Erziehung - ein vieldiskutiertes Thema in der heutigen Zeit. Wie entwickelt sich der Mensch, was kann Erziehung dabei bewirken und was steht schon unabänderlich fest? Diese und andere Fragen beschäftigen die Wissenschaft seit langem. Auch Margaret Mead hat sich hierfür interessiert und zu diesem Zeck eine von der amerikanischen Gesellschaft vollkommen verschiedene Kultur, nämlich die der Samoaner, untersucht.
Ihr Anliegen war vor allem herauszufinden, ob die in Amerika für junge Menschen so problematische Phase der Adoleszenz notgedrungen eine so schwere Zeit sein muss. Die Ergebnisse dieser Forschung veröffentlichte Mead 1928 in ihrem Buch „Coming of Age in Samoa“, dass ein Bestseller wurde und „Meads Weltruf als Anthropologin einleitete“. Allerdings gab es auch immer wieder kritische Stimmen, vor allem ab 1983, als die so genannte „Samoa-Kontroverse“, die sich „mittlerweile zu einem Dauerstreit in der Ethnologie entwickelt hat“2, ihren Anfang nahm. Ausgelöst wurde sie durch den neuseeländischen Ethnologen Derek Freeman, der vor allem Meads grundlegende Annahme, der Mensch sei bei seiner Geburt ein unbeschriebenes Blatt und somit ließe sich durch kulturelle Einflüsse und Erziehung eine bessere Gesellschaft konstruieren, attackiert, jedoch auch ihre gesamte Samoa-Darstellung kritisch hinterfragt.
Das gewählte Thema ist äußerst komplex, besonders wenn man die Samoa-Kontroverse näher betrachtet. Insofern werden in der vorliegenden Arbeit einige Aspekte ausgewählt und näher betrachtet, da eine vollständige Untersuchung den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde.
Hier soll es um die Frage gehen, wie das Ergebnis von Meads Forschung in Bezug auf Kindheit und Jugend in Samoa sowie ihre Hauptthesen aussehen und inwieweit dieses Ergebnis der Wahrheit über die tatsächliche Lebensweise junger Samoanerinnen entspricht.
Zu diesem Zweck wird zunächst ein Eindruck von dem Alltag und der Erziehung in Samoa, ausgehend von Meads Schilderungen, gegeben. Im Anschluss daran werden die Voraussetzungen und Ausgangsthesen Meads, mit denen sie ihre Forschungsreise antrat, sowie ihre aus der Forschung resultierenden Endthesen genauer betrachtet. Dann wird ihr gesamtes Forschungsprojekt mitsamt seinen Ergebnissen unter Einbeziehung Derek Freemans kritisch betrachtet (ohne jedoch näher auf die Kontroverse einzugehen) und auf seinen Wahrheitsgehalt hin geprüft, bevor abschliessend die wichtigsten Punkte dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst werden.
Gliederung
1. Einleitung
2. Kurzer Überblick über die von Mead erforschte Region
3. Alltag und Erziehung in Samoa nach M.Mead
3.1 Geburt und Erziehung
4. Meads Fragestellung, Voraussetzungen und Ergebnisse
5. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt in und Kritik an Meads Ergebnissen unter besonderer Berücksichtigung D.Freemans
5.1 Meads Forschung
5.2 Vorlauf, Vorbereitung und Vorgehensweise der Forschung
5.3 Mead auf Samoa: Forschung und Thesen
5.4 Meads Reaktionen auf Kritik
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die ethnologische Forschung von Margaret Mead bezüglich Kindheit und Jugend auf Samoa. Im Zentrum steht die kritische Analyse von Meads Thesen zur Adoleszenz im Vergleich zur amerikanischen Gesellschaft sowie die wissenschaftliche Kontroverse, die durch Derek Freeman ausgelöst wurde.
- Margaret Meads Forschung über Adoleszenz auf Samoa
- Kulturelle Einflüsse versus biologische Determinierung
- Die "Samoa-Kontroverse" und Derek Freemans Kritik
- Erziehungspraktiken und soziale Sozialisation auf Samoa
- Methodische Reflexion ethnographischer Feldarbeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Geburt und Erziehung
Steht eine Geburt an, gelten auf der von Mead untersuchten Insel Tau einige Regeln. Das erste Kind einer Familie muss immer im Dorf der Mutter geboren werden. Falls die Frau bei der Hochzeit zu ihrem Gatten gezogen ist, muss sie also für die Geburt in ihr Heimatdorf zurückkehren. Bereits mehrere Monate vor der Geburt bringen die Verwandten des zukünftigen Vaters Geschenke in Form von Lebensmitteln, die die baldige Mutter zu ihren Verwandten mitnimmt. Die weiblichen Mitglieder ihrer Familie stellen dann im selben Wert „eifrig reines weißes Rindentuch für die Babykleidung“ her und flechten Matten, die als Windeln dienen. Diese bringt die Mutter bei ihrer Rückkehr zu ihrem Mann mit, es findet also ein Tausch statt.
Eine Geburt scheint keine private Angelegenheit zu sein. „Die Konvention schreibt zum Beispiel vor, daß die Mutter sich weder krümmen noch schreien darf und daß sie nichts gegen die Anwesenheit von zwanzig oder dreißig Personen im Hause einwendet, die notfalls die ganze Nacht lachend und scherzend herumsitzen und sich mit Spielen unterhalten.“ Auf jeden Fall sollten bei der Geburt Mutter oder Schwester des Vaters anwesend sein, um sich um das Neugeborene zu kümmern, während die Mutter von ihren Verwandten und einer Hebamme versorgt wird.
Das Abfallen der Nabelschnur des Neugeborenen gilt als Startpunkt für ein großes Fest, dass bei Geburten von Kindern aus hohem Stand gefeiert wird. Handelt es sich bei dem Säugling um ein Mädchen, wird die Nabelschnur unter einem Maulbeerbaum begraben in dem Glauben, dass Kind werde dadurch „häuslich und fleißig“. Bei einem Jungen wirft man die Schnur ins Meer, damit aus ihm ein guter Fischer werde, oder begräbt sie unter einer Taropflanze, auf dass er Fleiß bei der Landwirtschaft entwickele.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Fragestellung, ob die Adoleszenz notwendigerweise eine schwierige Lebensphase darstellt und Vorstellung der wissenschaftlichen Debatte.
2. Kurzer Überblick über die von Mead erforschte Region: Geographische Einordnung der Forschung von Margaret Mead auf den Inseln Tutuila und Tau.
3. Alltag und Erziehung in Samoa nach M.Mead: Darstellung der samoanischen Lebenswelt und Erziehungspraktiken basierend auf den Aufzeichnungen Meads.
3.1 Geburt und Erziehung: Spezifische Analyse der rituellen und sozialen Begleitumstände bei der Geburt sowie der frühen Kindheit.
4. Meads Fragestellung, Voraussetzungen und Ergebnisse: Untersuchung der Zielsetzung Meads und ihrer theoretischen Annahmen über das Heranwachsen.
5. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt in und Kritik an Meads Ergebnissen unter besonderer Berücksichtigung D.Freemans: Kritische Gegenüberstellung von Meads Erkenntnissen mit der Forschung von Derek Freeman.
5.1 Meads Forschung: Betrachtung des methodischen Vorgehens und der Datengrundlage von Margaret Mead.
5.2 Vorlauf, Vorbereitung und Vorgehensweise der Forschung: Analyse der theoretischen Prämissen und Vorbereitungen, die Meads Feldforschung beeinflussten.
5.3 Mead auf Samoa: Forschung und Thesen: Diskussion der konkreten Forschungsbedingungen vor Ort und der daraus resultierenden Aussagen.
5.4 Meads Reaktionen auf Kritik: Dokumentation von Meads Haltung gegenüber der wissenschaftlichen Kritik an ihrem Werk.
6. Zusammenfassung: Abschließendes Resümee über die Gültigkeit der Thesen Meads und die Bedeutung der Kontroverse für die Ethnologie.
Schlüsselwörter
Margaret Mead, Samoa, Adoleszenz, Derek Freeman, Ethnologie, Kulturdeterminismus, Feldforschung, Erziehung, Kindheit, Samoa-Kontroverse, Sozialisation, Kulturanthropologie, Biologie, Vergleichende Pädagogik, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Margaret Meads einflussreiche, aber umstrittene Studie über das Heranwachsen in Samoa und setzt diese in den Kontext der wissenschaftlichen Samoa-Kontroverse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Vergleich zwischen amerikanischer und samoanischer Adoleszenz, die Rolle der Kultur bei der Entwicklung des menschlichen Charakters und die methodische Qualität ethnologischer Forschung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Meads Thesen zur "sorglosen" Jugend auf Samoa kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, inwieweit diese durch Derek Freemans Forschung revidiert oder relativiert werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse ethnologischer Standardwerke und kritischer Gegenpublikationen, um die Entstehungsbedingungen und den Wahrheitsgehalt von Meads Forschung zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Meads Beobachtungen zum samoanischen Alltag, ihre theoretischen Voraussetzungen, die Kritik durch Derek Freeman sowie die daraus resultierende wissenschaftliche Debatte über das Wesen der samoanischen Gesellschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Adoleszenz, Kulturdeterminismus, Samoa-Kontroverse, Feldforschung und Sozialisation.
Wie bewertet die Autorin die Qualität von Meads Feldforschung?
Die Arbeit reflektiert, dass Meads Feldforschung zwar bahnbrechend für den Kulturdeterminismus war, jedoch aufgrund kurzer Aufenthaltsdauer, Verständigungsschwierigkeiten und einer selektiven Wahrnehmung in der Forschungsgemeinschaft heute kritisch gesehen wird.
Welche Rolle spielt die "Samoa-Kontroverse" in der Arbeit?
Die Kontroverse dient als zentrales Instrument, um die Grenzen von Meads Thesen aufzuzeigen und die Notwendigkeit einer objektiven, empirischen Überprüfung anthropologischer Aussagen zu unterstreichen.
- Quote paper
- Marlen Schieler (Author), 2004, Kindheit und Jugend auf Samoa - M. Mead und ihre Forschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48364