Symbolischer Interaktionismus in der Praxis der Sterbebegleitung


Hausarbeit, 1998
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1.Theorie des Symbolischen Interaktionismus
1.1.Handlungen, Gesten, Symbole und Sprache
1.2.Geist und Sinn
1.3.Reflexion, rationales Handeln und Aufmerksamkeit
1.4.Entwicklung und Wesen der Identität
1.5.Das Ich und das ICH

2.Aspekte der Sterbebegleitung auf der Basis des Symbolischen Interaktionismus
2.1.Der Tod in der Gesellschaft
2.2.Der Tod des "verallgemeinerten Anderen"
2.3.Der Tod der eigenen Identität
2.4.Der Tod als geregeltes Recht in der Gesellschaft
2.5.Umgang mit dem Tod

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit habe ich den Versuch gemacht, die Theorie des Symbolischen Interaktionismus auf meine Praxiserfahrung in der Sterbebegleitung von AIDS-Kranken zu beziehen. Dabei habe ich mich im ersten Teil ausschließlich auf das Werk von G.H. Mead: "Geist, Identität und Gesellschaft" konzentriert und anhand dessen die Grundbausteine des Symbolischen Interaktionismus herausgearbeitet. Im zweiten Teil wende ich mich nun der Praxis der Sterbebegleitung zu, indem ich die Bedeutung des Todes in der Gesellschaft anhand des Symbolischen Interaktionismus verdeutliche. Dabei beziehe ich mich auf einige Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Tod und Gesellschaft auseinandergesetzt haben, leite die meisten Thesen aber aus meiner Erfahrung in der Praxis ab.

1.Theorie des symbolischen Interaktionismus

1.1.Handlungen, Gesten, Symbole und Sprache

Die Haltungen eines Menschen bestehen nach Mead aus der Organisation von Handlungen.[1] Diese Handlungen stellen für uns die Erfahrung eines Objektes dar[2], denn wir identifizieren das Objekt mit den damit verbundenen möglichen Handlungen.[3] Die Haltung des Individuums drückt sich nun in Form einer Geste aus, während diese Geste als Reiz in dem Gegenüber eine veränderte (angepaßte) Haltung auslöst.[4] Um Kommunikation zu ermög- lichen muß der eine sich nun instinktiv auf die Haltung des anderen einstellen. "In diesem Zusammenhang erfüllen die Gesten ihre Funktion, nämlich Reaktionen der anderen hervorzurufen, die selbst wieder Reize für neuerliche Anpassungen werden, bis schließlich die endgültige gesellschaftliche Handlung zustande kommt."[5] Gesten sind ein wichtiges Element zur Organisation gesellschaftlichen Handelns und markieren deren Anfänge. Ihre Funktion liegt hauptsächlich darin, die Anpassung zwischen den Individuen einer Gruppe oder Gesellschaft in Hinblick auf ein Objekt, aber auch einer Idee, zu ermöglichen.[6] Wird die Geste zum Ausdruck einer Idee, dann steht sie neben dem Sachverhalt auch gleichzeitig für den Gedanken des Individuums. Kann sie als solche diese Idee auch im anderen auslösen, so wird die Geste zum signifikanten Symbol.[7]

Ein signifikantes Symbol ermöglicht also, daß die Bedeutung eines Gegenstands oder einer Idee des einen Menschen im anderen Menschen gleichermaßen hervorgerufen wird. Diese Funktion kann besonders die Sprache ermöglichen, die nur aus signifikanten Symbolen besteht, d.h. daß Gesten im Prinzip Vorläufer der Sprache sind.[8] Eine andere wichtige Eigenschaft der signifikanten Geste (oder des signifikanten Symbols) liegt darin, daß sie im Individuum durch ihre Verwendung die gleiche Haltung sich selbst gegenüber auslöst wie im anderen Individuum, und dem einzelnen damit deren Haltung zu seiner eigenen verständlich werden läßt.[9] Diese signifikanten Gesten oder Symbole bieten die bessere Möglichkeit für eine Anpassung. Soll Kommunikation möglich sein, so muß das Symbol für alle Betroffenen das gleiche bedeuten.

1.2.Geist und Sinn

Nach Mead entwickelt sich der Geist erst aus "der Kommunikation durch Übermittlung von Gesten innerhalb eines gesellschaftlichen Prozesses oder Erfahrungszusammenhanges."[10] Dabei spielt der signifikante Reiz eine besondere Rolle: Das Individuum reagiert auf den von ihm ausgelösten Reiz so wie andere Menschen.[11] So nehmen wir die Haltung anderer Personen in unser eigenes Verhalten mit hinein.[12] Diese in uns selbst ausgelöste Haltung kann wiederum zu einem Reiz für unser Handeln werden, was dann als vernünftiges oder sinnvolles Verhalten gesehen werden kann.[13] "Der Sinn an sich, d.h. der Gegenstand des Denkens, entsteht in der Erfahrung dadurch, daß sich der Einzelne dazu anregt, die Haltung des anderen in seiner Reaktion auf das Objekt[14] zu übernehmen."[15] Dabei wird dem Reiz erst durch die Reaktion des anderen der entsprechende Sinn verliehen, er wird allerdings aus der gegenseitigen Anpassung der Reaktionen oder Handlungen der innerhalb des gesellschaftlichen Prozesses einbegriffenen Individuen geschaffen. Aus der Beziehung zwischen der Geste eines bestimmten Menschen, der Reaktion des Gegenübers und der letztendlich gesellschaft-lichen Handlung ergibt sich der Sinn; aus deren Zusammenhang entsteht und entwickelt er sich.[16]

1.3.Reflexion, rationales Handeln und Aufmerksamkeit

Um Reflexion zu gewährleisten ist das Vorhandensein eines Bewußtseins entscheidend.[17] Dieses ermöglicht uns die Merkmale aufzuzeigen und zu unterscheiden, die eine bestimmte Reaktion auslösen.[18] Wenn wir diese Merkmale (oder auch Reize) isolieren und organisieren (z.B. können wir Reize verbinden, die vorher noch nicht verbunden waren und damit eine Gesamtreaktion hervorrufen), können wir auch unser Verhalten im Hinblick auf unsere Umwelt organisieren.[19]

Ein wichtiger Aspekt dieser Organisation von Reizen ist die Aufmerk-samkeit, die ein Individuum bewußt lenken kann. Mit dieser Aufmerksamkeit kann er bestimmte Reize auswählen, schwache Reize verstärken und mit Hilfe der "abstrahierenden" Aufmerksamkeit die wesentlichen, allgemein-gültigen Merkmale eines Objektes erkennen.[20] Um uns wirklich die ver-schiedenen Alternativen für unser zukünftiges Handeln bewußt zu machen, muß eine zeitweilige Verzögerung der Handlung möglich sein. Spontane Reaktionen beinhalten also keine bewußte Reflexion (Denken).[21] Auch muß man zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Aufmerksamkeit unterscheiden. Reize können mitunter so stark sein, daß das Individuum sich keinen anderen Merkmalen mehr zuzuwenden vermag.[22]

Das Konstruieren von Alternativmöglickeiten trennt das intelligente Verhalten von dem Reflexinstinkt. Darüber hinaus beinhaltet Intelligenz primär die Fähigkeit, die "Probleme des gegenwärtigen Verhaltens im Hinblick auf mögliche zukünftige Folgen zu lösen, soweit sie sich auf der Grundlage vergangener Erfahrung abzeichnen d.h. die Fähigkeit, die Probleme des gegenwärtigen Verhaltens im Lichte sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft zu lösen."[23]

Der Unterschied zwischen Tier und Mensch besteht damit primär darin, daß der Mensch seine Handlungen[24] bewußt auf einen Zweck hin ausrichten kann. Können wir unsere Handlungen und Reaktionen kontrollieren, so heißt dies, daß wir auch Kontrolle über unsere Erfahrungsprozesse besitzen.[25] Wiederum "ist unsere ganze Erfahrungswelt grundlegend mit dem gesellschaftlichen Verhaltensprozeß verbunden, einem Prozeß in dem Handlungen durch Gesten eingeleitet werden, die deshalb als solche funk-tionieren, weil sie die anpassenden Reaktionen anderer Organismen auslösen, die auf die Vollendung oder die Resultante der durch sie ausgelösten Hand-lung hinweisen."[26] Unser Denken ist letztendlich einfach eine verfeinerte Interpretation im Hinblick auf unsere eigene Reaktion.[27]

1.4.Entwicklung und Wesen der Identität

Identität ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden. Sie entsteht erst durch die Beziehung des Individuums zu dem gesellschaftlichen Ganzen, wobei Sprache oder signifikante Symbole für diese Entwicklung von maß-gebender Bedeutung sind.[28] Eine entscheidende Charaktereigenschaft des Menschen ist es, sich selbst ein Objekt sein zu können.[29] Dies erreicht er, indem er die Haltungen anderer Individuen gegenüber sich selbst ein-nimmt.[30] Dabei entwickelt er unter Umständen verschiedene Identitäten, je nachdem, mit welcher Gruppe das Individuum sich gerade auseinander- setzt.[31] Diese Identitäten organisiert das Individuum dann im Hinblick auf die jeweilige Gruppe, der er angehört.[32] Letztendlich spiegelt "die Einheit und Struktur der kompletten Identität die Einheit und Struktur des gesellschaft-lichen Prozesses als ganzes."[33]

[...]


[1] vgl. Mead, 1973, S.50

[2] Inhalte/ Objekte der Welt werden zum größten Teil durch die Reaktion der gesellschaftlichen Prozesse auf sie gebildet, da der Mensch ein Objekt oft erst auf Grund seiner Reaktion wahrnimmt. vgl. Mead, passim

[3] vgl. Mead, 1973, S.50

[4] vgl. Mead, 1973, passim

[5] Mead, 1934, S.83

[6] vgl. ebenda, S.85

[7] vgl. ebenda, S, 87

[8] vgl. ebenda, passim

[9] vgl. ebenda, S.85

[10] ebenda, S. 89

[11] vgl. ebenda, S. 107

[12] vgl. Mead, 1934, S. 108

[13] vgl. ebenda, S.113

[14] Erst mit Hilfe von Symbolen wird Denken als Prozeß ermöglicht. Um Objekte gedanklich in Zusammenhang setzen zu können, müssen wir sie zuerst in Form von

Symbolen erfasst haben. vgl. ebenda, S. 188

[15] ebenda, S.129

[16] vgl. ebenda, passim

[17] vgl. ebenda, S.131

[18] vgl. ebenda, S. 132

[19] vgl. ebenda, S. 131

[20] vgl. ebenda, S.135

[21] vgl. Mead, 1934, S.131

[22] vgl. ebenda. S. 135

[23] ebenda, S.140

[24] Ziehen diese Überlegungen keine sichtbare Handlung nach sich, so handelt es sich einfach um eine Idee. vgl. ebenda, S. 139

[25] vgl. ebenda, S.153

[26] ebenda, S.152

[27] vgl. ebenda, passim

[28] vgl. Mead, 1934, S. 177

[29] vgl. ebenda, S. 178

[30] vgl. ebenda, S. 180

[31] vgl. ebenda, S. 184

[32] vgl. ebenda, S. 185

[33] ebenda, S.186

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Details

Titel
Symbolischer Interaktionismus in der Praxis der Sterbebegleitung
Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf  (Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Grundlagenseminar
Note
1,0
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V4781
ISBN (eBook)
9783638129237
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sterbebegleitung Hospiz Symbolischer Interaktionismus
Arbeit zitieren
Maren-Anneke van Drimmelen (Autor), 1998, Symbolischer Interaktionismus in der Praxis der Sterbebegleitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4781

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