Die Rückkehr des Mythos. Botho Strauß‘ Mythoskonzeption im "Anschwellenden Bocksgesang" und "Ithaka"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Anschwellende Bocksgesang
2.1 Entstehung und Rezeption
2.2 Mythos- und Tragödienrezeption

3. Von der Gestalt der neuen Tragödie in Ithaka
3.1 Entstehungs- und Stoffgeschichte
3.2 Die Rolle des Chors
3.3 Die Gesellschaft in Ithaka
3.4 Penelope
3.5 Die Saalschlacht als Katharsis
3.6 Die doppelte Anagnorisis
3.7 Die Aussöhnung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Botho Strauß gehört zweifelsohne zu den wohl meist diskutiertesten und mitunter auch sehr häufig gespielten Dramatikern der zeitgenössischen Gegenwartsliteratur. Berühmtheit erreichte er u.a. mit seinem 1993 erschienenen Essay Anschwellender Bocksgesang. Drei Jahre später erschien sein mit Spannung erwartetes Drama mit dem Titel Ithaka. Auch dieses löste bereits im Vorfeld eine große Debatte aus, da z.B. der berühmte Schauspieler Helmut Griem sich weigerte, die Rolle des Odysseus zu spielen und daher von der Rolle zurücktrat. Mit Spannung erwartet wurde es vor allem deshalb, weil man spekulierte, dass das Stück in einem inhaltlichen Zusammenhang zum Anschwellenden Bocksgesang stehen würde.

Inhaltliche Überscheidungen des Essays und des Dramas sind natürlich vorhanden und auch leicht zu analysieren. Doch dazu liegen bereits umfangreiche Arbeiten vor, die dies durchaus sehr detailliert und kleinschrittig analysiert haben.1 Odysseus, der Träger des Mythos, kehrt nach 20-jähriger Abwesenheit in die geschichtsvergessene und mythenleere Gegenwart der degenerierten Freier zurück und stellt mithilfe einer blutigen Rache die alte, göttliche Ordnung wieder her. Diese Arbeit setzt daher einen anderen Schwerpunkt. Sie widmet sich dem Mythos- und Tragödienverständnis Botho Strauß‘. Denn Botho Strauß übt nicht nur eine teilweise durchaus radikale Kulturkritik am herrschenden Diskurs, sondern er entwirft in diesem Kontext ein poetologisches Programm über die Rückkehr des Mythos in unsere postmoderne Gesellschaft. Außerdem stellt er die Frage nach der Tragödie Zukunft und beantwortet diese teilweise selbst. Demnach soll zuerst sein Essay Anschwellender Bocksgesang untersucht und eben dieses Programm herausgearbeitet werden.

Im zweiten und umfangreicheren Teil der Arbeit wird nun Ithaka unter den vorher erarbeiteten Gesichtspunkten analysiert. Hierzu werden zentrale Stellen des Dramas detailliert untersucht und bewertet. Vor allem die Bearbeitungstendenz Strauß‘ im Unterschied zum Prätext der Odyssee von Homer liefert aufschlussreiche Erkenntnisse zu Strauß‘ Mythoskonzeption. Diese Bearbeitungstendenz zeigt deutlich, dass es Strauß trotz der oftmals erdrückenden Nähe am epischen Original gelungen ist, eigene Akzente zu setzen. Hierzu muss während der Analyse des Textes zwischen dem poetologischen Programm, welches als eine Art Überbau dient, und den inhaltlichen Aussagen, die sozusagen von ebendiesem Programm abhängen, differenziert werden. Anhand einer exemplarischen Untersuchung soll also die Beschaffenheit des Überbaus konkretisiert werden. In dieser Arbeit wird also der Versuch unternommen, zu zeigen, dass die Ithaka keinesfalls eine reine eins-zu-eins-Umsetzung des Anschwellenden Bocksgesangs in ein Drama ist, sondern dass es sich um einiges komplexer verhält.

2. Der Anschwellende Bocksgesang

2.1 Entstehung und Rezeption

Botho Strauß‘ Essay Anschwellender Bocksgesang erschien 1993 im Magazin „Der Spiegel“2 und löste eine heftige Debatte aus, die sich zuerst auf die Feuilletons beschränkte, um dann später in der fachwissenschaftlichen Literatur fortgesetzt zu werden. Die Auseinandersetzungen verließen oftmals die inhaltliche Ebene und wurden, vor allem Botho Strauß gegenüber, schnell persönlich und emotional. Botho Strauß sah sich schnell mit allerlei Vorwürfen konfrontiert, angefangen von einem reaktionären Duktus hin zu faschistischen Tendenzen.3

Dabei muss man sein Werk im Kontext der Zeit lesen. Die Wiedervereinigung entfachte eine Debatte über die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen, über Schuld, über Gemeinsames und Fremdes, über Zivilisation und Kultur.4 Die Positionen der Intellektuellen der alten Bundesrepublik wurden in Frage gestellt und standen unter einem immer größeren Legitimationsdruck.5 Botho Strauß beklagt, dass diese Positionen zu einem zeitgenössischen Konformismus geworden sind und übt damit Kritik an der herrschenden Diskursethik. Strauß, der die Mechanismen seiner Zeit sehr gut zu kennen scheint, lässt auf ein Stickwort hin („rechts zu sein“6 ) seine Kritiker in abwehrende Reflexe verfallen und bestätigt damit seine These über eine linke Meinungshegemonie, die die eigentlichen Aussagen seines Essays nicht einmal mehr zur Kenntnis nimmt.7

Schon allein die Publikation selbst – ein Polit-Magazin – weist daraufhin, dass Botho Strauß, einer der bekanntesten Dramatiker seiner Zeit, politische Kritik mit einem ästhetischen Programm verband. Botho Strauß geht es nicht nur einfach um Effekthascherei, sondern hinter seiner Kritik an den zeitgenössischen Positionen verbirgt sich ein poetologisches Programm, in dessen Zentrum der Mythos und die Tragödie stehen. Strauß überträgt also ästhetische Kategorien auf politische und zeitgeschichtliche Phänomene. Dies soll im folgenden Abschnitt herausgearbeitet werden.

2.2 Mythos- und Tragödienrezeption

Die Wiederkehr der Tragödie ist bereits im Titel erkennbar. Der „anschwellende Bocksgesang“8, also der Gesang anlässlich eines Bocksopfers, verweist auf die Herkunft der Tragödie aus dem Opferritual. Das Opfer selbst ist also Teil der tragischen Handlung. Strauß rezeptiert die Tragödie, indem er ihre Herkunft rekonstruiert. Er führt die Tragödie wieder zurück zu ihrem Ursprung, dem politischen und sozialen Alltag. Ihm geht es nicht um die aristotelischen Gattungsmerkmale, sondern um ihre Wirkung, die sie durch die Präsentation des Schreckens im Opfer auslöst.9 Die Tragödie soll durch das Nachspielen des Schreckens auf der Bühne die Möglichkeit „für das Erfahren des Unheils [und] es ertragen zu lernen“10 geben. Die Tragödie bot also einen Rahmen, in welchem der Schrecken mithilfe der Sprache ausgedrückt und somit wahrgenommen und akzeptiert werden konnte.11 Diesen Rahmen möchte er rekonstruieren, damit man das Unheil – „denn es ist Unheil wie eh und je“12 – ertragen kann, welches drohend und immer lauter werdend anschwillt und sich damit bemerkbar macht. Man muss dem Unheil ins Auge blicken und es nicht kleinreden oder verharmlosen.

Doch unsere Gesellschaft droht an diesem Unheil zu zerbrechen, denn sie ist unfähig zur Tragödie. Dem durch die Massenmedien geformten Menschen dient „jeder nur erdenkliche Schrecken zu Unterhaltung“13. Der Schrecken wurde zur Lust transformiert, damit ist die kathartische Wirkung nicht mehr möglich und die Konflikte bleiben ungelöst.14 Die Gegenwart ist geprägt von einem Erinnerungs- und Geschichtsverlust, es herrscht eine „Totalherrschaft der Gegenwart“15, die zu einem Erodieren des Wertefundaments und damit zu einer Gesellschaftskrise füht, da die Menschen jeglichen Halt verloren haben. Halt bietet nur noch ein Auskosten des Augenblicks in der Gegenwart.16 Doch darin liegt eine Gefahr, wie Strauß im Folgenden analysiert. Die mythenleere Gesellschaft wird dem herannahenden Einbruch des Mythischen, der „Wiederkehr der Götter“17, nichts entgegenzusetzen haben. Sie wird mit etwas konfrontiert, dessen Umgang sie verlernt hat und steuert so unweigerlich auf eine Katastrophe zu. Der Mythos trifft in ein sinnentleertes Vakuum und führt somit zu einem Schrecken, der nicht bewältigt werden kann. Die Verdrängung des Mythos führt zu einer derart heftigen Gegenreaktion, welche droht, jegliche staatliche Ordnung zu zerstören.18

Der Mythos hat eine Vorbildfunktion, indem er die Erinnerung an die Ursprünge des eigenen Handelns ritualisiert und somit Modellfälle bereitstellt. Der Mythos wirkt somit kultur- und identitätsstiftend. Geht die Erinnerung an den Mythos allerdings verloren, so verliert der Einzelne stückweit seine Identität. Er wird zum „Gegenwartsnarren“19, der ziellos umherstreift und nicht mehr weiß, was ihn in Bewegung hält. Somit entzieht sich dem Individuum das Verständnis über den Mythos und er ist hilflos seinem Einbruch in die Gegenwart ausgeliefert. Da die Wirkungsästhetik der Tragödie nun ihre Wirkung nicht mehr entfalten kann, findet der Schrecken nicht mehr als inszenierter Ausnahmezustand auf der Bühne des Theaters statt, sondern er wird Wirklichkeit. Die Tragödie ist also keine literarische Gattung mehr, sondern eine Erscheinungsform der erlebten Realität.20

Als letzte Konsequenz aus diesem Konflikt tritt ein „Kulturschock [ein], der nicht die Wilden trifft, sondern die verwüstet Vergesslichen“21 Ein Kulturschock, der durch das Aufeinandertreffen des Mythos, einer Epiphanie gleich, mit einer geschichtsvergessenen Kultur entsteht und das Ende der modernen Welt markiert.22 Nun könnte man Strauß unterstellen, dass er diesen Kulturschock herbeisehne. Dem ist mitnichten so. Ganz im Gegenteil: Strauß hofft als Rechter aus einen „tiefgreifenden (…) Sinneswechsel“23, der den anschwellenden Bocksgesang noch abzudämpfen weiß. Der Kulturschock, den Strauß prophezeit, ist allerdings vorhersehbar. Er kündigt sich an mit einem leichten Rumoren aus dem Untergrund und schwillt dann immer vernehmbarer an. Wie ein kaum zu verortendes Bauchgefühl ergreift er von den Menschen Besitz, doch die Geschichtsvergessenen können ihn nicht identifizieren. Es ist der „Terror des Vorgefühls“24, von dem Botho Strauß spricht. Nur diejenigen, die diese „seismischen Erschütterungen im Vorfeld des Ereignisses zu interpretieren verstanden“25, sehen die Tragödie herannahen. Ziel des oben erwähnten Sinneswandels muss es sein, den „Wiederanschluss an die lange Zeit“26 herzustellen, um so die Gegenwart wieder für den Schrecken der Tragödie zu sensibilisieren.

Botho Strauß‘ Lösungsansatz ist eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit. Das Rechte, zu dem er sich bekennt, ist – kulturhistorisch betrachtet – eine Abwendung von der linken Utopie der Zukunft hin zu einer der Utopie der Vergangenheit. Es braucht eine neue Bildung des Mythischen und somit eine Abkehr von der ideologisch links geprägten Bildung:27

„Die Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Zeitgenossenschaft, verendet vor der politischen Unwissenheit jener für ein bis zwei Generationen zugestopften Erziehungs- und Bildungsstätten, Horste der finstersten Aufklärung28

Diese neue Bildung muss als Ziel haben, das kulturelle Erbe zu bewahren. Dieses kulturelle Erbe ist für ihn nicht spezifisch national, sondern reicht von „Homer bis Hölderlin“29, also bis in die Antike zurück, und ist damit explizit abendländisch.

Der zentrale Akteur dieser Rückbesinnung ist für Botho Strauß der Dichter. Ihm obliegt die Aufgabe das kulturelle Erbe zu rezipieren und damit dem Göttlichen wieder in der Kunst der Gegenwart zur Realpräsenz zu verhelfen.30 In Zeiten der Massenmedien (der „zehn Millionen RTL-Zuschauer“31 ) kann er aber mit seiner Botschaft nicht durchdringen, da der Lärm der Gegenwart alles übertönt. Damit er nicht zugrunde geht, brauch er einen Rückzugsraum, eine „Schutzzone“32 vor dem Getöse der Welt. Der Dichter ist verdammt zum Außenseitertum, er muss sich vom Mainstream abwenden und in die Sezession gehen.33 Nur dort kann das kulturelle Erbe, der Mythos gepflegt und erhalten werden. Der Dichter ist Kenner der Vergangenheit und er kann somit Kunstwerke erschaffen, die später auf die Gesellschaft zurückstrahlen können.34 Die Bildung, die der Dichter somit den Menschen zuteilwerden lässt, ist rein ästhetischer Natur, denn die Besserung kommt von der Kunst. Das Abgesonderte und Ausgegrenzte muss sich stärken, damit es das schwache Allgemeine durchbrechen kann. Die Trennlinie zwischen Beiden muss – so zeigt es die Katharsis der Tragödie – hart und klar erkennbar sein. Der neue Kunstbegriff des Botho Strauß muss sich klar von der Gegenwartskultur unterscheiden.35 Kunst wird also zu etwas elitärem, das nicht allen gehört, sondern nur einem kleinen Kreis versprengter Abgesonderter, und zum Träger der von Strauß skizierten „Tiefenerinnerung“36.

Wie lässt sich nun die „Gestalt der künftigen Tragödie“37 beschreiben? Sie hat als Kern den Einbruch des Irrationalen, welcher bereits im Vorfeld durch Vorzeichen vernehmbar ist. Die Konfliktlinien werden zwischen dem Mythos und der Tradition, sowie dem Orientierungslosen und Vergessenden verlaufen.38

3. Von der Gestalt der neuen Tragödie in Ithaka

Wie im vorherigen Kapitel analysiert, verbirgt sich im Anschwellenden Bocksgesang ein poetologisches Programm, welches die Tragödie als Verarbeitungsmechanismus des Schreckens definiert. Der Mythos trifft auf eine mythen- und damit sinnentleerte Gesellschaft, die mit diesem Phänomen wiederum nicht umgehen kann. Der Schrecken der Tragödie, da er nicht mehr auf der Bühne verarbeitet werden kann, wird Realität. Abhilfe kann nur eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit leisten. Es soll nun im Folgenden untersucht werden, inwieweit diese Tragödien- und Mythosdefinition des Botho Strauß in seinem Drama Ithaka umgesetzt wird.

3.1 Entstehungs- und Stoffgeschichte

Botho Strauß‘ Drama Ithaka erschien 1996 und wurde am 19. Juli desselben Jahres an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es ist die erste reine Mythentragödie, die Strauß verfasst hat.39 In seinem Vorwort zur Ithaka schreibt er, dass dieses Drama „eine Übersetzung von Lektüre ins Schauspiel“40 sei. Er verarbeitet also den epischen Prätext in ein Drama um. Der Prätext sind hierbei die Bücher XIII – XXIV der homerischen Odyssee. Die Geschichte wird hierbei größtenteils ihrer epischen Chronologie folgend in einem äußerst konservativen Stil dramatisiert. Die Sprache des Dramas folgt dabei sehr textnah den von Botho Strauß verwendeten Übersetzungen von Heinrich Voß und Anton Weiher.41 Allerdings weicht er an entscheidenden Stellen vom Prätext ab und setzt so entscheidende Akzente. Strauß folgt also demselben Prinzip, dem bereits die attischen Tragiker folgten, die ebenfalls aus den epischen Erzählungen Tragödien formten. Formal entsprich seine Tragödie der klassischen Tragödie, indem sie ebenfalls aus fünf Akten aufgebaut ist. Der Vers wird allerdings – so Strauß in seinem Vorwort – einer besseren Beweglichkeit geopfert.42 Inhaltlich spielen sich hier, wie bereits gesagt, die letzten Szenen der Odyssee ab. Odysseus kehrt nach zehn Jahren Krieg und anschließenden zehn Jahren Irrfahrt in seine Heimat nach Ithaka zurück. Strauß beschreibt diese Rückkehr mit der anschließenden Ermordung der Freier bis hin zur Wiedervereinigung mit seiner Frau Penelope und der daraus folgenden Wiedererlangung seiner Herrschaft über Ithaka.

3.2 Die Rolle des Chors

Eine der wohl wichtigsten Neuerungen im Vergleich zur Vorlage ist die Einführung der drei fragmentarischen Frauen, die mit „Knie“, „Schlüsselbein“ und „Handgelenk“ bezeichnet werden. Sie erfüllen formal gesehen die Funktion eines Chores, der allerdings nicht in Form von Chorliedern, sondern durch Kommentare, Bewertungen oder Berichte in Erscheinung tritt. Es wird Geschehen, welches nicht auf der Bühne gezeigt wird, in Form einer Mauerschau berichtet (so z.B. die Ermordung der Freier) oder es wird Geschehen gar vorweggenommen (z.B. die Wiedererkennung des Odysseus43 ).44 Die drei fragmentarischen Frauen sind nicht direkt Teil der dramatischen Handlung, sondern stehen außerhalb derselben. Sie besitzen zwar eine wohl engere Verbindung zu Penelope, ihre soziale Stellung bleibt aber unbekannt. Doch sie sind mehr als nur der epische Erzähler oder eine der Form des Dramas geschuldete Notwendigkeit, denn sie werden von Strauß explizit hinzugefügt und müssen daher auch gesondert betrachtet werden. Vielmehr erscheint es sinnvoll, den Chor hier als Vertreter des Volkes zu interpretieren, der in seiner körperlichen Verstümmelung die Zerrissenheit des Volkes repräsentieren soll. Ithaka ist erkennbar nicht gesund, sondern befindet sich in einer veritablen Krise.45

Die fragmentarischen Frauen treten stets nur in Kombination miteinander auf und niemals allein. D.h. die Geschichte, die durch sie erzählt wird, entsteht erst, wenn alle drei gemeinsam erzählen und somit das Bild des Ganzen sichtbar wird. Dadurch lassen die fragmentarischen Frauen in ihrer Zerstückelung die Vision eines ganzen Körpers aufscheinen und erwecken trotz ihrer Zerrissenheit den Eindruck des Ganzen.46 In dem Auftreten der fragmentarischen Frauen erscheint also eine Vision des Ganzen: Das kranke und zerrüttete Staats- und Gemeinwesen Ithakas, für das wiederum die fragmentarischen Frauen selbst stehen, scheint rettbar zu sein. Die einzelnen Bestandteile können wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden.

Das Geschehen des Dramas spielt sich in der Gegenwart vor den Augen des Zuschauers auf der Bühne ab. Diese durch das Drama künstlich geschaffene Gegenwärtigkeit der Handlung wird kontrastiert durch die epischen Erzählungen der fragmentarischen Frauen. Besonders deutlich wird dies z.B. an der Erzählung der „Argos-Episode“: Die drei fragmentarischen Frauen erzählen, wie Odysseus verkleidet als Bettler seinen Hof betritt und dabei von seinem Hund erkannt und begrüßt wird. Obwohl Odysseus in dieser Szene den Saal als Bettler gerade eben betritt und somit die Handlung sich in der Gegenwart abspielt, wird sie durch die fragmentarischen Frauen episch als Vergangenes erzählt. Somit wird die Gegenwart des Dramas als eine Imagination des Zuschauers ausgewiesen.47 „Nicht mehr, als höbe jemand den Kopf aus dem Buch des Homer und erblickte vor sich auf einer Bühne das lange Finale von Ithaka, wie er sich´s vorstellt“48 – so formuliert Strauß es in seinem Vorwort und setzt es dramatisch durch das Verschieben der Zeitebene um.

[...]


1 Vgl. u.a. Damm, Steffen (1998): Die Archäologie der Zeit. Geschichtsbeschreibung und Mythosrezeption in den jüngeren Texten von Botho Strauß. Opladen/Wiesbaden. oder Huller, Eva C. (2007): Griechisches Theater in Deutschland. Mythos und Tragödie bei Heiner Müller und Botho Strauß. Köln/Weimar/Wien.

2 Vgl. Strauß, Botho (1993): Anschwellender Bocksgesang. In: DER SPIEGEL. Ausgabe 6/1993. S. 205.

3 Vgl. Bürscher, Wolfgang (2013): Was vom Anschwellenden Bocksgesang übrig blieb. In: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article113162774/Was-vom-anschwellenden-Bocksgesang-uebrig-blieb.html [aufgerufen am 05.09.2017].

4 Vgl. Gutjahr, Ortrud (1998): „Mythos nach der Wiedervereinigung. Zu Christa Wolfs 'Medea. Stimmen' und Botho Strauß' 'Ithaka'.“ In: Ehrich-Haefeli, Verena u.a. (Hrsg.): Antiquitates Renatae. Deutsche und französische Beiträge zur Wirkung der Antike in der europäischen Literatur. Würzburg. S. 347.

5 Vgl. Damm (1998): S. 112.

6 Strauß, Botho (1999): Der Aufstand gegen die sekundäre Welt. Bemerkungen zu einer Ästhetik der Anwesenheit. München. S. 62.

7 Vgl. Damm (1998): S. 114.

8 Strauß, Botho (1999): Der Aufstand gegen die sekundäre Welt. Bemerkungen zu einer Ästhetik der Anwesenheit. München. S. 55.

9 Vgl. Huller (2007): S. 339.

10 Strauß (1999): S. 74.

11 Vgl. Damm (1998): S. 115.

12 Strauß (1999).: S. 74-75.

13 Ebd. S. 65.

14 Vgl. Huller (2007): S. 341.

15 Strauß (1999): S. 62.

16 Vgl. Damm (1998): S. 154.

17 Strauß (1998): S. 71.

18 Vgl. Huller (2007): S. 342.

19 Damm (1998): S. 149.

20 Vgl. Huller (2007): S. 344.

21 Strauß (1999): S. 63.

22 Vgl. Damm (1998): S. 164.

23 Strauß (1999): S. 64.

24 Ebd.: S. 63.

25 Damm (1998): S. 144.

26 Strauß (1999): S. 62.

27 Vgl. Huller (2007): S. 344.

28 Strauß (1999): S. 69.

29 Ebd.: S. 62.

30 Vgl. Huller (2007): S. 345.

31 Strauß (1999): S. 69.

32 Ebd.: S. 67.

33 Vgl. Ebd.: S. 66.

34 Vgl. Damm (1998): S. 175-176.

35 Braungart, Wolfgang (2000): „‘Blutige Reinigung.‘ ‚Ithaka‘ von Botho Strauß.“ In: Braungart, Wolfgang/Koch, Manfred (Hrsg.): Ästhetische und religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwende. III um 2000. Paderborn. S. 159-161.

36 Strauß (1999): S. 62.

37 Ebd.: S. 74.

38 Vgl. Damm (1998): S. 164-165.

39 Vgl. Huller (2007): S. 369.

40 Strauß, Botho (1996): Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee. München. S. 7.

41 Scheuer, Hans-Jürgen (1998): „‘Von der Gestalt der zukünftigen Tragödie wissen wir nichts‘. Zur Bearbeitungstendenz der dramatisierten Homer-Lektüre ‚Ithaka‘ von Botho Strauß“. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Band 81. München. S. 129.

42 Vgl. Strauß (1996): S. 7.

43 Vgl. Strauß (1996): S. 62-63.

44 Vgl. Stanzel, Karl-Heinz (1999): „Zeitgenössische Adaptionen der Odyssee bei Inge Merkel, Michael Köhlmeier und Botho Strauß.“ In: Hofmann, Heinz (Hrsg.): Antike Mythen in der europäischen Tradition. Tübingen. S. 77.

45 Vgl. Huller (2007): S. 371-772.

46 Vgl. Schößler, Franziska (2004): Augen-Blicke. Erinnerung, Zeit und Geschichte in Dramen der neunziger Jahre. Tübingen. S. 164-165.

47 Vgl. Schößler (2004): S. 165.

48 Strauß (1996): S. 7.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rückkehr des Mythos. Botho Strauß‘ Mythoskonzeption im "Anschwellenden Bocksgesang" und "Ithaka"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V489204
ISBN (eBook)
9783668948457
ISBN (Buch)
9783668948464
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rückkehr, mythos, botho, strauß‘, mythoskonzeption, anschwellenden, bocksgesang, ithaka
Arbeit zitieren
Andreas Schumacher (Autor), 2017, Die Rückkehr des Mythos. Botho Strauß‘ Mythoskonzeption im "Anschwellenden Bocksgesang" und "Ithaka", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489204

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