Soziale Ungleichheit in Europa. Zwischen Divergenz und Konvergenz


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Indikatoren innerstaatlicher Ungleichheit

3. Entwicklung der innerstaatlichen Ungleichheit

4. Ursachen und Wirkungszusammenhänge

5. Fazit

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im März dieses Jahres reichte die britische Premierministerin Theresa May dem Europäischen Rat eine schriftliche Mitteilung über den Austritt des Vereinigten Königreichs (UK) aus der Europäischen Union (EU) ein („Brexit“) (BBC 2017). Zwar sind dessen Ursachen angesichts des kurzen Zeitraums bis jetzt nicht abschließend geklärt, doch deuten erste Veröffentlichungen darauf hin, dass die individuelle Entscheidung für den Brexit teilweise auf die innerstaatliche Ungleichheit in UK zurückzuführen ist (z. B. Chancel et al. 2017; Darvas 2016). Deutlich wird vor diesem Hintergrund, dass Ungleichheit nicht nur ein soziales, sondern auch ein politisches Problem darstellen kann, das – wie im Fall des Brexit – die Idee des europäischen Projekts ins Wanken bringen kann.1

Unter innerstaatlicher Ungleichheit wird im Folgenden soziale Ungleichheit innerhalb des Referenzraums Nationalstaat verstanden. Unter sozialer Ungleichheit wiederum wird in Anlehnung an Heidenreich (2006: 18 f.) die Verteilung knapper und begehrter Güter wie beispielsweise des Einkommens gefasst, die die vor- bzw. nachteilhaften Lebensbedingungen von Menschen bestimmen. Die enge Verknüpfung zwischen innerstaatlicher Ungleichheit und Einkommensverteilung wird vor dem Hintergrund besonders deutlich, dass für 24 EU-Mitgliedsstaaten zwischen 2004 und 2008 nach Heidenreich (2010: 435) etwa zwei Drittel der Varianz der Einkommensverteilung auf innerstaatliche Ursachen zurückzuführen waren.

Hierzu zählen u. a. Besonderheiten der beobachteten Region, des jeweiligen Haushalts sowie des Erhebungsjahres. Neben diesen kommt weiteren Faktoren auf anderen räumlichen Ebenen Bedeutung bei der Entstehung sozialer Ungleichheit zu (Heidenreich 2010: 435). Aufbauend auf dieser Annahme wird im Rahmen dieser Arbeit folgender, von Heidenreich (2010: 427) aufgeworfener Forschungsfrage nachgegangen: „[W]elche Faktoren […] [beeinflussen] auf welchen unterschiedlichen territorialen Ebenen in welchem Ausmaß die Höhe und die Ungleichverteilung des verfügbaren Einkommens […]“?

Hierfür zeige ich zunächst auf, anhand welcher Indikatoren sich soziale Ungleichheit bezüglich der Einkommensverteilung messen lässt (2.). Anhand dieser Indikatoren werden zentrale Ergebnisse der Entwicklung innerstaatlicher Ungleichheit in der europäischen Gesellschaft seit 1980 vorgestellt und diese komparativ von der Bedeutung anderer Raumbezüge abgegrenzt (3.). Auf die Entwicklung der Einkommen wird hierbei weniger eingegangen, da sich ein Großteil der Forschungsliteratur auf relative Maße wie den Gini-Koeffizienten bezieht. Theoretisch fundiert werden die empirischen Erkenntnisse im sich anschließenden vierten Kapitel, in welchem sowohl kausale Ursachen als auch Wirkungszusammenhänge inner- und zwischenstaatlicher Ungleichheit aufgezeigt werden. Beschlossen wird die Arbeit durch ein Fazit (5.) sowie einen Ausblick auf zwei Forschungsdesiderata (6.).

2. Indikatoren innerstaatlicher Ungleichheit

Zur Messung innerstaatlicher Ungleichheit ebenso wie für die Ungleichheit zwischen verschiedenen Mitgliedsstaaten der EU und ihrer Regionen eignen sich verschiedene Maße. Einen der am weitesten verbreiteten Indikatoren zur Messung sozialer Ungleichheit stellt der Gini-Koeffizient dar. Kennzeichnend für das statistische Standardmaß ist die Verortung des Umfangs innerstaatlicher Ungleichheit zwischen der unteren Schranke 0 (perfekte Gleichverteilung) und der oberen Schranke 1 (perfekte Ungleichverteilung). Mit anderen Worten drückt der Gini-Koeffizient aus, wie groß der Anteil des Gesamteinkommens bzw. -vermögens ist, das nur auf wenige Personen entfällt (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung o. J.).

Dem Gini-Koeffizienten zugrunde gelegt wird das Maß des verfügbaren Äquivalenzeinkommens. Dieses erlaubt einen Vergleich der Einkommenssituation von Haushalten unterschiedlicher Größe. Dabei entspricht der Indikator dem jeweiligen bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommen eines Haushaltes und wird unter Verwendung der neuen OECD-Skala berechnet (Heidenreich 2010: 443). Demnach beträgt der Gewichtungsfaktor der ersten erwachsenen Person im Haushalt 1. Das Bedarfsgewicht jeder weiteren Person ab 14 Jahren geht mit dem Faktor 0,5 und aller Personen unter 14 Jahren mit dem Faktor 0,3 ein (Statistisches Bundesamt 2017).

Zuletzt stellt auch das Einkommensquintil- bzw. dezilverhältnis einen maßgeblichen Indikator zur Bestimmung innerstaatlicher Ungleichheit dar. Berechnet werden diese Ungleichheitsmaße als Verhältnisse zwischen dem Gesamteinkommen des einkommensstärksten Fünftels bzw. Zehntels und des einkommensschwächsten Quintils bzw. Dezils (Eurostat 2017a; Heidenreich 2010: 443).2

3. Entwicklung der innerstaatlichen Ungleichheit

Nachfolgend soll nun die Entwicklung der sozialen Ungleichheit mit einem Fokus auf der innerstaatlichen Ungleichheit in der europäischen Gesellschaft nachgezeichnet werden. Zentrale Befunde hierzu werden am Ende eines jeden Abschnitts noch einmal zusammengefasst, um Irritationen angesichts der sich teilweise überlappenden Zeiträume zu vermeiden.

Eines der bedeutendsten Datensets zur innerstaatlichen Ungleichheit der europäischen Gesellschaft stellt seit 2004 die EU-SILC-Erhebung dar (Statistics on Income and Living Conditions) dar. Dieses rotierende Panel, bei dem jährlich ein Viertel der befragten Haushalte ausgetauscht wird, setzt sich aus einem Haushalts- und einem Personenfragebogen zusammen, der von allen Haushaltsmitgliedern ab 16 Jahren beantwortet wird. Auf Basis einheitlicher Definitionen und Mindeststandards wird die Erhebung, bestehend aus einer Längsschnitt- und einer Querschnittskomponente, jährlich in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten durchgeführt (Eurostat 2017b; Heidenreich 2010: 431). Für die Querschnittsdaten werden EU-weit jährlich mindestens 130.000 Haushalte und 270.000 Personen, für die Längsschnittdaten mindestens 100.000 Haushalte und 200.000 Personen ab 16 Jahren befragt (Eurostat 2017b). Dies erlaubt exakte Vergleiche der Entwicklung der innerstaatlichen Einkommensungleichheit.

Abbildung 1: Einkommensungleichheit als Quintilverhältnis, Zahlen für 2015

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eurostat 2017c

Wie in Abbildung 1 deutlich wird, betrug das Gesamteinkommen des oberen Einkommensfünftels sowohl im Durchschnitt der EU-28 als auch der 19 Mitgliedsstaaten der Eurozone im Jahr 2015 das 5,2-fache des unteren Einkommensfünftels. Über das geringste Einkommensquintilverhältnis verfügte im Jahr 2015 die Slowakei (3,5), während in Deutschland das Gesamteinkommen des oberen Einkommensfünftels etwa dem 4,8-fachen des unteren Einkommensfünftels entsprach und somit knapp unter dem EU-Durchschnitt lag (Eurostat 2017c). Seit 2010 hat sich das Einkommensquintilverhältnis des EU-Durchschnitts um 0,3 Punkte erhöht (Eurostat 2017d). Der größte Anstieg seit 2010 kann für Rumänien festgehalten werden, dessen Einkommensungleichheit bis 2015 von anfänglich 6,1 auf 8,3 anwuchs und somit vor Litauen (7,5) die größte Einkommensungleichheit innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten aufweist (Eurostat 2017d). Festzuhalten bleibt somit, dass seit 2010 ein geringer Anstieg der innerstaatlichen Ungleichheit im EU-Durchschnitt zu verzeichnen ist, der sich aus teilweise erheblichen Anstiegen innerhalb der Mitgliedsstaaten zusammensetzt.

Die Tendenz, dass die soziale Ungleichheit innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten seit 2010 langsam, aber kontinuierlich wächst, zeigt sich auch unter Zuhilfenahme des Gini-Koeffizienten in Abbildung 2 (Wissenschaftlicher Dienst des Europäischen Parlaments 2016).3 Zwar liegt dieser im EU-Durchschnitt bereits seit 2007 konstant bei etwa 0,31, doch sind in einigen Mitgliedsstaaten kleinere Anstiege im Zeitverlauf sichtbar. Zu konstatieren ist für den Zeitraum von 2007 bis 2014 bei Betrachtung der Gini-Koeffizienten somit ein sukzessiver geringfügiger Anstieg der innerstaatlichen Ungleichheit.

Abbildung 2: Gini-Index für die EU-28, 2007-2014

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Wissenschaftlicher Dienst des Europäischen Parlaments 2016

Für den Zeitraum von 2007 bis 2010 wiederum geht aus Abbildung 2 hervor, dass die Einkommensungleichheit im EU-Durchschnitt relativ stabil blieb. Mit diesem Befund geht auch Heidenreich (2016b) konform, der die Entwicklung der Einkommensungleichheit für den Zeitraum 2005-2013 untersuchte, bei der er ebenfalls auf EU-SILC-Daten zurückgriff. Wie Heidenreich (2016b: 23) aufzeigt, änderte sich der Gini-Koeffizient des verfügbaren Äquivalenzeinkommens der EU-27 zwischen 2007 und 2010 kaum (0,306 bzw. 0,304). Im gleichen Zeitraum änderte sich auch der Gini-Koeffizient für die EU-15 nur marginal (0,303 bzw. 0,305). Somit ist für den Zeitraum von 2007-2010 im EU-Durchschnitt, im Gegensatz zu den Entwicklungen innerhalb einiger Mitgliedsstaaten, keine Änderung der innerstaatlichen Ungleichheit zu konstatieren.

Für den von 2008 bis 2013 datierten Zeitraum der Wirtschafts- und Finanzkrise zeichnet Heidenreich (2016b: 24) ein differenzierteres Bild. Demnach blieb der durchschnittliche Gini-Koeffizient der EU-25 im Krisenzeitraum zwar in etwa konstant (0,319 bzw. 0,318). Jedoch erhöhte sich die durchschnittliche innerstaatliche Einkommensungleichheit der EU-15 leicht (0,294 bzw. 0,300). Insgesamt betrachtet unterscheide sich die relative Stabilität nationaler Ungleichheitsmuster seit 2010 erheblich von den ersten zehn Jahren nach Einführung des Euro (1999-2009), während der der Gini-Koeffizient von 13 der heute 28 Mitgliedsstaaten um jeweils mehr als einen Prozentpunkt deutlich stieg.

Für den deutlich vor dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise gelegenen Zeitraum von 1995 bis 2003 stellen Heidenreich und Wunder (2008) hingegen eine andere Entwicklung fest. Demnach sei für die kleinsten Regionen unterhalb der nationalstaatlichen Ebene (NUTS3-Regionen) eine Zunahme der regionalen Ungleichheit um 15 Prozent zeitgleich zu einem Rückgang der zwischenstaatlichen Ungleichheit um 45 Prozent zu beobachten. Das Gros der regionalen Ungleichheit ist hierbei innerstaatlicher Natur – im Falle der NUTS3-Regionen zu 67 Prozent, für die mittelgroßen Regionen (NUTS2) sogar zu 84 Prozent (Heidenreich & Wunder 2008: 32). Noch deutlicher fällt diese Entwicklung bei Betrachtung des Gini-Koeffizienten aus. Für die EU-25 konstatieren Heidenreich und Wunder (2008: 25) im Durchschnitt einen leichten Rückgang des Gini-Koeffizienten zwischen 1995 (0,239) und 2003 (0,225). Zugleich stieg die innerstaatliche Ungleichheit in einigen der mittelosteuropäischen Länder bis zu deren Aufnahme in die EU im Jahr 2004 stark an. So erhöhte sich beispielsweise im Falle Lettlands der Gini-Koeffizient von 0,182 (1995) auf 0,275 (2003) und in Ungarn von 0,196 auf 0,245 zwischen 1995 und 2003 (Heidenreich & Wunder 2008: 25). Zugleich nahm die bis dahin bestehende zwischenstaatliche Ungleichheit zwischen den west- und mittelosteuropäischen Ländern in diesem Zeitraum sukzessiv ab. Durch diese Entwicklung ging der Anteil der zwischenstaatlichen Ungleichheit an der gesamten sozialen Ungleichheit (gemessen als mittlere logarithmische Abweichung) von 52 (1995) auf 33 (2003) Prozent zurück. Komplementär hierzu erhöhte sich der Anteil der innerstaatlichen Ungleichheit an der gesamten sozialen Ungleichheit im Zeitverlauf von 48 auf 67 Prozent. Konstatiert werden kann für den Zeitraum von 1995 bis 2003 somit die deutliche Reduktion zwischenstaatlicher Ungleichheit bei einem parallel dazu verlaufenden leichten Anstieg regionaler Ungleichheit. Zudem ging die innerstaatliche Ungleichheit im EU-Durchschnitt in diesem Zeitraum trotz des starken Anstiegs in einigen mittelosteuropäischen Ländern leicht zurück (Heidenreich & Wunder 2008).

[...]


1 In der vorliegenden Arbeit werden die Bezeichnungen „Europa“ und „europäisch“ mit der Europäischen Union gleichgesetzt, da der Fokus auf deren Mitgliedsstaaten liegt.

2 Für die an dieser Stelle vorgestellten Indikatoren muss betont werden, dass sie ebenso wie andere Indikatoren sozialer Ungleichheit auf normativen Verteilungsannahmen basieren (Heidenreich 2016b: 24) und in ihrer Aussagekraft einigen Einschränkungen unterliegen. So erfasst der Gini-Koeffizient beispielsweise nicht die Änderungen bezüglich der Höhe des nationalen Einkommensniveaus (Heidenreich 2016b: 26).

3 Zu einem anderen Ergebnis gelangt beispielsweise Heidenreich (2016a), nach dem die Zunahme der innerstaatlichen Ungleichheit in Form der Einkommensungleichverteilung im Zuge der Krise zum Stillstand kam, wobei auch er diesen Befund u. a. nach geografischen Gesichtspunkten differenziert.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Soziale Ungleichheit in Europa. Zwischen Divergenz und Konvergenz
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Soziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V489141
ISBN (eBook)
9783668949423
ISBN (Buch)
9783668949430
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europäische Union, GINI-Koeffizient, Einkommensungleichheit, Wohlfahrtsstaat, Innerstaatliche Ungleichheit
Arbeit zitieren
Max Schmidt (Autor), 2017, Soziale Ungleichheit in Europa. Zwischen Divergenz und Konvergenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489141

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