Geschriebene Sprache in den Neuen Medien. Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit in WhatsApp


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modell der konzeptionellen Mündlichkeit

3. Merkmale der WhatsApp-Kommunikation
3.1 Technische Voraussetzungen
3.2 Abgrenzung von Chat und SMS

4. Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit in WhatsApp
4.1 Zum Korpus
4.2 Untersuchung des Korpus
4.2.1 Planungsgrad
4.2.2 Dialogizität
4.2.3 Para- und nonverbale Ausdrücke
4.2.4 Morphophonemische Abweichungen
4.2.5 Syntaxabweichungen
4.2.6 Weniger elaborierte Syntax
4.2.7 Elemente aus Nicht-Standard-Varietäten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Mitte der neunziger Jahre hat das Internet seinen bis jetzt andauernden Siegeszug begonnen (vgl. Bader 2000, 9). Das Internet hat nicht nur dazu geführt, dass Informationen weltweit kostenlos und zu jeder Zeit verfügbar sind, sondern es hat auch zu neuen Formen der Kommunikation geführt. Chats, soziale Netzwerke oder Internetblogs sind nur ein paar von vielen Beispielen. Doch durch die Einführung das massentauglichen Smartphones hat die Kommunikation über das Internet einen weiteren Schub erfahren. So ist es nun für jeden Smartphonebesitzer möglich, zu jeder Zeit und an jedem Ort Daten über das Internet zu empfangen. Dies hat dazu geführt, dass E-Mail, Instant Messenger und Chats mit einer sehr geringen Nutzungshürde ausgestattet sind und durch ihre allgegenwärtige Verfügbarkeit „traditionellen“ Kommunikationsformen wie dem Brief in einem hohen Maße bereits den Rang abgelaufen haben. Gerade bei Jugendlichen hat das Smartphone eine besondere Relevanz entwickelt. Nach der JIM-Studie aus dem Jahre 2016 – eine großangelegte Studie über das Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen – besitzen ganze 95% aller Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren heutzutage ein eigenes Smartphone. Und 92% nutzen ihr Smartphone täglich.1

Vor allem der Chat hat durch das Smartphone einen großen Aufschwung erfahren und ist zu dem meistgebrauchten Übertragungsmedium von Nachrichten und Mitteilungen geworden (vgl. Ebd.). In diesem Zusammenhang muss man vor allem auf WhatsApp hinweisen. WhatsApp hat innerhalb von vier Jahren die Anzahl seiner Nutzer von 200 Millionen auf 1,3 Milliarden mehr als versechsfacht,2 die täglich mehrere Milliarden an Nachrichten verschicken. So spielen auch Jugendliche hier wieder eine besondere Rolle. Rund 95% der Jugendlichen benutzen WhatsApp gemäß der bereits aufgeführten JIM-Studie mehrmals täglich – und das bereits ab einem Alter von 12 Jahren. All das macht es besonders deutlich, dass Kommunikation via Internet und WhatsApp aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist und eine große Rolle in unserer sprachlichen Kommunikation spielt.

Dies hat dazu geführt, dass sich auch die Sprachwissenschaft zunehmend mit diesem Thema auseinandersetzen muss. So erschienen in den letzten Jahren zahlreiche Arbeiten und Untersuchungen zum Thema E-Mail, SMS oder Chats. Das Medium WhatsApp hingegen ist noch vergleichsweise gering repräsentiert (vgl. Dürscheid/Frick 2014, 150). Dies liegt daran, dass die technische Entwicklung in den letzten Jahren ein schnelles Tempo angenommen hat und die wissenschaftliche Forschung nur bedingt schritthalten kann.

Diese Arbeit soll sich deshalb der WhatsApp-Kommunikation widmen, da eine Untersuchung der smartphonebasierten Kommunikation via WhatsApp unter linguistischen Gesichtspunkten lohnenswert erscheint. Dazu wird zu Beginn der Arbeit das Modell der konzeptionellen Mündlichkeit von Peter Koch und Wulf Oesterreicher vorgestellt, welches eine Unterscheidung zwischen der Sprache der Nähe und der Sprache der Distanz vornimmt. Ziel dieser Arbeit soll es sein, Merkmale dieser Sprache der Nähe, bzw. der konzeptionellen Mündlichkeit in der WhatsApp-Kommunikation nachzuweisen und die Frage zu beantworten, inwieweit WhatsApp der konzeptionellen Mündlichkeit zugeordnet werden kann. Dazu wird vor dem eigentlichen empirischen Teil noch ein weiterer theoretischer Teil vorgeschalten, der die technischen Voraussetzungen von WhatsApp erklärt und die Merkmale von Chats definiert, anhand derer dann der Korpus untersucht werden soll. Anschließend folgt die linguistische Analyse mehrerer WhatsApp-Gespräche, bei der die linguistischen Besonderheiten der WhatsApp-Kommunikation herausgearbeitet werden sollen. Das abschließende Fazit soll Auskunft darüber geben, ob die Anwendbarkeit des Modells von Koch/Oesterreicher auf die WhatsApp-Kommunikation gegeben oder ob eine Anpassung von Nöten ist.

2. Modell der konzeptionellen Mündlichkeit

Sprachliche Äußerungen können klassisch betrachtet mit den Termini „gesprochen“, also mündlich, und „geschrieben“, also schriftlich, beschrieben werden. Somit werden diese sprachlichen Äußerungen entweder in Form von Lauten (phonisch) oder in der Form von Schriftzeichen jeglicher Art (graphisch) realisiert. Doch bei dieser Form der Unterscheidung trifft man schnell auf eine Grenze, da diese Kategorien nicht immer eindeutig zuordenbar sind. So ist zum Beispiel eine Rede vor einem Publikum zwar mündlich vorgetragen, aber bereits im Vorfeld schriftlich vorformuliert worden und wird in aller Regel nur noch abgelesen. Es wird also ein geschriebener Text phonisch realisiert. Umgekehrt gilt dies natürlich genauso. So realisiert eine Sprechblase in einem Comic eine gesprochene Äußerung graphisch.

Da man also mit den gewöhnlichen Termini die Realität nicht vollends beschreiben kann, unterscheidet Ludwig Söll zwischen dem Medium und der Konzeption (vgl. Koch/Oesterreicher 1985, 17). Das Medium beschreibt die Realisierungsform, welche entweder phonisch oder graphisch erfolgen kann. Die Konzeption wiederum gibt die kommunikative Strategie wieder. Diese unterscheidet man zwischen gesprochen und geschrieben. Daraus ergeben sich die vier folgenden Kombinationen: Gesprochen und phonisch (ein vertrautes Gespräch), gesprochen und graphisch (Zeitungsinterview), geschrieben und graphisch (Gesetzestext) und geschrieben und phonisch (vorformulierte Rede), wobei zwischen gesprochen und phonisch, bzw. zwischen geschrieben und graphisch natürlicherweise eine gewisse Affinität und Zugehörigkeit vorhanden ist.

Auf diesem Modell von Ludwig Söll bauen Peter Koch und Wulf Oesterreicher ihr Modell auf. Sie kritisieren, dass terminologische und begriffliche Widersprüche bei den Termini „gesprochener“ vs. „geschriebener Sprache“ und verwenden stattdessen die Begriffe „Mündlichkeit“ und „Schriftlichkeit“ (vgl. Koch/Oesterreicher 2007, 348). Diese beiden Begriff werden ebenfalls nach dem Medium und der Konzeption unterschieden. Somit ergeben sich wiederum vier voneinander unterscheidbare Kategorien: Mediale Mündlichkeit und mediale Schriftlichkeit, bzw. konzeptionelle Mündlichkeit und konzeptionelle Schriftlichkeit. Das Medium beziehen sie wie Ludwig Söll auf die Realisationsform der Äußerung (phonisch/graphisch) und die Konzeption auf die gewählte Ausdrucksweise (gesprochen/geschrieben) (vgl. Koch/Oesterreicher 1985, 17).

Eine weitere Weiterentwicklung und Konkretisierung des Modells nehmen Peter Koch und Wulf Oesterreicher vor. Während das Medium in einer Dichotomie zueinander steht, ist die Konzeption als ein Kontinuum zu denken. Das bedeutet, dass die Konzeptionsformen „gesprochen“ und „geschrieben“ als Pole zu denken sind, zwischen denen sich die verschiedenen Kommunikationsformen graduell einsortieren lassen (vgl. Koch/Oesterreicher 2007, 348). So lassen sich beispielsweise das spontane Gespräch unter Freunden ziemlich nah am Pol der konzeptionellen Mündlichkeit und der Gesetzestext ziemlich nah am Pol der konzeptionellen Schriftlichkeit einsortieren. Ein Fernsehinterview wiederum ist näher am Pol der Mündlichkeit, als ein wissenschaftlicher Vortrag, obwohl beide phonisch realisiert werden. Und ein privater Brief zwischen Freunden ist eher dem Pol der Mündlichkeit zugeordnet, wohingegen ein Leitartikel in einer Zeitung eher dem Pol der Schriftlichkeit zugeordnet ist. Die Begriffe „gesprochen“ und „geschrieben“ werden also als konzeptionelle Größe medial entkoppelt und verlieren dadurch ihre mediale Basis (vgl. Ebd., 350).

Um die verschiedenen Kommunikationsformen graduell unterscheiden zu können, verwenden Peter Koch und Wulf Oesterreicher kommunikative Parameter. Kommunikative Parameter sind zum Beispiel das soziale Verhältnis und die Anzahl der Kommunikationspartner, die räumliche und zeitliche Situierung, Sprecherwechsel, Themafixierung, Öffentlichkeitsgrad, Spontanität und Beteiligung (vgl. Koch/Oesterreicher 1985, 19). Aus diesen Kommunikationsparametern heraus werden die beiden Pole der kommunikativen Nähe und der kommunikativen Distanz zugeordnet. Die kommunikative Nähe ist durch eine Vertrautheit, raum-zeitliche Nähe, Dialogizität und durch eine Spontaneität gekennzeichnet. Dem gegenüber zeichnet sich die kommunikative Distanz durch Öffentlichkeit, raum-zeitliche Distanz und Monologizität aus (Koch/Oesterreicher 2007, 351).

Hieraus ergibt sich folgendes Modell:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Nähe-/Distanz Kontinuum nach Koch/Oesterreicher

Dieses Modell von Koch/Oesterreicher ist mittlerweile weitestgehend anerkannt und es besteht größtenteils Konsens darüber, dass das Modell „den Status einer Grundlage [hat], auf die man sich unbesorgt berufen kann.“ (Henning 2001, 219). Doch es gibt auch Kritik an dem Modell. So kritisiert Christa Dürscheid, dass der Medienbegriff, den Peter Koch und Wulf Oesterreicher benutzen, nicht mehr zeitgemäß sei. Dies sei vor allem dem Aufkommen neuer Kommunikationsformen – wie zum Beispiel dem Chat – geschuldet. So haben neben dem Zeichensystem (graphisch/phonemisch) auch das Medium (z.B. das Handy) oder die Kommunikationsform (z.B. Chat) einen Einfluss auf die Wahl der sprachlichen Ausdrucksmittel (vgl. Dürscheid 2003, 38f.). In einem 2007 erschienenen Artikel äußern sich Koch/Oesterreicher zu der Kritik. Sie führen an, dass man zwischen Medien, also der Phonie und der Graphie, und dem technischen Speicher- und Übertragungsmedium unterscheiden muss. So bauen letzten Endes auch die modernsten Geräte wie das Telefon oder das Internet entweder auf dem akustischen Prinzip der Phonie oder dem visuellen Prinzip der Graphie auf und können somit unter die vorgestellten Kategorien subsummiert werden (vgl. Koch/Oesterreicher 2007, 359).

3. Merkmale der WhatsApp-Kommunikation

Im folgenden Kapitel soll in einem ersten Schritt ein Überblick über die technischen Voraussetzungen der WhatsApp-Kommunikation und eine kurze Einführung über die Anwendung selbst gegeben werden. Anschließend wird die WhatsApp-Kommunikation von der Kommunikation via SMS und via Chat abgegrenzt, damit der Untersuchungsrahmen klar vorgegeben werden kann.

3.1 Technische Voraussetzungen

Der Name „WhatsApp“ leitet sich aus einem Wortspiel ab: Es ist zusammengesetzt aus dem englischen „What´s up?“ (was so viel bedeutet wie „Na, wie geht´s?) und dem ebenfalls englischen Wort „Application“, welches ein Überbegriff für die auf Smartphones installierbaren Anwendungen darstellt (vgl. Dürscheid/Frick 2014, 162). WhatsApp ist also ein plattformübergreifendes Programm, welches als Applikation auf das Smartphone geladen wird, zum kostenlosen Austausch von Nachrichten, d.h. unabhängig vom Hersteller des Smartphones kann mit ein und derselben Anwendung miteinander kommuniziert werden (vgl. Ebd.). Es ist nur die Mobilfunknummer und die installierte Anwendung von Nöten, damit man miteinander kommunizieren kann. Kostenlos ist die Kommunikation aber nur bedingt, da der Netzanbieter natürlich eine Gebühr für die Internetnutzung erhebt. Zwar hat WhatsApp mal eine eigene Gebühr von ca. einem Euro pro Jahr eingeführt, aber seit der Übernahme im Jahre 2014 durch Facebook ist die Nutzung von WhatsApp wieder kostenlos.3 Dies impliziert eine entscheidende Voraussetzung für die Kommunikation via WhatsApp. Es ist eine funktionierende Verbindung mit dem Internet notwendig. Hierin liegt auch die Erfolgsgeschichte von WhatsApp. Die Anwendung ist relativ intuitiv, kostengünstig und ohne Werbeeinblendungen zu bedienen (vgl. Ebd.).

WhatsApp wird der sogenannten „Keyboard-to-Screen“-Kommunikation zugeordnet, d.h. es ist eine Tastatur zur Eingabe des Textes notwendig und ein Bildschirm zum Lesen der Nachricht (vgl. Ebd., 152). Nachdem ein Gesprächspartner eine Nachricht abgesendet hat, erscheint ein grauer Hacken, wenn die Nachricht auf dem Smartphone des Gegenübers empfangen wurde, so erscheint ein zweiter, kleiner grauer Hacken und sobald die Nachricht gelesen wurde, färben sich beide Hacken in blau. Zur besseren Anschaulichkeit betrachte man folgende Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Screenshot eines typischen WhatsApp-Dialogs

Auf dieser Abbildung sieht man das typische Design eines WhatsApp-Dialogs. Der Empfänger (weiß hinterlegte Sprechblase) hat die Nachricht des Absenders (grün hinterlegte Sprechblase) bereits gelesen, eine Antwort ist nicht erfolgt. Mithilfe der Tastatur kann eine Nachricht in das weiße Feld getippt werden. Links in diesem weißen Feld befindet sich die Auswahl der Smileys, mithilfe der Büroklammer kann ein Anhang verschickt werden und das Symbol rechts daneben lässt einen direkt zur Handykamera gelangen. Mithilfe des grünen Buttons daneben kann man relativ simpel durch ein Gedrückt-halten Sprachnachrichten aufnehmen und verschicken. Hier offenbart sich eine weitere Eigenschaft von WhatsApp. WhatsApp ermöglicht eine multimediale Kommunikation aus Text, Bildern, Videos, Sprachnachrichten, Emoticons und diversen Dateianhängen (vgl. Arens 2014, 82.) Doch dies sei nur am Rande erwähnt, denn in dieser Arbeit soll es sich allein um die Kommunikation mit getipptem Text und Emoticons drehen.

[...]


1 Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2016): JIM-Studie 2016. Jugend, Information, Multimedia. Link: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2016/JIM_Studie_2016.pdf [abgerufen am 12.09.2017].

2 Statista (2017): Anzahl der monatlich aktiven Nutzer von WhatsApp weltweit in ausgewählten Monaten von April 2013 bis Juli 2017. Link: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/285230/umfrage/aktive-nutzer-von-whatsapp-weltweit/ [abgerufen am 12.09.2017].

3 Vgl. tagesschau (2014): Facebook übernimmt WhatsApp. Link: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/facebook460.html [aufgerufen am 13.09.2017].

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Geschriebene Sprache in den Neuen Medien. Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit in WhatsApp
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V489207
ISBN (eBook)
9783668971295
ISBN (Buch)
9783668971301
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschriebene, sprache, neuen, medien, merkmale, mündlichkeit, whatsapp
Arbeit zitieren
Andreas Schumacher (Autor), 2017, Geschriebene Sprache in den Neuen Medien. Merkmale der konzeptionellen Mündlichkeit in WhatsApp, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/489207

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