Einleitung
In der vorliegenden Arbeit habe ich den Versuch gemacht, die Theorie des Symbolischen Interaktionismus auf meine Praxiserfahrung in der Sterbebegleitung von AIDS-Kranken zu beziehen. Dabei habe ich mich im ersten Teil ausschließlich auf das Werk von G.H. Mead: "Geist, Identität und Gesellschaft" konzentriert und anhand dessen die Grundbausteine des Symbolischen Interaktionismus herausgearbeitet. Im zweiten Teil wende ich mich nun der Praxis der Sterbebegleitung zu, indem ich die Bedeutung des Todes in der Gesellschaft anhand des Symbolischen Interaktionismus verdeutliche. Dabei beziehe ich mich auf einige Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Tod und Gesellschaft auseinandergesetzt haben, leite die meisten Thesen aber aus meiner Erfahrung in der Praxis ab.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.Theorie des Symbolischen Interaktionismus
1.1.Handlungen, Gesten, Symbole und Sprache
1.2.Geist und Sinn
1.3.Reflexion, rationales Handeln und Aufmerksamkeit
1.4.Entwicklung und Wesen der Identität
1.5.Das Ich und das ICH
2.Aspekte der Sterbebegleitung auf der Basis des Symbolischen Interaktionismus
2.1.Der Tod in der Gesellschaft
2.2.Der Tod des "verallgemeinerten Anderen"
2.3.Der Tod der eigenen Identität
2.4.Der Tod als geregeltes Recht in der Gesellschaft
2.5.Umgang mit dem Tod
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendung der Theorie des Symbolischen Interaktionismus nach G.H. Mead auf die praktische Sterbebegleitung. Das primäre Ziel ist es, den Sterbeprozess und den Umgang mit dem Tod in der modernen Gesellschaft theoretisch zu fundieren und daraus Erkenntnisse für einen konstruktiven, identitätsstabilisierenden Begleitungsprozess abzuleiten.
- Grundlagen des Symbolischen Interaktionismus (G.H. Mead)
- Die Bedeutung von Symbolen und Kommunikation im Sterbeprozess
- Soziologische Perspektiven auf den Tod und soziale Rituale
- Der Einfluss des Todes auf die Identität der Hinterbliebenen
- Konstruktive Ansätze zur professionellen Sterbebegleitung
Auszug aus dem Buch
2.1.Der Tod in der Gesellschaft
Der Tod ist ein Ereignis, mit dem sich jede Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinandersetzen muß. Jedes Individuum wird einmal sterben, doch ist letztendlich nicht nur der Einzelne, sondern auch die Gruppe von diesem Sachverhalt bedroht. In der Anpassung ihrer Symbolwelt durch Kommunikation verstehen die eingebundenen Individuen sich als eine Einheit, die versucht, eine gemeinschaftlich anerkannte Reaktion auf den Tod zu entwickeln. Bestattungsrituale bieten dabei eine Form symbolisch vermittelter Interaktion.
Dabei können diese vergesellschaftlichen Reaktionsmechanismen sehr stark in verschiedenen Kulturen variieren. Die besonderen Aspekte, die westlichen Kulturen Schwierigkeiten bereiten, liegen gerade in einem Verlust an bedeutungsvollen Ritualen, wie sie in anderen Kulturen zu finden sind. Im Zuge der Individualisierung muß der Einzelne allein seinen Umgang mit dem Verlust eines Angehörigen oder Bekannten finden. Das Verhalten im Bezug auf Tod hängt ferner nicht nur von den kulturellen Vorgaben ab, sondern auch von der Intensität und Dauer, die die Beziehung zu dem Verstorbenen umfaßte.
Ein weiterer grundlegender Umstand des Handelns im gesellschaftlichen Rahmen liegt darin, daß sich die Wirklichkeit der meisten Menschen nach Erreichen eines gewissen Alters nur unmerklich verändert. Individuen leben in der Regel in einer Alltagswelt, in deren Zusammenhängen sie sich sicher fühlen können und deren Handlungsabläufe ihnen vertraut sind. Sie können meist sehr gut die Handlungen anderer abschätzen und erklären. Tod stellt in diesem Zusammenhang eine absolute Grenzerfahrung dar, die die normale Realität des Mitglieds einer Gesellschaft übersteigt. Damit ist die Ausgrenzung des Sterbens und Todes nur die Normalreaktion einer Gesellschaft, die in ihren grundlegenden Formen menschlicher Interaktion nicht auf die Bewältigung von Krisen und Grenzerfahrungen angelegt ist. Die (westliche) Gesellschaft entwickelt sich von daher immer mehr in die Richtung eines institutionalisierten Umgangs mit dem Tod.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Theorie des Symbolischen Interaktionismus: Dieses Kapitel erläutert grundlegende Begriffe wie Handlungen, Symbole, Identitätsentwicklung sowie das Konzept von Ich und ICH basierend auf dem Werk von G.H. Mead.
2.Aspekte der Sterbebegleitung auf der Basis des Symbolischen Interaktionismus: Dieses Kapitel überträgt die theoretischen Grundlagen auf den Umgang mit Sterben und Tod, analysiert die gesellschaftliche Rolle des Todes und diskutiert Wege für eine konstruktive Sterbebegleitung.
Schlüsselwörter
Symbolischer Interaktionismus, Sterbebegleitung, Identität, G.H. Mead, Gesellschaft, Tod, Kommunikation, Symbol, verallgemeinerter Anderer, Ritual, Trauerprozess, Sinnkonstrukt, soziale Dimension, Grenzerfahrung, Sterbeprozess.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit verknüpft die sozialwissenschaftliche Theorie des Symbolischen Interaktionismus nach G.H. Mead mit der praktischen Erfahrung in der Sterbebegleitung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder umfassen die Identitätsbildung durch soziale Interaktion, die gesellschaftliche Wahrnehmung des Todes, die Bedeutung von Ritualen und den Umgang mit Verlusterfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Sterbeprozess durch theoretische Brillen verständlicher zu machen und Strategien für eine identitätsstabilisierende Begleitung Sterbender und deren Angehöriger aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Herleitung auf Basis von G.H. Meads "Geist, Identität und Gesellschaft" sowie ihre eigene Praxiserfahrung in der Sterbebegleitung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Grundbausteine des Symbolischen Interaktionismus und deren Anwendung auf die spezifische Situation des Sterbens und den Verlust von Bezugspersonen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Zu den Schlüsselbegriffen zählen Identität, das Ich und das ICH, der verallgemeinerte Andere, Kommunikation durch Symbole sowie der soziale Tod.
Wie verändert der Tod eines nahestehenden Menschen die Identität des Trauernden?
Da der Verstorbene als Teil des "verallgemeinerten Anderen" aus dem Handlungsbezug verschwindet, muss der Hinterbliebene sein Selbstbild und seine Zukunftsperspektiven neu strukturieren und anpassen.
Warum wird der institutionalisierte Umgang mit dem Tod in der westlichen Gesellschaft kritisch betrachtet?
Die Arbeit kritisiert, dass durch die Institutionalisierung (z.B. in Hospizen oder Heimen) oft die Kommunikation über den Sterbeprozess abbricht und somit weniger Symbole für eine gemeinsame Verarbeitung entstehen.
Welche Rolle spielt der Trauerprozess für das Individuum?
Der Trauerprozess ist notwendig, um den Verlust zu verarbeiten; gelingt dies, kann die erlernte Bewältigungsreaktion das Individuum auch für den eigenen späteren Sterbeprozess stärken.
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- Maren-Anneke van Drimmelen (Author), 1998, Symbolischer Interaktionismus in der Praxis der Sterbebegleitung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4781