Die Scheidungshäufigkeit hat in Deutschland besonders seit Mitte der 60er Jahre erheblich zugenommen. Bleibt die Scheidungsziffer konstant werden ca. 37% der heute geschlossenen Ehen in Scheidung enden. Ca. 50% der geschiedenen Ehepaare haben noch minderjährige Kinder. Aus deren Perspektive ist damit zu rechnen, dass ca. 20% der in den 90er Jahren geborenen Kinder von Ehepaaren vor Erreichen der Volljährigkeit mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert werden. Damit steigt zugleich die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland an.
"Was bedeutet dies für die Kinder?" Das ist die Frage, die im Rahmen dieser Arbeit an erster Stelle steht. Die Scheidung ist der formalrechtliche, an bestimmte öffentliche Vorschriften gebundene Akt der Eheauflösung. Im Gegensatz zu dieser juristischen Sicht stellt sie sich für die betroffenen Kinder und Familien jedoch nicht als singuläres Ereignis dar, sondern als langwährender komplexer Veränderungs- und Entwicklungsprozess, der eine Vielfalt von Anpassungsleistungen auf verschiedenen Ebenen erfordert.
Da die empirische Scheidungsforschung sich in erster Linie auf den angloamerikanischen Raum konzentriert, hat sich eine Forschungsgruppe um an der Universität Koblenz das Ziel gesetzt in einer Längsschnittstudie das Erleben, Bewerten und Verarbeiten des Trennungs- und Scheidungsgeschehens der Eltern durch die Kinder zu erheben. Dazu werden 6-8 jährige Kinder und ihre Mütter nach der Trennung, sowie weitere zweimal im Abstand von jeweils einem Jahr, zu unterschiedlichen Erlebens- und Verhaltensbereichen befragt. Ein Vergleich der Ergebnisse wird durch die parallele Befragung einer Kontrollgruppe gleichaltriger Kinder aus Familien ohne Scheidungserlebnis ermöglicht. Die hier vorliegende Arbeit entstand im Rahmen der ersten Erhebungswelle dieser Studie. Sie konzentriert sich dabei auf zwei Teilgebiete der umfangreichen Untersuchung. Betrachtet werden die Bindungssicherheit als auch der Erziehungsstil in beiden Familienformen. Die Frage nach möglichen Zusammenhängen zwischen den Aspekten Scheidung, Bindung und Erziehungsstil steht dabei im Vordergrund. Um die Fragestellung in ihren theoretischen Zusammenhang einzubetten, wird sich der erste Teil der Arbeit mit den bisherigen theoretischen Erkenntnissen und empirischen Ergebnissen der drei Themenkomplexe befassen. Nach einer Betrachtung der möglichen Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten, schließt sich im empirischen Teil die Auswertung der erhobenen Daten an.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theoretische Grundlagen
1. Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder
1.1 Ansätze der Scheidungsforschung
1.2 Scheidungsgründe
1.3 Der Scheidungsprozess
1.4 Die Folgen der Trennung und Scheidung für die betroffenen Kinder
1.5 Scheidung als Chance
2. Bindungstheorie und -forschung
2.1 John Bowlby und die Wurzeln der Bindungstheorie
2.2 Die Bindungstheorie
2.3 Mary Ainsworth und die Klassifikation der Bindungsqualität
2.4 Die Untersuchung der mentalen Bindungs-repräsentation
2.5 Phasen der Bindungsentwicklung
2.6 Stabilität der Bindungsmodelle
2.7 Langfristige Konsequenzen der Bindungs-unterschiede
2.8 Bindung und Trennung
2.9 Kritische Betrachtung der Bindungstheorie
3. Erziehungsstile
3.1 Begriffsklärung
3.2 Der Einfluss elterlicher Erziehung
3.3 Erziehungsstilforschung
3.4 Zentrale Erziehungsstildimensionen und das Erziehungsstilmodell nach Diana Baumrind
3.5 Wirkung der Erziehungsstile
3.6 Determinanten elterlicher Erziehung
3.7 Kritische Betrachtung der Erziehungsstilforschung
4. Zusammenhänge zwischen den Theorie-bereichen Scheidung, Bindung und Erziehungsstil
4.1 Die Auswirkungen einer Scheidung auf die Bindung des Kindes
4.2 Die Bedeutung des Erziehungsstils
4.3 Das Risiko-Schutz-Modell
III. Empirischer Teil
5. Fragestellung
6. Methode
6.1 Auswahl und Merkmale der Stichprobe
6.2 Erhebungsmethoden und ihre Durchführung
6.3 Auswertung der Daten
7. Ergebnisse
7.1 Scheidung der Eltern und Bindung der Kinder
7.2 Scheidung der Eltern und kindperzipierter Erziehungsstil
7.3 Erziehungsstil und Bindungssicherheit
8. Interpretation der Ergebnisse
9. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Scheidung der Eltern, der Bindungssicherheit der betroffenen Kinder im Alter von 5-9 Jahren sowie dem elterlichen Erziehungsstil. Ziel ist es zu klären, wie sich Trennungsprozesse auf die Bindungsrepräsentation auswirken, ob ein geänderter Erziehungsstil in Ein-Eltern-Familien vorliegt und ob zwischen Erziehungsverhalten und Bindungssicherheit eine messbare Korrelation besteht.
- Analyse der Folgen von Trennung und Scheidung für die kindliche Entwicklung.
- Untersuchung der Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth.
- Erforschung von Erziehungsstilen und deren Auswirkungen.
- Empirische Untersuchung mittels Bochumer semiprojektivem Verfahren und Züricher Kurzfragebogen.
- Betrachtung von Risiko- und Schutzfaktoren bei der Scheidungsbewältigung.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die Fremde Situation (Strange-Situation-Test)
Diese Methode wurde ursprünglich entwickelt, um das Erkundungsverhalten von Kindern im Alter von 12-18 Monaten unter verschiedenen (Belastungs-) Bedingungen (An- und Abwesenheit der Mutter, Anwesenheit einer Fremden) zu analysieren. Man ging davon aus, dass sich das Zusammenspiel von Bindungs- und Erkundungsverhalten in einer nicht-vertrauten Umgebung erfolgreicher untersuchen lässt. Das Kind kommt hier in ein standardisiertes räumliches Arrangement (Abb. 1) und wird in den einzelnen Versuchsabschnitten mit zunehmendem Stress konfrontiert. Dazu führen die fremde Umgebung, die Interaktion mit einer fremden Erwachsenen, die Trennung von der Mutter und das Alleingelassenwerden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Trennung und Scheidung und ihre Folgen für die Kinder: Das Kapitel beleuchtet verschiedene Ansätze der Scheidungsforschung und diskutiert die Folgen der familiären Auflösung für Kinder, unter Einbeziehung verschiedener familiärer Modelle.
2. Bindungstheorie und -forschung: Hier werden die Grundlagen der Bindungstheorie nach Bowlby und die Klassifikation durch Ainsworth dargestellt, um die Bedeutung früher Bindungserfahrungen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erläutern.
3. Erziehungsstile: Dieses Kapitel definiert zentrale Konzepte der Erziehungsstilforschung, insbesondere das Modell nach Baumrind, und diskutiert deren Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung.
4. Zusammenhänge zwischen den Theorie-bereichen Scheidung, Bindung und Erziehungsstil: Das Kapitel integriert die drei Hauptbereiche und stellt ein Risiko-Schutz-Modell vor, um die komplexe Interaktion bei der Scheidungsbewältigung zu erklären.
5. Fragestellung: Hier werden die konkreten Forschungsfragen und die daraus abgeleiteten Hypothesen für den empirischen Teil der Arbeit formuliert.
6. Methode: Beschreibt die Auswahl der Stichprobe sowie die verwendeten Instrumente (Bochumer Verfahren und Züricher Kurzfragebogen) und deren statistische Auswertung.
7. Ergebnisse: Präsentation und Analyse der erhobenen Daten zum Bindungsverhalten und Erziehungsstil bei Scheidungskindern im Vergleich zur Kontrollgruppe.
8. Interpretation der Ergebnisse: Kritische Reflexion der Befunde unter Berücksichtigung der kleinen Stichprobengröße und der methodischen Limitationen.
9. Zusammenfassung und Ausblick: Ein Resümee der Arbeit, das die Erkenntnisse zusammenführt und Perspektiven für zukünftige Längsschnittstudien aufzeigt.
Schlüsselwörter
Scheidung, Bindungstheorie, Erziehungsstil, Bindungssicherheit, Scheidungskinder, Alleinerziehende, Kindesentwicklung, psychische Belastung, Familienauflösung, Risiko-Schutz-Modell, Bindungsrepräsentation, elterliche Feinfühligkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der elterlichen Trennung auf die Bindungssicherheit von Kindern und analysiert, ob und wie der Erziehungsstil der Mütter in diesem Kontext eine Rolle spielt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Scheidungsforschung, der psychologischen Bindungstheorie sowie der Erziehungsstilforschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die empirische Überprüfung, ob eine Scheidung der Eltern mit einer messbaren Beeinträchtigung der Bindungssicherheit der Kinder korreliert und ob der Erziehungsstil als vermittelnde Variable fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine quantitative Längsschnittstudie, bei der das "Bochumer semiprojektive Verfahren" für die Bindungsqualität und der "Züricher Kurzfragebogen zum Erziehungsverhalten (ZKE)" für den Erziehungsstil eingesetzt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil setzt sich aus einem umfassenden theoretischen Rahmen zu Scheidung, Bindung und Erziehung sowie einem empirischen Teil zusammen, in dem eigene Studiendaten von Scheidungskindern und Kontrollkindern ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Scheidung, Bindungssicherheit, Erziehungsstil, Bindungsrepräsentation und Risiko-Schutz-Modell.
Spielt der Familienstand der Mutter eine direkte Rolle für den Erziehungsstil?
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die psychische Belastung der Mutter einen stärkeren Einfluss auf den Erziehungsstil ausübt als der Familienstand selbst.
Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Erziehungsstil und Bindungssicherheit?
In der vorliegenden Stichprobe konnten keine signifikanten Zusammenhänge zwischen den Erziehungsstilskalen und den Bindungsgruppen festgestellt werden, was zu einer Zurückweisung der dritten Hypothese führte.
- Quote paper
- Simone Kirst (Author), 2004, Bindungssicherheit und elterlicher Erziehungsstil bei Scheidungskindern und Kindern von Vollfamilien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48239