Das katholische Milieu im 19. Jahrhundert. Bonifatius und die Erinnerungskultur


Seminararbeit, 2005

14 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Ultramontanismus und seine Folgen
2.1. Die Entwicklung des deutschen Katholizismus nach 1866

3. Der Bonifatiuskult
3.1. Bonifatius und das kulturelle Gedächtnis von Assmann

4. Schlussbetrachtungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den Jahren vor der Reichsgründung 1871 waren die verschiedenen Gesellschaftsgruppen damit beschäftigt, ihren jeweiligen Anhängern eine kulturell-historische Identifikationsbasis zu bieten, die als Legitimationsgrundlage für das Entstehen eines neuen Staates dienen sollte. In der folgenden Arbeit soll die Ausgangssituation des deutschen Katholizismus um die Wende des 19. Jahrhunderts und die darauf folgenden Jahrzehnte skizziert werden. Mit welcher Erinnerungspolitik das katholische Milieu sich dem Kaiserreich angenähert hat bzw. was für Schwierigkeiten dabei aufgetreten sind, wird einen großen Teil dieser Arbeit ausmachen. Dabei muss die zunehmende Gettoisierung als Folge des Ultramontanismus beleuchtet werden. Die Niederlage Österreichs von 1866 und wie der deutsche Katholizismus darauf reagiert hat, wird mit der Reaktion des Mainzer Bischofs Ketteler angeschnitten. Weiterführend beschäftigt sich diese Arbeit vor der Schlussbetrachtung im speziellen mit dem Kult um den heiligen Bonifatius, der die katholische Variante im nationalen Gedenken war. Diese zur Mitte des 19. Jahrhunderts stattfindende Renaissance um den „Apostel der Deutschen“ soll anhand des theoretischen Aufsatzes von Jan Assmann „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“1 behandelt werden. Die von Assmann zu betrachtenden Merkmale zur kulturellen Identitätsbildung werden hinsichtlich der Instrumentalisierungsstrategie des katholischen Milieus, anhand des Bonifatius vorgestellt.

2. Die Entstehung des Ultramontanismus und seine Folgen

Die katholische Kirche ging angeschlagen in das beginnende 19. Jahrhundert, denn der deutsche Katholizismus war nach dem großen Umbruch mit der einhergehenden Säkularisierung und dem Ende der geistlichen Staatlichkeit in den Staaten Europas, und in den deutschen Einzelstaaten im Besonderen, geprägt vom Kampf um das Christentum und gegen den modernen Zeitgeist (Nation, Gesellschaft, Wissenschaft, Liberalismus und Kultur).

Die Wirren der französischen Revolution und der folgenden irritierenden Herrschaft der Jakobiner, deren „(...)Verheißungen im Namen der Freiheit und Vernunft jenseits der Religion (...) in einem Debakel geendet(...)“2 hatten, stießen den deutschen Katholizismus in eine tiefe Sinnkrise. Die katholische Kirche in Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich oder Italien eine Minderheitenkirche, musste sich neu positionieren, nachdem ihre alten Machtstrukturen, basierend auf einer „Adelskirche“ mit all ihrer Herrschaft und Privilegien, verschwanden. Nach 1815 waren viele der bischöflichen Stühle unbesetzt, religiöse Riten untersagt und in die vormals kirchlichen Einflussgebiete, wie z.B. die des Religionsunterrichtes, drängte die staatliche Autorität mit gesteigertem Selbstbewusstsein. Dies bedeutete eine völlige Neustrukturierung hinsichtlich eines sogenannten geistigen Charakters der Kirchen, konzentriert alleine auf die Religionszugehörigkeit. Bei diesem zuerst innerkirchlich verlaufenden Konflikt behielten die Ultramontanisten die Oberhand, was eine, wenn nicht antinationale, so doch antistaatliche Haltung zur Folge hatte. Die katholische Kirche ließ zwar Volkstümern und Nationen Raum, besann sich aber immer mehr seiner Internationalität und die absolutistische und zentralistische Ausrichtung auf Rom, führten zu zahlreichen Interessenskonflikten mit der staatlichen Obrigkeit, die ihren ersten Höhepunkt mit dem Mischehenstreit (1837) oder besser bekannt als Kölner Wirren hatte. Die katholische Kirche in Rom, stark geschwächt durch die italienische Nationalbewegung, wollte keinen Einfluss in Deutschland verlieren und setzte so viel ihrer verbleibenden Macht ein, um weiterhin bei wichtigen Gestaltungsmöglichkeiten, wie z.B. im Streit um die Predigtfreiheit und Priesterausbildung der deutschen Bevölkerung mitreden zu können. Stark zunehmende katholische Vereins- und Verbandsgründungen3 sorgten für eine scharfe Abgrenzung nach innen wie nach außen. Die politisch entmachtete Kirche wurde hier zu einer modernen Macht der Vereine, welche die soziale Basis des Katholizismus sicherte und integrierte. Diese Rekonfessionalisierung der katholischen Minderheit, diese Segregation im Hinblick auf nicht- katholische Bewegungen, der modernen Gesellschaften, trieb sie zur Mitte des Jahrhunderts in eine zunehmende Gettoisierung. Dazu bei trug die Besetzung der wichtigen deutschen Bistümer in Mainz, Speyer, Trier, Köln, Fulda und München ab den 1830iger Jahren durch romtreue Theologen. Diese Einnahme wurde als Kampfansage gegenüber dem immer mächtiger werdenden preußischen Staat gewertet. Das Volk wurde mit wiederauflebenden religiösen Heiligenfesten, Bittgängen und Wallfahrten mobilisiert und bewies eine weiterlebende Volksreligiosität, welche die Trennung von Kirche und Staat, die nicht mit Hilfe von Paragraphen zu beheben war, beinhaltete. Dieses Zusammenspiel der beiden Mächte lebte noch tief eingewurzelt in den Köpfen der Katholiken weiter. Die hier entstandene Selbstbehauptung, war sie auch reaktionär und antistaatlich, legte in der ersten Hälfte des Jahrhunderts den Grundstein für die gefestigten Strukturen mit welchen das katholische Milieu die kommenden Jahrzehnte weit gehend unbeschadet überstehen sollte. Die Revolution von 1848 wird in dieser Arbeit nicht näher betrachtet, obwohl ihr epochal sicherlich das größtmöglichste Augenmerk gebührt.

2.1. Die Entwicklung des deutschen Katholizismus nach 1866

Stattdessen wird hier der Schwerpunkt auf die erste große Niederlage des Katholizismus und seine Folgen für diesen vor dem Hintergrund der Nationenbildung gelegt, denn die Niederlage Österreichs im innerdeutschen Krieg mit Preußen war ebenso eine des deutschen Katholizismus.4 Enttäuscht von den am Boden liegenden Träumen eines großdeutschen Reiches wendeten sich die Katholiken mit „(...) tief schmerzender Verwundung.“5 gegen den erstarkten „Borussianismus“ in Preußen mit ihrer protestantischen Heimkirche. Hervorzuheben wäre hier die seit 1849 in Mainz tätige Persönlichkeit: Bischof Ketteler. Dieser ist nach einer mehrmonatigen Zugehörigkeit zum Frankfurter Parlament vom Juni 1848 bis zum Januar 1849 auch im übrigen Deutschland bekannt geworden und hat sich überwiegend mit der „sozialen Frage“ im Katholizismus beschäftigt. (Dass Ketteler früher zum Teil eher den Ultramontanisten zuzuordnen war, wird im folgenden Kapitel zum Bonifatiuskult dargelegt). Schon zur damaligen Zeit wurde Ketteler als einer der geistigen Führungsköpfe des katholischen Milieus gesehen. Er setzte sich mit seinen zahlreichen öffentlich publizierten Schriften für die katholische Sache ein und suchte schon früh diese mit den sozialen Ungleichheiten der aufkommenden Industrialisierung zu verbinden. Ketteler galt als liberaler Kopf unter den damals noch unversöhnlicher dem preußischen Staat gegenüber stehenden Ultramontanisten. Mit seiner Schrift „Deutschland nach dem Kriege von 1866“6 hat er früh gegen eine Antihaltung gegen Preußens plädiert und die neuen Realitäten mit den Interessen der Katholiken zu verknüpfen.7 Man kann sagen, dass Ketteler hierbei mit Hilfe seines Einflusses die katholische Minderheit auf die neuen Verhältnisse in Form eines in kürze entstehenden kleindeutschen Nationalstaates eingeschworen hat und damit einen Grundstein für die kommende starke katholische Basis (Zentrumspartei) gelegt hat. Darüber hinaus trat Ketteler aber immer auch für eine Eigenständigkeit der katholischen Kirche und die Interessensphären dieser im Kaiserreich ein und es kam darüber nicht selten zu persönlichen Auseinandersetzungen mit Bismarcks selbst, wie Kettelers Schrift von 1873 „Die Katholiken im deutschen Reiche“8 zeigt. In dieser Schrift versucht Ketteler die Vorwürfe Bismarcks, die Katholiken streben einen parallelen, konfessionellen Staat neben dem preußischen an zu widerlegen und zu widersprechen. Die hier sich in Ansätzen zeigenden Polemiken des Kulturkampfes kann in dieser Arbeit leider nicht weiter erläutert werden, da der zeitliche Schwerpunkt der katholischen Erinnerungspolitik vor der Gründung des Kaiserreiches liegt.

3. Der Bonifatiuskult

Das allgemeine gruppenbezogene Suchen nach identitätsstiftenden nationalen Gedenkbrücken für einen neuen Staat, ob klein- oder großdeutsch ließ sich auch im katholischen Milieu beobachten. Hervorzuheben ist hier, dass, wenn man von nationaler Euphorie spricht, diese immer im Zusammenhang mit der Internationalität und dem alten „(...)romantischen Nationalismus(...)“9 in verbundener Tradition des alten Reiches betrachtet werden muss. Anhand einiger Punkte der Abhandlung10 von Jan Assmann soll der aufkommende Bonifatiuskult während der Jahrhundertmitte beleuchtet werden und als Beispiel für das „kulturelle Gedächtnis“ im deutschen Katholizismus dienen.

Wie schon Weichlein11 und Rasche12 in ihren Aufsätzen ausführend dargelegt haben, kam es in den Jahren vor der Reichsgründung 1871 zu einer regelrechten Renaissance im Gedenken an den heiligen Bonifatius, Gründer zahlreicher Bistümer ( u.a. Fulda und Mainz) und welcher gemeinhin als der missionarische Stifter des Christentums in Deutschland des 8. Jahrhunderts gilt. Der aus einem Kloster im südenglischen Wessex stammende Bonifatius war Einiger der vier großen Germanenstämme, der Franken, Sachsen, der Alemannen und Bajuwaren. Und laut der führenden Kräfte, wie Ignaz Döllinger auf Seiten der Katholiken, hätte es ohne die Kirche, und somit ohne Bonifatius, kein überstämmisches Nationalbewusstsein und heiliges Reich gegeben.13 Der „Apostel der Deutschen“ spielt daher die zentrale Rolle im Gründungsmythos für das über jahrhunderte konkurrenzlos herrschende Christentum in Europa. Es wird also eine „Brücke des Erinnerns“ hin zu den Anfängen der katholischen Kirche in Deutschland geschlagen. Auch Ketteler hat sich wiederholt in den 1850iger Jahren zum Gedenken an Bonifatius geäußert und ihn, neben zahlreicher anderer Heiligenkulte, wie der Herz-Jesu-Kult und die Marinenverehrung14, zur Erinnerungsfigur im nationalen Gedächtnis des Katholizismus in Deutschland erhoben. Wie Rasche schreibt, war Bonifatius derjenige, „(...)der aus vielen deutschen Völkern ein Volk gemacht, der die zerstreuten Stämme der Germanen zu einer Nation, zu einem Volke Gottes gesammelt hat.“15

[...]


1 Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann/Tonio Höschler (Hg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main 1988, S.9-19.

2 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat; München 1983; S. 404

3 ebd. S.412-413

4 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918. Arbeitswelt und Bürgergeist, Band I, München 1990, hier S. 454-456.

5 ebd.

6 Ketteler, Wilhelm Emmanuel Freiherr von: Briefe und öffentliche Erklärungen 1866-1870, in: Iserloh, Erwin(Hg.): Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler. Sämtliche Werke und Briefe Briefwechsel und öffentliche Erklärungen, Bd.5, Mainz 2001.

7 Nipperdey, S. 454-456

8 Ketteler, Freiher Emanuel Wilhelm von: Briefe und öffentliche Erklärungen.1871-1877, in: Iserloh, Erwin (Hg.): Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler. Sämtliche Werke und Briefe, Bd.6, Abteilung II, Mainz 2001, S. 236-239.

9 Nipperdey: München 1990, S. 454.

10 Assmann:S.9-19.

11 Weichlein, Siegfried: Der Apostel der Deutschen. Die konfessionspolitische Konstruktion des Bonifatius im 19. Jahrhundert, in: Olaf Blaschke (Hg.): Konfessionen im Konflikt. Deutschland zwischen 1800 und 1970: ein zweites konfessionelles Zeitalter, Göttingen 2002, S. 155-179.

12 Rasche, Uta: Geschichtsbilder im katholischen Milieu des Kaiserreichs: Konkurrenz und Parallelen zum nationalen Gedenken, in: Clemens Wischermann (Hg.): Vom kollektiven Gedächtnis zur Individualisierung der Erinnerung, Stuttgart 2002, S. 25-52.

13 Buchheim, Karl: Utramontanismus und Demokratie. Der Weg der deutschen Katholiken im 19. Jahrhundert, München 1963, S. 67.

14 Nipperdey (1990), S. 435.

15 Ketteler, Wilhelm Emanuel Freiherr von, in: Rasche, S.45.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das katholische Milieu im 19. Jahrhundert. Bonifatius und die Erinnerungskultur
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
2,3
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V476797
ISBN (eBook)
9783668964792
ISBN (Buch)
9783668964808
Sprache
Deutsch
Schlagworte
milieu, jahrhundert, bonifatius, erinnerungskultur
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Das katholische Milieu im 19. Jahrhundert. Bonifatius und die Erinnerungskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/476797

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