Einfluss von Social-Media-Plattformen auf Peer-Beziehungen Jugendlicher


Bachelorarbeit, 2019
59 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der Adoleszenz

3. Peer- und Freundschaftsbeziehungen
3.1 Perspektivenkoordination als Voraussetzung für soziale Interaktionen
3.2 Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen

4. Selbstkonzepte und Identitäten
4.1 Identitätsmodelle
4.2 Personale und soziale Identitäten
4.3 Selbstkonzept und Selbstwert

5. Zwischenfazit

6. Social Media – Einblicke in das Nutzverhalten Jugendlicher
6.1 Social-Media-Nutzung im historischen Verlauf
6.2 Schwerpunkte in der Social-Media-Nutzung
6.3 Instagram und Snapchat
6.4 Einfluss auf die Freizeitgestaltung

7. Identitäten und Soziale Medien
7.1 Funktionen Sozialer Medien
7.2 Impression Management
7.3 Virtuelle Schein-Identitäten?

8. Beziehungsmanagement und Soziale Medien
8.1 Online- vs. Offline-Beziehungen
8.2 Matthäus-Effekt

9. Risiken des medialen Körperkults
9.1 Körperwahrnehmung in der Adoleszenz
9.2 Perfektionsstreben
9.3 Problematische Communities

10. Fazit

11. Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

In der Adoleszenz durchläuft der Mensch wichtige psychische und physische Entwicklungsphasen, welche die Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich fördern und das Selbstbild sowie die Identität einer Person stabilisieren. Dabei handelt es sich um ein komplexes Zusammenwirken von äußeren Einflüssen und dem individuellen, subjektiven Umgang mit der sozialen und materiellen Umwelt, welche eine Entwicklung im Sinne der eigenen Bedürfnisse und Interessenlagen ermöglichen kann. Prozesse der Individuation und Integration sowie die individuelle und kollektive Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftlichen, materiellen und strukturellen, ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Umweltbedingungen spielen dabei eine tragende Rolle.

Soziale Netzwerke wie WhatsApp, Instagram und Snapchat erreichten heute einen Großteil der Jugendlichen und dienen als zentrale Plattformen der Kommunikation im Freundeskreis. Gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation gehören zu den natürlichen Bedürfnissen eines Menschen. Im Sinne eines biopsychosozialen Gesundheitsverständnisses wirken sich diese auch auf das Wohlbefinden eines Subjekts aus. Der Grad der Einbindung von heranwachsenden Jugendlichen in soziale Netzwerke im Internet kann sich daher sowohl positiv als auch negativ auf die psychische Entwicklung auswirken.1 Neben dem Aspekt der Kommunikation gibt es jedoch auch andere Motivationen für die Nutzung Sozialer Netzwerke. Durch die Entwicklung des Web 2.0 und neue Artikulationsformen, ist es für den Nutzer möglich, aktiv Inhalte im Internet mitzugestalten. Soziale Netzwerke sind ein Raum der Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung geworden.2 Die Chance auf Individualisierung und Entfaltung einer einmaligen Persönlichkeit kann unter dem Einfluss der sozialen Medien- und Konsumgesellschaft jedoch auch als Belastung und Druck wahrgenommen werden.

Da Heranwachsende im Jugendalter in ihrem Körperbild noch nicht gefestigt sind, suchen sie im Verlauf des Sozialisationsprozesses und der Identitätsfindung nach Orientierungshilfen und Vorbildern.3 Diese finden sie unter anderem in sozialen Medien. Insbesondere Social-Media-Plattformen wie Instagram zeichnen sich jedoch durch ein hohes Maß an Inszenierung in der Selbstdarstellung, Perfektionsstreben und einem überhöhten Körperkult aus. Der Einsatz von Bildbearbeitungsprogrammen führt zu einer verzerrten Konstruktion von Körperidealen und kann erhebliche Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung von Jugendlichen nehmen. Als Anstoß für das vertiefende Forschungsvorhaben kann die JIM (Jugend, Information, Medien) - Studie 2018 des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) dienen. Dabei handelt es sich um repräsentativ erhobene Daten, die einen Überblick über das aktuelle Medienverhalten der Zwölf- bis 19-Jährigen in Deutschland bieten.

Vor dem Hintergrund von Identitäts- und Beziehungsarbeit als wichtige Herausforderungen im Jugendalter sollen die Motive der Zuwendung und Nutzung sozialer Medien und deren Funktionen hinterfragt werden. Im Forschungszentrum stehen dabei die Selbstinszenierung und -darstellung auf Social-Media-Plattformen sowie Freundschafts- und Peerbeziehungen von Jugendlichen. Die Beschäftigung mit der Thematik führt zu folgenden Forschungsfragen:

Primäre Forschungsfrage in Bezug auf die digitale Selbstdarstellung:

„ I nwiefern wird die Identitätsentwicklung Jugendlicher durch die Nutzung sozialer Me dien beeinflusst?“

Subfragen:

1. Aus welchem Grund präsentieren sich Jugendliche auf eine bestimmte Art und Weise im Internet?
2. Welchen Stellenwert nehmen soziale Netzwerke bei heranwachsenden Jugendlichen ein?
3. Inwiefern besteht eine Wechselwirkung zwischen Freiwilligkeit (dem Bedürfnis nach Partizipation, Selbstverwirklichung, Kommunikation etc.) und Zwang (Informationsfluss, Einbringung in die Gemeinschaft, Gruppendruck etc.) in Bezug auf die Nutzung sozialer Medien?

Primäre Forschungsfrage in Bezug auf Peer-Beziehungen und Freundschaften:

„ I nwiefern ist das soziale Miteinander vor dem Hintergrund digitaler Entwicklungen einem Veränderungsprozess unterworfen?“

Subfragen:

1. Welche Funktionen nehmen Peer-Beziehungen und Freundschaften im Sozialisations- und Entwicklungsprozess eines Individuums ein?
2. Welche Funktionen erfüllt die Peergroup im Kontext der Social-Media-Nutzung?
3. Welche Risiken birgt das Simulationspotenzial im Internet?

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei größere Themenkomplexe, die sich gegenseitig bedingen. Im ersten Themenkomplex (Kap. 2 – 4) werden zunächst die Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der Adoleszenz sowie die Bedeutung von Peer- und Freundschaftsbeziehungen für die Identitätsentwicklung im Jugendalter sowie diese selbst erläutert. Im zweiten Themenkomplex (Kap. 6 – 9) werden die Erkenntnisse aus dem Zwischenfazit (Kap. 5) auf die Nutzung von Social-Media- Plattformen bezogen. Zunächst erfolgt in Kapitel 6 ein Einblick in das aktuelle Nutzerverhalten von Jugendlichen aus dem Jahr 2018. Daraufhin soll analysiert werden, welchen Einfluss die Social-Media-Nutzung auf die Identitätsentwicklung nimmt (Kap. 7) und inwiefern Peer- und Freundschaftsbeziehungen davon beeinflusst werden (Kap. 8). Als Thematisierung des Gefahrenpotenzials soll in Kapitel 9 exemplarisch der mediale Körperkult auf Social-Media-Plattformen kritisch hinterfragt werden. In einem abschließenden Fazit (Kap. 10) werden die gewonnen Erkenntnisse im Hinblick auf die formulierten Forschungsfragen präsentiert.

2. Entwicklungs- und Veränderungsprozesse in der Adoleszenz

Die Adoleszenz (lat. Heranwachsen) beschreibt einen Lebensabschnitt im Jugendalter, der mit der Pubertät beginnt. Die Pubertät umfasst dabei einen vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt, der sich auf die physischen und biologischen Veränderungen und Prozesse während der Geschlechtsreifung bezieht. Die Adoleszenz hingegen umfasst neben biologischen auch psychosoziale Prozesse wie die Identitätsentwicklung und die Integration in die Gesellschaft4.

Je nach Komplexität der Gesellschaft kann die Dauer der Jugendphase variieren. In der Entwicklungspsychologie werden anhand von Kriterien sozialer Reife und Rollenübergänge verschiedene Phasen unterschieden, die die Jugend und das frühe Erwachsenenalter voneinander abgrenzen. Unterschieden werden die frühe (ca. 11 - 14 Jahre), mittlere (ca. 15 – 17 Jahre) und späte (ca. 18 – 21 Jahre) Adoleszenz5. Nach einigen Autoren endet die Adoleszent erst nach dem 25. Lebensjahr6. Im Folgenden sollen die wichtigsten Entwicklungs- und Veränderungsprozesse im Hinblick auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter erläutert werden.

Erik H. Erikson, welcher Siegmund Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklung erweiterte, bezieht sich in seinem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung auf die gesamte Lebensspanne und unterteilt diese in insgesamt acht Lebensphasen. Jede dieser Phasen zeichnet sich durch einen Grundkonflikt aus, der im Mittelpunkt steht und bewältigt werden muss. Für Erikson gehört die Entwicklung einer stabilen Ich- Identität zur Hauptanforderung der Adoleszenz. Mit dem erfolgreichen Abschluss dieser Lebensphase

„gewinnt der junge Erwachsene das sichere Gefühl innerer und sozialer Kontinuität, das die Brücke bildet zwischen dem, was er als Kind war, und dem, was er nunmehr im Begriff ist zu werden; eine Brücke, die zugleich das Bild, in dem er sich selber wahrnimmt, mit dem Bilde verbindet, unter dem er von seiner Gruppe, seiner Sozietät erkannt wird.“7

In Anlehnung an das Konzept der psychosozialen Krisen von Erikson8 entwickelte Havighurst9 das Konzept der Entwicklungsaufgaben, bei dem jedem Lebensabschnitt ebenfalls spezifische Aufgaben zugeordnet werden, die von Heranwachsenden sowie von Erwachsenen bewältigt werden müssen. Die Entwicklungsaufgaben richten sich nach biologischen Reifungsvorgängen sowie gesellschaftlichen und kulturellen Normen und Werten, die gewissen zeitlichen Einflüssen unterliegen. Damit sind sie nicht als feststehende Determinanten zu verstehen und können nicht abschließend und allgemeingültig benannt werden. In modernen westlichen Gesellschaften gelten jedoch folgende zehn Entwicklungsaufgaben zur gängigen Forschungsmeinung10:

1. Das Akzeptieren pubertätsbedingter körperlicher Veränderungen
2. Das Beurteilen und Kennenlernen seiner Selbst
3. Das Entwickeln und Vertreten eigener Weltanschauungen und Einstellungen
4. Das Entwickeln von Zukunftsperspektiven und Lebenszielen
5. Das Treffen von Entscheidungen hinsichtlich der Berufswahl
6. Das Aneignen geschlechtsspezifischer Rollen
7. Das Ablösen von den Eltern
8. Der Aufbau eines Freundeskreises
9. Die Aufnahme engerer, intimer Beziehungen
10. Das Entwickeln einer Vorstellung von einer Partnerschaft und Familie

Die Entwicklungsaufgaben lassen sich grob unterteilen in selbstbezogene Aufgaben (1.-5.) und Aufgaben, die sich primär auf verschiedene Sozialbeziehungen beziehen (5.-10.). Die Bewältigung der jeweiligen Aufgaben steht in engem Zusammenhang mit der Identitätsentwicklung eines Heranwachsenden und findet in unterschiedlichen Phasen der Adoleszenz statt.

In der frühen Adoleszenz kommt es zunächst zu einer differenzierter und rechhaltiger werdenden Selbstbeschreibung. Die Selbstwahrnehmung kann in dieser Phase widersprüchliche, abstrakte, unrealistische und verzerrte Ausmaße annehmen 11. Obwohl die Eltern mit der zunehmenden Selbstständigkeit von Heranwachsenden im Jugendalter leicht an Bedeutung für diese verlieren, bleiben die meisten Jugendlichen bis zum 20. Lebensjahr und darüber hinaus von ihren Eltern sowohl finanziell als auch in psychologischer Hinsicht abhängig12. Die mit der Identitätsentwicklung zusammenhängende Herausbildung von eigenen Interessen, Meinungen und Überzeugungen kann innerhalb der Familie jedoch zu einem großen Konfliktpotenzial führen. Im Zusammenhang mit der Ablösung von den Eltern gewinnt die Peergroup für die Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung der Adoleszenten zunehmend an Bedeutung und Einfluss. Im Hinblick auf die Selbstwahrnehmung beginnen Jugendliche einen Unterscheid zwischen ihrem Verhalten und ihren Gefühlen innerhalb verschiedener Gruppen festzustellen und ihr soziales Selbst, welches sie in unterschiedlichen Gruppen präsentieren, von ihrem personalen Selbst differenzieren zu können. Da sich das Selbstbild in dieser frühen Phase noch nicht gefestigt hat, haben die Rückmeldungen zur eigenen Person aus dem direkten Umfeld einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden und den Selbstwert der Jugendlichen. In der Peer group erleben Heranwachsende deshalb nicht nur den Austausch zwischen Jugendlichen mit ähnlichem Alter, Lebensumständen und Interessen, sondern auch Bestätigung in ihrer eigenen Person13.

Die mittlere Adoleszent kennzeichnet sich durch eine deutlich selbstkritischere, häufig negativ bedingte Wahrnehmung im Vergleich zur Kindheit. Heranwachsende beschreiben ihr Selbst in diesem Alter sehr akzentuiert als beispielsweise schön und hässlich, liebenswürdig und abstoßend, nett und unfreundlich etc. Die Selbstbeschreibung anhand gegensätzlicher Attribute ist bei Mädchen tendenziell häufiger zu beobachten als bei Jungen14.

In der späten Adoleszenz spielen vor allem moralische Einstellungen und Werte, die sich bereits gefestigt haben, und längerfristige Zukunftsziele eine Rolle bei der Selbstbeschreibung von Jugendlichen. Die Persönlichkeitsentwicklung ist in dieser Phase schon so weit fortgeschritten, dass der Einfluss von Peers und Eltern auf selbst getroffene Entscheidungen und Werte abnimmt. Durch die Kompetenz der Selbstreflexion und -regulation können innere Konflikte selbst aufgelöst und widersprüchliche Selbstwahrnehmungen integriert werden. Am Ende der Adoleszenz hat sich im Idealfall ein von den Wahrnehmungen und Meinungen anderer weitgehend unabhängiges Selbst herausgebildet. Die Entwicklung des Selbst ist kulturabhängig und kann je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Erwartungen, Normen und Werten auch in ein interdependentes Selbst müden. In kollektivistischen Kulturen wie China hat die soziale Bezogenheit grundsätzlich einen höheren Stellenwert, was die soziale Aufmerksamkeit und Interdependenz begünstigt. Infolgedessen ist die Selbstentwicklung weniger individualistisch, sondern viel mehr auf eine intensivere Perspektivenübernahme des Kollektivs ausgelegt15.

3. Peer- und Freundschaftsbeziehungen

Soziale Beziehungen haben einen großen Einfluss auf die emotionale, sprachliche, motivationale und allgemein kognitive Entwicklung von Menschen. Um soziale Interaktionsprozesse in vollem Umfang für die eigene Identitätsentwicklung nutzen zu können, ist die Kompetenz der Perspektivenkoordination notwendig. Im Folgenden sollen die Schritte dieser Kompetenzentwicklung erläutert werden, bevor auf die unterschiedlichen Beziehungsformen unter Jugendlichen eingegangen wird.

3.1 Perspektivenkoordination als Voraussetzung für soziale Interaktionsprozesse

Neben familiären Beziehungen spielen außerfamiliäre Kontakte und Beziehungen insbesondere im Jugendalter eine entscheidende Rolle. Bereits im Kindesalter lernt das Individuum sich durch Rollenspiele in die Perspektive anderer Personen hineinzuversetzen und diese nachvollziehen zu können (Perspektivenübernahme). Erst im Jugendalter entwickelt das Individuum die Fähigkeit, die Absichten und Perspektiven des anderen nicht nur zu verstehen, sondern diese auch aus der eigenen Perspektive heraus koordinieren zu können (Perspektivenkoordination)16. Das Entwicklungsmodell nach Yeates und Selman bezieht sich dabei auf eine Zeitspanne vom Vorschulalter bis in die Adoleszenz hinein und untergliedert die psychosoziale Entwicklung der Perspektivenübernahme in vier Stufen. Für ein besseres Verständnis und der Vollständigkeit halber werden im Folgenden die Entwicklungsstufen im Kindesalter verkürzt zusammengefasst und zusammen mit der Entwicklung in der Adoleszenz erläutert17.

Auf der ersten Stufe verfügt das Kind über eine undifferenzierte Perspektive, in der weder zwischen Handlungen und Gefühlen, absichtlichem und unabsichtlichem Verhalten oder physikalischen und psychologischen Eigenschaften einer Person unterschieden werden kann. Die zweite Stufe unterscheidet sich von der vorherigen Stufe im Hinblick auf die Differenzierungsfähigkeit von physikalischen und psychologischen Eigenschaften anderer. Das Kind verfügt in dieser Stufe über eine subjektiv-einseitige Perspektive.

Die zweite Stufe fällt in die Phase der Adoleszenz, in der Heranwachsende lernen, sich die Perspektiven anderer gleichzeitig mit den eigenen vorstellen zu können. Diese reziproke Perspektive ermöglicht es, das Handeln anderer entgegen der eigenen Gefühle und Überzeugungen nachvollziehen und akzeptieren zu können.

Die dritte Stufe entwickelt sich meist in der späten Adoleszenz. Heranwachsende sind in der Lage eine 3.-Person-Perspektive einzunehmen und verschiedene Perspektiven sozialer Interaktionen zu koordinieren. Das setzt die Fähigkeit voraus, sowohl die eigene als auch andere Perspektiven aus der Sicht einer dritten Person heraus reflektieren zu können.

Die Übergänge der verschiedenen Stufen sind nicht festgelegt und verschwimmen zum Teil ineinander. Es ist ebenso möglich, dass sich die beschriebenen sozial-kognitiven Niveaus dem situativen Kontext anpassen und zwischen verschiedenen Stufen wechseln18.

3.2 Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen

Der Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen gehört zu den wichtigen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter19. Dazu gehören sowohl Freundschaftsbeziehungen zu Personen des eigenen als auch des anderen Geschlechts, Beziehungen innerhalb einer Gruppengemeinschaft sowie romantische Beziehungen. Im Gegensatz zu familiären Beziehungen wie beispielsweise Eltern-Kind-Beziehungen, basieren Freundschaftsbeziehungen auf Freiwilligkeit. Laut Wehner20 wählen sich die Beziehungspartner dementsprechend um ihrer selbst willen und „nicht als Träger von Rollen und Funktionen, was bedeutet, dass sie am Individuum orientiert sind. Dies stellt eine einzigartige Voraussetzung dafür da, Bestätigung zu finden für die eigene Person und Individualität“21.

Der Begriff „ Peergroup “ beschreibt eine Gruppe Gleichaltriger, die sich meist aus unterschiedlichen Personengruppen zusammensetzt. Die Peergroup bildet keine homogene Gruppe, sondern setzt sich aus unterschiedlichsten Personen zusammen deren hauptsächliche Gemeinsamkeit ein ähnliches Alter ist. Als Peergroup können beispielsweise Jugendliche in derselben Schulklasse, des gleichen Sportteams, derselben Jugendorganisation oder des gleichen Viertels bezeichnet werden. Die Mitglieder einer Peergroup werden entweder durch einen Erwachsenen (z.B. in der Schule oder im Sportverein) in die Gruppe integriert und von ihnen geleitet, oder aber die Gruppe schließt sich, wie es auf Social-Media-Plattformen geschieht, selbst zusammen22.

In Peerbeziehungen werden Fähigkeiten der Selbstreflexion und Perspektivenübernahme ausgebaut. Jugendliche lernen von und mit Gleichaltrigen und bauen laut Bois-Reymond (2000) ein sogenanntes „Peerkapital“23 auf, welches sich unterstützend auf die Identitätsentwicklung und Bewältigung von Entwicklungsaufgaben auswirken kann. Um Marginalisierungen zu vermeiden, umgeben sich Jugendliche mit Gleichaltrigen, die einen ähnlichen Entwicklungsstand aufweisen wie sie selbst. Diese müssen wiederum nicht zwangsweise alle Mitglieder einer selben Gruppe sein. Insbesondere die Auseinandersetzung mit den Normen verschiedener Gruppen trägt zur Identitätsbildung bei und kann vielfältige Erfahrungs-, Lern- und Experimentierchancen bieten24.

Im Vergleich zur Peergroup spricht man von einer Clique, wenn die Mitglieder einer ungeleiteten Gruppe untereinander befreundet sind. Während jeder Jugendliche mindestens einer bestimmten Peergroup angehört, muss dieser nicht zwangsweise auch ein Mitglied einer Clique sein. Viele Jugendliche gehören jedoch mehreren Cliquen zeitgleich an, sodass sich diese teilweise überschneiden können25.

Freundschaften kennzeichnen sich durch eine auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung zweier Individuen. Insbesondere in der mittleren Adoleszenz können auf Basis dieser Verbindung auch vertrauliche und private Themen untereinander ausgetauscht und besprochen werden26. Nicht alle Jugendlichen bauen eine solche Beziehung zu einer anderen Person auf. Die Integration in einen großen Bekanntenkreis kann jedoch in diesem Fall verhindern, dass sich der Heranwachsende einsam fühlt.27

Die Relevanz von Freundschaften wird von Jugendlichen grundsätzlich hoch eingestuft. Interessanterweise hat die Verbindung zu mindestens einem guten Freund oder einer guten Freundin insbesondere für Heranwachsende, die in der Peergroup vergleichsweise wenig Akzeptanz erfahren, einen hohen Stellenwert. Die Freundschaft zu einer anderen Person kann in diesem Fall das psychische Wohlbefinden positiv unterstützen28. Das zentrale Charakteristikum von Jugendfreundschaften ist Intimität in Form von einem vertrauten Austausch privater Gedanken und Gefühle sowie gegenseitiger emotionaler Unterstützung29. Die Metaanalyse von Hall30 ergab, dass Mädchen in ihren Freundschaften tendenziell ein höheres Maß an Intimität erwarten als Jungen.

Das Eingehen einer romantischen Beziehung stellt eine wichtige Aufgabe der Identitätsentwicklung im Jugendalter dar. Die Voraussetzungen für eine romantische Beziehung sind zwei Individuen, die bereit sind, sich gegenseitig zu vertrauen, zu unterstützen und sich dem Gegenüber zu öffnen, ohne sich selbst dabei aufzugeben31.

Im Gegensatz zum Kindesalter nehmen gegengeschlechtliche Freundschaften mit dem Einstieg ins Jugendalter stetig zu. Aus diesen Freundschaften können sich insbesondere in der mittleren und späten Adoleszenz romantische Beziehungen entwickeln32. Ein regelmäßiger und natürlicher Kontakt zu gegengeschlechtlichen Gleichaltrigen und eine gefestigte Identität können die Entfaltung von Intimität erleichtern. Romantische Beziehungen müssen dabei nicht zwangsläufig auch sexuelle Beziehung sein33.

4. Selbstkonzepte und Identitäten

Aufgrund der langen Forschungstradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, existieren vielfältige, zum Teil aus unterschiedlichen psychologischen Traditionen stammende Definitionen zum Thema Selbst und Identität, die oft ohne Erläuterung synonym verwendet werden. Der psychoanalytische Identitätsbegriff nach Erikson34 unterscheidet sich beispielsweise deutlich von dem sozialkonstruktivistischen Identitätsbegriff Meads35 oder dem soziologischen Identitätsbegriff Nunner-Winklers36. Ebenso wie Straub, der es „rechtfertigbar [findet,] den pragmatischeren Begriff des self mit „Identität“ zu übersetzen“37, argumentiert Mummendey, dass der

„Identitätsbegriff [,] von einigen fachspezifischen Traditionen abgesehen, nichts wesentlich anderes auszudrücken [scheint] als in den Begriffen Selbst und Selbstkonzept liegt. Ein Mensch stellt verschiedene soziale und situative Identitäten dar, und er ist doch stets mit sich identisch. Er präsentiert verschiedene Arten des Selbst und verfügt zugleich über ein relativ stabiles Selbstkonzept.“38

Infolgedessen werden die Begriffe Selbst und Identität im Folgenden ebenfalls synonym verwendet. Identität lässt sich auch als Selbstdefinition umschreiben und umfasst alle Inhalte und Antworten, die sich auf die Frage „Wer bin ich?“ beziehen. Sind die Selbstdefinitionen noch nicht gefestigt und ihre Aussagekraft wage oder gefährdet, können existentielle Ängste auftreten, die den Selbstwert eines Individuums beschädigen. Die Identitätsentwicklung gilt als zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters und ist zu keiner Lebensphase so dynamisch wie in der Adoleszenz39. Peer- und Freundschaftsbeziehungen können aufgrund ihres Bedeutungsgewinns in der Adoleszenz einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit eines Jugendlichen nehmen und diese sowohl positiv als auch negativ bedingen. Bei der Identitätsentwicklung handelt es sich um einen lebenslangen Prozess, der in immer neuen Zyklen bis ins Erwachsenenalter hinein ausgebaut wird40. Dabei handelt es sich um einen dynamischen, in sich komplexen und individuellen Prozess, in dem spezifische Aspekte fortwährend thematisiert und individuell weiterentwickelt werden. Die folgenden Aufführungen haben daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Das Individuum..

1. setzt sich mit zentralen Inhalten der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander.
2. exploriert Handlungsvarianten.
3. identifiziert sich mit bestimmten Handlungszielen.41
4. geht Verpflichtungen ein.42
5. vergleicht sich mit anderen und reflektiert eigene Veränderungen und Entwicklungen.
6. tauscht sich mit Bezugspersonen über diesbezügliche eigene Wahrnehmungen aus.43

4.1 Identitätsmodelle

Identität lässt sich mit „sich-selbst-bewusst-sein“44 umschreiben. Dies impliziert, sich seiner Selbst als Individuum auf physischer sowie psychischer Ebene bewusst zu sein und geht mit der Kreation eines bestimmten Selbstbildes einher. Die Identität und die Genese des individuellen Bewusstseins werden aus soziologischer Sicht weniger über genetische Anlagen oder psychische oder seelische Vorgänge erklärt. Der Fokus bei der Identitätsentwicklung liegt aus soziologischer Perspektive auf den Wechselwirkungen und Interaktionen eines Individuums mit der sozialen Umwelt.45

In Bezug auf die Identitätsentwicklung unterscheidet Erikson in seinem Modell der psychosozialen Stadien zwischen der Identitätsfindung und der Rollendiffusion 46. Die Identitätsfindung umfasst ein Gefühl von innerer Kontinuität und Stabilität in Bezug auf sich selbst in unterschiedlichen Situationen sowie das Erleben eines integrierten und kohärenten Selbst. Rollendiffusion hingegen bezeichnet eine psychosoziale Entwicklung, bei der sich die Identität nach unterschiedlichen Situationen richtet und das Individuum nicht fähig ist, Erlebnisse in ein kohärentes Selbst zu integrieren. Die Identitätsentwicklung zwischen den beiden Spannungspolen der Identitätsfindung und der Rollendiffusion47 bildet bei Erikson die zentrale Krise der Identitätsentwicklung im Jugendalter48.

James E. Marcia49 konkretisiert dieses Konzept und stellt ein Identitätsmodell dar, in dem insgesamt vier Identitätsformen anhand von zwei Dimensionen (Verpflichtung und Exploration) unterschieden werden (vgl. Tab. 1).

Tab. 1: Identitätsformen nach Marcia 1980 (Quelle: Lohaus 2018: 32).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Exploration umfasst in diesem Sinne die Erkundung und Informationssuche für unterschiedliche Alternativen sowie die Abwägung von Vor- und Nachteilen in Bezug auf das Treffen von Entscheidungen. Je ausgeprägter die Exploration erfolgt, desto bewusster können Entscheidungen getroffen werden und desto höher ist der Grad der Selbstverpflichtung. Verpflichtungen umfassen in diesem Sinne die Übernahme und Umsetzung von Aktivitäten und Aufgaben, welche in Verbindung mit den Inhalten der zu treffenden Entscheidungen stehen. Die von Marcia differenzierten Identitätsformen sollen im Folgenden kurz erläutert werden:

1. Diffuse Identität („identity diffusion“)
2. Kritische Identität („moratorium“)
3. Erarbeitete Identität („identity achievement“)
4. Übernommene Identität („foreclosure“)

Marcia betrachtet die Identität nicht als bereits gegebene Eigenschaft des Individuums, sondern geht davon aus, dass diese erarbeitet werden muss. Wenn dies nicht erfolgreich oder gar nicht umgesetzt wird, kann von einer Identitätsdiffusion oder einem Moratorium gesprochen werden50.

Eine Identitätsdiffusion liegt dann vor, wenn sich das Individuum nicht auf die von der Gesellschaft etablierten, grundlegenden Werte, Überzeugungen und Aufgaben einlässt und keine möglichen Alternativen exploriert. Der Grad an Verpflichtung und Exploration ist in diesem Fall niedrig. Oftmals gehen depressive Stimmungen und ein geringes Selbstwertgefühl mit Identitätsdiffusionen einher51.

Jugendliche, die sich im Identitätsstatus des Moratoriums befinden, erkunden zwar die grundlegenden gesellschaftlichen Werte und Aufgaben, verweigern oder schieben die Übernahme von Verpflichtungen, die sich mit der Auseinandersetzung ergeben, jedoch auf52.

Marcia nimmt in diesem Zusammenhang zudem eine Unterscheidung zwischen der übernommenen und der selbst konstruierten Identität vor.

Die erarbeitete Identität kennzeichnet sich, wie oben aufgeführt, durch die Bereitschaft aus, sich mit Werten, Überzeugungen und Zielen auseinanderzusetzen, Handlungsvarianten zu explorieren und davon ausgehend Verpflichtungen einzugehen53. Sowohl der Grad der Expolration aus auch der der Verpflichtung sind in diesem Fall hoch.

Bei der übernommenen Identität ist dies nicht oder nur eingeschränkt der Fall. Aufgrund unzureichender Auseinandersetzung und Meinungsbildung über Konventionen, Religion, Ethik, berufliche Ziele etc. fehlt beim Eingehen von Verpflichtungen (Commitment Making) die Identifizierung mit den zugrundeliegenden Überzeugungen der Aufgaben (Identification with Commitment). Während der Grad der Verpflichtung hoch ist, ist der der Exploration gering. Es handelt sich demnach nicht um bewusst getroffene Entscheidungen des Heranwachsenden, sondern viel mehr um blind übernommene Verhaltens- und Denkweisen der ihn umgebenden Gesellschaft54.

[...]


1 Adebahr & Krixy (2018).

2 Jäckel & Mai (2008).

3 Hurrelmann & Bründel (2003).

4 Lohaus (2018).

5 Wicki (2015).

6 Spranger (1924); Erikson (1966); Fend (2000); Alsaker & Flammer (2001); King (2002); Silbereisen (2013).

7 Erikson (1966: 138).

8 Erikson (1950).

9 Havighurst (1972; 1973).

10 Oerter & Dreher (2008).

11 Harter (2006).

12 Wick (2015).

13 Harter (2006).

14 Ebd.

15 Wu & Keysar (2007).

16 Yeates & Selman (1989).

17 Wicki (2015).

18 Wicki (2015).

19 Havighurst (1972).

20 Wehner (2006).

21 Ebd.(2006: 122f.).

22 Wicki (2015).

23 In Anlehnung an Bourdieu (1983).

24 Engel & Hurrelmann (1993).

25 Fend (1998).

26 Buhrmester (1990).

27 Fend (1998).

28 Waldrip et al. (2008).

29 Buhrmester (1990).

30 Hall (2011).

31 Erikson (1968).

32 Poulin & Pedersen (2007).

33 Montgomery (2005).

34 Erikson (1950; 1968).

35 Mead (1934).

36 Nunner-Winkler (2000).

37 Straub (2000: 168).

38 Mummendey (1995: 57).

39 Havighurst (1973).

40 Gauda (1990).

41 Luyckx et al. (2006).

42 Marcia (1966).

43 Pasupathi & Hoyt (2009).

44 Dimbath (2016: 171).

45 Dimbath (2016).

46 Erikson (1950).

47 von einigen Autoren auch Identitätsdiffusion genannt; z.B. Pauls (1990).

48 Erikson (1968).

49 Marcia (1980).

50 Marcia (1966).

51 Coté & Schwartz (2002).

52 Marcia (1966).

53 Ebd.

54 Luyckx et al. (2006).

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Einfluss von Social-Media-Plattformen auf Peer-Beziehungen Jugendlicher
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
59
Katalognummer
V476743
ISBN (eBook)
9783668996885
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Social-Media, Peergroup, Adolenszenz, Identitätsentwicklung, Selbstkonzepte, Beziehungsmanagement, Impression Management, Selbstinszenierung
Arbeit zitieren
Elena Schreer (Autor), 2019, Einfluss von Social-Media-Plattformen auf Peer-Beziehungen Jugendlicher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476743

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