Luthers Briefwechsel auf der Wartburg - Stillstand der Reformation?


Seminararbeit, 2005
15 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL
II. 1. Auseinandersetzung Luthers mit 2 ausgew ä hlten Problemfeldern
1.1 Zölibat und Mönchsgelübde
1.2 Übersetzung des neuen Testaments
2. Ereignisse in Wittenberg und Umgebung -Luthers Reaktion
2.1. Wittenberger Unruhen

III. SCHLUSSBETRACHTUNG

IV. BIBLIOGRAPHIE

I. EINLEITUNG

„ Germanis meis natus sum, quibus et serviam. “1

Dies schrieb Martin Luther am 1. November 1521 Nikolaus Gerbel, einem Juristen aus Straßburg, welcher sehr interessiert an seinen Schriften war. Es kann als bezeichnender Hinweis auf Luthers Hauptansinnen für die Zeit in der Schutzhaft auf der Wartburg gesehen werden. Für diese Deutschen suchte er in unablässlichem Briefkontakt nach außen vor allem mit Melanchthon, seinem protegierten Nachfolger, Spalatin, welcher den gesamten Briefverkehr nach außen steuerte, seinem Freund Amsdorf und einigen anderen, Einflussnahme auf die Reformation und deren Akteuren zu nehmen. Doch andere wie Karlstadt, Zwilling und die sogenannten „Zwickauer Propheten“ nahmen in Luthers Abwesenheit das Heft des Handelns in die Hand.

Zunächst sei festzuhalten, dass Martin Luther, einem Augustinermönch, das Leben in der völligen Abgeschiedenheit der Wartburg sehr schwer fiel und neben physischem Leiden, auch mit ständigen innerlichen Anfechtungen zu kämpfen hatte.

Nach den Entwicklungen des Reichstages zu Worms, auf dem Luther zwar formal Reichsgeächteter war und bereits vorher schon mit dem Kirchenbann durch den Papst versehen worden ist, war Luther scheinbar geschwächt, doch waren weder die deutschen Fürsten, noch deren Kaiser im Stande oder entschlossen, diese höchst möglichsten Strafandrohungen hinreichend umzusetzen, so dass Luther unter dem Schutz der Verborgenheit und des Patronates durch den Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, unbehelligt weiter agieren konnte.

Luther setzte sich in dieser Zeit mit wichtigen kirchen- und sozialkritischen Themen auseinander, welche in Wittenberg in radikal- tumultartigen Weise gegen seinen Willen teilweise durchgesetzt wurden: So verfasste er eine Abhandlung über die Gültigkeit des Mönchsgelübdes, trat gegen das Zölibat ein, widersprach den „Zwickauer Propheten“ in der Frage nach der Ungültigkeit der Kindertaufe, befasste sich mit der Rechtfertigungslehre, der Abendmahls- und Messepraxis, legte einige Psalmenverse aus und als theoretischer Grundlage der reformatorischen Bewegung übersetzte er das neue Testament in ein allgemeinverständliches Deutsch.

38 Briefe und 7 Widmungen, sowie die meisten theologischen Werke sind aus dieser Zeit erhalten. Die Briefe und Widmungen sind aus Spalatins Nachlass in die Hände der Anhaltinischen Fürsten gelangt. Bis auf einem Brief liegen sie heute als Originale im Staatsarchiv Magdeburgs vor. Doch unter den 4211 Briefe Luthers, die als Abschriften in der Weimarer Lutherausgabe in 12 Briefbänden vorliegen, befinden sich natürlich auch die Briefe der Zeit auf der Wartburg. Leider sind diese nicht vollständig überliefert und weisen an verschiedenen Stellen Lücken auf, aber bieten trotz dessen einen weitreichenden Einblick in die Denkweise des Reformators.2

So kann man paradigmatisch hierfür die briefliche Kontakte in der Frage des Mönchsgelübdes und des Zölibats herausnehmen und neben der Übersetzung des neuen Testament als Untersuchungsansatz Luthers Wirken in der Zeit auf der Wartburg herauszustreichen. Die Ereignisse in Wittenberg gaben Luther Anlass zur Besorgnis und daher muss unter dem Aspekt der Fortführung der Reformation dies auch Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Darüber hinaus sind die gesamten Vorgänge, sowohl in Wittenberg, als auch auf der Wartburg unter der grundsätzlichen Entwicklung der Reformation zu betrachten, welche eine Transformation einer personalfixierten lutherischen Bewegung in eine massen- und medienwirksame Richtung darstellten.

II.HAUPTTEIL

II. 1. Auseinandersetzung Luthers mit 2 ausgew ä hlten Problemfeldern

1.1 Zölibat und Mönchsgelübde

Martin Luther korrespondierte in vielen Briefen mit seinem „Wunschkandidaten“ für seine geistige Nachfolgerschaft in Wittenberg, Melanchthon, über verschiedenste theologische Streitpunkte. Darunter fielen auch die Themen „Zölibat“ und „Mönchsgelübde“. So äußerte sich Luther in einem Brief vom 1.August 1521 wie folgt:

„ Nondum persuadetis, idem esse de sacerdotum et monachorum voto statuendum..., quod sacerdotum ordo a Deo institutus est liber, non autem monarchorum, qui sua sponte statum elegerunt et Deo obtulerunt “ .3 Somit legte er für seine Idee eine klare Verschiedenheit der beiden Gelübde als Ausgangsbasis fest und weiter heißt es:

„ Caeterum cum de sacerdotibus Paulus liberrime definiat, a daemonibus esse prohibitum eorum matrimonium,...

Ista sane diaboli prohibitio, divinis verbis manifeste traducta...

Huc adde, quod caelibatus est mere humani statuti, quod homo, qui statuit, solvere potest... Paulus prohibitionem erroneam et daemoniacam et hypocriticam et Deo damnatam vocaret “ .4

Damit versuchte Luther das Eheverbot für Priester auszuhebeln, indem er sich auf den Apostel und ersten Bischof von Rom, Paulus, ( =1. Papst) berief und mithilfe der Interpretation der Bibelstelle aus 1.Timotheusbrief 4, 1 und 3,5 dies argumentativ bestätigte. Zu dem Mönchsgelübde äußerte er sich zurückhaltender:

„ Talem sententiam Dei de monachis cum non habeam, non est tutum idem de iis asserere “ .6

In direktem Zusammenhang mit dem Zölibat sieht Luther auch das Gebot der Keuschheit und bekannte sich dazu wie folgt:

„ Et plane hoc mihi obtinui, castiatem sub voto cadere, non probari per Scripturas ab nec lege nec exemplo... Si enim Christus praesens esset, non dubito, vincula ista dissolveret, votaque irritaret omnia,... ,quod hoc votum numquam est probatum infra 14 annos etiam apud homines...Quis vero certos facit, quod post 14 annos unquam valeat in totam vitam?... ;ut hoc etiam argumento temeriarum et Deo ingratum esse videatur, qui est Deus consilii et scientiae “ .7 Mit diesen klaren Argumenten, teilweise belegt durch Bibelstellen,8 gegen das Keuschheitsgebot kam er zu folgendem Schluss:

„ ut prope mihi hic libertate spiritus utendum esse videatur, et perrumendum, quicquid obstiterit saluti animarum. “ .9

In einem Brief an Spalatin vom 15. August 1521 äußerte sich Luther ebenso dazu, auch mit dem Hinweis auf Karlstadts Bemühungen hinsichtlich der Widerlegung des Zölibats:

„ Quam vellem Carlstadium niti, ut caelibatum istum aptioribus Scripturis confutaret;... Opto et ego caelibatum liberum fieri, sicut evangelium exigit “ .10

Zu einem endgültigen Standpunkt in dieser Thematik kommt Luther thesenartig in einem Brief vom 9.September 1521 an Melanchthon, indem er eine evangelische Freiheit als Ausgangspunkt für jegliche gelübdische Verpflichtungen setzt:

„ Quicunque vovit animo contrario evangelicae libertati, liberandus est, et anathema sit ejus votum. At qui vovit animo salutis aut justitiae quaerendae per votum, est ejusmodi. “

„ Nam et haec libertatis evangelicae pars est, posse se subdere voto et legibus “

„ At quomodo tolletur, nisi aut votum ejusmodi rescindatur aut omnino de novo voveatur, hoc est, spritu libertatis sub votum eatur. “

„ Si autem animo libero et evangelico voveris, sponteque te servum feceris, justum est, ut serves et solvas “ .11 So folgt daraus stringend: Mönche wie Luther haben das Gelübde abgelegt zum Gefallen und Erhöhung der asketischen Leistung vor Gott. Da dies aber nicht im Sinne des Evangelium ist muss diese Sünde beseitigt werden, um sich dann entweder neu, aber aus freiem evangelischen Willen, für die Dienerschaft Gottes zu entscheiden oder nicht.12

In diesem Zusammenhang erinnerte sich Luther auch an sein eigenes Gelübde, welches er bedauerte gegen den Willen seines Vaters abgelegt zu haben:

„ Certe si id scivissem, dum voverem, numquam vovissem...Memini ego, cum vovissem, indignante vehementer patre carnis meae...:utinam non esset Satanae praestigium! “ .13

Dazu explizit äußerte sich Luther in der Zueignung „De votis monasticis“, die er seinem Vater widmete und in einem Brief vom 21.September 1521 schickte.14 Mit diesem Werk schloß er einerseits mit seinem eigenem Mönchsleben ab, andererseits wollte er so die ausgetretenen Mönche in Wittenberg auf ein klares Fundament setzen.15

Abschließend kann man sagen, dass Luther mit der Erörterung von Zölibat und Mönchsgelübde sich gegen die Auferlegung von erzwungenen Gelübden und schriftwidriger Ehelosigkeit wendet und sich für eine evangelische Freiheit einsetzt.16 Dadurch soll aber nicht das Keuschheitsgelübde beseitigt werden im Sinne einer Mönchsehe, sondern Raum geschaffen werden für eine Neuordnung basierend auf der heiligen Schrift.17

1.2 Übersetzung des neuen Testaments

Während des „geplanten“ Überfalles in der Nähe der Burg Altenstein war es Luther nur möglich die hebräische Bibel und das griechische Neue Testament - übersetzt von Erasmus von Rotterdam 1519 - mit zu nehmen.18 So legte er die Kutte und Tonsur ab und tauschte dies gegen Rittergewand und ließ sich einen Bart und die Haare wachsen.19 Davon berichtete er Spalatin und Melanchthon kurz nach seiner Entführung wie folgt:

„ Ita sum hic exutus vestibus meis et equestribus inudutus, comam et barbam nutriens “20

„ cum sim eremita, anacorita, vereque monachus, sed neque rasura neque veste: equitem videres, ac ipse vix agnosceres. “ .21

Er wurde zum „Junker Jörg“22, welcher aber nun Zeit fand sowohl Hebräisch und Griechisch zu lernen, als auch unentwegt zu schreiben:

„ Hebraica et Graeca disco et sine scribo. “ .23

Doch brauchte Luther erst den Anstoß seiner Freunde, während seines Kurzaufenthaltes Anfang Dezember in Wittenberg, um den Entschluss zu fassen, das neue Testament aus dem griechischem Urtext ins Deutsche zu übertragen24:

„ Novum Testamentum vernacula donaturus, quam rem postulant nostri “ .25

Als Hilfsmittel nutzte er, neben den bereits oben erwähnten, die beigefügte lateinische Übersetzung und Anmerkungen von Erasmus von Rotterdam und die lateinische Vulgata.26

Gleichzeitig verwies Luther Mitte Januar in einem Brief an Amsdorf auf seine begrenzten Möglichkeiten der fehlenden Kräfte für die Übersetzung des Alten Testamentes, nicht ohne Ankündigung der Vollendung des anderen Teils bis Ostern:

„ Interim Biblia [post Pascha] transferam, quamquam onus susceperim supra vires. “

„ Vetus vero Testamentum non potero attingere, nisi vobis praesentibus et cooperantibus. “ „ Magnum et dignum opus est, qoud nos omnes laboremus “ .27

Luther verwendete in der Übersetzung, die ihm geläufige Sprache der sächischen Kanzelei und wie sowohl Fausel, als auch Kantzenbach bemerken, wandelt Luther die Sprache in eine ihm eigentümliche Originalität ab28, so dass das Werk trotz 11 Wochen Entstehungszeit29 maßgeblich an der Entwicklung der bereits beginnenden Veränderung hin zum Hochdeutsch beteiligt war und Bornkamm bezeichnenderweise formuliert: „An der Bibel lernte das deutsche Volk seine gemeinsame Sprache sprechen.“30

Aber nicht nur die deutschen Stämme profitierten von dieser Universalisierung, sondern auch die gesamte evangelisch- lutherische Bewegung,31 wozu sich der Sprachwissenschaftler Frings wie folgt äußert: „ Das neue Deutsch gibt der Reformation die Möglichkeit weiter Wirkung, die Reformation dem neuen Deutsch überlandschaftliche Stoßkraft.“32

Doch was macht Luthers neutestamentliche Übersetzung neben diesen oben genannten Punkten so einzigartig? Denn es gab bereits früher genügend Übersetzungen ins Deutsche. Zum einen sei festzuhalten, dass Luther sich „ad fontes“, also zurück zu den Quellen bewegt, um so das neue Testament in seiner urtümlichen Gestalt zur Gemeinde, d.h. dem gläubigen Volk, zu bringen.33 Zum anderen war es mittels Buchdruck nun erstmalig möglich eine größere Zahl an Menschen mit Hilfe von Massenpublikationen wie der Bibel zu erreichen.34

So musste nach der ersten Auflage im September 1521 - daher auch der Name

„Septembertestament“ - von 3000 Exemplaren, bereits im Dezember des gleichen Jahres, trotz hohen Preises, eine zweite Auflage in Auftrag gegeben werden.35

Zum dritten konnte Luther sich der eigenen Folgerichtigkeit nicht widersetzen, denn nur die Bibel machte es ihm möglich dem Papst und den anderen katholischen Würdenträgern die Stirn zu bieten, indem er die Bibel zwar mittels scholastischer Theologie studierte, aber sie nun in ihrem Kern erfasste. Er öffnete so die heilige Schrift als unerschöpfliche Quelle dem Volk und unterstrich so die Rechtfertigung seines bisherigen Handelns. Die Bibel war zur Waffe gegen das anachronistische System der katholischen Kirche geworden.36

Zusammenfassend lässt sich von der Übersetzung des neuen Testamentes folgendes festhalten: Martin Luther gelang mit dieser einzigartigen Leistung den Weg des Hochdeutschen für alle deutschen Stämme zu ebnen, neben dem er so der Reformation eine Vielzahl an potentiellen Anhängern verschaffte, welche nun in der Lage waren dem Vorrecht der Mönche auf die Quelle - die heiligen Schrift - und somit der Macht über das Volk entgegen zu treten. Er vollendete damit aber auch seine Rechtfertigungslehre gegen die katholische Kirche, sich nur schriftgemäß in seinen Thesen widerlegen zu lassen.37

II. 2. Ereignisse in Wittenberg und Umgebung -Luthers Reaktion

2.1 Wittenberger Unruhen

Zunächst stellt sich die Frage, inwieweit Luthers physische Abwesenheit von Wittenberg die Reformation beeinträchtigt? Dazu gibt es ein geteiltes Echo:

Allgemeine Bestürzung, Verbitterung und Unsicherheit waren die Folge, da manche annahmen Luther sei tot und Albrecht Dürer - während er eine Totenklage schrieb - erwartete von Erasmus von Rotterdam die Übernahme der reformatorischen Führung.38 So beklagten unter anderem auch Melanchthon, dass sie nun ohne richtige Führung wären, doch Luther äußerte sich in mehreren Briefen an diesen wie folgt:

„ quod scribis, vos errare sine pastore...Donec enim tu , Amsdorfius et alii adestis, sine pastore non estis. “39 „ sine me regnatis, nec video, cur me tantopere desideretis, aut quae necessitas meae operae vobis sit...quum

felicius habeant res vestrae, me absente, quam praesente “40

„ Ego sic gaudeo de vestra abundantia, ut mitissime feram absentiam mei. Video enim me non esse opus vobis, sed vos esse opus mihi. “41

„ ut jam nihil me opus eos habere intelligam “ .42

Luther verwies so auf seine passive Rolle am weiteren Reformationsgeschehen und unterstreicht mehrfach brieflich die Verantwortung für deren Führungsrolle auf Melanchthon43, dem er aber auch trotz dessen herausragenden geistigen Fähigkeiten:

„ Quare tu verbi ministri interim insta “44

„ tu jam in locum meum succedis, donis Dei gravior et gratior “45 Tu quid super haec sentias et judices “46

„ Servandum est hoc caput [Philippus], ut ne pereat verbum “47 „ cum et majori tam spiritu, quam eruditione polleas, quam ego. “48

Weichlichkeit, Ängstlichkeit und unsicheres Verhalten attestierte:

„ quod impatientius te ferre crucem intelligo, nimiumque indulges affectibus, ac tener es tuo more “49 „ non probo tuam timiditatem “ .50

Mit der von Luther gewollten „Inthronisierung“ Melanchthons machte er indirekt eine Veränderung offensichtlich, dass nämlich nun die Reformation losgelöst von seiner Person zur überpersönlichen Angelegenheit, eine sich selbst organisierende Massenbewegung, wurde.51 Plastisch formuliert es Fausel: „Gottes Wort läuft ohne ihn.“52

Doch nicht Luthers Ansinnen bezüglich seiner temporären Nachfolge wurde Realität, sondern vielmehr bekommt man den Eindruck, dass Andreas Bodenstein (genannt Karlstadt) diese Führungsfigur in Wittenberg verkörperte.53 Zunächst versuchte dieser zwar Thesen gegen das Mönchsgelübde zu erarbeiten54 und somit noch auf Luthers friedliche Weise die Reformation voran zu bringen, dennoch konnte er die Argumentation Karlstadts zum Bruch des Mönchsgelübde nicht begrüßen:

„ De Carlstadio doleo “55

„ Jam ista ratio, quod melius est nubere quam uri, seu ut peccatum fornicationis vitetur, matrimonium in peccato fidei fractae ineunt, quid est nisi ratio? “56

Neben Karlstadt schwing sich Gabriel Didymus (Zwilling) als treibende Kraft dieser radikaleren Kreise auf und war Prediger im Wittenberger Augustinerkloster.57

Nachdem am 12. November 1521 unter dem Eindruck dieses Predigers 13 der 40 Mitglieder des Wittenberger Augustinerordens ihre Mönchskutte ablegten,58 befasste sich Luther in gleicher Zeit mit seinem, in dieser Frage richtungsweisenden Werk, „De votis monasticis“, welches Ende Februar 1522 in Druck ging.59 So kündigte er es Spalatin brieflich bereits zur gleichen Zeit wie folgt an:

„ Jam enim et religiosorum vota aggredi statuo, et adolescentes liberare ex isto inferno caelibatus “60 und kritisierte mehrfach die radikale Vorgehensweise seiner Ordensbrüder:

„ deposuisse apud nostros quosdam cucullum, quod ne forte non satis firma conscientia facerent, timui. “61 „ Non probo egressum istum tumultuosum62

„ Diplicet sane mihi egressus iste cum tumultu “ .63

Öffentlich zur Schau stellte Karlstadt den Bruch mit dem Mönchsgelübde indem er eine Frau ehelichte und Luther schrieb dazu an Amsdorf am 14. Januar 1522:

„ Carlstadii nuptiae mire placent “ .64

Neben dem Komplex der Mönchsgelübde war in Wittenberg auch eine Reform der Messe und des Abendmahles - nämlich in beiderlei Gestalt - in den Mittelpunkt der Agitatoren Karlstadt und Zwilling geraten.65

Luther äußerte sich bereits am 1. August 1521 an Melanchthon wie folgt:

„ ne cogamur alteram speciem accipere tantum. Sed et ego amplius non faciam missam privatam in aeternum. “ .66

Dies bekräftigend schrieb er in zwei Briefen an Spalatin:

„ Utinam et ipse et omnes privatarii istiusmodi saltem minuerentur, si in totum non possint subito abrogari. “67 „ Abrogationem missarum confirmo hoc, quem mitto, libro. “ .68

Mit der letzten Aussage kündigte er sein hierzu klärendes Werk „De abroganda missa privata“, welches Mitte November (auch auf deutsch) fertig gestellt war, an.69 So widersprach Luther den Brauch der Privatmessen aufs entschiedenste und fordert auch den sogenannten Laienkelch.70 Damit wollte er wie bereits in der Frage der Mönchsgelübde beschwichtigend und ohne allgemeinen Zwangsauflage, aber in der Sache reformatorisch, wirken.71

Im Gegensatz dazu kamen ihm aber Zwilling und Karlstadt in der praktischen Umsetzung zuvor: So predigte Zwilling bereits im Sommer in Agitationsreden gegen die Messe.72 Daher war es auch keine Überraschung als dieser am 29. September 1521 in Wittenberg, auch unter der Teilnahme des mitgerissenen Melanchthon und dessen Studenten, das Abendmahl in beiderlei Gestalt und auf deutsch feierten.73 Dies bewog sogar Melanchthon, ohne Absprache mit Luther, am nächsten Tag den Generalvikar der deutschen Augustinerkongregation Link zur Umwandlung der Messe in ein Abendmahl der Gemeinde aufzufordern.74

Wenig später am 6. Oktober 1521 predigte Zwilling gegen das Sakrament des Altars und die Privatmessen, so dass sich die Augustinermönche nun entschlossen bis zur Entscheidung des Kurfürsten gar keine Messe mehr zu lesen.75

Weitere Folgen aus diesen radikalen Vorgängen waren: Totenmessen wurde nicht mehr gelesen, Vigilien wurden nicht mehr vorgetragen, bei Vespergottesdienste fanden starke Veränderungen statt, einsetzende Verwirrung der Bevölkerung, so dass weniger Stiftungen vorgenommen und Messpriester arbeitslos wurden, Abnahme der Studentenanzahl und unter dem Eindruck Karstadts legten diese bürgerliche Kleidung an und gingen einem einfachen Handwerk nach.76 Kurfürst Friedrich der Weise beauftragte umgehend eine Kommission mit dieser Frage, um das Ende der Unruhen herbeizuführen. Unter der Mitwirkung vom Stiftprobst Justus Jonas und Karlstadt legten diese am 20. Oktober das Gutachten vor, welche ganz der Linie der bisherigen Umwälzungen folgen sollte. Doch der Kurfürst verweigerte sich diesem aus prinzipientreuen Gründen, denn er wollte nicht die Rolle eines kirchlichen Reformators annehmen.77

Von diesen Vorgängen unterrichtet, ritt Luther heimlich am 2.Dezember 1521 nach Wittenberg, wohnte dort im Hause Amsdorfs und traf sich mit seinen Freunden darunter auch Melanchthon.78 Es ist anzunehmen, dass er nicht vollständig von den tumult- und gewalttätigen Aktionen - auch von Studenten gegenüber Priestern - informiert wurde.79 Denn einerseits schrieb er nach seiner Rückkehr am 11. Dezember auf die Wartburg zwar eine

[...]


1 WAB 435.

2 Vgl. Luther, M., Briefe von der Wartburg 1521/22, S. 6f.

3 WAB 424; vgl. Fausel, H. D., S. 25f.

4 Ebd. 424; vgl. Fausel, H. D., S. 25ff.

5 Vgl. Luther, M., Briefe von der Wartburg 1521/22, S. 53; vgl. Fausel, H. D., S. 25.

6 WAB 424; vgl. Fausel, H. D., S. 25f.; vgl. Kamerau, G., S. 10.

7 WAB 425; vgl. Bornkamm, H., S. 28f.

8 Vgl. Luther, M., Briefe von der Wartburg 1521/22, S. 57f.

9 WAB 425.

10 Ebd. 427; vgl. Kamerau, G., S. 10; vgl. Bornkamm, H., S .28.

11 Ebd. 428.

12 Vgl. Bornkamm, H., S .28f.

13 WAB 428.

14 Ebd. 440; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 118f.

15 Vgl. Fausel, H. D., S. 27; Kamerau, G., S. 12; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 119.

16 Vgl. Fausel, H. D., S. 25ff, vgl. Bornkamm, H., S. 27ff.

17 Vgl. Fausel, H. D., S. 26.

18 WAB 410, vgl. Bornkamm, H., S. 15; vgl. Fausel, H. D., S. 12.

19 Ebd. 410, vgl. Bornkamm, H., S. 15.

20 Ebd. 410.

21 Ebd. 413.

22 Vgl. Bornkamm, H., S. 15.

23 WAB 417; vgl. Luther, M., Briefe von der Wartburg 1521/22, S. 5; vgl. Bornkamm, H., S. 23. 6

24 Vgl. Bornkamm, H., S. 46; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 119; vgl. Fausel, H. D., S. 12.

25 WAB 445.

26 Vgl. Bornkamm, H., S. 51; vgl. Fausel, H. D., S. 12; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 119.

27 WAB 449.

28 Vgl. Fausel, H. D., S. 12; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 119.

29 Vgl. Bornkamm, H., S. 52.

30 Ebd. S. 55.

31 Ebd. S. 55.

32 Ebd. S. 55 zit. aus: Th. Frings, Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache, in Zs. f. dt. Geisteswiss. 1 (1938/39), 209.

33 Vgl. Fausel, H. D., S. 12.

34 Vgl. Hohenberger, T., S. 392.

35 Vgl. Kantzenbach, F. W, S. 120.

36 Vgl. Bornkamm, H., S. 51.

37 Vgl. WAB 419; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 113f.

38 Vgl. Kantzenbach, F. W, S. 116f.; vgl. Hohenberger, T., S. 125.

39 WAB 413.

40 Ebd. 418.

41 Ebd. 419.

42 Ebd. 420.

43 Vgl. Kamerau, G., S. 6.

44 WAB 407.

45 Ebd. 418.

46 Ebd. 428.

47 Ebd. 434.

48 Ebd. 450.

49 Ebd. 418.

50 Ebd. 450.

51 Vgl. Hohenberger, T., S. 125, 183; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 117.

52 Vgl. Fausel, H. D., S. 9.

53 Vgl. Bornkamm, H., S. 63; vgl. Kamerau, G., S. 10.

54 Ebd. S.28; vgl. Kamerau, G., S. 10.

55 WAB 430.

56 Ebd. 424; vgl. Bornkamm, H., S. 28. 9

57 Vgl. Kamerau, G., S. 11.

58 Vgl. Fausel, H. D., S. 27; vgl. Kamerau, G., S. 12.

59 Ebd. S.27; vgl. Kamerau, G., S. 10ff.; vgl. Bornkamm, H., S. 39ff.

60 WAB 438.

61 Ebd. 441.

62 Ebd. 445.

63 Ebd. 446.

64 Ebd. 449.

65 Vgl. Fausel, H. D., S. 33; vgl. Kamerau, G., S. 13.

66 WAB 424.

67 Ebd. 434.

68 Ebd. 438.

69 Vgl. Bornkamm, H., S. 37ff., 43; vgl. Fausel, H. D., S. 33. 10

70 Vgl. Kamerau, G., S. 13; vgl. Fausel, H. D., S. 33.

71 Vgl. Bornkamm, H., S. 38f.

72 Vgl. Kamerau, G., S. 13.

73 Vgl. Fausel, H. D., S. 33; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 113; vgl. Bornkamm, H., S. 34; vgl. Kamerau, G., S. 14.

74 Vgl. Bornkamm, H., S. 34.

75 Vgl. Kamerau, G., S. 14; vgl. Bornkamm, H., S. 35.

76 Vgl. Kantzenbach, F. W, S. 122.

77 Vgl. Bornkamm, H., S. 35ff.; vgl. Fausel, H. D., S. 34; vgl. Kamerau, G., S. 16.

78 Ebd., S. 44f.; vgl. Kamerau, G., S. 21; vgl. Fausel, H. D., S. 34; vgl. Kantzenbach, F. W, S. 122.

79 Ebd. 45f.; vgl. Kamerau, G., S. 21f.; vgl. Fausel, H. D., S. 34.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Luthers Briefwechsel auf der Wartburg - Stillstand der Reformation?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Zentrum für Europäische Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar "Wittenberger Reformatoren"
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V47766
ISBN (eBook)
9783638446419
ISBN (Buch)
9783656036135
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zitate sind, soweit im Original auch, alle durchgehend auf Lateinisch.
Schlagworte
Luthers, Briefwechsel, Wartburg, Stillstand, Reformation, Proseminar, Wittenberger, Reformatoren
Arbeit zitieren
Martin Dietrich (Autor), 2005, Luthers Briefwechsel auf der Wartburg - Stillstand der Reformation?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47766

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