänt­chen Vernunft zur Seite steht, gegenüber solchen Tier­staaten, bei George Orwell auch „Farm der Tiere“ geheißen, niemals grundsätz­lich verändert.

Mich überzeugt mehr die Anschauung seines Zeitgenossen Max Scheler, der zu dieser Thematik sagte: Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben, das heftig es durchschauert, prinzipiell asketisch - die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend, d.h. ihnen Nahrung durch Wahrnehmungsbilder und Vorstellungen versagend - verhalten kann. Mit dem Tiere verglichen, das immer „Ja“ zum Wirklichen sagt - auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der „Neinsagenkönner“, der „Asket des Lebens“, der ewige Protestant gegen die bloße Wirklichkeit, der somit seine Triebenergie zu geistiger Tätigkeit „sublimieren“ kann.[2] Das von Freud betonte menschliche Triebverdrängen, das er fast nur negativ deutete, münzte Scheler produktiv um und sagte, dass der Mensch als der ewige „Faust“ die ihn umgebende Wirklichkeit ständig zu transzendieren sucht - dar­unter auch seine eigene jeweilige Selbstwirklichkeit. Das konstitutionelle „Nein“ zum Triebe lasse ihn deshalb seine Wahrnehmungswelt durch ein ideelles Gedankenreich[3] überwölben.

Abgesehen davon, bemühte sich Freud durchaus verdienstvoll um Fragen, die wesentlich sind und wohl noch lange aktuell bleiben, zum Beispiel: Welcher Mittel be­dient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehende Aggression zu hemmen, unschädlich zu machen, vielleicht auszuschalten?

Er glaubte, etwas Merkwürdiges entdeckt zu haben: Aggression könne auch ver­innerlicht, zum Ursprung zurück gedrängt, also gegen das eigene Ich gewendet werden. Anstatt sich an anderen auszutoben, stellt sie sich in strenger Aggres­sionsbereitschaft als Über-Ich in Form des „Gewissens“ gegen das Ich. Solch eine innere Transformation zeitigt natürlich auch eine Außenwirkung, was dazu führen kann, dass einem dann manche ähnlicher sehen als man sich selber, wie mein Dichterfreund Jürgen K. Hultenreich sagen würde.

Aus dieser Span­nung entstehe das Schuldbewusstsein, das sich als Strafbe­dürfnis äußere. Hier entwaffne gleichsam die Kultur die gefährliche Aggressi­onslust durch eine innere Instanz, der Freud jedoch ein ursprüngliches Unter­schei­dungs­vermögen für Gut und Böse absprach und der er stattdessen ei­nen fremden Einfluss zuwies, dem sich der Mensch aus Angst vor dem Liebes­verlust un­terwerfe.

[...]


[1] Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften, Einleitung von A. Lorenzer und B. Görlich, 7. unveränderte Auflage, Frankfurt / Main 2001 (Alle fett ausgedruckten Textstellen ohne weitere Fußnoten sind Zitate aus diesem Buch von S. 85 bis 108)

[2] Scheler, Max: Schriften zur Anthropologie. Stuttgart 1994, S. 176 f

[3] Ebenda, S. 177

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Zu: Sigmund Freud - Das Unbehagen in der Kultur
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät III)
Veranstaltung
Proseminar: Sozialphilosophische und anthropologische Aspekte bei Sigmund Freud
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
11
Katalognummer
V47448
ISBN (eBook)
9783638443975
ISBN (Buch)
9783638782272
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sigmund, Freud, Unbehagen, Kultur, Proseminar, Sozialphilosophische, Aspekte
Arbeit zitieren
Siegmar Faust (Autor), 2003, Zu: Sigmund Freud - Das Unbehagen in der Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47448

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