Die amerikanische Philosophin und Feministin Nancy Fraser schrieb 1993: „Ich bin deshalb weiterhin überzeugt, dass Sozialkritik ohne Philosophie möglich ist, falls wir unter „Philosophie“ das verstehen, was Linda Nicholson und ich meinten, nämlich einen ungeschichtlichen, transzendentalen Diskurs, der für sich beansprucht, die Gültigkeitskriterien für alle anderen Diskurse zu formulieren.“. Ich möchte in dieser knappen Schrift versuchen, geschlechtliche Ungleichheit mit Vernunftkonzeptionen zu verknüpfen bzw. versuchen, folgende Frage zu klären: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem philosophischen Vernunftkonzept und der gesellschaftlichen Tatsache geschlechtlicher Ungerechtigkeit? Im Anlehnung an das Seminar „Strukturwandel des Privaten“, wird im ersten Teil der Arbeit gezeigt, dass Frauen seit je her als das Geschlecht ohne Ratio gesehen worden sind. Da kritische Stimmen in Bezug auf Vernunft in den modernen und postmodernen Theorien laut werden, wird im zweiten Teil der Arbeit untersucht, ob die feministische Kritik dort genügend berücksichtigt wird. Im dritten Teil werden mögliche Gründe erörtert, weshalb das Vernunftkonzept der Aufklärung heute kritisiert wird und eine Entwicklung des Vernunftbegriffs skizziert sowie die „Vernunftparadoxie“, die sich in einem instrumentalisierten und utopischen Vernunftbegriff ausdrückt, dargestellt. Im vierten und letzten Teil der Arbeit wird schließlich gezeigt, das sich Vernunft heute einem Wandel unterziehen könnte, einem Wandel vom Quantitativ zum Qualitativ, der sich sowohl in den Natur- wie auch in den Geisteswissenschaften abzeichnet und eine Antwort auf Forderungen beider Geschlechter nach einer Änderung der geschlechtlichen Verhältnisse geben könnte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Frauen: Das Geschlecht ohne Ratio
1.1. Zwei Konzeptionen von Privatheit: Antike und Aufklärung
1.2. Janus-Gesichter des Privaten
2. Feministische Kritik an den leitenden modernen und postmodernen Theorien Jürgen Habermas und Jean-François Lyotards
2.1 Kritik von Nancy Fraser an Jürgen Habermas Theorie des kommunikativen Handels
2.2 Kritik von Seyla Benhabib an der postmodernen Analyse Jean-François Lyotards
2.3 Berücksichtigung der feministischen Kritik in der Wissenschaft
3. Wandel der Vernunft? Verborgene Chancen
3.1. Kritik der Aufklärung: Herrschaft über die Natur und die Frauen
3.2. Entwicklung des Vernunftbegriffs
3.3. Die „Vernunftparadoxie“: Instrumentalisierte und utopische Vernunft
4. Wandel der Vernunft? Im Kern der Materie
4.1 Krise der Naturwissenschaften: Von Quantitativ zu Qualitativ
4.2. Mehr Interdependenz?: Die Transversale Vernunft
4.3. Gesellschaftliche Forderungen beider Geschlechter
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen philosophischen Vernunftkonzepten und der gesellschaftlichen Tatsache geschlechtlicher Ungerechtigkeit, um aufzuzeigen, wie ein Wandel des Vernunftbegriffs zu einer Verbesserung der geschlechtlichen Verhältnisse beitragen könnte.
- Historische Herleitung des Vernunftbegriffs und der Ausschluss des Weiblichen
- Kritik an modernen und postmodernen Theorien aus feministischer Sicht
- Die Dichotomie von instrumenteller versus utopischer Vernunft
- Ansätze zu einem qualitativen Wandel der Vernunft in Natur- und Geisteswissenschaften
- Bedeutung von Interdependenz und Kooperation für eine Geschlechterdemokratie
Auszug aus dem Buch
1.2 Janus-Gesichter des Privaten
Symbolisch sind zwei Konzeptionen von Privatheit zu trennen. Das Private im Rahmen der Haushalts-, Solidaritäts- und Reproduktionsarbeit hat seit der Aufklärung und Aberkennung einer eigenen Rationalitätsform einen negativ-symbolischen Status erlangt. Dabei ist zu unterstreichen, dass die eigentlich anerkannte Form der ökonomischen Rationalität, mit Eigentum bzw. Besitz verbunden, bis heute – und wahrscheinlich auch in Zukunft – niemals ohne Reproduktions- und Solidaritätsarbeit existieren kann, das „private“ Aufgaben im Bereich des Haushalts für das ökonomische System vorausgesetzt sein müssen.
Die Ökonomie ist stark auf ein reibungsloses Funktionieren des „Privaten“ angewiesen: Was als eine Lapalissade erscheint muss doch wiederholt werden: Ohne Nachwuchs gibt es keine Expansion und auch keine Zukunft. Manchmal scheint es, als ob die Vernunft genau daran scheiterte: Dass sie die Rationalitätsform des „Privaten“ und seine Vorraussetzung für andere Rationalitätsformen übersehen wollte.
Andersrum wurde die Ökonomie als rational eingestuft und Privateigentum einem positiv symbolischen Wert zugeordnet. Das Privateigentum gewann an Bedeutung; das Ziel einer Gesellschaft wurde von John Locke wie folgt beschrieben: „das große und hauptsächliche Ziel, weshalb Menschen sich zu einem Staatswesen zusammenschließen und sich unter eine Regierung stellen, ist also die Erhaltung ihres Eigentums“3. Bürgerliche Rechte wurden mit Rechten von Eigentümern und Besitzer verwechselt, das Privateigentum als Voraussetzung zur Erlangung eines bürgerlichen Status verstanden: Diese Mischung aus „life, liberty and estate“ erklärt Eigentum als vorpositives, bzw. Naturrecht ohne die Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die zum Eigentum verhelfen, zu reflektieren. So verstanden, werden die Verhältnisse der Antike weitergetragen, Frauen und Sklaven aus der Freiheitslogik ausgegrenzt. Privateigentum blieb unter männlicher Kontrolle, es wurde nur noch ausdrücklicher mit Freiheitsrechten verknüpft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Frauen: Das Geschlecht ohne Ratio: Analysiert die historische Ausgrenzung von Frauen aus der Sphäre der Vernunft, beginnend bei der antiken Trennung von Oikos und Polis bis hin zu den strukturellen Ausschlussmechanismen der Aufklärung.
2. Feministische Kritik an den leitenden modernen und postmodernen Theorien Jürgen Habermas und Jean-François Lyotards: Beleuchtet die Unzulänglichkeiten maßgeblicher moderner Theorien hinsichtlich der Integration feministischer Kritik und der Anerkennung geschlechtsspezifischer Realitäten.
3. Wandel der Vernunft? Verborgene Chancen: Erörtert die Krise der instrumentellen Vernunft und stellt dieser eine utopische Vernunft gegenüber, die demokratische Prinzipien und soziale Interdependenzen stärker betont.
4. Wandel der Vernunft? Im Kern der Materie: Untersucht wissenschaftstheoretische Paradigmenwechsel, wie die Chaostheorie, die den Weg von quantitativen hin zu qualitativen Vernunftkonzepten ebnen könnten, und diskutiert gesellschaftliche Forderungen in Richtung einer Geschlechterdemokratie.
Schlüsselwörter
Vernunftkonzept, geschlechtliche Ungerechtigkeit, Aufklärung, instrumentelle Vernunft, feministische Kritik, Privatheit, Öffentlichkeit, Interdependenz, Geschlechterdemokratie, soziale Reproduktion, Transversale Vernunft, Machtverhältnisse, Qualitativer Wandel, Utopie, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Grundlagen der Vernunft und deren historische Verbindung zur geschlechtlichen Ungleichheit, um Wege für einen Wandel hin zu einer gerechteren Gesellschaft zu skizzieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Vernunftkritik, das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatsphäre, feministische Gesellschaftstheorie sowie neuere wissenschaftliche Erkenntnisse über Komplexität und Kooperation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen herrschenden philosophischen Vernunftkonzepten und gesellschaftlicher Benachteiligung von Frauen aufzudecken und ein qualitatives Verständnis von Vernunft zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären diskursiven Analyse, die politikwissenschaftliche, philosophische und naturwissenschaftliche Ansätze verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kritik an modernen Theorien (Habermas, Lyotard), dekonstruiert den klassischen Vernunftbegriff der Aufklärung und diskutiert Potentiale für neue, nicht-hierarchische Vernunftformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern zählen Vernunftkonzept, Geschlechterdemokratie, soziale Reproduktion, Interdependenz und Transversale Vernunft.
Welche Bedeutung kommt der "Vernunftparadoxie" zu?
Die Vernunftparadoxie beschreibt den Widerspruch, dass die Vernunft einerseits Freiheit und Solidarität ermöglicht, andererseits aber in ihrer instrumentalisierten Form zur Beherrschung und Unterdrückung eingesetzt wird.
Wie könnten moderne Naturwissenschaften das Vernunftverständnis beeinflussen?
Erkenntnisse aus Bereichen wie der Chaostheorie oder der Biologie legen nahe, dass die Welt nicht hierarchisch-linear, sondern durch komplexe Interdependenzen und Kooperationen geprägt ist, was eine Abkehr vom reduktionistischen Denken erfordert.
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- Nadia Zeltzer (Author), 2005, Strukturwandel des privaten, Strukturwandel der Vernunft: Auf dem Weg zum kooperativen Denken, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/48559