Betrachtet man in den letzten Jahren die Veröffentlichungen zum Thema des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms beziehungsweise der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, welche ich im Folgenden durch die Bezeichnung AD(H)S abkürzen werde, stellt man fest, dass neben der entsprechenden Fachliteratur jedes Jahr eine Flut von 'Elternratgebern' neu erscheint. Durch diesen vielfältigen Zuwachs an neuen Büchern, aber auch immer wieder erscheinenden Artikeln in der Zeitung, wird deutlich, wie stark über AD(H)S und die damit verbundenen Probleme in der Öffentlichkeit diskutiert wird.
Hinzu kommt, dass AD(H)S heutzutage eine der am häufigsten diagnostizierten Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter darstellt, die die Entwicklung der Kinder in Bezug auf das soziale Umfeld und im Hinblick auf die schulische Laufbahn beeinflusst.
Immer mehr Eltern und Lehrer bzw. Erzieher haben Probleme mit den oftmals sehr anstrengenden Kindern und suchen Hilfe bei Ärzten oder Psychologen. Vor allem in der Schule werden in immer mehr Fällen Verhaltensstörungen bei Kindern festgestellt, die die Situation im Klassenverband und somit auch die Lernvoraussetzungen schwieriger gestalten. Dies ist mir sowohl während meiner studiumsbegleitenden Praktika als auch bei verschiedenen Hospitationen in der Schule aufgefallen. Im Hinblick auf diese Veränderungen finde ich es wichtig eine Unterscheidung zu treffen, welche Faktoren für die Verhaltensauffälligkeiten maßgebend sind, da sich in Bezug auf die gehäufte Erscheinung von 'Problemkindern' die Frage stellt, inwiefern die heutigen Gesellschaftsformen und die damit verbundenen Lebensweisen einen Einfluss auf die Zunahme dieser Kinder haben.
In den letzten Jahren lässt sich unter anderem eine Auflösung traditioneller Gesellschaftsformen, in denen stabile Lebensmuster, wie Ehe, Familie oder beispielsweise auch die Berufstätigkeit eine Rolle gespielt haben, beobachten. Stattdessen besteht eine immer größere Forderung nach Mobilität und eine Zunahme an verschiedenen Lebensformen (Pluralität), so dass unsere Gesellschaft heute durch eine Vielzahl verschiedener Verhaltensweisen geprägt ist. Aufgrund dessen sind uns viele der Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung mittlerweile sehr geläufig. Möchte man den Begriff AD(H)S allerdings von den gesellschaftlichen Veränderungen abgrenzen und ihm so eine spezifische Bedeutung geben, muss das Krankheitsbild sorgfältig analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität – Übersicht über den aktuellen Wissensstand und die Einordnung bisheriger Untersuchungen
3. Erscheinungsbild der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
3.1 Das Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom in Verbindung mit Hyperaktivität
3.1.1 Aufmerksamkeitsstörungen
3.1.2 Hyperaktivität
3.1.3 Impulsivität
3.2 Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität (ADS)
3.3 Positive Eigenschaften von aufmerksamkeitsgestörten und hyperaktiven Kindern
3.4 Komorbide Begleiterscheinungen
3.4.1 Soziale Schwierigkeiten
3.4.1.1 Soziale Störungen ohne oppositionelle Verhaltensweisen
3.4.1.2 oppositionelle Verhaltensweisen
3.4.2 Depressive Störungen
3.4.3 Angststörungen
3.4.4 Lernstörungen/Teilleistungsstörungen
3.4.5 Tic – Störungen
3.5 Verlauf der Krankheit
3.5.1 Säuglingsalter – Kleinkindalter
3.5.2 Vorschulalter
3.5.3 Grundschulalter
3.5.4 Jugendalter
3.5.5 Erwachsenalter
4. Ursachen der AD(H)S - Entstehung und Entwicklung der Krankheit
4.1 Psychosoziale Belastungen und Einfluss von Umweltbedingungen
4.2 Biologische Ursachen der AD(H)S
4.2.1 Neurochemische Befunde
4.2.2 Neurophysiologische und neuroanatomische Befunde
4.2.3 Neuropsychologische Befunde
4.2.4 Psychogenetische Befunde
4.3 Nahrungsmittelallergien als Ursache für die Entstehung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
4.4 Gehirnschädigung bzw. eine verlangsamte Entwicklung einer oder mehrerer Bereiche des Gehirns
5. Verbreitung und Diagnose des Syndroms
5.1 Prävalenz der Krankheit
5.2 Diagnosekriterien
5.2.1 Diagnosekriterien nach der „International Classification of Diseaeses“ (ICD-10)
5.2.2 Diagnosekriterien des 'Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders' (DSM-IV)
5.3 Anamnese
5.4 Testpsychologische Untersuchungen
5.5 Körperliche und neurologische Untersuchungen
5.6 Apparative Zusatzbefunde
6. Therapiemöglichkeiten
6.1 Medikamentöse Therapie
6.2 Psychotherapeutische Verfahren
6.2.1 Verhaltenstraining
6.2.1.1 Verhaltensmodifikation
6.2.1.2 Die Marburger Trainings
6.2.2 Selbstinduktionstraining
6.2.3 Familienzentrierte Maßnahmen
6.3 Alternative Therapiemöglichkeiten
6.3.1 Entspannungsverfahren
6.3.2 Psychomotorische Arbeit mit hyperaktiven Kindern
6.3.3 Therapeutisches Reiten
6.3.4 Oligoantigene Diät
7. Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinder und Jugendliche
7.1 AD(H)S im Unterricht
7.2 meine persönliche Erfahrungen mit verhaltensauffälligen Kindern
7.2.1 Jens
7.2.2 Phillip
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht das Krankheitsbild von AD(H)S bei Kindern im Grundschulalter, um die komplexen Erscheinungsformen zu beleuchten, diagnostische Standards sowie therapeutische Ansätze kritisch zu hinterfragen und Perspektiven für den Umgang mit betroffenen Schülern im Unterrichtsalltag zu entwickeln.
- Grundlagen des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (mit/ohne Hyperaktivität)
- Erscheinungsbild und komorbide Begleiterscheinungen
- Diagnostische Verfahren und deren Herausforderungen
- Multimodale Therapieansätze und alternative Behandlungsmethoden
- Schulpraktische Aspekte und individuelle Fallbeispiele
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Hyperaktivität
Auch bei diesem Symptom ist es wichtig, dass das Kind in seinem Umfeld neben Gleichaltrigen gesehen wird, da generell jedes Verhalten eine gewisse Aktivität voraussetzt und diese demnach grundsätzlich keine Störung des Verhaltens beschreibt.
Spricht man allerdings von Hyperaktivität im Sinne eines extrem stark ausgeprägten Verhaltens, welches das Kind in seiner Entwicklung eher behindert, als das es Neugier und 'Aufgewecktheit' des Kindes widerspiegelt, lässt sich dies oftmals vor allem durch eine motorische Unruhe des Kindes beschreiben. Das Kind zappelt häufig mit Händen und Füßen bzw. windet sich auf seinem Platz oder verlässt diesen, um beispielsweise im Raum oder in der Klasse umherzugehen. Dies geschieht oftmals vor allem in Situationen in denen so etwas wie 'stillsitzen' von ihm verlangt wird, also z.B. während einer Unterrichtsstunde in der Schule. Es entsteht das Gefühl, dass das Kind innerlich unruhig ist und diese Unruhe durch Bewegung abzubauen versucht (Lehmkuhl et al., 2004, S.28).
Des Weiteren lässt sich nach Lehmkuhl et al. (2004, S.28) beobachten, dass hyperaktive Kinder immer wieder übermäßig laut in Spielsituationen sind und es ihnen schwer fällt sich leise zu beschäftigen. Dabei lassen sich die eben genannten Verhaltensweisen oftmals nicht durch Ermahnungen oder Aufforderungen 'beheben'. Für Jugendliche und Erwachsene gilt, dass die motorische Unruhe zumeist mit dem Eintritt ins Jugendalter nachlässt, oftmals der innere Antrieb allerdings bleibt, so dass das Umhergehen im Raum beispielsweise das Denken unterstützt und die Person dadurch 'ruhiger' wird (Hallowell und Ratey, 2002, S.25).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die zunehmende öffentliche Aufmerksamkeit für AD(H)S und die diagnostischen Herausforderungen im schulischen Umfeld.
2. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität – Übersicht über den aktuellen Wissensstand und die Einordnung bisheriger Untersuchungen: Dieses Kapitel definiert das neurologische Syndrom, seine Kernsymptome sowie die historische Entwicklung der Begrifflichkeiten und wissenschaftlichen Sichtweisen.
3. Erscheinungsbild der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: Es werden die verschiedenen Ausprägungsformen, Kernsymptome und die häufig auftretenden komorbiden Störungen detailliert beschrieben und in den Lebensverlauf des Kindes eingeordnet.
4. Ursachen der AD(H)S - Entstehung und Entwicklung der Krankheit: Dieses Kapitel analysiert das multifaktorielle Geschehen aus psychosozialen Einflüssen sowie biologischen und neurochemischen Befunden.
5. Verbreitung und Diagnose des Syndroms: Die Prävalenz und die unterschiedlichen Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV werden kritisch gegenübergestellt und erläutert.
6. Therapiemöglichkeiten: Es wird die multimodale Therapie mit pharmakologischen und psychotherapeutischen Ansätzen wie Verhaltenstraining und alternativen Methoden erörtert.
7. Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinder und Jugendliche: Dieses Kapitel konzentriert sich auf die schulische Situation sowie die persönlichen Erfahrungen mit betroffenen Kindern anhand konkreter Fallbeispiele.
8. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Relevanz einer frühen Diagnostik und einer strukturierten, individuellen Förderung im schulischen Rahmen zusammen.
Schlüsselwörter
AD(H)S, Hyperaktivität, Impulsivität, Aufmerksamkeitsschwäche, Diagnose, Verhaltenstraining, Ritalin, Multimodale Therapie, Schulpraxis, Komorbidität, Förderbedarf, Neurologie, Leistungsstörungen, Symptomatik, Kindesentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Symptomatik, die Ursachen, die Diagnostik und Therapiemöglichkeiten des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (AD(H)S) unter besonderer Berücksichtigung des schulischen Umfelds.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung der verschiedenen AD(H)S-Formen, die wissenschaftliche Erforschung biologischer sowie psychosozialer Ursachen und der praktische Umgang mit betroffenen Kindern durch Lehrkräfte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie Lehrer verhaltensauffällige Kinder besser verstehen können und welche Strategien zur Unterrichtsgestaltung dazu beitragen, betroffene Kinder in ihrem Lernprozess effektiv zu unterstützen.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Verfasserin stützt sich auf eine tiefgehende Analyse der aktuellen Fachliteratur und ergänzt diese durch eigene Hospitationen sowie Fallbeispiele aus der pädagogischen Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Beschreibung der Symptome, die wissenschaftliche Diskussion der Krankheitsursachen, eine detaillierte Darstellung diagnostischer Verfahren und eine umfangreiche Übersicht über diverse Therapieansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind AD(H)S, multimodale Therapie, Verhaltensmodifikation, Impulsivität, Konzentrationsstörung und individuelle Förderplanung.
Wie unterscheidet sich ADS von ADHS in dieser Publikation?
Die Arbeit unterscheidet primär zwischen dem Vollbild inklusive motorischer Hyperaktivität und der Form des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms ohne Hyperaktivität (ADS), die oft durch Tagträumerei und Hypoaktivität gekennzeichnet ist.
Welche Bedeutung kommt dem heilpädagogischen Reiten bei der Therapie zu?
Am Fallbeispiel von Phillip wird aufgezeigt, wie heilpädagogisches Reiten als komplementäre Methode zur Stärkung der Körperwahrnehmung, der Impulskontrolle und des Selbstvertrauens eingesetzt werden kann.
Wie bewertet die Autorin die medikamentöse Behandlung mit Ritalin?
Sie beschreibt Ritalin als wirksames Hilfsmittel zur kurzfristigen Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit, betont jedoch, dass Medikamente allein keine Verhaltensweisen lehren und stets in ein multimodales Therapiekonzept eingebettet sein sollten.
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- Ulrike Merz (Author), 2004, Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom und der Zusammenhang mit Hyperaktivität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47862