Macht und das Streben nach dem Guten


Masterarbeit, 2019
62 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Forschungsfrage
1.2 Methodologie

2 Ontologischer Rahmen der Forschungsfrage
2.1 Ideale Systeme oder Platonismus
2.1.1 Implikationen des bewussten Gedankens als Weltprinzip
2.2 Materialistische Systeme oder Demokritismus
2.2.1 Implikationen der blinden Kräfte als Weltprinzip
2.3 Spinozismus
2.3.1 Implikationen der Substanz als Weltprinzip
2.4 Ontologischer Voluntarismus
2.4.1 Implikationen des Willens als Weltprinzip
2.5 Fazit

3 Gute Handlungen
3.1 Notwendiges Weltprinzip für die absolute Unterscheidung zwischen gut und schlecht
3.2 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent führt willentlich eine gute Handlung aus«

4 Machtgewinn
4.1 Notwendiges Weltprinzip für die absolute Unterscheidung zwischen Macht und Ohnmacht
4.2 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent gewinnt Macht«
4.3 Exkurs: Machtkampf in der idealen Welt

5 Gute Handlungen und Machtgewinn im Bereich des Politischen
5.1 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent führt willentlich eine gute politische Handlung aus«
5.2 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent gewinnt politische Macht

6 Gute Handlungen und Machtgewinn in kriegerischen Angelegenheiten
6.1 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent führt willentlich eine gute kriegerische Handlung aus«
6.2 Die ontologische Bedeutung der Aussage »Ein Agent gewinnt kriegerische Macht«
6.3 Anmerkung zur militärischen Einberufung

7 Die beste politische Verfassung
7.1 Anarchische politische Verfassung
7.2 Zentralisierte politische Verfassung
7.3 Dezentralisierte politische Verfassung

8 Schlussbemerkungen

Vorrede

Die vorliegende Arbeit sucht die ontologischen Möglichkeiten des Verhältnisses zwischen der ethischen Orientierung des Handelns und seiner Wirkung systematisch darzulegen. Auf den ersten Blick könnte sie daher wie eine Gedankenspielerei erscheinen, da ihre Schlussfolgerungen nicht aus empirischen Beobachtungen, sondern unmittelbar aus ontologischen Grundprinzipien abgeleitet werden, deren Gültigkeit weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Empiristisch veranlagte Leser könnten daher geneigt sein, die hier präsentierten Schlussfolgerungen und Ergebnisse wegen eines Mangels an historischer und soziologischer Begründung für unbrauchbar zu halten. Schätzen sie jedoch strenge logische Kohärenz, dürften auch sie von den Ausführungen profitieren, denn nur bei einer Berücksichtigung der grundlegenden ontologischen Möglichkeiten besteht die Chance, wissenschaftliche Theorien kohärent empirisch zu überprüfen. Letztendlich muss eine kohärente Interpretation empirischer Ergebnisse auf einer grundlegenden und nicht auf einer auf einfachere Komponenten reduzierbaren Existenzform beruhen, die allein oder neben einer Vielzahl unteilbarer natürlicher Minima, wie etwa als ein demokritisches Atom, besteht.

Ohne Rücksicht auf die systematischen Implikationen ontologischer Grundannahmen können konkrete Behauptungen nur willkürlich miteinander verbunden werden. Damit aber ließen sich die auf ihnen aufbauenden Theorien nicht hinsichtlich ihrer Korrektheit bewerten. Denn damit eine Aussage wahr sei, muss sie einem bestehenden Sachverhalt entsprechen. Würde man bei der Klärung soziopolitischer und anderer empirischer Phänomene die Auseinandersetzung mit ontologischen Fragen als leere Spekulation zurückweisen, müsste man den wissenschaftlichen Betrieb selbst als leere Spekulation ablehnen.

Kapitel 1

Einleitung

Jeder tiefe politische Denker wird früher oder später mit der Frage konfrontiert, ob Herrschaft letztendlich eher den Guten oder den Bösen zukommt. So stellt z. B. der Prophet Zarathustra seinem Gott Ahura Mazda, dem »Herrn der Weisheit«, die Frage: »Wird es dem Wahrhaftigen gelingen, den Truggenossen zu besiegen?« (1994, S. 85).1 Allerdings wurde meines Wissens nach noch nie eine systematische Untersuchung der Wirkung des guten Handelns auf die politische und kriegerische Macht eines Agenten unternommen. Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, dieses Problem systematisch anzugehen.

Möglich wäre auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem guten Willen und dem Machtgewinn, aber in diesem Fall bliebe die Möglichkeit der gut gemeinten, tatsächlich aber schlechten Handlung offen und damit der objektive Zusammenhang zwischen den eigentlichen Taten ungeklärt. Darum liegt der Fokus nicht auf dem Willen allein, der subjektiv gut sein, aber wegen einer falschen Umsetzung schlechte Folgen hervorbringen kann, sondern auf den Handlungen selbst, soweit sie eine bestimmte ethische Einstellung korrekt ausdrücken. Denn nur so kann die Subjektivität der willentlichen Handlung mit einer allgemeingültigen Objektivität in Verbindung gebracht werden.

Dass gute Taten die Legitimität eines Staates erhöhen, dürfte unstrittig sein, dass sie aber auch zu Machtgewinn führen, ist eine Hypothese, die in Anbetracht des politischen und ökonomischen Erfolgs berühmter Tyrannen eher unplausibel und naiv erscheint. In strategischen Überlegungen geht man oft davon aus, dass die Ethik nichts weiter als eine Ad-hoc-Legitimation der gegenwärtigen Machtverhältnisse sei. Damit würde die ethische Orientierung eine irreführende Inversion der realen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Macht und Ethik darstellen. Diese Ansicht geht von der Unmöglichkeit eines absoluten Gutes aus; dementsprechend könne man gemäß den Sitten seiner Gesellschaft moralisch, aber nicht ethisch in einem absoluten Sinne gut sein. Voluntaristischen politischen Denkern wie Thomas Hobbes erscheint die Ethik, vor allem die religiös begründete Ethik, als nichts weiter denn ein Märchen zur Legitimierung ungleicher Machtverhältnisse. Solche Denker gehen davon aus, dass die Bedeutung des Guten relativ sei und deswegen in keinem festen Zusammenhang mit realer Macht stehen könne.

Beruhte die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Handlung nicht auf realen Sachverhältnissen, sondern lediglich auf persönlicher Meinung oder Konventionen, würde das Streben nach einem illusorischen absoluten Gut eine strategisch nachteilige Selbstbeschränkung bedeuten. In diesem Fall wären korrupte Tyrannen und Oligarchen aufgrund ihrer höheren Flexibilität Machthabern mit einer ethischen Orientierung politisch und militärisch überlegen. Darum erscheint den ethischen Relativisten der endgültige Triumph derjenigen, die sich nicht durch vermeintlich grundlose ethische Überlegungen beeinflussen lassen, als unvermeidbar. Anderseits bekräftigt die Kurzlebigkeit zerstörerischer Regimes etwa im sozialistischen Kambodscha unter Pol Pot und im nationalsozialistischen Deutschland das Gegenargument, dass ethische Schlechtheit nicht dauerhaft Macht begründen oder fördern könnte. Um den intrinsischen Zusammenhang zwischen gutem Handeln und Macht zu bestimmen, reichen historische Beispiele jedoch nicht aus, da die Geschichte Argumente sowohl für eine positive als auch für eine negative Korrelation liefert. Vielmehr ist eine Untersuchung der ontologischen Implikationen dieser Begriffe erforderlich, denn dadurch werden die zugrundeliegenden Annahmen explizit gemacht.

1.1 Forschungsfrage

Die Forschungsfrage, die es in der vorliegenden Untersuchung zu beantworten gilt, lautet: »Gewinnt man politische und kriegerische Macht, indem man auf den Gebieten der Politik und des Krieges ethisch gut handelt?« Dabei meint in dieser Untersuchung »schlecht« jede Abweichung vom ethisch Guten. Ein schlechter Mensch ist nicht unbedingt »böse«, weil die Kategorie »schlecht« nicht nur diejenigen einbezieht, die sich bewusst gegen das Gute wenden, d. h. die Bösen im eigentlichen Sinne, sondern auch diejenigen, die das Gute aus welchem Grund auch immer ignorieren. Wir verwenden den Ausdruck »kriegerische Macht« anstatt »militärische Macht«, um auch die Kriegsführung durch paramilitärische Organisationen, wie z. B. Partisanengruppen, einzubeziehen.

Das Augenmerk liegt dabei auf der Ethik, nicht der Moral, denn ungleich der Moral, die unbedingte Pflichten statuiert, ist die Ethik flexibel. Zwar orientiert sie sich nur an einem für sich absoluten Guten, dessen Richtung bekannt sein muss, dessen Inhalt nach den gegebenen Rahmenbedingungen jedoch variieren kann. Es wird hier also eine konsequenzialistische Auffassung der Ethik vertreten, nicht eine Moral mit dem Anspruch auf überzeitliche Allgemeingültigkeit (Pflichtethik, Deontologie). Moralische bzw. sittliche Prinzipien, wie z. B. der kantische kategorische Imperativ, könnten nämlich keine absolute ethische Grenze für die Handlung darstellen, wenn ein absolutes Gut sie transzendierte. Das ethische Streben nach dem Guten könnte theoretisch die Vernachlässigung der Moral erfordern, falls ein beliebiges moralisches Gebot eine absolute Verbesserung verhinderte. An sich tadelnswerte Handlungen, wie etwa Lügen und Zwingen, könnten unter ungünstigen Umständen zur Verwirklichung eines höheren Guts oder zur Vermeidung einer Katastrophe nötig sein, wie es oft von Polizisten bei der Kriminalitätsbekämpfung angenommen wird. Diese konsequentialistische Auffassung widerspricht jedoch beispielsweise dem kategorischen Imperativ, weil Lüge und Zwang nicht zu allgemeingültigen Maximen der Handlung gemacht werden können, so dass die kantische Moral solche Handlungen unter allen Umständen verbietet (s. Kant 1900ff(b), S. 425-430).

1.2 Methodologie

Die Ontologie gilt als allgemeine Seinswissenschaft, denn sie bezieht sich auf das »Sein des Seienden« als Seiendes. Die Ontologie stellt als metaphysica generalis neben der Theologie, die als Wissenschaft des höchsten Seins, d. h. Gottes, auch metaphysica specialis genannt wird, einen Teil der Metaphysik dar (s. Merlan 1975). Die vorliegende Untersuchung richtet sich nach der Möglichkeit wirklicher guter Handlungen und wirklichen Machtgewinns; sie ist darum nur im Rahmen einer Ontologie, die die Unterscheidung zwischen diesen Begriffen und ihrem jeweiligen Gegenteil erlaubt, sinnvoll. Ontologisch unbegründete Verbindungen zwischen Machtgewinn und dem ethischen Inhalt der Handlungen können daher nicht berücksichtigt werden.

Eine Aussage ist ein Satz, dessen Wahrheit oder Falschheit prinzipiell überprüft werden kann; sie wird auch Behauptung genannt. Der Satz »Der Apfel ist lecker« ist ein Beispiel für eine Aussage, nicht aber die Frage »Ist der Apfel lecker?«, da sie selbst nicht wahr oder falsch sein kann. Ein Sach-verhalt ist das gegenständliche Korrelat einer Aussage. Wenn ein ihr entsprechender Sachverhalt besteht, d. h. wenn sein Gegenstand unter den ausgesagten Bedingungen existiert, ist eine Aussage wahr, anderenfalls falsch. Wahre Aussagen beziehen sich auf Tatsachen, d. i. bestehende Sachverhalte, nicht auf vorstellbare, aber nicht bestehende Sachverhalte. Ein Sachverhalt ist an sich weder wahr oder falsch, sondern besteht nur in Raum und Zeit; er ist das, was Aussagen wahr oder falsch macht, wie Thomas von Aquin erläutert: »dispositio rei est causa veritatis in opinione et oratione« (1875, S. 90). Das Gegenteil der realen Sachverhalte sind Fiktionen.

Der hier vertretene methodologische Ansatz besteht in einer Überprüfung der ontologischen Äquivalenzen, die von einer bejahenden Antwort auf die Forschungsfrage impliziert werden. Die Ontologie umfasst nur das wirkhalte aus, so dass in ihrem Rahmen eine objektive Überprüfung der Wahrheit von Aussagen, die etwas Konkretes behaupten, möglich ist. In Analogie zu der logischen Äquivalenz bezeichnen wir als ontologisch äquivalent Aussagen über raumzeitliche Sachverhalte, die ceterisparibus immer gleichzeitig wahr oder falsch sind. Sie beschreiben also stets denselben Sachverhalt. Wenn z. B. eine ontologische Äquivalenz zwischen Glück und Gesundheit besteht, bedeutet es, dass unter ähnlichen Bedingungen ein glücklicher Mensch gesünder sein muss als ein unglücklicher usw.

Wenn ceteris paribus jede gute Handlung die politische und kriegerische Macht eines bewussten Agenten erhöht und jede schlechte Handlung diese Macht unverändert lässt oder sie untergräbt, bedeutet dies, dass die Aussagen »Ein Agent führt willentlich eine gute Handlung aus« und »Ein Agent gewinnt Macht« ontologisch äquivalent in den jeweiligen Bereichen sind, d. h. denselben Sachverhalte beschreiben. Die allgemeinen, die politischen und die kriegerischen Äquivalenzen dieser Aussagen müssen daher überprüft werden, damit die Forschungsfrage beantwortet werden kann.

In der vorliegenden Untersuchung können nur bewusste individuelle oder kollektive Agenten berücksichtigt werden, denn nur bewusste Agenten können einen Willen haben, und dessen Erfüllung gilt als Zweck der Machtausübung. Derjenige, der handelt, und derjenige, der Macht gewinnt oder verliert, muss ein und dieselbe Person sein, damit die Äquivalenzen sinnvoll sind. Darum müssen die einbezogenen Handlungen willentlich sein, weil nur willentliche Handlungen die Handlungsfähigkeit eines bewussten Agenten ausdrücken, während seine unbewussten oder akzidentellen Handlungen einen externen Ursprung haben.

Ontologische Äquivalenzen können nur bestätigt werden, wenn die beteiligten Aussagen von denselben ontologischen Grundannahmen ausgehen. Geht hingegen die eine z. B. von der Annahme einer rationalen Ontologie und die andere von der Annahme einer chaotischen Weltordnung aus, beziehen sie sich auf grundverschiedene vorstellbare Sachverhalte und lassen sich deswegen nicht in einer ontologisch bedeutenden Gesamtaussage vereinen. Jede Aussage muss daher im Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit einer oder mehreren Ontologien überprüft werden; erst wenn es sich herausstellt, dass verschiedene Behauptungen in derselben Weltordnung koexistieren können, kann man der Frage nach ihrer Äquivalenz nachgehen.

Eine ontologisch konsequente Untersuchung der Wirkung guter Handlungen auf die Macht eines Agenten ist einem rein empiristischen Ansatz überlegen, denn sie verhindert von vornherein die Verbindung ontologisch unvereinbarer Aussagen. Ein weiterer Vorteil dieses Ansatzes ist, dass er eine Beantwortung der Forschungsfrage ohne zusätzliche Annahmen zur menschlichen Natur auf gattungsmäßiger und individueller Ebene erlaubt. Denn die Äquivalenz zwischen Aussagen im Rahmen derselben Ontologie hat keinen notwendigen Bezug auf die Eigenschaften einzelner Agenten.

Die allgemeinen, die politischen und die kriegerischen Äquivalenzen werden in fünfzehn Schritten untersucht:

(1) Identifizierung der grundlegenden Weltprinzipien und der aus ihnen ableitbaren Arten ontologischer Systeme,
(2) Begriffserklärung von »gut«,
(3) Bestimmung des notwendigen Weltprinzips für die absolute, d. h. nicht relative Unterscheidung zwischen gut und schlecht,
(4) Bestimmung der ontologischen Bedeutung der Aussage »Ein Agent führt willentlich eine gute Handlung aus« innerhalb des aus diesem Weltprinzip abgeleiteten ontologischen Systems,
(5) Begriffserklärung von »Macht«,
(6) Bestimmung des notwendigen Weltprinzips für die absolute, d. h. nicht relative Unterscheidung zwischen diesem Begriff und seinem Gegenteil, d. h. Ohnmacht,
(7) Feststellung der Gleichheit oder Ungleichheit dieses notwendigen Weltprinzips mit dem für den Begriff des Guten,
(8) Bestimmung der ontologischen Bedeutung der Aussage »Ein Agent gewinntMacht« innerhalb des aus diesem Weltprinzip abgeleiteten ontologischen Systems,
(9) Feststellung des ontologischen Äquivalenzverhältnisses zwischen den Aussagen »Ein Agent führt willentlich eine gute Handlung aus« und »Ein Agent gewinnt Macht«,
(10) Begriffserklärung des Politischen,
(11) Bestimmung der Bedeutung der Aussagen »Ein Agent führt willentlich eine gute politische Handlung aus« und »Ein Agent gewinnt politische Macht« innerhalb eines mit beiden Aussagen kompatiblen ontologischen Systems,
(12) Feststellung des ontologischen Äquivalenzverhältnisses zwischen den zwei letzten Aussagen,
(13) Begriffserklärung von Krieg,
(14) Bestimmung der Bedeutung der Aussagen »Ein Agent führt willentlich eine gute kriegerische Handlung aus« und »Ein Agent gewinnt kriegerische Macht« innerhalb eines mit ihnen kompatiblen ontologischen Systems,
(15) Feststellung des ontologischen Äquivalenzverhältnisses zwischen den letzten zwei Aussagen.

Ein nach dem besten Prinzip verfasstes politisches Gemeinwesen ist nicht nur das endgültige Ziel der willentlich guten politischen und kriegerischen Handlungen, d. h. das, was letztendlich in diesen Bereichen verteidigt und gefördert werden soll, sondern auch ein möglicher kollektiver Agent, der in der Gemeinschaft der politischen Einheiten politisch und militärisch agiert. Die Erreichung und Erhaltung der bestmöglichen Verfassung für eine politische Einheit soll also das Hauptobjekt der politischen und kriegerischen Anstrengungen sein. Deswegen widmet sich das letzte Kapitel der Feststellung der bestmöglichen politischen Verfassung.

Kapitel 2

Ontologischer Rahmen der Forschungsfrage

Um die ontologische Äquivalenz der Aussagen »Ein Agent führt willentlich eine gute Handlung aus« und »Ein Agent gewinnt Macht« zu überprüfen, muss ihre Bedeutung im Rahmen desselben ontologischen Systems bestimmt werden. Ontologische Systeme erklären ausgehend von einem bestimmten Weltprinzip die Ganzheit des Weltgeschehens. In grundverschiedenen ontologischen Systemen, d. h. in jenen, die von miteinander unvereinbaren Weltprinzipien ausgehen, hat dieselbe Aussage unterschiedliche Sachverhalte als Objekt. Wenn je nach Sachverhalt Aussagen jeweils immer gleichzeitig wahr und gleichzeitig falsch sind, bestätigt sich ihre Äquivalenz. Darum setzt die Beantwortung der Frage »Gewinnt man politische und kriegerische Macht, indem man auf den Gebieten der Politik und des Krieges ethisch gut handelt?« die Identifizierung der Weltprinzipien, aus denen die ontologischen Systeme abgeleitet werden, voraus. Ziel dieses Kapitels ist die Identifizierung der grundlegenden Weltprinzipien und der aus ihnen ableitbaren Arten ontologischer Systeme.

Als »letzte[n] Unterschied philosophischer Systeme« bezeichnet der Philosoph Friedrich Adolf Trendelenburg (1802-1872) den Unterschied, »welcher, in den allgemeinsten Elementen und Beziehungen begründet, die übrigen Unterschiede in sich aufnimmt und beherrscht«, denn »durch den Grundunterschied sind die übrigen bedingt« (1855, S. 1). Dieser Unterschied besteht Trendelenburg zufolge zwischen den Grundbegriffen »blinde Kraft« und »bewusster Gedanke«, weil sie sich auf die Grundlagen des Seins beziehen und daher mittelbar oder unmittelbar alle anderen philosophischen Begriffe bestimmen.

Als Kraft wird ein spezifisch raumzeitlich Wirkendes verstanden, im Gegensatz zu den Ideen, die möglicherweise außerhalb von Zeit und Raum und unabhängig davon, ob einzelne Menschen an sie denken oder nicht, wirken. Trendelenburg bezeichnet als blinde Kraft die dem bewussten Gedanken entgegengesetzte Möglichkeit des Seins. Kräfte sind »blind« oder »nackt«, insoweit sie unabhängig von bewussten Willensakten wirken.

Ein Streben wie das nach einem realen oder illusorischen Guten ist ein Beispiel für einen bewussten Gedanken. Trendelenburg nennt ein System, das dem bewussten Gedanken Vorrang vor der blinden Kraft gibt, Platonismus oder ideales philosophischesSystem. Von Demokritismus oder materialistischemSystem spricht er hingegen bei einem System, das den blinden Kräften Vorrang vor dem bewussten Gedanken zuschreibt. Spinozismus wiederum ist ihm zufolge ein philosophisches System, in dem bewusste Gedanken und blinde Kräfte eine ontologisch identische Stellung einnehmen. Diese Bezeichnungen verweisen auf die paradigmatischen Vertreter der jeweiligen Ansichten, ohne sich auf die Einzelheiten der jeweiligen Theorien zu beschränken. Trendelenburg erläutert diese drei ontologischen Möglichkeiten wie folgt:

Entweder steht die Kraft vor dem Gedanken, so dass der Gedanke nicht das Ursprüngliche ist, sondern Ergebniss, Product und Accidenz der blinden Kräfte; — oder der Gedanke steht vor der Kraft, so dass die blinde Kraft für sich nicht das Ursprüngliche ist, sondern der Ausfluss des Gedankens; — oder endlich Gedanke und Kraft sind im Grunde dieselben und unterscheiden sich nur in unserer Ansicht. Nur diese drei Stellungen von Gedanken und Kraft kann es geben; aber von den drei möglichen kann nur Eine die wirkliche und wahre sein. Daher liegen sie mit einander in Streit. (1855, S. 10)

Mit dieser Dreiteilung schöpft Trendelenburg die grundlegenden Möglichkeiten logisch kohärenter philosophischer Systeme – einschließlich der ontologischen – aus. Aber das Sein könnte unlogisch sein. In dieser Hinsicht ist der Voluntarismus, der der logischen Kohärenz die Willensfreiheit vorzieht, komplementär zu den drei Arten philosophischer Systeme nach Trendelenburg. Am Ende dieses Kapitels setzen wir uns mit dieser letzten Position auseinander.

Der ontologische Vorrang des einen oder des anderen Grundbegriffs bestimmt alle geistigen und physischen Sachverhalte und folglich die konkrete Bedeutung von Aussagen innerhalb eines ontologischen Systems. Dieser Vorrang kann daher Weltprinzip genannt werden. Die Wahrheit ontologischer Aussagen, einschließlich derjenigen, die die Handlungen bewusster Agenten und Machtverhältnisse einbeziehen, hängt von dem bestehenden Weltprinzip ab.

2.1 Ideale Systeme oder Platonismus

In idealen Systemen, die in der Kategorie Platonismus eingeordnet sind, wird der Gedanke als das Ursprüngliche vor und über die Kraft gestellt. Die Welt und ihre Glieder sind dieser Ansicht nach die Verwirklichung und Darstellung einer Idee und insofern ein »reales Gegenbild göttlicher Gedanken« (Trendelenburg 1855, S. 12). In der idealen Welt wären Logos und Kosmos, das vollzogene Denkbare und das Wirkliche, vereinigt. Die Kräfte existierten dementsprechend um dieses einheitlichen Gedankens willen. Darum könnten nur logisch nachvollziehbare und miteinander vereinbare Sachverhalte bestehen. Die »Herrschaft des vollkommenen Gedankens« (Trendelenburg 1855, S. 16) würde die ideale Welt, in der das Vernünftige und das Reale gleichbedeutend wären und nichts ohne einen nachvollziehbaren Grund geschähe, kennzeichnen. Das Erkennen wäre die primäre Aktivität in dieser idealen Welt, da alle Erscheinungen auf Gedanken zurückzuführen wären.

Wir nennen die dem platonistischen Weltprinzip entsprechende Ontologie »ideale Welt«, aber nicht gemäß dem allgemeinen Sprachgebrauch im Sinn einer Fiktion oder eines Paradieses, sondern im Sinn der ontologischen Möglichkeit einer auf einen Grundgedanken reduzierbaren Welt. Diese Vorstellung könnte unserer wirklichen Welt entsprechen, wie auch die demokritische und die übrigen Weltauffassungen.

2.1.1 Implikationen des bewussten Gedankens als Weltprinzip

Der ontologische Vorrang des bewussten Gedankens impliziert die gedank-liche Einheit des Seins, eine einheitliche kosmologische Ordnung. Denn nur durch diese Einheit könnte das Bewusstsein potenziell die Gesamtheit der Existenz umfassen und so durch keine blinde Kraft begrenzt sein. Das Vorhandensein eines unüberwindbaren gedanklichen Bruchs in der Weltordnung, z. B. einer unerklärlichen Aufhebung der Naturgesetze durch Wunder, würde den ontologischen Vorrang des Gedankens unmöglich machen. Insofern ist die gedankliche Einheit des Seins eine notwendige Implikation des Gedankens als Weltprinzip. Nur eine monistische Erkenntnistheorie wäre der Untersuchung der Phänomene im Rahmen einer idealen Ontologie angemessen.

Eine im höchsten Grade naturgemäße, spontane Lebensführung könnte in der idealen Welt prinzipiell unendlich weitergehen, denn sie würde der gedanklichen Einheit des Seins vollkommen entsprechen. Anders hingegen eine Lebensführung, die sich an logisch unvereinbaren und damit unnatürlichen Zwecken orientierte und deswegen langfristig unhaltbar wäre.

Der Gedanke an die absolute Einheit des Seins ist in dieser Sicht die höchste Form der Selbsterkenntnis, denn durch ihn wäre sich der Denker seiner Identität mit der Ganzheit des Seins bewusst. Holistisch gesehen würde in der idealen Welt die in ihren letzten Konsequenzen denkbare Möglichkeit mit der physischen Möglichkeit übereinstimmen. Wenn eine aus einer begrenzten Perspektive mögliche Handlung trotzdem nicht verwirklicht werden könnte, würde dies bedeuten, dass sie mit der Ganzheit der Natur logisch unvereinbar wäre. Dies kommt in Hegels berühmte Formulierung prägnant zum Ausdruck: »Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, ist vernünftig« (2013, S. 6).

Stimmen Sein und Denken überein, so sind die Ontologie und die Erkenntnistheorie des Platonismus wesentlich gleich. Der ontologische Vorrang des bewussten Gedankens impliziert also eine perfekt nachvollziehbare natürliche Ordnung und damit die Möglichkeit einer unfehlbaren Wissen-schaft, an deren Ende die Einsicht in die absolute Einheit der Welt läge.

Der Platonismus impliziert logisch vereinbare Kausalverhältnisse, denn nur so können die einzelnen Sachverhalte mit der Gesamtheit des Kosmos harmonisieren und nur so kann eine absolute Einheit des Seins bestehen. Die Suche nach allgemeinen Prinzipien würde hier die strukturierenden Ideen hinter den vielfältigen Erscheinungen stückweise offenbaren und ultimativ zum Bewusstwerden der existenziellen Einheit führen. Da die vielfältigen Erscheinungen auf einfachere Ideen zurückzuführen wären, müsste Wirklichkeit eher diesen Ideen als den Erscheinungen zugesprochen werden. Die absolute Einheit des Seins gilt hierbei als die wirklichste Idee. In diesem Sinne beschreibt Platon die vielfältigen und wandelbaren Erscheinungen als »Schatten« der wirklichen Ideen (2011, S. 261f. (rep. 532a–c)).

Die ideale Einheit des Seins wäre in der idealen Welt in jedem Anblick der Natur ausgedrückt, so dass sogar Ereignisse, die den gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorien widersprächen, sich letztendlich als notwendiger Bestandteil der kosmologischen Ordnung erweisen müssten. Nicht nur deduktives Denken, sondern auch jede empirische Erfahrung müsste auf den vereinenden Grundgedanken hinweisen, der wie durch eine zentripetale Kraft das Bewusstsein in einer annähenden Spirale um sich herum steuern würde. Aus diesem Grund wäre der Aufstieg von Unwissenheit zu Wissen unvermeidbar für denjenigen, der, ohne sich durch die vielfältigen Erscheinungen ablenken zu lassen, konzentriert nach der Wahrheit suchte. Ein vernünftiges Wesen könnte prinzipiell jede natürliche Erscheinung korrekt verstehen. Diese Ansicht hat Heraklit vor Platon vertreten: »Es gibt nur eine Weisheit: ein vertrautes Verhältnis zur Einsicht, nach der alles gelenkt wird« (2011, S. 263 (DK 22 B 41)).

Die einfachsten wissenschaftlichen Erklärungen sind dem Platonismus zufolge nicht nur erkenntnistheoretisch vorteilhaft, sondern auch tatsächlich die besten Beschreibungen realer Verhältnisse. Denn die vielfältigen Erscheinungen könnten in der idealen Welt auf einfachere Prinzipien und diese wiederum auf den Grundgedanken, der das Sein vereinigte, zurückgeführt werden. Das Prinzip, das bei der Bildung von erklärenden Theorien höchstmögliche Sparsamkeit gebietet, auch bekannt als Ockhams Rasiermesser, hätte zusätzlich zu seinem erkenntnistheoretischen Nutzen eine ontologische Begründung. Jetiefer das Verständnis der natürlichen Kausalverhältnisse, mit desto größerer Gewissheit könnte man die Möglichkeit der Existenz hypothetischer Wesen a priori untersuchen.

Die Einsicht in die absolute Einheit der Welt ließe sich demnach nicht durch die zufällige Anhäufung einzelner Kenntnisse erreichen, sondern nur durch die Vereinfachung und Verallgemeinerung der Gedanken und Erfahrungen. Aus diesem Grund könnte ein künstlicher superintelligenter Agent nicht allein wegen seiner überlegenen Rechenleistung einen bewussten Geist, der aus den vielfältigen Ereignissen grundlegender Prinzipien zu abstrahieren vermag, bei der Naturbeherrschung übertreffen (vgl. Kap. 6). Denn je komplizierter die Theorien wären, desto weiter stünden sie von der Wirklichkeit entfernt.1 Aus der nachvollziehbaren Ordnung der idealen Ontologie folgte ein technischer Rationalismus in dem Sinne, dass die Erfüllung bestimmter, nachvollziehbarer Bedingungen ceterisparibus notwendigerweise zur Verwirklichung des gesetzten Zwecks führt.

In der logisch kohärenten Welt des Platonismus könnte nur eine informierte Handlung, die die Zusammenhänge zwischen den Dingen berücksichtigte, das erwünschte Ergebnis hervorbringen. Die Effektivität von Handlungen hinge deswegen von der Anwendung eines durch unbeteiligte Untersuchungen der natürlichen Potenzialitäten und Grenzen der Dinge, einschließlich der des menschlichen Körpers und Geistes, erlangten Wissens ab. Ginge man von falschen Annahmen aus, könnte man nicht das erwünschte Ergebnis selbständig hervorbringen. Ideologien müssten zur effektiven Handlung vermieden werden, da sie den Erkenntnisprozess willkürlich beschränken.

Bei Abwesenheit einer einheitlichen kosmologischen Ordnung müssten jedoch die einfachsten wissenschaftlichen Erklärungen, z. B. im Bereich der Physik, nicht unbedingt die natürlichen Erscheinungen angemessener beschreiben als inkohärente oder kompliziertere Theorien. Ob die Welt wirklich eine solche Einheit ist, kann selbst in Anbetracht des experimentellen Erfolges der einfachsten allgemeinen Theorien und der konsequenten Ablehnung komplizierterer Alternativen nicht empirisch bestätigt werden, da Weltprinzipien und ihre systemischen Implikationen der Ausgangspunkt empirischer Untersuchungen sind, nicht deren Forschungsobjekte.

2.2 Materialistische Systeme oder Demokritismus

In materialistischen Systemen, die unter die Kategorie Demokritismus fallen, wird die blinde Kraft als das Ursprüngliche vor und über den Gedanken gestellt. Der Demokritismus ist wegen seiner Leugnung der kosmologischen Ordnung dem Platonismus diametral entgegengesetzt.

Die Bezeichnung »materialistisch« für diese Art ontologischer Systeme verweist auf das Verständnis der materiellen Wirklichkeit als die unabhängige Ursache des Denkvermögens und alles anderen. Bewusste Gedanken haben dieser Ansicht nach ihre tiefsten Wurzeln in einer absolut undenkbaren Realität. Ein Bewusstsein könnte zufälligerweise aus dem Zusammenspiel blinder Kräfte in einer Struktur wie dem menschlichen Gehirn entstehen, ohne dass dabei der Gedanke eine ontologisch notwendige Rolle spielte. Der ontologische Vorrang der blinden Kräfte impliziert, dass das Wirkliche jenseits des Denkvermögens besteht.

Die von Leukipp und Demokrit theoretisierte atomare Welt ist ein paradigmatisches Beispiel für eine durch blinde Kräfte konstituierte Wirklichkeit. Ihrer Theorie zufolge lassen sich alle physikalischen und geistigen Vorgänge auf die Bewegung unzerstörbarer Teilchen, auch bekannt als Atome, im Leerraum reduzieren. Atome sind in diesem philosophischen Sinne nicht gleichbedeutend mit den Atomen der modernen physikalischen Terminologie, da nach der modernen Auffassung diese Partikel prinzipiell teilbar sind, so dass sie, als zusammengesetzte Entitäten, kein Weltprinzip darstellen können. In der atomaren bzw. materialistischen Welt im philosophischen Sinne entstünden alle Erscheinungen aus dem Zusammenkommen und Auseinandergehen dieser Partikel. Menschen, Tiere und andere nichtatomare Entitäten bildeten keine einheitlichen Wesen, sondern Zusammensetzungen absolut unzerstörbarer Teilchen. So fungieren Atome in dem von Leukipp und Demokrit entwickelten ontologischen System als blinde Kräfte.

Aufgrund des Mangels an einem einheitlichen Organisationsprinzip wäre die Welt der blinden Kräfte nicht nur der Erscheinung nach, sondern tatsächlich chaotisch. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Ereignissen könnte in einer solchen Wirklichkeit keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben.

2.2.1 Implikationen der blinden Kräfte als Weltprinzip

Über die bestehenden Kausalverhältnisse zwischen den blinden Kräfte könnte man sich nie sicher sein, da sie unabhängig von nachvollziehbaren Regeln wirkten. Weder ein unbegrenztes noch ein begrenztes Organisationsprinzip wäre in der materialistischen Welt zu finden. Die Wiederholung desselben Geschehens unter denselben Bedingungen wäre also ungewiss trotz der durch Erfahrung suggerierten Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit der Erscheinungen. Es gäbe keinen Grund zu glauben, dass die Erfahrung uns über die Natur des Wirklichen belehrte; die Entwicklung praktisch anwendbarer wissenschaftlicher Theorien wäre deswegen prinzipiell unmöglich. Wissenschaftliche Theorien setzen eine Vereinigung der Kräfte unter einem Gedanken voraus, was dem ontologischen Vorrang der blinden Kräfte widerspricht. Der Demokritismus impliziert daher die prinzipielle Unmöglichkeit zuverlässiger Erkenntnis, d. h. einen erkenntnistheoretischenIrrationalismus.

Aus dieser unüberwindbaren Unwissenheit würde ein technischer Irra-tionalismus folgen – technische Rationalität setzt ja vorhersehbare kausale Verhältnisse zwischen Mitteln und Zwecken voraus. Man könnte nur hoffen, dass manche Kausalverhältnisse langfristig bestehen, und seine Handlungen an dieser Hoffnung ausrichten.

2.3 Spinozismus

Der Spinozismus geht von der substanziellen Identität von bewusstem Gedanken und blinder Kraft aus. Aufgrund dieser Identität gilt keiner der beiden philosophischen Grundbegriffe als ontologisch vorgängig. Die ontologische Gleichrangigkeit von Gedanken und Kräften als Eigenschaften einer allumfassenden Substanz kennzeichnet den Spinozismus. Diese Substanz wäre das Weltprinzip einer solchen Ontologie.

Unter Substanz versteht Spinoza »das, was in sich ist und aus sich begriffen wird, d. h. das, dessen Vorstellung nicht der Vorstellung eines anderen Gegenstandes bedarf, um daraus gebildet werden zu müssen« (1967, S. 87 (ii45)). Anders als die besonderen Kräfte und Gedanken lässt sich die spinozistische Substanz durch kein Wesen gleicher Art begrenzen. Aus seinen Axiomen und Lehrsätzen folgert Spinoza, dass eine Substanz existiert, sich selbst verursacht und unbegrenzt ist. Substanz im spinozistischen Sinne ist ein unbedingt unendliches Wesen; sie umfasst die Gesamtheit des Seins, einschließlich aller Kräfte und Gedanken. Aus dieser Unbegrenztheit ergibt sich, dass es nur eine Substanz geben kann, da die Existenz einer zweiten Substanz sie begrenzen würde (1967, S. 98–106 (ii52-57)).

Besondere Gedanken und Kräfte sind – anders als die spinozistische Substanz – durch andere Wesen gleicher Art begrenzt. Als Teile einer untrennbaren Einheit könnten sie sich nur dem Anschein nach, nicht aber im Grunde unterscheiden; sie würden als Eigenschaften der allumfassenden Substanz subsistieren. Aufgrund ihrer völligen Abhängigkeit von der Substanz hätten blinde Kräfte und bewusste Gedanken keine eigentümliche ontologische Bedeutung.

2.3.1 Implikationen der Substanz als Weltprinzip

Gedanken und Kräfte wären in der spinozistischen Welt nicht als solche miteinander verbunden, sondern nur über die Substanz. Darum könnten sie in keinem festen Zusammenhang stehen. Spinoza behauptet: »Die Ordnung und Verknüpfung der Vorstellungen ist dieselbe, wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge« (1967, S. 169 (ii89)). Dementsprechend wäre jeder Gedanke ein gleichberechtigtes Korrelat zu jedem Sachverhalt. Unter denselben Bedingungen müsste sich nicht unbedingt derselbe Sachverhalt herausbilden, wenn sich die Vorstellung von den Verknüpfungen zwischen den Einzelelementen des Sachverhalts änderte. Es gäbe kein Kriterium zur Unterscheidung zwischen wahrem Wissen und Irrtum, so dass unendliche gleichwertige Erkenntnistheorien entwickelt werden könnten.

Aus der Unbestimmtheit des Verhältnisses zwischen Kräften und Gedanken folgt in dieser Sicht, dass der praktische Erfolg einer Handlung von keinem bestimmten Wissen abhängt. Der Spinozismus impliziert deswegen einen erkenntnistheoretischen und einen technischen Irrationalismus.

2.4 Ontologischer Voluntarismus

Der ontologische Voluntarismus geht vom ontologischen Vorrang des Willens aus: Der Wille stellt nach dieser Weltanschauung das Ding an sich oder das Weltprinzip dar.

In der voluntaristischen Ontologie gilt der Wille als ein vom Verstand unabhängiges handlungsleitendes Streben und als erster und freier Beweger des Weltgeschehens. Der Verstand, wie alles andere, wäre dementsprechend eine Schöpfung des Willens. Der Wille würde im wahrsten Sinn des Wortes die Welt konstruieren.

Die Unbestimmtheit des Willens wäre in der voluntaristischen Welt der Grund für seine einzigartige Eigenschaft, gegenteilige Wirkungen ausüben zu können (vgl. Duns Scotus 2000, S. 385). Der von Duns Scotus verwendete Satz »voluntasvult« (der Wille will) (2000, S. 374) drückt die voluntaristische Annahme der absoluten Unabhängigkeit und schaffenden Kraft des Willens aus. Die Unbestimmtheit des Willens würde seine absolute Freiheit implizieren.

In diesem Sinne enthält der Wille zugleich die Eigenschaften von blinder Kraft und bewusstem Gedanken: Einerseits könnte er als selbstbestimmte, nicht verursachte Ursache alles Geschehens einschließlich des Verstandes nicht begründet werden, ganz wie die blinde Kraft in der materialistischen Wirklichkeit; der Wille bezöge sich anderseits notwendigerweise auf ein Bewusstsein, das selbst keinen blinden Kräften unterläge, wie der bewusste Gedanke in der idealen Welt. Der voluntaristische Willensbegriff ist daher selbstwidersprüchlich, insofern er den »letzten Unterschied philosophischer Systeme« aufhebt. Aber dieser Umstand ist aus voluntaristischer Sicht unproblematisch, da der Verstand dem Willen untergeordnet wäre, nicht umgekehrt.

2.4.1 Implikationen des Willens als Weltprinzip

Der Voluntarismus führt zu einer irrationalistischenErkenntnistheo-rie. Denn wenn ein absolut freier Wille den Verstand bestimmte, wären die Erscheinungen prinzipiell unvorhersehbar und daher unverständlich. Die Verständlichkeit der Erscheinungen setzt ja eine beständige Ordnung voraus, die durch einen absolut freien Willen jederzeit gestört werden könnte.

Selbst wenn verständliche Naturgesetze durch einen Ausgleich entgegengesetzter Willenskräfte entstehen könnten, wäre diese Verständlichkeit stets von der Möglichkeit bedroht, dass dieser Ausgleich wieder zerbricht. Wäre der Wille absolut frei, könnte nichts verhindern, dass das Verhältnis zwischen den verschiedenen Willen sich plötzlich radikal änderte. Die Erfahrung wäre damit keine Basis für die Orientierung des Handelns in einer stets veränderbaren kosmologischen Ordnung. Daraus folgte ein technischer Ir-rationalismus.

2.5 Fazit

Der fundamentale Unterschied philosophischer Systeme bezieht sich auf die grundlegende Existenzform oder das Weltprinzip. Zu den möglichen Weltprinzipien zählen ein allumfassender bewusster Gedanke (Platonismus), eine Vielheit blinder Kräfte (Demokritismus), eine absolute Substanz, in der Kraft und Gedanke als deren gleichwertige Eigenschaften gelten (Spinozismus), und ein absolut selbstbestimmter Wille (Voluntarismus). Aussagen, die von unterschiedlichen Weltprinzipien ausgehen, sind unvergleichbar, da sie sich auf grundverschiedene vorstellbare Welten beziehen.

Es hat sich herausgestellt, dass nur der Platonismus mit der Rationalität im Bereich der Erkenntnistheorie und der technischen Handlungsorientierung vereinbar ist. Denn nur bei ihm sind die Gedanken nicht zufällig miteinander und mit den Kräften verknüpft, sondern durch einen allumfassenden Grundgedanken. Aus den anderen ontologischen Systemen können nur irrationalistische Erkenntnistheorien abgeleitet werden, die zur Handlungsorientierung in den ihnen entsprechenden Welten ungeeignet oder überflüssig wären. Die demokritische Welt bestünde aus einer Pluralität blinder Kräfte, die weder im Ganzen noch in Teilen begriffen werden könnte. Die spinozistische Substanz ist unvereinbar mit festen Zusammenhängen zwischen Gedanken und Kräften, die zur Unterscheidung zwischen rationalen und irrationalen Handlungen nötig sind. Und in der voluntaristischen Wirklichkeit könnte die Willensfreiheit jederzeit die bestehende Weltordnung umwandeln und so die praktische Anwendbarkeit des erlangten Wissens aufheben.

Wissenschaftliche Theorien, die den ontologischen Vorrang des bewussten Gedankens nicht annehmen, gelangen zu den krassesten logischen Widersprüchen, wie im Falle des von Francis Bacon vorgeschlagenen empiristischen Ansatzes: »all relative and accidental conditions of essences [should] be handled according to their effects in nature, and not logical ly« (1901, S. 147). Lehnt man jedoch die natürliche Ordnung ab, findet man auch keinen Grund, um aus der Erscheinung der Gesetzmäßigkeit in der Natur derer Vorhersehbarkeit abzuleiten. Auch die empirische Wissenschaft setzt die logische Einheit der Welt voraus.

[...]


1 In der englischen Originalübersetzung von Zarathustras Yasna 48.2: »Will the truthful one defeat the deceitful one?«

1 Die Vermehrung der Daten zur Ableitung statistischer Kausalverhältnisse (big data) kann allein kein besseres Verständnis der realen Zusammenhänge hervorbringen, wenn das Wissen über die Richtung der Kausalverhältnisse nicht verfügbar ist – nur durch ein solches Wissen kann man fiktive und zufällige Zusammenhänge von realen unterscheiden; siehe diesbezüglich die Kritik und Lösungsversuche des Informatikers Judea Pearl in The Book of Why: The New Science of Cause and Effect (2018, Basic Books). Eine künstliche Intelligenz könnte die Natur effektiver beherrschen und möglicherweise bei der Verfolgung menschenfeindlicher Zwecke wie etwa durch Atomkriege das Überleben der Menschheit gefährden, wäre sie noch fähiger als die menschliche Intelligenz bei der Identifizierung allgemeiner Prinzipien und grundlegender Kausalverhältnisse, denen die einzelnen Phänomene in der idealen Ontologie untergeordnet wären. Der Unternehmer Elon Musk und der Philosoph Nick Bostrom befürchten ein solches Szenario und unterstützen finanziell bzw. intellektuell Forschungen zur Verhinderung der Entwicklung einer menschenfeindlichen künstlichen Intelligenz, die die menschliche Intelligenz nicht mehr in der Lage sei, unter Kontrolle zu bringen; siehe Nick Bostroms 2014 erschienenes Buch Superintel ligence: Paths, Dangers, Strategies (Oxford University Press) und Elon Musks Interview aus dem Jahr 2017 »How AI is dangerous« (https://www.youtube.com/watch?v=kaJgt1uyiJ8).

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Macht und das Streben nach dem Guten
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Sozialwissenschaften
Note
2
Autor
Jahr
2019
Seiten
62
Katalognummer
V489156
ISBN (eBook)
9783668962972
ISBN (Buch)
9783668962989
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische Philosophie, Platonismus, Krieg, Macht, Ethik
Arbeit zitieren
Renato Teixeira Campos de Melo (Autor), 2019, Macht und das Streben nach dem Guten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489156

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