Schwerpunktmäßig wird die Stigmatisierung chronisch erkrankter Kinder und Jugendlicher in Schulen untersucht. Dazu wird das Phänomen der Stigmatisierung unter Bezugnahme auf Goffmann analysiert und dessen Funktionen und Auswirkungen auf die Interaktion und Identität erklärt. Dabei wird nicht nur auf den soziologischen Identitätsbegriff von Goffman, sondern auch auf den psychologischen Identitätsbegriff, dessen Entwicklung an Krappmann, Thimm und Frey nachempfunden wird, eingegangen.
Da Schule als Sozialisationsinstanz gesellschaftsspezifische Werte und Normen und damit auch Vorurteile (als Basis für Stigmatisierung) vermittelt, wird die Schule als Lebens- und Lernraum näher betrachtet. Hier lernen Kinder und Jugendliche u.a. den Umgang mit dem Rollenhaushalt und können ihn in der Interaktion mit Gleichaltrigen experimentierend erweitern (Kap. 4.2). Der Rollenhaushalt wird durch Stigmatisierung gefährdet. Wird ein Schüler durch andere stigmatisiert, so ist er prädestiniert dafür, auch viktimisier zu werden. In diesem Zusammenhang wird kurz auf das Zusammenspiel von Gruppengefühl und Außenseiter- bzw. Opferrolle eingegangen (Kap. 5.2.3). Nachdem an ausgewählten Beispielen Stigmatisierungsprozesse in der Schule behandelt wurden, beschäftigt sich der folgende Teil mit der Fragestellung, inwieweit es zu einer Stigmatisierung chronisch erkrankter Kinder in der Schule kommt. Nach einer einleitenden Darstellung chronischer Erkrankungen (Kap. 6), wird zunächst die Überlegung angestellt, welche Auswirkungen chronische Erkrankungen auf die Lebensgestaltung und die Erfüllung von Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen haben können.
In Kapitel 8 wird untersucht, inwieweit chronisch kranke Kinder Stigmatisierung erleben und das Problem der Selbststigmatisierung thematisiert. Darauf folgt eine Eingrenzung des Themas auf die Stigmatisierung von Krankheiten allgemein und im Schulalltag (Kap. 9). Das Ausmaß der Stigmatisierung chronisch erkrankter Kinder und Jugendlicher wird mit Hilfe einer umfangreichen Befragung (mehrseitige Fragebögen) von Lehrern verschiedener Schulformen (GHRS) recherchiert und analysiert. Von 210 ausgeteilten Fragebogenkomplexen (im Anhang) konnten 78 ausführlich ausgewertet werden. Abschließend werden Handlungsmöglichkeiten zur Integration chronisch erkrankter Schüler aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung, Zielsetzung und Gang der Untersuchung
2. Stigma – Begriffsabgrenzung
2.1 Stigma – Doppeldeutigkeit des Begriffs
2.2 Unterteilung von Stigmata (nach Goffman)
2.3 Stigma – ein relationaler Begriff
2.4 Stigma - ein soziales Vorurteil
2.5 Merkmale eines Stigmas – zusammengefasst
3. Stigmatisierung
3.1 Stigmatisierung – ein gesellschaftliches Phänomen
3.2 Zur Entstehung von Stigmata – Stigmatisierungsmechanismus
3.3 Mögliche Ursachen und Funktionen von Stigmatisierung
3.4 Stufen der Stigmatisierung nach Hensle
3.4.1 Stigma-Management
3.4.2 Störungen der Interaktion nach Goffman
3.4.3 Stigma-Durchsetzung: Der Stigma-Ansatz und der Labeling Approach
3.5 Auswirkungen der Stigmatisierung auf die sozialen Rollen und die Identität
3.6 Darstellung verschiedener Identitätskonzepte in Teilaspekten
3.6.1 Das Identitätskonzept von Goffman
3.6.2 Weiterführende Identitätskonzepte
3.6.3 Das Identitätsmodell von Frey
3.6.4 Selbstkonzept, Selbstwertgefühl und Identität
3.6.4.1 Die Selbstwahrnehmung
3.6.4.2 Die Selbstbewertung
3.7 Die beschädigte Identität
4. Institutionalisierte Stigmatisierung
4.1 Gegenstandsbereiche der Stigmatisierung
4.2 Die Schule als Sozialisationsinstanz
5. Typisierung und Stigmatisierung in und durch die Schule
5.1 Stigmatisierung durch die Zuweisung zu verschiedenen Schultypen
5.2 Stigmatisierungsprozesse in der Schule
5.2.1 Lehrererwartungen an die Schülerrolle
5.2.2 Stereotypbildung – gute und schlechte Schüler
5.2.3 Stigmatisierung und Rollenzuschreibung durch die Mitschüler
6. Chronische Erkrankungen
6.1 Veränderung von Krankheitsbildern in der Gesellschaft
6.2 Definition
6.3 Epidemiologie
7. Bedeutung chronischen Erkrankungen für die Lebensgestaltung und Entwicklung von betroffenen Kindern und Jugendlichen
7.1 Mögliche Veränderungen im Leben eines chronisch erkrankten Kindes und seiner Familie
7.2 Entwicklungsaufgaben und Krankheitsbewältigung
7.3 Bedeutung der Peers im Jugendalter
7.4 Psychische Auswirkungen chronischer Erkrankungen
8. Stigmatisierung und Stigmatisierungserleben chronisch kranker Jugendlicher
8.1 Zusammenhang von chronischen Krankheiten und Stigmata
8.2 Stigmatisierungserleben
8.3 Selbststigmatisierung
8.4. Krankheit als Stigma: Ausgrenzung und Schutz
8.5 Sonderkonditionen und ihre Bedeutung am Beispiel Schule
9. Chronische Erkrankungen in der Schule und Stigmatisierung
9.1 Vorurteile in der Gesellschaft als Ursache für Stigmatisierungsprozesse
9.1.1 Adipositas
9.1.2 Hauterkrankungen
9.1.3 Epilepsie
9.1.4 Psychische Störungen
9.2 Bedeutung von Sichtbarkeit bzw. Entstellungsstärke
9.3 Grad und Relevanz der Funktionsbeeinträchtigungen
9.4 Stigmatisierungsmomente im Schulalltag
10. Entwicklung des Fragebogens zum Thema Einschätzung von Lehrern zum Integrationsstatus von Krankheit betroffener Schüler
10.1 Gliederung und Zielsetzung des Fragbogens
10.2 Möglichkeiten und Grenzen der Befragung
10.3 Verteilung und Rücklauf
11. Auswertung – Einschätzung der Situation chronisch kranker Kinder und Jugendlicher in der Schule
11.1 Auswertung der bisherigen Erfahrungen der Lehrer
11.1.1 Durch Lehrer wahrgenommene chronischen Beeinträchtigungen während ihrer Schultätigkeit
11.1.2 Chronische Beeinträchtigungen die zu besonderer Unterstützung im Klassenverband führen
11.1.3 Erkrankungsbedingte Diskriminierung
11.2 Auswertung der Einzelfallbeschreibungen der Lehrer
11.2.1 Umgang der Mitschüler mit einem physisch oder psychisch erkrankten oder beeinträchtigten Kind
11.2.2 Ursachen für das Verhalten der Mitschüler
11.2.2.1 Aussehen oder Entstellungsgrad
11.2.2.2 Persönlichkeit und Verhalten
11.2.2.3 Sichtbarkeit
11.3 Reflexionen zu einzelnen Fragebögen
11.4 Inwieweit hilft Vertrautheit und persönlicher Kontakt über ein Stigma hinweg bzw. ist Schule anonym genug, damit Stereotype gebildet werden und erhalten bleiben?
12. Integrationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen mit krankheitsbedingter Andersartigkeit
12.1 Abbau von Vorurteilen bei Lehrern
12.2 Abbau von Vorurteilen der Mitschüler
12.2.1 Aufklärung und Thematisierung im Klassenverband
12.2.2 Soziales Lernen im Rollenspiel
12.2.3 Klassenübergreifende Projekte
12.3 Differenzierung des schulischen Krankheitsbegriffs
12.4 Unterstützung der Wiedereingliederung bei längeren Fehlzeiten durch Krankenhaus- oder Psychiatrieaufenthalte
13. Abschließende Bemerkungen und Ausblick
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Stigmatisierung im schulischen Kontext mit einem besonderen Fokus auf chronisch kranke Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, sowohl die theoretischen Grundlagen der Stigmatisierung – insbesondere nach Erving Goffman – darzulegen als auch die konkreten Auswirkungen auf die soziale Identität, das Selbstkonzept und die Integration betroffener Schüler in der Regelschule zu analysieren, wobei eine Lehrerbefragung zur empirischen Untermauerung dient.
- Grundlagen der Stigmatisierung und Identitätsbildung
- Die Institution Schule als Sozialisationsraum und Stigmatisierungsinstanz
- Psychosoziale Herausforderungen chronisch erkrankter Jugendlicher
- Rolle der Lehrer bei der Entstigmatisierung und Inklusion
- Einfluss der Mitschüler und Peergroups auf den Integrationsstatus
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Stigma-Management
Der Begriff Stigma-Management wurde durch Goffman geprägt. In Reaktion auf das abwertende Verhalten der Umwelt kann der Stigmatisierte versuchen, sein Stigma zu verheimlichen, seine Interaktionen auf die, die Bescheid wissen, zu begrenzen oder die Stigmatisierung zu akzeptieren und über das Stigma zu sprechen, um Vorurteile abzubauen. Goffman referiert die verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten einer stigmatisierten Person auf ihren Makel.
Handelt es sich um ein sichtbares Stigma, so kann diesem durch den Diskreditierten unterschiedlich begegnet werden. Der Diskreditierte kann z.B. in einigen Fällen ein physisches Stigma durch eine Operation korrigieren, ebenso kann er versuchen seine Defizite durch besondere Leistungen in spezifischen Bereichen zu kompensieren, indem er sich nicht den Erwartungen entsprechend verhält und Dinge tut, die man jemandem mit seiner Beeinträchtigung nicht zutraut (ein Gelähmter schwimmt). Eine weitere Möglichkeit ist, dass er sein bisheriges Leben aufgibt und um die Anerkennung seines Anderseins kämpft und andere über seine Situation aufklärt. Das Stigma kann jedoch auch als Schutz vor sozialer Verantwortung benutzt bzw. missbraucht werden, indem Misserfolge allein auf das Stigma zurückführt werden. Auch ein Zurückziehen aus den, als unangenehm erlebten sozialen Kontakten oder das Ausweichen unter Seinesgleichen kann eine mögliche Folge sein (Goffman 1998, S. 18-23). Der Umgang des Normalen mit dem Diskreditierten ist vor allem geprägt durch das Wissen über die Minderwertigkeit des Stigmatisierten. Alle Reaktionen können von den Normalen als Bestätigung oder direkter Ausdruck des Stigmas aufgefasst werden. Dadurch wird es für einen Stigmatisierten ,,außerordentlich schwierig, das einmal festgelegte Stigma aufzulösen, weil alle seine Reaktionen - wie Ärger, Angst, Aufregung, Aggression oder Resignation - als eine Bestätigung der zugeschriebenen Eigenschaften aufgefaßt werden“ (Hohmeier 1975, S. 14). Durch ein sichtbares Stigma entstehen in der Interaktion direkte Spannungen, die bewältigt werden müssen und ein Stigma-Management erforderlich machen (vgl. 3.4.2).
Zusammenfassung der Kapitel
Problemstellung, Zielsetzung und Gang der Untersuchung: Dieses Kapitel erläutert die Relevanz der Stigmatisierung im Alltag und Schule und formuliert das Ziel, das Phänomen unter Bezugnahme auf soziologische und psychologische Identitätskonzepte zu beleuchten.
Stigma – Begriffsabgrenzung: Es erfolgt eine theoretische Einordnung des Stigma-Begriffs, seiner Doppeldeutigkeit und der Unterteilung von Goffman, ergänzt durch die Sichtweise als soziales Vorurteil.
Stigmatisierung: Das Kapitel behandelt Stigmatisierung als gesellschaftliches Phänomen, beleuchtet Entstehungsmechanismen, Funktionen für das Individuum und die Gesellschaft sowie die Stadien der Stigmatisierung nach Hensle.
Institutionalisierte Stigmatisierung: Hier wird die Rolle formeller Institutionen, insbesondere der Schule, als Sozialisationsinstanz und Ort der Stigmatisierung analysiert.
Typisierung und Stigmatisierung in und durch die Schule: Fokus liegt auf schulischen Prozessen wie der Schultyp-Zuweisung, Lehrererwartungen und der Rollenzuschreibung durch Mitschüler.
Chronische Erkrankungen: Einleitende Definition und epidemiologische Einordnung chronischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter werden hier vorgenommen.
Bedeutung chronischen Erkrankungen für die Lebensgestaltung und Entwicklung von betroffenen Kindern und Jugendlichen: Das Kapitel widmet sich den krankheitsspezifischen Mehrbelastungen, Entwicklungsaufgaben und der Bedeutung von Gleichaltrigen.
Stigmatisierung und Stigmatisierungserleben chronisch kranker Jugendlicher: Es wird untersucht, wie chronisch kranke Jugendliche Stigmatisierung erfahren, insbesondere durch Selbststigmatisierung und durch Verleugnungstaktiken.
Chronische Erkrankungen in der Schule und Stigmatisierung: Die Autorin geht auf spezifische Krankheitsbilder (Adipositas, Hauterkrankungen, Epilepsie, psychische Störungen) ein und analysiert Faktoren wie Sichtbarkeit und Funktionsbeeinträchtigung.
Entwicklung des Fragebogens zum Thema Einschätzung von Lehrern zum Integrationsstatus von Krankheit betroffener Schüler: Methodik und Gliederung der durchgeführten Lehrerbefragung werden erläutert.
Auswertung – Einschätzung der Situation chronisch kranker Kinder und Jugendlicher in der Schule: Die empirischen Ergebnisse werden dargestellt, inklusive Lehrererfahrungen, Einzelfallanalysen und Reflexionen zur Rolle der Vertrautheit.
Integrationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen mit krankheitsbedingter Andersartigkeit: Dieses Kapitel schließt mit pädagogischen Ansätzen wie Aufklärungsarbeit, Rollenspielen und klassenübergreifenden Projekten zur Entstigmatisierung.
Abschließende Bemerkungen und Ausblick: Eine zusammenfassende Rückschau auf die Ergebnisse und der Ausblick auf die Bedeutung der Lehrer als Vorbilder in der Schule runden die Arbeit ab.
Schlüsselwörter
Stigmatisierung, Identitätsentwicklung, Goffman, Schule, chronische Erkrankungen, Selbstkonzept, Lehrererwartungen, soziale Integration, Etikettierung, Behinderung, Vorurteile, Peergroup, Inklusion, psychische Gesundheit, Selbstwertgefühl
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Problematik der Stigmatisierung von Kindern und Jugendlichen, speziell im Kontext chronischer Erkrankungen und der institutionellen Umgebung Schule.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themenfelder umfassen die soziologische Stigmatisierungstheorie (nach Goffman), die Identitätsentwicklung im Kindes- und Jugendalter, sowie die spezifischen Bedingungen der Schule als Sozialisationsinstanz für chronisch kranke Schüler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für Stigmatisierungsprozesse in der Schule zu schaffen und durch eine Lehrerbefragung aufzuzeigen, wie Lehrer zur Integration chronisch kranker Kinder beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse soziologischer und pädagogischer Theorien sowie einer empirischen Lehrerbefragung, in der Erfahrungen mit chronisch kranken Schülern in Form von Fragebögen ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Theoriebildung zu Stigma-Prozessen, deren Anwendung auf den schulischen Alltag sowie eine detaillierte Darstellung und Auswertung einer Lehrerbefragung, die verschiedene Krankheitsbilder und deren Auswirkungen auf die soziale Integration im Klassenverband untersucht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind Stigmatisierung, Identitätsentwicklung, Schule, chronische Erkrankungen, Lehrererwartungen und Inklusion.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Arten von Stigmata?
Unter Bezugnahme auf Goffman unterscheidet die Arbeit zwischen sichtbaren Stigmata (z.B. körperliche Auffälligkeiten) und unsichtbaren Stigmata (z.B. chronische Krankheiten, die verheimlicht werden können), wobei letztere besondere Anforderungen an das Stigma-Informations-Management stellen.
Welche Bedeutung misst die Autorin der Rolle der Lehrer bei?
Lehrer werden als zentrale Akteure für die Entstigmatisierung gesehen. Ihre eigene Einstellung, ihre Fähigkeit, Stigma-Management zu unterstützen, und ihr Handeln im Falle von chronisch kranken Schülern entscheiden maßgeblich über das Klassenklima und die soziale Integration der Betroffenen.
- Quote paper
- Nina Bernhardt (Author), 2003, Problematik der Stigmatisierung - Umgang in der Regelschule mit diesem Phänomen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48240