Diese Arbeit fragt, wie es um die gesellschaftliche Rolle der Frau in Syrien bestellt ist und ob sich diese im Verlauf des Bürgerkriegs verändert. Um diese Fragen zu beantworten, analysiere ich die Geschlechterverhältnisse zu Anfang des aktuellen Konfliktes und versuche zu klären, ob und inwieweit Krieg die Emanzipation vorantreibt.
Die vollständige Gleichstellung der Geschlechter ist ein von den Vereinten Nationen gewünschtes Ziel und wurde am 18. Dezember 1979 in der "Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women" (CEDAW) gesetzlich verankert. In manchen Teilen dieser Welt steckt die Umsetzung des CEDAW allerdings noch in den Kinderschuhen. Wendet man den Blick gen Syrien, so wird einem das mit erschreckender Härte klar. Die arabische Republik, die im internationalen Vergleich bezüglich des HDI mit einem Index von 0,536 nur Platz 155 belegt, wird nun im achten Jahr von einem zermürbenden Bürgerkrieg geplagt. In dem Vielparteienkonflikt, in dem um Einflusssphären in Syrien und die Geschicke des Landes gebuhlt wird, spielen emanzipatorische Interessen eine eher untergeordnete Rolle.
Auch in Syrien leisten Frauen aufopferungsvoll die Zusatzarbeit, die die kriegsbedingt ausgedünnte Zivilbevölkerung vollbringen muss. Hier sehe ich eine gewisse Parallele zur westlichen Welt im 20. Jahrhundert. Kann es der weiblichen Bevölkerung gelingen, ähnlich wie im Europa der Zwischenkriegszeit, sich einen exponierteren Platz in der Zivilgesellschaft zu sichern, Bürgerinnen-Rechte zu erwerben, schlicht gesagt, die Gleichberechtigung voranzutreiben? Gerade der bewaffnete Kampf von rein weiblichen Milizen und der pazifistische Beitrag der femininen Bevölkerung lassen dies vermuten und stehen in einem Gegensatz zum lokal vorherrschenden Gesellschaftssystem.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Emanzipation in Syrien
2.1 Der Sollzustand
2.2 Der Istzustand 2011
3. Fallbeispiele
3.1 Nordsyrien – Das Rojava Modell
3.2 Frauen im Islamischen Staat in Syrien
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Rolle der Frau im syrischen Bürgerkrieg und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob und inwieweit der Krieg emanzipatorische Prozesse innerhalb der syrischen Gesellschaft vorantreiben oder behindern kann.
- Analyse der Geschlechterverhältnisse in Syrien vor Beginn des Konflikts im Jahr 2011.
- Untersuchung der Rolle der Frau im kurdisch kontrollierten Nordsyrien („Rojava-Modell“).
- Betrachtung der prekären Situation von Frauen im Herrschaftsbereich des „Islamischen Staates“.
- Evaluation des Einflusses von Kriegssituationen auf emanzipatorische Errungenschaften.
- Vergleich der Auswirkungen unterschiedlicher Verwaltungsmodelle auf die Frauenrechte.
Auszug aus dem Buch
3.1 Nordsyrien – Das Rojava Modell
Im Norden Syriens, genauer an der syrisch-türkischen Grenze, in der Region um Manbidsch und Kobanê, erstreckte sich für etwa Sechs Jahre ein kurdisch kontrolliertes Gebiet namens Rojava, auf dessen Markung später die autonome Föderation Nordsyrien entstand. Ins Rampenlicht der westlichen Medien gelangte die Region in den Jahren 2014 und 2015, als lokalen Milizen der People's Protection Units (YPG) und der Women's Protection Units (YPJ), eine zentrale Rolle bei der Vertreibung des Islamischen Staats aus der Stadt Kobanê spielten. Die Militarisierung und der bewaffnete Kampf von rein weiblichen Milizen stehen in einem Gegensatz zu den in Syrien vorherrschenden Traditionen. Dieser Besondere Einsatz der weiblichen Bevölkerung und vor allem die Bedeutung der Kämpferinnen in den kurdischen Reihen, ist ein bedeutender Fortschritt der Emanzipation der syrischen Frau.
Noch im Jahr 2016 beschrieb die Frauenrechtlerin M. Tax eine neue soziale Bewegung in der Region und nennt diese das Rojava Modell. Nun ließe sich argumentieren, dass es aufgrund des Mangels an wehrfähigen Männern einen Bedarf an Rekruten zu stillen gab, schließlich ist dies militärhistorisch seit dem zweiten Weltkrieg keine Besonderheit mehr. Doch das Engagement der Frauen in Rojava begrenzt sich nicht nur auf militärische Aufgaben, es folgt einer größeren gesellschaftlichen Vision. In Bezug auf soziale Gleichheit, ethnischen Pluralismus und vor allem bei der Förderung von Frauen, geht die Verwaltung des Gebiets noch weiter und stellt so eine regionale Besonderheit dar. Im Dienste der Gleichberechtigung müssen laut Gesetz 40% der Mitglieder jedes Führungsgremiums in Rojava weiblich sein, zudem kommt eine Bestimmung, die es allen administrativen Gremien, wirtschaftlichen Projekten und zivilgesellschaftlichen Organisationen vorschreibt, weiblich und männliche Co-Vorsitzende zu beschäftigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet historische Vorbilder der Frauenbewegung und stellt die Relevanz der Emanzipation im Kontext von Kriegssituationen anhand der Forschungsfrage dar.
2. Emanzipation in Syrien: Dieses Kapitel analysiert sowohl den rechtlichen Sollzustand durch internationale Abkommen wie das CEDAW als auch den gesellschaftlichen Istzustand im Syrien des Jahres 2011.
3. Fallbeispiele: Anhand von zwei gegensätzlichen Verwaltungsgebieten – dem kurdisch geprägten Rojava und dem vom IS kontrollierten Territorium – wird die Rolle der Frau unter kriegerischen Bedingungen untersucht.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass eine allgemeine Aussage über eine kriegsbedingte Emanzipation nicht möglich ist, da die Ergebnisse stark vom jeweiligen politischen und sozialen System der Akteure abhängen.
Schlüsselwörter
Syrien, Bürgerkrieg, Emanzipation, Frauenrechte, CEDAW, Rojava, Islamischer Staat, Patriarchat, Geschlechterverhältnisse, Scharia, Personensstandsrecht, Militarisierung, Gesellschaftsmodell, Autonomie, Frauenbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die gesellschaftliche Rolle der Frau in Syrien unter den Bedingungen des Bürgerkriegs und analysiert, wie verschiedene politische Akteure die Emanzipation beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die historische Ausgangslage der Frauenrechte, der Einfluss von internationalen Konventionen, die Situation in autonomen Gebieten sowie die Auswirkungen radikaler Gesellschaftsmodelle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob der Krieg als Katalysator für eine gesellschaftliche Emanzipation der Frau fungiert oder ob er bestehende Unterdrückungsstrukturen eher zementiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse, die Fallbeispiele (Nordsyrien vs. IS-Gebiet) gegenüberstellt, um die Divergenz der Entwicklungsmöglichkeiten für Frauen aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der rechtlichen Grundlagen in Syrien (CEDAW, Personenstandsrecht) und zwei detaillierte Fallstudien zu unterschiedlichen politischen Regimen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Emanzipation, syrischer Bürgerkrieg, Rojava, Islamischer Staat, Frauenrechte und patriarchale Strukturen geprägt.
Wie wirkt sich das Rojava-Modell auf die Frauenrechte aus?
Das Rojava-Modell fördert aktiv die Partizipation von Frauen durch Quotenregelungen, das Verbot diskriminierender Sitten und die Etablierung von Anlaufstellen, was einen deutlichen emanzipatorischen Fortschritt darstellt.
Warum wird die Situation unter dem "Islamischen Staat" als besonders negativ bewertet?
Der IS instrumentalisiert eine radikale Auslegung der Scharia, um Frauen weitgehend aus dem öffentlichen Leben auszuschließen, Zwangsheirat zu praktizieren und Frauenhandel zu legitimieren, was die Emanzipation weit hinter den Stand von 2011 zurückwirft.
- Citation du texte
- Michael Tschackert (Auteur), 2019, Die gesellschaftliche Rolle der Frau im syrischen Bürgerkrieg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/486568