Magersucht bei jungen Frauen


Zwischenprüfungsarbeit, 2001

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Allgemeine Gesichtspunkte
1.1 Zum Begriff 'Anorexia Nervosa'
1.2 Das „Besondere“ der Krankheit
1.3 Körperliche Folgeerscheinungen
1.4 Fehler in der Medizin
1.5 Aller Anfang – die Diät
1.6 Von der Diät zur Fehlregulation der Nahrungsaufnahme
1.7 Auslöser und Ursachen

2. Ausdrucksformen der Magersucht
2.1 Hungern und die Waage
2.2 Essrituale und Hungerbewältigung
2.3 Heißhunger und Erbrechen
2.4 Trainingsprogramm und Medikamentenmissbrauch
2.5 Leistung und Regeln
2.6 Auseinandersetzung mit den Eltern
2.7 Psychische Veränderungen

3. Familie und Magersucht
3.1 Familienmitglieder
3.2 Beziehungen innerhalb der Familie
3.3 Familienklima und krankmachende Strukturen in der Familie
3.4 Selbstdarstellungen Magersüchtiger
3.5 Rolle der Magersüchtigen innerhalb der Familie
3.6 Einstellungen zu Frauenrollen
3.7 Zur Ideologie Magersüchtiger

4. Therapie
4.1 Magersucht als medizinische Diagnose
4.2 Therapiemotivation
4.3 Therapiebausteine
4.4 Rückfallvorbeugung

5. Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Magersucht stellt derzeit ein großes gesellschaftliches Problem dar, und dies insbesondere bei jungen Frauen. Immer mehr Menschen scheinen an Magersucht zu erkranken und die Betroffenen werden immer jünger. Jeder kann, unabhängig von Alter und Geschlecht, an Magersucht erkranken. Häufig kommt Magersucht oder fachmedizinisch ausgedrückt, die Anorexie Nervosa, allerdings bei jungen Frauen vor. Es macht den Anschein, dass insbesondere heranwachsende Menschen für die Entstehungsbedingungen dieser Krankheit sensibel sind.

Das Tragische an der Krankheit ist, dass sie von den Betroffenen scheinbar freiwillig erschaffen und aufrechterhalten wird; und dass dies mit einer unumstößlichen Disziplin und unerklärbar großen Willenskraft seitens der Betroffenen erfolgt. Manchmal gibt es keine Hilfe, und die erkrankten Menschen hungern sich qualvoll bis in den Tod. Aber auch alle Mitmenschen, die dem Beobachten dieses dramatischen Prozesses ausgeliefert sind, stoßen bald an ihre Grenzen und müssen sich mit Gefühlen auseinandersetzen, die sie möglicherweise „in den Wahnsinn“ treiben können. Denn sie sind diesem „Ereignis“ zumeist hilflos ausgesetzt. Welches Empfinden löst der Anblick eines hungernden, abgemagerten jungen Mädchens aus? Vielleicht Mitleid und das Bedürfnis zu helfen. Bei manchen vielleicht auch Scham, oder Fassungslosigkeit. Und wie stark mögen diese Empfindungen wohl sein, wenn man dieser kranken Person, die bereit ist zu sterben und der Tod sich bereits in der Erscheinung abzeichnet, nahe steht? Menschen, die sich noch nie mit dieser Krankheit befasst haben, und für die auch das Thema Essen nie von herausragender Bedeutung war, werden wahrscheinlich auch kein echtes Verständnis für das Verhalten von Betroffenen aufbringen können. Im Prinzip ist es auch für „normale“ Menschen ein Phänomen, das ganz bestimmt nicht nachzuvollziehen ist. In Entwicklungsländern sterben Menschen vor Hunger, weil Nahrungsmittel fehlen. Aber in der westlichen Welt muss niemand Hunger leiden, warum soll man sich selbst die Nahrung verweigern? Bis zum Tod? Dies in einer Welt (die westliche zumindest), in der genügend Nahrungsmittel zur Verfügung stehen.

Wir werden im Verlauf dieser Arbeit aber hoffentlich die Verhaltensweisen von Betroffenen besser verstehen lernen und erkennen, welche Tragik hinter diesem Krankheitsbild steht, was die Betroffenen fühlen und denken und wie es dazu kommen kann, dass man sich selbst derartigen Zwängen ergibt.

Aufbau

Im ersten Kapitel dieser Arbeit wird es zunächst um allgemeine Gesichtspunkte gehen, um dem Leser eine Einführung in das Thema zu bieten und ihm grundlegende Aspekte zum Thema Essen und Essverhalten nahe zu bringen.

Das zweite Kapitel befasst sich mit den Ausdruckformen von Magersucht. Dazu werden die Erscheinungsformen im Detail bezeichnet und beschrieben.

Im dritten Kapitel geht es um die Familie von betroffenen magersüchtigen jungen Mädchen, wobei sie als ein Faktor dargestellt wird, der die Krankheit mit verursachen kann. Es gibt bei Magersucht, wie auch bei vielen anderen psychisch bedingten Erkrankungen, nie eine einzige Ursache, sondern es führen immer viele Faktoren in ihrem Zusammenspiel zu einer derartigen Störung. Ich habe die Familie ausgewählt, da ich frühkindliche Erlebnisse und familiäre Bedingungen als prägend und daher besonders wichtig im Zusammenhang mit Magersucht einstufe. Es dürften allerdings der zunehmende Schönheits- und Schlankheitswahn in der Gesellschaft sowie die „Verdinglichung“ des Körpers auch eine immer bedeutendere Rolle bei der Entstehung von Magersucht und anderen gravierenden Essstörungen spielen. Damit sind die Ursachen aber längst nicht bezeichnet; und es würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen, wollte man hier ausführlich auf die Ursachen von Magersucht eingehen.

Das vierte und letzte Kapitel verschafft einen Eindruck darüber, worum es in der Therapie von Magersucht geht bzw. gehen muss, welche Bestandteile unbedingt enthalten sein sollten und welche Maßnahmen man treffen kann, um Rückfällen vorzubeugen.

Diese Arbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung ab; hierzu soll eine persönliche Stellungnahme erfolgen und die Frage geklärt werden, welche Folgerungen sich in Anbetracht an die Darstellung der Familie als einen wesentlichen Bedingungsfaktor für die Entstehung von Magersucht für die Erziehung und den familiären Umgang ableiten lassen.

Quellenangaben werden nach jedem Absatz gemacht und nähere Erläuterungen zu bestimmten Textstellen sind in Form von Fußnoten gefasst, sofern sie den Lesefluss behindern würden.

1. Allgemeine Gesichtspunkte

1.1 Zum Begriff Anorexia Nervosa

Wörtlich übersetzt bedeutet Anorexie Appetitverlust oder Appetitverminderung. Im Prinzip ist diese Bezeichnung jedoch irreführend, da nicht unbedingt der Appetit, sondern in erster Linie das Essverhalten gestört ist. Die zusätzliche Bezeichnung 'nervosa' weist darauf hin, dass das gestörte Essverhalten in psychischen Ursachen begründet liegt. Es handelt sich demnach um eine psychosomatische Krankheit bei der Magersucht (vgl. Bruch 1999).

1.2 Das „Besondere“ der Krankheit

Bei Magersucht handelt es sich um eine besondere Form von Krankheit. Zumeist betrifft es anfänglich körperlich gesunde und junge Menschen. Die Betroffenen hungern freiwillig, und zwar so lange, bis es zu bedrohlichen Funktionsstörungen des Körpers kommen kann oder sogar bis zum eigenen Tod, ohne dass dieser eigentlich angestrebt wird oder das Risiko des Todes zumindest nicht bewusst in Kauf genommen wird (ebd.).

Hungern führt zu körperlichen Mängeln, die die Betroffenen vor sich und ihrer Umwelt verleugnen. Sie nehmen ihren eigenen körperlichen Mangelzustand oft selbst nicht wahr oder streiten ihn strikt ab. Für einen kranken Zustand ist dies ziemlich außergewöhnlich, denn Menschen, die krank sind, reden im Normalfall über ihre Beschwerden und Schmerzen, nicht zuletzt, um getröstet zu werden. Bei Magersüchtigen ist dies ganz und gar nicht der Fall (ebd.).

Magersüchtige verstärken oftmals die körperlichen Auswirkungen des Hungerns durch zusätzliche Muskeltätigkeit. Dabei machen sie sehr anstrengende Übungen bis zur völligen Erschöpfung ihres Körpers. Magersüchtige neigen zu Extremitäten (ebd.).

Etwa die Hälfte aller Erkrankten (50 bis 60%) ist zusätzlich bulimisch[1]. Nicht selten werden darüber hinaus Medikamente in missbräuchlicher Art und Weise eingenommen; in erster Linie ist das der Gebrauch von Entwässerungs- sowie Abführmitteln – dies alles, um eine Gewichtszunahme in jedem Fall zu vermeiden und weiter abzunehmen (ebd.).

Diese Kennzeichen machen die Besonderheit dieser Krankheit aus und unterscheiden sie von allen anderen Krankheiten. Für viele scheint die Krankheit zum Lebensinhalt und Lebenssinn zu werden und es scheint auch, als wenn die Erkrankten Vorteile und einen eigenen Nutzen in ihrer Krankheit sehen. Aus diesem Grund ist eine Heilung von Magersucht auch sehr schwierig. Später im Text wird aber auf diesen Aspekt noch ausführlich eingegangen.

1.3 Körperliche Folgeerscheinungen

Magersucht führt zu zahlreichen körperlichen Folgen. Diese Begleiterscheinungen sind ausschließlich als Symptome zu betrachten, die, wie gesagt, Folge der Essstörung bzw. des extremen Untergewichts sind, und nichts mit der Krankheitsursache zu tun haben.

Art und Ausmaß der organischen Komplikationen sind abhängig davon, , ob die Betroffenen an einer „reinen“ Anorexie leiden, oder aber auch bulimische Verhaltensweisen hinzutreten oder wiederum lediglich Bulimie besteht. Als zusätzlich körperlich schädigend wirkt sich der Medikamentenmissbrauch aus; das Ausmaß an Laxantien[2] - und Diuretika[3] sowie auch in manchen Fällen Alkoholmissbrauch bestimmen das Maß der körperlichen Schädigung. Darüber hinaus stellt die enorm gesteigerte Muskelaktivität einen den Organismus belastenden und schädigenden Faktor dar.

Bei allen betroffenen jungen Frauen besteht eine Amenorrhöe[4], die als frühestes Symptom der Gewichtsabnahme vorausgeht. Durch Zunahme und Annäherung an ein normales Körpergewicht setzt die Menstruation im Regelfall wieder ein. Die Amenorrhöe ist eines der Krankheitszeichen, welches die Chance bietet, eine Magersucht frühzeitig zu erkennen. Ärzte, denen das auffällt, sollten auf jeden Fall „nachhaken“ und gegebenenfalls die Betroffenen direkt drauf ansprechen oder die Eltern nach den Essgewohnheiten ihres Kindes befragen, sodass eine Aufklärung und Intervention frühzeitig stattfinden kann, falls erforderlich. Die Amenorrhöe beruht auf einer Unterfunktion der zentralen Hormonregulation (vgl. Bruch 1999).

Das Hungern verursacht zahlreiche Veränderungen der normalen Körperfunktionen. Mit einer Unterfunktion reagiert fast jedes Organ, das Blut und die Haut. Häufige, aber nicht obligate Krankheitszeichen sind ein verlangsamter Herzschlag, wobei die Herzfrequenz derart verlangsamt ist, dass es zu einer Pulsrate von 40, in Extremfällen sogar bis zu weniger als 30 pro Minute kommt; ein zu niedriger Blutdruck, der bei unter 100 mm/Hg systolisch liegen kann[5] ; Untertemperatur und Hauttrockenheit. Dies alles sind Symptome als Ausdruck eines Hypometabolismus[6]. Gleichzeitig kommt es zu einer Erniedrigung des Werts des Schilddrüsenhormons im Blut. Der erniedrigte Hormonspiegel im Serum der Betroffenen drückt eine sinnvolle Anpassung an die reduzierte Nahrungszufuhr aus, woraus sich ergibt, dass die nicht selten vorgenommene Medikation von Schilddrüsenhormonen nicht nur unnötig und sinnlos erscheint, sondern auch sehr gefährlich sein kann. Infolge der starken Abmagerung kommt es weiterhin zu einem Schwund des Herzmuskels mit Reduktion des Herzgewichts. Die linke Herzkammer ist oft verkleinert, die entsprechende Herzkammer bleibt aber durchschnittlich groß. Daraus ergibt sich die Möglichkeit von Komplikationen wie bei einem Herzklappenprolaps[7]. Häufige Symptome aus dem bereich des Magendarmtraktes sind Verstopfung, Völlegefühl und Blähungen nach einer Nahrungsaufnahme. Klagen über Obstipation können beim Arzt aber auch in der Absicht erfolgen, Laxantien verschrieben zu bekommen. Bei vielen Magersüchtigen kommt es außerdem zu einer feinen Behaarung auf dem Körper, wobei vermutet wird, dass dies mit der Untertemperatur zusammenhängt und somit zur Erwärmung des Körpers erfolgt (ebd.).

Bei Magersüchtigen mit bulimischen Phasen kann es zusätzlich durch das Verschlingen großer Nahrungsmengen zusätzlich zu einer Magenerweiterung kommen. In einigen Fällen kann es auch zu Magenrupturen kommen. Zu den bulimischen Erscheinungen gehören eine Schwellung der Speicheldrüsen, insbesondere der Ohrspeicheldrüsen sowie Erkrankungen der Zähne wie etwa eine Erosion des Zahnschmelzes oder Karies. Bulimiker haben außerdem eine trockene und schuppige Haut mit feinen Blutungen, so genannten Petechien, was vermutlich mit Gerinnungsstörungen zusammenhängt. Sowohl häufiges Erbrechen als auch der Missbrauch von Abführmitteln führen zu einer Störung des Elektrolythaushalts[8]. Dabei kommt es zu einer Alkalose und zu einem Verlust an Kalium, sodass der Kaliumspiegel im Blut stark absinkt. Aus dieser Hypokaliämie[9] können wiederum weitere Komplikationen resultieren. In erster Linie sind das Störungen des kardialen Erregungsablaufs, Nierenfunktionsstörungen, Muskelschwäche, Lähmung und Herzstillstand, der plötzlich und unvermittelt auftreten kann (ebd.).

1.4 Fehler in der Medizin

Bei Magersucht treten infolge des extremen Hungerns immer schwere organische Komplikationen auf, die untersch8iedlichen Grades sein können. Der Arzt muss die Krankheitszeichen und -befunde erkennen, richtig einordnen und gewichten. Dies ist eine schwierige Aufgabe, weil die Betroffenen ihre Essstörung in den meisten Fällen geheim halten. Die Befunde können zudem neben der Essstörung noch viele andere Ursachen haben. So kommt es schnell zu Fehldiagnosen und infolgedessen zu einer ausschließlich somatisch orientierten Behandlung. Viele ziehen psychische Bedingungen nicht in Betracht oder berücksichtigen sie erst als letztes (vgl. Bruch 1999).

Aber auch bei Feststehen der Magersucht werden oft Fehler gemacht, und zwar insofern, als dass die Magersucht entweder alle Befunde erklärt und ihre Bedrohlichkeit unterschätzt wird oder insofern, als dass die pathologischen Befunde eine aktuelle Lebensbedrohung vortäuschen, so dass medizinische Maßnahmen eingeleitet werden, wie zum Beispiel eine zu rasche Normalisierung des gestörten Stoffwechsels oder die Medikation von Schilddrüsenhormonen, und dies kann dann seinerseits bedrohlich werden (ebd.).

1.5 Am Anfang steht die Diät

Am Anfang der Magersucht steht meistens eine harmlose Diät. Die Betroffenen schränken die Nahrungszufuhr ein. Dieses restriktive Essverhalten, wobei durch Einsparen von Nahrung versucht wird, das Gewicht zu kontrollieren, gilt als Leitsymptom. In der Regel hören Menschen, sobald sie ihr Wunschgewicht erreicht haben, auf mit der Diät und fangen langsam an, ihre Essgewohnheiten wieder zu normalisieren. Dann geht es darum, das erreichte Gewicht konstant zu halten. Da der Körper sich an die geringe Nahrungsaufnahme gewöhnt hat während der diätischen Phase, ist eine anfängliche Gewichtszunahme von ein bis zwei Kilogrammen normal, da der Energieverbrauch des Körpers geringer ist. Während manche es nicht schaffen, abzunehmen und die Diät vorzeitig abbrechen oder der permanente Kampf um das Abnehmen bleibt[10], hungert eine kleine Gruppe weiter, und zwar auch dann noch, wenn das Wunschgewicht erreicht oder das Gewicht sogar bereits unter dem Wunschgewicht liegt. Wenn diese Menschen nicht aufhören, obwohl die schlanke Figur von der Umwelt bewundert wird und dazu geraten wird, die diätische Restriktion zu beenden, befinden sie sich auf dem Weg, magersüchtig zu werden (ebd.).

1.6 Von der Diät zur Fehlregulation der Nahrungsaufnahme

Menschen mit einem normalen und gesunden Essverhalten orientieren sich an Zeichen und Signale des Körpers, an ihrem Hunger- und Sättigungsgefühl. Das heißt, sie essen, wenn sie Hunger haben und hören wieder auf zu essen, wenn sie satt sind.

Bei Magersüchtigen und anderen Essgestörten ist dies anders. Bei Magersüchtigen besteht ganz offensichtlich ein großer Widerspruch zwischen dem geringen Antrieb zu essen und dem tatsächlichen Nahrungsbedarf des Organismus. Anfänglich wird das Hungergefühl von den Magersüchtigen ignoriert, sodass die aufgenommene Nahrungsmenge weit unter dem benötigten Kalorienbedarf bleibt. Bei diesem restriktiven Essen wird die Nahrungsmenge bewusst begrenzt, das bedeutet, dass die natürliche Sättigungsgrenze des Körpers durch eine kognitiv gesetzte ersetzt wird. Das führt zur Beendigung der Nahrungsaufnahme, bevor die Nährstoffdefizite im Körper ausgeglichen sind (vgl. Cuntz/Hillert 2000).

Bei manchen Magersüchtigen kommt es bei immer höheren Graden des Nährstoffmangels zu einem Zusammenbruch der willentlich diätischen Restriktion (Disinhibition). Dann ist das Nährstoffdefizit zu groß und die bewusste Kontrolle zu geschwächt. Dem restriktiven Esser gelingt es nun nicht mehr, sich an die gesetzte Diätgrenze zu halten. Der mittlerweile übergroße Hunger wird wahrgenommen, sodass es zu regelrechten Fressattacken kommt; in der kürzesten Zeit werden dabei Übermengen an Nahrung zu sich genommen. Manche tragen im Laufe der Zeit Übergewicht davon. Diejenigen, die danach erbrechen, sind Bulimiker. Magersüchtige versuchen durch darauf folgendes wochen- und monatelanges Hungern eine Gewichtszunahme zu vermeiden. Sie könne aber zudem auch gelegentlich erbrechen nach den Heißhungerattacken. Dann spricht man von Magersucht mit bulimischen Symptomen oder vom bulimischen Typus von Magersucht oder auch von Bulimanorexie (ebd.).

Untersuchungen nach Peter Herman und Janet Polivy (zitiert nach Cuntz/Hillert 2000) zeigen, dass diätische Restriktion zu Störungen der Wahrnehmung von Hunger und Sättigung führen. Hingergefühle werden ignoriert und Sättigungsgefühle überschritten. Beim gesunden Esser hingegen nimmt die Tendenz, eine begonnene Mahlzeit zu beenden, in dem Maße zu, indem der Antrieb zu essen abnimmt und die Sättigungsgrenze erreicht wird.

Eine Studie von Ancel Keys (zitiert nach Treasure 2001) brachte ebenfalls dieses Ergebnis hervor. In Untersuchungen dazu haben sich Studenten und Studentinnen einer strengen diätischen Restriktion unterzogen. Es entstanden zwei Gruppen, und zwar diejenige, die den Regeln in Bezug auf das Essen standhielt und diejenige, die es nicht schaffte, gemäß des Diätplans wenig zu essen; letztere hat ihr Hungergefühl nicht unterdrücken können und nahm auswärts Nahrung ein. Einen Tag lang durften die Probanden vom Experiment aus so viel essen, wie sie wollten. Hierbei konnte man die Beobachtung machen, dass diejenigen, die sich strikt an den Plan gehalten hatten nun regelrechte Fressorgien veranstalteten. Fast alle hatten hinterher Magenkrämpfe, mussten sich übergeben und zwei mussten sogar ins Krankenhaus, um sich den Magen auspumpen zu lassen. Die Schlussfolgerung dieser Studie ist dieselbe wie die von Herman und Polivy: Nahrungsbeschränkung führt zu einem Verlust der Kontrolle, zu übermäßigem Essen (vgl. Treasure 2001).

Bei diesem Rückkoppelungsprozess handelt es ich um eine Überlebensstrategie. Verschiedene Systeme des Körpers unterliegen der Aufgabe, ein inneres Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Diese Regel gilt auch für den Körperbau und das Gewicht. Gewichtsverlust führt aus diesem Grund zu gegensteuernden Kräften, die die Körpermasse wieder herzustellen versuchen. Die Mechanismen, die einen Gewichtsverlust vermeiden „wollen“, sind zudem stärker ausgebildet, als diejenigen, die eine Gewichtszunahme verhindern können. Eine sinnvolle Erklärung hierfür sind die Hungersnöte in der Vergangenheit, die die Menschheit bedrohten. Der Mechanismus, unsere physiologische Ausstattung ist von der Natur aus so gegeben, dass der Mensch im Fall einer Hungersnot eine Weile lang ohne Nahrungsmittel oder mit nur wenigen Nahrungsmitteln überlebt (ebd.).

1.7 Auslöser und Ursachen

Bei manchen Betroffenen lassen sich bestimmte Ereignisse und Erlebnisse oder bestimmte Schicksalsschläge als Auslöser für die Magersucht erkennen. Darunter sind insbesondere zu nennen: die Geburt eines neuen Bruders oder einer neuen Schwester, das einem nun einen guten Platz in der Familie streitig macht; oder der Anfang eines neuen Lebensabschnitts durch das Abschließen des Abiturs, verbunden mit dem Gefühl der Perspektiv- und Orientierungslosigkeit; der Verlust einer wichtigen Bezugsperson durch Tod oder Scheidung der Eltern; oder aber der drohende Verlust und die damit verbundene Angst vor ihm; hinzu kommen pubertäre Probleme, Angst vor der Ablösung von den Eltern und dem Elternhaus und alle weiteren natürlichen Entwicklungsschwierigkeiten des Heranwachsens junger Frauen. Diese einschneidenden Veränderungen können zum Ausbruch der Krankheit führen (vgl. Bruch 1999).

Auslöser haben aber nichts mit den Ursachen zu tun. Die Ursachen von Magersucht sind nicht so leicht zu benennen. Man akzeptiert heute die Aussage, dass Essstörungen Ausdruck seelischer Störungen ist. Doch welche Konstellation von Traumata zur Manifestation einer Essstörung führen, ist auch heute noch Gegenstand kontroverser Diskussionen. Einigkeit besteht in jedem Fall darüber, dass es sich bei Essstörungen um komplexe Phänomene handelt, und nicht um ausschließlich eine bestimmende Ursache. Dies bedeutet, dass es nicht den Faktor gibt, den man für die Entstehung einer Magersucht verantwortlich machen kann, sondern viele Faktoren, die bei der Entstehung von Magersucht mitwirken. Sie können isoliert voneinander harmlos sein, aber im Zusammenspiel, in Kombination miteinander können sie diese gefährliche und lebensbedrohliche Krankheit verursachen (ebd.).

Untersuchungen mit Zwillingen belegen ein genetisches Risiko. Magersucht kommt demnach sehr oft bei mehreren Familienmitgliedern vor. Bei eineiigen Zwillingen erkranken sehr häufig, bis zu 90%, bei de Geschwister, wobei hingegen bei zweieiigen Zwillingen in der Regel nur einer erkrankt. Das heißt, dass eine genetische Konstitution durchaus vorhanden sein kann und die Entstehung von Magersucht begünstigt (ebd.).

Gesellschaftliche Einflüsse werden im Zusammenhang mit der Entstehung von Magersucht fast immer erwähnt und spielen dabei eine große Rolle, wie vermutet wird. Auf einen schlanken Körper wird gesellschaftlich viel Wert gelegt. Schlankheit wird verbunden mit positiven Eigenschaften wie Stärke, Selbstkontrolle und Erfolg. Dem gegenüber stehen zahlreiche negative Assoziierungen und Vorurteile gegenüber Übergewicht und dicken Menschen. Dicke Menschen sind „faul, nicht leistungsfähig“ und werden in der Öffentlichkeit angestarrt und sind nicht selten Opfer von Pöbeleien, Ablehnung und Diskriminierungen. Vermittelt wird die hohe Bedeutung eines schlanken Körpers insbesondere durch die Medien. Hinzu kommen Werbungen für bestimmte Diätkuren usw. Dies alles hinterlässt eine Wirkung bei heranwachsenden jungen Frauen, insbesondere dann, wenn diese ohnehin bereits negative Erfahrungen in diesem Bezug machen mussten und ihrem Körper gegenüber nicht positiv eingestellt sind (ebd.).

[...]


[1] An der so genannten Bulimie erkrankte versuchen nach Heißhungerattacken, wobei Unmengen von Nahrung verzehrt werden können, eine Gewichtszunahme dadurch zu vermeiden, indem das Gegessene später wieder erbrochen wird. Dieses selbstinduzierte Erbrechen findet oft jahrelang und heimlich statt.

[2] Abführmittel.

[3] Entwässerung.

[4] Ausbleiben der Regelblutung.

[5] Vergleichsweise liegen die Normalwerte der Pulsrate liegt bei 14jährigen bei 85 Herrzschlägen pro Minute; bei erwachsenen Frauen bei 75 Herzschlägen pro Minute. Der Blutdruck sollte bei 10-30jährigen 110/75 betragen.

[6] Reduzierter Stoffwechsel.

[7] Der Begriff 'Prolaps' bezeichnet einen Vorfall, ein Hervortreten innerer Organe.

[8] Mineralstoffhaushalt.

[9] Kaliumverarmung des Organismus.

[10] Es gibt menschen, für die Essen immer eine wichtige Rolle im Leben spielt, und die ständig im Wechsel ab- und zunehmen. Dies wird bezeichnet als so genannter „Jojo-Effekt“. Diese Menschen werden aber in der Regel nicht magersüchtig.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Magersucht bei jungen Frauen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
44
Katalognummer
V48185
ISBN (eBook)
9783638449601
ISBN (Buch)
9783638708272
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magersucht, Frauen
Arbeit zitieren
Tamara Di Quattro (Autor), 2001, Magersucht bei jungen Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48185

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