Digitales Fernsehen in Deutschland


Magisterarbeit, 2005
126 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Hinführung zum Thema
1.2. Zielsetzung
1.3. Einschränkungen
1.4. Aufbau der Arbeit

2. Grundlagen zum Betrachtungsgegenstand
2.1. Verwendung des Begriffes „digitales Fernsehen“
2.2. Historische Einordnung des digitalen Fernsehens in die Fernsehentwicklung Deutschlands
2.3. Veränderungen im Ausstrahlungsprozess
2.4. Empfangsgeräte für digitale Fernsehsignale
2.5. Angebotspalette des digitalen Fernsehens
2.5.1. Bezahlfernsehen
2.5.2. Bouquets
2.5.3. Ein- und Mehrkanalprogramme
2.5.4. Einwegdienste
2.5.5. Abruf-, Dialog- und interaktive Dienste
2.5.6. Internet auf dem Fernsehschirm
2.6. Übertragungswege
2.6.1. Fernsehkabel
2.6.2. Satellit
2.6.3. Terrestrik
2.6.4. Sonstige
2.7. Künftige Potentiale der Übertragungswege
2.8. Verbreitung digitaler Empfangsgeräte
2.9. Zusammenfassung

3. Gesetzliche Regelungen und Umstiegsszenarien
3.1. Rechtlicher Rahmen für Fernsehen in Deutschland
3.1.1. Rundfunkrechtliche Aspekte
3.1.2. Regulierung
3.2. Umstiegszenarien
3.3. Entwicklung im Kabelmarkt
3.3.1. Schleppender Verkauf der Telekom-Netze
3.3.2. Monopolisierungsstrategie der Kabel Deutschland GmbH
3.3.3. Finanzierungsaspekte beim Kabelnetz
3.4. Nutzerrelevante Betrachtungen
3.4.1. Allgemeine Überlegungen
3.4.2. Wechsel in Berlin/Brandenburg
3.4.3. Bisherige Resonanz auf Zusatzdienste
3.5. Zusammenfassung

4.Ökonomische Gesichtspunkte zum digitalen Fernsehen
4.1. Zum Fernsehmarkt
4.2. Entwicklung auf dem Fernsehmarkt im Kontext der Digitalisierung
4.3. Bezahlfernsehen und Digitalisierung
4.4. Kostenaspekte der Digitalisierung aus Sicht der Programmanbieter
4.4.1. Auswirkungen auf die Finanzierung der Programmanbieter
4.4.2. Erweiterung der Wertschöpfungskette
4.4.3. Konzentrationsprozesse im Fernsehsektor
4.4.4. Kooperationsmodelle der Programmanbieter mit den Kabelnetzbetreibern
4.4.5. Gestaltung von Navigationssystemen
4.5. Auswirkungen der Digitalisierung auf das inhaltliche Angebot
4.5.1. ARD
4.5.2. ZDF
4.5.3. RTL World und ProSiebenSat.1 Media AG
4.5.4. Premiere
4.5.5. Kabelnetzbetreiber
4.6. Problemfeld Set-Top-Box
4.6.1. Conditional Access
4.6.2. Middleware
4.7. Zusammenfassung

5. Zusammenfassung

6. Ausblick

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einen besonders herzlichen Dank an

Patrick Reitler, Michael Gillmann, Christopher Lang, Ewald Kolling, Franz Risch, Uli Faber, Martina Hugo, Stephan Rosenke

Eidesstattliche Erklärung

Hiermit erkläre ich eidesstattlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt habe. Die aus fremden Quellen übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht.

Die Arbeit wurde bisher keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und nicht veröffentlicht.

Schiffweiler, im Juli 2005

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Struktur des deutschen Kabelnetzes

Abbildung 2: Empfangsebenen für Fernsehen in Deutschland, Ende 1998 bis 2004

Abbildung 3: Digitaler Empfang in Deutschland gesamt, Ende 1998 bis 2004

Abbildung 4: Umstellungsszenario DVB-T in Berlin/Brandenburg

Abbildung 5: Verbreitung von DVB-T in Deutschland

Abbildung 6: Struktur des Fernsehempfangs in Deutschland

Abbildung 7: Finanzierungsströme im deutschen Kabelnetzmarkt

Abbildung 8: Typische Vertragsstrukturen und Rechnungsstellungsbeziehungen im Kabelnetz

Abbildung 9: Marktanteile von Fernsehsendern in Deutschland im Tagesdurchschnitt

Abbildung 10: Der Weg digitaler Fernsehinhalte

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Systemvergleich zwischen analogen und digitalen Übertragungsarten

Tabelle 2: Vergleich der Übertragungspotentiale für digitale Fernsehkanäle im Kabel, über Satellit und Terrestrik

Tabelle 3: Führende Kabelnetzbetreiber in Deutschland

Tabelle 4: Der Fernsehmarkt in Deutschland

Tabelle 5: Digitales Pay-TV der Kabelnetzbetreiber: Pakete und Preise im Überblick

1. Einleitung

1.1. Hinführung zum Thema

Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich die Medienlandschaft infolge des großen Fortschritts der Informations- und Kommunikationstechnologien gewandelt. Eine wichtige Änderung war hierbei die Digitalisierung von Fernsehsignalen. Für die Wissenschaft eröffnete die Digitalisierung des Fernsehens vielfältige Forschungsfelder. Anfang bis Mitte der 90er Jahre stand die theoretische Perspektive im Mittelpunkt - vor allem kommunikations-wissenschaftliche Aspekte waren dabei von Interesse. Im Zentrum der Diskussion ging es schwerpunktmäßig um Fragen, die sich mit der Änderung des Mediennutzungsverhaltens sowie der Änderung des Fernsehens im Allgemeinen beschäftigten. Vor allem ging es um die Frage, ob eine „interaktivere“ Form des Fernsehens den Zuschauer zu mehr Eigenbeteiligung würde bewegen können.

Auch acht Jahre nach seiner Einführung bleibt das digitale Fernsehen immer noch ein intensives Forschungsfeld. Allerdings sind medientheoretische Fragen mittlerweile gegenüber konkreten rechtlichen, politischen und ökonomischen Aspekten in den Hintergrund getreten. Denn die Digitalisierung hat sich in Deutschland bereits auf mehrere Bereiche ausgewirkt: auf die Medienpolitik, die Rechtsprechung oder - bei den Programmveranstaltern - auf wirtschaftliche Strategien und redaktionelle Entscheidungen. Der Nutzer ist bisher in vergleichsweise geringen Kontakt mit digitalem Fernsehen gekommen: Nach Angaben der Société Européenne des Satellites (SES, deutsch: Europäische Satellitengesellschaft) ASTRA1 betrug der Anteil deutscher Haushalte mit einer Empfangsmöglichkeit für digitales Fernsehens Ende 2004 19,62 Prozent. Kein Wunder also, dass CORSA bereits 2004 als eines der Ergebnisse ihrer Habilitation zur Programmstruktur des digitalen Fernsehens formulierte: “Digitale Fernsehnutzung war in seinen Anfangsjahren 1996 bis 2002 in Deutschland eine Ausnahme.“ (CORSA, 2004, S. 436). Andere Länder in Europa waren nach HAAS (2004, S.524) diesbezüglich Ende 2004 schon wesentlich weiter, wie England mit 54 % digitaltauglichen Fernsehhaushalten, Irland (35 %) oder Schweden (28 %)2 .

Der Statistik-Experte und Journalist des Westdeutschen Rundfunks (WDR) SCHÖNENBORN skizzierte die Situation 2004 für Zuschauer und Programmanbieter - zumindest für die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD) - mit folgenden Sätzen: „Die Digitalisierung unserer Programmverbreitung ist kein Thema, das in den Redaktionen unserer Häuser unter den Nägeln brennt. Den Redakteurinnen und Redakteuren geht es da genau wie den Zuschauerinnen und Zuschauern. Hier und da kommt mal ein neues Gerät, ein Detail verändert sich, aber insgesamt findet die Umwälzung in so kleinen Schritten statt, dass sie noch nicht als großes Thema den Alltag beherrscht“ (SCHÖNENBORN 2004, S. 513). Und ein weiteres Zitat von HEGE, dem Vorsitzenden der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB)3 , spiegelt auf noch allgemeinerer Ebene die aktuelle Situation wider: „Wir haben es derzeit mit einer Übergangssituation zu tun, in der vieles offen ist und alles in Bewegung.“

Die Politik hat 1998 einen Rahmen geschaffen, um die Digitalisierung des Fernsehens in Deutschland voran zu treiben. Der Umstieg von analogen auf digitale Signale ist politisch gewollt und soll bis 2010 abgeschlossen sein. In den Gesamtprozess der Einführung des digitalen Fernsehens kann der Staat allerdings weitgehend nur mittelbar - durch rechtliche Regelungen - eingreifen. Vor allem Programmanbieter, Gerätehersteller und die Anbieter bzw. Betreiber der Infrastruktur üben mit ihren spezifisch wirtschaftlichen Überlegungen und Handlungen Einfluss auf die Ausbreitung aus. Letztlich spielen aber die Nutzer eine ebenso entscheidende Rolle. Denn vor allem die Geschwindigkeit der Ausbreitung des digitalen Fernsehens hängt in erster Linie von der Akzeptanz der Bevölkerung ab.

1.2. Zielsetzung

Auf der Grundlage der bereits in wichtigen Punkten angerissenen problematischen Einführungssituation beleuchtet die vorliegende Arbeit den Stand der Dinge des digitalen Fernsehens in Deutschland aus mehreren Perspektiven und geht dabei insbesondere auf Schwierigkeiten ein, die sich hemmend auf die Verbreitung in Deutschland ausgewirkt haben. Auch geht es um Veränderungen, die die Digitalisierung des Fernsehens in verschiedenen Bereichen - wie zum Beispiel Rechtssprechung, Angebotspalette etc. - bewirkt hat. Im Zentrum der Arbeit stehen Beschreibungen der Technik, der konkreten inhaltlichen Angebote des digitalen Fernsehens, der Infrastruktur zur Übertragung, der gesetzliche Rahmen sowie Ausführungen zu Umstiegsszenarien. Weiterhin werden die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Programmanbieter und deren konkrete Angebote skizziert. Es geht dabei vornehmlich um ökonomische Problemfelder und diejenigen Faktoren, die eine weitere Ausbreitung des digitalen Fernsehens beeinflussen.

1.3. Einschränkungen

Um die bisherige Entwicklung und die damit verbundenen Probleme nachvollziehen zu können, ist es wichtig, das Themenfeld recht umfassend zu behandeln. Damit steht die Arbeit vor der Herausforderung, einen hochkomplexen Gegenstandsbereich auf vergleichsweise beschränktem Raum möglichst umfassend darzustellen. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Überblicksarbeit, die die bisherigen Entwicklungen in wesentlichen Bereichen nachzeichnet und deren Auswirkungen vor allem auf die bisherige Akzeptanz und den Nutzer bis heute darstellt. Interessierende Punkte und Aspekte, die im Rahmen der Arbeit nicht oder nur oberflächlich behandelt werden können, werden noch einmal kurz im Ausblick dieser Arbeit (Kapitel 6) angerissen.

Obwohl sich die Arbeit lediglich mit der Situation in Deutschland beschäftigt, scheint es sinnvoll, gelegentlich einen kurzen Blick auf die entsprechende Lage in anderen Ländern zu werfen - erst der internationale Vergleich mit Ländern wie den USA oder England lässt eine bessere Einordnung der deutschen Verhältnisse zu, beispielsweise bei Verbreitungszahlen, der Verwendung von technischen Standards sowie in Grundzügen auch der Angebotsstruktur. Auf solche Verweise wird auch beim Ausloten der Potentiale neuer Fernsehdienste zurückgegriffen, da die Entwicklung im Ausland schon deutlich weiter fortgeschritten ist als in Deutschland. Auch wenn in älteren Arbeiten zum digitalen Fernsehen oft der Frage große Bedeutung beigemessen wurde, ob Fernsehen wirklich „interaktiv“ sein kann bzw. was unter Interaktivität in diesem Sinne überhaupt zu verstehen ist und wie sich das Medium Fernsehen durch interaktive Angebote verändert, behandelt diese Arbeit den Aspekt nur am Rand und gibt sich mit einer groben Definition des Begriffes „Interaktivität“ zufrieden. In jüngeren wissenschaftlichen Arbeiten ist die Beziehung zwischen „Interaktivität“ und digitalem Fernsehen nämlich in den Hintergrund getreten.

1.4. Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Ein Grundlagenkapitel behandelt technische und inhaltliche Aspekte, ein Kapitel fokussiert medienpolitische Regelungen, die Nutzer sowie die infrastrukturelle Entwicklung und ein Kapitel rückt ökonomischen Aspekte - vor allem bei den Programmveranstaltern - in den Mittelpunkt.

Das Kapitel 2 beginnt mit einer exakten Bestimmung des Begriffes „digitales Fernsehen“ im Sinne dieser Arbeit. Anschließend wird das „digitale Fernsehen“ in die bisherige technische Entwicklung des Mediums Fernsehen in Deutschland eingeordnet, bevor die Funktionsweise digitaler Fernsehübertragung beschrieben wird. Dabei werden Unterschiede der bisherigen analogen Übertragung gegenüber der digitalen Übertragung aufgezeigt. Danach werden die Veränderungen der Fernseh-Angebotspalette durch die Digitalisierung beschrieben. Die Darstellung der drei zentralen Übertragungswege Kabel, Terrestrik und Satellit, deren künftige Potentiale sowie Beschreibungen neuer Übertragungswege wie dem Strom- oder Tele-kommunikationsnetz schließen sich an. Die Darstellung der bisherigen Verbreitungszahlen schließt das Kapitel ab.

Kapitel 3 wird eingeleitet von Ausführungen zum Rundfunksystem in Deutschland sowie zu wichtigen gesetzlichen Regelungen zum Rundfunk in Deutschland und insbesondere zum digitalen Fernsehen. In einem nächsten Schritt geht es um Umstiegsszenarien für den Wechsel von analog nach digital. Daran schließen sich Bemerkungen zur Infrastruktur der Fernsehverbreitung an, wobei die Entwicklung im Kabelmarkt wegen ihrer wichtigen Rolle besonders ausführlich behandelt wird. Weiterhin zur Sprache kommen Erfahrungen von Nutzern, die bereits „gewechselt“ haben. Auch wird darauf eingegangen, welche Überlegungen für die Nutzer beim Umstieg von analog zu digital relevant sind und wie sich der Umstieg vor allem bei der Terrestrik bisher darstellte.

Im vierten und letzten Kapitel der Arbeit geht es um ökonomische Aspekte. Dazu zählen die Darstellung und die Entwicklung des Fernsehmarktes sowie die Beleuchtung der Rolle, die das Pay-TV (deutsch: Bezahlfernsehen) dabei gespielt hat. Weiterhin geht es um die Veränderung der Wertschöpfungskette von Fernsehinhalten durch den Übergang von analog zu digital und damit einhergehende Konzentrationsprozesse im Fernsehsektor. Wichtig hierbei sind vor allem Kooperationsmodelle zwischen Kabelnetzbetreibern und Programmveranstaltern, die ebenso dargestellt werden wie sich ergebende Reibungspunkte. Des Weiteren werden die derzeitigen Programmangebote der wichtigsten Akteure auf dem deutschen Fernsehmarkt beschrieben und danach beurteilt, inwiefern sie die Möglichkeiten des digitalen Fernsehens bisher ausgereizt haben. Den Abschluss des Kapitels bilden Ausführungen zur bisher problematischen Entwicklung des Endgerätes und dessen Ausstattung.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der beschriebenen Ergebnisse und Problembereiche sowie einem Ausblick ab.

2. Grundlagen zum Betrachtungsgegenstand

In diesem Kapitel wird zunächst „digitales Fernsehens“ im Sinne der vorliegenden Arbeit definiert (Unterkapitel 2.1.), ehe es im historischen Kontext der Fernsehentwicklung in Deutschland betrachtet wird (2.2.). Dies bietet sich deshalb an, weil die Fernsehgeschichte in Deutschland durch mehrere technikbezogene Einschnitte gekennzeichnet ist. Der konkrete Ablauf beziehungsweise das technische Verfahren der digitalen Fernsehübertragung (2.3), Ausführungen zu den Endgeräten (2.4.) sowie eine Darstellung der neuen und erweiterten Angebotsformen (2.5.) vertiefen den Betrachtungsgegenstand. Übertragungswege (2.6.), deren perspektivische Entwicklung (2.7.) und die Verbreitung digitalen Fernsehens bis Juni 2005 in Deutschland (2.8.) werden zum Abschluss des Kapitels dargestellt.

2.1. Verwendung des Begriffes„digitales Fernsehen“

Bevor die Digitalisierung des Fernsehens stärker in den Blickpunkt rückte, wurde diese veränderte Form der Datenübertragung bereits im Kontext von neuen Computer- oder Telekommunikationssystemen (zum Beispiel Internet) thematisiert. Sie bedeutet eine neue technische Übertragungsart für audiovisuelle Inhalte, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Signale in binären Kombinationen aus Einsen und Nullen übermittelt werden und nicht mehr wie beim analogen Fernsehen als kontinuierlich verlaufende Schwingungen (RUHRMANN/NIELAND 1997, S.59). Durch diese andere Übertragungsform lassen sich Fernsehinhalte besser komprimieren als analoge - bestehende Übertragungskapazitäten können dadurch ökonomischer genutzt werden. Da der Begriff „digitales Fernsehen“ zentraler Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, sollen missverständliche Verwendungen ausgeräumt werden. So weist RIEHM darauf hin, dass im allgemeinen Sprachgebrauch unter dem Begriff Fernsehen nicht zwangsläufig der technische Ablauf der Inhaltsübermittlung verstanden werden muss, sondern er auch als Bezeichnung für ein Fernsehprogramm genutzt werden kann (RIEHM 2001, S.13). Ähnlich mehrdeutig könnte auch der Begriff des „digitalen Fernsehens“ gebraucht werden. Daher wird der Begriff für die vorliegende Arbeit wie folgt definiert:

Digitales Fernsehen im Sinne dieser Arbeit ist die Ausstrahlung von Bild- undToninformationen von Rundfunkveranstaltern zum Empfänger durch digitalisierte undkomprimierte Signale. Mitdigitalem Fernsehennicht gemeint sind Elemente oder dieGesamtheit des digitalen Programmangebots, welches der Nutzer empfangen kann.

Demnach stellt „digitales Fernsehen“ kein neues Medium dar, sondern lediglich eine Form des herkömmlichen Fernsehens, die auf einem neuen Übertragungsverfahren basiert. In der Literatur lassen sich auch Anbieter von Inhalten über das Fernsehen unterscheiden. Zu den aus dem analogen Bereich bekannten Sendern oder Programmanbietern gesellen sich auch Diensteanbieter. Damit sind solche Anbieter gemeint, die zwar kein Fernsehprogramm ausstrahlen, aber irgendwie geartete Zusatzdienste übermitteln. Wird die Gesamtheit von Dienste- und Programmanbietern gemeint, wird von „Inhalteanbietern“ gesprochen.

Es mangelt nicht an Versuchen, das Fernsehen im Hinblick auf seine „Interaktivität“ zu beschreiben. Manche Autoren wie GARLING (1997, S.27 ff) oder RUHRMANN/NIELAND (1997, S. 87 ff) führen hierbei Interaktivitätsskalen auf, entlang derer sie Zusatzdienste des digitalen Fernsehen ordnen. Andere Ansätze betrachten den Aspekt der Personalisierbarkeit genauer (vgl. KIEßLING 2002, S.61). In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Interaktivität“ im Kontext des Fernsehens nach BORNEMANN (2004, S.12) als Möglichkeit größerer Einflussnahme auf das Fernseherlebnis sowie in begrenztem Maße als die Möglichkeit zur Individualisierung verstanden.

2.2. Historische Einordnung des digitalen Fernsehens in die Fernsehentwicklung Deutschlands

Die Digitalisierung der Fernsehsignale ist ein technischer Fortschritt des Fernsehens und reiht sich als solcher in eine Kette technisch bedingter Änderungen dieses Massenmediums, das nach dem Punkt-zu-Mehrpunkt- (point-to-multipoint)-Verfahren funktioniert, also von einem Sender an mehrere Empfänger. Daher beginnt die vorliegende Arbeit auch damit, die Entwicklung des Fernsehens im ehemaligen Deutschland im Hinblick auf ausgewählte, durch technische Innovationen bedingte Einschnitte zu beschreiben. Entwicklungen nach 1945 beziehen sich hierbei auf das ehemalige Westdeutschland.

Der Regelbetrieb für analoges Fernsehen in Deutschland begann am 22. März 1935 (FREYER 2004, S.9). Im Zweiten Weltkrieg wurden die ersten Fernsehsender in Deutschland zerstört Nach 1950 wurde der Betrieb des Fernsehrundfunks wieder aufgenommen. Zwischen 1950 und 1952 lief ein Versuchsprogramm mit dem Titel "Nordwestdeutscher Fernsehdienst" (NWDR). Erst nach 1953 verbreitete sich das Fernsehen auch in Deutschland stärker. Dabei war die Entwicklungsgeschichte des Fernsehens geprägt von einer permanenten Verbesserung der Bild-, Ton- und Empfangsqualität (vgl. FELSENBERG 1998, S.117). Ab dem 1. November 1954 strahlten die zuerst zugelassenen öffentlich-rechtlichen Programmanbieter der ARD und ab dem 1.April 1963 das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) ihre Programme aus. Dies geschah in schwarz-weiß, bis am 25. August 1967 die Ära des Farbfernsehens in Deutschland eingeleitet wurde. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Fernsehen auf Grund der immer weiter verbreiteten Empfangsgeräte zum Massenmedium: Nach PLAKE gab es am 1. November 1954 in Deutschland 61.500 Empfangsgeräte, 10 Jahre später war die 9-Millionen-Grenze erreicht. (vgl. EURICH 1983, S.529, zitiert bei PLAKE 2004, S.19). Ein Empfang von Fernsehprogrammen war durch die flächendeckende Verbreitung der terrestrischen Übertragung via Zimmer- oder Dachantenne immer besser gewährleistet. Ab zirka 1980 gewann daneben das immer weiter ausgebaute und größere Übertragungskapazitäten ermöglichende Breitband-Kabelnetz der Deutschen Bundespost als alternativer Übertragungsweg an Bedeutung. Wegen der technischen Weiterentwicklung dieses Weges und der damit einhergehenden Frequenzfülle traten ab 1984 private Sender - zunächst Radio Television Luxemburg (RTL) und SAT 1, später viele andere wie PRO 7, Kabelkanal, RTL 2 oder VOX - auf den Plan. Damit wurde das so genannte „duale Rundfunksystem“ aus öffentlich-rechtlichen Sendern auf der einen und privaten Sendern auf der anderen Seite geschaffen, das bis heute in Deutschland Bestand hat. Ende der 80er Jahre gewann schließlich der Satellit als dritter wichtiger Übertragungsweg an Bedeutung und ermöglichte durch größere Kapazitäten ein Mehr an Programmen im analogen Bereich.

Parallel zu der Entwicklung der Programme und Kanäle hielt die Digitalisierung bis Ende der 80er Jahre in der Fernsehproduktion Einzug (vgl. KNAUTH 2001, S.122) und beeinflusste die Prozesse des Aufzeichnens und Nachbearbeitens von Sendungsinhalten (Ton, Bild, Grafiken). Seit 1997 und damit drei Jahre nach dem weltweiten Start eines kommerziellen Angebots im amerikanischen Digitalfernsehen strahlten die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter in Deutschland Programmpakete im digitalen Fernsehen aus. Pionier bei der Ausstrahlung ausschließlich digitaler Inhalte in Deutschland war ab dem 28.Juli 1996 mit dem Digital Fernsehen Deutschland 1 (DF1) ein privater Sender, der Bezahlfernsehen anbot. Bereits ab dem 1.April 1996 hatte RTL sein analoges Programm auch digital via Satellit ausgestrahlt. Bis 2005 wurde noch nicht komplett auf digitale Signale umgestellt. Vielmehr befindet sich Deutschland derzeit in einer Phase des Simulcastbetriebs, das heißt der gleichzeitigen Parallel-Ausstrahlung sowohl analoger als auch digitaler Fernsehsignale, die in absehbarer Zeit mit dem Abschalten aller analogen Signale enden soll. Die diesbezüglichen Vorstellungen der Bundesregierung werden im Kapitel 3.2 dieser Arbeit behandelt. Die Substitution geschieht jedoch nach und nach: Ein Ersetzen der bisher analogen Signale „auf einen Schlag“ durch digitale Signale scheint hauptsächlich aus finanziellen Gründen nicht realisierbar.

2.3. Veränderungen im Ausstrahlungsprozess

Beim analogen Sendeverfahren werden die audiovisuellen Fernsehsignale in elektronische Ströme und Spannungen umgewandelt (vgl. BORNEMANN 2004, S. 5). Da die Frequenz des Signals hierbei wichtig ist, werden die Frequenzfelder für die Übertragung in definierte Kanäle aufgeteilt (vgl. FREYER 2004). Jeder Kanal bietet bei der analogen Übertragung nur Platz für ein einziges Programm. Für die verschiedenen Übertragungswege - Kabel, Satellit, Terrestrik -werden teilweise unterschiedliche Frequenzfelder benutzt, wobei der terrestrische Übertragungsweg die geringsten Kapazitäten bietet. Mehr bieten das Kabel und vor allem der Satellit. Es muss erwähnt werden, dass das Kanalraster der analogen Übertragungsweise in der Simulcastphase beibehalten wird, um Störungen zu vermeiden. Das bedeutet, dass in den Kanälen entweder ein analoges oder mehrere digitale Programme enthalten sind. (FREYER, 2004, S.20). Da in der Simulcastphase sowohl die analogen als auch die digitalen Signale noch Platz wegnehmen, können die bestehenden Frequenzen praktisch noch nicht so ökonomisch genutzt werden, wie es nach einem endgültigen Umstieg auf ausschließlich digitale Signale möglich wäre.

Im Grundsatz gibt es einige Änderungen durch die digitale Übertragungsweise. Hier liegen Text-, Bild-, und Tondaten als binäre Signale (Binary Digit, kurz: „Bit“) vor. Bei binären Signalen handelt es sich um so genannte „zweiwertige Signale“ (FREYER 2004, S.10), wohingegen analoge Signale mehr Werte annehmen konnten. Die Änderung in der Beschaffenheit des Signals macht es möglich, dass neben den Fernsehsignalen auch verschiedene Dienste ausgestrahlt werden. KNAUTH brachte das mit folgender Aussage auf den Punkt: „[…] ob ein Bit Teil eines Fernsehbildes, eines Musikstücks, eines Softwareprogramms oder eines Adressverzeichnisses ist, spielt für die Übertragung keine Rolle“ (KNAUTH 2000, S. 126). Auch Hörfunkprogramme oder verschiedene Datendienste können verschickt werden, benötigen allerdings auch eine gewisse Bandbreite. Diese ist hierbei ein Maß für den Aufwand für die Übertragung von Daten.

Die digitalen Daten werden komprimiert und reduziert, damit sie sich finanziell rentabel übertragen lassen. Denn ohne Komprimierung wären die Mengen an Video- und Audiodaten zu groß zur Übertragung. Zum Erreichen dieser Kompression und Reduktion wird das Verfahren der Moving Picture Experts Group (MPEG) - aktuell in der Variante MPEG 2 - eingesetzt. Es handelt sich dabei um ein vom Fraunhofer-Institut entwickeltes Kompressionsverfahren, das zunächst im Bereich Internet Anwendung fand. Für das Fernsehen ermöglicht das Verfahren eine Komprimierung der analogen Signale um das zehnfache - es können dadurch bis zu zehn digitale Programme übertragen werden, wo die Bandbreite bisher nur für ein analoges Programm ausreichte. Die Reduktionsalgorithmen nutzen Schwächen der menschlichen Wahrnehmung respektive der Sinnesorgane aus. Diese Schwächen verhindern, dass veränderte und verringerte - also weniger bandbreitenintensive - Signale von detailreicheren, unkomprimierten Originalsignalen unterschieden werden können. Die Signale werden reduziert.

Der Haupttrick bei der Reduktion liegt dabei darin, dass lediglich diejenigen (Teil-)Inhalte eines Ausgangssignals übertragen werden, die sich verändern. Gleichbleibende Elemente - zum Beispiel der im Gesamtbild unveränderte Hintergrund einer Szene, vor dem eine Aktion stattfindet - werden einmal übertragen und dargestellt und müssen dann nicht mehr ständig gesendet werden, da sie ja bereits „angekommen“ sind. Nur der sich wandelnde Bildanteil, in dem die Akteure handeln, muss übertragen werden. Diese Kompression und Reduktion des Gesamtstroms auf die „wichtigsten“ Daten verbessert die Ton- und Bildqualität für den Betrachter, da störendes Analog-Rauschen - akustisch wie visuell - reduziert wird (CORSA 2004, S.11). Der Grund dafür liegt im so genannten Fehlerschutz des digitalen Fernsehens. Dieser kann variabel gewählt werden. Je höher der Fehlerschutz allerdings ist, desto mehr Bitrate benötigt er, was sich negativ auf die Signalqualität auswirkt (FREYER 2004, S. 17 ff.). Insgesamt schaffen Kompression und Reduktion die Möglichkeit, dass die digitalen Daten zum einen komprimiert und gegebenenfalls verschlüsselt und zum anderen in so genannten Bouquets zusammengefasst werden. Bouquets werden aus mehreren zusammengefassten Programmen oder auch Hörfunkprogrammen und Diensten gebildet. Wie THIERFELDER (1999, S.143) anmerkt, werden für die Bouquetbildung auch die Begriffe Packaging, Bundling bzw. Bukett-Bildung oder Programmbündelung genutzt. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Bouquet“ für die Pakete digitaler Programme verwendet und für den Prozess ihrer Erstellung der Begriff Multiplexing.

Nach dem Multiplexing werden die verschiedene Fernseh- und Hörfunkprogramme sowie Dienste über Datenleitungen versandt und beim Empfänger wieder in ihre ursprüngliche Form zurückkonvertiert beziehungsweise aus dem gemeinsamen Datenstrom herausgefiltert. Das Multiplexing kann durch die Sender direkt oder durch externe Dienstleister erfolgen. Es stellt ein wichtiges technisches Unterscheidungsmerkmal des digitalen zum analogen Fernsehsystem dar. Der Weg, den die Signale vom Sender zum Empfänger nehmen, wird durch neue Zwischenschritte wie Kodieren und Dekodieren der Signale und das Multiplexing verlängert. Das wirkt sich - wie in Unterkapitel 4.3.1. dargestellt - auch auf die Wertschöpfungskette digitaler Fernsehinhalte aus.

Bereits 1993 hatten sich zwölf europäische Länder darauf geeinigt, Standards für die Übertragung digitaler Fernsehsignale zu entwickeln. Daraus erwuchs das Digital Video Broadcast-Project, dem sich neben 15 europäischen Staaten auch Australien, Indien und Neuseeland anschlossen und welches Digital Video Broadcast (DVB)-Standards für die verschiedenen Übertragungswege entwickelte: für Satellit (DVB-S für engl. „Satellite“), Kabel (DVB-C für engl. „Cable“) und Terrestrik (DVB-T für engl. „Terrestrical“). Diese Standards -obwohl alle für digitale Technik entwickelt - unterscheiden sich voneinander, weil die unterschiedlichen Übertragungswege in Punkto ausstrahlbarer Programme sowie bei den spezifischen Störverhältnissen - also der Störanfälligkeit durch Wetter oder ähnlichem - differieren (vgl. FREYER 2004, S. 24). Die verschiedenen Standards werden inzwischen europaweit genutzt, zum ersten Mal am 28. Juli 1996 beim Pay-TV-Sender DF1. Mittlerweile sind diese Standards innerhalb Deutschlands nach dem Fernsehsignalübertragungs-Gesetz (FÜG) gesetzlich vorgeschrieben.Weltweit gibt es auch andere Standards: Japan nutzt einen dem DVB verwandten Standard namens „Integrated Services Digital Broadcasting“ (ISDB), während die USA zumindest für den Antennenempfang den Standard der heimischen Advanced Television Systems Committee (ATSC) befürwortet. Unabhängig vom Standard - in der Folge geht es wegen der Betrachtung Deutschlands wieder um DVB - kommt es bei der digitalen Ausstrahlung im Vergleich zur analogen Übertragung beim Betrachter nicht mehr zu Störungen. „Verschneite“ Bilder wie im analogen Fernsehen gibt es nicht. Allerdings kann diese Eigenschaft der digitalen Übertragung zum Nachteil werden, wenn zu wenige digitale Daten den Transport „überstehen“ und dadurch nur ein unzureichendes Eingangssignal bei der Fehlerkorrektur ankommt. In einem solchen Falle erscheint für den Zuschauer überhaupt kein Bild (vgl. GRÜNWALD 2001, S.12).

Doch die ohnehin bessere Bild- und Tonqualität des digitalen Fernsehens lässt sich weiter steigern, wenn ein bestehendes Angebot in erhöhter Auflösung als so genanntes High Definition Television (HDTV, deutsch: Hochauflösendes Fernsehen) ausgestrahlt wird. Die gesteigerte Auflösung führt zu schärferen und farbintensiveren Bildern, die die beschriebene, beim digitalen Fernsehen ohnehin gegebene Qualitätssteigerung noch übertrifft. LANGENSTEIN (2004, S.520) beschreibt die beiden schon in den USA vorhandenen Standards 720 P und 1080 I. Der Standard 720 P liefert 720 Zeilen mit jeweils 1280 Bildpunkten und verbessert damit die Bildqualität eines herkömmlichen Bildes nach dem in Deutschland angewandten Bildstandards Phase Alternation Line (PAL, deutsch: Phasenwechsel nach jeder Zeile) um das 2,2-fache. PAL liefert 576 Bildzeilen mit jeweils 720 Bildpunkten. Der Standard „1080 I“ liefert 1080 Zeilen mit jeweils 1920 Bildpunkten und erreicht damit eine Auflösung, die fünfmal so hoch ist wie die eines heutigen PAL-Bildes. JÄGER macht die Möglichkeiten von HDTV deutlich: „Diese neue Technologie erlaubt eine stärkere Angleichung des Fernsehens an das Kino aufgrund einer größeren Präzision der Bilder durch eine verbesserte Tiefenschärfe, der Freiheit von Bildflimmern und der Darstellung in einem Breitwandformat“ (JÄGER 2003, S. 26). Ein Produkt der Digitalisierung stellt HDTV allerdings nicht dar. Bereits beim analogen Fernsehen der siebziger Jahre gab es erste entsprechende Entwicklungen in Japan, die allerdings nie zur Massenproduktion kamen (FELSENBERG 1998 S. 101). Die Datenmengen waren für eine analoge Übertragung zu groß. Es standen nicht ausreichend Frequenzen zur Verfügung. Nach

BORNEMANN unterscheidet man außer HDTV weitere drei DVB-Varianten, die in Abhängigkeit vom Qualitätsanspruch des Fernsehveranstalters, vom Bildinhalt und vom jeweils genutzten Übertragungskanal gewählt werden können:

- Enhanced Definition Television entspricht dem heutigen Studiostandard. Die Programme werden in verbesserter Ton- und Bildqualität übertragen.
- Standard Definition Television entspricht dem heutigen PAL-Standard
- Limited Definition Television entspricht dem im Vergleich zu PAL schlechteren Videostandard.

In der angegebenen Reihenfolge nehmen die Bandbreite, die Übertragungsrate und damit auch die Bildqualität ab (BORNEMANN 2004, S.8f).

2.4. Empfangsgeräte für digitale Fernsehsignale

Entscheidend für den Empfang und die Darstellung der digitalen Signale beim Endkunden ist ein entsprechendes Dekodiergerät, das die Funktionen Demultiplexing, Decodierung und Digital-Analogumwandlung übernimmt. Die bisher verbreiteten rein analogen Fernseher können dies technisch nicht leisten. So muss der Empfang der digitalen Signale über andere Geräte erfolgen. Hier lassen sich unterschiedliche Arten von Geräten nennen, die den gleichen grundsätzlichen Aufbau haben: Sie bestehen zumindest aus einem vom Übertragungsweg abhängigen Hochfrequenz-Empfangsteil und einem Rechner für die DVB-Anwendungssoftware. FREYER (2004, S.51) unterscheidet drei Arten von Empfangsgeräten:

- Multimedia Personal Computer: Bei dieser Lösung wird als DVB-Empfangsmodul eine entsprechende Steckkarte für DVB-S, DVB-C oder DVB-T verwendet. Alle rechnerrelevanten Funktionen übernimmt ein Personal Computer (PC). Bei geeigneter technischer Ausstattung kann es sich um einen PC, einen Laptop, einen Personal Digital Assistent (PDA) oder ein vergleichbares Gerät handeln.
- Set-Top-Box (Digital Receiver): Die Set-Top-Box stellt ein vollständiges DVB-
Empfangsgerät dar, bei dem das (analoge) Fernsehgerät nur noch als Monitor gebraucht wird. Die Verbindung zwischen Digital-Receiver und Fernsehgerät erfolgt meist über ein SCART-Kabel. SCART ist hierbei eine Abkürzung für Syndicat des Constructeurs d’Appareils Radio Recepteurs et Televiseurs (deutsch: Vereinigung der französischen Rundfunk- und Fernsehempfänger-Industrie) auf den die Entwicklung des SCART-Steckers zurückgeht. Zurzeit ist mit einer Set-Top-Box immer nur der Empfang über eine Infrastruktur, also Satellit oder Terrestrik oder Kabel möglich.
- Integriertes digitales Fernsehgerät: Bei diesen Fernsehgeräten ist das DVB- Empfangsteil bereits integriert. Dadurch entfällt der zusätzliche Anschluss einer Set- Top-Box. Solche Geräte sollen in Zukunft zum Standard werden.

Zurzeit am häufigsten zur Nutzung des digitalen Fernsehens eingesetzt wird die „Set-Top-Box“ als Ergänzungsgerät. Wie schon BREUNIG (1997, S.17) ausgeführt hat, ähneln sich die meisten Set-Top-Boxen in Punkto Konstruktion recht stark, denn sie müssen systembedingt bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen. Wichtig sind eine Eingangsbuchse für das digitale (Kabel/Satelliten/Antennen)-Signal und eine Hard- bzw. Software, die Speicherplätze für die Programme vorhält und Fehlerkorrektur sowie Analogumwandlung vornimmt. Außerdem sind eine Software von Bedeutung, die eine Bedienoberfläche auf dem Bildschirm generiert, sowie die Signal-Ausgangsschnittstelle für das SCART-Kabel zum Fernseher. Zum bloßen Anschauen von Fernsehen reicht eine solche Basisausstattung, die auch als Free-to-Air-Box bezeichnet wird. Allerdings sind höherwertig ausgerüstete Set-Top-Boxen notwendig, wenn ein Nutzer außer kostenlos empfangbaren Programmen auf Zusatzdienste oder zugriffsbeschränktes Bezahlfernsehen zurückgreifen will. Letztgenanntes kommt einerseits zum Einsatz aus Gründen des Jugendschutzes, der das unbeschränkte Zeigen von speziellen Inhalten (Gewalt, Sexualität) verbietet und ist anderseits aus Anbietersicht sinnvoll als Möglichkeit der Generierung von Einnahmen. Bedeutsam beim Bezahlfernsehen und damit der der Nutzung von Conditional Access (CA, deutsch: „Zugriff unter Bedingungen“)-Angeboten ist ein Lesegerät für eine Chip-Karte, meistens „Smartcard“ genannt, mit der sich der Nutzer dem Gerät gegenüber identifiziert. Mit der Smartcard kann ein Nutzer entgeltpflichtiger Angebote nachweisen, dass er berechtigt ist, einen Dienst zu nutzen beziehungsweise dass er dafür bezahlt hat. Darüber ist eine Individualisierung der Nutzer möglich, ebenso eine eindeutige Adressierbarkeit der Box durch den Sender. Die verschlüsselt angelieferten Signale werden in dem Decoder umgewandelt. In jüngerer Vergangenheit sind allerdings auch Geräte auf dem Markt, bei denen schon die Verschlüsselung speziell vorkonfiguriert ist und mit denen man nur die verschlüsselten Angebote eines einzigen Anbieters empfangen kann. Welche Probleme dies vor allem für die Konstellation Programmanbieter und Kabelnetzbetreiber mit sich bringt, wird in Unterkapitel 4.5.1. beleuchtet.

Ein wichtiges Merkmal des Empfangsgerätes für digitale Fernsehsignale besteht darin, dass am Fernseher ein Empfang und eine Verarbeitung unterschiedlicher Zusatzdienste wie dem Internet möglich sind. Ob es in der Praxis möglich ist, hängt vom jeweils auf dem Empfangsgerät installierten Betriebssystem ab. Geräte ohne eine solche System-Software oder „Middleware“ können Zusatzdienste nicht verarbeiten. ZERVOS (2003, S.57) vergleicht die Middleware der digitalen Empfangsgeräte mit einer PC-Systemsoftware wie „Windows“. Auch im digitalen Fernsehen ist ein Aufzeichnen von Programmen möglich, wie es bei analogen Signalen der Videorekorder ermöglicht. Dieser setzte sich ab Anfang der 80er Jahre in den Haushalten durch (SCHREITMÜLLER 1999, S.149). Allerdings nimmt die Nutzung des Videorekorders tendenziell eher ab, wenngleich heute viele Haushalte im Besitz eines solchen Gerätes sind: GERHARDS/KLINGLER nennen Ergebnisse der Media-Analyse Radio 2004, wonach in Deutschland 64 Prozent aller Haushalte über einen Videorekorder verfügen (GERHARDS/KLINGLER 2004, S. 473). Das Pendant zum Videorekorder ist beim digitalen Fernsehen der Personal Video Recorder (PVR). Diese Geräte - teilweise in Empfangsgeräte integriert - bieten aufgrund einer eingebauten Festplatte die Möglichkeit, digitale Filme aufzuzeichnen. Außerdem ermöglicht ein PVR die Filme zeitversetzt anzuschauen, während noch aufgezeichnet wird. Das wird als Zeitversetztes Fernsehen oder „Timeshifting“ bezeichnet. Ebenfalls ist es möglich, mehrere Filme gleichzeitig aufzuzeichnen (RIEHM 2001, S.191). Mittels technischer Tricks kann bei manchem PVR auch die Aufzeichnung von Werbepausen während eines Mitschnitts automatisch unterdrückt werden, was als Ad-Skipping bezeichnet wird (HAAS 2004, S.528) und bereits 1994 von STIPP als „radikaler Bruch mit der heutigen Art fernzusehen“ bezeichnet wurde (STIPP 1994, S. 392). Auch eine individuelle Programmbibliothek kann direkt in dem Gerät eingerichtet werden, so dass ein schneller Zugriff auf einzelne Inhalte (Spielfilme) per Fernbedienung möglich ist. Der PVR bietet zusammenfassend nach FRANZ die Möglichkeit der zeit- und senderunabhängigen Fernsehnutzung (FRANZ 2003, S. 468).

2.5. Angebotspalette des digitalen Fernsehens

2.5.1. Bezahlfernsehen

Auf die Erweiterung der Fernseh-Angebotspalette durch die Digitalisierung wurde bereits hingewiesen. An dieser Stelle werden zunächst die Formen des Bezahlfernsehens oder Pay-TV besprochen, da diese im digitalen Fernsehen eine besonders wichtige Rolle spielen. Das Besondere dabei ist, dass man - wie der Name schon sagt - für den Konsum seiner Inhalte extra bezahlen muss. Dies darf allerdings nicht mit der öffentlich rechtlichen Rundfunkgebühr oder Kabelbetreiber-Entgelten verwechselt werden. Eine neue Erscheinung speziell des digitalen Fernsehens stellt das Pay-TV nicht dar, denn auch im analogen Fernsehen Deutschlands betrieb der Sender Premiere von 28. Februar 1991 bis 28. Februar 2003 schon ein entsprechendes Angebot. Dabei war das Signal analog codiert, wurde verschlüsselt, und war ausschließlich über einen Analog-Decoder mit der entsprechenden Darstellungssoftware zu nutzen (BREUNIG 1997, S.14). Das ist im Grunde auch beim aktuellen digitalen Angebot von Premiere noch ganz ähnlich, allerdings ermöglicht die Digitalisierung wesentliche Vereinfachungen für die Programmanbieter. Allgemein lässt sich Pay-TV unterteilen in „Pay-Per-Channel“ (deutsch: Zahlen pro Kanal) und „Pay-Per-View“(deutsch: Zahlen für tatsächlich Gesehenes).

Beim Pay-Per-Channel abonniert ein Zuschauer einen oder mehrere Fernsehkanäle und zahlt dafür einen (in der Regel monatlichen) konstanten Abonnementsbeitrag. Während der Frist, die durch das Entgelt abgedeckt ist, hat der Zuschauer die Möglichkeit, die Kanäle oder Programme des Anbieters zu nutzen. Für nicht berechtigte Nutzer bleiben die Programme gesperrt. Ermöglicht wird der Zugang durch das Conditional Access-Prinzip. Pay-Per-Channel-Angebote unterscheiden sich inhaltlich grundsätzlich nicht vom Voll- oder Spartenprogramm-Angebot eines Free-TV-Programmanbieters. Free-TV meint dabei Programme, die gerade anders als Pay-TV ohne Zahlung von Extra-Entgelt empfangbar sind. Ein Spartenprogramm ist dabei "ein Rundfunkprogramm mit im Wesentlichen gleichartigen Inhalten" (vgl. NDR *2005a)4 .Ein Vollprogramm ist rein inhaltlich zu verstehen als „ein Rundfunkprogramm mit vielfältigen Inhalten, in welchem Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung einen wesentlichen Teil des Gesamtprogramms bilden" (NDR *2005b).

Die zweite Untergruppe von Bezahlfernsehen stellt das Pay-Per-View dar. Hierbei erfolgt eine Bezahlung für eine bestimmte punktuelle Nutzung vor oder nachdem die Leistung in Anspruch genommen bzw. das Programm (zum Beispiel Spielfilm, Musikkonzert, Sportübertragung) angeschaut wird. Es ist in der Regel auch möglich, dass ein Kanal für einen gewissen Zeitraum (die Nachtstunden oder insgesamt 24 Stunden) genutzt werden darf. Solche Modelle ermöglichen je nach vertraglicher Ausgestaltung, dass der Nutzungsvorgang ohne Nachteil für den Zuschauer auch unterbrochen wird. Die Rezeption muss allerdings normalerweise in einem bestimmten Zeitrahmen zu Ende gebracht werden (WOLDT 2002b, S. 534).

2.5.2. Bouquets

Für Zuschauer wie Programmanbieter ergibt sich aus der beschriebenen technischen Neuerung der Programmbündelung im digitalen Fernsehen eine ganz wesentliche Änderung: Es ist nicht mehr die Rede von einem einzelnen Programm wie zum Beispiel „Das Erste“ oder dem „Kinderkanal“ im analogen Fernsehen. Die Programmveranstalter sind im digitalen Fernsehen mit so genannten „Bouquets“ vertreten, also Sammlungen von ähnlichen Angeboten unter einer Dachmarke. Das hat zur Folge, dass die Zuschauer einen Selektionsschritt mehr gehen müssen, um ein bestimmtes Einzelprogramm zu finden. Neue Möglichkeiten eröffnet die Bouqetbildung für die Programmanbieter. Diese können ein vielfältiges Angebot unterschiedlicher Einzelkanäle auf einer Plattform präsentieren (BREUNIG 2000, S.389). Je vielfältiger das Angebot an Programmen ist, umso interessanter ist das Bouquet für den Kunden. Die erwähnten Dachmarken sind hierbei strategisch wichtig für die Programmanbieter. Über Cross-Promotion, also der Vernetzung von Werbung über unterschiedliche Medien (zum Beispiel die Verquickung von Fernsehen und Internet) können vor allem private Programmanbieter hier Synergieeffekte nutzen. Die öffentlich-rechtlichen Programmanbieter, denen es weniger auf solche Überlegungen ankommen darf, können mit einem aufeinander abgestimmten Gesamtangebot unterschiedliche Zuschauergruppen besser und gezielter ansprechen (ZERVOS 2003, S.88). BARABASCH sieht die Bouquets allerdings als weniger große Neuerung und beschreibt ihren Unterschied „vom herkömmlichen Rundfunk allein darin, dass das Angebot spartenorientiert oder zielgruppenorientierter und nicht mehr nach einer zeitlichen Abfolge geordnet präsentiert wird“ (BARABASCH 2000, S.90).

2.5.3. Ein- und Mehrkanalprogramme

Nicht nur die Gruppierung von Einzelprogrammen zu senderspezifischen Bouquets ist im digitalen Fernsehen neu, auch neue Programmangebote kommen hinzu. Um diese zu charakterisieren, orientiert sich diese Arbeit an dem Differenzierungsschema von Fernsehinhalten nach BORNEMANN (2004, S.17 f). Dabei unterscheidet BORNEMANN programmbegleitende Dienste und Programme, die wieder in Einkanal- und Mehrkanalprogramme untergliedert sind. Unter Einkanalprogrammen sind die aus dem analogen Fernsehen bekannten Programme zusammengefasst, also bestehende Voll- und Spartenprogramme, die nun digital anstatt analog ausgestrahlt werden und lediglich einen Kanal (z.B. „Das Erste“) belegen. Unter die Kategorie der Einkanalprogramme fallen auch Special-Interest-Angebote oder auf spezielle Zielgruppen zugeschnittene Programme.

Als Mehrkanalprogramme bezeichnet BORNEMANN hingegen diejenigen Programme, bei denen dem Zuschauer „begrenzte Einflussnahmemöglichkeiten bezüglich der Wahl des Zeitpunktes der Rezeption, der Sprache oder der Perspektive gewährt werden“ (BORNEMANN, 2004, S.18). Dazu gehören Multiperspektivangebote, bei denen man die Wahl der Kameraeinstellung beeinflussen kann, da das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven auf parallelen Kanälen ausgestrahlt wird - denkbar bei Fußballspielen oder Autorennen. Bei den Mehrkanal-programmen können Voll- oder Spartenprogramme nicht nur zeitversetzt, sondern auch in veränderter Reihenfolge auf mehreren Kanälen parallel als so genanntes Multiplexprogramm ausgestrahlt werden. Das ermöglicht dem Zuschauer, solche Fernsehbeiträge zu sehen, die er auf Grund seines individuellen Tagesablaufs sonst nicht rezipieren könnte und wird als Near Video On Demand (NVOD) bezeichnet. Dabei wird ein Beitrag zwar nicht auf individuellen Abruf geliefert, dennoch entsteht der Eindruck einer individuell angepassten Flexibilität. Dies wird dadurch erreicht, dass die Sendungen mehrfach parallel mit geringer Zeitversetzung (in der Regel 15 bzw. 30 Minuten) auf verschiedenen Kanälen ausgestrahlt werden. Das suggeriert dem Zuschauer eine „quasi-permanente Aufrufmöglichkeit“ (EBERLE 1994, S. 5). In Wirklichkeit handelt es sich allerdings nur um einen Zugriffsdienst, bei dem die Programmanbieter bestimmte Wiederholungskonzepte zur Anwendung bringen und der Zuschauer lediglich den Starttermin bestimmen kann beziehungsweise theoretisch einen beliebigen Beitrag mehrfach anschauen könnte.

Bei Mehrkanalprogrammen kann ein Programmanbieter sein Fernseh- und Hörfunkangebot oder Teile davon auch in verschiedenen Sprachen beziehungsweise mit mehreren Untertiteln übertragen (BORNEMANN 2004, S. 17 ff). Bei der Ausstrahlung und dem Empfang von ausländischen Angeboten kann die Tonspur gewechselt oder ähnlich wie bei der Digital Versatile Disc (DVD) mit Untertiteln gearbeitet werden. Dadurch kann das Programm für in Deutschland lebende Ausländer bzw. fremdspracheninteressierte Zuschauer optimiert werden (vgl. BORNEMANN 2004, S.18). Neu beim digitalen Fernsehen ist allerdings die mögliche Mehrsprachigkeit aller Angebote, denn auch im analogen Bereich war es je nach Empfangslage bereits möglich, fremdsprachige Angebote zu empfangen, sowohl über Satellit als auch über Kabel und Terrestrik.

2.5.4. Einwegdienste

Neben den neuen und veränderten Programmformen ist beim digitalen Fernsehen auch die Tatsache wesentlich, dass Zusatzdienste übermittelt werden können. BORNEMANN nennt das „programmbegleitende Dienste“. Diese unterteilt er zunächst in „One-Way-Dienste“ oder Einwegdienste, also Angebote, die nach dem klassischen Punkt zu Mehrpunkt-Prinzip in eine Richtung ausgestrahlt werden. Daneben nennt BORNEMANN Abrufdienste, Dialogdienste und interaktive Dienste, bei denen der Nutzer selbst aktiv werden kann beziehungsweise bei denen er selbst vom Anbieter anfordern muss, um eine Reaktion hervorzurufen. Diese werden in Kapitel 2.5.5. detailliert beschrieben.

Bei den Einwegdiensten lassen sich zunächst programmbegleitende Elemente anführen. Damit sind diejenigen Dienste gemeint, bei denen ein Fernsehnutzer Daten zum aktuellen Programm abrufen kann, die ohnehin mit dem Fernsehsignal ausgestrahlt werden, aber normalerweise verborgen bleiben. Dazu zählen Hintergrundinformationen zu Nachrichtensendungen, Programmvorschau-Möglichkeiten, Inhaltsangaben von Filmen oder Schauspielerbesetzungen. Technisch gesehen kommt es bei diesen Diensten in der Set-Top-Box zu einer Zwischenspeicherung von Inhalten, die vom Nutzer mit einiger Freiheit abgerufen werden können (FREYER 2004, S.17). Eine sehr wichtige Anwendung, die in den Bereich der Einwegdienste fällt, ist der Elektronische Programmführer oder Electronic Program Guide (EPG), der zur Orientierung und Navigation innerhalb verschiedener Bouquets dient. Er kann als eine erweiterte Programmzeitschrift fungieren. Der EPG bietet außerdem zusätzliche Daten zum laufenden Programm und liefert die Möglichkeit, Programmhinweise auf ähnliche Sendungen (zum Beispiel Reiseberichte, politische Magazine, Techniksendungen) einzublenden (BECKERT 2001, S.87). Der EPG ist grafisch anspruchsvoller gestaltet als der Videotext, der in gewisser Hinsicht als Vorläufer gesehen werden kann. Immerhin bot auch der Videotext in der Regel bereits Daten zu Sendungen des gerade angewählten Kanals. Der EPG kann seine Software bzw. Updates automatisch aus dem Empfangssignal des Fernsehers selektieren und installieren (KRÜGER 2000, S.44).

2.5.5. Abruf-, Dialog- und interaktive Dienste

Die zweite Kategorie von Zusatzdiensten neben den Einwegdiensten bildet nach BORNEMANN eine Gruppe mit Abruf-, Dialog-, und interaktiven Diensten, bei denen der Fernsehzuschauer einerseits mit dem Anbieter eines Dienstes oder Produktes direkt Kontakt aufnehmen oder andererseits spezielle, nicht im Rahmen des erweiterten Fernsehens ausgestrahlte Angebote abrufen kann. Dies wird durch einen Rückkanal realisiert, über den der Fernsehzuschauer auch selbst Daten an den Sender übermitteln kann. Die Bitrate dieses Rückkanals, der direkt (über Fernsehkabel realisierbar) oder indirekt (Internet oder Mobilfunk, mittels des Universal Mobile Telecommunications System UMTS) sein kann, ist am Kommunikationsbedarf ausgerichtet und wird durch die für den Rückkanal verwendete Technologie begrenzt (FREYER 2004, S.71). Beispiele für Abruf, Dialog- oder interaktive Dienste sind nach FREYER (2004, S.71) Spiele, Wetten, elektronischer Einkauf, elektronische Kontenführung und nutzerspezifische Informationsdienste. Auch das Buchen von Reisen, Ticketbestellungen sowie Lernen via Fernseher werden möglich. Vom Fernsehprogramm unabhängige Inhalte wie Musik (Music On Demand) können über die Fernbedienung bestellt werden, sofern ein Rückkanal besteht. Ein direkter Bezug zum Fernsehprogramm kann, muss aber nicht unbedingt bestehen (BORNEMANN 2004, S.24).

Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle vor allem das „Video On Demand“ (VOD, deutsch: Video auf Abruf), bei dem ein Nutzer Filme anfordern und so Einfluss auf den Zeitpunkt der Rezeption nehmen kann. Der Nutzer ruft also aus einem Programmreservoir einen bestimmten Programmbeitrag zu einer von ihm gewünschten Zeit ab. Es handelt sich also um einen Dienst, den man extra anfordern muss. der Kunde ist mit einem computergesteuerten Abspielzentrum verbunden, welches ein großes Programmangebot ohne Zeitverzögerung zur Wiedergabe bereithält. Ebenfalls lassen sich für den Nutzer Funktionen wie Vor- oder Zurückspulen, Pause etc. realisieren, da er den Anbieter-Server via Fernbedienung praktisch wie einen Videorecorder im eigenen Wohnzimmer bedienen kann (WOLDT 2002b, S. 535). Diese Art der Verbreitung von Fernsehinhalten funktioniert nicht im Punkt-zu-Mehrpunkt-Verfahren sondern im individualisierten Punkt-zu-Punkt-Verfahren, von einem Sender zu einem Empfänger. RIEHM zieht einen Vergleich mit „einer Videothek mit Lieferservice“ (2001, S. 11). VOD ist für den Nutzer allerdings nicht kostenlos: Für jeden angeforderten Programmbeitrag wird eine Gebühr fällig. On-Demand-Angebote sollen in Zukunft über direkte Rückkanäle, vor allem beim Kabel (vgl. Kapitel 2.6.1.) realisiert werden können.

Doch über einen Rückkanal Einfluss auf das Fernsehprogramm zu nehmen, ist keine gänzlich neue Eigenschaft des digitalen Fernsehens, auch wenn es einen solchen Einfluss erleichtern kann. Bereits im analogen Fernsehen gab es Angebote, die eine Rückmeldung über einen Rückkanal - meistens das Telefon - ermöglichten. Ein Beispiel dafür war die Sendung „Der goldene Schuss“ in den 1960er Jahren. Hier konnte ein Zuschauer anrufen und dann via Telefon die Ausrichtung einer Armbrust lenken. Shows wie diese, bei der ein direktes Feedback des Zuschauers möglich war, das einen direkten Eingriff in den Ablauf einer Sendung darstellte, wurden als Call-In bezeichnet. DÖBLER und STARK führen als Beispiele für solche Call-In-Shows an: ZDF-Drehscheibe Deutschland, ARD Buffet, Stern TV, Lämmle live. Bei den genannten Formaten ist der Grad der Zuschauerbeteiligung jeweils unterschiedlich hoch (DÖBLER/STARK 2001, S. 1). Bei diesen Shows bestand allerdings kein direkter Rückkanal. Es war ein Medienbruch notwendig, um mit dem Fernsehveranstalter in Kontakt zu treten. In den siebziger Jahren wurde bei der Sendung „Wünsch dir was“ der Stromverbrauch dazu genutzt, um Abstimmungsergebnisse zu ermitteln (SCHREITMÜLLER 1999, S.149). Dabei riefen die Moderatoren die Zuschauer einer bestimmten Region dazu auf, ihre Auswahl mittels erhöhtem Wasser- oder Stromverbrauch bekannt zu geben. In dem betroffenen Gebiet wurde gemessen, für welchen zur Abstimmung stehenden Kandidaten in der Stadt die meisten Lichter eingeschaltet wurden bzw. die Toilettenspülung am häufigsten betätigt wurden. (vgl. WURM *2005, S.22). Auch das 1979 in Deutschland eingeführte Teledialogsystem (TED) (vgl. ZDF *2004) zur Meinungsabgabe von Zuschauern kann als Möglichkeit der Rückmeldung bzw. der Beteiligung am Programm angesehen werden. Es handelt sich dabei um ein System der Telekom (damals Post), das dazu eingesetzt wurde, (nicht repräsentative) Umfragen in einer Sendung zu starten und deren Ergebnisse noch während derselben Sendung präsentieren zu können. Bei der ursprünglichen Form des TED erhielten die Zuschauer eine Telefonnummer mit mehreren Endziffern. Durch Wahl der Nummer und einer Endziffer konnte der Zuschauer für eine von mehren Möglichkeiten votieren (ZIMMERMANN 1995, S.2). Es wurden dabei ungefähr die 1000 ersten Anrufe entgegengenommen. Ein Computer zählte bei Shows wie „Wetten dass…“ die Anrufe unter der entsprechenden Endziffer zusammen. Das TED-System wurde inzwischen durch ein moderneres mit dem Namen T-Vote-Call abgelöst (vgl. ARD *2005b). Hierbei kann jeder Abstimmungsteilnehmer innerhalb einer gewissen Zeitspanne via Telefon oder über Short Message Service (SMS, deutsch: Dienst für Kurznachrichten) seine Stimme abgeben. Die Anrufe werden erfasst und automatisch ausgewertet. ARD und ZDF versuchten 1991 den Zuschauer auch in begrenztem Maße darüber entscheiden zu lassen, aus welcher Perspektive er die Handlung eines narrativen Angebots anschauen wollte: Der Spielfilm „Mörderische Entscheidung - Umschalten erwünscht“ wurde zeitgleich auf beiden (analogen) Sendern ausgestrahlt. Dabei wurden in den ersten zehn Minuten bei beiden Programmanbietern die gleichen Bilder einer Mordgeschichte präsentiert. Nach einigen Minuten aber strahlten ARD und ZDF jeweils aus unterschiedliche Perspektiven aus (vgl. SOUKUP 1998, S.5 und BECKERT 2001, S.49ff): das Erste blieb bei der Figur der Frau, das ZDF zeigte die Handlungen der männlichen Hauptfigur. Dieser Versuch, den Zuschauern nicht ein lineares Programm vorzugeben, sondern ihnen eine eigene Einflussnahme zur Rezeption der Story zu ermöglichen, blieb einzigartig und in den Augen von SCHREITMÜLLER „ein Kuriosum der Fernsehgeschichte“ (SCHREITMÜLLER 1999, S. 144). Nach BECKERT (2001, S. 50) erwuchs in Folge von Fernsehexperimenten wie „Mörderische Entscheidung“ die Erwartung, dass sich die Fernsehnutzung in Zukunft wesentlich verändern wird, sobald interaktive Rezeptionsmöglichkeiten auf der Basis des digitalen Fernsehens realisiert wären. So solle der Zuschauer irgendwann per Rückkanal nicht nur Einfluss darauf haben, wen er zu beobachten gedenkt, sondern sogar die Handlung mitbestimmen können. Allerdings scheiterte die tatsächliche Umsetzung solcher Angebote bisher vor allem an dem hohen Aufwand für Drehbuchschreiber und Produktion: Es müsste zum Beispiel mehrere alternative Handlungsausgänge geben. Um derartige „multi-lineare“ (BECKERT 2001, S.51) Filmangebote zu erstellen, bedürfte es eines großen finanziellen und kreativen Aufwandes. BECKERT unterstrich dies mit Zahlen: „Für einen zweistündigen Spielfilm, in dem die Zuschauer nur alle 30 Minuten die Wahl zwischen zwei Handlungsoptionen haben, müssten alleine 7,5 statt 2 Stunden Film produziert werden.“ (BECKERT 2001, S. 51). Weiterhin ermöglichte bereits das analoge Fernsehen dem Zuschauer - ab 1980 einem breiteren Publikum, ab 1990 im Regelbetrieb - durch den Video- oder Teletext mehr als nur das Rezipieren von Filmen. Ab 1980 wurde Videotext unter dem Namen Teletext im Versuchsstatus angeboten. Ab 1990 erfolgte die Ausstrahlung im Regelbetrieb (ARD-PROJEKTGRUPPE TELETEXT 2001, S.54). Beim Teletext konnte der Zuschauer in begrenztem Umfang über die Fernbedienung nach Daten suchen und auch erste, aus heutiger Sicht technisch recht primitive Spiele spielen. Dabei wurden Daten über die Austastlücke des Fernsehers verschickt. Austastlücke meint den Zeitraum, in welchem die Bildübermittelung im analogen Sendeverfahren kurz unterbrochen wird. Jeder Nutzer konnte und kann individuell auf die Daten zugreifen (FREYER 2004, S. 22). Ebenso ermöglichte die einfache Technik auch die Untertitelung von Sendungen (ARD *2005c). Grafisch ist der Videotext noch immer relativ bescheiden. RIEHM verglich ihn mit dem „Niveau von PCs der frühen 1980er Jahre“ (2001, S.24).

2.5.6. Internet auf dem Fernsehschirm

Durch die Digitalisierung können auch Angebote, die vorher nur auf dem Computer nutzbar waren wie das Internet auch auf dem Fernsehschirm angezeigt werden. Die Set-Top-Box kann einen Internet-Zugang bieten und auf dem (analogen) Fernsehmonitor darstellbar machen. Surfen im Internet oder Online-Shopping werden somit über den Fernsehschirm möglich. Allerdings sind die ursprünglichen Internet-Angebote bzw. ihre optische Auflösung nicht für die Darstellung auf einem Fernsehbildschirm ausgelegt; der Nutzer kann die Inhalte nur in größerem Abstand vom Gerät lesen. Inhalte mit entsprechender Auflösung, die für die Nutzung am Fernseher produziert geeignet sind, wären notwendig, um diesen Makel auszugleichen (JÄGER 2003, S. 32). Ferner ist anzumerken, dass bei einem Zugang über Modem oder Integrated Services Digital Network (ISDN) - also die Technologie zur Nutzung des Telefonnetzes nicht nur für Gespräche sondern auch den Video- und Datendienste - bei dem diesbezüglichen Einsatz des Fernsehgerätes die Telefonleitung blockiert wäre. Bei beiden ist die Übertragungskapazität für Fernsehinhalte noch nicht groß genug. Dieses Problem dürfte sich allerdings mit zunehmendem Fortschritt und Verbreitung der Breitbandtechnologie lösen.

2.6.Übertragungswege

Die digitalen Datenströme können auf verschiedene Arten zum Empfänger gelangen. Am bedeutsamsten sind die gleichen Übertragungswege wie beim analogen Fernsehen: Die Satellitenübertragung, das Fernsehkabelnetz und die Terrestrik. Die Signalarten der Übertragungswege sind dabei miteinander kompatibel und können in die Standards der jeweils anderen DVB-Arten umgewandelt werden, was als Transmodulation bezeichnet wird. Dies ermöglicht, dass ein Datenstrom von einem terrestrischen Sender ausgestrahlt, einem Satelliten zugespielt und dann in ein Kabelnetz eingespeist wird (KNAUTH 2000, S. 125). Umstellungen und Änderungen, die bei den drei Wegen durch den Umstieg notwendig werden, sowie die grundsätzlichen Potenziale und Schwächen von Satellit, Terrestrik und Kabel werden im Folgenden dargestellt. Durch die Digitalisierung eröffnen sich ferner neue Wege zur Übertragung, vor allem über das breitbandige Telekommunikationskabel oder das Stromnetz. Auch diese werden besprochen.

2.6.1. Fernsehkabel

Der Bau der Kabel-Infrastruktur in Deutschland wurde Ende der siebziger Jahre begonnen (vgl. ZIEMER 2003, S. 109). Kabelnetze wurden von der Deutschen Bundespost dort verlegt, wo eine Übertragung via Terrestrik nicht möglich oder schwierig war, also beispielsweise bei Gebäuden, die im Schatten von Hochhäusern lagen. Da in erster Linie dort Kabel verlegt wurde, wo terrestrische Signale nicht empfangbar waren, entstand eine Großzahl von Kabelinseln, die alle mit einer Kopfstation, also einer Einheit zum Abgreifen und Umsetzen von Fernsehsignalen versehen wurden und nicht untereinander verbunden waren (vgl. ZIMMERMANN 1984, S. 8). Dies daher, weil die Signale im Fernsehkabel in der Regel einer Zulieferung durch Satellit oder terrestrischer Sender bedürfen, da sie nicht direkt vom Programmanbieter übernommen werden. Die Signale werden an Kopfstationen durch starke Antennen abgegriffen und dann an zentralen Einspeisepunkten ins Kabel übertragen (FREYER 2004, S. 106). Davor werden die für Satellit (DVB-S) oder terrestrisch (DVB-T) kodierten Signale moduliert, so dass sie mit DVB-C kompatibel sind. Das heute in Deutschland vorliegende Fernsehkabelnetz ist in vier Fernsehkabel-Netzebenen (NE) untergliedert, wie sie in Abbildung 1 dargestellt sind. Weltweit ist diese Trennung in NE einzigartig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Struktur des deutschen Kabelnetzes, Quelle: WICHERT-NICK (2003), S. 3

Die NE 1 ist der Programmproduktion zugeordnet, also den Fernseh- und Hörfunkstudios. Die NE 2 umfasst die Verteilwege der Rundfunkanstalten über terrestrische Sender, Satelliten oder Richtfunkstrecken unter Verantwortung der Programmanbieter sowie die Rundfunkempfangsstellen, Kabelkopfstationen unter Verantwortung der Kabelnetzbetreiber. Diese beiden NE spielen aktuell allerdings im Kontext des digitalen Fernsehens eine untergeordnete Rolle. Wichtiger hingegen sind die NE 3 und NE 4. Die NE 3 umfasst die Breitbandverstärkerstellen und Breitbandverteilnetze mit Übergabepunkten zu den privaten Haushalten bis zur Grundstücksgrenze. Auf der NE 4 kam es bis heute zu einer sehr starken Zersplitterung. Nicht der Markt prägte die Kabelinfrastruktur, sondern der politische Wille (PAUKENS/SCHÜMCHEN 2000, S.34). Beim Aufbau der aktuellen Fernsehkabelnetze wurde eine bewusste Entscheidung gegen das leistungsfähigere Glasfaserkabel zu Gunsten des Kupferkoaxialkabels getroffen. Dies besonders unter dem Aspekt, dass mit dem Kupferkabel eine große Reichweite mit Fernsehsignalen erreicht werden kann (ZERVOS 2003, S.40) und gleichzeitig die Kosten niedriger ausfallen als bei der Investition in Glasfaserkabelnetze. Mit dem flächendeckenden Ausbau des Kabelnetzes wollte die Koalition aus CDU/CSU und FDP ab 1982 ein wachsendes Programmangebot erschließen und damit den Weg für den privaten Rundfunk bzw. letztlich das duale Rundfunksystem ebnen (HAHNE 2003, S. 10).

LAUFF erkennt in der gewählten Verkabelungsstrategie mit der Trennung in NE das Ziel, zu verhindern, dass die staatliche Deutsche Bundespost den Zugriff auf jeden einzelnen Privathaushalt, also die NE 4 erhielt (LAUFF 2002, S.141). Außerdem konnte auf diese Weise die deutsche Wirtschaft am Kabelmarkt beteiligt werden (ZERVOS 2003, S. 40), denn der Ausbau der NE 4 wurde weitgehend in die Hände kleiner mittelständischer Betriebe gelegt. Der Ausbaugrad der Kabelnetze ist unterschiedlich. In der Regel werden Übertragungs-kapazitäten bis zu 450 MHz erreicht. Das bedeutet, die Netze umfassen neben den Normal- und den Sonderkanalbereichen auch das so genannte Hyperband, das den Frequenzbereich von 300 bis 450 MHz umfasst (ZIEMER 2003, S.110). Dergestalt ausgebaute Netze bieten Kapazität für zirka 500 digitale Kanäle, sobald die analoge Ausstrahlung eingestellt ist (WOLDT, 2004a, S. 266). Die Netze in den neuen Bundesländern sind überwiegend leistungsfähiger. Nach LIEBENBERGER (2003b, S. 13) wurde in der Deutschen Demokratischen Republik zwar keine flächendeckende Verkabelung angestrebt, dennoch waren 1985 über zwei Millionen Haushalte an eine Gemeinschaftsanlage angeschlossen. Nach der Wende erwarben einige private Betreiber diese Anlagen und betrieben sie - teilweise in Kooperation mit westlichen Unternehmen -weiter. In diesem Zusammenhang erfolgte auch ein Ausbau der ursprünglich auf 230 MHz ausgelegten Netze - nun bis auf 606 oder sogar 862 MHz. Es gab damit im Osten große Kabelsysteme, die in den Händen privater NE 3-Betreiber waren, keiner Zulieferung durch die NE 3 der Telekom bedurften und ihre Signale über Satelliten erhielten (PAUKENS/SCHÜMCHEN 2000, S. 34 f). Insgesamt stellt das Kabel von den drei bedeutsamsten Übertragungsarten diejenige dar, das am ehesten über den Status einer Verteilübertragung hinauswachsen kann. BREUNIG (1997, S.44) merkt dazu an, dass Verteilnetze bzw. Verteilsysteme nur in eine Richtung funktionieren (Einwegverteilung). Sie haben keinen direkten Rückkanal. Ein Gegenbeispiel dazu ist das Telefonnetz, das symmetrisch in beide Richtung Daten übertragen kann. Das Fernsehkabel bietet hier auch gute Voraussetzungen und galt bisher gemeinhin als der einzige der drei Fernsehübertragungswege, der überhaupt einen direkten Rückkanal möglich machen kann. Davon abgesehen liegen die technischen Vorteile der Übertragung mittels Kabel vor allem in seiner Unempfindlichkeit gegenüber Störeinflüssen (FREYER 2004, S. 57).

2.6.2. Satellit

Satellitenübertragung findet über eine einseitige (gerichtete) Funkverbindung von einem in der Erdatmosphäre befindlichen Satelliten zur Erdoberfläche statt. Für Satelliten ist es charakteristisch, dass sie einen spezifischen geographischen Bereich mit Signalen versorgen -nämlich den Bereich, der in ihren spezifischen Ausleuchtzonen liegt. Störungen können im unteren Bereich der Atmosphäre durch Gewitter, Regenfronten, Hagel, Schnee oder ähnliches ausgelöst werden. Diese verschlechtern den Empfang wegen des Ausstrahlungswinkels allerdings nur in einem beschränkten Sendegebiet. Satelliten werden vorteilhafterweise über solchen Gebieten eingesetzt, in denen geeignete Übertragungskabel noch nicht verlegt und Sendestationen für terrestrische Übertragung noch nicht errichtet wurden bzw. über zu geringe Übertragungskapazität verfügen (BREUNIG 1997, S.32).

Beim Umstieg der Sendeabwicklung von analog auf digital sind bei den Satelliten auf technischer Seite keine größeren Umstellungen notwendig. Es werden weiterhin die Transponder der Satelliten benutzt, die auch vor der Digitalisierung zum Einsatz kamen (FREYER 2004 S.54). Transponder sind dabei technische Einheiten in einem Satelliten, die ein von der Bodenstation ausgestrahltes Programm aufnehmen, es verstärken und auf einer anderen Frequenz zur Erde zurücksenden. Während aber im analogen Betrieb die Kapazität des Transponders nur für ein analoges Fernsehprogramm ausreichte, werden nun im gleichen Frequenzbereich bis zu zehn digitale Fernsehprogramme ausgestrahlt. Am anderen Ende der Signalversandkette braucht der Nutzer für den Empfang von digitalem Fernsehen über Satellit eine digital-geeignete Satellitenantenne und eine entsprechende Receiveranlage für jeden einzelnen Fernsehanschluss, Videorekorder etc. im Haus. Dies gilt im Prinzip auch für die anderen Verteilwege. Ein Programm anzuschauen und ein anderes gleichzeitig aufzunehmen wird nur bei Geräten ermöglicht, die über mehrere so genannte „Tuner“ verfügen. Beim Satellitenempfang muss ferner eine freie Sicht auf den bzw. die zu empfangenden Satelliten bestehen, was auch dafür sorgt, dass bei DVB S-Signalen nur stationärer, nicht aber mobiler Empfang möglich ist (FREYER 2004, S. 67). Allerdings ist es auch nicht an jedem stationären Ort möglich, die Satellitenempfangsschüssel anzubringen. Vor allem bei Mietwohnungen kann dies durch den Immobilienbesitzer verboten sein, zumeist dann, wenn bereits fassadenfreundliches Kabelfernsehen vorhanden ist. Auch kommunale Außenantennenverbote können bestehen (LAUFF 2002, S.145). Auf der anderen Seite ist der Satellitenempfang für den Kunden insofern kostenlos, dass nach der einmaligen Geräteinstallation keine regelmäßigen Nutzungsentgelte (wie beim Kabelfernsehen) anfallen. Im Rahmen der Simulcastausstrahlung ergeben sich beim Satelliten wegen seiner großen Kapazität die geringsten Probleme. Auch Bemühungen der Satellitenbetreiber, wie beim Kabel einen direkten Rückkanal zu etablieren, gibt es schon seit einigen Jahren (vgl. BREUNIG 1997, S.34, Fußzeile 111.) Zuletzt hat SES ASTRA an der Einführung eines Satellitenrückkanals über das so genannte „Ka-Band“ gearbeitet, einen speziellen Satellitenfrequenzbereich. Um hierüber abgestrahlte Angebote zu nutzen, ist eine - im Vergleich zu anderen - recht kleine Empfangsanlage notwendig. Dennoch müssten die Satellitenempfangsschüsseln beim Nutzer zu Sendeanlagen umgebaut und auch die Satelliten umgerüstet werden. Mit einer breiten Markteinführung des Produktes ist frühestens im Laufe des Jahres 2005 zu rechnen (LENHARD 2003, S. 12).

2.6.3. Terrestrik

Bei der terrestrischen Ausstrahlung leiten erhöht platzierte Sendemasten die Signale zum Empfangsteil - in der Regel zur Hausantenne. Die Sender stehen dabei auf Bergen oder Funktürmen. Sie dürfen nur eine bestimmte Abstrahlleistung besitzen, da es sonst zu Interferenzen mit andernorts abgestrahlten Sendesignalen kommen kann (KNAUTH 2000, S.128). Technisch gesehen ändert sich am Aussendungsprozess der Fernsehsignale in Folge der Digitalisierung folgendes: Die bestehenden Sendemasten müssen eine neue, digital-geeignete Antenne erhalten und auf Nutzerseite ist die Anschaffung von terrestrischen Receivern sowie das Vorhandensein von Dach- oder Zimmerantennen notwendig. Es ist nicht mehr wie beim analogen Fernsehen zwingend erforderlich, dass die Antenne auf den zu empfangenden Sender ausgerichtet sein muss. Auch beim digitalen terrestrischen Fernsehen ist ein so genannter Mehrwegempfang ungestört möglich. Das heißt, dass Signalabweichungen bei der Übertragung, die durch längere Laufzeiten der Signalwellen beim Auftreffen auf Hindernissen (Bauwerken, Tunnels, Geländeerhebungen) entstehen, kompensiert werden (vgl. FREYER, 2004, S. 61).

[...]


1 SES Astra mit Sitz in Luxemburg ist Marktführer in Sachen deutschlandweiter Satellitenausstrahlung (vgl. SES ASTRA *2004).

2 Die Zahlen von HAAS und SES ASTRA sind hierbei nicht direkt miteinander vergleichbar, da unterschiedliche Ausgangswerte zugrunde liegen. So ging HAAS (2004, S.524) bei ihrem europaweiten Vergleich Ende 2004 von einem Digitalisierungsgrad in Deutschland von 14 Prozent aus, nicht wie SES Astra von 19,62 Prozent.

3 Das Zitat wurde gebraucht von Rainer CONRAD (2004, S.512) anlässlich der Eröffnungsrede des 5. Symposions der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten: "Digitalisierung der Übertragungswege im Rundfunk - Auswirkungen auf Programm und Kosten".

4 (*) kennzeichnet im Folgenden Literatur aus dem Internet. Die exakte URL ist dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

Ende der Leseprobe aus 126 Seiten

Details

Titel
Digitales Fernsehen in Deutschland
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,6
Autor
Jahr
2005
Seiten
126
Katalognummer
V48285
ISBN (eBook)
9783638450379
ISBN (Buch)
9783656072744
Dateigröße
1228 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Digitales, Fernsehen, Deutschland
Arbeit zitieren
Eric Kolling (Autor), 2005, Digitales Fernsehen in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48285

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