Bindungssicherheit und elterlicher Erziehungsstil bei Scheidungskindern und Kindern von Vollfamilien


Diplomarbeit, 2004
152 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
1 Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder
1.1 Ansätze der Scheidungsforschung
1.2 Scheidungsgründe
1.3 Der Scheidungsprozess
1.4 Die Folgen der Trennung und Scheidung für die betroffenen Kinder
1.5 Scheidung als Chance
2. Bindungstheorie und -forschung
2.1 John Bowlby und die Wurzeln der Bindungstheorie
2.2 Die Bindungstheorie
2.3 Mary Ainsworth und die Klassifikation der Bindungsqualität
2.4 Die Untersuchung der mentalen Bindungs-repräsentation
2.5 Phasen der Bindungsentwicklung
2.6 Stabilität der Bindungsmodelle
2.7 Langfristige Konsequenzen der Bindungs-unterschiede
2.8 Bindung und Trennung
2.9 Kritische Betrachtung der Bindungstheorie
3. Erziehungsstile
3.1 Begriffsklärung
3.2 Der Einfluss elterlicher Erziehung
3.3 Erziehungsstilforschung
3.4 Zentrale Erziehungsstildimensionen und das Erziehungsstilmodell nach Diana Baumrind
3.5 Wirkung der Erziehungsstile
3.6 Determinanten elterlicher Erziehung
3.7 Kritische Betrachtung der Erziehungsstilforschung
4. Zusammenhänge zwischen den Theorie-bereichen Scheidung, Bindung und Erziehungsstil
4.1 Die Auswirkungen einer Scheidung auf die Bindung des Kindes(①)
4.2 Die Bedeutung des Erziehungsstils
4.3 Das Risiko-Schutz-Modell

III. Empirischer Teil
5. Fragestellung
6. Methode
6.1 Auswahl und Merkmale der Stichprobe
6.2 Erhebungsmethoden und ihre Durchführung
6.3 Auswertung der Daten
7. Ergebnisse
7.1 Scheidung der Eltern und Bindung der Kinder
7.2 Scheidung der Eltern und kindperzipierter Erziehungsstil
7.3 Erziehungsstil und Bindungssicherheit
8. Interpretation der Ergebnisse
9. Zusammenfassung und Ausblick

IV. Tabellen- und Abbildungs-verzeichnis
1. Tabellen
Abbildungen

V. Literaturverzeichnis

VI. ANHANG
1. Das Bochumer semiprojektive Verfahren zur Erfassung der Bindungsmotivation und Bindungsqualität
2. Züricher Kurzfragebogen zum Erziehungsverhalten (ZKE)

I. Einleitung

Die Scheidungshäufigkeit hat in Deutschland besonders seit Mitte der 60er Jahre erheblich zugenommen. Bleibt die Scheidungsziffer konstant werden ca. 37 % der heute geschlossenen Ehen in Scheidung enden. 2002 betrug die absolute Zahl der Ehescheidungen in Deutschland 204 214. Ca. 50 % der geschiedenen Ehepaare haben noch minderjährige Kinder. Aus deren Perspektive ist damit zu rechnen, dass ca. 20 % der in den 90er Jahren geborenen Kinder von Ehepaaren vor Erreichen der Volljährigkeit mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert werden. Damit steigt zugleich die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland an. Insgesamt betrug sie im Jahr 2000 1,77 Mio., wobei der überwiegende Anteil (63,1 %) geschieden ist oder getrennt lebt. Die übrigen Alleinerziehenden setzen sich aus Ledigen und Verwitweten zusammen. 85,5 % der Alleinerziehenden sind Mütter, nur 14,5 % Väter. Im Jahr 2000 lebte jedes zehnte Kind bei seiner geschiedenen oder getrennt lebenden Mutter, in durch Trennung oder Scheidung verursachten Vaterfamilien lebten dagegen nur weniger als 2% (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2003).

„Was bedeutet dies für die Kinder?“ Das ist die Frage, die im Rahmen dieser Arbeit an erster Stelle interessiert. Die Scheidung ist der formal-rechtliche, an bestimmte öffentliche Vorschriften gebundene Akt der Eheauflösung. Im Gegensatz zu dieser juristischen Sicht stellt sie sich für die betroffenen Kinder und ihre Familien jedoch nicht als singuläres Ereignis dar, sondern als langwährender, komplexer Veränderungs- und Entwicklungsprozess, der eine Vielfalt von Anpassungsleistungen auf verschiedenen Ebenen erfordert. Er beginnt bereits vor der juristischen Scheidung und geht weit über sie hinaus.

Obwohl Scheidungsstudien in Deutschland allmählich zunehmen, konzentriert sich die empirische Forschung auf den angloamerikanischen Raum. Die Ergebnisse dort sind zwar Grundlage für deutsche Forschungsarbeiten, jedoch aufgrund unterschiedlicher kultureller, ethnischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge nur bedingt übertragbar. Aus diesem Grund hat sich eine Forschungsgruppe um Prof. Dr. Elisabeth Sander an der Universität Koblenz das Ziel gesetzt in einer Längsschnittstudie das Erleben, Bewerten und Verarbeiten des Trennungs- und Scheidungsgeschehens der Eltern durch die Kinder zu erheben. Dazu werden 6-8 jährige Kinder und ihre Mütter nach der Trennung, sowie weitere zweimal im Abstand von jeweils einem Jahr, zu unterschiedlichen Erlebens- und Verhaltensbereichen befragt. Ein Vergleich der Ergebnisse wird durch die parallele Befragung einer Kontrollgruppe gleichaltriger Kinder aus Familien ohne Scheidungserlebnis ermöglicht. Die hier vorliegende Arbeit entstand im Rahmen der ersten Erhebungswelle dieser Studie. Sie konzentriert sich dabei auf zwei Teilgebiete der umfangreichen Untersuchung. Betrachtet werden die Bindungssicherheit der Scheidungskinder im Vergleich zu den Kindern aus Zweielternfamilien als auch der Erziehungsstil in den beiden Familienformen. Die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen den Aspekten Scheidung, Bindung und Erziehungsstil steht dabei im Vordergrund.

Um die Fragestellung in ihren theoretischen Zusammenhang einzubetten wird sich der erste Teil der Arbeit mit den bisherigen theoretischen Erkenntnissen und empirischen Ergebnissen der drei Themenkomplexe befassen. Nach einer Betrachtung der möglichen Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten schließt sich der empirische Teil der Arbeit an, in dem die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt.

II. Theoretische Grundlagen

1 Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder

1.1 Ansätze der Scheidungsforschung

In den USA wird bereits seit den 20er Jahren rege Scheidungsforschung betrieben, in Deutschland dagegen erst seit den 80ern. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Scheidung bis in die 90er hinein aufgrund gegensätzlicher moralischer, politischer und religiöser Wertvorstellungen ein spannungsgeladenes Thema war (Maier-Aichen, 2001). Noch bis ins 20. Jahrhundert galt sie als zu sanktionierende moralische Verfehlung und später als pathologisches Problem, das therapeutischer Behandlung bedarf (Rottleuthner-Lutter, 1989). Erst heute sieht man die Scheidung als einen möglichen Weg Konflikte zu beenden. Die Lösung einer Ehe wird zunehmend akzeptiert, wenn sie sich als unglücklich herausstellt. Natürlich ist die Scheidung weiterhin als kritisches Lebensereignis im Sinne von Filipp (1990) zu betrachten, doch die veränderte Sichtweise hat in der empirischen Scheidungsforschung zu einem Wandel geführt. Der ursprüngliche Defizitansatz betrachtete Scheidungsfamilien aus einem klinisch-therapeutischen Blickwinkel, im Vergleich zur intakten und oft idealisierten Normalfamilie, als grundsätzlich defizitär. Die Auflösung der Ehe galt als persönliches Scheitern der Eltern, von dem man zwangsläufig katastrophale Folgen für die betroffenen Kinder erwartete1. Geschiedene wurden diskriminiert und die Kinder aus den so genannten „broken homes“ bedauert, so dass es in einer Art self-fulfilling-prophecy tatsächlich zu ungünstigen Entwicklungen der Kinder kam. In früheren Studien wurden zunächst vollständige und unvollständige Familien gegenübergestellt, ohne z.B. zwischen Scheidungs- und Witwenfamilien zu differenzieren. Ziel war dabei von vorneherein die negativen Auswirkungen eines Vaterverlustes zu untersuchen. Allmählich fand man heraus, dass die Art des Vaterverlustes aber durchaus eine Rolle spielt und Scheidung wurde in der Folgezeit als besonders negative Form gewertet. Diese monokausalen Ansätze kamen dann auch übereinstimmend zu den erwarteten Ergebnissen. Neben den bereits benannten Mängeln wurde etwa ab den 70er Jahren allmählich deutlich, dass das Vorgehen einer kritischen Prüfung nicht standhält. So wurden positive Veränderungen über die Zeit nicht beachtet, ebenso wenig wie weitere Einflussgrößen etwa aus dem sozioökonomischen Bereich, es fand eine einseitige Orientierung an quantitativen Aspekten der Beziehung zum Vater statt und die Perspektive der Kinder wurde nicht einbezogen. Hinzu kommt die Dominanz klinischer Stichproben, d.h. es wurden v.a. Kinder aus Scheidungsfamilien betrachtet, die bereits psychologisch-therapeutische Hilfe in Anspruch genommen hatten. Nicht selten wurden die Daten zur Vaterabwesenheit sogar nur als Randprodukt in Studien mit anderer Fragestellung erhoben2. So ließ sich die Liste methodischer Mängel weiter fortsetzen.

Aus diesen Erkenntnissen heraus erfolgte ab den 70er Jahren eine Weiterentwicklung des Untersuchungsvorgehens, indem vermehrt längsschnittlich und multikausal angelegte Studien, die ein komplexes Muster an Einflussfaktoren einbeziehen, in Gang gebracht wurden. Man erkannte, dass die begleitenden Umstände einer Scheidung deutlich variieren und setzte die Reaktionen der Kinder nun auch in Beziehung mit der jeweiligen Lebenssituation vor, während und nach der Scheidung und betrachtete sie nicht mehr als rein scheidungsbedingte Phänomene. Die Auswahl der Kontrollgruppen erfolgt zudem sorgfältiger (Sander, 1988). Becker et al. (1993) stellen die ersten komplex angelegten Längsschnittstudien der 70/80er ausführlich vor, dazu gehören Hetherington, Cox und Cox, Kurdek, Blisk und Siesky sowie Wallerstein und Kelly. Aus neuerer Zeit stammt z.B. die Virginia Longitudinal Study of Divorce and Remarriage von Hetherington (vgl. Schneewind, 1999). Im deutschsprachigen Bereich ist aus neuerer Zeit v.a. die Kölner Längsschnittstudie von Schmidt-Denter (2000) und Beelmann zu nennen.

In der Scheidungsforschung unterscheidet man heute weiterhin zwei Sichtweisen:

- Die ältere wird als Desorganisationsmodell bezeichnet und ist noch stärker am Defizitansatz angelehnt. Die Scheidung gilt hier als Endpunkt der familiären Entwicklung, der zur Auflösung des Familiensystems führt (Maier-Aichen, 2001). Die Vorstellungen der Mitglieder werden demnach so unvereinbar, dass sie sich nicht mehr unter ein gemeinsames Ziel subsumieren lassen. Was bleibt ist eine „Restfamilie“, i.d.R. die allein erziehende Mutter mit ihrem/n Kind/ern. Nach diesem Ansatz gelten Probleme der Kinder ebenfalls als zwangsläufige Folge. Eine Überwindung der Probleme wird in der Stärkung der Restfamilie gesehen, das dysfunktional wirkende Familienmitglied wird ausgegrenzt.

Die Kritikpunkte dieses Ansatzes richten sich

auf das normative Bild der lebenslang gelebten Kernfamilie, welches der heutigen Vielfalt nicht gerecht wird,

auf das Verständnis von Scheidung als Scheitern, welches den Aspekt des konstruktiven Neuanfangs außer acht lässt,

auf die Verengung der Perspektive auf die Ehepartner, während die Re-Definition der Elternbeziehung unbeachtet bleibt,

auf die Betonung äußerer Merkmale der Familie (z.B. gemeinsames Wohnen) statt psychologischer Faktoren (z.B. Zusammengehörigkeitsgefühl),

und auf die Bestimmung der Sichtweise durch Zustandsbestimmungen (geschieden vs. vollständige Familie) anstelle von Entwicklungen.

- Das Reorganisationsmodell betrachtet die Scheidung dagegen aus systemtheoretischer Perspektive als eine mögliche Entwicklung von Ehebeziehungen. Man geht unter diesem Blickwinkel von einem Weiterbestehen und einer erforderlichen Neuorganisation der familiären Beziehungen, Rollen und Aufgaben aus. Scheidung wird als komplexes prozesshaftes Geschehen betrachtet, das viele Anforderungen an die Familienmitglieder stellt. Anstelle eines normativen Familienbildes, geht man von vielfältigen aber gleichwertigen Familientypen aus. Aus der Ursprungsfamilie wird nun ein binukleares Familiensystem, man spricht auch von der Zwei-Kern-Familie. Das bedeutet, die beiden getrennten elterlichen Haushalte bilden nun zwei Zentren von Familienbeziehungen mit komplementären Entwicklungsbedingungen und wechselseitiger Beeinflussung. Im Vordergrund steht die Eltern-Kind-Beziehung und der Grundsatz, weiterhin den Kontakt zu beiden Elternteilen zu ermöglichen. Die geforderte Reorganisation betrifft sowohl die Rollen der Einzelnen, als auch die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sowie die Aufgabenteilung, Freizeitgestaltung, Beziehungen zum sozialen Netz etc. Die neueren systemischen Ansätze lenken den Fokus außerdem auf die Zeit vor der Scheidung und die dort bereits vorhandenen Konflikte und versuchen darüber hinaus auch positive Aspekte der Scheidung herauszustellen.

Eine noch neuere Perspektive ist der Family-Transition-Ansatz, der Scheidung und Wiederheirat als mögliche Übergänge im Familienzyklus sieht, die anderen Übergängen (z.B. dem Beginn der Elternschaft) qualitativ entsprechen. Sie werden als Normalereignisse betrachtet und nicht als nicht-normative kritische Lebensereignisse (vgl. Textor, 1991). Hier besteht jedoch die Gefahr einer Verleugnung der Scheidungsrealität.

Fthenakis (1995) gibt einen Überblick über zusammenfassende Darstellungen des Forschungsstandes sowohl internationaler als auch deutschsprachiger Forschung.

1.2 Scheidungsgründe

Zur Erforschung der Scheidungsgründe gibt es drei Zugangswege. Erstens untersuchen sozialdemographische Studien den Einfluss bestimmter Merkmale der Ehepartner auf die Stabilität der Ehe (Rottleuthner-Lutter, 1989). So sind beispielsweise Frühehen besonders stark gefährdet in Scheidung zu enden, mit zunehmender Ehedauer sinkt dagegen das Risiko, da die Hindernisse zunehmen (z.B. Haus, Kinder, schlechte Alternativen). In Städten ist die Scheidungsrate weiterhin höher als auf dem Land. Zweitehen und Ehen von Personen, die bereits eine Scheidung in der Herkunftsfamilie erlebt haben (intergenerationale Transmission), gelten ebenfalls als gefährdeter. Die Kinderzahl wirkt sich differenziert aus: Ein gestiegenes Risiko stellte man bei Ehen ohne Kinder und bei besonders vielen Kindern fest, ebenso zum Zeitpunkt, wo die Kinder älter sind. Das Gewicht von Einkommen und Bildung wird in verschiedenen Studien unterschiedlich beurteilt, besonders riskant scheinen jedoch Ehen von gegenüber ihrem Mann höher qualifizierten Frauen zu sein. Der zweite, eher seltene Zugang untersucht die subjektiven Gründe der Scheidung aus Sicht der Betroffenen (Rottleuthner-Lutter, 1989). Anstelle mangelnder Unterstützung und finanzieller Probleme stehen heute sexuelle Schwierigkeiten und/oder Untreue sowie Blockierung der eigenen Entwicklung und Kommunikationsprobleme an erster Stelle. Frauen bewerten die eigene Ehe i.d.R. negativer, für sie spielen auch Alkohol und physische oder psychische Gewalt sowie wenig unterstützendes, autoritäres Verhalten des Partners eine größere Rolle. Männer suchen die Streitfragen vermehrt außerhalb der Beziehung, z.B. in Arbeitsüberlastung, Ärger mit Verwandten, Schicksal etc. aber auch im sexuellen Bereich oder in den Emanzipationsstrebungen der Frau.

Der dritte Zugang betrachtet sozio-strukturelle und normative gesamtgesellschaftliche Veränderungen, die sich auf die Institution Ehe auswirken. Aus dieser Perspektive kritisiert Nave-Herz (1994), dass aufgrund höherer Scheidungsraten auf den Bedeutungsverlust von Ehe und Familie geschlossen wird. Zunächst einmal wird nur die Ehebeziehung und nicht die Familie oder die Eltern-Kind-Beziehung gelöst, letztere existieren in veränderter Form weiter. In Bezug auf die Ehe ist weniger ihr Bedeutungsverlust, als ihre besonders hohe psychische Bedeutung für den Einzelnen die Ursache der gestiegenen Scheidungsziffern. Man hat heute sehr hohe Erwartungen an Partnerschaften, so dass sie bei fehlender Harmonie leichter beendet werden. Die Qualität der Partnerbeziehung und die Emotionen stehen im Mittelpunkt. Abgenommen hat der institutionelle Charakter, die Ehe wurde privatisiert und individualisiert, d.h. sie wurde zu einer frei wählbaren und individuell gestaltbaren Lebensform, so dass es weniger Gründe (z.B. den sozialen Druck der Gruppe) gibt sie aufrecht zu erhalten, wenn emotionale Erwartungen nicht erfüllt werden. Damit stellt man aber nicht die Ehe generell in Frage, sondern nur die eigene. Viele haben weiterhin die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Vorstellungen und so ist die Ehe immer noch die vorherrschende Beziehungsform.

Es gibt darüber hinaus zahlreiche Veränderungsprozesse, wie Urbanisierung, Geburtenkontrolle, Liberalisierung des Sexualverhaltens, gestiegene Erwerbstätigkeit der Frau, Wertewandel zugunsten individueller Werte wie Selbstverwirklichung, veränderte rechtliche und normative Rahmenbedingungen etc., die zu einem geringeren sozialen und ökonomischen Zwang führen, die Ehe aufrecht zu erhalten. Sie hat damit ihren Verpflichtungs- und Verbindlichkeits-charakter verloren. Aufgrund der Abnahme traditioneller Vorgaben und Geschlechtsrollenstereotype hat sich v.a. die Möglichkeit der Frauen erhöht, Ansprüche an ihren Partner zu stellen. Das Ja zur Ehe bedeutet heute nicht mehr ein für allemal festgelegte Rollen, sondern ein ständiges Aushandeln, Verhandeln, Streiten und Flexibilität. Dadurch kann das Konfliktpotential erhöht werden, es überfordert manche Liebe und die Ehe steht zur Revision, wenn die Erwartungen nicht mehr zur Deckung gebracht werden können.

1.3 Der Scheidungsprozess

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, ist die Scheidung kein singuläres Ereignis sondern ein komplexer, ganzheitlicher Prozess, der auf verschiedenen Ebenen abläuft. Phaseneinteilungen haben sich bewährt, da sie eine differenziertere Erhebung und Beschreibung des Erlebens der Betroffenen, sowie der jeweils anstehenden Probleme und Veränderungen ermöglichen (Maier-Aichen, 2001). Dabei muss man jedoch beachten, dass die Phasen auf verschiedenen Ebenen nicht unbedingt zeitsynchron ablaufen und sich nicht immer eindeutig abgrenzen lassen. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll die äußerlich erkennbaren Phasen des Scheidungsgeschehens und der Reorganisation der Familie abzugrenzen vom inneren Prozess der Scheidungsverarbeitung. Letztgenannter läuft sehr individuell ab, während die äußeren Phasen einen eher generellen Charakter haben und durch äußere Ereignisse, wie räumliche Trennung, gerichtliches Scheidungsverfahren etc. gekennzeichnet sind. Häufig wird hier ein Vier-Phasen-Modell gewählt (vgl. Radosztics, 2000; Jaede et al. 1996; Klein-Allermann & Schaller, 1992):

- Ambivalenzphase vor der räumlichen Trennung:

Der gegenseitige Rückzug oder Konflikt beginnt und die Eheprobleme zeichnen sich immer deutlicher ab, eine Trennung wird aber noch vermieden. Vor- und Nachteile werden abgewogen und Aufgabe der Partner ist es sich über die eigenen Bedürfnisse und die des Partners klar zu werden. Für die Kinder ist diese Phase aufgrund der Unsicherheit und Ohnmacht bezüglich des gestiegenen Konfliktpotenzials sehr belastend. Die Eltern sind für sie weniger verfügbar.

- Trennungsphase

Die Zeit unmittelbar um die räumliche Trennung herum erfordert zahlreiche äußere und innere Anpassungsleistungen. Trotz starker emotionaler Betroffenheit müssen finanzielle, rechtliche und räumliche Fragen geklärt werden. Auch die erzieherische Zuständigkeit ist häufig nicht eindeutig geklärt und gerade in einer Zeit, wo die Kinder Unterstützung und Halt brauchen, ist die Verfügbarkeit der Eltern eingeschränkt. Oft geht mit der Situation noch ein Wohnungs- oder Schulwechsel einher, sowie veränderte finanzielle Verhältnisse. Andererseits kann die räumliche Trennung eine Entlastung von Konflikten schaffen.

- Scheidungsphase:

In dieser Phase, die die formale Scheidung beinhaltet vollzieht sich eine allmähliche Stabilisierung der inneren und äußeren Lebensverhältnisse, es entwickeln sich ein neuer Lebensstil und neue Kontakte. Die Scheidung selbst bedeutet zwar einen Einschnitt, da sie die Endgültigkeit der Trennung bestätigt, sie wird jedoch meist als weniger belastend empfunden als die Trennung. Diese Zeit kann gekennzeichnet sein durch eine Versachlichung der Auseinandersetzungen, doch nicht selten bleiben die Kinder weiterhin Streit- und Verhandlungsobjekte.

- Nachscheidungsphase

In dieser, oft mehrere Jahre währenden, Phase findet die endgültige Umwandlung der Familie in eine neue Lebensform mit neuen Zielen, Perspektiven und evtl. neuen Partnern statt. Oft wird sie auch als Phase der psychischen Scheidung bezeichnet, da die innere Verarbeitung und Akzeptanz der Trennung stattfinden soll. Während einige Geschiedene noch langfristig mit ernsthaften Problemen kämpfen, wird diese Phase für andere auch zu einer Zeit des persönlichen Wachstums. Auch die Kinder müssen die Trennung verarbeiten, ihre Hoffnungen aufgeben und sich als Scheidungskind akzeptieren lernen, sowie neue Kontakte und Beziehungen aufnehmen.

Bevor im Folgenden die Kinder im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, soll im Anschluss an die Scheidungsphasen noch ein Überblick über die Anforderungen gegeben werden, die sich der Familie im Scheidungsprozess auf den verschiedenen Ebenen stellen:

- Juristische Ebene: Es müssen Lösungen für wirtschaftliche, versorgungsrechtliche und sorgerechtliche Fragen gefunden werden (Schneewind et al., 1998).
- Lebenspraktische Ebene: Hierunter fallen mögliche Veränderungen in Wohnort und Schulbesuch als auch die Neuorganisation des Tagesablaufs. Oft stellt sich zugleich die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Zusammenhang mit finanziellen Problemen neu.
- Individuelle und interpersonelle Ebene: Die individuelle Verarbeitung des emotionalen Verlustes und der Gefühle von Trauer, Versagen und Schuld muss erfolgen. Oft kommt es zu stark ambivalenten Gefühlen, gelegentlich bis hin zur Depression. Zusätzlich können die Anpassung an die veränderte soziale Rolle und ein möglicher sozialer Abstieg oder der Zusammenbruch des sozialen Netzes Probleme bereiten.
- Partner- und Elternebene: Es muss eine gefühlsmäßige, soziale und finanzielle Ablösung vom Partner erfolgen (Schneewind et al., 1998). Trotz Beendigung der Ehebeziehung und bestehender Ambivalenzen, sollte das Weiterbestehen der Elternbeziehung gewährleistet werden.

1.4 Die Folgen der Trennung und Scheidung für die betroffenen Kinder

Den Schwerpunkt der Scheidungsforschung bildet die Untersuchung der Folgen für die Betroffenen. Dabei soll hier eine Konzentration auf die Bedeutung für die Kinder erfolgen, die auch in unserer eigenen Studie im Vordergrund stehen. In der Öffentlichkeit herrscht zum größten Teil die Auffassung vor, dass Scheidungsfamilien mit beträchtlichen Problemen belastet sind und die Kinder mit schwerwiegenden und lang anhaltenden Störungen reagieren. Nach einer älteren Studie von Napp-Peters (in W. Maier-Flor & R. Osthoff, 1993) wirkt sich eine Scheidung auf die Kinder in jeden Fall traumatisch aus und führt zu massiven psychischen Beeinträchtigungen. Neuere Studien (vgl. Fthenakis, 1993; Maier-Aichen, 2001; Sander, 1988) relativieren diese Haltung jedoch, denn es gibt eine große Variationsbreite in der Art der Bewältigung. In jeden Fall stellt die Scheidung der Eltern für die Kinder eine Belastung dar, bringt Anpassungsforderungen mit sich und beeinträchtigt zunächst das Wohlbefinden, doch eine Dramatisierung ist nicht gerechtfertigt. In der Metaanalyse von Amato und Keith (vgl. Schneewind et al., 1998), die 92 verschiedene Studien berücksichtigte, konnten zwar negative Scheidungsfolgen auf Beziehungs- und Verhaltensebene ausgemacht werden, doch sie erwiesen sich als insgesamt eher geringfügig. Es muss vor einer frühzeitigen Pathologisierung der Probleme gewarnt werden, die oft nur eine natürliche Reaktion auf eine schwierige Situation sind, jedoch nach einer gewissen Zeit der Anpassung wieder verschwinden. Die ersten ein bis zwei Jahre nach der Trennung gelten i.d.R. als Zeit der akuten Krise. Nur in Einzelfällen kommt es zur Ausbildung andauernder psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, was andererseits nicht dazu verleiten soll die Probleme der Scheidungskinder zu ignorieren. Typische unmittelbare Reaktionen der Kinder und Jugendlichen sind z.B.

- im Gefühlsbereich: Ärger, (Verlust-, Trennungs-)Ängste, Aggressionen, Trauer, Wut, Schuldgefühle, Scham, Verunsicherung, Ohnmacht, Loyalitätskonflikte, Gefühle der Stigmatisierung und Störungen des Selbstwertgefühls
- im Verhaltensbereich: Abhängigkeit, Anklammern, Regression, Irritierbarkeit, sozialer und emotionaler Rückzug, aggressive und dissoziale Verhaltensweisen, Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen, Disziplin-, Lern- und Konzentrationsprobleme, verschlechterte Schulleistungen, Überangepasstheit, Depressionen, Spielunlust, Schlaf-, Ess-, Ausscheidungsstörungen und andere psychosomatische Symptome, wie Kopf- oder Magenschmerzen.

Wie ein Kind im Einzelfall die Scheidung bewältigt, hängt jedoch von einer Vielzahl von verschiedenen Faktoren ab. Daher erscheint es sinnvoll die stark variierenden Begleitumstände genauer zu betrachten und nach Schutz- und Risikofaktoren zu suchen, die das kritische Lebensereignis verstärken oder abschwächen können. Im Folgenden werden die wichtigsten moderierenden Variablen dargestellt:

1.4.1 Charakteristika des Kindes
1.4.1.1. Alter und Entwicklungsstand

Das Erleben und die Reaktionen auf die Scheidung erfolgen unterschiedlich, in Abhängigkeit vom Alter des Kindes, an dem sein emotionaler und sozial-kognitiver Entwicklungsstand festgemacht wird. Die klassische, jedoch rein deskriptive Studie dazu stammt von Wallerstein und Kelly aus den 70/80ern. Einen Überblick über die Ergebnisse gibt Rottleuthner-Lutter (1989). Auch Fthenkis (1995) fasst die alterspezifischen Reaktionen zusammen. Für die 6-8 jährigen, die in unserer Studie untersucht werden lässt sich zusammenfassend sagen, dass ihr Verhalten von einer tiefen, anhaltenden Traurigkeit geprägt ist. Sie sehen die Scheidung eher als einen Kampf zwischen den Eltern, wobei der Verlierer das Feld räumen muss. Durch die Fortschritte im sozial-kognitiven Entwicklungsstand sind sie i.d.R. in der Lage sich in die Position eines anderen zu versetzen. Somit ist ein besseres Verständnis der Eltern möglich, als noch im Vorschulalter und eine geringere Gefahr vorhanden sich als Ursache der Scheidung zu sehen und unter Schuldgefühlen zu leiden. Durch die Wahrnehmung der verschiedenen Standpunkte besteht allerdings eine größere Wahrscheinlichkeit für Loyalitätskonflikte (Jaede et al., 1996). Vermutlich hängt damit auch der in diesem Alter besonders stark auftretende Wunsch zusammen, dass die Eltern sich versöhnen. Fthenakis (1995) beschreibt außerdem Beeinträchtigungen der schulischen Leistungen und das Erleben der Familienauflösung als Bedrohung der eigenen Existenz für diese Altersstufe. Nach Wallerstein kämpfen sie außerdem mit dem Gefühl verstoßen zu sein und der Furcht ersetzt zu werden. Mit Freunden über die Trennung zu reden, was für die Bewältigung sicher hilfreich wäre, tun die wenigsten Kinder dieses Alters (Schneewind, 1999, S. 146).

Ob nun generell jüngere oder ältere Kinder mehr Probleme haben ist strittig, in jeden Fall reagieren sie alterspezifisch mit verschiedenen Symptomen und setzen unterschiedliche Bewältigungsstrategien ein. Nach Hetherington und Wallerstein (vgl. Sander, 1988) sind jüngere Kinder stärker gefährdet, da sie aufgrund ihrer kognitiven Entwicklung Gefühle und Motive der Eltern sowie ihre eigene Rolle noch nicht richtig einschätzen können. Mit zunehmendem Alter können sie sich dagegen eher distanzieren, Loyalitätskonflikte lösen und ihnen steht ein größeres Repertoire an Bewältigungsstrategien als auch ein breiteres soziales Netz zur Verfügung. Man kann jedoch einwenden, dass die kognitive Verarbeitung nicht zwangsläufig mit emotionaler Akzeptanz einhergehen muss. Häufig werden sowohl sehr junge Kinder als auch Jugendliche als am stärksten belastet eingeschätzt.

1.4.1.2. Geschlecht

Die empirischen Befunde zeigen übereinstimmend, dass Jungen eher externalisierend, ausagierend reagieren (z.B. gesteigerte Aggressionen, destruktives, unsoziales Verhalten, Verschlechterungen der Schulleistungen), während Mädchen eher internalisierende Verhaltens-weisen (z.B. Überangepasstheit, Überkontrolliertheit, Introversion, Depression, Ängste) zeigen. Die Auffälligkeiten beim männlichen Geschlecht scheinen zunächst länger anzuhalten. Allerdings kommt es bei Mädchen häufig zu einem erneuten Aufflammen der Probleme in der Pubertät, was sich dann auch in aggressivem Verhalten äußern kann. Man schreibt ihnen auch stärkere Langzeitfolgen z.B. für ihr Selbstkonzept oder eigene Partnerschaften zu, als auch negativere Reaktionen auf die Wiederheirat eines Elternteils.

1.4.1.3. Temperament

Ohnehin „schwierigen“ Kindern gelingt es i.d.R. nicht so gut sich an die Veränderungen, die mit einer Scheidung einhergehen, anzupassen. Negative Ereignisse lösen bei ihnen grundsätzlich eine intensivere Reaktion aus. Sind auch die Eltern labil, werden diese Kinder häufiger Auslöser und Ziel aversiver Reaktionen und können schlechter mit diesen umgehen. Der Stress kann so zu vermehrter Zunahme an Verhaltensproblemen und Defiziten in ihren Bewältigungsfertigkeiten führen (Fthenakis, 1995).

Weitere Zusammenhänge lassen sich auch zu den Faktoren Intelligenz, Selbständigkeit, Selbstwertgefühl, innere Kontrollüberzeugung, kommunikative Fähigkeiten, Art, Umfang und Flexibilität der Bewältigungsstrategien etc. feststellen.

1.4.2 Faktoren im familiären System
1.4.2.1. Familiales Konfliktniveau

Intensive und häufige eheliche Konflikte sind generell, d.h. nicht nur in Scheidungsfamilien, mit schlechterer psychischer Anpassung der Kinder verbunden (Fthenakis, 1993). Natürlich ist dabei immer der Zusammenhang mit weiteren belastenden und entlastenden Faktoren zu berücksichtigen (z.B. die Konsistenz des Elternverhaltens). Block und seine Mitarbeiter fanden nach Niesel (1995) jedoch heraus, dass v.a. Jungen schon bis zu elf Jahre vor der Scheidung nachhaltig vom „predivorce familial stress“, also dem Stress im Vorfeld der Scheidung, beeinflusst wurden und Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Auch Cherlin et al. (vgl. Bauers, 1993) schrieben nach einer Kontrolle der Entwicklungsdaten aus der Vorscheidungszeit die verstörende Wirkung eher dem langwierigen Ehekrieg vor der eigentlichen Trennung zu. Diese Erkenntnisse trugen dazu bei die Scheidung selbst nicht mehr als alleinigen Problemauslöser zu sehen, sondern den Blick verstärkt auf die Zeit und v.a. die Konflikte im Vorfeld zu richten. Die Beziehungserfahrungen und Interaktionsmuster der Vergangenheit bilden die Basis für die mehr oder weniger gelingende Bewältigung der Trennung. Der Scheidung selbst kommt also eher eine verstärkende Rolle zu. Hetherington zeigte sogar, dass Kinder aus Scheidungsfamilien mit geringem Konfliktniveau besser angepasst sind als Kinder aus strukturell vollständigen aber hochstrittigen Familien (Fthenakis, 1993). Diese Ergebnisse entkräften das Argument eine Ehe nur um der Kinder willen aufrecht zu erhalten. Kelly widerlegte nach Fthenakis (1993) auch die allgemeine Vorstellung, dass alle Scheidungsfamilien ein hohes Konfliktniveau, schlechte Kommunikation und fehlende Kooperation aufweisen. Dies trifft sicherlich häufig zu, lässt sich aber nicht pauschalisieren. Ca. 25-30 % der sich trennenden Paare zeigten in dieser Untersuchung minimale bis gar keine Konflikte und entschieden sich z.B. aufgrund abnehmender Liebe oder unterschiedlicher Lebensvorstellungen einvernehmlich für die Scheidung. Eine besondere Risikogruppe sind jedoch die Kinder, deren Eltern auch nach der Scheidung ständig streiten und denen die Trennung von Paar- und Elternebene nicht gelingt, so dass Paarkonflikte die Eltern-Kind-Beziehung weiterhin überschatten. In diesem Fall kommt es zu einer Wechselwirkung der verschiedenen Stressoren. V.a Konflikte über Erziehungs- und Sorgerechtsfragen haben negative Auswirkungen, da hier die Kinder selbst zum Konfliktgegenstand werden. Hinzu kommt, dass die gehäuften Konflikte die Eltern zumeist emotional so erschöpfen, dass sie auch außerhalb der Auseinandersetzungen weniger verfügbar sind. Problematischen Konstellationen entstehen weiterhin, wenn die Elternteile sich gegenseitig schlecht machen und versuchen das Kind gegen den anderen aufzuhetzen oder auszuhorchen. So werden die Kinder hin- und her gerissen und stecken in dem Dilemma beide lieben zu wollen aber nicht zu können.

1.4.2.2. Kompetenz des/r sorgeberechtigten Elternteils/e

Aufgrund der allgemeinen Überlastung durch das Scheidungsgeschehen mit seinen komplexen Anforderungen sind die sorgeberechtigten Elternteile und v.a. Alleinerziehende oft in ihrer Erziehungskompetenz beeinträchtigt. Hetherington et al. als auch Wallerstein und Kelly beobachteten Inkonsistenz bei Erziehungs- und Disziplinierungsmaßnahmen, einen Mangel an Kontrolle über die Kinder oder aber einen stärker autoritären Erziehungsstil. Weiterhin fallen nicht beibehaltene Alltagsroutinen, fehlende Geduld sowie allgemein gestörte Kommunikation und die eingeschränkte Fähigkeit sich den Kindern aufgrund der eigenen psychischen Krise emotional zuzuwenden auf (Fthenakis, 1993; Sander, 1988). Unter Stress stellen Eltern zudem oft erhöhte Anforderungen an das Kind, die es überfordern können, z.B. Mithilfe im Haushalt, Pflege der Geschwister, emotionale Unterstützung bis hin zur Funktion als Partnerersatz. Man spricht dann von einer Parentifizierung, wenn das Kind eine nicht altersangemessene Verantwortung übernehmen muss und eigene Entwicklungsaufgaben vernachlässigt werden. Auf der anderen Seite findet man aber auch Eltern, die nach der Scheidung überfürsorglich werden. Aufgrund ihrer Schuldgefühle dem Kind gegenüber versuchen sie ihm alle Probleme abzunehmen, wodurch die Entwicklung ihrer Eigeninitiative und Verantwortung behindert wird.

Dabei scheint die Mutter-Sohn-Dyade am stärksten durch erzieherische Defizite betroffen zu sein. Man fand hier insbesondere mehr negative Sanktionen aber auch die Gefahr in die Rolle eines Partnersubstituts gedrängt zu werden. Mädchen erhalten mehr Zuwendung und Unterstützung, werden aber auch eher als Vertraute überfordert. Bei allein erziehenden Eltern mit Erziehungsschwierigkeiten und auffälligen Kindern fand man vermehrt Gefühle von Unzulänglichkeit, Ängstlichkeit und Depression, wobei unklar ist was Folge und was Ursache ist (Fthenakis, 1993).

Neben der individuellen Erziehungskompetenz stellt sich auch die Frage nach der Fähigkeit der Eltern in Erziehungsfragen zu kooperieren, die Aktivitäten des anderen zu respektieren und sich als gegenseitige Unterstützung zu begreifen. Dies wird in Zusammenhang gebracht mit höherer Selbstkontrolle und Belastbarkeit sowie weniger Verhaltensauffälligkeiten auf Seiten der Kinder. In getrennt lebenden Familien besteht generell nicht mehr die Möglichkeit der gegenseitigen Entlastung in Erziehungsaufgaben, je nach Situation und Kompetenz der Elternteile. Nach Schneewind (1999, S. 138) wirkt sich eine konfliktbehaftete Paarbeziehung und natürlich insbesondere eine Trennung der Partner negativ auf den Aspekt der Kooperation aus. Durch den Zerfall der Elternallianz kommt es häufig zu Koalitionsbildungen zwischen i.d.R. der Mutter und dem Kind / den Kindern und einer Entfremdung vom Vater.

1.4.2.3. Die Beziehung zum abwesenden Elternteil

Die fehlende oder eingeschränkte Verfügbarkeit des nicht mit dem Kind zusammen lebenden Elternteils (i.d.R. immer noch der Vater) ist einer der am meisten beachteten Aspekte der Scheidungsforschung. Das Kind verliert nicht nur eine Person, auf die es viele Gefühle gerichtet hat, sondern auch eine Identifikationsfigur, also eine Person, an der es sein Wertesystem und sein Verhalten orientiert und die Teil der eigenen noch ungefestigten Identität ist. Aus diesen Gründen helfen Arrangements, die den Kontakt und eine fortdauernde emotionale Beziehung zu beiden Elternteilen ermöglichen, negative Folgen einer Scheidung zu reduzieren. Dies gilt v.a. dann, wenn auch die Mutter dem Kontakt aufgeschlossen gegenüber steht und die Ex-Partner sich in kindbezogenen Fragen ergänzen (Becker et al.; 1993, Wallerstein & Blakeslee, 1989). Wichtiger als die Quantität des Kontakts zum Vater ist jedoch die Qualität. Das Kind erfährt so, dass es zwar geschehen kann, dass einer den anderen verlässt, es wird sich aber selbst nicht verlassen fühlen. Eine stabile Beziehung zum Vater wirkt sich außerdem förderlich auf die Regelmäßigkeit der Unterhaltszahlungen aus und erleichtert die Bewältigung einer Wiederheirat der Mutter.

Von Seiten der Mütter wird jedoch häufig der väterliche Kontaktabbruch oder zumindest seine allmähliche Einschränkung beklagt3, aber auch seine vorwiegende Freizeitzuwendung (suger daddy) bei fehlendem Engagement in lebenspraktischen Fragen (z.B. Hausaufgaben). Es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall, dass der Vater unter der Trennung vom Kind leidet und Angst hat den Kontakt zu verlieren, da die Mutter die Besuche unterbindet. Die Tendenz geht hin zu solchen Vätern, die regelmäßigen Kontakt mit dem Kind suchen.

1.4.2.4. Sorgerechtsregelung

In direktem Zusammenhang steht die viel diskutierte Frage um das gemeinsame Sorgerecht. Wenn hier nun einige Befunde erläutert werden, die den Vorteil dieser Einrichtung zeigen, bedeutet dies nicht, dass auch bei alleinigem Sorgerecht der Kontakt zum anderen Elternteil nicht gepflegt werden könne. Studien zeigen jedoch den stärkeren Kontakt zum abwesenden Elternteil, die geringere Zahl völliger Kontaktabbrüche, höhere Zahlungswilligkeit und mehr gemeinsames Engagement und Verantwortung über die Besuche hinaus bei gemeinsamem Sorgerecht. Mütter äußern sich in diesem Fall meist positiver über die elterlichen Fähigkeiten des Exgatten und auch die Kinder zeigen einigen Studien zufolge weniger Verhaltensauffälligkeiten und mehr Selbstwertgefühl (Becker et al., 1993; Maier-Aichen, 2001). Die Ergebnisse sind jedoch differenziert zu betrachten, denn das Arrangement muss auch den individuellen und altersentsprechenden Bedürfnissen des Kindes, sowie den familiären Möglichkeiten angepasst sein. Die Gegner dieses, seit Einführung des Neuen Kindschaftsrechts 1998, im Regelfall angewandten Modells, wenden die Gefahren anhaltender Konflikte und einer Instrumentalisierung der Kinder ein. Darüber hinaus stelle es eine zusätzliche Belastung für die Frauen dar, die weiterhin im Regelfall die meisten Aufgaben übernehmen, jedoch nun alles mit dem Partner abstimmen müssen und in eine Abhängigkeit geraten (Stein-Hilbers, 1993). Als Fazit lässt sich ziehen, dass das gemeinsame Sorgerecht wohl die beste Lösung ist, wenn es funktioniert und die Eltern in der Lage sind Paarkonflikte und Elternschaft zu trennen, sowie zu Kooperation und Kommunikation bereit sind. Ist ein solch konstruktiver Umgang miteinander nicht möglich, ist tatsächlich die alleinige Sorge vorzuziehen.

1.4.2.5. Wiederheirat

Ca. 50% der von Scheidung der Eltern betroffenen Kinder werden durch die Wiederheirat eines Elternteils zu Stiefkindern. Nach Becker et al. (1993) zeigte Hetherington, dass 46% dieser Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten kämpfen, wobei Jungen diese Situation besser bewältigen. Nach einer Phase der Eingewöhnung profitieren diese sogar von der Verfügbarkeit des Stiefelternteils. Einen deutlichen Vorteil haben Stieffamilien gegenüber Ein-Eltern-Familien im finanziellen Bereich. Eine glückliche neue Partnerschaft wirkt sich auch häufig positiv auf die elterliche Kooperation in Erziehungsfragen aus, da frühere Verletzungen nun aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden können.

1.4.2.6. Geschwister

Zum Einfluss von Geschwisterbeziehungen gibt es unterschiedliche Meinungen. Geschwister können einander beim Verarbeiten von Trauer, Schmerz, Angst und Wut behilflich sein und durch ihre Solidarität und Unterstützung eine bessere Verarbeitung ermöglichen. Andererseits besteht die Gefahr, dass ältere Geschwister zu viel entwicklungsunangemessene Verantwortung übernehmen, und dass das Geschwistersystem durch die Eltern oder Koalitionsbildungen aufgespalten wird. Durch die gesteigerte Rivalität aufgrund verringerter Ressourcen kann es zu einer weitern Entfremdung kommen (Bauers, 1993).

1.4.3 Ökonomische Situation

Eine Scheidung bringt für alle Beteiligten, aber v.a. für allein erziehende Mütter, finanzielle Nachteile und eine unsichere ökonomische Situation mit sich. Die Verringerung des Einkommens kommt als erschwerender Faktor für die Lösung der übrigen Probleme hinzu. Besonders Frauen sind häufig von einem drastischen sozialen Abstieg betroffen und nicht selten auf Sozialhilfe angewiesen (Rottleuthner-Lutter, 1989). Diese finanziellen Belastungen und die damit verbundene abrupte Änderung des Lebensstils werden zunehmend als entscheidende Risikofaktoren für die Entwicklung der Kinder betrachtet, denn neben der allgemein stressauslösenden Wirkung bedeutet es konkret auch Einschränkungen bei Wohnung, Freizeitaktivitäten, Kleidung, Spielzeug, Förderung, Ernährung etc. Aus der genannten Situation folgt zudem oft eine erweiterte Erwerbstätigkeit auch bei allein erziehenden Müttern, was in Abhängigkeit von weiteren ungünstigen Einflussfaktoren (z.B. schlecht ausgebaute Ganztagsbetreuungsangebote oder wenig Unterstützung im sozialen Netzwerk) zu einer zusätzlichen Überlastung der Mütter und schwindenden zeitlichen Ressourcen für die Kinder führen kann. Die Berufstätigkeit allein führt unter günstigeren Bedingungen jedoch keinesfalls automatisch zu einer Beeinträchtigung der Mutter-Kind-Beziehungen. Die Anzahl der Vaterfamilien nimmt zwar zu, man findet sie aber überwiegend in höheren sozialen Schichten.

Neben der Theorie der verminderten Sozialisationskompetenz in Ein-Eltern-Familien aufgrund des strukturellen Zustandes der Unvollständigkeit und der Theorie, die dem innerfamiliären Beziehungsgefüge und v.a. dem elterlichen Konfliktniveau vor und nach der Scheidung die größte Bedeutung beimisst (und die am meisten empirische Bestätigung findet), sehen zahlreiche Forscher gerade im ökonomischen Aspekt die Hauptursache für die negativeren Entwicklungsbedingungen von Scheidungskindern.

1.4.4 Weitere externe Faktoren

An weiteren Faktoren, die die Bewältigung einer Scheidung moderieren, sind z.B. zu nennen:

- Zusätzliche Veränderungen, wie Wohnort- oder Schulwechsel und damit einhergehender Verlust von Freunden und Nachbarn.
- Verfügbarkeit sozialer und verwandtschaftlicher Netzwerke, die Unterstützung bieten und auch dem Kind in einer unsicheren Zeit Halt geben.
- Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen um Kindererziehung und Erwerbstätigkeit zu verbinden.
- Vorhandensein und Qualität von Interventionsmaßnahmen.
- Qualität der Rechtsnormen, die die Scheidung moderieren.
- Allgemeine Akzeptanz oder Verurteilung von Scheidungen in der Gesellschaft.

Letztlich bestimmt das Gleichgewicht zwischen Ressourcen, auf die zurückgegriffen werden kann, und Stressoren, die zusätzlich belasten, wie die Bewältigung des Ereignisses Scheidung dem Einzelnen gelingt. Kinder sind aktive Konstrukteure ihrer Wirklichkeit und als direkte Interaktionspartner aktive Bewältiger von Konflikten. Eine Scheidung wirkt zwar zunächst beeinträchtigend, determiniert aber keine negative Entwicklung.

1.4.5 Langzeitfolgen

In der Regel geht man davon aus, dass es nach ca. zwei Jahren der Mehrzahl der Kinder gelingt die neue Situation zu integrieren und eine normale psychische Entwicklung einzuleiten (Fthenakis, 1993). Das Wohlbefinden und die Eltern-Kind-Beziehung haben sich nach diesem Zeitraum meist normalisiert. Zu diesem Ergebnis kamen beispielsweise Amato und Keith in ihrer Metaanalyse (vgl. Maier-Aichen, 2001). Andere Autoren, z.B. Wallerstein und Blakeslee oder Napp-Peters (vgl. Fthenakis, 1993; Maier-Aichen, 2001), fanden jedoch auch nach Jahren und sogar im Erwachsenenalter noch signifikante Beeinträchtigungen. Beispielsweise ist das Risiko, dass Scheidungskinder bis fünf Jahre nach der Trennung einen Psychiater oder Psychologen aufsuchen müssen bis zu viermal größer. Weniger überzeugend sind die Befunde zum erhöhten Selbstmordrisiko und vermehrter Delinquenz. Kontrolliert man die intervenierenden Variablen, schwinden die gefundenen Zusammenhänge. Die gravierendsten Langzeitfolgen erwartet man im Kontext eigener Partnerschaften. Viele Kinder geschiedener Eltern haben im Jugend- und Erwachsenenalter die Befürchtung in der eigenen Beziehung die gleichen Fehler zu machen und halten sich für unfähig eine positive Beziehung aufrecht zu erhalten (Fthenakis, 1993). Sie zeigen Zukunftsängste und zögern bei der Lebensplanung, v.a. bei Mädchen kann dies zur Reduzierung des Selbstwertgefühls und fehlendem Vertrauen in andere Personen führen. Andererseits findet man auch junge Frauen, die aktiv Beziehungen suchen und schnell sexuelle Kontakte aufnehmen. Dies könnte als Versuch interpretiert werden durch rasches Eingehen und Beenden von Beziehungen deren Wert zu mindern und sich zu beweisen, dass ein Verlust nicht schmerzlich ist. Eine weitere These lautet außerdem, dass Scheidungskinder früher heiraten und Kinder bekommen, um aufgrund der erlebten Enttäuschung frühzeitig eine eigene heile Familie zu gründen. Dass Ehen von Personen, die in ihrer Kindheit eine Scheidung erlebt haben, tendenziell instabiler sind gilt mittlerweile als belegt (Maier-Aichen, 2001). Dies muss jedoch nicht zwangsläufig mit der Interpretation einhergehen, dass sie unglücklicher sind. Vielleicht lösen sie sich einfach schneller aus unerträglichen Beziehungen.

1.5 Scheidung als Chance

Dass eine Scheidung, anstatt als langdauernde Beeinträchtigung persönlicher Entwicklungsmöglichkeiten, auch als Chance zu einem persönlichen Neubeginn interpretiert werden kann, wird für Erwachsene mittlerweile akzeptiert. Aber auch für Kinder kann es eine Chance bedeuten, die negativen Einflüsse, die sich aus der konfliktträchtigen Situation ergeben, abzuwehren. Es kann eine stärkende Erfahrung und eine Möglichkeit für konstruktives Wachsen sein. Gutschmidt (1993) kritisiert an den früheren Studien, dass sie mit vorgeformter Meinung an ihre Forschungsobjekte herantraten, und die gesuchten Probleme dann natürlich auch fanden. V.a. die Studie von Wallerstein und Blakeslee (1989) wurde immer wieder publikumswirksam zitiert. Viele der dort untersuchten Familien hatten jedoch im Vorfeld erhebliche Eheprobleme und auch Alkoholismus und Gewalttätigkeit spielten eine Rolle. Da die Untersuchung aber erst mit dem Zeitpunkt der Trennung einsetzte, übersah man, dass die Scheidung oft das befreiende Ende eines langen Ehekriegs war, unter dem auch die Kinder litten. Darüber hinaus verglich man Scheidungsfamilien i.d.R. mit intakten Familien. Aussagekräftiger wäre jedoch der Vergleich mit Konfliktfamilien, denn kaum ein Paar muss sich die Frage stellen, ob es sich lieber scheiden lassen soll oder lieber in einer glücklichen Ehe leben soll, sondern ob es weiterhin im Streit leben will.

Gutschmidt (1993) versucht die Scheidung auch als Chance zu sehen Beziehungen und die ganze Lebenssituation neu und oftmals zufrieden stellender zu organisieren. Positive Folgen einer Scheidung werden meist erst nach einiger Zeit sichtbar und daher oft übersehen, doch in neuerer Zeit bemühen sich einige Studien dies herauszustellen (Gutschmidt, 1993, darin auch Cherlin; Rauchfleisch in Hilgers, 2000). Folgende Ergebnisse finden sich, unter der Vorraussetzung, dass die Rahmenbedingungen einigermaßen günstig sind (z.B. Betreuungs-möglichkeiten, gesichertes Einkommen):

- Mehr Eigenverantwortlichkeit, Selbständigkeit, Verantwortungs-bewusstsein und Einsatzbereitschaft von Kindern aus Ein-Elternfamilien, u.a. aus Gründen der Berufstätigkeit der Mütter, die kaum Überbehütung zulässt und zu wichtigen Sozialisations-erfahrungen in Betreuungseinrichtungen führt.
- Alleinerziehende üben einen eher partnerschaftlichen, an Aushandlungen orientierten, anstelle eines dirigistischen Erziehungsstils aus. Nach Gutschmidt (1993) schließen einige Autoren daraus in Kombination mit höheren Anforderungen an die Selbstständigkeit sogar auf bessere Schulleistungen der Kinder. Bei einer partnerschaftlichen Beziehung zu den Eltern sollte jedoch die Grenze zur Überforderung durch Verringerung der Generationen-schranken nicht überschritten werden.
- Durch neue familiale Konstellationen können verfahrene Beziehungsverflechtungen anders und vielleicht konstruktiver gestaltet werden, z.B. kann sich eine positivere Beziehung zum Vater entwickeln, da er von Paarkonflikten entlastet ist.
- Kinder Alleinerziehender haben eine kritischere Haltung gegenüber negativen Klischeebildern und Diskriminierungen von Frauen und verfügen über eine flexiblere Rollenauffassung, da sie erleben wie die Elternteile nun auch Aufgaben des jeweils anderen Geschlechts übernehmen.
- Die Kinder entwickeln konstruktive Bewältigungsstrategien und erleben, dass man aus persönlichen Krisen herausfinden kann.
- Nach langem Streit kann Ruhe ins Leben der Kinder kommen und familiäre Konflikte werden häufig entschärft, es besteht die Chance zur Stabilisierung der Verhältnisse.
- Die Kinder erfahren ggf. zwei familiäre soziale Systeme und damit erweitert sich ihr soziales Netzwerk. Auch orientieren sich allein erziehende Frauen stärker nach außen, was sich auf die Kontakte der Kinder auswirkt.

Figdor (2000, S. 104 f.) fügt dieser Argumentation hinzu, dass Eltern, die dem Kind zuliebe auf die Chance einer Scheidung verzichten, diesem Kind ihr eigenes Leben opfern. Unbewusst erwarten sie somit, dass die Kinder ihnen dieses Glück zurückgeben. Entwickeln die Kinder sich dann allerdings nicht nach den Vorstellungen der Eltern, kommt es zu schweren Krisen. Für ihn steht fest, dass unglückliche Eltern niemals gute und einfühlsame Eltern oder gute Vorbilder fürs Leben sein können.

2. Bindungstheorie und -forschung

Ältere sozialisationstheoretische Ansätze betrachteten den Säugling häufig als asoziales, egoistisches und nur auf seine Bedürfnisse (v.a. die Nahrungsaufnahme) zentriertes Wesen. Als passiver Rezipient wird er demnach v.a. über das Stillen „sozial gemacht“. So beschreibt z.B. Pawlow die soziale Beziehung des Säuglings zur Mutter aus lerntheoretischer Sicht als Ergebnis einer Konditionierung, die auf dem Saugreflex basiert (Schmidt-Denter, 1996, Kap. 3). Ebenso galt für Freud, dass das Kind lediglich sekundär vermittelt über das zentrale Bedürfnis oraler Befriedigung zum sozialen Wesen mit Bindung an die Mutter wird.

Die Entwicklungspsychologie der Gegenwart stellt den Säugling dagegen als ein von Geburt an soziales Wesen mit primären sozialen Bedürfnissen heraus. Zu diesen Bedürfnissen gehört die Bindung des Säuglings an eine Bezugsperson, die ihm Schutz und Sicherheit gewährleistet und nicht von der Nahrungsaufnahme abgeleitet ist. Dieses Wissen um die besondere Bindung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson verdanken wir in erster Linie dem englischen Psychoanalytiker John Bowlby, der seit den 50er Jahren die Bindungstheorie entwickelte, welche ethologisches, psycho-analytisches, systemisches und entwicklungspsychologisches Denken verbindet. Er revolutionierte damit die Ansichten über die frühe Mutter-Kind-Beziehung und stellte ihre Bedeutung für die weitere Persönlichkeitsentwicklung heraus.

2.1 John Bowlby und die Wurzeln der Bindungstheorie

Geboren am 26. Februar 1907 in London, absolvierte Bowlby nach seinem Medizinstudium eine psychoanalytische Ausbildung bei Joan Riviere, orientiert an den Vorstellungen von Melanie Klein. In den 30er und 40er Jahren arbeitete er an der London Child Guidance Clinic, wo ihn das Denken zweier psychoanalytisch ausgebildeter Sozial-arbeiterinnen stark beeinflusste. Für ihn wurde hier schnell deutlich, dass sich die Psychoanalyse zu stark mit den Phantasien der Kinder befasst, aber die Rolle der tatsächlichen äußeren Ereignisse und Interaktionen in der Familie vernachlässigt. So konnte er schon 1940 in einer Studie über die Charaktere und Familienhintergründe jugendlicher Diebe Verbindungen zwischen ungünstigen Persönlichkeitsmerkmalen und früher Trennung von oder Ablehnung durch die Mutter nachvollziehen. Nach dem zweiten Weltkrieg bekam Bowlby eine Leitungsposition an der Tavistock-Klinik und erhielt so die Gelegenheit im Rahmen einer eigenen unabhängigen Forschungsgruppe sowie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Folgen der Trennung von Mutter und Kind systematisch zu erforschen. Bei der Sichtung der Literatur für den viel beachteten Bericht „Maternal Care and Mental Health“4 (1951) für die WHO erkannte er den Bedarf nach einer neuen Theorie, um die Auswirkungen von Trennungs- und Deprivationserfahrungen zu erklären (Bretherton, 2002). Es beschäftigte ihn die Frage, was die Natur des besonderen Bandes zwischen Mutter und Kind war. Dazu löste er sich zunehmend aus dem Rahmen der Psychoanalyse und erhielt einen wichtigen Anstoß zur Entwicklung der Bindungstheorie durch den eher zufälligen Kontakt zur Ethologie5, die als eine der wichtigsten Wurzeln seiner Theorie zu bezeichnen ist. Die Veröffentlichung von Konrad Lorenz und seine Ausführungen über den Prägungsprozess, der die Entstehung eines engen Eltern-Kind-Bandes ohne Einfluss des Fütterns erklärt, weckten bei ihm großes Interesse.

Aus stammesgeschichtlicher Perspektive besteht neben den Bedürfnissen nach Nahrung, Sexualität, Fortpflanzung und Erkundung beim Menschen ein ebenso grundlegendes Verlangen nach Bindung. Um das Überleben der Art zu sichern, haben sich daher im Laufe der Evolution zu jedem Grundbedürfnis artspezifische Verhaltenssysteme, bestehend aus Mimik, Gestik, Lauten, Bewegungen etc., entwickelt. Ein entsprechender Mangel führt zur Aktivierung dieses Systems, während es bei Sättigung ruht (Grossmann & Grossmann 2003). Angeboren sind dem Säugling dabei aber nicht die Verhaltenssysteme selbst, sondern das Potential sie zu entwickeln, wobei sich die qualitative Ausprägung je nach Entwicklungsbedingungen ontogenetisch unterscheidet.

Bowlby hat diese Vorstellungen von den Verhaltenssystemen und ihrer Steuerung später bei der Formulierung seiner Bindungstheorie aufgenommen. In drei sehr einflussreichen, aber auch Entrüstung auslösenden Vorträgen vor der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft 1957 und 1959 stellte er seine Theorie unter Einbeziehung ethologischer Begriffe erstmals öffentlich dar. Eine ausführliche Fassung erschien in der Trilogie Bindung (1969), Trennung (1973) und Verlust (1980). Ein wichtiger Vorteil der Ethologie im Vergleich zur Psychoanalyse besteht auch in methodologischer Hinsicht: anstatt sich auf retrospektive Äußerungen erwachsener Patienten zu konzentrieren, sind prospektive Längsschnittstudien die Methode der Wahl.

Weiterhin hatten das systemische Denken, die kognitive Psychologie als auch die Kontrolltheorie und Kybernetik Einfluss auf die Entwicklung der Bindungstheorie (vgl. Bowlby, 2002).

2.2 Die Bindungstheorie

2.2.1 Bindungsverhalten

Sofern die Eltern als Bezugspersonen zur Verfügung stehen entwickeln alle Kinder Bindungen an sie. Unter dem Begriff Bindung (attachment) versteht man ein besonderes sozial-emotionales Beziehungssystem zwischen einem Kind6 und seiner Bezugsperson, welches als wichtige Komponente für die Persönlichkeitsentwicklung gilt. Der menschliche Säugling ist aufgrund seiner Verletzlichkeit und Abhängigkeit auf intensiven Schutz und Pflege angewiesen, dazu ist er mit grundlegenden kommunikativen Fähigkeiten ausgestattet. Eine zentrale Aussage der Bindungstheorie ist, dass er die angeborene Neigung hat, die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Ist das Kind ängstlich, unsicher oder fühlt sich unwohl7 wird das Bindungsverhaltenssystem aktiviert, d.h. Verhaltensweisen wie Schreien, Lächeln und Rufen (=Signalverhalten) oder Nachfolgen, Anklammern und Saugen (=Annäherungsverhalten) werden ausgelöst, um die Nähe zur Bezugsperson herzustellen oder zu sichern. Das Bindungsbedürfnis ist ein eigenständiges Motivationssystem, dass zwar mit anderen, wie z.B. Nahrungsaufnahme oder Sexualität, interagiert, aber nicht daraus abgeleitet wird oder diesen gar untergeordnet ist.8 Das Bindungsverhaltenssystem hat eine eigene Überlebensfunktion: die Schutzfunktion (Bowlby, 2002). Das äußerlich erkennbare Ziel des Verhaltens ist Nähe, das Gefühls-Ziel ist Sicherheit und Vertrauen. So entwickelt sich im Laufe der Zeit aus dem Bindungsverhalten eine gefühlsmäßige Bindung zwischen dem Kind und der Bezugsperson, die je nach Erfahrung verschieden gefärbt sein kann. Neben dem Schutz vor Gefahren erlebt das Kind auf diese Weise außerdem über den intensiven Kontakt eine optimale Stimulation. Es macht wichtige emotionale und soziale Erfahrungen und wird insbesondere im kommunikativen Bereich gefördert.

Neben der Mutter, die häufig die Hauptbezugsperson ist, entwickelt schon ein Säugling, entgegen früherer Annahmen, weitere Bindungen, z.B. an den Vater, Geschwister oder die Großeltern, die nach Bowlby unabhängig voneinander und hierarchisch organisiert sind.9 Dies zeigt auch, dass die Bindungsqualität, auf die weiter unten eingegangen wird, nicht ein Attribut des Kindes ist, sondern zunächst die Beziehung charakterisiert.

[...]


1 z.B. Verhaltensauffälligkeiten, Schulversagen, psychische Störungen, geschlechtsrollen-atypische Verhaltensweisen, Bindungsunfähigkeit

2 In solchen Studien besteht jedoch der Vorteil, dass man auch über Daten aus der Zeit vor der Scheidung verfügt, wogegen explizite Scheidungsstudien i.d.R. erst nach der Trennung der Eltern einsetzen.

3 Nach Stein-Hilbers (1993) schränken bis zu 60% der Väter den Kontakt nach der Trennung stark ein oder brechen ihn ab.

4 Hier befasst er sich mit dem Schicksal heimatloser Kinder im Nachkriegs-Europa, die ohne ihre Mütter in Institutionen aufwuchsen.

5 Die Ethologie oder Verhaltensforschung ist ein Teilgebiet der Biologie, das sich mit der objektiven Erforschung des Verhaltens der Tiere und des Menschen befasst. Die vergleichende Verhaltensforschung stellt dabei die Funktion eines Verhaltens für die ontogenetische oder phylogenetische Anpassung eines Lebewesens in den Mittelpunkt.

6 Solche Bindungen bestehen zwar über die Kindheit hinaus ein Leben lang, wir begrenzen uns hier jedoch auf die Bindungen von Heranwachsenden.

7 Die Ursachen dafür können sowohl innere Belastungen, wie Müdigkeit, Krankheit oder Hunger, als auch äußerer Stress sein, z.B. durch Abwesenheit der Bindungsperson in fremder Umgebung.

8 Die berühmten Versuche Harlows mit Rhesus-Äffchen, welche mit Mutter-Attrappen aufgezogen wurden, belegen sehr anschaulich, dass das Bedürfnis nach Geborgenheit dem Streben nach konstanter Nahrungsaufnahme überlegen ist.

9 In der Regel steht die Mutter an der Spitze dieser Hierarchie. Anfänglich sprach Bowlby sogar von einer ausschließlichen Mutterbindung (Monotropie), doch heute ist belegt, dass die meisten Säuglinge bereits im ersten Lebensjahr mehrere Bindungspersonen besitzen. Auffällig ist lediglich die Bevorzugung einer bestimmten Bindungsperson in Belastungssituationen. Häufig werden andere Personen sogar lieber aufgesucht, wenn das Erkundungssystem aktiviert ist und das Kind spielen oder lernen möchte. Allerdings scheint die Anzahl begrenzt, da die Anpassung an verschiedene Personen die adaptiven Möglichkeiten fordert (Gebauer & Hüther 2003).

Ende der Leseprobe aus 152 Seiten

Details

Titel
Bindungssicherheit und elterlicher Erziehungsstil bei Scheidungskindern und Kindern von Vollfamilien
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
152
Katalognummer
V48239
ISBN (eBook)
9783638450003
ISBN (Buch)
9783638730358
Dateigröße
2736 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungssicherheit, Erziehungsstil, Scheidungskindern, Kindern, Vollfamilien
Arbeit zitieren
Simone Kirst (Autor), 2004, Bindungssicherheit und elterlicher Erziehungsstil bei Scheidungskindern und Kindern von Vollfamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48239

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