Mehrsprachigkeit. Was bedeutet es, gleichzeitig zwei Muttersprachen zu erwerben? Worin liegt die Unterscheidung zwischen monolingualem und bilingualem Erstspracherwerb?


Seminararbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Meisel, Jürgen (2004): “The bilingual child”

3. Grosjean, F. (2001): “The bilingual’s language modes”

4. Poplack, Shana (1980): “Sometimes I’ll start a sentence in Spanish y termino en español: toward a typology of code switching”

5. Müller, N. et al. (2011): “Der (un)balancierte Mehrsprachige”

6. Montrul, Silvina (2010): “Current issues in heritage language acquisition”

7. Montrul, S. & Ionin, T. (2010): “Transfer effects in the interpretation of definite articles by Spanish heritage speakers”

8. Flores, Cristina (2014): “Losing a language in childhood: a longitudinal case study on language attrition”

9. Reflexión

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung beschränkt sich auf die im Seminar gelesenen und diskutierten Texte verschiedener Autoren zum Thema „Mehrsprachigkeit“. Um die Komplexität der Mehrsprachigkeit zu begreifen, sollte man zunächst Begriffe wie sukzessive und simultane Mehrsprachigkeit gegenüberstellen, was im Prinzip Zweitspracherwerb (L1/L2) vs. doppelter Erstspracherwerb (2L1) bedeutet. Damit einhergehend stellen sich grundlegende Fragen, wie zum Beispiel:

Was bedeutet es, gleichzeitig zwei Muttersprachen zu erwerben? Worin liegt die Unterscheidung zwischen monolingualem und bilingualem Erstspracherwerb? Erfolgt der bilinguale Spracherwerb langsamer oder weniger erfolgreich? Und welche Rolle spielen dabei Sprachmischungen, Sprachdominanz oder Herkunftssprachen?

Dies sind nur einige von vielen Fragen rund um die Mehrsprachigkeit, deren Antworten wir gemeinsam im Seminar gesucht und letztendlich anhand verschiedener Autoren darlegen konnten.

2. Meisel, Jürgen (2004): “The bilingual child”

In dem Artikel von Jürgen Meisel, welcher im Sonderforschungsbereich für Mehrsprachigkeit an der Universität Hamburg tätig ist, geht es um die Entwicklung des Spracherwerbs bei bilingualen Kindern. Zu Beginn schon kritisiert er die Auffassung, dass Mehrsprachigkeit ein Problem darstelle und Monolingualität dem natürlichen Spracherwerb entspreche. Von dieser Behauptung distanziert er sich und möchte vorhandene Vorurteile abschaffen, indem er im Folgenden untersucht, ob bilinguale Kinder im Vergleich zu monolingualen Kindern linguistische Nachteile haben (vgl. Meisel 2004: S. 93).

Der Autor betont, dass zwei- oder mehrsprachig aufwachsende Kinder nicht zwangsläufig die Sprachen langsamer erwerben und auch nicht gleichwertig gut beherrschen (vgl. ebd.: S. 94). Die Erwerbsgeschwindigkeit ist abhängig vom Input der jeweiligen Sprache. Weiterhin ist der Sprachgebrauch, die Performanz eines Sprechers, abhängig von der Sprachpräferenz, des Kontexts, verschiedenen Zwecken und dem jeweiligen Kommunikationspartner, und daher individuell unterschiedlich (vgl. ebd.).

Die Sprachkompetenz, das Wissen des Sprechers, welches auf grammatikalischen Parametern basiert, ist weniger variabel. Daher wurden verschiedene Korpora von bilingualen Sprechern auf bestimmte grammatische Strukturen untersucht (vgl. ebd.: S. 95f.). Die Analyse dieser Untersuchung ergab, dass bilinguale Kinder dieselben Entwicklungsstufen durchlaufen, wie monolinguale Kinder. Trotzdem kommt es bei bi- oder multilingualen Kindern zu Sprachmischungen, welche man als Sprachfusion bezeichnet (vgl. ebd.: S. 99f.). Dadurch entstand die Annahme, dass mehrsprachige Kinder nur ein einziges Sprachsystem entwickeln und Regelsysteme nicht voneinander differenzieren könnten, was womöglich zu qualitativen Unterschieden im Spracherwerb führe. Um zu ermitteln, ob mehrsprachige Kinder tatsächlich nur ein grammatisches Regelsystem ausbilden, müsse die Sprache produktiv angewandt und dabei eine flexionsmorphologische Struktur berücksichtigt werden (vgl. ebd.: S. 102).

Hierfür eignet sich das Beispiel des Erwerbs der Wortstellung. In den germanischen Sprachen steht das finite Verb im Satz an zweiter Stelle (z.B.: Brot essen), während in den romanischen Sprachen die Wortstellung umgekehrt ist (z.B.: comer pan). Bilinguale Kinder (in germanischen und romanischen Sprachen) erlernen diese Finitheit von Anfang an und verwechseln die Wortstellung nicht. Damit wird deutlich, dass Bilinguale sich in der jeweiligen Sprache wie Monolinguale verhalten und zwei Sprachsysteme erwerben, die sie voneinander differenzieren können (vgl. ebd.: S. 103f.). Trotzdessen kommt es in späteren Erwerbsphasen zu Sprachmischungen und gegenseitiger Beeinflussung der Sprachen. Zum einen gibt es während der Kommunikation zwischen erwachsenen Mehrsprachigen das Code-Switching. Hierbei verweist Meisel auf Poplack (1980), dass Code-Switching jedoch nur eintritt, wenn der Sprecher kompetent und sicher in beiden Sprachen ist und die Fähigkeit besitzt, Sprachwissen zu gebrauchen und zu adaptieren. Zum anderen kann es, nach Paradis und Genese (1996), zu einer gegenseitigen Sprachbeeinflussung durch eine Beschleunigung, Verzögerung oder einem Transfer in der sprachlichen Entwicklung kommen (vgl. Meisel 2004: S. 105f.). Im Hinblick darauf wird „Bilingual Bootstrapping Hypothesis“ thematisiert, bei der man davon ausgeht, dass bilinguale Kinder den Vorteil haben, die sprachlichen Strukturen einer neuen Sprache schneller zu verinnerlichen, sofern diese Strukturen in beiden Sprachen existieren (vgl. ebd.: S. 106). Müller und Hulk hingegen vermuten, dass es beim Spracherwerb zu einem Transfer kommt, wenn gewisse Sprachstrukturen in einer Sprache eindeutig und in der anderen nicht eindeutig sind. In diesem Fall passen bilinguale Sprecher die Sprachstrukturen aus der eindeutigen Sprache, der „uneindeutigen“ an (vgl. ebd.: S. 107). Dieser unidirektionale Spracheinfluss hat demnach keine qualitativen Auswirkungen auf den Spracherwerb, da der Transfer lediglich Wort- und Satzstellung betrifft.

Eine bedeutende Rolle beim Zweitspracherwerb spielt das Alter: Laut Meisel findet der frühkindliche Spracherwerb (Erstspracherwerb), zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr statt, welches die optimale Phase für das Erlernen einer Sprache darstellt. Danach setzt die sogenannte kritische Phase ein, in der eine Sprache nach wie vor gut erlernt werden kann, jedoch spricht man hierbei vom frühkindlichen Zweitspracherwerb. Es dominiert die Vermutung, dass Kleinkinder bis zum fünften Lebensjahr Zugriff auf die Universalgrammatik haben (UG), dieser Zugriff jedoch graduell abnimmt. Spätestens nach dem 10. Lebensjahr ist die optimale Phase vorbei, danach erfolgt die Sprachentwicklung gleichermaßen wie bei Erwachsenen (vgl. ebd.: S. 116).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich „The bilingual child“ von Jürgen Meisel mit der Mehrsprachigkeitsforschung im Hinblick auf den bilingualen Spracherwerb befasst. Schwerpunkt seiner Arbeit ist es, den monolingualen und den bilingualen Spracherwerb differenziert zu betrachten, sowie die qualitativen und quantitativen Unterschiede in der Sprachentwicklung zu diskutieren. Anhand der Sprachforschung konnte bewiesen werden, dass bilinguale Kinder keinerlei qualitativen Nachteile beim Spracherwerb haben, allerdings kann der zwei- oder mehrsprachige Spracherwerb zu Unterschieden in der Perfomanz der Sprecher führen.

3. Grosjean, F. (2001): “The bilingual’s language modes”

Auch der Text “The bilingual’s language modes” (2001) von François Grosjean beschäftigt sich mit bilingualen Sprechern, jedoch steht das Phänomen des Sprachmodus hier im Fokus, obwohl dieser Aspekt in der Sprachforschung kaum berücksichtigt wurde. Grosjeans Beobachtungen, zusammengefasst in einem Modell, zeigen, dass bilinguale Sprecher im Dialog mit monolingualen Sprechern keinerlei Sprachmischungen vollziehen, jedoch im Dialog mit anderen bilingualen Sprechern gerne dazu tendieren, beide Sprachen zu nutzen.

Verdeutlicht wird die Interaktion von bilingualen Sprechern anhand des Modells von Grosjean: Der Sprachmodus beschreibt den Aktivierungsgrad der Sprachen von bilingualen Sprechern zu einem bestimmten Zeitpunkt. Jede Sprache kann gering aktiviert bis hin zu total aktiviert sein und ist ein ständiger und fortlaufender Sprachprozessmechanismus (vgl. Grosjean 2001: S. 2f.). Zunächst müssen bilinguale Sprecher die Entscheidung treffen, welche Sprachen sie in bestimmten Situationen benötigen. Erfordert die Situation nur eine Sprache, wird auch nur eine aktiviert. Somit befindet sich die Person in einem monolingualen Sprachmodus, um denkbare Missverständnisse in der Kommunikation zu vermeiden. Befindet sich der Sprecher im bilingualen Modus, so entscheidet er sich für eine Basissprache, die den Sprachprozess steuert, die zweite Sprache ist dennoch aktiviert. Die beidseitige Aktivierung der Sprachen führt dazu, dass der Sprecher auf sein gesamtes Sprachrepertoire zugreifen kann und sich dies durch „Code-Switching“ und „borrowing“ zeigt. Beim „Code-Switching“ findet ein Sprachwechsel zwischen beiden Sprachen statt, bei dem Wörter oder ganze Phrasen übernommen werden, während es beim „borrowing“ zu einer morphosyntaktischen Angleichung kleinerer Einheiten von der schwächeren in die stärkere Sprache kommt. Dieser Prozess ist regelgeleitet, der sich unbewusst und sehr schnell vollzieht (vgl. ebd.: S. 6).

Die Bewegung innerhalb des Kontinuums der Sprachmodi kann jederzeit stattfinden. Den Wechsel vom monolingualen auf den bilingualen Modus bei bilingualen Personen kann man als charakteristisch bezeichnen. In diesem Zusammenhang hebt der Autor hervor, dass der Sprachmodus mehrfach wechseln kann, ohne dass die Basissprache geändert wird. Der Aktivierungsgrad der Sprachen verhält sich dabei ähnlich, denn er kann unabhängig von der Basissprache immer variieren (vgl. ebd.: S. 4). Wichtig ist, dass eine der beiden Sprachen niemals vollkommen deaktiviert ist und gleichzeitig niemals das Aktivierungslevel der Basissprache erreicht (vgl. ebd.). Weiterhin gibt es verschiedene Faktoren, die den Sprachmodus beeinflussen können: Zuerst spielt der Kommunikationspartner eine wichtige Rolle, denn der Sprecher orientiert sich zunächst an die Sprache, die sein Gesprächspartner (am besten) versteht. Zudem ist die Gesprächssituation (formell vs. informell) entscheidend, denn in einer formellen Gesprächssituation erscheinen Sprachvermischungen oder Sprachwechsel im Regelfall als unangebracht, daher nimmt der Sprecher den monolingualen Modus ein. Ein weiterer Faktor ist die Botschaft, die übermittelt wird. Je komplexer die Thematik, desto anspruchsvoller ist meist das Vokabular (vgl. ebd.: S. 5). Mit dieser Botschaft geht außerdem die Intention und Funktion des Sprechers einher, die sowohl eine reine Informationsvermittlung, als auch ein Anliegen umfassen kann. Schlussendlich gibt es Stimuli, die bestimmte Aufgabenstellungen oder Tests sind, und somit der Fokus auf eine bestimmte Sprache gelegt wird (vgl. ebd.: S. 5).

Dieses Phänomen des Sprachmodus ist relevant für die Sprachforschung, dennoch hat sie sich bislang keiner umfassenden Untersuchung des Themas gewidmet (vgl. ebd.: S. 8). Poplack untersuchte diesbezüglich den Sprachgebrauch einer in den USA lebenden puerto-ricanischen Frau, indem diese zu verschiedenen Zeitpunkten und Kontexten auf Band aufgenommen wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass der Sprachgebrauch der Frau stark variierte.

Grosjean sieht die Auswirkungen auf die Perfomanz der Sprecher als Indiz dafür, dass die Sprachmodi eine wichtige Rolle bei der Auswertung von Forschungsergebnissen spielen. Der Sprachmodus solle daher bei der Interpretation von Studien einen höheren Stellenwert einnehmen, da dieser als Kontrollvariable fungiert und somit genauere Ergebnisse erzielt werden (vgl. ebd.: S.14f).

4. Poplack, Shana (1980): “Sometimes I’ll start a sentence in Spanish y termino en espa ñol: toward a typology of code switching”

Um detaillierter auf das Phänomen des „Code-Switchings“ und das in Grosjeans Essay kurz erwähnte Beispiel einzugehen, eignet sich Shana Poplacks Paper von 1980. Die Autorin untersuchte eine puerto-ricanische Gemeinde in Harlem, New York auf bestimmte linguistische Verhaltensweisen, insbesondere hinsichtlich des „Code-Switchings“. Das sogenannte „El Barrio“ besteht zu 95% aus Puerto-Ricanern und bietet aufgrund der überwiegend bilingualen Sprecher eine ideale Grundlage für Poplacks Studie (Poplack 1980: S. 582). Die Mehrsprachigkeitsforschung beschäftigte sich primär mit den funktionalen und sozialen Faktoren des Phänomens, während Poplack die Einflüsse linguistischer Faktoren auf die Performanz bilingualer Sprecher untersuchte. Um die Verhaltensweisen bezüglich des Code-Switchings besser nachvollziehen zu können, verbindet sie die ethnographischen Beobachtungen mit seiner soziolinguistischen Analyse.

Als Code-Switching bezeichnet sie den Wechsel zwischen zwei Sprachen in einem einzigen Diskurs, der sowohl ganze Sätze oder einzelne Konstituenten betreffen kann. Hierzu zählen sowohl phonologische, morphologische als auch syntaktische Code-Switches bilingualer Sprecher (vgl. ebd.: S. 583). Ursprünglich ging man davon aus, dass Code-Switching willkürlich entstehe, aktuell ist man sich darin einig, dass es sich um einen regelgeleiteten Prozess handelt. Welchen Regeln Code-Switching jedoch zugrunde liegt, ist noch nicht präzisiert, da die bisher angenommenen Regeln keiner Allgemeingültigkeit gerecht werden (vgl. ebd.: S. 585).

Zwei syntaktische Einschränkungen sind jedoch allgemein genug, um alle Ergebnisse von Code-Switching aus der Datenerhebung des puerto-ricanischen Viertels einzuschließen und gleichzeitig restriktiv genug sind, um keine Informationen über Nicht-Code-Switches zu generieren. Es handelt sich zum einen um die „freie Morphem-Beschränkung“, laut welcher Code-Switching nach jeder Konstituente im Diskurs stattfinden kann, sofern es sich nicht um ein gebundenes Morphem handelt. Diese Einschränkung ist, abgesehen vom phonologischen, für alle linguistischen Bereiche gültig. Gemäß der zweiten Einschränkung der „Äquivalenzbeschränkung“, kann Code-Switching nur dann erfolgen, wenn es nicht gegen die syntaktischen Regeln in keiner der Sprachen verstößt (vgl. ebd.: S. 588). Es können sich in einem einzigen Diskurs zwei Formen von Code-Switching manifestieren: „intimate“ und „emblematic“ Code-Switching. Das „intimate“ Code-Switching beschreibt den Sprachwechsel innerhalb eines Satzes. Diese Form ist deutlich komplexer, da der Sprecher in die grammatische Struktur des Satzes eingreifen muss, und die syntaktischen Regeln beider Sprachen berücksichtigt werden müssen (vgl. ebd.: S. 589). Ist der Sprecher nicht ausgeglichen, so vermeidet er diese Form des Code-Switchings und vollzieht den Sprachwechsel vorwiegend mit Konstituenten, die an beliebiger Stelle eingesetzt werden können, ohne dabei die grammatischen Regeln zu verletzen. Diese Form nimmt in erster Linie eine kommunikative Funktion ein und nennt sich „emblematic“ Code-Switching (vgl. ebd.).

In einer Langzeitstudie untersuchte Poplack die Einschränkungshypothesen auf ihre Gültigkeit. Darüber hinaus sollte die Fragestellung, ob Code-Switching auf fehlendes Sprachwissen zurückzuführen sei, beantwortet werden. Für die Studie wurden 20 Testpersonen, 11 Männer und 9 Frauen, untersucht. Die Informanten wurden anhand von zwei festgelegten Parametern ausgewählt. Entscheidend war zum einen das Alter bei der Ankunft in die USA und zum anderen, die Sprachpräferenz der Person. Weshalb Poplack die Probanden nach diesen Kriterien eingeteilt hat, wird nicht explizit erwähnt. Auf diese Weise sollten die Effekte der bilingualen Sprachfähigkeit sowie die Einflüsse des Sprachumfelds in Bezug auf das Code-Switching bestmöglich analysiert werden. Die Sprecher wurden in verschiedenen Alltagssituationen aufgezeichnet, die sich von formellen bis zu weniger formellen Gegebenheiten erstreckten (vgl. ebd.: S. 592f). Aus der Datenerhebung der Studie geht hervor, dass es keinerlei Vorkommnisse ungrammatischer Code-Switches gäbe, aufgrund dessen die Einschränkungshypothesen Poplacks bestätigt werden konnten. Die Untersuchungen bestätigen die These, dass Code-Switching ein ausgeprägtes grammatisches Wissen voraussetzt, da der Sprecher zwei oder mehrere grammatische Regelsysteme berücksichtigen muss. Sprecher, die über diese Fähigkeiten verfügen, nehmen häufiger den Sprachwechsel vor, welcher meist innerhalb eines Satzes erfolgt. Poplack stellt außerdem fest, dass auch nicht-fließende Sprecher Code-Switching benutzen, indem sie allerdings vorwiegend einfache Konstruktionen bilden (vgl. ebd.: S. 600).

Alles in allem beweist Code-Switching das Vorhandensein hoher linguistischer Kompetenzen und ist nicht auf mangelnde Sprachfähigkeiten zurückzuführen (vgl. ebd.: S. 614). Dennoch ist erwähnenswert, dass dieser Text nicht von einem theoretischen Modell ausgeht.

5. Müller, N. et al. (2011): “Der (un)balancierte Mehrsprachige”

In dem Text von Müller et al. (2011) steht der Begriff der Sprachdominanz im bilingualen Spracherwerb im Fokus.

In der Bilinguismusforschung existieren unterschiedliche Definitionen zum Begriff „Sprachdominanz“ (vgl. Müller et al. 2011: S. 59). Meistens wird dabei die dominante Sprache als die weiter entwickelte Sprache erklärt, jedoch sprechen bestimmte Studien stattdessen von einer schwächeren und einer stärkeren Sprache. Der Begriff der Sprachdominanz trat erstmals in den Tagebuchstudien von Leopold (1970), Berman (1979) und Burling (1959) auf, welche die Sprachentwicklung bilingualer Kinder erforschten. In ihren Fallstudien stellten sie eindeutige Unterschiede zwischen der Kompetenz und der Performanz der bilingual aufwachsenden Kinder fest. Sowohl die Umgebungssprache als auch der sprachliche Input der Eltern gelten als wesentliche Einflussfaktoren auf die Sprachentwicklung der Kinder. Ihren damaligen Beobachtungen zufolge entwickelten die Kinder im Laufe ihrer Sprachentwicklung eine Sprachpräferenz oder eine Verweigerung in einer der beiden Sprachen (vgl. Müller et al. 2011: S. 60ff.).

In der Forschungsliteratur wird die schwächere Sprache als die sich langsamere entwickelnde Sprache eines bilingualen Lerners beschrieben. Diese zeichnet sich hauptsächlich durch den Transfer (Übertragung von Sprachwissen in die andere Sprache) und durch das langsame Anwachsen des Lexikons aus (vgl. ebd.: S: 62). Da ebendiese Eigenschaften charakteristisch für den Zweitspracherwerb sind, sehen einige Forscher Parallelen zwischen der schwächeren Sprache und dem Zweitspracherwerb. Jedoch wird diese Annahme kontrovers diskutiert, da andere die Meinung vertreten, dass sich die schwächere Sprache zwar verzögert ausbilde, sie aber in der Entwicklung dem Erstspracherwerb gleiche (vgl. ebd.: S. 63). Daher ist laut den Autoren dieses Textes diesbezüglich die Unterscheidung zwischen quantitativen und qualitativen Fehlern maßgebend. Unter quantitativen Fehlern versteht man die Auslassung von syntaktisch relevanten Elementen, während als qualitative Fehler elementare Abweichungen von der Zielsprache gelten (z. B. Kongruenzfehler, falsche Wortstellungsmuster). Den Autoren zufolge werden quantitative Fehler sowohl von monolingualen, als auch von bilingualen Kindern gemacht. Zudem ist die Fehlerquote in diesem Bereich in der schwächeren Sprache höher, als in der stärkeren (vgl. ebd.: S. 64). Qualitativ abweichende Phänomene wurden allerdings bei balanciert bilingualen und monolingualen Sprechern festgestellt, sodass man die Wortstellungs- und Kongruenzfehler nicht auf den Zweitspracherwerb zurückführen könne (vgl. ebd.: S. 68f.).

Der MLU (mean length of utterance) gilt als das bekannteste Sprachdominanzkriterium, welches die durchschnittliche Äußerungslänge bei monolingualen als auch bei bilingualen Kindern erfasst (vgl. ebd.: S. 70). Neben dem MLU zählt auch der Upper Bound zu den qualitativen Kriterien. Hierbei wird angezeigt, zu wie langen Äußerungen Kinder maximal fähig sind, was auch als obere Äußerungsgrenze bezeichnet wird. Darüber hinaus zählen die Lexikongröße bzw. der Lexikonanstieg ebenfalls zu den qualitativen Kriterien. Bei diesem Verfahren eignet sich die Messung von Verben, da diese im Vergleich zu anderen Wortklassen am häufigsten vorkommen. Die „Type-Token-Analyse“ ermöglicht es die Anzahl der Verben sowie die verschiedenen Verbtypen zu dokumentieren (vgl. ebd.: S. 73). Diese Analyse spiegelt die Qualität und den Umfang des Lexikons wider, daher ist vorwiegend die Analyse der Verbarten von Bedeutung. Müller und Kupisch (2003) führten diesbezüglich eine inkrementelle Analyse durch, anhand welcher sie die neu erworbenen Verben eines Kindes nachvollziehen konnten (vgl. ebd.). Ein weiteres, allerdings umstrittenes Kriterium, stellt die Bestimmung der absoluten Anzahl von Äußerungen dar, bei der besonders die Länge der Äußerungen von Bedeutung ist. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die zu vergleichenden Aufnahmen die gleiche Länge aufweisen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist eine zeitliche Angleichung erforderlich (vgl. ebd.: S. 75).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Mehrsprachigkeit. Was bedeutet es, gleichzeitig zwei Muttersprachen zu erwerben? Worin liegt die Unterscheidung zwischen monolingualem und bilingualem Erstspracherwerb?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V488870
ISBN (eBook)
9783668966512
ISBN (Buch)
9783668966529
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mehrsprachigkeit, muttersprachen, worin, unterscheidung, erstspracherwerb
Arbeit zitieren
Nicky Jan (Autor), 2016, Mehrsprachigkeit. Was bedeutet es, gleichzeitig zwei Muttersprachen zu erwerben? Worin liegt die Unterscheidung zwischen monolingualem und bilingualem Erstspracherwerb?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/488870

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