Kindheit und Jugend auf Samoa - M. Mead und ihre Forschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
28 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kurzer Überblick über die von Mead erforschte Region

3. Alltag und Erziehung in Samoa nach M.Mead
3.1 Geburt und Erziehung

4. Meads Fragestellung, Voraussetzungen und Ergebnisse

5. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt in und Kritik an Meads Ergebnissen unter besonderer Berücksichtigung D.Freemans
5.1 Meads Forschung
5.2 Vorlauf, Vorbereitung und Vorgehensweise der Forschung
5.3 Mead auf Samoa: Forschung und Thesen
5.4 Meads Reaktionen auf Kritik

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erziehung – ein vieldiskutiertes Thema in der heutigen Zeit. Wie entwickelt sich der Mensch, was kann Erziehung dabei bewirken und was steht schon unabänderlich fest? Diese und andere Fragen beschäftigen die Wissenschaft seit langem.

Auch Margaret Mead hat sich hierfür interessiert und zu diesem Zeck eine von der amerikanischen Gesellschaft vollkommen verschiedene Kultur, nämlich die der Samoaner, untersucht.

Ihr Anliegen war vor allem herauszufinden, ob die in Amerika für junge Menschen so problematische Phase der Adoleszenz notgedrungen eine so schwere Zeit sein muss. Die Ergebnisse dieser Forschung veröffentlichte Mead 1928 in ihrem Buch „Coming of Age in Samoa“, dass ein Bestseller wurde und „Meads Weltruf als Anthropologin einleitete“[1]. Allerdings gab es auch immer wieder kritische Stimmen, vor allem ab 1983, als die so genannte „Samoa-Kontroverse“, die sich „mittlerweile zu einem Dauerstreit in der Ethnologie entwickelt hat“[2], ihren Anfang nahm. Ausgelöst wurde sie durch den neuseeländischen Ethnologen Derek Freeman, der vor allem Meads grundlegende Annahme, der Mensch sei bei seiner Geburt ein unbeschriebenes Blatt und somit ließe sich durch kulturelle Einflüsse und Erziehung eine bessere Gesellschaft konstruieren, attackiert, jedoch auch ihre gesamte Samoa-Darstellung kritisch hinterfragt.

Das gewählte Thema ist äußerst komplex, besonders wenn man die Samoa-Kontroverse näher betrachtet. Insofern werden in der vorliegenden Arbeit einige Aspekte ausgewählt und näher betrachtet, da eine vollständige Untersuchung den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde.

Hier soll es um die Frage gehen, wie das Ergebnis von Meads Forschung in Bezug auf Kindheit und Jugend in Samoa sowie ihre Hauptthesen aussehen und inwieweit dieses Ergebnis der Wahrheit über die tatsächliche Lebensweise junger Samoanerinnen entspricht.

Zu diesem Zweck wird zunächst ein Eindruck von dem Alltag und der Erziehung in Samoa, ausgehend von Meads Schilderungen, gegeben. Im Anschluss daran werden die Voraussetzungen und Ausgangsthesen Meads, mit denen sie ihre Forschungsreise antrat, sowie ihre aus der Forschung resultierenden Endthesen genauer betrachtet. Dann wird ihr gesamtes Forschungsprojekt mitsamt seinen Ergebnissen unter Einbeziehung Derek Freemans kritisch betrachtet (ohne jedoch näher auf die Kontroverse einzugehen) und auf seinen Wahrheitsgehalt hin geprüft, bevor abschliessend die wichtigsten Punkte dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst werden.

2. Kurzer Überblick über die von Mead erforschte Region

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus: Freeman 1983, S.136

Mead forschte im Jahr 1925 neun Monate lang in der Südsee im Osten Samoas. Drei Monate verbrachte sie auf Tutuila und die restliche Zeit in drei Dörfern an der Küste der kleinen Insel Tau im Manu’a–Archipel, die „von einer braunen polynesischen Bevölkerung“[3] bewohnt wird. Ihr besonderes Interesse galt der weiblichen Jugend, da sie als Frau mehr Vertrauen bei Mädchen zu finden glaubte und außerdem der Situation nur weniger Informationen über „primitive Mädchen“ durch überwiegend männliche Feldforscher Abhilfe schaffen wollte. Zunächst erforschte sie laut eigener Aussage alle Lebensgewohnheiten dieser Mädchen mit dem Ziel, sie kennen und verstehen zu lernen um dann auf den Kern ihres Problems, die Frage nach dem Verlauf der Adoleszenz, zu kommen. Um letzteres tun zu können, war es nach ihrer Aussage nötig, erst die Zeit vor der Adoleszenz, also die Kindheit, genauer anzuschauen.[4]

3. Alltag und Erziehung auf Samoa nach Margaret Mead

Die folgende Darstellung beruht auf Margaret Meads „Kindheit und Jugend in Samoa“.

Die Schilderung Meads über einen „Tag in Samoa“ liest sich mehr wie ein Roman als eine wissenschaftliche Arbeit.[5] Nach einer unbehaglichen, „von Geistern bevölkerten“[6] Nacht beginnt mit dem Morgengrauen der Tag in Samoa und jeder beginnt mit seiner Tagesbeschäftigung, begleitet von „fröhlichen Zurufen“[7].

Mittags kehrt Ruhe ein in dem kleinen Dorf, da die Hitze das Arbeiten zu beschwerlich machen würde. Erst bei Sonnenuntergang wird es wieder lebendig. Die Fischer kehren heim, „Kinder, vom Nachmittagsschlaf erfrischt und ohne besondere Pflichten spielen im Kreis unter dem Halbschatten des Spätnachmittags“[8].

Nachdem die „Sonne wie eine große Flamme“ untergegangen ist versammeln sich die Menschen in ihren Häusern zum Abendbrot. „Zuerst verzehrt das Familienoberhaupt seine Abendmahlzeit, dann folgen die Frauen und Kinder und zuallerletzt die geduldigen Knaben.“[9]

Während tagsüber gearbeitet wird und die Alten ihre Ratsversammlungen abhalten, bringt die Nacht laut Mead „Zeit für sorglosere Dinge“[10], man plaudert, tanzt oder geht spazieren[11]. „Manchmal senkt sich der Schlaf erst lang nach Mitternacht auf das Dorf herab; dann endlich hört man nur noch das sanfte Rollen der Riffsee und das Flüstern der Liebespaare.“[12]

3.1 Geburt und Erziehung

Steht eine Geburt an, gelten auf der von Mead untersuchten Insel Tau einige Regeln. Das erste Kind einer Familie muss immer im Dorf der Mutter geboren werden. Falls die Frau bei der Hochzeit zu ihrem Gatten gezogen ist, muss sie also für die Geburt in ihr Heimatdorf zurückkehren. Bereits mehrere Monate vor der Geburt bringen die Verwandten des zukünftigen Vaters Geschenke in Form von Lebensmitteln, die die baldige Mutter zu ihren Verwandten mitnimmt. Die weiblichen Mitglieder ihrer Familie stellen dann im selben Wert „eifrig reines weißes Rindentuch für die Babykleidung“[13] her und flechten Matten, die als Windeln dienen. Diese bringt die Mutter bei ihrer Rückkehr zu ihrem Mann mit, es findet also ein Tausch statt.

Eine Geburt scheint keine private Angelegenheit zu sein. „Die Konvention schreibt zum Beispiel vor, daß die Mutter sich weder krümmen noch schreien darf und daß sie nichts gegen die Anwesenheit von zwanzig oder dreißig Personen im Hause einwendet, die notfalls die ganze Nacht lachend und scherzend herumsitzen und sich mit Spielen unterhalten.“[14] Auf jeden Fall sollten bei der Geburt Mutter oder Schwester des Vaters anwesend sein, um sich um das Neugeborene zu kümmern, während die Mutter von ihren Verwandten und einer Hebamme versorgt wird.

Das Abfallen der Nabelschnur des Neugeborenen gilt als Startpunkt für ein großes Fest, dass bei Geburten von Kindern aus hohem Stand gefeiert wird.

Handelt es sich bei dem Säugling um ein Mädchen, wird die Nabelschnur unter einem Maulbeerbaum begraben in dem Glauben, dass Kind werde dadurch „häuslich und fleißig“[15]. Bei einem Jungen wirft man die Schnur ins Meer, damit aus ihm ein guter Fischer werde, oder begräbt sie unter einer Taropflanze, auf dass er Fleiß bei der Landwirtschaft entwickele.[16]

Nach diesen Ritualen ist das Fest vorbei und der Alltag geht weiter. „Die Mutter steht wieder auf und verrichtet ihre täglichen Arbeiten, das Kind und seine weitere Entwicklung sind nun nicht mehr interessant. […] Seine ersten Schritte oder Worte werden ohne überschwengliche Freude, ohne Zeremoniell zur Kenntnis genommen.“[17] Auch der Geburtstag spielt keine Rolle mehr, er wird vergessen und somit auch nicht gefeiert. Lediglich bewusst ist bei Geschwistern, welches Kind älter und welches jünger ist, da ältere Kinder gegenüber jüngeren Vorrechte haben und diese ihnen gehorchen müssen, bis „die Stellung im Leben der Erwachsenen diese Regel umstößt“[18].

Säuglinge werden bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr gestillt, es sei denn, dass die Mutter schon vorher wieder ein Baby zu versorgen hat. Neben der Muttermilch wird das Kind von Anfang an zugefüttert mit Papaya, Kokosnussmilch oder Zuckerrohrsaft. Um die Nahrung säuglingsgerecht zu machen wird sie von der Mutter vorgekaut. Die Flüssigkeit wird dem Kind mit Hilfe eines Tuchzipfels zum Saugen gegeben, laut Mead in der gleichen Weise, wie auch mutterlose Lämmer gefüttert werden[19]. Ein Kind bekommt Nahrung sobald es schreit, regelmäßige Zeiten dafür gibt es nicht.

Während der Stillzeit schlafen die Kinder bei der Mutter, danach werden sie meistens in die Obhut eines jungen Mädchens im Haushalt gegeben. Diese kleinen Kindermädchen sind gewöhnlich sechs oder sieben Jahre alt, nach westlichem Verständnis also selbst noch relativ kleine Kinder. Auf Samoa, so Mead, weiß ein kleines Mädchen in diesem Alter „alle Dinge, die vermieden werden müssen, auswendig und kann mit der Sorge für ein kleineres Kind betraut werden“[20]. Es versorgt das Jüngere, stellt Spielzeug her und spielt mit ihm. Nebenbei hilft es der Mutter im Haushalt und bei Besorgungen. Es trägt die eigentlich für seine eigene Größe noch zu schweren kleinen Verwandten viel, auf der Hüfte oder dem Rücken, da diese so leichter zu beaufsichtigen sind. Aus diesem Grund bemüht sich nach Mead auch niemand, kleinen Kindern das Laufen beizubringen. Ein Kleinkind beginnt nach ihrer Beobachtung circa mit einem Jahr zu gehen, wobei sie aber die Schwierigkeit betont, das genaue Laufalter anzugeben. Da sich in einem Samoanerhaus alles auf dem Fußboden abspielt, wird nach Mead das Kriechen gefördert, „so daß Kinder unter drei oder vier Jahren entweder kriechen oder laufen“[21].

Die Erziehung bis zum vierten oder fünften Lebensjahr beschreibt Mead als sehr einfach, da die Erwachsenen an Kleinenkindern wie erwähnt recht wenig Interesse haben. Sie überlassen das Kind ganz dem kleinen Kindermädchen. „Keine Mutter wird sich die Mühe nehmen, ein kleines Kind zu erziehen, wenn ein Größeres verantwortlich gemacht werden kann.“[22] Dennoch muss ein kleines Kind einiges lernen. Es „soll ans Haus gewöhnt sein – was bei der üblichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Tun und Lassen der ganz kleinen Kinder keine leichte Aufgabe ist. Es muß das Sitzen und Kriechen innerhalb des Hauses erlernen und darf nur in unbedingt notwendigen Fällen aufrecht stehen; es soll lernen, einen Erwachsenen niemals im Stehen anzureden, die Sonne zu meiden, die Stränge der Flechter nicht zu verwirren, die zum Trocknen ausgelegten, aufgeschnittenen Kokosnüsse nicht in Unordnung zu bringen und sein schmales Lendentuch einigermaßen befestigt mit sich herumzutragen. Feuer und Messer sind mit der erforderlichen Vorsicht zu behandeln, Kavaschüsseln und –tassen nicht anzurühren, und wenn sein Vater ein Häuptling ist, darf es in seiner Anwesenheit nicht auf seinem Lager herumkriechen.“ Diese doch recht zahlreichen zu erlernenden Dinge werden dem Kind „durch gelegentliche Klapse und viele verzweifelte Zurufe und wirkungslose Reden nahegebracht“[23]. Wenn das kleine Kind nicht gehorcht oder etwas Unerwünschtes tut, trifft die Strafe eher das mit der Aufsicht beauftragte Kind als den Störenfried selbst. So passiert es laut Mead leicht, dass aus den kleinen Kindern kleine Tyrannen werden, da sie nie unter einer Strafe zu leiden haben. Sie können so von ihren Betreuerinnen erzwingen, was sie gerne möchten, da dem älteren Mädchen alles daran liegt, Geschrei und somit den Unwillen der Erwachsenen zu vermeiden.[24]

Bevor die Kinder jedoch endgültig zu Tyrannen werden, haben sie selbst ein gewisses Alter erreicht und ihnen wird „ein Kleineres aufgehängt, und der ganze Prozess fängt von vorne an, so daß jedes Kind durch die Verantwortung für ein Jüngeres erzogen und sozial brauchbar wird“[25].

Auch kleine Jungen müssen manchmal die kleineren Geschwister betreuen, werden aber meist mit acht oder neun von dieser Tätigkeit befreit und lernen dann von älteren Knaben wichtige Dinge wie die Fischerei. Allerdings dürfen sie nur dann helfen, wenn sie sich entsprechend benehmen und sich als umsichtig und brauchbar erweisen. Aus diesem Wunsch, bei den Unternehmungen der Älteren dabei zu sein, erfolgt die Sozialisation der kleinen Jungen und die eventuellen tyrannischen Überbleibsel der frühen Kindheit werden so abgeschliffen. „Während also die Knaben anfangs auch die demütigende Tätigkeit des Kinderhütens ausüben müssen, dann aber viel Gelegenheit haben, gutes Zusammenarbeiten unter der Anleitung größerer Jungen zu erlernen, ist die Erziehung der Mädchen nicht so vielseitig.“[26] Letztere sind durch das ständige Beisein der Kleinkinder in ihren Tätigkeiten beschränkt. Zwar obliegt ihnen schon früh ein hohes Mass an individueller Verantwortung, aber die effektive Zusammenarbeit mit anderen wird laut Mead nicht gelernt. Später zeigt sich das „besonders augenfällig bei den Unternehmungen der jungen Leute: die Knaben organisieren sich rasch, die Mädchen dagegen verschwenden Stunden mit Streitereien und bringen eine schnelle und brauchbare Zusammenarbeit nicht zustande“[27]. Auch die typischen Frauenarbeiten außerhalb des Hauses können die Mädchen nicht einfach durch Mitgehen erlernen, da sie durch die Kleineren an das Haus gebunden sind. So sind sie auf das Kinderhüten und kleine Botengänge beschränkt bis sie alt und kräftig genug sind, schwerere Arbeiten zu übernehmen und die Kleinkinder jüngeren Geschwistern übergeben werden[28]. Das ist nach Mead meist kurz vor dem Beginn der Pubertät erreicht, die wiederum mit dem Einsetzen der ersten Menstruation beginnt[29].

[...]


[1] Zanolli 1990, S.301

[2] Bargatzky 2001, S.633

[3] Mead 1971, S.36

[4] Mead 1979, S.61

[5] Für diese Nähe besonders ihrer Monographien zur Belletristik durch deren Hang zur „typisierenden Überzeichung“ (Müller/Treml 2002, S.128) ist Mead kritisiert worden.

[6] Mead 1971, S.41

[7] ebd. S.41

[8] ebd. S.43

[9] ebd. S.44

[10] ebd. S.44

[11] vgl. Mead 1971, S.44f

[12] ebd. S.45

[13] ebd. S.46

[14] ebd. S.46

[15] ebd. S.46

[16] vgl. ebd. S.46

[17] Mead 1971, S.46

[18] ebd. S.47

[19] vgl. ebd. S.47

[20] ebd. S.50

[21] Mead 1971, S.47f

[22] ebd. S.48

[23] ebd. S.48

[24] vgl. ebd. S.49

[25] Mead 1971, S.49

[26] ebd. S.51

[27] ebd. S.51

[28] da samoanische Familien meist viele Kinder haben, hat zu diesem Zeitpunkt gewöhnlich ein jüngeres Geschwisterkind das Alter erreicht, um sich selbst um ein kleineres Kind zu kümmern.

[29] Vgl. Mead 1971 S.165

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Kindheit und Jugend auf Samoa - M. Mead und ihre Forschung
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Pädagogik im Kulturvergleich
Note
2.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V48364
ISBN (eBook)
9783638451017
Dateigröße
1023 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheit, Jugend, Samoa, Mead, Forschung, Pädagogik, Kulturvergleich
Arbeit zitieren
Marlen Schieler (Autor), 2004, Kindheit und Jugend auf Samoa - M. Mead und ihre Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48364

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