Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX)


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Nutzen und Erscheinungsformen der Freundschaft
1.1. Freundschaft als Tugend der Gemeinschaft
1.2. Drei Arten der Freundschaft

2. Individuelle/ private Freundschaftsbeziehungen und ihr Verhältnis zum öffentlichen Gemeinwesen
2.1. Freundschaft und Recht
2.2. Staatsformen und gleichartige familiäre Beziehungen
2.3. Die Einheit von privater Beziehung und öffentlicher Institution am Beispiel der Ehe

3. Freundschaft mit sich selbst
3.1. Das Selbst und seine Verdoppelung im Anderen
3.2. Selbstopferung und das Paradoxon des Glücklichen
3.3. Das tätige Leben als wertvolles Gut an sich

Schluss

Einleitung

Die Nikomachische Ethik gilt als der wichtigste Text der aristotelischen Ethikkonzeption. Im Gegensatz zur fragmentarisch überlieferten Eudemischen Ethik und zur Magna Moralia, deren Authentizität umstritten ist, handelt es sich hierbei um ein in sich kohärentes, abgeschlossenes Buch mit systematisch-logischem Aufbau. Das inhaltlich dichte und komplexe Werk beeinflusste signifikant die Philosophiegeschichte des Abendlandes und scheint bis heute kaum an Aktualität eingebüßt zu haben.

Zunächst definiert Aristoteles das Endziel des Strebens nach einem guten Leben als Glück (eudaimonia) und schließt daran eine ausführliche Untersuchung der ethischen und dianoethischen Tugenden an. Die Untersuchung der Freundschaft (Buch VIII und IX) bildet den Höhepunkt gegen Ende des Buches, da hier Bedingung und Konsequenz des moralisch- glücklichen Lebens (das Zusammenleben in der Gemeinschaft) aufgezeigt werden.

Auffällig ist, dass der aristotelische Freundschaftsbegriff ein weiteres Feld menschlicher Beziehungen umfasst als die Freundschaft in der (post-)postmodernen Welt und darüber hinaus auch von politischer Relevanz ist, ohne dabei den Privatmenschen und seine Bedürfnisse auszuklammern.

Die heute selbstverständliche und tiefgreifende Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem/politischen Leben war zur Zeit der hellenistischen Monarchien geradezu unbekannt. Für Aristoteles ist ein glückliches und gelungenes Leben untrennbar mit politischer Aktivität als Polisbürger verbunden. Dabei spielt Freundschaft (philia) eine besondere Rolle, deren Bedeutung weit über privates, innerliches Glücksgefühl (oder die sinnliche Liebe- aphrodisia) hinausreicht.

Im Folgenden werde ich die verschiedenen Aspekte der Freundschaft (ihre Erscheinungsformen, verschiedene Beziehungen zu den Mitmenschen, Selbstliebe und die Konsequenzen für das Polisleben) darstellen und in einen Zusammenhang bringen, der zeigt, dass Aristoteles vor ca. 2300 Jahren (unabhängig von christlichem Einfluss) eine Theorie des ganzen Menschen entwarf, in der alle Seelenteile[1] und Aspekte des Lebens von Vernunft und Selbstbeherrschung vereint und integriert werden, um so ein glückliches Leben anstreben und verwirklichen zu können.

1.Nutzen und Erscheinunsformen der Freundschaft

Einführend verortet Aristoteles die Freundschaft im Bereich der Tugenden und gibt einen ersten Überblick über ihren Zweck und ihre Erscheinungsformen. Dabei spielt die bewährte Methode der endoxa eine große Rolle: zuerst werden die üblichen Ansichten in der Mehrheit gesammelt und dargestellt, bevor sich Aristoteles deren systematischer Untersuchung und Integration in seine Ethikkonzeption widmet.

1.1.Freundschaft als Tugend der Gemeinschaft

Aristoteles beginnt seine Untersuchung, indem er die Freundschaft (philia) als eine der Trefflichkeiten (Tugenden) des menschlichen Lebens bzw. als eine mit dieser eng verbundenen Erscheinung beschreibt[2]. Danach folgt eine einleitende Aufzählung der verschiedenen Zwecke der philia, die später eingehender untersucht werden. Zunächst ist sie unabdingbares Grundprinzip jedes Gemeinschaftslebens: niemand möchte ohne Freunde leben, sei es, weil ihr Vorhandensein Möglichkeiten für die Wohlhabenden eröffnet, Gutes zu tun, bzw. den eigenen Wohlstand zu schützen, oder sei es, da sie Hilfe und Zuflucht für die Armen gewähren können. An dieser Stelle wird bereits angedeutet, dass die Freundschaft selbst auch Ansporn zu tugendhaftem Handeln sein kann und somit zur Bedingung des glücklichen Lebens wird.

Obwohl freundschaftliche Verhältnisse auch bei anderen Lebewesen auftreten, liegt die Freundschaft (bzw. Menschenliebe) in der besonderen Natur des Menschen und sorgt für das Zusammengehörigkeitsgefühl: „Die Erfahrung lehrt auch, daß Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält[...]“[3].

Selbst Gesetzgeber bemühen sich mehr um Freundschaft als um Gerechtigkeit, denn wo Eintracht stiftende Freundschaft in den Beziehungen herrscht, braucht man keine Gerechtigkeit mehr, aber das Vorhandensein von (abstrakt- arithmetischer) Gerechtigkeit[4] verlangt nach der Ergänzung durch philia, da die höchste Form der Gerechtigkeit nur so erreicht werden kann.

Gegenstand der (freundschaftlichen) Liebe ist das Liebens- werte (phileton). Dieses ist das für jeden individuell verschiedene Lustvolle, Nützliche oder Wertvolle: „Liebe ist immer Liebe zu etwas Gutem oder Angenehmen, sofern es dem Liebenden als ein solches erscheint.“[5]. Der wesentliche Aspekt des freundschaftlichen Verhältnisses besteht jedoch darin, dass man „[...] dem Freunde [...] das Gute [wünscht] um der Person des Freundes willen.“[6]. Diese Haltung definiert Aristoteles als Wohlwollen, das am Anfang der Entwicklung jedes Freundschaftsverhältnisses steht und im Falle von Sichtbarkeit und Erwiderung durch den Partner langsam zur philia übergehen kann.

Nach diesen ersten einführenden Betrachtungen besteht kein Zweifel, dass das gesellschaftliche Leben auf Freundschaft beruht: menschliche Gemeinschaft entsteht nur aufgrund der natürlichen Menschenliebe.

1.2.Drei Arten der Freundschaft

Entsprechend der drei Formen des Liebens- werten existieren drei Arten der Freundschaft: die um der Lust oder des Nutzens willen, und die vollkommenen Charakterfreundschaften. Bei jeder Form ist die von Aristoteles geforderte Gegenliebe möglich und die Beteiligten wünschen sich gegenseitig das Gute entsprechend ihres Gesinnungsmotivs. Beziehungen der Lust bzw. des Nutzens wegen stellen dabei „Freundschaften im akzidentellen Sinn“[7] dar, denn sie existieren nicht um das Wesen und die Charaktereigenschaften des Freundes willen, sondern weil man sich einen bestimmten Nutzen erhofft, bzw. den anderen als angenehm empfindet. Die Person des Freundes fungiert hier also weder als Antrieb noch als Ziel der Freundschaft, sondern er dient vielmehr als Mittel zum Erreichen eines anderen Gutes. Folglich sind diese Arten eher von moralisch untergeordneter Bedeutung und auch von geringer Dauer, da sie mit dem Wegfall des unbeständigen Nutzen- oder Lustverhältnisses erlöschen.

Aristoteles beschreibt die auf Nutzen basierenden Beziehungen als charakteristische Erscheinung des Alters, wenn das Angewiesensein auf fremde Hilfe zunimmt, während Lust-Bekanntschaften seltener werden und die Menschen zunehmend weniger am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Lust-Freundschaften verortet er hingegen in der Zeit der Jugend, die mehr auf oberflächlich- flüchtige Beziehungen aus sei, bei denen Leidenschaft und sinnliche Liebe (aphrodisia) im Vordergrund stünden.

Bei beiden Freundschaftsarten fehlt das Gemeinschaftsbewusstsein, da sie nicht aus Motiven des moralisch Guten entstehen, sondern um eines Gutes willen, dass die menschlichen Beziehungen als Mittel nutzt. Solche unbeständigen Allianzen grenzt Aristoteles scharf von der höchsten Form, der vollkommenen Charakterfreundschaft, ab.

[...]


[1] Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik, (im Folgenden NE), Anmerkungen zu Buch I, S. 309

[2] NE, S.213 (1155a3-4)

[3] NE, S.213 (1155a23-24)

[4] Vgl. NE, Buch V

[5] Kuhn, Helmut: Liebe. Geschichte eines Begriffs, S. 60

[6] NE, S.215 (1155b30-31)

[7] NE, S.216 (1156a18)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX)
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V47768
ISBN (eBook)
9783638446433
ISBN (Buch)
9783640237999
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriff, Freundschaft, Aristoteles, Ethik, Buch, VIII
Arbeit zitieren
Vera Ohlendorf (Autor), 2004, Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47768

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Begriff der Freundschaft bei Aristoteles (Nikomachische Ethik, Buch VIII und IX)



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden