Die Literaturlandschaft der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfuhr einen starken Einfluss durch die Auffassung der Familie als natürlichen Ursprung menschlicher Zusammengehörigkeit und als Gegenpart zum gesellschaftlich-öffentlichen Leben. Die Familie wurde verherrlicht als innige und emotionalisierte Vereinigung. Sobald die Auffassung der Familie als patriarchalische Institution und Teil des profitorientierten gesellschaftlichen Lebens auftritt, erfährt das Konzept der Familie jedoch eine negative Konnotation und gilt als Verkörperung einer bürgerlich-kapitalistischen Ökonomie, die freiheitliche Triebe zu unterdrücken versucht. In dieser Arbeit wird das Konzept der Familie in Goethes Werk "Die Leiden des jungen Werthers" aus dem Jahr 1774 untersucht.
Goethes Werther gilt als Paradebeispiel für die literarische Auseinandersetzung mit der Zugehörigkeit zu und Integration in verschieden ausgelegte familiäre Verbände, deren Definition sich zwischen patrilinearem, gesellschaftlichen Zwang und natürlicher, emotionalisierter Verbindung bewegt. Werthers Versuch, sich nach der Trennung von der eignen mangelhaften, genetischen Familie in eine von gesellschaftlichen Normen losgelöste, vorzugsweise weiblich orientierte Familie einzugliedern geht einher mit seinem Drang, einer reinen Gefühlsgemeinschaft anzugehören und selbst eine befreite Kindheit nachzuempfinden. Im Nachfolgenden soll daher Werthers imaginärer Verwandtschaftsgrad in Lottes Familie erläutert werden, wobei zunächst Lottes Rolle als Mutter dargelegt wird. Nachfolgend soll Werthers Bezug zur Kindheit einerseits als Vaterfigur, andererseits als in die Kindheit zurückversetzter Sohn Lottes beleuchtet werden. Eine Verbindung erotischer Natur wird daraufhin durch das Erörtern des Phantasmas um Lotte, sowie mögliche erotische Spannungen zwischen Lotte und Werther aufgezeigt. Schlussendlich wird analysiert, inwiefern Werthers Verlangen nach einer Eingliederung in eine potenzielle Idealfamilie befriedigt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Lotte: Eine Mutter für die Mutterlosen
2.1 Werther in der Vaterrolle
2.2 Werther als Kind
3. Werther als Liebesanwärter: Die Beziehung zwischen Lotte und Werther
3.1 Lotte als Phantasma
3.2 Erotische Spannungen zwischen Lotte und Werther
4. Der Untergang der phantasierten Familie
5. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion einer phantasierten Idealfamilie durch Werther in Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und analysiert, inwiefern dieser Versuch der familiären Eingliederung an gesellschaftlichen Normen und persönlichen Identitätskonflikten scheitert.
- Analyse von Werthers Rollen als Ersatzvater und Kind innerhalb von Lottes familiärem Umfeld.
- Untersuchung von Lotte als Projektionsfläche für ein mütterliches und religiöses Phantasma.
- Deutung der erotischen Spannungen und deren Zusammenhang mit Werthers Suizid.
- Betrachtung der Diskrepanz zwischen individuellem Gefühlsbedürfnis und gesellschaftlicher Zweckvereinigung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Erotische Spannungen zwischen Lotte und Werther
Was dem christlich-keuschen Phantasma um Lotte einen sexuellen Reiz zu geben scheint, ist Lottes bewusstes oder unbewusstes Auftreten als unschuldiges Sexualobjekt. Lotte betont nur durch unterschwellige Signale ihre eigenen sexuellen Qualitäten und ihre Empfänglichkeit für sexuelle Interaktion.
So ist beispielsweise Werthers Geburtstagsgeschenk, das ursprünglich von Albert stammt, in eben jene blassrote Schleife gewickelt, die Lotte zu ihrem ersten Zusammentreffen an „Arm und Brust“ trug (Brief vom 16. Junius). Das Textilstück, das Lotte womöglich an ihrer Brust, dem Herzen und damit den sekundären Geschlechtsorganen trug, kann demnach als Signal sexueller Empfänglichkeit verstanden werden. Die Schleife substituiert demnach das fleischliche Dasein und Werther ist es freigestellt, zu welchem Zwecke er die Schleife, „um die [er] sie seither etlichemal gebeten hatte“ (28. August) nutzen möchte. Das Stück Textil mag beispielsweise als Andenken oder Substitut für sexuelle Liebkosungen dienen, ohne dass die verlobte Lotte sich selbst dazu hingeben müsste.
Ähnlich diesem Prinzip ist auch der „Kuss“ zwischen Lotte und dem Kanarienvogel zu verstehen: „Als sie dem Tierchen den Mund hinhielt, drückte es sich so lieblich in die süßen Lippen, als wenn es die Seligkeit hätte fühlen können, die es genoß. »Er soll Sie auch küssen.« sagte sie und reichte den Vogel herüber. – Das Schnäbelchen machte den Weg von ihrem Munde zu dem meinigen, und die pickende Berührung war wie ein Hauch, eine Ahnung liebevollen Genusses.“ (12. September).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die literarische Bedeutung der Familie im 18. Jahrhundert und stellt Werthers Suche nach Integration als zentrales Motiv vor.
2. Lotte: Eine Mutter für die Mutterlosen: Dieses Kapitel beschreibt Lotte als Mutterersatz und analysiert Werthers Wunsch, sich in eine idealisierte Gefühlsgemeinschaft einzufügen.
2.1 Werther in der Vaterrolle: Hier wird untersucht, wie Werther durch die Abwesenheit des Amtmanns versucht, die Rolle des Familienoberhauptes zu übernehmen.
2.2 Werther als Kind: Der Fokus liegt auf Werthers Flucht in ein kindliches Rollenverständnis, um gesellschaftlichen Reglementierungen zu entgehen.
3. Werther als Liebesanwärter: Die Beziehung zwischen Lotte und Werther: Das Kapitel betrachtet, wie Werthers verschiedene Rollenbilder seine Liebesbeziehung zu Lotte beeinflussen.
3.1 Lotte als Phantasma: Analyse der religiösen und symbolischen Überhöhung Lottes als Mutterfigur, die Werther in einen heilsgeschichtlichen Kontext rückt.
3.2 Erotische Spannungen zwischen Lotte und Werther: Untersuchung der unterschwelligen sexuellen Signale und deren Bedeutung für Werthers psychischen Druck.
4. Der Untergang der phantasierten Familie: Die Ausführungen behandeln das Scheitern von Werthers Ideal durch die Präsenz Alberts und die gesellschaftliche Realität.
5. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass der Suizid als letzte Konsequenz des Scheiterns und als Versuch der transzendenten Familienzusammenführung zu deuten ist.
Schlüsselwörter
Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Familie, Familienfindung, Gefühlsgemeinschaft, Kindheit, Rollenverständnis, Lotte, Phantasma, Mutterersatz, Erotik, Triebbefriedigung, Suizid, gesellschaftliche Normen, Idealismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Familie und die Suche nach familiärer Zugehörigkeit als zentrale Motive in Goethes "Die Leiden des jungen Werther".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Kindheit als befreiter Raum, die Rolle der Frau als Mutterersatz sowie die Spannung zwischen individueller Gefühlswelt und gesellschaftlicher Konvention.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie Werthers Versuch scheitert, eine phantasierte Idealfamilie zu etablieren, und welche psychologischen Konsequenzen dieser Prozess hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text mit zeithistorischen und psychologischen Fachdiskursen, etwa zur "Erfindung der Kindheit", verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Werthers Versuche, Rollen wie Vater oder Kind einzunehmen, Lottes Funktion als Mutterfigur und die erotischen Spannungen, die in den Suizid münden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Familienfindung, Gefühlsgemeinschaft, Phantasma, Rollenidentität und Triebbefriedigung.
Inwiefern spielt das Marienbild eine Rolle für Werther?
Werther stilisiert Lotte zur unbefleckten Mutterfigur (Maria), was ihn in die Rolle eines göttlichen Kindes rückt und seine emotionale Fixierung legitimiert.
Warum spielt der Kanarienvogel eine wichtige symbolische Rolle?
Der Vogel fungiert als Liebesbote, der eine intime Berührung zwischen Lotte und Werther ermöglicht, ohne dass Lotte ihre formale Verlobung brechen muss.
Wie interpretiert die Autorin Werthers Weinen?
Das Weinen wird als eine Form der sexuellen Entlastung bzw. als notwendige Substitution für eine nicht mögliche Ejakulation gedeutet.
Stellt der Suizid ein endgültiges Scheitern dar?
Nein, der Suizid wird als der Versuch interpretiert, das auf Erden unerfüllbare Verlangen nach einer perfekten familiären Einheit in den transzendenten Bereich zu verlagern.
- Citation du texte
- Isabell Rieth (Auteur), 2017, Kann man sich die Verwandten aussuchen? Goethes Werther auf der Suche nach Familie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/484306